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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Achtung vor dem Arztberuf



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TheBat
28.11.2017, 12:26
Dieser Eintrag wird schwierig für mich und – wie ich befürchte – leider auch allzu leicht missverstanden. Da ich selbst im PJ bin und mich momentan Gedanken und Zweifel an dem zukünftigen Arztberuf quälen, möchte ich diesen Eintrag dennoch veröffentlichen und hoffe auf konstruktives Contra, was meine (vielleicht unnötigen) Bedenken hoffentlich rasch wieder zerstreut. Laut Studien über verschiedene Berufsgruppen belegen wir – Ärzte - seit Jahren die Spitzenposition. Hätte man mir die Frage nach dem Beruf mit dem höchsten Ansehen und Vertrauen gestellt, hätte ich bis vor kurzem ohne zu zögern auch mit „Arzt“ geantwortet. Seit Praktika in der Chirurgie und Inneren sowie persönlichen Schicksalsschlägen in der Familie im letzten Jahr hadere ich allerdings zunehmend mit diesem unbefleckten Image… Gründe hierfür liegen zum einen darin, dass ich während meinem PJ die schlechte Erfahrung gemacht habe, dass einige Ärzte bei bestimmten Krankheiten selbst gar nicht so richtig wussten, was ihr Patient eigentlich hat (nein, leider kein Scherz), Krankheiten wurden dann überspitzt gesagt „ins Blaue hinein“ geraten oder es wurden in noch drastischeren Fällen Fehldiagnosen mit verheerenden Folgen für den jeweiligen Patienten gestellt. Das stellte leider auch nicht den Einzelfall dar. Ein weiterer Grund ist, dass ich befürchte selbst emotional abzustumpfen. Teilweise ist mein Empfinden, dass ein Patient irgendwann nicht mehr wirklich als „Mensch“ wahrgenommen wird, sondern vielmehr nur noch abstrakt als bloßes Arbeitsmaterial betrachtet wird und wir (vor allem Chirurgen) dadurch - vereinfacht gesprochen- einem Mechaniker gar nicht so unähnlich sind. Nur das unser Arbeitsmaterial eben kein Kfz, sondern der menschliche Körper ist. Die so viel gepriesene Empathie, die Ärzte von Haus aus mitbringen sollen, bleibt oftmals durch die hohen Arbeitsbelastung und Stress auf der Strecke. Ich selbst habe gemerkt, dass ich auf das Leid von Patienten entweder überemotional und sehr mitfühlend reagiere oder überhaupt keine Reaktion zeige :(:heul: Auch durfte ich mittlerweile genügend Ärzte erleben, denen Geld und Verdienst über das Wohl der eigenen Patienten geht. Insgesamt ist der Gesundheitsbereich ähnlich kaputt und korrumpiert wie andere weniger soziale Bereiche. Es geht schon damit los, dass bestimmte Inhalte im Studium oder später in der Forschung nicht gefördert werden, weil sie im krassen Widerspruch zu den Interessen von BigPharma stehen. Das hier soll absolut kein Hassposting gegen die eigene Berufsgruppe sein, vielmehr spricht aus mir eine große Enttäuschung. Bitte um dringende Aufmunterung!

Feuerblick
28.11.2017, 13:25
Und was daran ist neu? Ärzte sind Menschen mit allen positiven und negativen Eigenschaften. Sie haben auch mal schlechte Tage oder keinen Bock auf Patienten. Und sie sind nicht allwissend. Wenn dich all das Aufgezählte stört, dann mach es besser!
Aber lass dir gesagt sein, dass eine gesunde Distanz zu Patient und Krankheit sinnvoll und notwendig ist, um ein guter Arzt zu sein und nicht im Burn-Out zu landen. Überemotional reagieren oder gar dem Wohl des Patienten das eigene Leben zu opfern, macht KEINEN guten Arzt aus. Professionalität, eine gewisse Distanz und ein Überblick über die Situation statt unkontrolliertes Mitleiden hingegen schon.

Btw: Wenn du dich im Forum umschaust, wirst du sehen, dass du nicht der/die Erste bist, dem es so geht.

Echinococcus
28.11.2017, 14:12
So what. Entweder nimmst du dir vor, alles besser zu machen als die Kollegen die dich so enttäuscht haben, oder du verschwindest aus der direkten Patientenversorgung und brauchst dich um das Problem nur noch indirekt zu kümmern. Beides akzeptable Lösungen, also lass dich nicht runterziehen, du hast es doch fast geschafft.

davo
28.11.2017, 14:26
So what. Du wirst in jedem Beruf gute und schlechte Leute finden - sowohl fachlich wie auch menschlich. Das so persönlich zu nehmen ist IMHO völlig unreif. Werde selbst ein besserer Arzt, dann passt doch alles.

