teaser bild

Benutzername:

Passwort:

Jetzt registrieren

Passwort futsch!?

;-)

Auslandssemester in Providence/Rhode Island

Austauschprogramm Uni Tübingen - Brown University

Sabine Gabrysch

 

Zum amerikanischen Medizinstudium

Ich habe einige junge amerikanische Ärztinnen kennengelernt, die aus privaten Gründen gerne in Europa arbeiten würden, sich das finanziell jedoch nicht leisten können. Das amerikanische Medizinstudium ist sehr viel mehr durchorganisiert als in Deutschland. Für ein Forschungsprojekt muss man sich extra frei nehmen, die Doktorarbeit „nebenher“ anzufertigen, ist nicht möglich. Doktor und Doktor sind auch zwei getrennte Dinge, ein Absolvent der Medical School trägt den Titel MD für Medical Doctor, also Arzt, der wissenschaftliche Doktortitel heißt PhD, und sein Erwerb erfordert mindestens zwei bis drei Jahre. Es gibt auch kombinierte MD/PhD-Programme, für die man eine finanzielle Unterstützung bekommen kann.
Die amerikanischen Studenten werden ständig und überall evaluiert (und evaluieren im Gegenzug auch ihre Kurse). Der ständige Leistungsdruck führt jedoch bei manchen dazu, dass sie sich kaum trauen, Kritik anzubringen und ihre Meinung offen zu sagen, um nicht negativ aufzufallen. Auch zögern viele, „dumme“ Fragen zu stellen, um nicht schlecht evaluiert zu werden. Ich erinnere mich, wie ein Student, als er erfuhr, dass nach den ersten vier Tagen des Clerkshipmonats das Team wechselt und das erste nicht evaluieren wird, erleichtert ausrief: „Wie schön, dann können wir ja am Anfang alles fragen, ohne Angst, dumm dazustehen!“ Insbesondere mit meiner Gruppe in Innere hatte ich großes Glück, da alle sehr nett und vor allem humorvoll waren. Wir hatten in unseren Unterrichtskursen immer viel Spaß zusammen. Überhaupt waren fast ausnahmslos alle, mit denen ich in der Universität und im Krankenhaus zu tun hatte, unheimlich offen, unkompliziert und hilfsbereit. Das Vorurteil, dass hinter der anfänglichen Freundlichkeit manchmal jedoch nicht viel mehr steht, fand ich jedoch auch zum Teil bestätigt. Dennoch ist es angenehm, wenn die Menschen so offen und nett auf Fremde zugehen. Auf vage Einladungen und Versprechen sollte man sich jedoch lieber nicht verlassen, allzuoft kommt nichts mehr nach. Einige wenige amerikanische Freunde konnte ich aber doch gewinnen, dazu eine Reihe internationaler Studenten. Die knappe Freizeit, die mir neben dem Krankenhaus blieb, war immer ausgefüllt, Heimweh oder Langeweile völlig unbekannt.

Besonders praktisch war es, direkt beim Campus zu wohnen. Rechenzentrum, Büchereien, Klavierübungsräume, Sporthalle und Schwimmbad liegen alle nur fünf Minuten entfernt und sind für Brown-Studenten kostenlos nutzbar.

Als ich im Januar ankam, war es bitterkalt und die tägliche zehnminütige Fahrt mit dem Fahrrad zum Krankenhaus erforderte mehrere Schichten dicke Winterkleidung. Im Sommer war das Wetter meist sehr gut, selten war es unerträglich schwül. Ich hatte mir auf Rat meiner Vorgänger das Buch „Short Bike Rides in Rhode Island“ gekauft und erkundete an den Wochenenden die nähere Umgebung. Rhode Island ist zwar der kleinste und dichtbevölkertste Staat der USA, doch schon kurz ausserhalb von Providence ist die Landschaft sehr schön und ländlich. Es gibt zwei Radwege, einen davon direkt am Meer (Narrangansett Bay) entlang bis nach Bristol, dazu zahllose kleine, relativ unbefahrene Straßen. In meiner amerikanischen Kommilitonin Katie hatte ich eine ebenso Radtour-begeisterte Begleiterin gefunden.

Nach Ende meiner Kurse reiste ich drei Wochen durch Neuengland und Quebec, um noch etwas mehr vom Land zu sehen und war fasziniert von der Weite der Landschaft. Ich verbrachte einige Tage an der Küste von Maine und im Acadia Nationalpark auf Mount Desert Island, in den endlosen grünen Wäldern und Bergen von Maine, Vermont und New Hampshire mit ihren zahllosen klaren Seen, beobachtete Wale im St. Lorenzstrom und schaute mir Quebec City und Montreal an. Da Boston nur eine Stunde von Providence entfernt ist, war ich während des Semesters schon einige Male dort gewesen und bin, ebenso wie viele andere, von dieser vielseitigen Stadt fasziniert.

Im Ganzen hatte ich ein wunderbares halbes Jahr voller neuer Erfahrungen und Erlebnisse, habe für mein Studium und auch ganz allgemein viel gelernt, neue Freunde gefunden und die amerikanische Lebensweise und das medizinische System dort kennengelernt. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit zu diesem Auslandssemester hatte, es war wirklich all die Mühen und Kosten wert!
Weiter
auf Seite