Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Psychiater werden trotz Depression und Ängsten
Feuerblick
06.12.2017, 04:40
Wie Roxolana schon schrieb: Was nutzt dir eine Versicherung, bei deren potentiellen Abschluss du schon BU bist? Kümmer dich um dich und deine Gesundheit. Hättest du ein z.B. internistisches oder neurologisches Problem würdest du auch nicht noch drei Jahre warten, bis du es behandeln lässt. Das ist einfach hochgradig unvernünftig!
SineNomine
09.12.2017, 19:17
Arbeitsmedizin hat nur einen schlechten Ruf, weil das Fach in der Uni so schlecht dargestellt wird (genauso wie Allgemeinmedizin). So langweilig ist das gar nicht.
Kommt man aber mWn gar nicht so einfach rein, ohne das bisher persönlich recherchiert zu haben wurde mir zugetragen, dass die Weiterbildungsstellen in dem Sektoren eher rar wären. Ich mag natürlich mangels persönlicher recherche hier irren ;)
WackenDoc
09.12.2017, 19:21
Es gibt natürlich bei weitem nicht so viele Stellen wie in den klinischen Fächern, aber gerade da wo es auch reichlich Industrie gibt, geht´s wohl. Aber man braucht ja eh mind. 2 Jahre Innere. In der Zeit kann man sich umschauen. Alternative ist halt ein anderer Facharzt plus Weiterbildung zum Betriebsarzt- da gibt´s auch mehr WB-Stellen.
Nur die Kurse sind halt ne Quälerei.
Bitte, Bitte, vergiss die BU und kümmere dich um deine Gesundheit! Wie andere schon schrieben, eine Depression ist eine echte Krankheit wie andere auch und eine BU ist wirklich kein Grund, die Therapie zu verzögern. Es gibt Gründe, die für und gegen eine BU sprechen, ich kenne einige, die sich auch dagegen entschieden haben, da es Ihnen z.B. zu teuer war. Man kann sich auch selbst finanziell absichern!
Außerdem würdest du ja schon eine BU erhalten, nur psychische Erkrankungen wären nicht mit versichert. Bis 2020 (!) aber noch mit einer Therapie zu warten, halte ich für sehr gefährlich. Du scheinst ja nun schon 2-3 Jahre auf Therapie zu verzichten, und bist schon an dem Punkt, wo du nicht mehr arbeiten kannst, den Job wechseln möchtest etc. Vielleicht ist es dir ja mit einer adäquaten Therapie (sei es medikamentös oder auch anderes) sogar möglich, weiterhin in einer Klinik zu arbeiten und erstmal den Facharzt fertig zu machen. Danach könntest du dich z.B. niederlassen und hättest keine Dienstbelastung mehr, wärst selbstständiger usw.
Ich hoffe, du hast Menschen in deinem privaten Umfeld, mit denen du darüber reden kannst, aber die Meinung aller anderen hier im Forum lassen dich hoffentlich noch einmal deine Entscheidung überdenken.
stiffman
05.12.2018, 10:59
Ich grab' das nochmal aus: Stelle und med. Therapie habe ich mittlerweile, auf den PT-Platz warte ich noch immer.
Die Arbeitsbelastung ist -subjektiv wie objektiv- sehr hoch. Alle Kollegen leisten in relevanter Anzahl unbezahlte Überstunden. Die Dienste sind ziemlich anstrengend (i.d.R. arbeitet man ohne Pause durch) und bereiten mir mittlerweile schlaflose Nächte, weil das Personal so knapp ist, dass man mit hoch angespannten, fremdaggressiven Patienten regelhaft allein in einem Raum (der passenderweise noch im hintersten Eck der Notaufnahme lokalisiert ist) ist. Die Unterstützung durch die Oberärzte ist quasi nicht existent. Bislang gab es keine negative Rückmeldung zu meiner Arbeit. Die Patienten scheinen (ob die Anzahl selbstgemalter Bilder hierfür ein guter Indikator ist ;-)?) sich ernst genommen und gut behandelt zu fühlen.
Eine 5-Tage-Woche schaffe ich irgendwie. Alles, was darüber hinausgeht, ist schwierig. Nun bin ich mir nicht schlüssig, was ich tun kann.
