Abgelehnt!

28. Februar 2015 geschrieben von Annette

Um 20 Uhr  schon auf dem Dienstzimmer im Bett zu liegen und in Ruhe “Game of Thrones” zu lesen, wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Um 21 Uhr schlurfe ich also zurück in die Ambulanz, um eine junge Dame zu versorgen, die sich beim Skifahren in der Schweiz irgendwie eine Schnittwunde am Bein zugezogen hat. Vormittags. Hat sie wohl erst später bemerkt. Naja. War zu spät zum nähen, also hab ichs nur locker adaptiert und mit Steristrips so halb verschlossen.

Gerade als ich wieder gehen wollte, näherte sich ein Herr auf Krücken der Anmeldung.

“Ich wollte eigentlich nur mal nachschauen lassen. Bin eigentlich schon versorgt und so.”

Möööööööp, falsche Antwort.

“Sie wissen schon, dass das hier eine NOTFALLambulanz ist? Ist das jetzt ein Notfall?”

Ein fragender Blick von dem jungen Mann. Er scheint irritiert zu sein.

“Ich dachte, im Krankenhaus sei 24 Stunden jemand da. Ich arbeite immer bis 20 Uhr.”

Die Schwester und ich versuchen ihm zu erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen Sprechstunde und Notfallbehandlung. Wir schauen im Computer nach, was der Mann überhaupt hat. Offenbar war er schon vor 5 Tagen in der Ambulanz, nachdem er umgeknickt war. Er hatte damals einen Gips bekommen und den Hinweis, nach ein paar Tagen zu einem niedergelassenen Kollegen zur Kontrolle zu gehen. Und deswegen kam er jetzt wieder zu uns, denn freitags um 21 Uhr hat natürlich kein Chirurg mehr offen. Ich warf einen Blick auf seinen Fuß. Der war ungefähr doppelt so dick wie normal und blitzeblau. Klarer Fall von nicht geschont, zu viel herumgelaufen, nicht hochgelagert. All das versuchte ich dem Mann zu erklären.

“Ich bin selbstständig. Ich hab ja schon zwischendurch mal hochgelegt. Kann da jetzt was passieren? Irgendwelche Spätfolgen?”

Arbeiten schön und gut, mein Vater ist auch selbstständig, ich weiß also, wie schwierig das ist. Aber hier geht es doch um die eigene Gesundheit!!!! Ich erzählte ihm was von Thrombose und Kompartmentsyndrom und dass man vielleicht bei dem dicken Fuß doch besser ein MRT machen sollte. Aber alles nicht hier und jetzt.

“Tut mir leid, aber ich werde sie nicht aufnehmen. Das ist wirklich kein Notfall.”

Bedröppelt zog er wieder ab. Ich schwöre, das war das allererste Mal, dass ich mich geweigert habe, mir einen Patienten anzuschauen! Aber der war einfach nur dreist. Oder dumm. Auf jeden Fall kein Notfall. Er hätte sich ja auch klüger anstellen können. Hätte er gesagt “Ich habe soooo starke Schmerzen! Bitte helfen Sie mir!” wäre es ein Notfall gewesen und ich hätte ihn mir anschauen müssen. Aber wenn er schon ankommt mit “Ich arbeite immer so lange, keiner hat mehr offen, und ich wollte einfach nur mal nachgucken lassen”, dann sehe ich das nicht ein. Er hatte nicht mal eine gültige Versicherungskarte dabei. Genau sowas belastet unsere Notaufnahmen.

Das ist Unfallchirurgie!

11. Februar 2015 geschrieben von Annette

Gestern morgen saß ich im Aufnahmezimmer, hatte schon zwei Patienten aufgenommen, und dachte nur: “Oh Mann, ich glaube ich HASSE diesen Job. Es ist maximal öde und es macht keinen Spaß. Ich muss weg hier.” Ich war kurz vorm heulen. Aber es nützt ja alles nix, ich habe mich also zusammen gerissen. Vielleicht war es auch nur schlechte Laune zu Beginn eines langen Dienstes, ich weiß es nicht. Aber egal, wie ich es drehe und wende, ich kann mich nicht so richtig mit dem Laden hier anfreunden. Ich mochte die Schwestern und Pfleger in der Notaufnahme meiner alten Klinik sehr. Mit denen hat das arbeiten immer Spaß gemacht. Hier irgendwie nicht.

