Und mal wieder zu Unrecht gemeckert

4. Juli 2014 geschrieben von Annette

Gestern im Dienst hab ich mich tatsächlich mal mit einem Patienten angelegt, bzw. mit dem Vater von der Patientin. Eigentlich tauchte der nämlich so gegen halb 9 Abends mit einer 4 Tage alten Überweisung in die Radiologie für seine Mutter auf. Die Schwester hat ihm dann bestimmt, aber halbwegs freundlich erklärt, dass er bitte morgen um 8 wieder kommen soll, da wir aktuell nur Notfälle behandeln und dies ja keiner zu sein scheint.

Statt dann abzuziehen fiel ihm aber ein, dass seine 6 jährige Tochter ja auch Schmerzen hat. Seit einer Woche. Da klingelten bei mir die Alarmglocken. Ich zeigte auf das große Schild über dem Tresen: “NOTFALLAMBULANZ”. Schmerzen seit einer Woche sind kein Notfall mehr! Er könne morgen mit ihr zum Kinderazt gehen. Da sei er schon gewesen, sagte er, der Kinderarzt habe nichts gemacht! Ixh erklärte ihm, ich würde auch nicht mehr machen als eine Notfallbehandlung. “Wenn ein Kind Schmerzen hat, ist das kein Notfall??”, wobei er das Wort “Kind” immer ganz besonders betonte. Nochmals versuchte ich ihm zu erklären, was ein Notfall ist und was nicht. Egal, er hatte sich ja bereits angemeldet und ich hatte auch zugestimmt, mir die Kleine anzusehen.

Schmerzen im Bein ist gar nicht so selten bei Kindern, meistens ist es ein “Hüftschnupfen”. Das Kind humpelte leicht und hatte Schmerzen bei Bewegung des Beins in der Hüfte. Ich holte das Ultraschallgerät noch dazu, fand aber keinen Erguss im Hüftgelenk. Schonmal gut. Ich überlegte, ob ich wirklich ein Röntgenbild machen soll, aber wenn ich die Leitlinien für aseptische Knochennekrosen bei Kindern noch richtig im Kopf habe, gehört das Röntgenbild nach wie vor dazu. In Gedanken hörte ich schon den Kinderarzt, wie er sich über mich beschwert, warum ich denn ein Kind unnötig mit Strahlen belaste.

Aber: das Röntgenbild war auffällig! Leider hatte ich kein gutes Lehrbuch mit Vergleichsbildern vorzuliegen, also bemühte ich Google. Ich schien rechte zu haben, der Hüftkopf sah höchst auffällig aus.

Das Kind bekam Krücken und der Vater die dringende Empfehlung, so bald wie möglich ein MRT von der Hüfte machen zu lassen.

Also war es doch gut, dass ich mir das Kind angeschaut hatte. Der Kinderarzt schien die Situation erstmal für zu harmlos gehalten zu haben. Ich muss aber zugeben, dass dies mein erster konkreter Verdacht auf einen Morbus Perthes in über 5 Jahren war.

Einlauf!

13. Juni 2014 geschrieben von Annette

Herrje, was ich hab ich heute verschissen… unglaublich, wie blöd man sich anstellen kann. Ich habe eine TODSÜNDE begangen! Hier die Story:

Mir ist schon aufgefallen, dass in meiner neuen Klinik die unfallchirurgischen Sachen etwas anders gemacht werden, als ich es gewohnt bin. Etwas anders zu machen, muss ja nicht per se schlecht sein. Aber zufällig habe ich ja erst Anfang des Jahres in meiner alten Klinik eine Fortbildung zum Thema distale Radiusfrakturen gehalten und deswegen eeeetwas Ahnung von dem Thema. Zudem hatten wir ja einen sehr fähigen Handchirurgen und haben obendrein diese Art von Verletzung wirklich häufig operiert, teilweise drei, viermal am Tag.

In meiner neuen Klinik operieren wir sowas vielleicht zweimal im Monat. Einmal war ich dabei. Die Platte, die wir haben, ist schei*e. Die postoperativen Röntgenbilder, die ich bisher gesehen habe, waren alle schei*e. Und die Nachbehandlung, wie sie bei uns empfohlen wird, ist auch schei*e. Entspricht einfach nicht modernen Standards.

Mit anderen Worten: ich würde mich nie nie niemals in unserer Handklinik an einer distalen Radiusfraktur operieren lassen.

