Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Luxusproblem
Hallo zusammen,
Kurz zu mir: Wirschaftsinformatiker, 33, selbständig tätig als IT-Projektleiter primär im Bankenbereich, paar Jahre Australien hinter mir und nun wieder in Deutschland. Hatte damals nach dem Abi schon die Möglichkeit Medizin zu studieren und hab mich für dein einfacheren Weg eines dualen Studiums entschieden (kurzes Studium, Gehalt, Praxiserfahrung etc.). Ich bereue dass jetzt auch nicht unbedingt, merke aber wie ich zunehmend immer wieder vom Medizinstudium träume. Einen Studienplatz wäre auf Grund meiner 23 Wartesemester gar kein Problem (Berufsakademiestudium zählt nicht als Erststudium), auch die Finanzierung für 6 Jahre nicht (habe bereits eine abbezahlte Immobilie, bin Single + keine Kinder). Ich habe meine materiellen Ansprüche immer recht klein gehalten, war mit 23 schon bei einer top Unternehmensberatung und bin ziemlich zügig rauf die Karriereleiter. Weiter als jetzt möchte ich aber nicht, das sind mir zuviel Politics im Spiel, was mich nicht reizt (bin dafür zu ehrlich und direkt, mag das Game einfach nicht). Vielleicht ist das auch der Grund meiner etwas verfrühten Mid-Life Crisis. :-)
Die Motivation für den Arzt-Beruf: Fachexperte sein und Motivation das "System" Mensch zu verstehen, "hands-on" arbeiten, lebenslanges Lernen, Möglichkeit der Selbständigkeit, Sinn des Berufes (Menschen helfen), Forschung wenn man möchte, Job-Sicherheit, vielleicht ergibt sich auch eine spannende Schnittstelle Informatik / Medizin.
Was ich aufgebe: quasi ein Chefarztgehalt (nun gut, es gibt auch Phasen wo keine Projekte da sind und da ist man dann Wochen eher damit beschäftigt einen neuen Gig zu organisieren). Ansonsten gibt es leider wirklich nichts was mich an der IT noch reizt: Als Projektleiter ist man ziemlich generalistisch und nicht hands-on (man steuert Teams und Anforderungen), als Programmierer oder Berater möchte ich nicht arbeiten...Start-up ist mir das Risiko zu gross (bin da etwas konservativ eingestellt und auf Sicherheit bedacht, eben einfach nicht der Typ dafür zumal es mir an einer guten Idee fehlt). Meine Lernkurve ist einfach zu flach geworden über die Jahre, das heisst nicht dass die Arbeit einfach ist, ich habe nur einfach das Gefühl nicht weiterzukommen und dass ich ein anderes Fachgebiet brauche in dem ich mich austoben kann. Meine intrinsische Motiviation, die ich jetzt erst über die Jahre besser verstehe wird einfach nicht genug befriedigt, auch das gute Geld mach einen nicht wirklich glücklich (am Anfang mehr als jetzt). Zumal ich auch nicht das Gefühl habe, einen wirklichen Mehrwert zu erzeugen, geschweige denn etwas Sinnvolles zu tun (bei all diesen Politics in Konzernen...). Das ist jetzt natürlich ein Luxusproblem und ich bin auf der anderen Seite natürlich auch dankbar, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, über so einen Schritt noch ernsthaft nachzudenken.
Habe mir natürlich überlegt, ob es für mich zwingend diesen sehr krassen Tapettenwechsel braucht und ob es eher eine Flucht (im Sinne von "the grass is always greener") ist, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass es wohl so ist: Z.B. in WI zu promovieren würde mich auch nicht weiterbringen, das ich danach wieder in der Wirtschaft lande...die akademische Laufbahn als Prof / Dozent in dem Bereich schliesse ich aus.
Mir ist bewusst dass der Weg hart sein wird -> der Gedanke ein Ziel zu haben und in 11-13 Jahren FA zu sein motiviert mich allerdings (genauso stark wie er natürlich auch Ängste des Scheiterns hervorruft). Da ist immer dieses Gefühl wenn ich beim Arzt bin, dass ich gerne auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen würde...