Naja, der Tag dümpelte so vor sich hin. Ich hatte 12 Aufnahmen, die ich alle fix fertig hatte. Danach musste ich noch in die OP für eine Hüft-TEP. Als ich dann wieder in die ambulanz kam, wars relativ ruhig. Nur ein Patient da, sonst nix. Langeweile. Dann klingelte das Telefon. “Meine Frau hat Schmerzen, können wir vorbei kommen?” – “Naja, ist es denn ein Notfall?” – “Notfall, ja”. Hmpf. Na gut. Dann rief die Station an: “Beim Herrn Bayer ist der Verband ganz durchgeblutet, kannst du mal kommen?”. Gerade als ich den völlig durchgebluteten Verband gewechselt habe, rief ein Notarzt an: “Patellaluxation, wir kommen dann mal vorbei zum röntgen.” Die haben nicht mal gefragt, ob sie kommen dürfen!  Egal, von mir aus. Dann rief der nächste Notarzt an: “85 jährige Frau, Verdacht auf Schenkelhals. Sie möchte gern in Ihr Krankenhaus, dürfen wir sie bringen?” Immer her damit! Dann wäre auch das letzte Frauenbett im gesamten Krankenhaus belegt. Und nebenher noch der übliche Kram: Fahrradsturz, Sturz beim Skifahren, Schnittwunde.

Da war also ordentlich was los. Aber hey! Richtige Unfallchirurgie! Nicht dieser Mist mit Rückenschmerzen seit 2 Wochen und Schulterschmerzen seit Freitag, sondern richtige Unfälle. Wow, das hat echt Spaß gemacht.

Die Frau, die mir von ihrem Ehemann als Notfall angekündigt wurde, hatte dann doch schon seit 3 Monate Beschwerden und war auch schon bei verschiedenen anderen Ärzten. Das Problem ist, dass es manchmal schwierig ist, Patienten zu erklären, dass die Behandlung schwieriger ist, wenn sie ständig von einem Arzt zum anderen rennen und niemals Befunde oder Röntgenbilder mitbringen. Jeder Arzt muss wieder bei 0 anfangen. Und bei so unklaren Geschichten wie Schmerzen in verschiedenen Gelenken ohne Trauma ist das nochmal schwieriger. Die Patienten erwarten, dass ich ihnen sofort sagen kann, was sie haben. Aber das kann ich nicht! Ich dachte zuerst an etwas Rheumatologisches, weil verschiedene große Gelenke betroffen sind. Nach meinem Erklräungversuch wurde ich dann mit großen Augen gefragt: “Was heißt Rheumatologisch?” Gut. OK. Mit dem Bildungshintergrund türkischer Einwanderer wird es dann nochmal schwieriger, zu verstehen, warum ich nicht abends in der Notaufnahme herausfinden kann, was los ist. Noch fieser war, dass das Röntgenbild vom Knie sehr auffällig war. Der Knochen sah absolut nicht normal aus. Ich kann nicht sagen, wonach er aussah, aber definitiv nicht normal. Leider gibt es ja nach 18 Uhr keinen Radiologen mehr, den ich befragen kann. Also habe ich die Patientin nochmal für heute einbestellt gehabt. Und tatsächlich kam sie auch heute morgen wieder. Bin mal gespannt, was der Radiologe jetzt gesagt hat.

Um 22 Uhr war der Spuk dann schon wieder vorbei. Ich war dann auch ganz schön platt. Viel Ruhe war mir aber nicht vergönnt. Eine Stunde später gings schon wieder weiter. Und um kurz vor 5 kamen dann doch noch die obligatorischen Rückenschmerzen…

Bis in die Puppen

22. Januar 2015 geschrieben von Annette

Sagt mal, waren meine Beiträge früher spannender? Kommt mir zumindest selbst so vor, wenn ich mal meine alten Posts lesen… hmmm… Orthopädie ist eben einfach wenig spannend.

Gestern hatte ich Dienst und das Spannendste war in der Tat, dass wir  bis 23 Uhr im OP standen. Das normale, elektive Tagesprogramm lief schomal bis 21.15 Uhr Uhr. Um 19 Uhr mussten wir ja unbedingt noch eine Knieprothese anfangen. Und danach stand noch eine notfallmäßige Kniespülung bei Infekt an.