Heute morgen hatte ich einen jungen Mann, noch Teenager, in der Ambulanz zur Kontrolle eben mit einer distalen Radiusfraktur. Er hatte zwei Tage zuvor bei uns auch einen Gips bekommen – aber bisher hat ihm niemand einen OP Termin gegeben. Eigentlich hätte ich dies nun tun sollen. Ich erklärte also dem Patienten und seinem Vater, dass wir die Operation bei uns machen könnten, ABER es würde andere Kliniken geben, die sowas häufiger machen…. mit anderen Worten: ich riet ihm offen davon ab, sich bei uns operieren zu lassen und schickte ihn weg in eine andere Klinik.

Etwa zwei Stunden später rief mich einer der Oberärzte an. Ich weiß nicht wie, aber er hatte irgendwie Wind davon bekommen. Wo denn der Patient jetzt sei und wieso ich ihm keinen OP Termin gegeben hätte. “Äh… der will sich woanders operieren lassen”, antwortete ich. Dann die entscheidende Frage vom Oberarzt: “Will oder wurde weggeschickt?” Ich kann nicht lügen!!!! Also gab ich kleinlaut zu, ja, ich habe ihm geraten, woanders hinzugehen. BÄÄÄMMMMM ein Donnerwetter am anderen Ende der Leitung. Das kann doch wohl nicht war sein! Wie kann man denn sowas machen? Wir können das auch hier und die werden alle gut! Wenn der Chef das mitkriegt! Blablaba. Ich versank immer tiefer im Boden. Statt mich zu verteidigen, schwieg ich. So viel habe ich jetzt in 5 Jahren Arbeit gelernt: Klappe halten ist immer besser als diskutieren.

Den Rest des Tages lief ich mit einem irrsinnig schlechten Gewissen herum, mir war so schlecht, dass ich nicht mal mein Brötchen vom Bäcker essen konnte. Einerseits hatte ich Angst, es mir mit einem Oberarzt verscherzt zu haben, den ich eigentlich sehr mag. Dann wiederum hatte der Oberarzt natürlich Recht: man schickt keine Patienten weg, wenn man etwas selber versorgen kann. Wir schicken nur das weg, was wir _wirklich_ nicht können. Und nicht zuletzt ärgerte mich mich darüber, dass ich mich so ungeschickt angestellt hatte. Ich hätte ja auch irgendwas erfinden können! Der Patient sei nicht zur Kontrolle gekommen oder er habe einen Tipp bekommen von Bekannten und wolle sich nun doch woanders operieren lassen. Aber nein, ich musste ja zugeben, dass ich unsere eigenen Oberärzte für Nieten halte…. Todsünde!

Aber mal ehrlich: wie kann ich guten Gewissens einem so jungen Menschen eine Behandlung empfehlen, von der ich nicht überzeugt bin? Mir dreht sich jedes mal der Magen um, wenn ich sehe, was für einen Schei* die hier manchmal veranstalten. Wir machen ja viel wirklich gut, aber Unfallchirurgie gehört nicht dazu.

Naja, in Zukunft werde ich mich schön zurückhalten. Zumindest, wenn der Patient zu Kontrollen zu uns kommt. Bei der allerersten Vorstellung kann man ja immer noch irgendwas deichseln, damit er woanders hingeht….

Protokoll eines Dienstes

24. Mai 2014 geschrieben von Annette

14 Uhr

Ich bin mit den Aufnahmen für Montag fertig, habe aber keine Lust, schon in die Ambulanz zu gehen, also trinke ich einen Kaffee und surfe durchs Internet. In der Ambulanz ist gerade eh nicht viel los, das schafft die gute Karin (die für die Ambulanz fest eingestellte Fachärztin) schon.

15 Uhr

Ich gehe runter, Karin hat schließlich um 15 Uhr Schluss. Sie übergibt mir einen Patienten: ein Rückenschmerzpatient, der schon seit 10 Uhr im Haus ist, längst im CT war und eigentlich nur darauf wartet, dass jemand ein Procedere festlegt, was wir mit ihm machen. 5 Minuten später hab ich mit dem zuständigen Oberarzt alles geklärt und der arme Mann kann endlich auf Station. So langsam trudeln aber mehr Patienten ein. Einmal verhoben, einmal Ball gegen Finger, einmal Zeh gegen Tisch, einmal besoffen des nachts gegen Tür gerannt und zwei Patienten wollte der Rettungsdienst noch bringen.

15.30 Uhr

Der OP ruft an, ich muss kommen. Von den anderen Kollegen hat natürlich keiner Lust, am Freitag länger zu bleiben, also verließ ich die Ambulanz.