Unser Chef hat allen Kollegen signalisiert, dass er in seiner Abteilung keine weiteren Teilzeit-Stellen schaffen wird (es gibt aktuell 4), so dass das keine Option ist.
Zu kündigen und die Klinik zu wechseln wird mich nur in dem Punkt weiterbringen, dass ich vielleicht etwas andere oder bessere Arbeitsbedingungen vorfinden werde, wenn mir eine erfolgreiche Bewerbung gelingen sollte. An meiner momentanen "Vulnerabilität" wird ein Wechsel erst einmal nichts ändern.
Mir fällt dann noch ein, die Krankheit offen zu kommunizieren. Heikel. Wenn ich Chef wäre, würde ich mich dann aber mangels Belastbarkeit und Eignung entlassen. Mein Chef hat leider auch mehr als genug geeignete Bewerber. Hat das mal jemand (aus eigener Erfahrung oder bei Kollegen) gemacht oder mitbekommen?
Eine längere AU wäre für mich die absolute Notlösung. Ich gehe gerne arbeiten und die Tagesstrukturierung durch die Arbeit tut mir gut. Vorher würde ich wohl eher den Arztberuf schmeißen und irgendwas ganz anderes machen.
Hat jemand einen klugen Gedanken? Gerade die Überlegung, ein offenes Gespräch mit dem Chef zu führen, trage ich schon länger mit mir herum.
Danke und Grüße,
stiffman
WackenDoc
05.12.2018, 13:02
Wenn es so viele Bewerber gibt- warum wird dann nicht mehr Personal eingestellt?
Unbezahlte Überstunden gehen gar nicht und auch nicht mit aggressiven Patienten alleine.
Mahlzeit,
Hat jemand einen klugen Gedanken?
Ich habe mir deinen Thread nochmal komplett durchgelesen - du hast vor einem Jahr schon sehr viele gute Hinweise erhalten.
Eine 5-Tage-Woche schaffe ich irgendwie. Alles, was darüber hinausgeht, ist schwierig.
Ich gehe gerne arbeiten und die Tagesstrukturierung durch die Arbeit tut mir gut.
Na, das ist doch ein Ansatz.
Fünf Tage arbeiten, zwei Tage frei - klingt gut, wenn du das schaffst.
Schau, wie du das umsetzen kannst. Nachtdienstbefreiung wurde hier im Thread bereits angesprochen.
Die Dienste (...) bereiten mir mittlerweile schlaflose Nächte, weil (...)
Wenn ich das richtig verstanden habe, bist du noch in der Weiterbildungszeit.
Natürlich ist die Anspannung vor den ersten Nachtdiensten höher, jedoch sollte es nicht schon Tage im Voraus Bauchweh bereiten und es sollte irgendwann nicht mehr den Thrill-Faktor haben - und ja, diese Aussage traue ich mir aufgrund eigener (nicht-medizinischer) Berufserfahrung zu.
(...) das Personal so knapp ist, dass man mit hoch angespannten, fremdaggressiven Patienten regelhaft allein in einem Raum (der passenderweise noch im hintersten Eck der Notaufnahme lokalisiert ist) ist.
Unsicherheit vor diesem Hintergrund verstehe ich allerdings sehr gut.
Nur: das macht dich nicht zu einem schlechten Arzt!
Das ist ein Problem des Stellenschlüssels und der Organisation. Das ist möglicherweise in anderen Häusern anders - da könnte ein Wechsel sehr wohl helfen.
Die Unterstützung durch die Oberärzte ist quasi nicht existent. Bislang gab es keine negative Rückmeldung zu meiner Arbeit.
Auch das zählt zu den möglicherweise veränderbaren Umständen durch Arbeitgeberwechsel.
Wenn die Voraussetzungen (fremdaggressive Patienten, abgeschiedener Raum, nachts, alleine) andere sind, erhältst du möglicherweise mehr Sicherheit und benötigst im Laufe der Weiterbildung weniger Hilfe durch OÄ.
An meiner momentanen "Vulnerabilität" wird ein Wechsel erst einmal nichts ändern.
