Lustig/traurig

27. Januar 2012 geschrieben von Annette

Hier eine traurige und zugleich lustige Geschichte: Neulich hat bei uns in der Klinik ein Patient versucht, sich umzubringen. Es muss sich um einen allgemeinchirurgischen Patienten gehandelt haben, denn deren Station ist die höchstgelegene bei uns. Er öffnete also im 8. Stock ein Fenster wollte hinausspringen. Dummerweise befinden sich im Stockwerk darunter Balkons vor den Fenstern. Just, als er springen wollte, standen da zwei kräftige Männer auf dem Balkon- und die haben ihn einfach aufgefangen! Die Berichte gehen auseinander, ob sie ihn aus der Luft gefischt haben und er am Balkon vorbei gesegelt wäre oder ob er direkt auf dem Balkon gelandet wäre. Auf jeden Fall ist ihm nichts passiert, außer dass er sich bei der Aktion seine Thoraxdrainage rausgerupft hat. Tja… Glück oder Pech, man weiß es nicht… wenn ich ein kleinzelliges Bronchialkarzinom hätte, wär ich vielleicht auch lieber gesprungen und ganz unten gelandet.

 

Und hier noch eine weitere traurig/lustige Geschichte: Gestern hatte ich mal wieder OP Tag. Morgens war ich noch ziemlich enttäuscht, weil ich dem Chef assistieren musste und selber nur für eine OP als Operateur drauf stand. Die vier Chef OPs vergingen Gott sei Dank recht schnell und danach änderte sich der OP Plan aufgrund von Notfällen noch kräftig. So kam ich immerhin auf zweieinhalb eigene OPs. Die erste war eine eklige Angelegenheit: Mann mit ganz viel Eiter im Bein. Der war schon vor zwei Wochen das erste mal operiert worden und hat da einen Vac-Verband bekommen, der regelmäßig im OP gewechselt wird. Leider schreitet die Abszedierung immer weiter fort, so dass wir diesmal noch zwei weitere Stellen am Bein eröffnen mussten und noch mehr Schwämme eingelegt und eine weitere Vac Pumpe angeschlossen haben.  Der Patient hat eine bekannte Hepatitis C, da werden immer besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Leider haben wir keine OP-Socken… und als wir mit der OP schon fertig waren und gerade abdeckten, klatschte natürlich eine Ladung Hep-C verseuchtes Blut/Eiter/Zeugs auf meine Schuhe – UND MEINE SOCKEN!!!! Iiiiiieeeehhhhhh. Das ist ja per se schonmal eklig, Blut auf de Füße zu bekommen. Aber dann auch noch mit Hepatitis C! Vielen Dank auch. Die Socken hab ich dann umgehend in den Sondermüll entsorgt.  Dann musste ich mir provisorische Socken aus so Verbandskram basteln. Die erfüllten zwar ihren Zweck waren aber auch sehr unbequem. Merke: demnächst ein Paar Ersatzsocken in der Klinik deponieren.

 

PS: Der neue Kollege hat dann gestern direkt mal seine zweite Leichenschau machen müssen…. eigentlich sterben bei uns selten Patienten. Gleich zwei in einer Woche ist schon eine Ausnahme! Diesmal war es aber ein erwarteter Tod.

Zum Abgewöhnen

23. Januar 2012 geschrieben von Annette

Und wieder erzähle ich nicht von mir, sondern von einem neuen Kollegen. Der arbeitet seit einem Monat bei uns. Letzte Woche hatte er seine ersten Tagdienste – und beide waren die Hölle. Viele Patienten, viel zu tun.

Diese Woche ist er das erste mal auf Station, vorher war er nur in der ZNA. Dienstag bis Donnerstag ist noch eine erfahrene Kollegin da, aber heute war er erstmal mutterseelenallein. Hat noch nie zuvor Visite gemacht und dann das: eine Station voller alter, dementer, kranker Menschen, bei denen auch NICHTS rund läuft. Netterweise hat ein Kollege von mir sich bereit erklärt, bei der Visite mitzugehen. Danach war der Neue aber allein. Am Nachmittag rief er verwezifelt in der ZNA an, einer Patientin würde es plötzlich schlechter gehen. Mein Kollege riet ihm am Telefon, ein EKG schreiben zu lassen und Blut abzunehmen. Ich wies noch darauf hin, an eine Lungenembolie zu denken.

Etwas später in der Besprechung wurde der Neue von der Station angepiepst. Er ging kurz aus dem Raum, um zu telefonieren und kam 2 Minuten später kreidebleich wieder rein. Die Patientin war verstorben.