16.30 Uhr

Die OP entpuppt sich doch als schwieriger, als gedacht. Geplant war der Inlaywechsel bei einem Knie-TEP Infekt, aber das Femurschild ist locker und lässt sich quasi mit zwei Fingern herausziehen. Das bedeutet: die gesamte Prothese muss ausgebaut werden. Einen Teil haben wir ja schon. Hier muss der Oberarzt nur noch den Knochen sauber kratzen und das ganze infizierte, entzündlich veränderte Material abtragen. Der zweite Teil, der in der Tibia, entpuppt sich leider als fest. Sehr fest. Die Patientin hat schon eine Revisionsprothese, also eine, die sehr tief im Knochen mit viel Zement verankert ist. Das Problem ist, dass es sich um ein Modell handelt, für das uns ein wichtiges Instrument fehlt, nämlich ein Schraubenzieher. Aber Chirurgen müssen ja improvisieren können und mit einem Meißel als Schraubenzieher gelingt es dem Oberarzt nach bestimmt einer halben Stunde und dem Öffnen so ziemlich aller Instrumentensiebe, die wir haben, die Schraube herauszudrehen. Danach musste er “nur noch” den Zement wegmeißeln, was wieder eine ganze Stunde gedauert hat.

19 Uhr

Endlich wieder in der Ambulanz. Erstmal muss ich was essen. Die Patientin mit dem Finger ist geblieben, der Zeh und der Rücken sind gegangen, vom Rettungsdienst kamen doch nur ein statt zwei Patienten. Also alles überschaubar. Die Schwestern bekommen immer gleich Panik, wenn man mehr als drei Patienten da sind, aber da bin ich von meiner alten Stelle gaaaanz andere Sachen gewohnt. Einen nach dem anderen arbeite ich die Patienten ab. Es kommen noch ein paar Schnittwunden dazu, um 23 Uhr sind wir durch mit allen.

23 Uhr

Die Station hatte schon um 19 Uhr angerufen, ich solle noch bei jemandem Blut abnehmen. Jetzt komme ich dazu. Ach, und wenn ich schonmal da bin, soll ich auch noch bei Patient XY, der heute von der Intensivstation zurück kam, die Medikamente anordnen (hä? wie wäre es, einfach die Medikamente zu übernehmen, die er auf der Intensiv auch gekriegt hat?) und bei noch einem anderen Patienten eine Braunüle legen. Im Zimmer ist es natürlich dunkel, der Patient schläft längst. Aber weil ich keine Diskussion mit der Schwester wollte, lege ich ihm die Nadel.

5 Uhr

Ich hab seelenruhig geschlafen. Bis jetzt. “Frau Meier spuckt Blut! Da ist ganz viel Blut auf dem Kopfkissen! Und die ist auch irgendwie komisch!” – “Habt ihr mal Blutdruck und Puls gemessen?” – “Nee, mach ich gleich” Super professionelles Personal hier, ich staune immer wieder. “Viel Blut” entpuppt sich als ein Fingerhut voll brauner Schleim. Eindeutig Blut, aber kein lebensbedrohlicher Notfall. Der Internist sagt, eine Gastroskopie am Montag langt.

“Ach ja, der Herr Grünewald hat ja um 6 Uhr Antibiose und auch keine Braunüle mehr” Grummelnd reiße ich auch diesen Patienten aus dem Schlaf, um ihm eine Nadel zu legen.

“Die Frau Schulze hat gerade Paracetamol bekommen und jetzt ist sie ganz aufgequollen! Die hat doch so viele Allergien!”. Frau Schulze sieht in der Tat aus wie ein aufgegangener Hefeteig, aber einen anaphylaktischen Schock hat sie nicht und atmen kann sie auch ganz normal. Eine Infusion mit Cortison später schrumpft sie auch schon wieder auf normale Größe zurück. Ich kann wieder ins Bett.

6.50 Uhr

Das Telefon klingelt wieder: “Der Herr Feldmann klagt so über Druckgefühl in der Brust. Ich schreib mal ein EKG. Soll ich ein Labor richten?” Hurra! Endlich eine Schwester, die mitdenkt. Ihr tut es sogar leid, dass sie mich wecken musste. Ich schlappe wieder auf die Station. Herr Feldmann sagt, er fühle sich so schlapp (du bist auch gerade erst operiert worden, Mann!), sitzt dabei aber am Waschbecken und will sich die Zähne putzen. Puls regelmäßig und normal, Blutdruck eher niedrig, auskultatorisch alles o.p.B. Ich nehme Blut ab. Ich kann zwar mit einem EKG so viel anfangen wie mit einem Buch auf Chinesisch, aber sein EKG sieht bilderbuchmäßig aus. Der Herzenzyme sind auch normal. Kontrolle in 6 Stunden, ich gehe wieder ins Bett.