Bin gespannt auf Kommentare, muss mich bald entscheiden ob ich zum WS anfange oder ein neues Projekt mache Und mit dem Grübeln wird die Entscheidung nicht besser. :-)
Ich kann deine Überlegungen sehr gut verstehen. In deinem Fall ist das Risiko denke ich vergleichsweise gering, da du selbständig bist - denn falls du scheitern solltest, wird dies höchstwahrscheinlich in den ersten Semestern geschehen; dein IT-Humankapital und deine Connections wären dann also noch so halbwegs frisch.
Allerdings darfst du halt nicht vergessen, dass es in jeder Abteilung und jedem Krankenhaus auch wahnsinnig viel politics gibt - rationale Entscheidungen darf man da oft nicht erwarten. Außerdem sehr viel Regulierung, sehr viel Verwaltung, sehr viel Dokumentation, usw. - auch und gerade als niedergelassener Arzt. Du hättest also also im Vergleich zu jetzt sicher oft das Gefühl, ein sehr kleines Zahnrad in einer sehr großen, sehr trägen Maschine zu sein, die oft von persönlichen Eitelkeiten und politischen und/oder wirtschaftlichen Zielen dominiert wird, statt von einem Interesse, die beste Qualität zu liefern und innovativ zu sein. Wenn dir das bewusst ist, und du glaubst, damit umgehen zu können, dann würde ich sagen: warum nicht? Ist doch toll, wenn man so eine Möglichkeit hat :-))
Aus persönlichem Interesse: Warum jetzt Humanmedizin statt Zahnmedizin? Hast du inzwischen die australische Staatsbürgerschaft? Bzw. ist dein Ziel, nachher in Australien zu arbeiten?
Du hast recht, allerdings wird es nicht einfach wenn man 2 Jahre out-of the game ist. Ich denke mal wenn ich das Physikum schaffe, dann wird der Rest auch schon passen. Vor allem müsste ich ja bei einem späteren Scheitern dann Begründen, warum ich es nochmal mit Medizin probiert habe. Leider ist unsere Gesellschaft ja so gebaut, dass dann sicherlich etliche Vorurteile bestehen...
Genau, mittlerweile bin ich Australier und seit über einem Jahr zurück in Europa. War jetzt erstmal in Zürich auf einem Projekt unterwegs :) Ich würd es erstmal mit Humanmedizin probieren, da dort mein Interesse gegenüber ZM einfach grösser ist. Wechseln kann man ja noch immer (und einfacher von HM zu ZM als umgekehrt). Australien kann ich mir sicherlich vorstellen, weiss aber auch dass eine FA-Anerkennung nicht easy bzw. mit erheblichen Mehraufwand verbunden ist. Darauf werd ich aber nicht mein Studium ausrichten, am Wichtigsten ist eben dass man das tut was man mag. Durch meine Zeit in der Schweiz kann ich mir auch vorstellen hier mal zu arbeiten, falls mir D nicht so gut gefällt. Davo, studierst du zufällig in Frankfurt? (ich sah du bist aus Hessen). Wenn du Infos zu Australien möchtest, ich war ja 8 Jahre in Sydney und berate dich gerne. Auch vll. mal auf einen Kaffee? :)
Politics sind mir klar. Ich glaube aber, dass man das aushält, wenn man ein Ziel vor Augen hat (FA) und man weiss dass man nicht ewig von der Klinik abhängig ist. Ich glaube das ist auch genau der Punkt, der mich momentan im Job frustriert -> ein langfristiges Ziel fehlt einfach, andere in meinem Alter kompensieren dass durch Familie + Kinder ;-) Ich suche eben mehr die Erfüllung im Job, da bin ich ganz ehrlich, und ich glaube das wird mein Leben immer so bleiben.
