Das Pädiatrie-Clerkship
Nach den drei Monaten Innere Medizin hatten wir eine Woche frei, die ich in New York verbrachte. Im Mai begann dann das sechswöchige Pädiatrie-Clerkship, das ähnlich organisiert ist wie Innere: Drei Wochen auf Station, eine Woche verschiedene Ambulanzen einschließlich der Neugeborenenstation der Frauenklinik und zwei Wochen in einer Arztpraxis. Auf Station hatte ich etwas Pech mit meinem Resident, er wollte immer nur so schnell wie möglich fertig werden und so kam das Teaching leider zu kurz. Meine Praxiserfahrung war sehr nett, der Kinderarzt war schon älter und hatte viel Zeit. Im Gegensatz zu einigen meiner Kommilitonen in anderen Praxen durfte ich jedoch nur sehr wenig selbständig machen. Ebenso wie in Innerer Medizin gab es eine praktische und eine theoretische Abschlussprüfung.
Anschließend absolvierte ich das zweiwöchige Clerkship in Radiologie sowie eine Woche das Elective „Cross-sectional Imaging“. In letzterem las ich vor allem zusammen mit den Radiologen Computertomografien. Radiologie ist für die amerikanischen Studenten freiwillig, jedoch hatte sich zu dem Zeitpunkt, als ich das Clerkship belegt hatte, die Rekordzahl von zehn Studenten angemeldet, so dass von radiologischer Seite viel Unterricht speziell für uns abgehalten wurde, der stets exzellent war. In der übrigen Zeit rotierte man durch die verschiedenen Abteilungen und hatte mehr oder weniger Glück mit der Erklärungsfreude der Radiologen. Zum Abschluss präsentierte jeder Student einen Fall, bei dem mindestens zwei radiologische Verfahren angewendet wurden. Hierfür scannten wir die Filme ein und integrierten sie in Powerpointfolien, die dann über Labtop projiziert wurden.
Meine letzten drei Wochen verbrachte ich auf der Neurologie und konnte hier einige der besten und interessantesten Erfahrungen sammeln. Am Ende meines halben Jahres war ich nun viel sicherer im amerikanischen System und dieses Elective gab mir die Möglichkeit, relativ eigenständig zu arbeiten. Ich war dem sogenannten Consult-Team zugeteilt, welches zu Patienten auf nicht-neurologischen Stationen des Klinikums gerufen wird, um neurologische Probleme abzuklären. Im Gegensatz zu meinen vorigen Erfahrungen ließ es sich Dr. Easton, der Chef der Abteilung und Attending des Teams während dieses Monats, nicht nehmen, alle Patienten ausführlich zusammen mit dem gesamten Team selbst noch einmal zu befragen und zu untersuchen, wobei wir sehr viel gelernt haben. Vormittags nach der Morgenkonferenz sah jeder seine Patienten und nach der Mittagskonferenz war Visite mit Dr. Easton. (Die Mittagskonferenz ist eine geniale Einrichtung in amerikanischen Kliniken: Während des Mittagessens werden Vorträge gehalten, die meistens sehr interessant sind, so bildet man sich noch während des Essens:-) Wir brauchten für jeden Patienten etwa eine Stunde: Erst stellte der Resident oder Student den Fall vor und wie er ihn einschätzt, dann ging man ins Patientenzimmer und anschliessend wurde gemeinsam diskutiert, wobei alle Probleme ausführlich zur Sprache kamen. Wir hatten ein sehr interessantes Spektrum an Patienten in diesen drei Wochen, und ich lernte eine Menge, so dass es mir nicht viel ausmachte, dass ich im Gegensatz zu anderen Electives abends selten vor sechs Uhr nach Hause kam.
Nun einige Worte allgemein zum amerikanischen Medizinstudium: Nach der Highschool mit etwa 18 Jahren gehen die amerikanischen Studenten für vier Jahre auf ein College (auch undergraduate studies genannt), wo sie unter anderem für Medizin relevante Fächer wie Biologie, Physik, Chemie und Biochemie belegen. Danach können sie sich bei einer Medical School bewerben, wobei Brown zu den teureren gehört. Wir hatten einige Freunde, die Biochemie als graduate students studieren und hierfür, wie auch in vielen anderen Fächern üblich, sogar bezahlt werden, so dass sie also nur das undergraduate Studium selbst finanzieren müssen. Nicht so die Medical School. Dies führt dazu, dass der junge Arzt nach vier Jahren College und vier Jahren Medical School mit einem ungeheuren Schuldenberg dasteht (es sei denn, die Eltern hatten für jedes Kind so viel Geld flüssig). Allerdings verdienen die Ärzte in den USA auch bedeutend mehr als in Europa, aber die Arbeitszeiten in den ersten Jahren sind auch ungeheuer lang.