8.15 Uhr

Der Wecker klingelt. Ich stehe auf und gehe bei den Patientn vorbei, die am Vortag operiert wurden. Allen geht es gut. Auf dem Flur erwischt mich ein Angehöriger einer Patientin, die entlassen werden soll. Was denn jetzt die Diagnose sei und wie es weiter gehe, das könne ja nicht sein, dass sie so Schmerzen habe und wir nichts finden. Wir haben aber nichts gefunden. CT und MRT waren vollkommen unauffällig. So lasse ich den Mann dann auf dem Flur stehen.

9 Uhr

Frühbesprechung.

9.30 Uhr

Ende der Frühbesprechung, ich gehe heim. Nochmal 3 Stunden schlafen, dann sinds ja in der Summe wieder 8.

Schlechter Tag, guter Tag

6. Mai 2014 geschrieben von Annette

Wenn man morgens aufwacht und sich schon darauf freut, abends wieder ins Bett zu gehen, kann doch der Tag nur beschissen werde, oder? Ich bin heute morgen kaum in die Gänge gekommen. Ich hab erstmal 6 Minuten im Bett gelegen und an die Decke gestarrt. Ungewöhnlich lang. Auf dem Weg zur Arbeit fühlten sich meine Beine schwer an und der Weg kam mir länger vor als sonst.

Kleiner Trost: ich war erstmal für 4 OPs eingeteilt und das bedeutete, dass mir die Visite erspart bleibt. Die ersten beiden OPs waren Facettengelenksdenervierungen, die der Chef allein gemacht hat. Ich war nur da, um hinterher den Entlassbrief schreiben zu dürfen. Als drittes  kam dann eine Facettengelenksdenervierung, die ICH machen durfte! Jawohl! Ich starre dabei auf den Bildschirm und platziere die Nadeln so, wie der Oberarzt es will – ohne so genau zu wissen, wo das Gelenk eigentlich ist. Er zeigt immer auf dem Bildschirm irgendeine Stelle und sagt dann “Da sieht man das Gelenks ehr schön” und ich denke mir immer nur “???”. Aber so blöd scheine ich mich nicht angestellt zu haben, denn derselbe Oberarzt hat MICH als Operateur für die Kyphoplastie eingeteilt, die noch zusätzlich auf den OP Plan kam. Geil. Zwischendrin assistierte ich ihm noch bei einer Wirbelsäulenversteifung.

Die Kyphoplastie lief nett. Da weiß ich schon eher, wo die Nadeln hingehören, nämlich in die Pedikel, und die sieht man ganz gut im Röntgenbild. Wie tief und wie weit und wieviel Zement ich da dann reinspritze muss natrlich schon noch der Oberarzt entscheiden, aber eigentlich ist so eine Kyphoplastie wirklich nicht schwer. Wenn sie funktioniert. Manchmal passieren acuh Sachen, die nicht passieren soll. Der Ballon durchbricht die Deck- oder Grundplatte, der Zement läuft irgendwo hin, wo er nicht soll, lauter solche Sachen. Bei uns lief aber alles wie am Schnürchen.

Gegen 15 Uhr kam ich dann wieder aus dem OP. Und war erstmal allein auf Station. Und selbstverständlich kam im selben Moment auch der Wirbelsäulenchef zur Chefvisite. Nicht so toll, wenn man selber seit 4 Tagen bei keiner Visite mehr dabei war. Gott sei Dank gabs nicht viele komplizierte Fälle und der Chef fragte nicht weiter nach, so dass alles glatt lief.

Als der andere Chef dann um 16 Uhr kam, waren meine beiden Kollegin auch wieder zurück, so dass ich mich im Hintergrund halten konnte. Halb 6 waren wir dann fertig. Zwar anderthalb Stunden nach dem regulären Dienstschluss, aber aus dem anfänglich doofen Tag war dann doch noch irgendwie ein guter geworden.

Der richtige Riecher

4. Mai 2014 geschrieben von Annette

In der Zwischenzeit ist so einiges passiert, über dass ich gern schreiben möchte, aber im Moment erscheint es mir wichtiger, über ein Erlebnis aus meinem gestrigen dienst zu berichten.

Den Rest vielleicht in aller Kürze: der Wirbelsäulenchef hat mich bei einer OP ein paar Schrauben in die Pedikel drehen lassen, ich durfte eine halbe Kyphoplastie machen und einen halben PFNA.