Dir ist schon klar, dass dich in der Klinik viele Dienste und Nächte erwarten? Du hattest im damaligen Beitrag ja ausdrücklich erwähnt, dass Klinik nichts für dich ist. Um die kommst du aber nicht rum - und im gehobenen Alter nervt dich das umso mehr, jüngere Leute stecken du nächste besser weg.
Von welcher Gesellschaft redest du eigentlich? Der australischen?
Überlege es dir gut! Studium ist sicher sehr interessant, würde ich immer wieder machen. Aber der Job ansich fordert viel.
Auf die Dauer ist die Klinik nix, es gibt aber auch Fachrichtungen die mich interessieren die etwas humanere Dienstzeiten haben (Augen, Dermatologie). Innere oder Chirurgie werd ich wahrscheinlich nicht anstreben. Ach, ich bin ziemlich fit für mein Alter und habe es auch vor zu bleiben :-) Ich glaube nicht, dass man generell sagen kann, dass Jüngere das besser wegstecken. Ich bin fitter als so mancher 20 jähriger, ohne jetzt arrogant klingen zu wollen. Ausserdem hab ich in meinen Job auch regelmässig Nächte und Wochenenden mit extremen Druck durchgearbeitet und ich weiss wie eine 80h Woche aussieht.
Ich rede von der deutschen "business" Gesellschaft. Da müsste ich dann nach 2 Jahren meinen Ausflug in die Medizin begründen, falls es nix wird, und das würde dann nicht so positiv aufgenommen werden. Ist eben Schade, Leute die auch mal Querdenken bzw. Sachen ausprobieren werden in diesem Land leider nicht so respektiert.
Solara, bist du schon fertig mit dem Studium? Falls ja, welche Fachrichtung strebst du an?
roxolana
12.06.2016, 14:59
Ich bin mir nicht sicher, ob du das, was du in der Medizin suchst, auch finden wirst. Ich habe selbst mein erstes Studium (naturwissenschaftlich) abgebrochen, um Medizin zu studieren, aus ähnlichen Gründen wie du sie anführst - irgendwas Sinnvolles machen, Menschen helfen können, etc. bla. Mir wurde zwar damals auch schon von Ärzten abgeraten, zur Medizin zu wechseln, aber man muss seine Fehler ja selbst machen, ne? ;-)
Mittlerweile bin ich im 6. Jahr des Studiums. Die letzten 5 Jahre haben mir zwar viel Spaß gemacht und ich weiß mittlerweile, dass man Menschen in der Theorie sehr gut helfen kann. In der Praxis sieht es, zumindest was meine bisherigen praktischen Erfahrungen angeht, anders aus:
1. Geht es sowohl im KH als auch in der Praxis darum, möglichst viele Patienten für möglichst wenig Geld durchzuschleusen, was die Möglichkeiten des effektiven Helfens sehr begrenzt. Zu wenige Ärzte auf zu viele Patienten bedeutet, dass man permanent mit der Angst lebt, Fehler zu machen und irgendwas zu übersehen. Abgesehen davon handelt es sich hierzulande oft um chronische, Lifestyle-bedingte Erkrankungen, die man nicht wirklich heilen kann (zumindest nicht ohne einen grundsätzliche Lifestyle-Änderung, wozu allerdings die wenigsten Patienten bereit sind), was auf Dauer ziemlich frustrierend ist, weil man meist nicht das Gefühl hat, dem Patienten wirklich geholfen zu haben.
2. Sind die Arbeitsbedingungen für Ärzte alles andere als gesund. Andere heilen zu wollen durch eine Arbeit, die einen selbst krank macht, ist absurd.
