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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Warum Medizin studieren?



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.Jordan.
16.01.2015, 12:12
Außerdem hatten mir sehr viele Leute mein Leben lang eingetrichtert, was ich doch für ein guter Arzt werden würde.

Auf welcher Basis denn? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt „mein Leben lang“? Du hast doch schon mit 18-20 Jahren das Studium begonnen?

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16.01.2015, 13:17
Ein nicht unerheblicher Teil der Ausbildung beginnt erst nach dem Studium btw.

doktormatte
16.01.2015, 13:54
Natürlich brauchen wir gute Physiker und Ingenieure, aber wir brauchen auch gute Ärzte.



Ich weiß nicht wirklich, was einen "guten" Arzt ausmacht. Ich vermute mal eine Mischung aus kompetentem und empathischem Auftreten und die Fähigkeit, den Eindruck zu erwecken, dass die verabreichte Behandlung effektiv ist. Sorry, aber in meinem Weltbild sind die Algorithmen, die ein Arzt im Alltag anwendet (jaja ich weiß ich habe keine Berufserfahrung und gar keine Ahnung davon, wie man als wirklicher Arzt denken muss), einfach nicht so faszinierend. Viel ist da imo Pi mal Daumen und beruht auf reiner Erfahrung.
Was muss man als Arzt wirklich können, um gut zu sein? Bzw. was sind kognitive Fähigkeiten, die einen guten Arzt auszeichnen? Bis auf "viel wissen", "nichts vergessen" und "nett sein" fällt mir da wirklich nicht viel ein. Und die ersten beiden Fähigkeiten übernehmen ja mehr und mehr Maschinen für uns...

http://kimbellardblog.blogspot.de/2014/11/who-ya-gonna-call.html

Trenn
16.01.2015, 14:26
Abstrakt wird es dann, wenn man neue Algorythmen entwickelt, die Leitlinien aktualisiert und abwägt, welche Erkenntnisse relevant sind. Aber so lange man sich auf dem "da ist noch eine Gerinnung"-PJler Niveau bewegt, macht man noch wenig weltbewegendes. Arbeit soll Spaß machen, interessant sein, aber doch nicht die Erfüllung des Lebens sein müssen. Wer so hohe Ansprüche an die Arbeit stellt, wird fast immer scheitern, außer man wird selbstständig und dait richtig erfolgreich. Für eine 08/15 Ausbildung (und das ist jeder Studiengang, immer eine Art Massenabfertigung) gibt es auch einen 08/15 Job (wobei Medizin jetzt schon interessanter als ein Job bei Penny an der Kasse sein kann).

Feuerblick
16.01.2015, 16:10
Ein guter Arzt ist in der Lage, die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge zu stellen, die richtigen Untersuchungen durchzuführen und mit den Ergebnissen eine korrekte Diagnose zu stellen. Und ein guter Arzt ist dann außerdem noch in der Lage, aus all den Behandlungsmöglichkeiten, die er mal im Studium gelernt hat, diejenige herauszufiltern, die für diesen Patienten passt, die effektiv ist und die hilft. Da muss man keinen "Eindruck" erwecken - zumindest nicht wenn man sich jenseits von Schamanismus und Globuli bewegt.
Und nun zeig mir mal die Maschine, die sowas verlässlich kann. Hast du mal einen der "alten" Hausärzte erlebt? Die ohne technischen Schnickschnack dennoch die korrekte Diagnose stellen? Weil sie ihre Sinne und ihr Köpfchen benutzen statt wahllos "Irgendwas" zu tun...
Tja, aber all das kannst du nicht wissen, denn du hast lediglich dein Studium absolviert, vom wahren Leben als Arzt aber noch nichts gesehen und damit noch keine wirkliche Ausbildung genossen. Diese kommt in der Medizin nämlich erst nach dem Studium. Und dann wird es auch intellektuell fordernd... wenn man will... man kann natürlich auch weiter stumpfsinnig Algorithmen abarbeiten statt sinnvoll zu variieren und auch mal über den Tellerrand des eigenen Fachs zu schauen. :-nix

ProximaCentauri
16.01.2015, 21:08
So, vorneweg: Ich habe den Weg andersrum gemacht und zuerst ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen, bevor ich mich der Medizin zugewandt habe. Trotzdem finde ich, dass du deine Nase ziemlich weit oben trägst.