Und jetzt von gestern. Keine schöne Geschichte. Gegen 18 Uhr rief mich eine Schwester von der urologischen Station an, ein Patient hätte so starken Schwindel und sich schon zweimal übergeben. Die Vitalparameter seien aber in Ordnung. Ich wollte wissen, ob er den Schwindel nur hat, wenn er sich bewegt, oder auch in Ruhe. Ja, er habe ihn auch in Ruhe. Mist, ich musste also zum Patienten hin, um mir die Sache anzusehen. Ich traf einen etwas mitgenommenen Patienten im Bett liegend an. Vollkommen glaubhaft erzählte er mir, es würde sich alles drehen, selbst wenn er sich kein bisschen bewegt. Sofort gingen bei mir die Alarmglocken an. Ich dachte an einen Hirnstamminfarkt. Also kramte ich mein bescheidenes neurologisches Wissen hervor, prüfte grob die Hirnnerven, Armvorhalteversuch, Diadochokinese. Mir fiel ein Nystagmus beim Blick nach rechts auf. OK, was wusste ich über den Patienten? Nicht viel: knöchern metastasiertes Prostatacarcinom, Z.n. Lungenembolie, sonst nichts. Unsicher, wie ich weiter vorgehen sollte, rief ich den urologischen Hintergrunddienst an. Das Problem ist nämlich, dass wir bei uns weder eine neurologische Abteilung haben noch ein CT am Wochenende und ich hätte eigentlich gern beiden. Die naheliegendste Lösung wäre die Uniklinik. Dort könnte der Patient von einem Neurologen gesehen werden und dann, falls nötig, gleich noch ein CT oder gar MRT haben. Der urologische Oberarzt stimmte mir zu und so nahm ich Kontakt mit der Uniklinik auf. Der Kollege war auch ganz nett und bemüht, mir zu helfen, besprach sich mit wiederum mit seinem Oberarzt, vermeldete mir aber dann, dass ein zentrales Geschehen unwahrscheinlich sei, ich doch bitte ein CT machen soll und den Patienten dann evtl. in der HNO Klinik vorstellen möge. *seufz* Also rief ich nochmal in der HNO an. Auch hier war die diensthabende Kollegin nett. Sie pflichtete mir bei, zuerst ein CT zu machen. Falls das dann unauffällig wäre, könne man den Patienten auch gern am nächsten Tag schicken, einen HNO-mäßigen Schwindel, der einer sofortige Notfallbehandlung bedürfe, gäbe es eigentlich nicht. Gut, ich rief also in unserer Schwesterklinik an, die auch am Wochenende ein CT hat und erkundigte man nach dem Vorgehen. Bisher musste ich noch nie einen Patienten zum CT in eine andere Klinik schicken, daher musste ich erstmal erfragen, wie das abläuft. Deswegen verzögerte sich der Ablauf etwas. Erst, als ich gerade ins Bett im Dienstzimmer gehen wollte, gegen 23 Uhr, wurde der Patient endlich vom Rettungsdienst abgeholt. Super, dachte ich, vor 1 ist der bestimmt nicht wieder da.

Um 20 Minuten nach Mitternacht klingelte mein Telefon. “Der Patient ist zurück.” – “Und? Was steht im Befund?” – “Randständig eingeblutete, cerebelläre Raumforderung”. Scheiße. Also doch was Zentrales, und dann gleich auch noch eine Metastase. Mein nächstes Problem: was nun? Nochmal den Neurologen anrufen? Oder den Neurochirurgen? Muss der Patient auf die Intensivstation? Mein Gefühl sagte mir, eher nein. Wieder rief ich den urologischen Oberarzt an. Ich war überrascht, als der mir relativ schnell und überzeugend Anordnungen gab, wie es weiter zu gehen hat. Aber dann wiederum haben die ja ständig mit Krebspatienten zu tun und werden diesen Fall auch nicht zum ersten Mal haben.

Blieb noch die unangenehme Aufgabe, dem Patienten das Ergebnis der CT Untersuchung mitzuteilen. Vielleict hätte ich es ihm nachts um 1 nicht so an den Kopf knallen müssen, aber ich bin ein Freund der ehrlichen Worte. Ich lüge einen Patienten nicht an. Ich versuche immer, die Fakten darzustellen. Ich konnte aber sehen, dass der Patient geschockt war. Hirnmetastasen. Das muss man erstmal verdauen. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich nicht weiß, welchen Einfluss das auf die Prognose und die weitere Behandlung hat, dass das die Neurochirurgen und Strahlentherapeuten klären müssen. Und so ging ich wieder zurück in mein Zimmer.

Für den Rest der Nacht passierte nichts mehr.