3. Gibt es andere Wege, mit denen man Menschen deutlich effektiver helfen kann. Hast du dich schon mal mit dem Effektiven Altruismus auseinander gesetzt? Der EA versucht, den Impact von Spenden oder auch Berufen zu "messen" und kommt zum Schluss, dass du mehr Gutes in der Welt tun kannst, indem du einen Beruf ergreifst, in dem du sehr viel verdienst, und wenigstens 10% deines Gehaltes (manche effektive Altruisten spenden auch bis zu 50%) an effektive Projekte spendest, als wenn du "nur" in einem helfenden Job arbeitest und nichts spendest. Oder anders gesagt: Wenn du deine aufaddierten Einkommenseinbußen durch den Verlust deines "Chefarztgehaltes" stattdessen an eine Stiftung, die Malarianetze verteilt, spendest, wirst du damit mit ziemlicher Sicherheit deutlich mehr Leben retten, als du als Arzt jemals schaffen könntest. Wenn du dich mal in die Materie einlesen willst, hier ein paar Anregungen:
http://blog.tagesanzeiger.ch/berufung/index.php/34699/ich-spende-50-prozent-meines-lohns/
https://80000hours.org/
https://80000hours.org/career-reviews/medical-careers/
Auf der anderen Seite macht es natürlich auch wenig Sinn, in deinem jetzigen Job zu arbeiten, wenn er dich total ankotzt. Wenn du davon überzeugt bist, dass Medizin das Richtige für dich ist, dann mach es. Letztendlich wirst du es erst wissen, wenn du anfängst im Job zu arbeiten. Wenn es dir aber nur darum geht, dass du deinen jetzigen Job als sinnlos empfindest, dann hast du mit der Kohle, die du jetzt verdienst, deutlich mehr Möglichkeiten, etwas gutes zu tun, als mit einer Arztkarriere.
Ich arbeite seit mehreren Jahren. Und es geht jedem älteren Kollegen so ;-), egal ob fit oder unfit.
Die Dienste sind einfach anstrengend und belastend. Vor allem, wenn man allein da ist.
Dermatologen kenne ich keine. Die Augenärzte, mit denen ich befreundet bin, haben harte und vor allem viele Dienste gehabt, waren alle aus der gleichen Uniklinik. Wir in der Niederlassung besser, aber nicht jeder strebt die Niederlassung an.
Wo ist dein Problem mit der deutschen Gesellschaft? Du bist doch Australier. Haben die denn auch Probleme mit, hmm, exzentrischen Lebensläufen?
Wobei ich das nichtmal von hier bestätigen kann. Du solltest halt erklären können warum und wieso dein Lebenslauf so ist wie er ist. Selbst wenn du das Medizinstudium wieder abbrechen solltest - das ist doch einfach zu erklären!
Auch ich bezweifle, dass du in der Medizin das findest, was du suchst- viel Unterschied besteht nicht.
Ich mag meinen Job, aber ich mochte auch meinen früheren Job in der Wirtschaft. Aber ich trat auch nicht mit dem vordringlichen Ziel an, Menschen helfen zu wollen. Da war ein Interesse, wissen zu wollen, wie das alles funktioniert. Und mit Menschen zu arbeiten, nicht nur mit dem PC.
Und bei den Diensten dachte ich: ach, bist ja ne Nachteule, dass wird schon nicht so schlimm.
Tja, hinterher ist man immer schlauer. Anfangs geht das noch locker, je älter du wirst, umso anstrengender.
Aber hängt es nicht immer davon ab, in welcher Klinik man arbeitet? Ich meine, dass eine Uniklinik stressig ist, kann ich mir vorstellen- aber ich lebe beispielsweise auf dem Land- glaub mir- du hast in deinem Leben noch nie eine so leere Notaufnahme gesehen :-D Dienste gibt es natürlich überall, aber wenn man nicht mehr unbedingt eine mega Karriere anstrebt- sollte ea doch in kleineren Häusern vielleicht etwas humaner zugehen, oder? Aber du hast da sicher deutlich mehr Erfahrungen als ich :)
Ne Augenklinik gibt es halt auch nicht überall, soweit ich informiert bin. Sollte eigentlich auch eher ein Hinweis sein, dass die alle aus der gleichen Klinik sind, in dies m Fall eben einer Uniklinik.
