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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Formal überqualifiziert?!



Coginder
12.05.2016, 14:31
Servus zusammen :-winky
Ich wollte mal diejenigen, die vor ihrem Studium eine Ausbildung gemacht haben (oder derzeit machen), fragen, ob ein späterer Studienwunsch im Bewerbungsgespräch ein Thema war? Wie stehen überhaupt die Chancen mit einem sehr guten Abi einen Ausbildungsplatz zu bekommen? Ich gehe davon aus, dass die Personaler hier eins und eins zusammenzählen und wissen, dass sich die Investition nicht lohnt, wenn der Azubi nach Beendigung seiner Ausbildung studieren will (und wahrscheinlich dafür wegziehen muss).
Wenn im Laufe des Auswahlverfahrens diesbezüglich Fragen aufgetreten sind - wie habt ihr reagiert?

Für Erfahrungen aller Art wäre ich dankbar :-)

Absolute Arrhythmie
12.05.2016, 14:39
Ich bin während meines Vorstellungsgesprächs für die Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin schon sehr direkt danch gefragt worden, warum ich denn mit Abitur eine Ausbildung machen möchte.
Ich war auf die Fragen aber vorbereitet und hab erzählt, dass ich mehr so der praktische Typ bin und dann ich gern was richtiges Lernen möchte und auch nicht gern den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen mag, sondern lieber einen Beruf mit mehr körperlicher Aktivität ergreifen möchte.
Man hat mir ofenbar geglaubt (stimmte auch alles so halbwegs), denn ich hab die Ausbildungsstelle ja bekommen.
Bei mir in der Klasse hatten damals (Beginn 10/2006) etwa 50% der Klasse (Fach-)abitur.

Dergenthiner
12.05.2016, 14:43
Ich habe in den Schulferien ein freiwilliges Pflegepraktikum gemacht, wo eine Pflegeschulleiterin auf mich aufmerksam geworden ist und mir eine Ausbildungsstelle angeboten hat.Ich war auch ganz ehrich und hab erzählt, dass ich doch ein späteres Studium nicht ausschließe.Aber man will ja auch Kinder bekommen und Haus bauen und ob ich nach 7 Jahren noch Lust auf Studium habe.... Viel schwieriger war es nachher in Vortellungsgesprächen in den möglichen Arbeitseinrichtungen. Die Einarbeitung dauert sehr lange und sie haben keine Lust auf Leute, die in einem Jahr weg sind. Von fünf Arbeitgeber hat mich nur der Jenige genommen, wo eine absolute Personalmangel war, der hat auch kaum Fragen gestellt 😀

nie
12.05.2016, 17:04
Ich habe eine Ausbildung als Rettungsassistentin gemacht und da sind Leute, die nur die Wartezeit überbrücken wollen nichts ungewöhnliches. Da ist man eigentlich direkt davon ausgegangen, dass eine Frau mit Abitur nicht bis zur Rente Rettungsdienst fahren will.

Habe damals noch die zweijährige Ausbildung gemacht und das hat es im Endeffekt keinen interessiert warum ich diese Ausbildung machen will. An der Schule wurde jeder angenommen, der sich halbwegs benehmen konnte und bereit war, das Schulgeld zu zahlen. Was die Leute dann später mit ihrer Ausbildung anfangen, ist denen von der Schule erstmal egal.
Auf der Rettungswache wurde ich ohne Vorstellungsgespräch eingestellt und demnach musste ich da auch nichts begründen. Aber wie oben schon gesagt, haben die sich ihren Teil schon dazu gedacht. Aber wir haben allgemein eine hohe Mitarbeiterfluktuation und es ist insgesamt unwahrscheinlich, dass von den jüngeren Kollegen ( < 35 Jahre) viele bis zur Rente diesen Job ausüben. Unabhängig von Schulabschluss.

