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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Assistenzarztstelle Anästhesie Uniklinikum



PatrickSchwarz
27.08.2016, 08:53
Hallo.

Ich wollte mal gerne in die Runde fragen, wie die Erfahrung von Assistenärzten der Anästhesie an den Unikliniken, insbesondere in Freiburg, Mannheim, Heidelberg und Tübingen ist.
- wie sind eure Arbeitszeitmodelle? (Kommt man - mehr oder weniger - pünktlich heim?)
- werden Überstunden bei euch entlohnt?
- wie ist die Stimmung innerhalb der Klinik?
- werden Fortbildungen (Notarztkurs etc.) oder Kongresszeilnahmen bezahlt?
- gibt es die Möglichkeit für Forschung auch zu reduzieren bzw. 1-2 Jahre auszusetzen (im Hinblick auf eine Habil zB)?

Danke für eure Antworten!

Gruß.

papiertiger
28.08.2016, 13:35
Leider keine der unmittelbar gefragten Unis, aber

1) pünktlich rauskommen: durchwachsen. Man rotiert bei uns im 3-6 Monatstakt durch die Abteilungen und der pünktliche Feierabend ist sehr abteilungsabhängig. Augenklinik bedeutet zB dass man bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich nicht vor 18 Uhr raus kommt, während man zB in der HNO wenn überhaupt dann nach Absprache am Vortag mal länger bleiben muss, von wegen, morgen wird es einen Punkt geben der sicher nicht pünktlich fertig wird, wer kann sich denn vorstellen dafür länger zu bleiben. Aktuell überwiegen zwar noch die Abteilungen, in der Überstunden durchaus eher die Regel sind, aber durch Einführung von Spätdiensten wird es allmählich besser, klar, eine halbe Stunde bis Stunde kann immer mal vorkommen, man arbeitet ja mit Menschen und nicht mit einem Werkstück, was man pünktlich fallen lassen kann, aber für die Sachen, die sich richtig ziehen funktioniert es allmählich ganz gut mit der Ablösung durch die Spätdienste.
Und, natürlich ist das vor allem auch deswegen nicht so das Problem weil 2) Überstunden komplett dokumentiert und wahlweise in Freizeitausgleich abgegolten oder entlohnt werden.
3) Stimmung ist gut, wenn man mit einem gewissen Maß an innenkollegialem Konkurrenzdenken klarkommt. In jeder Abteilung wird es immer Menschen geben, mit denen man besser kann und welche, mit denen es nicht so gut klappt - aber universitäre Anästhesieabteilungen sind in aller Regel auch so groß, dass man sich im Zweifelsfall einigermaßen aus dem Weg gehen kann wenn es garnicht geht.
4) Bezahlte FoBis/Kongressteilnahmen - kommt drauf an. Bezahlt eher nicht, es sei denn, man stellt was vor und der Chef findet das gut. Aber Kongressurlaub wird recht großzügig gewährt und es gibt auch innenklinisch einiges an guten Veranstaltungen, die dann auch kostenlos oder deutlich günstiger sind, u.a. Notarztkurs etc
5) Forschung - ist so ne Sache. Ist wahrscheinlich überall so, aber es hängt davon ab, ob die oberste Ebene dass was du machst/vorhast gut findet und unterstützt. Wenn das der Fall ist, gibt es nach Bedarf großzügig Labortage und Du kannst auch bei der Modalität (ob du zB lieber alle 6 Wochen mal ne komplette Woche ins Labor willst oder alle zwei Monate drei Wochen lang zwei Tage oder was auch immer) ein bisschen mitreden. Auch ein Jahr aussetzen mit Stipendium oder ähnliches wird dann unterstützt. Ohne Wohlwollen von oben - schwieriger. Reduzieren wird grundsätzlich nicht so gerne gesehen bei uns, auch nicht für Forschung, aber es gibt trotzdem eine steigende Anzahl von Leuten, die das machen.

ehem-user-02-08-2021-1033
28.08.2016, 15:45
Hallo.