Und Land ist nicht gleich weniger Arbeit, je kleiner die Klinik, umso höhere Wahrscheinlichkeit, dass man da im Dienst allein ist - mit all den kleinen und größeren Problem auf Station, ITS und der Ambulanz. Die mir persönlich bekannten Landkliniken zeichnen sich jetzt nicht gerade durch leere Notaufnahmen aus, wo bist du, damit wir die zu dir schicken können!
Du hast sicher recht, es kommt auf die Klinik an, da sollte man sehr, sehr genau überlegen, wohin man geht.
Aber die Dienste schaffen einen im Laufe der Zeit.
Erstmal vielen Dank alle für die Kommentare, die ich erstmal auf mich wirken lasse und die mir auch Helfen, die zur Zeit vll. noch etwas rosa-rote Sicht abzulegen.
Ich hatte mich hier ein bisschen eingelesen und eher den Eindruck dass Augenärzte nicht so viele Dienste haben. Nicht zu vergessen dass man ja auch einen Teil des FA Weiterbildung ambulant machen kann.
Ich kenne eine Dermatologin (zwar in der Schweiz) und die hat gar keine Dienste und ist zufrieden. Ich denke es komm immer auf den Arbeitgeber an, wie in einem anderen Job auch. Ausser dass man als Mediziner im Moment vll. etwas einfacher wechseln kann, wenn die Umstände zu krass sind.
Also meinen Lebenslauf würde ich jetzt nicht als exzentrisch betrachten. Klar kann ich das erklären, habe allerdings aber das Gefühl, dass in D viel mehr als in Oz ein sauberer Lebenslauf verlangt wird - da werden einem Ausreißer gleich negativ angerechnet. Es ist in Australian auch relativ normal, dass man mal ein Sabbatical macht, in D kommt das erst so langsam. Würdest du Medizin denn nochmal stuideren oder es bei deinem Job in der Wirtschaft belassen? "Da war ein Interesse, wissen zu wollen, wie das alles funktioniert. Und mit Menschen zu arbeiten, nicht nur mit dem PC." --> geht mir ähnlich und eine der Hauptmotivation für mich. So langsam kann ich die sinnlosen Excel und PPT nichts mehr sehen. Fragt sich nur, ob ich dann irgendwann die sinnlose Dokumentation als Arzt auch nicht mehr sehen kann. :-???
Danke für die Links zum Thema Effektiven Altruismus. Werde ich mir mal anschauen. Denke aber, dass es mich trotzdem mehr stimuliert einen Menschen direkt behandeln zu dürfen. Deine ersten zwei Punkte sind für mich Hauptargumente das Studium nicht zu machen. Man wird für was ausgebildet und handelt dann genau nach dem Gegenteil. Der Frustrationsfaktor wäre ähnlich hoch wie meinem jetziger Job ganz nach dem Motto: different subject but same shit. Ist es denn wirklich immer so schlimm?
Ein Argument das aber noch sehr stark für den Arztberuf spricht ist, dass es immer Bedarf hierfür geben wird und man sogar mit dem Alter erfahrener wird. In der freien WI wirst du irgendwann zum alten Eisen abgelegt, dabei möchte ich doch so lange wie möglich arbeiten um auch eine gewisse Agilität zu erhalten. Gerade im IT Bereich wird viel outgesourced und automatisiert, so dass man vll. in naher Zukunft gar keine "teuren" Projektleiter mehr braucht. Insoweit geht es mir auch etwas darum, einen Beruf zu haben, den man bis ins hohe Alter ausüben kann. Ich glaube dass sich hier in der Medizin auch sehr viel tun wird, aber die letzte Entscheidung wird immer noch ein Arzt (Mensch) treffen.
Ach, was mich noch ein bisschen wundert ist, dass es mehr Leute gibt die nach den klassichen Bürojob-Studiengängen in WiWi, Jura etc. auf Medizin umsatteln als umgekehrt von Medizin in einen Bürojob. Das wird doch wohl auch seine Gründe haben, oder?
Ich arbeite seit mehreren Jahren. Und es geht jedem älteren Kollegen so ;-), egal ob fit oder unfit.