Offene Fragen an Ostern

20. April 2014 geschrieben von Annette

Heute hatte ich meinen ersten Visitendienst. D.h. ich war nur in der Klinik, um dort all unsere Patienten zu visitieren und das Nötigste auf Station zu erledigen. Es war weniger schlimm, als ich gedacht hatte, weil doch viele Betten leer sind. Und der diensthabende Oberarzt hat netterweise die Privatpatienten selber visitiert. Das soll er zwar eigentlich, aber das scheint hier nicht ganz so selbstverständlich zu sein. Dann habe ich mir noch die Labore angeguckt und danach noch zwei, drei Anordnungen getroffen. Ach ja, drei Blutentnahmen, die die Studentin nicht hinbekommen hat, habe ich auch noch gemacht, zwei Braunülen gelegt und eine OP Aufklärung gemacht. Mittags war ich dann fertig. Einerseits war ich froh, dass es nicht so lang gedauert hat, andererseits gab es relativ viele Frage, die ich unbeantwortet lassen musste. Das waren Fragen, die ein Oberarzt beantworten muss, aber sie waren auch nicht so dringlich, dass ich ihn deswegen zuhause anrufen müsste. Ich denke, einen Teil kann ich vielleicht morgen bei der Frühbesprechung klären. Aber ein gewissen Gefühl der Hilflosigkeit bleibt. In meiner alten Klinik konnte ich mehr selbstständig entscheiden. Aber hier weiß ich noch nicht genau, wie die das immer haben wollen. Wann kann man die Antibiose absetzten, wann darf jemand gehen, wer muss evtl. doch operiert werden, welche Therapieoptionen kommen in Frage, wenn etwas nicht funktioniert. Ich komme mir noch etwas hilflos vor. Hoffentlich gibt sich das noch.

In Gedanken

18. April 2014 geschrieben von Annette

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, hasse ich meine neue Stelle manchmal. Gut, ich bin ein Morgen Muffel und auch wenn ich in meine alte Klinik gefahren bin, hab ich mich selten auf den Tag gefreut. Aber zur Zeit ist es so, dass ich mich auf dem Weg zur Arbeit frage, was mir die Sache wirklich bringt. Ich weiß, dass Orthopädie nichts für mich ist. Bisher durfte ich dort nichts operieren, nicht mal eine Metallentfernung oder eine Arthroskopie. Was ich lernen könnte, neben den Operationen, wäre ein bisschen was über Wirbelsäulen. Aber bisher hält sich das Teaching auch sehr in Grenzen. Bei den Frühbesprechungen wird einem nichts erklärt und an den Sprechstunden nehmen wir Assistenten nicht teil. Ich lerne also nicht, wie ich welches Krankheitsbild erkenne und behandle. Ich kann höchstens Rückschlüsse ziehen aus den Geschichten der Patienten, die ich aufnehme und auf der Station liegen habe. Bisher habe ich auch noch nichts infiltriert. Wahrscheinlich müsste ich mich aktiv darum kümmern, aber der Typ war ich ja noch nie. Ich werds trotzdem mal probieren demnächst.

Wenn ich dann bei der Arbeit bin, wirds langsam besser. Mit der Pflege verstehe ich mich noch nicht so gut. Da die wesentlich weniger selbstständig sind als ich es aus meiner alten Klinik gewohnt bin, kommen sie mir etwas… hm… naja, dümmlich vor, aber bestimmt zu Unrecht. Es wird ihnen halt so von der Stationsleitung vorgegeben, nichts selbst zu entscheiden, sondern wegen jedem Pups und jedem Punkt und Komma, was irgendwo fehlt, sofort den Arzt zu fragen.

Dafür mag ich die meisten meiner Kollegen und auch einige der Oberärzte finde ich klasse. Im OP bin ich allerdings meistens beim Chef eingeteilt. Ich finde es auch schade, dass ich bisher erst einmal bei einer Wirbelsäulen OP dabei war. Die ewigen Prothesen mit dem Chef sind doch etwas eintönig. Ich habe mittlerweile aber eine Technik entwickelt, mir die Zeit angenehmer zu machen. Ich denke viel an schöne Erlebnisse Z.B. an die letzten Urlaube. Es ist komisch: wenn ich da so im OP stehe und brav Haken halte, Sauger und Elektrokauter bediene, kommen mir die Erinnerungen lebendiger vor als jemals sonst. Ich fühle mich dann immer richtig gut, wenn ich an schöne Erlebnisse denken kann.

Wenn ich dann nachhause fahre, hasse ich meine Arbeit nicht mehr. Ich glaube zwar, dass ich mich hier nie so zuhause führen werde, wie in der alten Klinik, aber ich werde es schon überstehen. Länger als zwei Jahre werden es nicht werden.