Aber eine Knie-TEP um 19 Uhr? Hallo?? Gehts noch??? Dieser Tage ist unser Programm jeden Tag so voll. Fast jeden Tag geht das geplante Programm bis 20 Uhr. Und Betten haben wir auch keine. Wir legen unsere Patienten schon in die Urologie und in die Innere Medizin. Aber kommt mal jemand auf die Idee, eine OP abzusagen oder zu verschieben? Neeeeiiiiiinnnn, das muss alles durchgezogen werden. Der Operateur hat keinen Bock, weil er schon seit 10 Stunden operiert, der Assisstent hat Hunger und will ins Bett und der Hakenhalter ist sauer, weil er eigentlich um 21 Uhr zum Kino verabredet war, was er aber vergessen kann. Macht sowas Sinn?

Mal sehen, wie lange ich das noch aushalte.

Nicht nett

19. Januar 2015 geschrieben von Annette

Stimmt, ich habe lange nichts mehr über meine Kollegen geschrieben. Irgendwie gab es da auch bisher nichts Besonderes zu berichten. Alle ganz nett, alle sehr fleißig, wir sind ein gutes Team.

Aber Ausnahmen  bestätigen die Regel. Letzten Herbst kam ein neuer Kollege dazu. Eine Kollegin von uns rotiert für ein Jahr an die Schwesterklinik und von dort kam als Ersatz ein neuer Kollege. Nennen wir ihn Thomas. Man muss Thomas wohl zu Gute halten, dass diese Rotation Pflicht ist und er sich sicherlich nicht dagegen wehren konnte. Es mag also sein, dass Orthopädie einfach nicht seins war.

Thomas eilte jedoch bereits vor seinem Start bei uns ein gewisser Ruf voraus. Dass er schwierig sei. Und arrogant. Ich habe nie wirklich eng mit ihm zusammen gearbeitet, also kann ich keine Geschichten aus erster Hand erzählen, aber mir sind da so verschiedene Sachen zu Ohren gekommen. Die Schwestern in der Ambulanz muss er wohl innerhalb kürzester Zeit gegen sich aufgebracht haben. Faul und arrogant, so in etwa wurde er mir immer beschrieben. Und eine meiner Kolleginnen hat ihn irgendwann einfach nur noch gehasst. Er sei immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ein richtiges Kollegenschwein. Einmal hat er sie zur Schnecke gemacht, warum sie keine Entlassbriefe vorbereitet hätte – und selber hat er das genauso wenig getan. Einfach nicht nett. Man kackt keine Kollegen an, die seit Jahren in dem Haus arbeiten, wenn man selber der Neue ist.

Um die Weihnachtszeit herum hat er sich dann krank gemeldet. Immerhin hat er seinen Dienst an Silvester gemacht (da war ihm wohl klar, dass den niemand freiwillig übernehmen wird), aber ansonsten hat er in den zwei Wochen um Weihnachten und Silvester herum keinen Tag gearbeitet. Im neuen Jahr dann, als wir eigentlich damit rechneten, dass er wieder zur Arbeit kommt, kam der Hammer: er hat gekündigt und fängt woanders zum 1.3. an. Super. Von da an war klar, dass er wohl gar nicht mehr wieder kommen wird. Ich hab keine Ahnung, was für eine schwere Krankheit er hat, dass er jetzt seit 5 Wochen krank geschrieben ist, aber ehrlich gesagt will hier auch niemand mehr sein Gesicht sehen.

Dann sind wir jetzt eben einer weniger. Keine 3 Monate hat er es bei uns ausgehalten. Wir müssen schon echt furchtbar sein.

