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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hirndoping mit Medikamenten - Placebo?



Katallina
30.04.2018, 17:12
Wir hatten letztens Klassentreffen, sprachen über Gott und die Welt, welche Leute dem Alkohol verfallen sind und kamen so irgendwie auf Hirndoping. Zwei meiner ehemaligen Schulkollegen haben dann eben auch erzählt, dass sie dass regelmäßig vor Prüfungen machen, es sei an ihrer Uni (beide studieren Maschinenbau) Gang und Gebe. Der Wirkstoff, um den es ging, war Piracetam. Ich kenne mich mit sowas gar nicht aus, ja, dass man mit Ritalin dopen kann, weiß man aus den Medien, aber dass es doch so allgegenwärtig ist, ist mir dann aufgefallen, als ich im Internet recherchiert habe. Eine andere Freundin, die Molekulare Medizin in Wien studiert, meinte dann ebenfalls, sie habe Piracetam mit Cholin jeweils 3 Wochen vor ihren beiden Abschlussprüfungen genommen. Es mache sie nicht intelligenter, aber fokussierter, wacher und schnell denkender. Sie meinte, sie müsse immer viel rechnen, mache oft Fehler beim Kopfrechnen, aber mit dem Wirkstoff geht eben alles besser.

In den USA gibt's das einfach so, over the counter, das ist dort sehr verbreitet, in Österreich und Deutschland braucht man ein Rezept. Es wird bei Dementkranken, aber auch nach Schlaganfällen oder Gehirnerschütterungen eingesetzt, kann die Blut-Hirn Schranke passieren, verändert die Erythrozyten und macht die "Nervenzellen weicher" (so stand es in einem Laienartikel), so dass jede Weiterleitung eben schneller geht. Wurde anscheinend viel an Ratten getestet und soll tatsächlich gut wirken und keine Nebenwirkungen haben, bis auf Kopfweh während der Einnahme, wenn man nicht mir Acethylcholin substituiert. Ginko Biloba soll ähnlich sein, aber wesentlich schwächer.

Jetzt frag ich mich - kann das sein? Ist es wirklich möglich, dass das bei gesunden Menschen die Hirnleistung antreibt? Warum machen Menschen das? Ohne Nebenwirkung keine Wirkung, oder?

Ich finde das erschreckend aber super interessant zugleich und freue mich einfach auf eure Meinungen, euer Wissen oder auch Erfahrungen!

Shizr
30.04.2018, 18:13
Wurde anscheinend viel an Ratten getestet und soll tatsächlich gut wirken und keine Nebenwirkungen haben
Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie "Demenzen" schreibt zu Piracetam das hier:

Für Piracetam, Nicergolin, Hydergin, Phosphatidylcholin (Lecithin), Nimodipin liegen aufgrund von Mangel an Studien oder aufgrund von Studien mit mangelnder Qualität und heterogenen Patientengruppen keine ausreichenden Wirknachweise vor.
So viel mal zur ach so tollen Wirksamkeit bei Demenz.
Das Nebenwirkungsprofil scheint da auch nicht so vorteilhaft zu sein.


Meines Erachtens ist alles, was sich "Hirndoping" nennt, ein medizinisch völlig abwegiger Hype, der primär aus dem Marketing kommt, das Laien unvollständige oder überholte Daten um die Ohren haut, damit sie den Schei** kaufen, in der irrigen Hoffnung, damit ihre Hirnleistung pushen zu können.
Und nur weil es eben einen Placeboeffekt gibt und die Leute eben daran glauben wollen, hat's ab und an tatsächlich mal den Anschein, als würde das Zeug die Hirnfunktion verbessern.

Das gleiche gilt m.M.n. für Ritalin. Ich mein, klar, es ist halt ein Amphetamin, natürlich putscht es auf. Natürlich fühlt man sich leistungsfähiger, wenn man das Zeugs frisst.
Aber meines Wissens gibts noch keine Studie, die für dieses Hirndoping mit Ritalin irgendeinen echten nachweisbaren Effekt auf Lernfähigkeit, -geschwindigkeit usw. gezeigt hätte. Außer halt den Nebenwirkungen, die tatsächlich echt sind.

davo
30.04.2018, 18:14
Ich halte diese Diskussion ehrlich gesagt für einen der vielen Medienhypes. Kenne niemanden, der irgendwas genommen hat. Selbst Koffeintabletten haben nur ganz wenige Leute genommen.

WackenDoc
30.04.2018, 19:12
Würde es funktionieren, würde das Militär das in großem Stil nutzen.

Soldaten setzen aber eher auf Kaffee und Energydrinks.

Evil
30.04.2018, 20:09
Oder Pervitin, damit haben die Stuka-Piloten ihr Angriffe geflogen und Hermann Buhl den Nanga Parbat erstbestiegen.
Heutzutage erhältlich als Crystal Meth, ich tät aber eher davon abraten.

Feuerblick
30.04.2018, 20:18
Oder Pervitin, damit haben die Stuka-Piloten ihr Angriffe geflogen und Hermann Buhl den Nanga Parbat erstbestiegen.
Heutzutage erhältlich als Crystal Meth, ich tät aber eher davon abraten.
Ich wollts grad schreiben... du warst schneller :-))

WackenDoc
30.04.2018, 20:37
Naja- damals hat man aber auch schon rausgefunden, dass es eben nur sehr begrenzt funktioniert. Man HAT ja versucht, vor allem Piloten zu dopen. Wacher waren sie schon. Dummerweise hat darunter ihre Urteilsfähigkeit gelitten. Das ist für Piloten dann auch irgendwie kontraproduktiv.

