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Im Land der Sonne und der Alegrie

Erasmus in Madrid

Katharina Berger

Madrid, 1.September 2001…die Sonne brennt. Mit ihren über 4 Mio. Einwohnern zählt Madrid zu einer der grössten und aufregendsten Metropolen Europas - und das zu recht. Es gibt nicht nur ein grosses Kulturangebot, sondern auch das Nachtleben mit unzähligen Bars und Clubs ist einfach unbeschreiblich. Madrid liegt im Zentrum Spaniens auf einer Hochebene und jeder Spanier schwärmt von “la capital”.

Die zahlreichen Attraktionen und das rege Leben sollten diese Stadt eigentlich zu einer der vielbesuchtesten Städte machen, aber da sie nicht am Meer liegt und man sich im Sommer bei 40 Grad im Schatten nicht bewegen kann, ziehen doch viele Touristen die Küste vor. Aber dennoch hat für mich Madrid einen einzigartigen Flair: den Flair einer typisch spanische Stadt!!

Mein erster Eindruck von Madrid war eigentlich eher negativ. Zu viel Verkehr, ein echtes Smogproblem, kaum kleine Gäβchen mit alten Häusern, alles sehr pompös und wohin das Auge blickt Baustellen (schlimmer als in Berlin!!) und im Zentrum wird man von einer Menschenmasse überwältigt. Jedoch hat sich dieser erste Eindruck schnell verändert und inzwischen habe ich diese Stadt und die Madreleños richtig ins Herz geschlossen.

Anfangs ist es im Vergleich zu Deutschland eine ziemliche Umstellung, denn man muss sich zum Beispiel an die vielen Rempler gewöhnen, die einen regelrecht auf dem Gehweg umhauen, sowie die direkten Blickkontakte der Spanier, die vielen Taschendiebstähle( jeder wird hier mindestens einmal beklaut) und der andere Lebensrhythmus, da man vor 9 Uhr abends in keinem Restaurant etwas zu essen bekommt (Mittagessen erst ab 14 Uhr).

Uni

Als ich bei dem Erasmus- Büro der Universität Complutense ankam, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit. Einziges Problem: keiner sprach Englisch. Meine Spanischkenntnisse waren zu dieser Zeit, trotz Sprachkurs und intensiver Vorbereitung, doch nicht so gut wie ich dachte. Gott sei Dank gab es nicht viel zu klären, ich musste nur meine Papiere vorzeigen und mir ein Krankenhaus auswählen, das war alles. Ich entschied mich für das Gregorio Marañon. Es ist eines der gröβten und ältesten Krankenhäuser Europas (hab ich mir sagen lassen). Entschieden hab ich mich aber dafür, weil ein Freund mir dazu geraten hat. Es gibt dort keinen Stress mit Anwesenheit und man kann alles machen, was einen interessiert. Das allerdings glaube ich gilt an allen Krankenhäusern in Madrid. Ich habe mich mit meiner Kurswahl an dem 3. und 4. klinischen Semestern orientiert und in meiner freien Zeit noch ein paar Tage drangehängt in Bereichen, in denen ich nette Ärzte kennengelernt habe.

Der Tagesablauf eines Studenten am Gregorio Marañon sieht folgendermassen aus: von 8-10 Uhr Vorlesungen und danach 3 Stunden Praktika und daneben noch einige Seminare. Die einzelnen Praktikagruppen bestehen meistens aus 6 Studenten, was bedeuted, dass der Stationsarzt aufstöhnt (“Was so viele! Ich habe ja eigentlich gerade gar keine Zeit! Lest euch mal diese Krankenakte durch und danach könnt ihr gehen…!) Das ist leider öfter der Fall und kommt dadurch zustande, dass die Professoren davon ausgehen, dass viele Studenten nicht zu den Praktika gehen, wenn aber in deiner Gruppe alle da sind- ja Pech gehabt. Neben den Praktika gibt es Blockseminare, die meistens auch bis an die 3 Stunden dauern und in der Regel ziemlich gut sind. Natürlich hab ich einige Praktikas mit den Studenten absolviert, wie Gynäkologie, HNO, Pediatrie, Augenheilkunde und Anästesie. Die Restlichen (Innere, Chirurgie, Derma) hab ich alle selbst organisiert. Das heiβt ich bin direkt zu den Professoren gegangen und hab sie gefragt, ob ich auf ihrer Station ein Praktikum absolvieren könnte. Das ist eigentlich auch immer möglich. Man hat einen Famulantenstatus, fängt oft schon um 8 Uhr morgens an und geht um 15 Uhr nach Hause. Das kann ich jedem nur ans Herz legen. Bei den offiziellen Praktika routiert man ziemlich durch. Jeder Tag ein anderer Arzt, d.h. man kann keine Beziehung aufbauen und der Arzt fühlt sich weniger verpflichtet dir etwas beizubringen.

