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Brutus
17.07.2013, 17:10
^^ Sehe ich genauso! Laut DÄ sind in Frankreich 11 (!) Patienten nach Einnahme verstorben.
Andererseits stiegen die Verordnungen von Tetrazepam in den letzten Jahren an und lagen zuletzt bei 22,7 Millionen DDD (Arzneiverordnungs-Report 2012).
Ich bin mir nicht sicher, aber da dürfte das Verhältnis bei Metamizol deutlich schlechter aussehen...

Gerade gefunden:

Trotz dieser Indikationseinschränkungen verzehnfachte sich die Zahl der Metamizolverordnungen in Deutschland im ambulanten Bereich von circa zehn Millionen Tagesdosen im Jahr 1990 auf mehr als 110 Millionen im Jahr 2009 (3). Auch im stationären Bereich wird Metamizol häufig eingesetzt, wobei hierzu jedoch keine Verordnungszahlen vorliegen. Parallel zur Zunahme der Verordnungen ist in diesem Zeitraum eine Zunahme der Spontanmeldungen von Agranulozytosen durch Metamizol zu verzeichnen. Während 1990 noch weniger als zehn Fälle berichtet wurden, lag die Zahl der Meldungen in den letzten Jahren im Durchschnitt bei über 30 pro Jahr. Insgesamt sind zwischen 1990 und 2010 etwa 300 Fälle von Agranulozytosen im Zusammenhang mit Metamizol gemeldet worden, mit einem tödlichen Ausgang in etwa 20 Prozent der Fälle. Der große Anteil von letalen Verläufen ist wahrscheinlich auf einen sogenannten Reporting Bias zurückzuführen, da schwer beziehungsweise tödlich verlaufende Fälle eher als unkomplizierte Verläufe gemeldet werden.

Peter_1
17.07.2013, 17:33
@ Miss Garfield, da bin ich ja mal gespannt welche Fachgruppen Du meinst :)
http://www.versorgungsleitlinien.de/themen/kreuzschmerz/nvl_ks/impressum
da kannst Du nachlesen wer daran beteiligt ist, wird recht schwierig da irgendwie Einseitigkeit vorzuwerfen :)
Individuelle Wirksamkeitsbeobachtungen ohne Kontrollgruppe und mit Mischmedikation sind schön und gut, im Zweifel würde ich doch die guten alten randomisierten kontrollierten Studien und Metaanalysen vorziehen.

@Evil:
AT Und Arzneimitttelbrief arbeiten nach den Kriterien der evidenzbasierte Medizin, was ist daran auf einmal schlecht, bzw. zu kritisieren? Die Begründungen sind transparent nachvollziehbar. Die Tatsache, dass neue Arzneimittel häufiger mal schlecht wegkommen liegt einfach daran, dass diese häufiger auch mal schlecht sind (siehe die zig Marktrückrufe bei neueren Antidiabetika in der Vergangenheit!), oder aber eben noch zu wenig Daten vorliegen um sie unbegrenzt empfehlen zu können.

@Brutus:
schlimmer geht immer, keine Frage (aber auch keine Argumentationsgrundlage), der Unterschied ist nur: Novalgin wirkt wenigstens, für Muskelrelaxantien sieht die Evidenz gegenüber Placebo dürftig aus.

Lava
17.07.2013, 18:57
OK, soweit zur Lumbago. Wie siehts bei HWS Distorsion oder gar Schiefhals aus? :-nix

MissGarfield83
17.07.2013, 18:57
Also es ist ja schon ne Tatsache, dass sich die Versorgung des unsp. Rückenschmerzes durch die Versorgungsleitlinie immer mehr aus dem fachärztlichen orthopädischen Bereich in den hausärztlichen Bereich verlagert und die Patienten erst wieder zum Facharzt geraten wenn der Schmerz doch nicht zu beherrschen oder sogar chronifiziert ist. Habe leider genug Beispiele gesehen.
Mal abgesehen davon ob es den unspez. Rückenschmerz überhaupt gibt, was aber hauptsächlich ne fachbezogene Definitionssache ist , gehören diese Patienten frühzeitig zum Facharzt.