An alter Wirkungsstätte

8. Januar 2015 geschrieben von Annette

Heute habe ich einen Ausflug an meine alte Uniklinik hinter mir! Für den Facharzt brauche ich 50 Sonographien von Hüften bei Säuglingen. Das mache ich jetzt an der Uniklinik im Rahmen einer Hospitation. Leider kriege ich dafür natürlich nicht frei, sondern muss das nach einem Dienst machen. Uff. Und war der Dienst gestern auch noch so biestig. Eigentlich war ab 20 Uhr tote Hose. Wenn dann nicht ab 22 Uhr das Telefon alle paar Minuten geklingelt hätte. Muss man mit einem Harnwegsinfekt wirklich nachts im 1 ins Krankenhaus gehen? Kann man da nicht die halbe Nacht noch warten, bis man morgens zum Hausarzt gehen kann? *grummel* Außerdem habe ich noch eine alte Dame aus dem Altersheim aufgenommen, die sich eine Oberarmkopffraktur bei einem Sturz zugezogen hatte. Um 2 Uhr konnte ich endlich ins Bett. Leider klingelte danach das Telefon weiter und um halb 7 klingelte unerbittlich der Wecker.

Um kurz vor 10 fand ich mich dann in der Uniklinik ein, nachdem ich zuhause immerhin duschen und frühstücken konnte. Von innen sah erstmal alles ein bisschen anders aus. Neue Aufzüge, ein großer neuer Anbau mit Hubschrauberlandeplatz. Aber das Treppenhaus kam mir noch vertraut vor. In der orthopäischen Ambulanz war ich dann nicht mal allein, da hüpften auch noch ein paar Studenten herum. Immerhin trug ich ein Polohemd mit der Aufschrift “Dr. Annette”, damit konnte man mich schonmal von den Studenten unterscheiden Ich persönlich hab mich erstmal sehr ins Studium zurückversetzt gefühlt. Gerade Kinderorthopädie ist etwas, wovon ich echt keinen blassen Schimmer habe. Bevor der erste Säugling kam, konnte ich noch zwei andere Kinder ansehen. Eins mit Klumpfuß und eins mit einer Fehlbildung am Schädel.

Gegen 11 Uhr gings dann los mit dem Sono. Vorher hatte ich mir im Buch mal die zwei Seiten über Hüftdysplasie durchgelesen. All zu viel davon kapiert habe ich nicht. Aber es war gut, dass ich das gelesen habe, denn die Ärztin, die mir alles gezeigt hat, hätte nicht wirklich Zeit gehabt, mir alles zu erklären. An der Wand hing ein Poster mit Beschriftung der Landmarken, die man im Sono sehen muss und die Linien, die man zur Berechnung braucht.

Und dann gings auch schon los. Die Kinderorthopädin hat immer zuerst das ganze Kind untersucht und dann selbst geschallt. Pro Seite hat sie immer mindestens zwei Messungen gemacht, danach durfte ich dann den Schallkopf übernehmen. Gar nicht so leicht, bei einem strampelnden Säugling! Aber ich glaube, ich habs relativ schnell ganz gut raus gehabt. Zum Schluss kamen noch zwei eineiige Zwillinge, da hat sich die Untersuchung dann etwas hingezogen. Bin ganz schön müde geworden in der Zeit. Um halb 2 waren wir  dann fertig. Insgesamt waren es 4 Kinder und da eins jeweils zwei Hüften hat, hab ich jetzt 8 Hüften geschallt. 50 bräuchte ich. Mal sehen, wie oft ich da noch hin muss.

Hammermäßige Schei*e

4. Januar 2015 geschrieben von Annette

Weihnachten ist vorbei, Silvester auch, und das neue Jahr startet für mich mit einem Dreierpack Diensten am 3., 5. und 7.1. Gestern also Teil 1.

Am frühen Abend ruft eine Hausärztin an, die gerade im Notdienst zu einer Patientin gerufen wurde. Eine schwer kranke Patientin: bösartiger Hirntumor, daher sowohl Arme und Beine fast vollständig gelähmt und wegen dem vielen Cortison, was sie seit Monaten nimmt, ein ausgeprägter Morbus Cushing. Jetzt sei das Problem, dass sie bei liegendem Blasenkatheter wenig Urin ausscheiden würde. In den letzten Tagen sei der Urin immer mal wieder blutig gewesen. Den Katheter habe die Ärztin gerade gewechselt, aber es kommt einfach nichts raus. Ob ich noch eine Idee hätte, woran das liegen kann. Mein Gedanke: entweder ist die Blase einfach leer oder sie ist voll mit Blut. Man müsste einfach mal eine Ultraschalluntersuchung von der Blase machen. Begeistert war die Ärztin nicht, sie wollte die Patientin einfach ungern ins Krankenhaus schicken. Es ließ sich aber nicht vermeiden.