 

Erste praktische Erfahrungen

Mein erstes Praktikum HNO war leider sehr schlecht, darum will ich erst gar nicht darauf eingehen. Danach war ich in der speziellen Augenklinik in Rúben Dario, jeden Tag war ich in einem anderen Bereich, Retina, Glaukom oder Strabismus. Die Ärzte waren alle sehr erklärfreudig und ich durfte auch alle Patienten mituntersuchen. Das ganze für 2 Wochen und dann auch schon Gynäkologie. Ich weiss nicht, ob es am Fach liegt, aber die Ärzte in Gyn waren alle eher unfreundlich und einige hielten es noch nicht einmal für nötig "hallo" zu sagen. Keine Ahnung wieso, aber Gyn ist am Gregorio Marañon ein rieben Fach, man hat 6 Wochen Praktika über die 2 Semester verteilt und 2 Wochen Blockseminar. Soviel hat man noch nicht einmal in Innere oder Chirurgie. Bei den “Consultas”(Sprechstunden), bei der Krebsnachsorge, fand ich dann einen Arzt der mich untersuchen lieb.

Eine 70 jährige Patientin kam mit einem operierten Ovarialkrebs in die Sprechstunde mit ihrem Mann. Der Arzt erklärte ihr dass alles o.k. sei und als sie wieder weg war, erzählte er mir, dab diese Frau eigentlich ein Mann (xy) mit einem Enzymdefekt in der Androgenproduktion wäre, sie hätte keinen Uterus und der Tumor sei ein innerer Hodenkrebs. Ihr hätte das aber nie irgendjemand gesagt, weil sie ja glücklich verheiratet ist und auch schon zu alt wäre, um ihr so einen Schock zu versetzen. Das konnte ich ja noch nachvollziehen, aber wieso sich diese Frau nie gefragt hat wieso sie keine Periode hat oder keine Kinder bekommen kann, irgendwie ist diese Geschichte für mich eher unverständlich. Aber hier wird auch oft erst mit den Verwandten gesprochen und die entscheiden dann, ob der Patient erfährt sollte, dab er Krebs hat. Es gibt Patienten, die verbringen Monate im Krankenhaus ohne zu wissen, an was für einer Krankheit sie leiden.

Nach der Consulta bin ich in den Partitorio (Kreissaal) gegangen. Ich hatte ja noch nie eine Geburt gesehen und hier gleich am ersten Tag fünf auf einmal. Das war wirklich ein Erlebnis. Trotz alldem, was wir studiert haben, wird für mich die Geburt immer unverständlich bleiben- ein Wunder der Natur. Im Kreissaal gibt es drei Ops, drei Zimmer zur Vorbereitung und Erholungszimmer. In einem Zimmer ist Platz für drei Frauen und jede Frau darf einen Angehörigen mit ins Zimmer nehmen( entweder Mann oder Mutter). Bei jeder Frau wird prinzipiell ein Dammschnitt gesetzt und sobald eine kleine Unstimmigkeit auftritt ein Kaiserschnitt angesetzt. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit mit Deutschland (das war mein erstes Mal im Kreissaal), aber ich glaube in Deutschland ist das nicht die Regel.

Danach ging es weiter mit Pediatrie, dort erstmal für 2 Wochen. Urgencias (Notaufnahme). In Spanien sollte eigentlich jeder zu dem Arzt in seiner Region gehen. Das kann aber sehr unangenehm sein, da viele Ärzte Wartezeiten bis zu 6 Monaten haben. Was macht man aber mit einer einfachen Grippe?- In einem halben Jahr ist man ja schon wieder gesund - man geht zu Urgencias. Die Krankenhäuser sind verpflichtet, jeden zu behandeln der kommt - mit oder ohne Krankenversicherung. Das bedeutet man findet dort von Schnupfen bis Knochenbrüchen, von obere Mittelklasse bis zu Obdachlosen alles. Ich selbst war 3 Wochen in der Pediatrie-Notaufnahme und danach noch eine Woche in Notaufnahme im Hauptgebäude. Es ist unglaublich was man alles sieht, die Notaufnahme ist eigentlich immer voll. Normalerweise ist immer die ganze Sippe mit anwesend. In der Regel geht niemand allein zum Arzt, was ja auch okay ist, aber hier wollen auch die Angehörigen ihre Meinung äussern. Der Vater fängt an zu singen, der Onkel schimpft, die Oma gibt der Mutter die Schuld, sie hätte ja schon immer gewuβt, daβ das Kind schlecht erzogen wäre. Oft waren sie auch vorher schon in einem anderen Krankenhaus. In der Notaufnahme kann man ziemlich viel lernen ( natürlich immer abhängig vom Arzt), man darf nähen, Anamnese machen, untersuchen und Gipsverbände anlagen und Abszesse behandeln. 
 
 
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