Tatsächlich war es so, dass es ihr eigentlich gut ging. Normaler postoperativer Verlauf. Dann, am Nachmittag ging es ihr rapide schlechter und wenig später lag sie blau angelaufen im Bett. Das Notfallteam wurde noch gerufen, aber es lag eine Patientenverfügung vor, in der die Patientin keine Reanimation und lebensverlängernde Maßnahmen wünschte. Man ließ sie also sterben. Ich vermute, dass es tatsächlich eine Lungenembolie war.

Wie auch immer, der arme neue Kollege durfte an seinem ersten Stationstag gleich auch seine erste Leichenschau machen. Natürlich nicht allein, die erfahrene Dienstkollegin half ihm dabei. Aber eine sanfte Einarbeitung war das jetzt nicht gerade…

Eine vermeidbare Katastrophe?

17. Januar 2012 geschrieben von Annette

Diesmal kann ich nicht von etwas erzählen, was mir selbst passiert ist, sondern nur von einer Begebenheit, die einem Kollegen widerfahren ist.

In seinem Dienst wurde ein Opfer eines Verkehrsunfalls als Schockraum angemeldet. Weil der Patient schon vor Ort eingetrübt war, wurde er intubiert und kam beatmet in unseren Schockraum, Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma. Wie man es in so einer Situation korrekterweise tun sollte, wurde eine Traumaspirale gefahren, also ein CT vom Kopf bis zum Becken. Mancherorts wird sogar ein CT des gesamten Körpers gemacht, bei uns machen wir das abhängig davon, ob die Extremitäten überhaupt verletzt sind. Man kann das ja von außen ganz gut einschätzen, ob was an Armen oder Beinen gebrochen ist. In diesem Fall reichte jedenfalls der CT Scan vom Schädel bis zum Becken. Und das CT erbrachte einen furchtbaren Befund: Aortendissektion. Im Studium hört und liest man immer wieder davon: tritt bei Hochrasanztraumen auf, z.B. bei einem Sturz aus großer Höhe oder halt bei einem Verkehrsunfall. Die Symptome können ganz heimtückisch sein: Schmerz zwischen den Schulterblättern. Von außen sieht man nichts, höchstens mal fehlende Pulse. Bei unserem Patienten hatte also niemand wirklich eine Aortendissektion auf dem Plan. Nun war guter Rat teuer, denn eine solche Verletzung können wir in unserer Klinik nicht behandeln, da wir keine Herz-Lungen-Maschine haben. Mein Kollege, die beiden Allgemeinchirurgen und auch die herbeigerufene Oberärztin der Gefäßchirurgie telefonierten die umliegenden Unikliniken ab. An einer Klinik war der diensthabende Herzchirurg gar nicht zu erreichen, die nächste Klinik wollte erst chekcken, ob sie Intensivbetten haben und dann zurückrufen. Es dauerte fast zwei Stunden, bis endlich eine Klinik gefunden war, die sich bereiterklärte, den Patienten zu übernehmen! Der Intensivtransport holte ihn dann ab. Leider verstarb er wohl beim Eintreffen in der anderen Klinik noch bevor sie den OP erreichen konnten.  Das muss man sich mal vorstellen! Hätte er eine Chance gehabt, wenn wir nicht zwei Stunden gebraucht hätten, um den Weitertransport zu organisieren? Schwer zu sagen. Mein Chef meinte wohl am nächsten morgen, dass wir demnächst nicht fragen sollten “Können Sie den Patienten nehmen?” sondern anrufen und sagen “Wir schicken euch eine Aortendissektion”. Eine Uniklinik DARF einen Patienten einfach nicht ablehnen. Kein Intensivbett? Schei* drauf! Man kann jemanden auch mal für eine Nacht im Aufwachraum zwischenparken! Nun ja, wir werden nicht mehr erfahren, ob es hätte besser laufen können. Es bleibt das schlechte Gefühl, dass die Sache nicht astrein war…

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

14. Januar 2012 geschrieben von Annette

Aufregung in der Unfallchirurgie! Vor ein paar Tagen wurde uns ein Mann eingeliefert mit einer Unterschenkelfraktur. Klarer Fall zum sofortigen Operieren. Das lehnte der Patient allerdings erstmal ab. Hm, vielleicht war er ja besoffen? Nein, sein Bein wär nicht gebrochen und nein, wir dürfen ihn nicht operieren. Wir warteten bis zum nächsten Morgen, in dem Glauben, dass er ein Einsehen hat. Das tut doch schließlich weh und irgendwie ist es ja auch nicht normal, dass der Fuß so komisch wackelt und da Knicke im Bein sind, wo keine sein dürften. Aber nein, das Bein sei nicht gebrochen. Langsam dämmerte uns, dass der Mann wohl Probleme psychischer Art haben muss. Ein Anruf bei der Familie – die ihn übrigens hasst und nicht mit ihm zu tun haben will – bestätigte dies: er wäre schonmal stationär in einer Psychiatrie gewesen. Mein Chef wollte daraufhin schnellstmöglich ein psychiatrisches Konsil, das dem Mann seine Psychose bescheinigt, damit wir ihn endlich operieren können.