Die Dienste sind einfach anstrengend und belastend. Vor allem, wenn man allein da ist.
Dermatologen kenne ich keine. Die Augenärzte, mit denen ich befreundet bin, haben harte und vor allem viele Dienste gehabt, waren alle aus der gleichen Uniklinik. Wir in der Niederlassung besser, aber nicht jeder strebt die Niederlassung an.
Wo ist dein Problem mit der deutschen Gesellschaft? Du bist doch Australier. Haben die denn auch Probleme mit, hmm, exzentrischen Lebensläufen?
Wobei ich das nichtmal von hier bestätigen kann. Du solltest halt erklären können warum und wieso dein Lebenslauf so ist wie er ist. Selbst wenn du das Medizinstudium wieder abbrechen solltest - das ist doch einfach zu erklären!
Auch ich bezweifle, dass du in der Medizin das findest, was du suchst- viel Unterschied besteht nicht.
Ich mag meinen Job, aber ich mochte auch meinen früheren Job in der Wirtschaft. Aber ich trat auch nicht mit dem vordringlichen Ziel an, Menschen helfen zu wollen. Da war ein Interesse, wissen zu wollen, wie das alles funktioniert. Und mit Menschen zu arbeiten, nicht nur mit dem PC.
Und bei den Diensten dachte ich: ach, bist ja ne Nachteule, dass wird schon nicht so schlimm.
Tja, hinterher ist man immer schlauer. Anfangs geht das noch locker, je älter du wirst, umso anstrengender.
Uraltmedizin
12.06.2016, 18:22
Man muss bereit sein, sehr viel zu lernen und vor allem ist das auch sehr trocken.
In der Vorklinik macht eigentlich nur Anatomie Spaß. Sonst muss man sich mit
seltenen Erkrankungen, wie PKU beschäftigen, die in der
Praxis kaum vorkommen. Ob Medizin die richtige Entscheidung ist oder war,
erfährt man wahrscheinlich erst, wenn man Assistenzarzt ist. Aber auch in der
Verwaltung werden Ärzte gesucht.
Im Endeffekt kann das eh keiner vorher wissen. Erstens nimmt jeder dieselbe Arbeit unterschiedlich wahr, hat in der Vergangenheit andere Erfahrungen gemacht, mit denen er das Erlebte vergleichen kann, und zweitens ist die Arbeit als Arzt sehr heterogen je nach Arbeitsplatz und Fach. Ein Beispiel: Die Zahl der Dienste variiert bei Krankenhausärzten mit Diensten zwar nicht so stark, aber es gibt manche Fächer ohne Nacht- und Wochenenddienste, manche Fach-Klinik-Kombinationen ohne Nachtdienste, und sehr große Unterschiede in der Arbeitsbelastung in den Diensten je nach Fach und Abteilung (Personalschlüssel, Besetzung, etc.).
Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, kurze Hospitationen zu machen - 2-3 Tage, so kann man einen guten ersten Eindruck gewinnen, aber muss nicht wahnsinnig viel Zeit investieren. Die Ärzte, denen ich geschrieben hatte, waren dieser Idee auch fast alle sehr aufgeschlossen (was ich nicht erwartet hatte). Wenn du das in ein paar Fächern machst, die dich interessieren könnten, bei niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus, kannst du in sehr kurzer Zeit einen realistischen ersten Eindruck gewinnen, ob Medizin wirklich das ist, was du dir erwartest.
Ernsthafte Sorgen, dass du es nicht schaffst, musst du dir glaube ich nicht machen. Ich hab mir die zwar auch gemacht, aber rückblickend war das unsinnig. Mit deinem Lebenslauf ist die Wahrscheinlichkeit, dass du es schaffst, sondern du die nötige Zeit investierst, sehr nahe bei 100%.