So gegen 20 Uhr kam sie dann mit dem Rettungsdienst an. Man sah auf den ersten Blick, dass die Patientin ziemlich am Ende ist. Vom Cortison aufgedunsen wie ein Wal, kaum in der Lage zu sprechen, der ganz Körper bläulich-lila verfärbt, überall Verbände und Pflaster wegen Risswunden bei Pergamenthaut. Im Blasenkatheter war klarer Urin, wenn auch wenig. Aber kein Blut. Sofort hielt ich den Schallkopf auf den Bauch: keine Blase zu sehen. Die Blase war also einfach leer und der Katheter lag richtig. Das Problem war also nicht die Blase, sondern dass die Patientin einfach kaum Urin produziert. Mir fiel auf, dass ihr der ganze Bauch weh tat. Ich holte den Internisten kurz dazu und er stimmte mir zu: das ist eher ein Fall für den Bauchchirurgen. Wir haben noch Blut abgenommen und die Patientin dann sofort ins Nachbarkrankenhaus geschickt, wo es eine Allgemeinchirurgie gibt.

Heute morgen hab ich dann mal nachgeforscht, was aus der Patientin geworden ist. Im Labor waren die Entzündungswerte jenseits von gut uns böse, das CT vom Bauch hatte freie Luft gezeigt. Die Diagnose lautete: vier Quadranten Peritonitis bei Hohlorganperforation. Die Patientin wurde noch in der Nacht operiert.

Sowas hatte ich schon befürchtet. Ich glaube, ihre Chancen, das überleben, stehen sehr schlecht. Und wieder einmal frage ich mich, ob man ihr die Situation auch klar erläutert hat: ohne OP würde sie sterben – mit OP würde sie vielleicht überleben. VIELLEICHT. Mit einem ohnehin nicht heilbaren Hirntumor. Und vom Hals abwärts gelähmt. Meiner Meinung nach wäre es durchaus eine Option gewesen, sie nicht zu operieren und sterben zu lassen. Aber vielleicht wollte die das nicht und wollte sich doch an den letzten Strohalm klammern.

6:16? 9:19?

11. Dezember 2014 geschrieben von Annette

Ich war Anfang dieser und Ende letzter Woche krank. So wie fast jeder in unserer Abteilung. Es fing ganz harmlos mit Kratzen im Hals an, am nächsten Tag fühlte ich mich schon etwas schlapp und in der darauffolgenden Nacht ging’s dann los. Fiese Halsschmerzen und dieses Gefühl, dass man lieber sterben würde, statt diese Qualen zu erleiden (dabei kann ich sie nicht mal richtig beschreiben). Ich schlief erst so gegen 3 Uhr nachts ein und als ich um 4 Uhr wieder wach wurde, beschloss ich, den Wecker eine Stunde vorzustellen, so dass ich nicht um 5.45 Uhr aufstehen muss, sondern einfach um 6.45 Uhr schnell den Diensthabenden in der Klinik anrufen kann, dass ich nicht zur Arbeit komme.

Eine Woche später. Mir gehts wieder besser, heute bin ich wieder arbeiten gegangen. Dumm nur, dass ich vergessen hatte, den Wecker wieder zurückzustellen. Ich wachte heute morgen auf, fühlte mich sogar ausgeschlafen, und öffnete dann ein Auge, um auf die Uhrzeit zu schielen. Eigentlich wollte ich das vermeiden, damit ich wirklich so lange schlafen kann, bis der Wecker klingelt, aber irgendwie wollte ich doch wissen, wie spät es ist und wie lange ich noch liegen bleiben kann.

Mein Projektionswecker zeigte komische Zahlen an der Decke. 6.16 Uhr? Kann das stimmen? Hm, selbst wenn die Zahlen auf dem Kopf stehen würden – 9.19 Uhr – würde das keinen Sinn ergeben. Oh oh. Es dämmerte mir. Ich schaute nach, auf welche Zeit ich den Wecker gestellt hatte: 6.45 Uhr. F*ck!!!! Es war also tatsächlich 6.16 Uhr! Und normalerweise fahre ich um 6.30 Uhr schon los zur Arbeit!