Rettungshase
28.11.2017, 18:01
Ein paar Absätze hätten dieser Litanei gut getan.

Wenn du tlws. überemotional auf Patienten reagierst, solltest du dir Strategien aneignen, die verhindern, dass du in Tränen ausbricht und dein Gehirn nicht mehr benutzen kannst. Falls du das nicht selbst schaffst, könnte hier ein Verhaltenspsychologe hilfreiche Tips geben. Mitunter kann eine eigene belastende Vergangenheit (bzgl. Schicksalsschläge) einen da auch schon so runterziehen, dass man innerlich blockiert.
Der 32jährigen polytraumatisierten jungen Mutter hilft es im Schockraum nicht, wenn du ihr schweres Schicksal beweinst und sie darüber verblutet.
Wenn ich mir das Bein breche, sollst du es flicken, und mir nicht die Hand halten.

Nenn doch bitte mal ein konkretes Beispiel für die "BigPharma-Geschichte".

Wenn du keine Lust hast, 30 Patienten auf Station zu jonglieren, kannst du auch eine alternative Fachweiterbildung einschlagen.

Kackbratze
28.11.2017, 21:11
Es geht schon damit los, dass bestimmte Inhalte im Studium oder später in der Forschung nicht gefördert werden, weil sie im krassen Widerspruch zu den Interessen von BigPharma stehen.

Homöopathie, pflanzlich-schonende Chemo ohne Nebenwirkungen, Impfgegnertum, Klangtherapie und auch das bislang immernoch nicht visuell nachgewiesen HI-Virus, welches aber von der BigPharma therapiert wird zählen dazu.

Entweder Du legst Dir bessere Bücher und ein dickeres Fell zu, oder Du schaust mal, was die BigPharma so ohne Patientenkontakt dir anbieten kann.

Spark
28.11.2017, 21:19
Hallo :)

Ich hatte vor dem Studium bereits ein Berufsleben und mir kommt Dein Problem bekannt vor. Wenn man die Realität der Arbeitswelt kennenlernt, ist man oft ganz perplex, was da alles abgeht. Das geht von geplatzten Illusionen über die entsetzte Feststellung, wieviel Inkompetenz erlaubt ist und bis zur allgemeinen Ernüchterung, dass überall auch mal Späne fallen.

Bei einem moralisch überhöhten Beruf ist die Fallhöhe entsprechend grösser, und bei Theoretikern frisch aus dem neigungsgewählten Studium auch ggf. grösser als bei Lehrlingen, die schon mit 17 die ersten miesen Anschisse verknusen müssen.

Es muss aber nicht ungesund sein, solche kleinen Krisen durchzumachen, das hilft auch bei der beruflichen Charakterbildung und feilt einem die persönlichen Prioritäten zurecht. Ich halte es allerdings für wichtig, das nicht nur als Verzweiflung runterzuschlucken, sondern wirklich zu reflektieren und was aus Deinem Unbehagen zu machen. Das kann eine klarere berufliche Haltung sein, ein Entschluss, nicht beim Deckeln behilflich zu sein, eine neue Idee welches Fach Dir eher liegen könnte, oder Auswanderungspläne.

Dass Du sowas überhaupt bemerkst und es Dir nicht so latte ist wie vielen anderen - Glückwunsch. Ist ne gute Eigenschaft. Um so wichtiger, dass Du dran bleibst.

Katallina
29.11.2017, 11:02
Also, ich bin noch nicht mal Medizinstudentin (nächstes Jahr dann :-)) , aber ich finde, die Gedanken sind schon berechtigt. Dass dir diese "Erkenntnis" aber erst im PJ kommt, ist schon irgendwie spät.

Hm, es gibt sicher genug "linke G'schichtn", wie man in Österreich sagen würde. "Wenn ein Chirurg ne Prämie bekommt, wenn er im Monat 30 Wirbelverschraubungen macht und ihm am 28. des Monats noch eine fehlt, steht er in seiner Mittagspause vielleicht am Gang, sieht sich die Patienten an und überlegt, welchem von denen er noch eine anordnen könnte" - keine Ahnung, ob das tatsächlich so ist, hab ich so erst gestern in einem Bericht gelesen.