Ich wollte mal gerne in die Runde fragen, wie die Erfahrung von Assistenärzten der Anästhesie an den Unikliniken, insbesondere in Freiburg, Mannheim, Heidelberg und Tübingen ist.
- wie sind eure Arbeitszeitmodelle? (Kommt man - mehr oder weniger - pünktlich heim?)
- werden Überstunden bei euch entlohnt?
- wie ist die Stimmung innerhalb der Klinik?
- werden Fortbildungen (Notarztkurs etc.) oder Kongresszeilnahmen bezahlt?
- gibt es die Möglichkeit für Forschung auch zu reduzieren bzw. 1-2 Jahre auszusetzen (im Hinblick auf eine Habil zB)?

Danke für eure Antworten!

Gruß.

Stimmung und pünktliches Heimkommen:
Universitäre Anästhesie bedeutet immer Anästhesie an einem(Supra-)Maximalversorger. Das bedeutet die Versorgung schwerst kranker/verletzter Patienten mit Massivtransfusion fast schon im "Routinebetrieb". Je nach Haus auch mal mehr oder weniger ECMO-Patienten etc.
Je nachdem welchen operativen Schwerpunkt dein Haus hat. Von den Transplantationen je nach Haus abgesehen... (Herz, Leber, Lunge etc.) Das sind immer extrem unplanbare Dinge. Die einerseits das Programm durcheinander bringen, aber andererseits auch Bestandteil des Dienstgeschäftes sind.

Unter Strich ist universitäre Anästhesie kein entspannt nine to five Job mit entspannten geregelten Arbeitszeiten, sondern oftmals "Katastrophentourismus" im Routineprogramm. (Was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch stinklangweilige Narkosen gibt.)
Das hat natürlich, wenn Krankheitswellen sind, auch enormen Einfluss auf die Stimmung der Kollegen und der Pflege. Gestresst und überarbeitet ist niemand in Hochstimmung.

Es ist alles schaffbar. Nur muss man sich dessen bewusst sein.

Beim Thema Forschung:
Das kommt auf das Wohlwollen der Obrigkeit an. Ohne Support von Oben brauchst du nicht versuchen zu habilitieren. Man habilitiert nicht. Man wird habilitiert. Das ist die Realität.

Spitzenpumpe
29.08.2016, 08:04
Hallo Patrick,

bin selbst an einer der von dir genannten Unis tätig und ich denke, dass den Aussagen von Papiertiger und Elite RDH nichts wesentliches hinzuzufügen ist.

Mein Vorschlag: Fang in einem kleineren Haus, mit überschaubarer Abteilung und im allgemeineren gesünderen Patientengut an und lerne dort erst mal die Basics. Nach etwa zwei Jahren, wenn du dir ein gewisses klinisches Selbstbewusstsein aufgebaut und Routine in Narkoseeinleitung und -führung hast, an die Uni gehen, komplexeres perioperatives Management lernen und habilitieren.

Macht in meinen Augen einfach mehr Sinn.

Brit2
29.08.2016, 13:22
Bin zwar woanders aber hier haben etliche Leute habilitiert. Keiner von ihnen hat auch nur 6 Monate (Sabbatical) ausgesetzt.
Und ja - jeder wurde zuvor dafür "ausgewählt". Keiner hat sich selbst beworben ... Dein oberster Chef selbst entscheidet.

LasseReinböng
29.08.2016, 23:11
... da stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, an einer nichtuniversitären Einrichtung anzufangen, wenn das eigentliche Ziel die Habil/Unikarriere ist.