EBM in allen Ehren, aber leider besteht galt viel in der Medizin aus Erfahrung. Was dem Patienten hilft und was ihn vor weiterer Odyssee bewahrt ist oft genug nicht Leitliniengerecht. Ich wäre auch für eine statistische Untermauerung - aber wenn der Patient schmerzfrei und zufrieden ist - dann ist m.E. ein Abweichen von der Leitlinie mehr als gerechtfertigt. Ein leitliniengerecht Behandelter und daraus resultierender chronischer Schmerzpatient hilft keinem. Ich wünschte es wäre so dass man Patienten immer n ein Schema pressen könnte um ihn suffizient zu behandeln ... aber leider ist vieles Erfahrung :-(

@Lava : Torticollis -> Baclofen - leider off-label

Peter_1
17.07.2013, 19:40
Liebe Miss Garfield:
erst mal eine Frage wie viele Jahre klinische Erfahrung in der ambulanten Medizin als Ärztin hast Du denn?

Dann zu deinem Einwand mit dem Spezialisten, schon mal darüber nachgedacht, dass der Spezialist Fälle sieht, bei denen eben mit höherer Wahrscheinlichkeit kein unspezifischer Rückenschmerz vorliegt?
Daraus abzuleiten alle Rückenschmerzpatienten gehören sofort zum Spezialisten ist natürlich Unsinn, die meisten Rückenschmerzepisoden in der ambulanten Medizin sind wirklich und ganz ehrlich unspezifisch. Sinn einer solchen Leitlinie ist ja gerade auf der einen Seite keine schädliche Überdiagnostik zu betreiben (jeden Rückenschmerz durchs CT wird mehr Schaden anrichten als ein abgestuftes Vorgehen, auch den Rücken einer 25 j. Frau mit kurzer unspez. Rückenschmerzenanamnese konventionell zu röntgen, wie immer wieder praktiziert, ist letztlich ein unnötiger Schaden) und auf der anderen Seite keine abwendbar gefährlichen Verläufe zu übersehen.
Ein plastisches Beispiel: Der Onkologe sieht wahrscheinlich einige Patienten mit Knochenmetastasen und Rückenschmerzen (mit Sicherheit auch einige die wochenlang bei Orthopäden behandelt wurden), gehören deswegen alle Pateinten mit Rückenschmerz zum Onkologen?
Eine weitere Täuschung: die eigenen Fehler sieht man selten (auch der Spezialist nicht), sondern meist der weiterbehandelnde Kollege (oder das Krankenhaus), wenn man ein wenig kurz denkt, dann könnte man so den Eindruck bekommen, dass die eigene Fachrichtung, oder das eigene Können unschlagbar ist, weil man ja immer nur die Fehler der anderen mitbekommt.

Dann: Du hast gesagt die NVL wäre irgendwie einseitig, Tatsache ist: an ihr waren alle relevanten Fachgesellschaften beteiligt, es ist keine allgemeinmedizinische Leitlinie! Da kann man auch weiterhin einfach schlecht behaupten diese sei einseitig!

Zum Thema EBM und Erfahrung im Abschluss, ja natürlich ist beides notwendig und schematisches Abarbeiten von Leitlinien wird vielen nicht gerecht (wenn wir das immer machen würden, dann würde sich der durchschnittliche multimorbide 80j. Patient nur noch von Pillen ernähren und 7 Arzttermine pro Woche haben).
Die Kunst ist ein evidenzbasiertes und leitlinienbasiertes Fundament zu haben, aber natürlich das Gehirn anzuschalten, den Patienten und die ärztliche Erfahrung einzubeziehen und auch begründet von Leitlinien abzuweichen. EbM strikt nach Schema kann nur unsinnig sein, so wird sie aber auch von ihren Befürwortern nicht verstanden.

EDIT: ein fehlendes nicht ergänzt.

Evil
17.07.2013, 20:01
@Evil:
AT Und Arzneimitttelbrief arbeiten nach den Kriterien der evidenzbasierte Medizin, was ist daran auf einmal schlecht, bzw. zu kritisieren? Die Begründungen sind transparent nachvollziehbar. Die Tatsache, dass neue Arzneimittel häufiger mal schlecht wegkommen liegt einfach daran, dass diese häufiger auch mal schlecht sind (siehe die zig Marktrückrufe bei neueren Antidiabetika in der Vergangenheit!), oder aber eben noch zu wenig Daten vorliegen um sie unbegrenzt empfehlen zu können.
EBM ist aber nicht eindeutig, wie Du selber weißt, und Statistiken müssen interpretiert werden. Da ist es schon auffällig, daß Bewertungen fast grundsätzlich gegen neue Medikamente ausfallen.
Abgesehen davon fällt insbesondere beim Telegramm überdeutlich die "wir aufrechten Streiter gegen die böse Pharmaindustrie"-Attitüde auf, was ich für fast schon unseriöse Einseitigkeit halte.