Das stimmt meiner Meinung nach nur teilweise.
Wie hat sich deine Depression innerhalb des einen Jahres verändert?
Hast du dir Hilfe geholt?
Deine Grunderkrankung löst sich damit nicht in Luft auf, indem du die Stelle wechselst - ein Stellenwechsel könnte aber mit dazu beitragen, dass du trotz Erkrankung arbeiten kannst.
Ob in derselben Fachrichtung oder in einer anderen.
Eine längere AU wäre für mich die absolute Notlösung.
Für mich wäre sie in einer verfahrenen Situation die erste Wahl.
Zeit, um dich neu zu orientieren.
Dazu wird eh ein ausführlicheres Gespräch mit deinem Arzt notwendig sein.
Die BU kannst du ja abschließen, wenn du unbedingt willst - unter Ausschluss der Depression.
Aber such dir Hilfe.
Vorher würde ich wohl eher den Arztberuf schmeißen und irgendwas ganz anderes machen.
Nein. Einfach nein!
Du hast zu lange dafür gearbeitet und gelernt, um das jetzt einfach wegzuwerfen.
Grüße:-)
Im Übrigen bist du dem Pflegepersonal gegenüber auch in weiten Teilen weisungsbefugt. Wenn Du also anordnest, dass in einer kritischen Situation bitte Pflegepersonal mit im Raum ist, haben die das zu machen. Wenn das personaltechnisch nicht möglich ist, ist das Problem der Pflegedienstleitung. Mit aggressiven Patienten alleine sein am anderen Ende der Station geht gar nicht. Es gibt in der Psychiatrie auch viele andere Situationen, in denen man mit Patienten nicht alleine sein sollte. In meiner ersten Klinik sollte ich etwa mal alleine (als männlicher Arzt) eine digital-rektale Untersucht bei einer 20-jährigen Borderline-Patientin durchführen, weil die Schwestern keine Kapazitäten hatten. Aber bei sowas musst Du wirklich auf personelle Unterstützung bestehen!
WackenDoc
05.12.2018, 16:47
Dein Arbeitgeber hat dich übrigens vor Gefährungen zu schützen. Das ist eine gesetzliche Verpflichtung, die dein Arbeitgeber grob missachtet. Um die psychischen Belastungen schert sich der AG offenbar auch nicht- entgegen gesetzlicher Bestimmungen: Arbeitsschutzgesetz §5 (3) 6.
Nessiemoo
05.12.2018, 16:55
Also es scheint in der Tat, dass diesmal vor allem die Arbeitsbedingungen das Problem sind. Ich kann gut verstehen, dass man große Hemmungen vor einem Stellenwechsel hat, besonders nach kurzer Zeit, aber in der Psychiatrie sind doch so viele freie Stellen (so dass ich nicht glaube, dass dein CA so viele Bewerber hat). Suche dir ein entspannteres Job, verhandele von Anfang an Teilzeit. Du hast doch nach einem Jahr Neuro und einem Jahr Innere und jetzt 6 Monate Psych? nur noch 2,5 Jahre bis zum Facharzt.
In meiner ersten Klinik sollte ich etwa mal alleine (als männlicher Arzt) eine digital-rektale Untersucht bei einer 20-jährigen Borderline-Patientin durchführen, weil die Schwestern keine Kapazitäten hatten.
Und die DRU sollte die fehlenden Kapazitäten der Schwestern ersetzen?:-))
Mir fällt dann noch ein, die Krankheit offen zu kommunizieren.
Auf gar keinen Fall! Entgegen all der Entstigmatisierungskampagnen in der Öffentlichkeit würdest du dich damit als Arzt in der Psychiatrie sabotieren und je nach Vorgesetzten-Typus entweder aggressiv, abwertend oder auch quasi paternalistisch als Patient behandelt werden. Leider.
Auf gar keinen Fall! Entgegen all der Entstigmatisierungskampagnen in der Öffentlichkeit würdest du dich damit als Arzt in der Psychiatrie sabotieren und je nach Vorgesetzten-Typus entweder aggressiv, abwertend oder auch quasi paternalistisch als Patient behandelt werden. Leider.