P.S.: Ich bin nicht in Frankfurt, sondern in Gießen ;-)
P.P.S.: Und Physio ist doch wohl bitte VIEL interessanter als Anatomie! :eek::-)):-p Und gerade Erkrankungen wie PKU sind doch ziemlich cool, weil sie einfach verständlich die Auswirkungen eines klar definierten isolierten Problems zeigen, und somit das Auswendiglernen unterstützen. Wirklich schwer sind doch vielmehr jene Sachen, auf die alles einen Einfluss hat, und die auf alles einen Einfluss haben :-)) An dieser Stelle Respekt an die Internisten :-p
Feuerblick
12.06.2016, 18:35
Dass Augenärzte weniger Dienste haben, halte ich für ein Gerücht. Natürlich hat man als Augenarzt nicht noch Intensiv, Station und Notfallbereich zusammen an der Backe. Dafür darf man aber Konsile in anderen Kliniken abarbeiten. Gut, du hast wenig Lebensbedrohliches und kannst daher notfalls auch mal dein Brot fertigessen statt im Laufen reinzubeißen, aber sonst... Sprich: Auch Augenärzte rödeln (selbst auf dem Land) durchaus Nächte komplett durch. Ähnliches dürfte für die anderen Fachrichtungen auch gelten. :-nix
In D kann man Derma fast nur an Unikliniken und großen Häusern machen und keine Dienste ist eine große Illusion.
roxolana
12.06.2016, 20:06
Außerdem ist Derma ein sehr beliebtes Fach und eine Stelle zu finden ist alles andere als einfach.
Schnuffi332
27.07.2016, 14:33
Ich habe mit dem Studium angefangen, da war ich schon ein Stück älter als du jetzt und bin jetzt fertiggeworden. Ich kann das was du suchst gut nachvollziehen, war/bin ungefähr in der selben Situation. Ich habe vor dem Studium auch gearbeitet, selbständig und ordentlich Geld verdient und war mein eigener Chef. HERRLICH! :-) Was ich sagen kann, dass Studium vor dem PJ würde ich immer wieder machen, keine Frage. Im PJ allerdings und auch schon davor in den Blockpraktika bin ich mit den weniger schönen Seiten des großen Traums aufeinandergeprallt und relativ ernüchtert worden. Ich habe viele Assistenten kennengelernt und keiner war sonderlich glücklich mit den Bedingungen des Jobs an sich und das reicht, um den Rest auch madig zu machen.
Dann habe ich gegen Ende des PJ´s festgestellt, dass man im Arztsein ziemlich ach was sag ich brutalst eingeschränkt ist und du mit der Approbation gar nichts anfangen kannst, ausser halt als Arzt in der Klinik zu arbeiten. Erst als Facharzt hat man dann wieder mehr Möglichkeiten, dauert aber eine Zeit bis dahin.
Zusammen mit dem was ich im PJ festgestellt habe, ist das jetzt im Moment gar nicht so eine tolle Aussicht muss ich leider sagen. Wenn ich an die Arbeitszeiten und die Dienste denke wird mir jetzt so richtig die Tatsache bewusst wird, dass ich bald an eine vorgeschriebene Arbeitszeit gekettet bin, wird mir mulmig und mich zieht es zurück in die Selbständigkeit.
Das Wunschkonstrukt von Menschen helfen zu wollen ist mittlerweile auch nicht mehr so einfach, denn mittlerweile hat man es mit informierten Laien zu tun, die alles besser wissen als die Ärzte selbst. Ganz zu schreiben von den Restriktionen und Vorschriften im Job selbst. Aber nach wie vor habe ich natürlich den Wunsch den Facharzt zu machen und das werde ich auch tun. Also ich in meinem Falle, bin im Gegensatz zu den jungen nicht mehr so flexibel im alles einfach Hinnehmen, Ja und Amen sagen usw.. Das muss man handlen lernen. Das wird dann zur Schwierigkeit, wenn du mal, wie du beschreibst, sehr weit oben warst mit allen Vorzügen und dann wieder nach unten gehst. Das ist definitiv machbar, aber es verlangt einem persönlich was ab.
Wünsche Dir viel Erfolg und Spaß!