Auf jede Stunde Patient kommen 2 Stunden Papier, viel weniger Zeit am Mensch, als man gerne hätte.
Und wenn die Mama mit ihrem Kind in die Klinik kommt und es muss am Blinddarm operiert werden, ist es für die Familie eine einzigartige, überwältigende, belastende Situation, für den Chirurg so "gewöhnlich" wie Autofahren - er muss sich konzentrieren, aber es ist eben nichts Besonderes mehr.
Wie hier schon richtig gesagt wurde, und der Meinung bin auch ich, der Job des Arztes wäre es in diesem Fall, die Patienten und Angehörigen sachlich aufzuklären, aber auch etwas einfühlsam zu sein, immer mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, dass es für die Patienten eine an neue Situation ist, auch, wenn es für einen selbst Routine ist. Er kann ja nicht gleich komplett in Panik verfallen und mitheulen. Und auch Chirurgen sind mal schlecht drauf, haben keine Lust, einen schlechten Tag oder was auch immer - aber ein guter Arzt ist jemand für mich dann, wenn er sich vor jeder OP bewusst macht, was er hier macht und worum es geht, dass es nicht um sein Leben sondern eben um das anderer geht und auch wenn es für ihn Routine ist, sollte er sich dem immer bewusst sein,

Das oft keine "Zeit" bleibt, um Krankheiten zu diagnostizieren, ist natürlich schlimm. Aber ich glaube kein Arzt, außer er ist Spezialist in einem sehr kleinen Gebiet, kann einfach jede Krankheit erkennen. Das ist doch auch menschlich!
Aber als guter Arzt sollte man mMn einfach sein Bestes eben, nachschlagen, sich Hilfe holen und immer mitfühlend sein, sich aber den Abstand bewahren und immer ehrlich sein.

Ich traue mich zu sagen, es wird immer Kliniken geben, die auf das mehr Wert legen, als andere. Und innerhalb einer Klinik gibt es einfach auch verschiedene Leute. Und wirtschaftliche Rentabilität ist immer Fokus, egal wo! Das ist aber in jedem Beruf so. Als Arzt ist das natürlich besonders "schlimm", weil es um die Gesundheit und somit um das Leben von Menschen geht.

Trotzdem muss ich mich den anderen anschließen - in jedem Beruf gibt es solche und solche Personen, achte einfach auf deine Werte, es gibt genügend Ärzt/innen, die das genau so sehen wie du und gemeinsam ist man stark :-dance

bremer
29.11.2017, 18:25
Aufmunterung wirst du hier besonders von den Leuten bekommen, die noch keinen Tag als Arzt gearbeitet haben. Für die Ärzte ist dein Posting jetzt keine großer Überraschung (bis auf deine Verschwörungstheorie BigPharma hätte irgendwie Einfluss auf die Studieninhalte). Wie auch immer: Willkommen in der Realität. Mach das beste draus

FrauDonat
29.11.2017, 21:05
Leider ist es so wie du es gesagt hast! Aber was willst du da machen? Du hast gutes potential etwas viel besser zu machen als manche Ärzte, also last dich nicht runterziehen, von den was du gesehen und gehört hast, sondern mach es besser und nimm dir das vor und halte das immer dir vor den Augen.

Echinococcus
30.11.2017, 07:08
Wenn man schnell versteht, dass der Arztberuf genauso ein Job ist wie jeder andere und man nicht die Verantwortung hat die Welt zu retten, dann wird es leichter mit gesunder Einstellung selber heil durchs Arbeitsleben zu kommen.

Kackbratze
30.11.2017, 09:34
Als Arzt hat man die Verantwortung für jedes Leben im Krankenhaus und im privaten Umfeld. Ohne Feuer kein burnout! Also immer Alles für Alle geben, selbst für diejenigen, die eine Therapie ablehnen!
Das eigene Leben muss man zurückstellen! Für die schweren Momente gibt es Likör oder Schnee.

Arrhythmie
30.11.2017, 11:44
Schneeeee jucheeee :-))

Also. Ich bin noch keine Ärztin, hoffentlich bald - Aber hab auch schon, wie irgendwer vorhin schrieb, ein Studien-/Arbeitsleben jenseits der Medizin kennen gelernt. In der wunderschönen Welt der Wirtschaft. Verrückt. Dadurch bin ich evtl. etwas abgehärtet und verdorben.
Und irgendwie bin ich wohl komplett verrückt oder sonstwas, aber ich find ein eigenes Leben echt schön und vielleicht bin ich auch zu sehr Realistin um den Eingangsbeitrag als so furchtbar anzusehen. Sind halt entweder überhöhte Erwartungen oder sonst irgendwie Zweifel die da drin stecken.
Aber Ärzte sind ja auch keine Götter. Leider :-blush haha. Auch wenn manch einer das vielleicht (von sich selber) denkt. Alles nur Menschen... Und wo Mensch, da Fehler. :-keks

Plastik
07.12.2017, 14:13
Also irgendwie kann ich den Threadersteller nicht für voll nehmen. Ich befinde mich auch im PJ und habe bisher noch nie irgendwo mitbekommen, dass bei den Ärzten die Profitgier an erster Stelle stehen würde, es wurden auch nicht wahllos Patienten ohne ernste Indikation operiert. Gut, in Sachen Codierung wird ab und zu etwas getrickst, was ich aber durchaus nachvollziehen kann.