Choranaptyxis
30.04.2018, 20:48
Also mein Pharma Prof hat ja mal Nikotin und Meldonium dazu erwähnt, gibt wohl Studien, die da evtl Wirkung sehen. :D ausprobiert hat es bei uns allerdings keiner.

Dasbeisstsichein
30.04.2018, 21:11
Go-Pills werden immernoch von angloamerikanischen Soldaten eingenommen. Ich kann mich nach an den "Skandal" erinnern als einer unter Einfluss Freundbeschuss ausübte. Es wird folglich nicht ausnahmsweise eingenommen werden.
Auch sind doch letztens Bundeswehrsoldaten bei einem Gewaltmarsch gestorben, die wohl auch Amphetamine konsumiert hatten (wohl eher am Ausbilder vorbei).

Den Konsum unter Studenten halte ich auch für medial überhöht, jedoch vorhanden. Ich kenne persönlich Leute, die diverse Amphetaminderivate zur kognitiven Leistungssteigerung eingenommen haben. Es waren aber meist oder immer Menschen, die auch anderweitig Drogenerfahrung hatten.

Leider habe ich keine explizite Studie zur tatsächlichen kognitiven Leistungssteigerung gefunden. Es ist auf jeden Fall nicht klar belegt.
Außer Frage steht, dass Amphetamine jeglicher Art Ermüdungserscheinungen unterdrücken. Es wird also schon kurzfristig länger, länger konzentriert gelernt/geistig gearbeitet werden können, wobei man die darauffolgende Erschöpfung nicht vergessen sollte.

Laidnevergiveup
30.04.2018, 21:36
Ich habe es in der Abi Phase genommen und habe eine deutliche Steigerung gemerkt von 1.0 auf 0.7 Schnitt

Shizr
30.04.2018, 21:36
Es wird also schon kurzfristig länger, länger konzentriert gelernt/geistig gearbeitet werden können
Das ist ja eben die große Frage.

Dass Amphetamine geeignet sind, die Müdigkeit zu unterdrücken, ist wohl relativ unstrittig.
Aber ist man unter dem Einfluss von Amphetaminen tatsächlich konzentrierter?
Siehe WackenDocs Beitrag.


Ich gebe gerne zu, dass ich ein langweiliger Spießer bin und hierzu keine Drogenerfahrungen aus erster Hand beizusteuern habe. Aber ich bezweifle, dass Amphetamine tatsächlich objektiv und messbar die Konzentrationsfähigkeit steigern.
Wohl eher im Gegenteil. Und ich glaube, nur im optimistischsten Fall wird es netto keinen messbaren Unterschied machen.

Dasbeisstsichein
30.04.2018, 21:48
Man wird nicht "intelligenter" oder leistungsfähiger. Es ist doch so, dass , wenn man "frisch" ans Werk geht, fokussierter ist und die Konzentration nach -bei mir 1-1 1/2 Stunden- nachlässt, man schneller abschweift und nicht mehr so arbeitet wie zuvor. Eigentlich ist dann Zeit für eine Pause.

Jedoch wird dir jeder, der schon mal Amphetamine jeglicher Art konsumiert hat, bestätigen können: Es macht -kurzfristig- schon etwas aus. Man bemerkt einen Tunnelblick-Effekt. Man ist also extrem fokussiert auf das was man tut und das ohne die genannte Ermüdung. Die produktive Phase ist einfach länger vorhanden (5-6 Stunden).
Klar spielt Placebo auch eine Rolle.

Als Einnahme zur dauerhaften Leistungssteigerung halte ich es weder für hilfreich, schon gar nicht für empfehlenswert.
Es ist auch so, dass sich erstens eine Toleranz ausbildet, als auch die Ermüdungserscheinungen stärker ausfallen werden.

WackenDoc
30.04.2018, 23:10
In Munster ist ein Rekrut gestorben und ein paar andere zusammengebrochen. Amphetamine wurden inzwischen ausgeschlossen. Auch unverhältnismäßige Mengen an Energy und Co.

Von dem was ich über den Fall weiss, könnten! Elektrolytverschiebungen eine Rolle gespielt haben(es war etwas warm und die Ausbilder haben darauf geachtet, dass die Rekruten viel trinken. War wohl nur normales Leitungswasser- das kann tatsächlich Probleme machen).

Die Bundeswehr hat nichtmal sowas wie Koffeintabletten. Die Amis haben auch nicht generell was aufputschendes- wobei die nen Energy in der Truppenverpflegung haben (Rip-it, heisst das Zeug. Ist quasi das gleiche wie Red Bull) und in manchen Einsatzländern bekommt man auch einheimisches Energyzeugs was Dosierungen über dem, was bei uns erlaubt ist, drin hat.
Ja, macht wacher, aber auch hibbeliger, aufgedrehter- so wie ein Kaffee ganz gut ist um morgens ausm Quark zu kommen- 5 Kaffee auf einmal und du fliegst halt über die Station.

Zusammen mit körperlicher Belastung funktioniert das eh nicht.

Unseren Kraftfahrern haben wir von übermäßigem Konsum von allem Aufputschenden abgeraten und eher auf die Führung eingewirkt, dass die ausreichend Schlaf bekommen, wenn es irgendwie möglich ist.