1. Ich habe während meines Studiums durchaus andere Sachen gemacht, wie z.B. Japanisch gelernt, ich bin Tanzlehrerin geworden, zusätzliche Vorlesungen in Fächern besucht, die mich interessiert haben. Aber ja, das bedingt, dass man sich interessiert und v.A. auch informiert... womit du ja offenbar durchaus etwas Schwierigkeiten hast. Ausserdem habe ich relativ viel gearbeitet, hätte ich das nicht getan, hätte ich problemlos noch ein Nebenfachstudium in einem beliebigen anderen Fach durchziehen können.. hätte ich das gewollt. Natürlich ist es teilweise etwas nervig, müssen alle das Gleiche besuchen... war aber in meinem Erststudium auch so, und ist bei ziemlich vielen naturwissenschaftlichen Studenten, die ich kenne, genau gleich. Fertige Mediziner MIT klinischer Erfahrung sind aber durchaus auch gefragt, man muss halt nur berücksichtigen, dass man mit dem Studium nicht wirklich fertig ausgebildet ist, und noch etwas praktische Erfahrung benötigt, bevor man wirklich gefragt ist.
2. Da kannst du gerne von dir reden, ich habe mich immer mehr mit dem Verstehen beschäftigt und dadurch meine Lernzeit deutlich eingeschränkt. Natürlich muss man Fakten auswendig lernen, aber egal, worauf du dich sonst einlässt: gewisse Fakten müssen nun mal präsent sein. Ich fände es abgesehen davon aber schon praktisch, im Medizinstudium einen "Spickzettel" für die Prüfungen benutzen zu können, wie es bei den Prüfungen in den NaWis bei uns möglich war. Man lernt in der tat im Naturwissenschaftlichen Studium eine andere Denkweise, ABER: Auch dort gibt es Leute, die das nicht können. Genauso, wie es im Medizinstudium Leute gibt, die das können. Ist nicht zwingend vom Studium abhängig, sondern auch von den Voraussetzungen der einzelnen Personen. Und: Das Studium hat nur begrenzt etwas mit dem Leben zu tun, egal welches man anschaut. Im Labor waren zwar teilweise auch intellektuelle Denkleistungen erforderlich, der allerallergrösste Teil des Alltags bestand aber aus stupider praktischer Arbeit, die auch ein Schimpanse hätte erledigen können.
3. Natürlich ist man in der Pflege näher am Patienten, ist für mich auch komplett in Ordnung so, ich möchte es gar nicht anders. Hätte man aber tatsächlich im Pflegepraktikum merken können. Schlussendlich ist man auch kein Richter, dem ein Urteil über fremde Menschen zusteht, dumme Menschen gibt es übrigens auch in allen anderen Arbeitsgebieten. Bezüglich deinem Eindruck von der Praxis, und der Praxis in anderen Arbeitsgebieten kann ich dir nicht wirklich zustimmen, die Lehrer die ich kenne haben auch ziemlich strikte Vorgaben was sie machen müssen, Hochschulprofessoren verbraten auch viel Zeit mit Dingen, die sie lieber nicht tun möchten. Evtl. täte dir etwas Berufserfahrung in verschiedenen Gebieten auch ganz gut.
4. Das ist von Klinik zu Klinik und Job zu Job unterschiedlich. Dass Patienten aber nicht nur von 8-5 krank sind und Pflege/Behandlung bedürfen, war mir aber schon vor dem Abi klar.
5. Ist doch schnuppe. Ein guter Arzt muss nicht ein guter Forscher sein, und umgekehrt. Warum man jemanden, der gerne klinisch arbeiten möchte, dann noch 3+ Jahre in ein Labor o.ä. einsperren möchte, erschliesst sich mir nicht. Man möchte auch in der Ausbildung von angehenden Ärzten dann auch klinisch tätige Personen einbinden, so dass man da nicht Vollzeitforscher als Professoren benutzen kann. Das ist aber auch allen irgendwie klar, und ich kenne auch keinen der sich auf seine Mediziner-Diss jetzt etwas einbildet. Du musst ja deinen Dr. med. nicht machen, wenn du nicht möchtest. Gibt hier genügend Ärzte, die keinen Doktortitel führen.
6. Natürlich gibt es Idioten in der Medizin. Das liegt daran, dass es Idioten auf der Welt gibt. Davon wirst du übrigens auch viele in allen anderen Gebieten antreffen. Vielleicht je nach Situation mal mehr oder mal weniger, aber eine idiotenfreie Umgebung habe ich noch nirgendwo getroffen. Ich bin zwar durchaus der Meinung, dass das Biochemiestudium anspruchsvoller war als das Medizinstudium, ABER: das macht nicht die ganze Disziplin anspruchslos. Dass es in vielen Gebieten noch alte Zöpfe gibt, ist übrigens auch nicht allein auf die Mediziner zurückzuführen, wenn man da mal hinter die Kulissen sieht, ist es dann manchmal doch nicht so einfach, wie man ursprünglich gedacht hat.