Nicht daß wir uns falsch verstehen: ich verordne neue Medikamente sehr zurückhaltend und weiß, daß die Pharmaindustrie mit enormem Druck Neuigkeiten vermarktet (aktuell: Priligy), aber mit der alles-Neue-ist-erstmal-böse-Einstellung tut man sich keinen Gefällen.

MissGarfield83
17.07.2013, 20:46
@peter : Sicher habe ich nicht viel klinische Erfahrung - 7 Famulaturen, Hospitationen, Blockpraktika usw. und doch bin ich noch sehr weit von dem entfernt was ich mir später mal für mich vorstelle und von dem Wissen das ich einmal haben möchte. Ich habe in meiner ersten Famulatur schon die Erkenntniss gehabt dass Lehrbuchwissen bzw theoretisches Wissen gut und schön ist, aber man oft genug eine Bauchlandung damit erleidet, denn der Mensch ist nur selten das Modell zu dem er in Leitlinien gemacht wird.

Dass Leitlinien immer einen Minimalkonsens unterschiedlichster Interessengruppen und ihrer Pfründe darstellen kannst du auch nicht verneinen. Ich sage nicht dass die Fachgruppe der Orthopäden & Unfallchirurgen unfehlbar ist, was eine bestimmte Gruppe von Erkrankungen betrifft - ich sage eher dass sie sich damit vielleicht doch etwas besser auskennt als der Rest - allein weil sie halt m ehr muskuloskelettale Erkrankungen behandelt als die meisten.

Ich sage auch dass die NVL dazu führt, dass die Behandlung des Rückenschmerzes sich immer mehr in die Hände des Hausarztes verschiebt und ich weiss auch das ein großer Teil unspezifischer Rückenschmerzen auch gut zu behandeln ist. Die meisten sind mit Analgesie und einer Arbeitspause in den Griff zu kriegen. Nur dann sehe ich durchaus durch Famulaturen und Praktika im hausärztlichen Bereich auch diejenigen die chronifizieren - wo dann ob eines MRTs Diagnosen gestellt werden die vielleicht auch einfach eher radiologische Diagnosen sind und wo die Ursache des chronischen Schmerzes doch z.B. nicht die vermeintliche Spinalkanalstenose, sondern andere Faktoren sind, aber mal munter die Spinalkanalstenose als Erkrankungsentität behandelt wird und der Patient doch nicht suffizient behandelt ist. Ich habe in meiner bisher kurzen klinischen Laufbahn doch so einige Fälle gesehen, die beim Hausarzt bleiben und dort durch nicht leitliniengerechte Therapie bzw. frühzeitige Überweisung an einen Facharzt chronifizierten und sich irgendwann nur noch um ihre Berentung Sorgen machten.

Ich sehe das wie du - man sollte nicht stur Leitlinien abarbeiten, man sollte seinen eigenen Kopf einsetzen. Leider gibt es halt für manche Behandlungsoptionen wenig bis gar keine Evidenz, da die Studien entweder nicht existieren, bescheiden sind oder im Vergleich einfach keine Signifikanz zeigen - man aber die Erfahrung gemacht hat, dass sie manchen Patienten durchaus helfen kann. Ich sage nicht dass ich den Stein der Weisen in der Behandlung des Rückenschmerzes hätte - denn dann würde ich sicherlich nach dem Facharzt eine gutgehende Privatpraxis haben und für das Ende meines Lebens ausgesorgt haben. Ich sage nur , auch wenn wenig Evidenz da ist hat die Kombi von Orthoton mit 2 Analgetika und einem Antiemetikum dazu geführt dass ich die Patienten aus der Ambulanz laufend verabschiedet habe und sie auch im laufe der Nacht nicht wieder hereingeschneit sind.