7. April 2014 geschrieben von Annette

Gestern hatte ich meinen dritten Dienst und meinen ersten Dienst am Wochenende.

Gut: ich muss keine Visite machen.

Schlecht: sobald der Visitendienst weg ist, nerven die Stationen trotzdem. Alle zwei Minuten klingelt das Telefon und es kommen dämlich Fragen. Mir kommt die Pflege auf Station sehr hilflos und unselbstständig vor. Eigentlich müsste ihnen bewusst sein, dass ich nur Bereitschaftsdienst habe. Ich bin da, wenn es um Notfälle und dringende Sachen geht, aber alles, was man vielleicht ach am Montag klären kann, muss ich nicht am Sonntag lösen, zumal ich die Hälfte der Patienten gar nicht kenne. Die Pflege denkt da aber wie viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen: es ist ja 24/7 ein Arzt da, also gehe ich da hin, wann immer mir danach ist.

Gerne auch halb 5 Uhr morgens. Das ist die Zeit für urologische Patienten. Gut, der von heute morgen konnte nichts dafür, der hatte wirklich Schmerzen. Nach einer Ampulle Novalgin und Buscopan gings ihm dann auch schon wieder besser und ich konnte zurück ins Bett.

Ach ja, ich habe gestern auch meinen ersten erfolgreichen Blasenkatheter gelegt! War gar nicht schwer. Ein Hoch auf Instillagel! Bevor es das gab, war das bestimmt deutlich schwieriger.

Der zweite Erste Dienst

26. März 2014 geschrieben von Annette

Eigentlich sollte es ja erst nächste Woche so weit sein, aber weil ein Kollege krank ist und sonst irgendwie niemand Zeit oder Lust hatte, hatte ich gestern meinen ersten Dienst im neuen Haus. Einen Tag vorher erklärte mir ein Kollege noch kurz die wichtigen Kleinigkeiten, z.B. welche Fälle ich vom Rettungsdienst ablehnen darf und wo das Dienstzimmer ist. Er meinte auch, die Nächte seien eigentlich eher ruhig, man könne nachts schon schlafen. Ein bisschen Bammel hatte ich vor der Urologiegeschichte, weil ich im Dienst auch für die urologischen Patienten zuständig bin und auch urologische Patienten in der Notaufnahme behandeln muss. Ich dürfe aber großzügig den Hintergrunddienst anrufen, meinte mein Kollege.

Um kurz nach 8 ging also los. Teil 1 des Dienstes besteht darin, dass man die Patienten, die am nächsten Tag operiert werden, aufnahmen muss. Auf dem Plan standen 12 Patienten, im Laufe des Tages kamen aber noch ein paar dazu. Ich hab mir echt den Mund fusselig geredet!!!! Ich weiß nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund mache ich hier die Aufnahmen und Aufklärungen deutlich gründlicher als an meiner alten Klinik. Vielleicht, weil es elektive Eingriffe sind und die Patienten sehr wohl eine andere Wahl haben. Sie müssen also wirklich gut über den Eingriff bescheid wissen, bevor sie zustimmen. Eine Mittagspause gab es für mich selbstverständlich nicht. Gegen Mittag stapeln sich die Patienten quasi in der Aufnahme. Aber immerhin war ich fast planmäßig gegen 15 Uhr fertig. Um diese Zeit geht nämlich die Ärztin in der Notfallambulanz nachhause und ich bin ab dann zuständig.

Teil 2 startete also. Ich erbte eine alte, demente Dame mit Schmerzen in der Hüfte nach Sturz, eine andere ältere Dame mit Schmerzen in der Hüfte ohne Trauma bei liegender Hüft-TEP und einen Verrückten mit Panikstörung, den der Rettungsdienst angeschleppt hatte. Angeblich hatte er Rückenschmerzen, sprang aber herum wie ein junges Reh. Es würde ihm überall hin ausstrahlen und sich komisch anfühlen, sagt er. Ich konnte nichts Schlimmes bei ihm feststellen und schickt ihn mit einer Tavor intus nachhause. Die demente Dame mit den Hüftschmerzen musste ich leider stationär aufnehmen wegen vorderer und hinterer Beckenringfraktur, aber Gott sei Dank haben die Chef heute morgen beschlossen, dass sie nicht operiert werden muss und zurück ins Heim darf. Dann kamen einige Kinder und junge Menschen mit Sportverletzungen, nichts Dramatisches. Eine Platzwunde zum Nähen war dabei. Das Highlight des frühen Abends war eine Frau, die gestolpert und auf den Ellenbogen gefallen war. Man sah schon ohne Röntgenbild, dass da ganz gewaltig was nicht stimmte. In der Tat: das war die schlimmste Monteggiafraktur, die ich je gesehen hatte! Bröselhaufen sondergleichen! Ich wusste, dass diese Verletzung zu viel für uns war. Nach kurzer Rücksprache mit einem Oberarzt habe ich sie dann ins Schwesterkrankenhaus geschickt, wo sie dann auch notfallmäßig operiert wurde. Das hatte wiederum den Nachteil, dass der dortige diensthabende Chirurg für Stunden im OP verschwunden war und einige Patienten deswegen zu mir kamen, weil sie nicht so lange warten wollten. Der Knaller schlechthin war dabei eine junge Frau, die sich mit Schmerzen und Schwellung im Unterarm vorgestellt hat. Sie hatte wohl ihr 5 Monate altes Kind etwas zu lange im Arm gehalten. Ihr erklärte ihr, dass sie da einfach nur eine leichte Quetschung und einen Bluterguss hat, nix Schlimmes. Schon krass, wie unselbstständig manche Menschen sind. Wegen sowas nachts ins Krankenhaus gehen? Puh!