Ich wünsche dir noch einen etwas breiteren Horizont und eine Möglichkeit, deinen offenbar angestauten Frust irgendwie produktiver loszuwerden als mit solchen Posts in einem Forum.

davo
17.01.2015, 19:48
doktormatte, ich denke, dass man in anderen Berufen deutlich weniger Freiheiten genießt als du vermutest.

ad 1) Dass das Medizinstudium in Deutschland extrem standardisiert ist stimmt, aber das liegt nicht am Fach per se - in den USA z.B. sind die Curricula viel selektiver, mit relativ großen Unterschieden von Uni zu Uni, und nennenswerter Wahlfreiheit.

ad 2) Dass man nur Fakten lernt stimmt IMHO gar nicht. Ich bin zwar erst im 3. Semester, aber hatte viel mehr Auswendiglernen erwartet. In sehr vielen Fächern kann man sich durch logisches Denken viel Arbeit ersparen, das stimmt sowohl in Neuroanatomie als auch in Biochemie - in Physik oder Physiologie sowieso. Und was bitte soll an BWL oder Jura komplexer oder abstrakter sein, oder mehr analytisches Denken erfordern? Es trifft auf fast jeden Job zu, dass der Großteil repetitiv und simpel ist, das ist bei einem Programmierer oder bei einem empirischen Ökonomen/Soziologen/Psychologen an der Uni auch nicht anders. Das ist sogar bei einem Schriftsteller oder Musiker so.

ad 3) Man muss sich in fast jedem Job mit extrem vielen Vorschriften und "stakeholder"-Interessen auseinandersetzen. Glaubst du ernsthaft, dass man als Lehrer einfach so tun und lassen kann, was man will? Nicht einmal als W3-Professor hat man mehr Narrenfreiheit - auch denen machen Dekan, Rektor und notfalls auch das Wissenschaftsministerium die Hölle heiß, wenn "Leitlinien" wiederholt verletzt werden.

ad 4) Das mag stimmen. Das mag in anderen Berufen tatsächlich besser sein.

ad 5) Dass es in der Medizin eine extreme Vielzahl an Doktoren und Professoren gibt, stimmt. Dass die wissenschaftliche Leistung im Vergleich zu anderen Fächern oft gering ist, ebenfalls. Aber das alleine wäre für mich persönlich noch lange kein Grund, die Medizin zu verlassen.

ad 6) Glaubst du ernsthaft, dass es anderswo weniger Fachidioten gibt? Es stimmt natürlich, dass das Medizinstudium es durch den hohen Zeitaufwand schwer macht, andere Interessen zu verfolgen. Aber der durchschnittliche BWL-, Jura- oder Lehramt-Student verbringt die so gewonnene Zeit auch nicht mit der Lektüre von Kant oder Plato, sondern eher mit dem intensiven Studium der Bars und Pubs. Wer wirklich vielfältig interessiert bleiben will, kann das IMHO auch während des Medizinstudiums. Es gibt ja auch genug Leute, die es schaffen, zeitaufwändige Hobbies (wie Reiten oder Handball) weiterhin zu betreiben. Dass Krankenhäuser im Vergleich zur Privatwirtschaft relativ träge und innovationsresistent sind, stimmt, aber auch das ist eher ein europäisches Problem. Die USA zeigen wiederum, dass es auch anders geht. (Aber das trifft halt auch nur auf die Top-Krankenhäuser zu - die schlechten sind dort sicher deutlich schlechter als bei uns.)

Insofern: wenn du mal in andere Berufe reinschaust wirst du IMHO sehen, dass es dort die meisten Sachen, die du an der Medizin kritisiert, ganz genauso gibt.

ehemaliger User_25062015
17.01.2015, 20:06
Natürlich gibt es Idioten in der Medizin. Das liegt daran, dass es Idioten auf der Welt gibt.

:-top :-top