Wichtig ist oft einfach die suffiziente Analgesie - wobei ich da irgendwie etwas großzügiger bin, da ich eine chronifizierte Schmerzpatientin in der Familie habe. Das Relaxans ist eher eine supportive Maßnahme - die nicht viel schadet, jedenfalls wenn man Orthoton verwendet. Bisher hatten meine ausbildenden Ärzte relativ wenig Einwände gegen diesen Medikamentenvorschlag, sondern lobten es wenn es funktionierte oder schlugen die Kombination vor mit der sie beste Erfahrungen gemacht haben ( z.b. Dexa+Tramadol + MCP o.ä.). Interessant dabei ist, dass man ja eigentlich anzeigen muss, wenn man mehrere dieser Medis mischt da man rechtlich ja ein neues Arzneimittel herstellt - wusste ich bis vor kurzem auch nicht.

Es geht bei der Anwendung von Orthoton ja darum dem Patienten kurzfristig zu helfen - längerfristig bei persistierendem Schmerz wäre vielleicht ein Schmerzkonsil angebracht, wenn halt keine zu behebende Pathologie bzw behebbare Pathologie gefunden wird. Leider sind die Kollegen mit der Bezeichnung spezielle Schmerztherapie doch recht selten. Jedenfalls würde ich jemanden fragen der sich damit auskennt bevor ich anfange zur Basisanalgesie mit Trizyklika, Lyrica o.ä. um mich zu schmeissen.

Ich lerne gerne dazu - wenn du etwas hast was dem Patienten besser hilft - dann zeig es mir bitte. Ich würde mich darüber freuen.

Edit : Ergänzungen die mein Laptop gefressen hatte ..

dantheg
17.07.2013, 22:07
Diese ganze Debatte verfolge ich leicht peripher denn hier benutzte ich gern kurzzeitig Flexeril (Zyklobenzaprin), gibts glaube ich in Deutschland nicht. Baclofen wirkt aber auch ok und falls der Patient wirklich leidet kann man ja für eine kurze Zeit Valium geben (wenns so schlimm ist dann meist in Verbindung mit Opiaten). Generell sollte man evidenzbasierte Leitlinien beachten und nur bei wirklich guter Begründung verlassen. Obwohl man glaubt, der Patient der gerade vor einem sitzt sei irgendwie besonders oder nicht in den Leitlinien erfasst, die allermeiste Zeit ist er es und man schadet eher dem Patienten wenn man nicht leitliniengerecht behandelt.


Die meisten sind mit Analgesie und einer Arbeitspause in den Griff zu kriegen.

Wenn man Schmerz mit Arbeit vermischt kommen meist erst richtig die Probleme ... die Arbeitspause sollte so gering wie möglich wenn überhaupt ausfallen. Besser als eine Arbeitspause ist es, die Arbeit kurzzeitig weniger belastend zu machen - etwa halbtags oder wenn einer etwa im Lager arbeitet dann dass er eine andere Tätigkeit für ne Woche macht. Klar, kann man nicht bei jeder Stelle machen aber ist besser als eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für eine Woche auszustellen.


Es geht bei der Anwendung von Orthoton ja darum dem Patienten kurzfristig zu helfen - längerfristig bei persistierendem Schmerz wäre vielleicht ein Schmerzkonsil angebracht, wenn halt keine zu behebende Pathologie bzw behebbare Pathologie gefunden wird. Leider sind die Kollegen mit der Bezeichnung spezielle Schmerztherapie doch recht selten. Jedenfalls würde ich jemanden fragen der sich damit auskennt bevor ich anfange zur Basisanalgesie mit Trizyklika, Lyrica o.ä. um mich zu schmeissen.

Leider ist meine Erfahrung die dass Schmerztherapeuten sehr angriffslustig sind mit verschiedenen Injektionen usw und eher zur Chronifizierung beitragen. Die Behandlung von chronischen Rückenschmerzen bleibt also in meinen Augen Aufgabe von Allgemeinärzten, da können die Spezialisten, außer bei echter Indikation, zu viel kaputtmachen. Aber beispielsweise wenn einer eine Indikation für ein Trizyklikum hat, warum nicht? Sie sind von den Nebenwirkungen abgesehen recht gut für chronische Schmerzen.

abcd
17.07.2013, 23:20
ok wenn hier alle von Leitlinien reden..
Sowohl die LL zervikale Radikulopathie als auch lumbale Radikulopathie der DGN, sagt zu Muskelrelaxantien, kann additiv kurzfristig eingesetzt werden (muss aber nicht und muss auch nicht unbedingt besser sein als ohne). Stur einfach dazugeben würde ich sie nicht, sonderen es vom entsprechenden Patienten abhängig machen.