Spitzenpumpe
30.08.2016, 08:08
Wenn die Habilitation als wichtiger angesehen wird als die klinische Ausbildung, ist das sicherlich richtig. Nachteil an einer Uniklinik ist aus meiner Erfahrung aber:
Große Abteilung mit vielen „Häuptlingen“, die alle andere Vorstellungen haben wie man was am besten macht, was einem als blutiger Anfänger das Leben schon schwerer machen kann, als wenn man in einem kleinen Haus täglich mit den gleichen Leuten (auch Pflegekräfte) und Abläufen zu tun hat.
An der Uni passiert einem auch viel schneller, wie bereits angesprochen, dass man doch wieder irgend so ein special case unvorhergesehen in den Saal bekommt, so dass man entweder wieder in die Prämed muss, oder, auch wenn „nur“ als zweiter Mann, bei der Lebertransplantation, Polytrauma, Expl. Laparotomie beim kardiochirurgischen Intensivpatienten, etc. mithelfen muss. Während das für einen Fortgeschrittenen durchaus lehrreich ist, ist das für einen Anfänger einfach nur Stress und Überforderung pur. Im kleineren Haus (so habe ich übrigens selbst angefangen), gab es so was wie einen unfallchirurgischen Anfängersaal, wo man in den ersten Wochen „in Ruhe“ ISKs, axilläre Plexen, Laryngsmasken- und Intubationsnarkosen üben konnte. Notfälle gabs da auch, aber gefühlt irgendwie deutlich seltener. Auch die Dauer der Eingriffe ist in kleineren Häusern eher kürzer, so dass man häufiger zum Üben von praktischen Maßnahmen kommt. Wenn ich mir meine Narkosezahlen so ansehe, habe ich deutlich mehr Narkosen/ Jahr im kleinen Haus gemacht (incl. Regionalverfahren) als an der Uni.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Anästhesisten, die mehrere Schulen/ Kliniken durchlaufen haben einfach breiter aufgestellt sind, geraden was praktische Kompetenz, Tipps und Tricks angeht. Ist man aber erst mal in der Habil-mühle drin (Arbeitsgruppe, Projekte, etc.), wird das mal eben Wechseln in ein anderes Haus um etwas neues zu sehen, deutlich schwieriger.

Brit2
30.08.2016, 08:11
Jeder Wunsch nach eigener Habil wird eh gegenstandslos - wird man von eigenen Chef als potentielle künftige Konkurrenz geoutet bzw gerät zwischen Fronten solcher ...

ehem-user-02-08-2021-1033
31.08.2016, 20:45
Jeder Wunsch nach eigener Habil wird eh gegenstandslos - wird man von eigenen Chef als potentielle künftige Konkurrenz geoutet bzw gerät zwischen Fronten solcher ...

Ich glaube, dass es die Habil. ein Bonbon ist, dass vom jeweiligen Ordinarius ganz gezielt zur Mitarbeitermotivation, aber auch zur Mitarbeiterführung und Mitarbeiterbindung verwendet wird.

Ein schneller inflationärer oder gar unreflektiertes Vergeben z.B. an vermeintliche "Querulanten" würde dieses Führungsinstrument nutzlos machen.

Oder anders ausgedrückt:
Das ist wie in der Schule:
Wer die 1 mit Sternchen wollte musste einerseits Fleiß zeigen, aber anderseits musste der Lehrer einem diese auch gönnen.

Dormicum
12.09.2016, 01:03
Hallo.

Ich wollte mal gerne in die Runde fragen, wie die Erfahrung von Assistenärzten der Anästhesie an den Unikliniken, insbesondere in Freiburg, Mannheim, Heidelberg und Tübingen ist.
- wie sind eure Arbeitszeitmodelle? (Kommt man - mehr oder weniger - pünktlich heim?)
- werden Überstunden bei euch entlohnt?
- wie ist die Stimmung innerhalb der Klinik?
- werden Fortbildungen (Notarztkurs etc.) oder Kongresszeilnahmen bezahlt?
- gibt es die Möglichkeit für Forschung auch zu reduzieren bzw. 1-2 Jahre auszusetzen (im Hinblick auf eine Habil zB)?

Danke für eure Antworten!

Gruß.

War zwar an keinem der von die genannten, aber ich antworte mal:
1. Eigentlich immer pünktlich, die einen Überstunde im viertel Jahr konnte mit dem üblichen 10-Minuten-früher-Feierabend als abgegolten hinnehmen. Im Gegenzug jedoch ein hoher Anteil an geplanten Spätdiensten, eine Woche 11-20 Uhr ist leider kein Vergnügen...
2. Wahlweise FZA oder Geld (V.a. bei "geplanten" Überstunden im Rahmen eines Langdienstes)
3. Bei einer universitären Anästhesieabteilung mit im Normalfall >100 Mitarbeitern wird man sich nie mit allen verstehen. Aber im Großen und Ganzen wohl ok.
4. Für einen ausgebildeten NA bekommt die Klinik 5000€, klar sind sie interessiet, dass man den macht. Bezahlung der Zeit in der man die Einsätze sammelt gibt es aber eher selten. Kongresse werden nur bei aktiver Teilnahme, z.B. als Referent der die Abteilung repräsentiert übernommen. Laut Tarifvertrag stehen einem, ich glaube 2 oder 3 Tage bezahlte Freistellung zu.
5. Ja gibt es. Aber wie schon erwähnt: Eigeninitiative ist da nicht der ausschlaggebende Punkt...

