Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Abschätzen von Suizidalität
Die Sichtweise von genau-der-da bezüglich des "Freitodes" ist exakt richtig: Bis auf sehr wenige Ausnahmen (z. B. Kamikaze-Flieger oder altruistische Motive im Krieg und Diktatur) ist der Suizid ein Geschehen, das sich in höchster Einengung der psychischen Funktionen (Denken, Fühlen, Wollen, Handeln) vollzieht und nichts Freies an sich hat. (Das gilt u. a. auch für sogenannte Bilanzsuizide).
Die Einschätzung von Suizidalität ist sogenannter Facharztstandard, d. h. sollte juristisch von in der Psychiatrie erfahrenen Personen vorgenommen werden. Habe mich früher immer gewundert, warum Pat. -zig Kilometer weit durchs Land gefahren wurde, um diese Frage zu klären, wo es doch Somatiker im Prinzip genauso gut hätten machen können.
glücksdrache
06.04.2014, 13:15
Als Chirurg frage ich grundsätzlich bei Schnittverletzungen im Bereich der Handgelenke, warum die Patienten das gemacht haben. Die wiederkehrenden Borderliner, die versichern, dass es nur zum Druckabbau war und sie keine suizidalen Absichten hatten, gehen dann auch wieder nach Hause. Anders ist es mit Patienten, die ich vom Fenster weggeholt habe und versichern, dass sie das nie wieder tun. Den glaube ich per se erstmal nicht so richtig.
Aber jetzt noch einmal eine Frage an die anderen. Was ist mit den wiederkehrenden Alkoholkranken , die regelmäßig Sätze äußern wie :" Ich bring mich um . Ich will Blausäure, etc. ?" Und was macht ihr mit Patienten , die nach Möglichkeiten zum Suizid fragen, z.B. Tumorpatienten ?
Danke, Drache
Fonknutschius
06.04.2014, 14:19
Und wie seht ihr den Fall Gunter Sachs, der sich im Angesicht seiner beginnenden Alzheimer-Demenz das Leben genommen hat? Würdet ihr das als Freitod bezeichnen? Ob man dessen psychische Funktionen als eingeschränkt bezeichnen hätte bezeichnen können weiss ich nicht. Ähnliches habe ich in einem früheren Praktikum erlebt: ein Patient, der auf das Ergebnis einer diagnostischen Untersuchung wartete, das, wenn sich die Verdachtsdiagnose bestätigt hätte, bedeutet hätte dass er nur noch wenige Monate zu leben gehabt hätte bei schnellem geistigen Verfall. Der hatte mir damals ganz ruhig berichtet, dass er schon sämtliche Vorkehrungen für einen Suizid getroffen und mit einer Familie alles besprochen hätte. Die behandelnden Ärzte Psychologen fanden das in Ordnung.
Und wie seht ihr den Fall Gunter Sachs, der sich im Angesicht seiner beginnenden Alzheimer-Demenz das Leben genommen hat? Würdet ihr das als Freitod bezeichnen?
Nein; siehe oben.
Nochmal zu den Formulierungen: ich hab ja viel mit tumorpatientienten zu tun und wenn ich das Gefühl Hab, dass sie Depressiv sind, frage ich meistens etwas wie "sie haben ja schon einiges erleben müssen, was auch sehr belastend ist. Es gibt auch Menschen, die in so einer situation sich etwas antun wollen oder sich sogar umbringen würden, haben Sie da auch schon mal dran gedacht?"
Das hat den Vorteil das 'Stigma' einer psychiatrischen Erkrankung erstmal ganz außen vor zu lassen. (Aber ich kann dann ja immer noch den Psychiater kommen lassen, der das eruiert😄)
Ich frage auch oft nach dem Lebensmut oder ob lebensmüde Gedanken eine Rolle spielen, das verstehen die meisten Patienten und antworten auch meist offen, dann muss man natürlich konkreter fragen wie oben schon beschrieben nach konkreten Plänen etc. Hier sind mal ein paar theoretische Hilfen:
psychopathologische Faktoren,
die das Suizidrisiko erhöhen:
• Hoffnungslosigkeit
• Niedriges Selbstwertgefühl
• Depressiver Wahn (nihilistisch, Schuld, Selbstbestrafung)
• Imperative Stimmen mit Aufforderung zum Suizid
• Paranoide Beziehungsideen (Bedrohtheit,
Verfolgung, etc.)
• Innere Unruhe, Getriebenheit
• Angst vor Kontrollverlust über eigene Suizidimpulse
Indikatoren für akute Suizidalität:
Personale Faktoren
– Patient distanziert sich nicht von Suizidideen/
SV nach ausführlichem Gespräch
– Patient erlebt drängende Suizidgedanken
– Patient wirkt ausgesprochen hoffnungslos
– Patient erlebt sich sozial isoliert
– Konflikt, der zum SV führte, ist nicht gelöst
– Patient reagiert ausgesprochen gereizt/aggressiv
oder ist agitiert
Anamnestische Aspekte
– Suchterkrankung
– akute psychotische Episode
– einen oder mehrere SV in der Vorgeschichte
– Patient hat ein Suizidarrangement getroffen, das
eine Auffindung schwierig machte
– Patient hat SV mit „harter“ Methode unternommen
– positive Familienanamnese für SV oder Suizide
– Patient zeigt mangelnde Impulskontrolle
– Patient hat eine schwere depressive Verstimmung
Fragen nach Suizidalität
• Suizidalität vorhanden?
• Frühere Suizidversuch?
• In welcher Form?
– Todes- und Ruhewünsche
– Suizidideen mit oder ohne konkrete Planung
• Faktoren, die das Suizidrisiko erhöhen
– z. B. Psychopathologie
– epidemiologische Faktoren
Akuter Handlungsdruck jetzt
– verschiebbar in die Zukunft
– impulshaft
• Hoffnungslosikeit?
– Wie wird der morgige Tag, der nächste Monat gesehen?
– Faktoren, die im Leben halten
– Externe Bindung (Familie, Partner, Glaube, etc.)
• Zukunftsperspektiven entwickelbar?
Bandwurm
08.04.2014, 21:19
Respekt. Ein leuchtender Apfel am Apfelbaum.
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