Einleitung
Der Arztberuf ist eine Herausforderung. Gleichzeitig ist er einer der Berufe, die mit hoher Sinnhaftigkeit und hohem sozialen Ansehen in Verbindung gebracht werden. Und das zu recht. Aber bei zunehmender Arbeitsverdichtung, Personalknappheit, Wissenserweiterung und technischem Fortschritt in der Medizin sind die Stressfaktoren des Arztberufes nicht zu vernachlässigen. Damit sich gerade die (dienst-)jungen Ärzte, d.h. die Assistenzärzte, nach wie vor zu ihrer Tätigkeit berufen fühlen – was impliziert, dass sie körperlich und psychisch gesund bleiben – ist es wichtig, auf persönlicher und institutioneller Ebene die Bedingungen dafür zu schaffen, dass der Arztberuf sie nicht aus dem Gleichgewicht wirft.
Im Berufsleben möglichst viele Stressoren ab- und Ressourcen aufzubauen ist somit betriebliche und persönliche Aufgabe. Dazu ist es wichtig, relevante Stressoren und Ressourcen zu kennen. Damit befasste sich die im September 2011 in Zusammenarbeit mit MEDI-LEARN durchgeführte Online-Umfrage.
Demografische Merkmale der befragten Assistenzärzte
In die Auswertung gingen die Daten von 128 Ärzten und 321 Ärztinnen im durchschnittlichen Alter von 31 Jahren ein. 67 Prozent der Befragten lebten zum Zeitpunkt der Befragung in einer festen Beziehung. Die meisten Teilnehmer der Studie (65 Prozent) waren in einem städtischen oder kommunalen Krankenhaus angestellt. 25 Prozent arbeiteten in einer Universitätsklinik, fünf Prozent in einer Privatklinik oder eigenen Praxis, die übrigen fünf Prozent in sonstigen Institutionen.
Das berufliche Ziel, das die meisten (56 Prozent) Assistenzärzte angaben, war die praktische Tätigkeit in einem Krankenhaus. Die wenigsten (drei Prozent) nannten das Ziel, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu wollen, z. B. zu Gunsten einer Elternschaft. Auf der anderen Seite gaben 20 Prozent der Assistenzärzte an, dass die von ihnen getroffene Berufswahl zum Arzt möglicherweise nicht die richtige war. Im Durchschnitt hatten die Ärzte ihre gegenwärtige Position als Assistent seit zweieinhalb Jahren inne.
Belastungs- und Ressourcenprofil der Gesamtgruppe
In der Studie wurde sowohl nach äußeren und inneren Belastungsaspekten als auch nach Ressourcen und Zufriedenheit in den Lebensbereichen Beruf, eigene Person, Familie/Partnerschaft und Freunde/Freundeskreis gefragt. Die Ressourcenerfassung basierte auf der Burnout-Screening-Skala III (Hagemann und Geuenich). Abb. 1: Ergebniswerte der Assistenzärzte/-innen im Hinblick auf die berufliche Belastung und die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Skala 0 bis 5; Minimum = 0, Maximum = 5. Verwendet wurden hier die Mittelwerte der Gruppe.
Es wird deutlich, dass die Ressourcen in größerem Ausmaß vorhanden sind als die Belastungen. Die mittelhohen beruflichen Belastungswerte gehen darauf zurück, dass 20 Prozent der Studienteilnehmer hohe Belastungen im Beruf und knapp 80 Prozent „nur“ mäßige Belastungen angaben. Der Anteil der Teilnehmer, die keine bzw. niedrige Belastungen beschrieben, liegt unter vier Prozent.
Die höchsten beruflichen Belastungen fanden sich in den folgenden Merkmalen: Hohe Erwartung der Patienten und der Vorgesetzten an die Assistenzärzte, Stress durch den Wechsel zum Status des Assistenzarztes (60 Prozent empfanden diesen Wechsel als „Sprung ins kalte Wasser“), Belastungen durch wenig Raum für Privates sowie durch einen hohen Arbeitsumfang.
Auf der Seite der Ressourcen sind die Ressourcen, die aus der Familie/Partnerschaft erwachsen, am höchsten. Dies gilt insbesondere für die Merkmale Verlässlichkeit, Nähe und Wertschätzung. In Bezug auf den Beruf sind die Merkmale Identifikation mit der beruflichen Tätigkeit und Wertschätzung im Arbeitsteam die größten Ressourcen.
Die Gesamtgruppe wurde anhand der Merkmale Alter, Geschlecht, Arbeitgeber (städtisches/kommunales Krankenhaus vs. Universitätsklinik vs. Privatklinik/Praxis), und Familienstand in Teilgruppen getrennt. Jedoch zeigte sich keine der genannten Variablen als wichtiges unterscheidendes Merkmal im Hinblick auf berufliche Belastungen und allgemeine Ressourcen. Die Belastung der Assistenzärzte war signifikant höher als die der PJler, aber nicht niedriger oder höher als die der Fachärzte oder Oberärzte. Chefärzte nahmen an der Studie nicht teil.
Merkmale Arbeitszeit und -umfang
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit lag bei 45 Stunden. In die Studie gingen Arbeitszeiten ab 30 Wochenstunden ein. Teilzeitbeschäftigung unterhalb dieses Levels wurden nicht einbezogen, um Verzerrungen der Daten zu vermeiden, die sich auf Vollzeitbeschäftigte konzentrieren. Im Schnitt wurden pro Woche acht Überstunden gemacht. Die durchschnittliche Anzahl an Nachtdiensten lag bei vier pro Monat und die der Wochenenddienste bei zwei pro Monat. Die Teilnehmer der Studie schätzen im Durchschnitt, dass unter den gegebenen Arbeitsbedingungen 39 Stunden pro Woche zu leisten wären, ohne dass die Gesundheit auf Dauer gefährdet sei.
Gleiches galt für die Nachtdienste, deren verträgliches Ausmaß auf 1,4 pro Monat geschätzt wurde. Die Diskrepanz zwischen durchschnittlichem Ist und durchschnittlichem Sollte liegt demnach bei sechs Stunden bzw. 0,6 Diensten pro Monat. Dabei zeigte sich, dass erwartungsgemäß eine längere Arbeitszeit mit signifikant höheren beruflichen Belastungswerten einherging. Jedoch ist dieser Einfluss trotz seiner statischen Signifikanz nicht aussagekräftig genug, um alle Unterschiede in der beruflichen Belastung zwischen den Teilnehmern der Studie zu erklären. Neben der Arbeitszeit müssen demnach weitere Stressoren bzw. Ressourcen(-mängel) ins Kalkül gezogen werden, um beruflichen Stress zu erklären.
Jedoch soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass jeder zehnte Assistenzarzt 60 Stunden und mehr arbeitet, und jeder fünfte 50 Stunden und mehr. Regelmäßige Pausen hat nur jeder zweite der Teilnehmer zu einem (subjektiv) zufriedenstellenden Ausmaß. Dass dies auf Dauer an den Kräften und Ressourcen zehrt, verwundert nicht und zeigt sich entsprechend auch in den Daten.