Peter_1
18.07.2013, 07:27
@peter : Sicher habe ich nicht viel klinische Erfahrung - 7 Famulaturen, Hospitationen, Blockpraktika usw. und doch bin ich noch sehr weit von dem entfernt was ich mir später mal für mich vorstelle und von dem Wissen das ich einmal haben möchte. ..
Liebe Miss Garfield, dafür lehnst du dich dann aber weit aus dem Fenster in der Beurteilung... Ein wenig kleinere Brötchen backen ist gerade am Anfang nicht verkehrt (später auch nicht).



Ich sage auch dass die NVL dazu führt, dass die Behandlung des Rückenschmerzes sich immer mehr in die Hände des Hausarztes verschiebt und ich weiss auch das ein großer Teil unspezifischer Rückenschmerzen auch gut zu behandeln ist. Die meisten sind mit Analgesie und einer Arbeitspause in den Griff zu kriegen. Nur dann sehe ich durchaus durch Famulaturen und Praktika im hausärztlichen Bereich auch diejenigen die chronifizieren - wo dann ob eines MRTs Diagnosen gestellt werden die vielleicht auch einfach eher radiologische Diagnosen sind und wo die Ursache des chronischen Schmerzes doch z.B. nicht die vermeintliche Spinalkanalstenose, sondern andere Faktoren sind, aber mal munter die Spinalkanalstenose als Erkrankungsentität behandelt wird und der Patient doch nicht suffizient behandelt ist. Ich habe in meiner bisher kurzen klinischen Laufbahn doch so einige Fälle gesehen, die beim Hausarzt bleiben und dort durch nicht leitliniengerechte Therapie bzw. frühzeitige Überweisung an einen Facharzt chronifizierten und sich irgendwann nur noch um ihre Berentung Sorgen machten...
Die Behandlung von "Bilddiagnosen" mit Injektionen usw. ist eigentlich eine Spezialität der von dir so gepriesenen Orthopäden. Ich staune weiterhin was Du schon so für Fälle gesehen hast in Deiner Laufbahn und so einseitig (wie lange hast Du denn beim Hausarzt famuliert? 4 Wochen?), Berentungen und Chronifizierungen durch eine einseitig körperliche Erklärung kommen ja bei Orthopäden meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht vor... Weiterhin schreibst Du selber entgegen den Empfehlungen der, ja ich sage es mal wieder das böse Wort "evidenzbasierten Leitlinie" : wie wichtig die AU sei, dabei ist es wichtig die AU wenn überhaupt, dann so kurz wie möglich zu gestalten...



Wichtig ist oft einfach die suffiziente Analgesie - wobei ich da irgendwie etwas großzügiger bin, da ich eine chronifizierte Schmerzpatientin in der Familie habe. ...

Dafür dass Du noch studierst interessant, dass Du da so viele Fälle behandelt hast. Ich hatte in Deinem Stadium noch nicht so wirklich viel Erfahrung...



Es geht bei der Anwendung von Orthoton ja darum dem Patienten kurzfristig zu helfen - längerfristig bei persistierendem Schmerz wäre vielleicht ein Schmerzkonsil angebracht, wenn halt keine zu behebende Pathologie bzw behebbare Pathologie gefunden wird. Leider sind die Kollegen mit der Bezeichnung spezielle Schmerztherapie doch recht selten. Jedenfalls würde ich jemanden fragen der sich damit auskennt bevor ich anfange zur Basisanalgesie mit Trizyklika, Lyrica o.ä. um mich zu schmeissen....

Wenn ich Du wäre, dann würde ich auch fragen :), ohne Spass: ich tue es in ausgewählten Fällen auch, auch wenn die Erfahrung zeigt, dass gerade beim Rückenschmerz häufig Patienten zurückkommen nach diversen invasiven Prozeduren und mit ausgedehnter Medikation und haben genausoviele Schmerzen wie vorher, dazu aber noch diverse Nebenwirkungen ihrer neuen Medikamente, aber niemand hat über die Gutartigkeit und die Wichtigkeit von Bewegung, Kräftigung der Rückenmuskulatur usw. aufklärt.

MissGarfield83
18.07.2013, 07:38
@dantheq : Dass man den Patienten nicht einfach mal unreflektiert ne Woche krank schreibt sollte ja irgendwie klar sein. Dass auch ein Gespräch zur Reduzierung der Arbeitsbelastung bzw. Weiteren Prävention von Rückenschmerzen und des in Bewegung bleibens dazu gehört und man immer so kurz wie möglich, wenn über haupt nötig krank schreibt um Krankheitsgewinne zu vermeiden hatte ich mal vorraus gesetzt.