Viertel vor 12 schlenderte ich wieder ins Bett. Ich hatte Probleme einzuschlafen. Ständig war ich in Erwartung des Telefonklingelns und ich befürchtete, dass noch ein urologischer Notfall kommen würde. Kaum war ich so richtig schön im Tiefschlaf, klingelte das Telefon. Der Rettungsdienst war dran: “Sind Sie die aufnehmende Urologin?” – “Quasi….” Es war 2 Uhr morgens und der Rettungsdienst brachte mit einen Mann mit Harnverhalt und Makrohämaturie. Leider konnte ich ihn nicht ablehnen, da er hier im Haus operiert wurde. Die Diagnose war schnell klar: Blasentamponade. Das Ultraschallbild bestätigte dies. Ich musste also einen Spülkatheter legen. Nach 24Uhr gibt es in der Notfallambulanz keine Schwester mehr, ab dann sind die urologischen Schwestern für mich zuständig. Das hat den vorteil, dass die sich auskennen. Die legen zwar keine Blasenkatheter bei Männern (katholisches Haus!), aber sie konnte mir zumindest den richtigen Katheter anreichen. Zugehen habe ich bestimmt hundertmal. Selbst einen Katheter gelegt habe ich zweimal, und nur einmal davon erfolgreich und das war bei einer Frau. Naja, ich gab mein bestes. Ziehen! Immer feste ziehen! Hatte man uns im Studium als Tipp gegeben. Es sei noch keiner abgerissen worden. Aber so einen glitschigen Penis so festzuhalten, dass er nicht wegfluscht und gleichzeitig in die Länge zu ziehen ist gar nicht so einfach. Mir gelang es nicht. Ich kam mit dem Katheter nicht durch. Ich versuchte noch einen anderen mit demselben Ergebnis. Also rief ich den diensthabenden urologischen Oberarzt an. Der war am Telefon sehr….. unwillig. Halb 3 Uhr nachts zum Katheterlegen kommen? Er überlegte sehr lange, sah aber ein, dass er keine Wahl hatte. Der Patient hatte Schmerzen. Kurze Zeit später kam er dann auch.  Schwuppdiwupp war der Katheter drin! Es sah so einfach aus! Mit mir geredet hat er kein Wort, aber wenigstens hat er mich auch nicht angeschnauzt.

Danach konnte ich wieder schlecht einschlafen. Ich war auch schon vorm Wecker wach. Morgens muss man als Diensthabender noch zu allen am Vortag operierten Patienten gehen um zu gucken, wie es ihnen geht. Als letztes kommt dann noch die Röntgendemo. Und dann durfte ich endlich nachhause. Fazit: allein Dienst haben ist irre langweilig! Keiner bestellt mit mir Essen :-(

Zwei Premieren

15. März 2014 geschrieben von Annette

Am Freitag gabs wieder zwei Premieren: meine erste beiden OPs und damit eng verknüpft meinen ersten Anschiss. Ich durfte zwei Facettengelenksdenervierungen machen – und wurde ordentlich dafür angeschnauzt, dass ich nicht vorher bei den beiden Patienten war. Immerhin war ich dann hinterher bei beiden. Aber jetzt weiß ich bescheid: vorher und hinterher hingehen, sonst gibts mächtig Ärger. Ist ja irgendwo auch verständlich und sorgt für Patientenzufriedenheit, aber in meiner alten Klinik wurde mir das anders vorgelebt. Von den Oberärzten dort waren nur wenige bei den Patienten, die sie operiert haben.