Aufgestanden, Katzen gefüttert, geduscht, 3 Löffel Müsli eingeschoben und los. Und wisst ihr was? Ich kam nicht zu spät!

Mir stinkts

24. November 2014 geschrieben von Annette

Ich weiß nicht. Was sagt ihr? Hab ich mich in meiner alten Klinik auch so oft über Überstunden beschwert? Und dass die Dienste keinen Spaß machen? Mir kommt es jetzt so vor, als wäre das früher besser gewesen. Ja, die Dienste waren stressig und man hatte mehr zu tun, aber irgendwie… war die Arbeit interessanter. Und die Schwestern waren besser. Viel besser.

Eben schaue ich in den Spiegel und was sehe ich? Augenringe. Augenringe!!! Mittwoch Dienst gehabt, Samstag Dienst gehabt. Beide nicht stressig, aber 24 Stunden Dienst sind 24 Stunden Dienst. Gestern dann tagsüber nur 2 Stunden gepennt und erst um halb 12 ins Bett. Und heute klingelte der Wecker dann um 5.45 Uhr. Ach, und dann haben sich heute zwei Kollegen krank gemeldet, von denen einer morgen Dienst hätte. Wer macht den Dienst? Richtig: ich! Und Freitag hab ich auch wieder Dienst.

Und an den normalen Arbeitstagen kommt man auch nicht unter einer Überstunde raus. Wenn das mal am Dienstag ist wegen der Chefvisite, ist das ja noch OK. (Eigentlich nicht, aber man akzeptiert das.) Aber in den letzten 2, 3 Monaten verging kaum ein Tag, an dem man mal pünktlich raus kam. Fast keiner!!!!! Es ist praktisch schon die Regel, dass man jeden Tag eine oder anderthalb Stunden länger bleibt.

Mir stinkt das.

Wenn ihr Arzt googeln muss

20. November 2014 geschrieben von Annette

… um herauszufinden, was sie haben, ist ihr Arzt kein Versager, sondern aufmerksam und gewissen haft!

Gestern Nacht brachte mir der Rettungsdienst einen Mann, der sich mit einem Cuttermesser in die Hand geschnitten hatte. Soweit nicht ungewöhnlich. Aber was wissen über diese Messer? Genau, die sind verdammt scharf. Und wenn man da so richtig mit Schmackes losschneiden wollte, dann aber abrutscht und in der Hand landet, kann das schonmal eine tiefere Wunde geben.

“Das muss mal wundversorgt werden”, war die Übergabe vom Rettungsdienst. Naja, ich hab nicht weiter nachgefragt, auch nicht nach der Durchblutung, Motorik und Sensibilität. Ist ja letztendlich doch meine Aufgabe, das zu überprüfen.

Als ich dann den Verband entfernt hatte: holla die Waldfee! Ja, das war tief. Aus einer Ecke sprudelte es gleich mal ein bisschen arteriell, aber nicht schlimm. Mit einer Kompresse bekam ich das so weit in den Griff, um mir die Wunde genauer ansehen zu können. Da guckte mich etwas derbes, weißes an. Offenbau eine Sehne oder ein Band, was sich der Patient durchtrennt hatte. Aber wo gehörte es hin? Wo kam es her? Wo war das andere Ende? Hm, gar nicht so einfach. Das andere ende befand sich sehr dicht am Knochen, er hatte sich diese Sehne sehr knochennah abgetrennt. Ich konnte nicht sofort sagen, was genau das für eine Sehne ist, hatte aber so eine Ahnung.

Was tun? Meinen Anatomieatlas hatte ich früher immer dabei, aber vor einigen Wochen muss ich ihn wohl ausgepackt haben, er war jedenfalls nicht im Rucksack.  In der Ambulanz stand auch keiner herum. Was tut man in so einem Fall? Googeln! Auch nicht so einfach, wenn man nicht genau weiß, mit welchem Suchwort man das gewünschte Ergebnis findet. Nach ein paar Minuten hab ich aber gefunden, was ich gesucht habe. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, aber es könnte die Sehne des M. adductor pollicis gewesen sein.

Und nu? Hätte ich zwei eindeutige Sehnenstümpfe gehabt, hätte ich das wohl einfach genäht, aber leider war es nicht so klar, wohin die Sehne genau gehört. Und bevor ich irgendwas mit irgendwas zusammen nähe, schicke ich den Patienten doch lieber zum Handchirurgen.