Aber: wir haben ja keine eigene Psychiatrie im Hause. Der diensthabende Psychiater der nächstgelegenen Klinik wollte so spät abends (18Uhr) nicht vorbei kommen und seinen Oberarzt nicht vorbei schicken, wir könnten den Patienten ja selber einweisen und dann einen Eilantrag auf Betreuung stellen. Und wären Leib und Leben gefährdet, dürften wir ihn sogar sofort operieren – ohne Polizei und Richter. Hmpf. Na gut. Er wurde also eingewiesen und ein paar Stunden später stand auch die Eilbetreuung. Und auch ein psychiatrisches Konsil war im Laufe des Tages Gott sei Dank erfolgt (Diagnose: akute Psychose).

Heute morgen schritten wir dann zur Tat. Sieben Ärzte – zwei Anästhesisten und fünf Unfallchirurgen – näherten sich dem Patienten. Mein Oberarzt erklärte ihm, dass wir ihn jetzt operieren würden, denn sein Bein wäre gebrochen. Immer noch lehnte der Patient ab. Zu sechst hielten wir ihn fest, damit die Anästhesistin ihn mit Dormicum und Ketanest  etwas gefügiger machen kann, und eine Narkose überhaupt erst möglich ist. Erstaunlicherweise wehrte sich der Patient kein bisschen. Aber hätte ja sein können.

13. Januar 2012 geschrieben von Annette

Und schon wieder eine lange Blogpause. Ich bin ganz schön faul geworden! Dabei ist eine Menge passiert.

Ich habe euch doch schonmal erzählt, dass ich ab und zu im Computer nach Patienten schaue, die verlegt worden sind, bei denen mich aber interessiert, wie es ihnen geht. So auch wieder neulich. Ich kam morgens ins Arztzimmer und sah auf dem Schreibtisch die dicke Akte einer Patientin liegen, die seit bestimmt einem Jahr – mit kurzen Unterbrechungen – bei uns im Krankenhaus in verschiedenen Abteilungen lag. “Ahh, wurde sie doch endlich in die Innere verlegt”, dachte ich und schaute im Computer nach. Aber ich hatte mich geirrt: “Entlassart: verstorben”. So plötzlich. Nach einem Jahr voller Aufs und Abs. Und dabei ging es ihr nicht mal sooo schlecht! Sie war erst wenige Tage zuvor von der Intensivstation wieder zu uns zurück verlegt worden. Allerdings war sie einige Wochen zuvor schonmal aus heiterem Himmel reanimiert worden. Irgendwas stimmte da halt nicht. Die meisten, die die Patientin so lange kannten wie ich, waren eher ein wenig erleichtert, dass sie gestorben ist. Andererseits dachten wir, sie hätte das Schlimmste längst überstanden und jetzt kämen nur noch kleine Rückschläge. Aber irgendwann ist vielleicht doch der Akku alle und es geht nicht mehr.

Ab und zu schaue ich auch noch nach einem anderen Patienten. Der hatte vor ein paar Wochen einen Verkehrsunfall mit vielen schlimmen Verletzungen und war auswärts versorgt worden. Zu uns kam er dann, weil er heimatnah weiter versorgt werden wollte. Eigentlich ging es ihm auch schon wieder ganz gut. Dann bekam er plötzlich hohes Fieber und eine Hepatitis unklarer Ursache. Nach ein paar Tagen fing er auch plötzlich an Blut zu spucken! Und zwar ordentlich! Der internistische Hausdienst kam vorbei und meldete für den nächsten Tag eine Bronchoskopie an. Mehr nicht. Ich dachte mir, dass der Patient eigentlich überwachungspflichtig ist, wenn der weiter Nierenschale nach Nierenschale mit Blut vollspuckt! Ich kümmerte mich darum. Es war schwierig, ein Intensivbett zu finden, aber letztendlich waren die Internisten so nett, den Patienten zu übernehmen. Und das war auch gut so! Noch in der gleichen Nacht ging es rund: notfallmäßige Gastroskopie, notfallmäßige Bronchoskopie – beides ohne Nachweis einer Blutungsquelle. Der HNO Arzt stellte eine Blutung aus dem Rachenraum fest, der Patient wurde intubiert und der Rachen austamponiert mit Kompressen. In einer Angiographie zeigte sich dann ein blutendes Aneurysma im Bereich eines hirnversorgenden Gefäßes… und das alles in nur einer Nacht! Er muss im Verlauf irgendwann wieder extubiert worden sein. Woher jetzt sein Fieber und die Hepatis kamen, weiß ich immer noch nicht. Auf jeden Fall wird er wohl bald in die Reha verlegt.