Bei Big Pharma klingeln bei mir immer alle Glocken. Welche Inhalte werden denn deiner Meinung nach nicht gelehrt? Kann ich absolut nicht nachvollziehen und lässt mich irgendwie daran zweifeln, dass du überhaupt studiert hast.

Ich weiß ja nicht, wo du PJ gemacht hast, aber bei den ganzen fatalen Fehldiagnosen, von denen du berichtest, muss es ja echt das letzte Provinzloch gewesen sein. Wahllos "ins Blaue" wurde in den Häusern wo ich war nie diagnostiziert.

Und dass du nicht in der Lage bist einen gesunden Umgang mit Patienten zu pflegen heißt nicht, dass andere das nicht können.

Arzt ist für viele einfach ein Beruf und nicht die Lebensaufgabe. Und das ist auch gut so.

Kackbratze
07.12.2017, 15:35
dass bei den Ärzten die Profitgier an erster Stelle stehen würde, es wurden auch nicht wahllos Patienten ohne ernste Indikation operiert.

Plastische Chirurgie?

Feuerblick
07.12.2017, 16:10
Bratze, DAS ist ein Sonderfall :-))

davo
07.12.2017, 16:47
Ist halt auch die Frage, wieviel Bevormundung man befürwortet. Wenn der Patient ein konservatives Vorgehen wünscht, wenn der Patient Schmerzmittel XYZ wünscht, dann sagt man heute, ja, unbedingt darauf eingehen, partnerschaftliches Modell, blablabla. Aber wenn der Patient eine Operation will, und es einen Arzt gibt, der diese durchführen will, dann ist es auf einmal ein Problem? Kann man kritisch sehen. Warum ist Bevormundung da auf einmal gut? Nur weil (bzw. nur wenn?) die GKV zahlt? Denn dann stellt sich gleich die nächste Frage: Warum zahlt die GKV für manche Dinge, die eindeutig medizinisch indiziert sind, nicht, und für andere Dinge, die eindeutig nicht medizinisch indiziert sind, schon? Wenn man anfängt so nachzudenken merkt man sehr schnell, dass sehr vieles in unserem Gesundheitssystem alles andere als logisch ist ;-)

Feuerblick
07.12.2017, 17:06
Bei eindeutig (!!) medizinischer Indikation zahlt die Kasse in aller Regel eine Operation. Nur wenn die nicht besteht oder kein krankhafter Zustand vorliegt, dann eben nicht.
Und das sollte man dem Patienten auch genauso mitteilen. “Ja, Sie können gerne die Schlupflider/XXX operiert bekommen, aber das zahlt die Kasse nicht, weil es rein medizinisch dafür keinen Grund gibt.” Genauso kann und sollte man das auch bei Patientenforderungen machen, die eben nicht dem Therapiestandard entsprechen. “Sie können gerne Medikament XXX bekommen. Aber da müssen Sie halt draufzahlen, weil der Standard YYY ist und Ihr Wunsch teurer und auch nicht besser.”
Ich sehe da keine Bevormundung. Und “partnerschaftliches Modell” ist doch Schwachsinn. Bringt man das Studenten heute echt bei??? Würde sich kein Klempner, kein Automechaniker, kein Handwerker dieser Welt gefallen lassen. Der Fachmann weiß, was zu tun ist. Will der Patient das eben nicht, dann muss er auch damit leben, dass es ihn Geld oder im Extremfall das Leben kostet.

davo
07.12.2017, 17:14
Das mit den GKV-Leistungen war nicht auf Operationen bezogen (davon weiß ich zu wenig) - ich habe da eher an Medikamente gedacht.

Und das mit dem partnerschaftlichen Modell... oh ja. Damit wirst du heute in jedem Psycho-Seminar und in jedem der vielen Kommunikationskurse indoktriniert.

Private Pyle
07.12.2017, 17:15
[...]dann muss er auch damit leben, dass es ihn Geld oder im Extremfall das Leben kostet.

:-)) :-))