Wie behandelst du am besten das Compliance Problem bei Trizyklika bzw generell Coanalgetika? Warum bist du der Meinung dass z.b. Facettengelenksinfiltrationen die Situation eher verschlimmbessern?

Sorry für OT :-)

@Peter : Ich versuche es ja durchaus besser zu machen, als die von dir angesprochenen Orthopäden. Du hast sicher recht, wenn du sagst dass mir die klinische Erfahrung noch fehlt, aber genau da arbeite ich dran. Man kriegt sicher eine auf die ein oder andere Weise eingeschränktes Blickfeld wenn man sich früh auf eine gewisse Disziplin einschießt , da hast du ebenfalls recht. Ich finde es nur schade dass ich nur weil ich Studentin bin nicht ernst genommen werde - jedenfalls hier. In Famus und Hospitationen sieht es durchaus anders aus. Ich versuche halt das zu lernen und selbst zu machen was ich später brauche - denn es wird ja in gewisser Weise vorrausgesetzt. Da ist es besser das unter Aufsicht zu üben als später Jugend forscht am Patienten zu spielen. Ich kenne meine Grenzen und versuche diese beständig zu erweitern. Also tu mich bitte nicht als blöde Studentin ab die sich zu weit aus dem Fenster lehnt - auch wenn ich zu gebe dass meine Beiträge in der Nach schau leider etwas großspurig klingen.

AllgMediziner habe ich innerhalb von 8 Wochen 4 bei der Arbeit beobachten dürfen, davon 3 in Lehrpraxen. Es war mehr oder weniger ähnlich was die Behandlung akuten unsp. Riückenschmerzes ohne Trauma oder andere Red Flags anging.

Edit : Korrektur der Android Autokorrektur ...

Peter_1
18.07.2013, 08:03
Ich finde es nur schade dass ich nur weil ich Studentin bin nicht ernst genommen werde - jedenfalls hier. Also TU mich bitte nicht als blöde Studentin ab die sich zu weit aus dem Fenster lehnt -

Ich habe nicht blöd gesagt, ich habe vorsichtig gesagt: Du lehnst Dich weit aus dem Fenster (kann man ja machen, nur dann sollte man erstens auch wirklich Ahnung haben und zweitens auch das Echo einkalkulieren wenn das vielleicht nicht so ist), ernst genommen habe ich Dich trotzdem.


auch wenn ich zu gebe dass meine Beiträge in der Nach schau leider etwas großspurig klingen


Ein klein wenig, den Eindruck hatte ich auch :), wenn das angekommen ist, dann: :peace:

MissGarfield83
18.07.2013, 08:13
@peter : Ist schon okay - bin ja hier um was zu lernen und das Thema von Lava interessiert mich ja auch.

Also was für Möglichkeiten gibt es noch ausser

- Orthoton
- Katadolon
- Benzo + Opiat
- evtl off Label : Baclofen

für die Lumbago, die HWS Distorsion, die Torticollis?

Ich weiss durch meine DA dass Katadolon gerne für die Nachbehandlung von WirbelsäulenOps gegeben wird, da es schön zentral wirkt - aber ist Flupirtin ausserhalb des stationären Settings überhaupt noch praktikabel ? Regelmäßige Leberwertkontrollen ?

Was haltet ihr von dem Einsatz von Analgesie + Glucocorticoid ? Ich fand die Kombi irgendwie suspekt - jemand dazu Meinungen ?

Logo
18.07.2013, 19:18
Hm.
Ich mag Katadolon. Kürzlich damit nen ~170kg Rollstuhl-Pat. der wegen seiner RS Ibu800+Palladon wie Smarties fraß, gut in seiner Medikation rückführen können.
NSAIDs machen auch ne Menge (Nieren) kaputt - sind dabei sogar OTC.
Benzos empfinde ich gerade bei Rückenschmerz mit Chroniker-Potenzial und mlgw. chron. Anwendung als kritisch im Hinblick auf Suchtpotenzial...
Steroide nun ja - da derzeit endokrinologisch geprägt, würde ich derzeit sagen: Möglichst bitte gar nicht. Injektionen/Infiltrationen damit bitte auch nicht. Lokalanästhetika -richtig gemacht- bei RS ok.