Nach kurzem Telefonat mit der nahegelegenen Uniklinik habe ich die Schnittwunde also nur wundversorgt und Sehne sein gelassen. Da kann sich dann heute der Handchirurg drum kümmern.

Auf der Flucht

20. Oktober 2014 geschrieben von Annette

Ja, es ist mir schon öfter passiert, dass Patienten ausgebüxt sind, aber noch nie am zweiten Tag nach Hüft-OP!

Ich hatte gestern Dienst. Gegen Abend war viel los. Eine Patientin mit Urosepsis, hoch fieberhaft und tachykard, und der übliche Kleinschei*: umgeknickt, auf den Ellenbogen gefallen, auf die Hand gefallen und so weiter. Dazu kam eine Patientin von der Station, die plötzlich eine Tachyarrhythmia absoluta entwickelt hat und die ich deswegen auf die Intensivstation verlegt habe.

Und dann rief die Station an, sie hätten da einen Patienten, zweiter Tag nach Hüft-TEP, der verwirrt sei und aggressiv. Ich ordnete am Telefon ein Mittel an, was man bei älteren, verwirrten Menschen geben kann, damit sie ruhiger werden. Zwei Stunden später ein erneuter Anruf von Station. Das Mittel würde nichts bringen. Hm, na gut, dachte ich, fahren wir die harten Geschütze auf. Ich ordnete Atosil Tropfen an. Eine halbe Stunde später rief abermals die Station an. Der Patient würde die Einnahme verweigern. Einen Zugang habe er auch nicht mehr, sie könnten ihm also auch nichts i.v. geben. Toll.

Nachdem ich die Ambulanz endlich einigermaßen aufgeräumt hatte, ging ich nach oben. “Zimmer 214″, sagte mir die Schwester. Das Zimmer war leer. Oh-oh. Ich ging zurück zur Schwester. “Oh, dann ist er wohl ausgebüxt!” Zu zweit suchten wir die Stationen ab, den Keller, den Außenbereich. Kein Zeichen von unserem Patienten. Der Mann am Empfang wurde Gott sei Dank von den Schwestern vorher informiert, dass es einen Patienten gibt, der eventuell abhauen möchte. Wir fragten ihn, ob er den Patienten gesehen habe. “Nein, aber da war ein Mann im Jogginganzug, den habe ich raus gelassen! Er sagte mir, er sei kein Patient.” Wir gingen zurück auf das Zimmer des Patienten. Da lag das Krankenhausnachthemd. Mist, er hatte sich also umgezogen und war am Pförtner vorbei gekommen.

Sofort rief ich die Polizei an. Weit kann er ja nicht kommen mit seiner frisch operierten Hüfte. Da hatte die Schwester eine Idee: der Patient besaß offenbar ein Handy. Seine Ehefrau gab uns die Nummer und die Schwester rief das Handy an. Tatsächlich ging der Patient ran. Er sagte uns auch ganz brav, wo er sich befindet. Wir gaben das an die Polizei weiter und die fand ihn dann endlich und brachte ihn zu uns zurück. Fast 2 km weit war er gekommen! Physiotherapie braucht er definitiv keine.

Die Schwester und ich nahmen den Patienten dann in Empfang. Er war einigermaßen freundlich zugewandt und ließ sich überreden, dass wir ihn aufs Zimmer begleiten. Selbstverständlich brachten wir ihn direkt auf die Intensivstation. Da ist er wesentlich besser unter Kontrolle. Keine Stunde später lag er auch friedlich schlafend im Bett. Mit etwas Propofol…

Zwischendurch hatte ich natürlich auch meinen Hintergrund Oberarzt informiert. Der hatte sich am Telefon erstmal kaputt gelacht. Gleiches heute morgen in der Besprechung. Der leitende OA hat sich kaum noch eingekriegt vor Lachen. Ich fand die ganze Geschichte nicht soooo lustig. Wenn da was schief gelaufen wäre, hätte man mir schwere Vorwürfe machen können.

Aber die Hüfte scheint gut zu funktionieren, wenn der Patient damit schon nach 2 Tagen 2 km laufen kann.