Schnuffi, aber dass du nicht dein eigener Herr sein würdest als Arzt, war dir doch vorher schon klar, ebenso dass die Dienste nachts oder am Wochenende sein werden - ich verstehe nicht so wirklich, warum du jetzt ernüchtert bist?
Und das Helfen bezeichnest du als erschwert, weil die Patienten besser informiert sind - ich finde das positiv, dass da mehr Wissen da ist, klar macht es mehr Arbeit, wenn argumentiert und diskutiert wird. Ist mir lieber als ein Patient der nur sagt, okay Doc, ich mache alles was Sie sagen und frage nicht nach.
Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen! Ich glaube mir würde es später im Arztjob genauso gehen wie dir und ich würde so schnell wie möglich selbständig sein wollen. Die Weg dahin ist natürlich tough. Darf man fragen in was du deinen Facharzt machst?
Schnuffi332
27.07.2016, 16:23
Schnuffi, aber dass du nicht dein eigener Herr sein würdest als Arzt, war dir doch vorher schon klar, ebenso dass die Dienste nachts oder am Wochenende sein werden - ich verstehe nicht so wirklich, warum du jetzt ernüchtert bist?
Und das Helfen bezeichnest du als erschwert, weil die Patienten besser informiert sind - ich finde das positiv, dass da mehr Wissen da ist, klar macht es mehr Arbeit, wenn argumentiert und diskutiert wird. Ist mir lieber als ein Patient der nur sagt, okay Doc, ich mache alles was Sie sagen und frage nicht nach.
Ja natürlich, das wusste ich aber es war im Bewusstsein überhaupt nicht in dem Maße präsent, wie es das jetzt ist. Im Studium kannst du später kommen, früher gehen oder brauchst gar nicht kommen, man ist schon sehr frei und das hat mir natürlich sehr gefallen, weil ich auch während dem Studium noch meinen selbständigen Interessen nachgegangen bin. Aber natürlich werde ich die Arbeitszeiten und alles akzeptieren, ich möchte ja als Arzt in der Klinik arbeiten (zumindest bis zum Facharzt). Man muss es halt mit seinen Ansprüchen übereinbekommen :-) Deshalb nennt adsyd es schon richtig "Luxusproblem" :-)
Was das Helfen betrifft: Die Assistenten mit denen ich zu tun hatte, waren darüber gar nicht erfreut, weil es, richtig, Zeit kostet die sie nicht hatten und die Patienten dann auch noch oft Sachen falsch verstanden und sich dann ihre Logik zusammenreimten. Das hat desöfteren beim Oberarzt zu Problemen geführt, weil sie ihm dann ganz anders dargestellt hatten, wie es zuvor besprochen wurde. Das sah ich schon als Problem an.
Schnuffi332
27.07.2016, 16:32
Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen! Ich glaube mir würde es später im Arztjob genauso gehen wie dir und ich würde so schnell wie möglich selbständig sein wollen. Die Weg dahin ist natürlich tough. Darf man fragen in was du deinen Facharzt machst?
Ich denke mir im Moment auch, Facharzt durchziehen (Psychiatrie) und dann eigene Praxis und Honorararzt, sowas in der Art. Allerdings, und das ist nun wieder das was auch zum Luxusproblem gehört, haben die jungen wohl weniger: die Klinik muss so und so sein und dieses und jenes muss passen und so sein wie ich mir das vorstelle.
Mal sehen ob ich eine Klinik finde, die sich an mich anpasst... :-) Spaß! Nee es ist mir klar, dass ich da durchgehe, ich will es ja und ich will meine Sache gut machen. Wer weiss, vielleicht macht es mir so Spaß dass ich gar nicht mehr selbständig sein will, das kann auch sein. Es ergibt sich alles mit der Zeit, man wird sehen. Und da ich mich in der Psychiatrie einfach zu Hause fühle (zumindest war das im PJ und in den Famulaturen so) sehe ich dem schon auch mit Spannung entgegen.
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