Das Wichtigste n.m.A. ist eigentlich was Peter im Halbsatz schon gesagt hat: Entstressen (!!), Sport (Bauchmuskeln & seitl. Rumpf! In den Studios machen die immer nur "Rücken powern, Alter" ;-)) + allg. Bewegung.

Gruß LOGO

Peter_1
19.07.2013, 11:09
Ich gebe prinzipiell keine Benzos beim Rückenschmerz. Opiate manchmal schon. Die berühmten Diclo/Dexa Mix i.m. Injektionen sind obsolet. Auch sonst gebe ich keine Steroide beim unspez. Rückenschmerz.

Zum Katadolon: das BfArM sieht nur unzureichende Belege für eine Wirksamkeit beim chronischen Rückenschmerz (diese Aussage findet sich auch im Rote Hand Brief).

MissGarfield83
19.07.2013, 11:45
Diclo/Dexa i.m. ist doch sowas von out - wird das nicht mittlerweile als Kunstfehler betrachtet, wenn dabei etwas passiert?

Es ging ja hauptsächlich um die kurzfristige Anwendung von Relaxantien bei akuten Beschwerden als Supportiva zur Analgesie - welche man da noch verwenden kann, oder hab ich da was falsch verstanden ?

Peter_1
19.07.2013, 13:53
Diclo/Dexa i.m. ist obsolet und damit ist der Kunstfehlerprzess vorprogammiert wenn etwas passiert.
Du hast doch selber nach Analgesie plus Steroide gefragt, ich sehe keine Indikation für Steroide (nicht nur für Dexa i.m., sondern generell) beim unspez. Rückenschmerz.
Zu den Muskelrelaxantien: laut einem Cochrane Review von 2008 (habe mir mal die Mühe gemacht: "Muscle relaxants for non-specific low-back pain Maurits W van Tulder1,*, Tony Touray2, Andrea D Furlan3, Sherra Solway4, Lex M Bouter5") sind MR gegen Placebo getestet wirksam, aber: es wird auf die hohe NW-rate aufmerksam gemacht (Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Sturzgefahr) und ganz wichtig: eine Testung gegen NSAIDS, oder andere Schmerzmittel fand nicht statt. Weiterhin interessant (aus dem Abstract nicht ersichtlich, jedoch im Full Text Article): Benzos gg. Placebo bei akutem Rückenschmerz: keine gute Evidenz, Tetrazepam beim chronischen RS: evident besser als Placebo (aber gerade in der LZ Therapie sind Benzos ja problematisch und Tetrazepam gibt es ja jetzt auch nicht mehr). Nicht Benzo-Muskelrelaxantien (z.B. Katadolon etc.): besser wirksam als Placebo beim akuten RS, jedoch nicht beim chronischen RS.

Fazit: Benzos wirken beim chronischen RS besser als Placebo, nicht beim akuten, Nicht Benzo MR wirken besser als Placebo beim akuten RS, jedoch nicht beim chronischen. Studien in denen Muskelrelaxantien gegen NSAIDS oder andere Schmerzmittel verglichen wurden (was ja interessant wäre: eine patientenrelevante Forderung ist ja bessere Wirksamkeit gegen den goldenen Therapiestandard, nicht gegen Placebo) fanden sich laut diesem Review nicht. Nebenwirkungen sind häufig und teilweise schwer, vor der längeren Anwendung wird dementsprechend gewarnt.
Ob man sich das selber oder seinen Patienten angedeihen lassen will, tja es bleibt wohl jedem selber überlassen, wenn dann nur kurze Zeit, ich mache es wie gesagt nicht.

Peter_1
19.07.2013, 14:42
Zum Baclofen: unabh. von der Diskussion über Wirksamkeit etc.: die Anwendung beim unspez. Rückenschmerz dürfte ein Off-label-use sein, da der Zulassungsstatus den Einsatz heirbei nicht umfasst: http://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/3_nachDerZulassung/aender/pdWS/empfehlungen/baclofen.html

Als Off label use wäre es zum einen nicht erstattungsfähig (ohne vorherige Kostenzusage), zum anderen mit einem erh. Haftungsrisiko behaftet.

Hypnos
19.07.2013, 20:28
Wer braucht schon Muskelrelaxantien bei Wachen Patienten?:-))

Sebastian1
19.07.2013, 20:49
Du kennst doch die Indianernarkosen :D