Im Gegensatz zu meinen Vorrednern kann ich allerdings sagen, dass man nicht überall als Neuling mit Massentransfusionen o.ä. überrollt wird. Es gibt genug ruhige Ecken, in denen man als Anfänger genung Zeit zum Üben hat. Im Gyn-, Augen- oder HNO-OP sind lebensbedrohliche Notfälle und der gleichen eher selten...

Falls du noch Fragen hast, gerne über PN...

papiertiger
14.09.2016, 21:08
Wobei die Kombi Zeit zum Üben und Augenklinik bei mir gerade einen critical error hervorruft ;-) Augenklinik bedeutet bei uns, superkranke (+ sehr alte oder auch mal sehr junge) Patienten in extrem hoher Schlagzahl mit eher basaler Überwachung durchzuschleusen. Und 8 Minuten Katarakte mit modifizierter RSI mit Roc weil KI für Succi und Fenta weil Ultiva teuer und knapp und Iso, weil Sevo nur für die Kinder - dafür muss man auch erstmal ein Gefühl kriegen. Alles in allem durchaus eine nette Herausforderung mit steigender Erfahrung, aber als Anfängerabteilung (wie bei uns leider üblich) eher eine ziemlich harte Schule.

Dormicum
15.09.2016, 19:39
Ja gut, ich gebe zu dass Augenpatienten nicht die gesündesten sind...:-D
Aber so eine Konstellation ist ja eher nicht die Regel. Und dann hoffe ich auch mal, dass du als Anfänger nicht alleine ne RSI machen musst.
Statt 8 Minuten Katarakten hatten wir eher 4 Stunden PPVs oder KPLs...
Aber wieso habt ihr kein Desfluran???

papiertiger
15.09.2016, 20:09
Ich bin dankenswerterweise erst nach der Einarbeitung dort gelandet ;-)

Desfluran.. tja. gibts halt bei uns nicht. Vllt teuer?

Aber 4h PPVs und KPLs? Wow. Das sind bei uns deutlich kürzere Eingriffe.

//stefan
16.09.2016, 09:26
desfluran ist deutlich teuerer und noch dazu höher im verbrauch... daher hatte mein chef das auch nur für den ein oder anderen anderen adipösen ambulanten patienten oder wenn er "bock drauf hatte", sonst alles mit iso und die kinder mit sevo.
ich meine eine flashce isoflurane kostete damals (>4 jahre) so um die 30€, eine flasche desfluran ca. 80€... und wenn man dann noch ältere maschinen hatte, war minimal flow undenkbar bzw eher eine medium flow ;-) und damit auch höherer verbrauch.

p.s.: grade mal gegoogled und auf folgenden artikel gestoßen: http://download.springer.com/static/pdf/210/art%253A10.1007%252Fs00101-006-1059-7.pdf?originUrl=http%3A%2F%2Flink.springer.com%2Fa rticle%2F10.1007%2Fs00101-006-1059-7&token2=exp=1474011793~acl=%2Fstatic%2Fpdf%2F210%2F art%25253A10.1007%25252Fs00101-006-1059-7.pdf%3ForiginUrl%3Dhttp%253A%252F%252Flink.spring er.com%252Farticle%252F10.1007%252Fs00101-006-1059-7*~hmac=7e8639c01db1741babe1d56efbb5c65145f6d712dd 9ecb878ce089e3e49a3926

Lizard
16.09.2016, 09:36
Bei uns wird zu 95 % Sevo verwendet . Ansonsten Desfluran in der Adipositaschirugie und OA-bedingt in der Frauenklinik ;)