Glaube ich nicht. Ich würde sogar behaupten, dass die meisten Chefs in der Psychiatrie damit konstruktiv umgehen und den Betroffenen unterstützen würden. Kenne aus meinem Bekanntenkreis zwei Leute, die ihre Depressionen offen mit den Vorgesetzten thematisiert haben, beide sind gut damit gefahren. Und das war jeweils in der Inneren. In der Psychiatrie muss man in meinen Augen Pech haben, wenn man es mit einem Chef zu tun hat, der einen wegen einer psychischen Erkrankung stigmatisiert. Kommt natürlich trotzdem vor, vermutlich.
Glaube ich nicht. Ich würde sogar behaupten, dass die meisten Chefs in der Psychiatrie damit konstruktiv umgehen und den Betroffenen unterstützen würden. Kenne aus meinem Bekanntenkreis zwei Leute, die ihre Depressionen offen mit den Vorgesetzten thematisiert haben, beide sind gut damit gefahren. Und das war jeweils in der Inneren. In der Psychiatrie muss man in meinen Augen Pech haben, wenn man es mit einem Chef zu tun hat, der einen wegen einer psychischen Erkrankung stigmatisiert. Kommt natürlich trotzdem vor, vermutlich.
Dein Glaube sei dir unbenommen. Die Realität sieht anders aus, insbesondere wenn Karrierewünsche vorhanden sind.
Glaube ich nicht. Ich würde sogar behaupten, dass die meisten Chefs in der Psychiatrie damit konstruktiv umgehen und den Betroffenen unterstützen würden. Kenne aus meinem Bekanntenkreis zwei Leute, die ihre Depressionen offen mit den Vorgesetzten thematisiert haben, beide sind gut damit gefahren. Und das war jeweils in der Inneren. In der Psychiatrie muss man in meinen Augen Pech haben, wenn man es mit einem Chef zu tun hat, der einen wegen einer psychischen Erkrankung stigmatisiert. Kommt natürlich trotzdem vor, vermutlich.
Leider muss ich Rafiki da zustimmen, ich hab's in meiner alten Klinik bei einer Kollegin miterlebt. Am nettesten würde ich das mit einer gewissen Hilflosigkeit gepaart mit die Erkrankung ignorieren wollen beschreiben. Durchaus von anderen Kollegen während Balint/Selbsterfahrung geschildert bekommen.
stiffman
12.12.2018, 22:38
Nach Dienst kommt durch, oder wie war das?
Es tut mir ob Eurer hilfreichen und Einwände, Hinweise und Erfahrungsberichte leid, mich erst jetzt zu melden, aber neben der Arbeit ging wegen ungewöhnlich vieler Krankheitsfälle nicht mehr viel.
Es ist gut zu lesen, dass ich die räumlichen/personellen/strukturellen Gegebenheiten vor Ort nicht ganz zu Unrecht kritisiere und die Probleme nicht zwingend bei mir verorten muss.
Von einer offenen Kommunikation meiner Erkrankung werde ich nun definitiv absehen. Es wäre schön, wenn die Haltung von Kollegen und Vorgesetzten eine professionellere wäre, aber das scheint -habe ein wenig recherchiert- nicht häufig der Fall zu sein. Schade!
@Oops: med. Therapie habe ich, nur auf den PT-Platz warte ich noch. Habe jetzt ein paar Mal Supervision (privat) gehabt.
@Wacken: Danke für den § :-top
@Kaas: Weisungsbefugnis klug und diplomatisch durchzusetzen ist eine Kunst. Umso mehr, wenn zwei Pflegekräfte die ganze Notaufnahme bedienen müssen (was allerdings eine Information ist, die ich nicht gegeben habe). Da habe ich absolute Skrupel, da ich ja sehe, wie sie arbeiten müssen, mich aber auch vor Groll schützen will. Schwierig. Was hast Du in der konkreten Situation gemacht?
@rafiki: Aus der Beobachtung heraus: Ganz klar a, aggressiv.
Na, dann will ich mich mal für die Weihnachts- und Jahreswechseldienste rüsten und mit dem Vorsatz des Stellenwechsels ins neue begeben.
Vielen Dank an alle!
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