Lisztian
15.05.2016, 01:10
Hallo,
ich habe meine Krankenpflegeausbildung in den Jahren 2011-2014 in NRW gemacht. Ich habe einen Schnitt mit einer hohen Zahl hinter der Zwei im Abitur.
Im Bewerbungsgespräch wurde nicht explizit auf die Frage nach einem späteren Medizinstudium eingegangen, sondern ob ich mit Abitur nicht lieber Pflege studieren möchte ( An dieser Pflegeschule gibt es auch eine Hochschule für Pflegeberufe ).
Darauf war ich nicht vorbereitet. Schon zu der Zeit war mir klar ich möchte später Medizin studieren. Wie nun freundlich das Duale Studium Pflege ablehnen und sich audrücklich für die Pflegeausbildung aussprechen, denn ich wollte ja schliesslich Wartesemester sammeln. Ich habe dann ähnlich argumentiert wie Absolute Arrhythmie, mit dem Zusatz, dass es mir auch darum ginge Geld zu verdienen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen fern ab des elterlichen Geldbeutels.
Unser Kurs bestand dann ( nach der Probezeit ) aus 23 Schüler/innen. Nun das Interessante : 3xVollabitur, 18xFachabitur und jeweils einmal Realschule und Hauptschule.
Wir hatten auch Unterricht bei unserem Schulleiter, welcher einmal im Mittelkurs bei einer Diskussion ein bisschen hinter die Kulissen der Schülerauswahl hat blicken lassen. Seine Aussage :" Wir sind uns bewusst, dass ca. 70% der Schüler die Pflege nur als Leiter benutzen" ist mir bis heute aus irgendeinem Grund in Erinnerung.
Weiter Argumentierte er Sinngemäß, dass die Pflegeausbildung mittlerweile für viele nicht (Fach)Abiturienten zu anspruchsvoll sei und die Schule sich somit in einer Zwickmühle befindet.
Dabei sei zu beachten: Wir sprechen hier von einer Schule die eigentlich gut auswählen kann ( 700 Bewerber pro Jahr auf 2 Kurse à 20-25 Schüler +- ).

tl;dr :
Sich aufgrund sicherer Einkommensverhältnisse und der Vorliebe für eine praktische Arbeit, gepaart mit dem Unwillen sich direkt wieder ins Lernen zu stürzen sind gute Argumentationen für eine Ausbildung. Krankenpfleger/innen sind gesucht und gute Schüler sind auch rar gesät

fMRI
15.05.2016, 13:26
In den USA setzt Krankenpflege einen BA in nursing voraus. Damit stehen allen der Karriereweg MSc/MPH/PhD offen. Pflege und Pflegemanagement ist dort ein eigenes Berufsbild und, wer später Medizin studieren möchte (für Medizin braucht man einen Bachelorabschluss egal in welchem Fach mit einem definitierten Spektrum von Grundlagenwissenschaften etc), hat keine (!) besseren Chancen, vorher im Bachelor nursing gemacht zu haben. Da sortiert sich das Ganze schon viel früher, d.h. wenige Leute steigen wegen Medizinstudium aus der Pflege aus.

Natürlich ist es für Ausbilder_innen nicht schön, wenn man weiss, dass die Leute die man (liebevoll) ausbildet bald nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügungen stehen, jedoch hat man mit den Auszubildenden billigere Mitarbeiter_innen (sonst würde niemand ausbilden, wenn es nicht auch Vorteile für den Arbeitgeber bringen würde). Schade halt nur, dass der Unterschied zwischen Pflege und Medizin so groß ist, dass Leute immer wieder in die gleiche Richtung "abwandern". Das ist ein Problem das mit dem Bachelor/Master in nursing angegangen wurde.

In England drohen ja gerade viele junior doctors, aus Medizin auszusteigen, wenn der NHS neue Arbeitsverträge durchsetzt. Dort wird gerade Medizin sehr unattraktiv gemacht... (Aber natürlich nicht um die Pflege zu unterstützen, aus rein finanziellen Gründen). Google Jeremy Hunt.

Ich sehe, gerade weil die Pflegeschulen das Problem ja aus Ihrem eigenen Alltag kennen, da kein Problem total ehrlich sein (das ist idR immer die beste/einzige Methode). Vielleicht sagen, dass Pflege im Moment das Ziel ist, man aber nichts für die Zukunft garantieren kann. Wenn das Gespräch gut läuft, vielleicht eine Brücke für andere Themen einbauen (z.B. "vor 8 Jahren wollte ich noch Topmodel/Deutschlands nächster Superstar werden, meine Interessen sind aber inzwischen viel stabiler.", mit einem selbstironischem Schmunzeln, das zum Mitlachen einlädt. Und dann die Frage nach Zukunft ernsthaft zurückstellen, wie viele Leute wirklich aussteigen, ob es einen Effekt auf die Gruppe hat, ob alle in Richtung Medizin gehen und wie viele etwas anderes machen etc). Man kann das (berufspolitische) "Problem" durchaus diskutieren, und wenn man dann sagt, dass man dann nicht nur einen Beruf hat, der einem Spass macht sondern (falls man Medizin studieren wird), natürlich sich auch auf der Seite der Pflege solidarisch sieht. Das zeigt, dass man sich mit verschiedenen Berufen und der Arbeitsmarktpolitik auseinandergesetzt hat (und somit realitätsnah ist, als jemand der nur da sitzt und auf die Frage "Wartezeit Medizin?" versucht so zuschauen, als hätte er/sie niemals die Idee gehabt.) Das ist authentisch und ehrlich und wird sicherlich auch gerne gesehen.

In einem anderen Threat habe ich was zur Auswahl der Ausbildung gepostet, dass es viele andere Dinge gibt... http://www.medi-learn.de/foren/showthread.php?t=94693&page=7&p=1928511#post1928511