Mit dem heutigen Tag startet übrigens ein Nachtdienstmarathon. Ein Kollege ist krank und so wurden aus 4 Nachtdiensten 7 Tagen 6 Nachtdienste in 7 Tagen… ich bin gespannt, ob ich das überstehe und wenn ja wie.

Oooops

12. Dezember 2011 geschrieben von Annette

Ja, ich gebs zu, ich bin zynisch und voreingenommen. Egal, wie oft ich mir vornehme, NICHT voreingenommen zu sein, es passieren doch immer wieder Geschichten wie heute.

Am frühen Nachmittag kam ich aus dem OP in die gut gefüllte Ambulanz und nahm mir die erste Patientenkarte, die auf dem Tisch lag. Die Dame von der Anmeldung hatte draufgeschrieben: “Bänderriss, Vorbehandlung in anderen Krankenhaus, jetzt kollabiert vor Schmerzen”. Naaaa klasse, dachte ich. Erstens: Vorbehandlung in einem anderen Krankenhaus? Dann sollen die verdammt nochmal auch dort wieder hingehen? Zweitens: kollabiert vor Schmerzen bei einem BÄNDERRISS? Ich vermutete ein wehleidiges Bübchen mit komischer Mama. Ungefähr so bin ich dem Patienten dann auch begegnet. Ich fragte als erstes vorwurfsvoll, wieso sie nicht wieder in das andere Krankenhaus gegangen seien. Nun ja, jetzt waren sie halt hier. Ich hakte nach: hatte der Patient überhaupt Schmerzmittel genommen? Hochgelagert? Gekühlt? Ja, versicherte mir die Mutter. Sogar Tramal habe sie ihm gegeben. Ich wurde zum ersten mal hellhörig. Tramal? Und trotzdem solche Schmerzen? Hm. Ich schaute mir den Fuß den Patienten also an: oh-oh, sah nicht gut aus! Der war fett geschwollen. Jetzt war auch klar, woher die Schmerzen kamen: Kompartmentsyndrom! Durch die Schwellung war der Druck im Fuß so angestiegen, dass die Schmerzen unerträglich wurden und drohten, Nerven und Gefäße abzuklemmen. Keine halbe Stunde später war der Patient im OP, zur Kompartmehtspaltung. Und mal wieder hatte ich jemandem zuerst unrecht getan.

Durchgebrochen

9. Dezember 2011 geschrieben von Annette

Das war eine interessante Woche. Vorgestern Hab ich als Unfallchirurg mal gänzlich un-unfallchirurgische Diagnosen gestellt und gestern war richtig was los in der Notaufnahme.

Fangen wir mal vorgestern an. Da wurde mir von den Schwestern eine Einweisung vom Hausarzt vorgelegt, auf der stand: “Fingerkuppennekrose, M. Raynaud?”. Ähhhhh, das ist aber mal überhaupt nichts für mich, versuchte ich der Schwester klarzumachen. “Doch! Die hat sich vor 3 Wochen an dem Finger gestoßen, deswegen musst du dir das angucken.” *zähneknirsch* Na gut. Ich sah mir die Patientin also an. Ob sie sich da überhaupt gestoßen habe, wusste sie gar nicht mehr, und die komische Stelle am Finger war ganz definitiv nicht von einer Verletzung. Keine Schwellung, kein Eiter. Für mich sah das aus wie eine beginnende Sklerodermie oder sowas: Madonnenfinger, Rattenbissnekrose. Ich holte die diensthabende Internistin dazu, die gleich noch ihren Oberarzt mitbrachte. Beide rätselten herum, hmmmmmmmmmmm, aber das ist doch nur ein Finger, dass ist abe gaaaaaanz untypisch für was Rheumatologisches. Innerlich bereute ich es schon, den Internisten das gezeigt zu haben. Ich meine, die hat das ja erst seit 4 Wochen! Das wird halt der Beginn der Erkrankung sein. So hab ich’s der Patientin dann auch erklärt und ihr gesagt, sie solle sich einen guten  Rheumatologen suchen.

Danach kam eine Patientin mit einer merkwürdigen Schwellung rund um ein Auge herum. Mein erster Gedanke: Orbitalphlegmone. Das Auge an sich sah ganz unauffällig aus, aber die Schwellung war schon merkwürdig. Teigig, leicht gerötet, schmerzhaft, scharf begrenzt. Das war auf keinen Fall ein Monokelhämatom, wie auf der Einweisung stand. Die Patientin berichtete mir dann, sie wäre schon beim Augenarzt gewesen und der hätte gesagt, mit dem Auge wäre alles in Ordnung. Da beginnt man schon an sich zu zweifeln: entweder ist der Augenarzt blind oder ich bin doof. Zur Sicherheit hab ich ein CT der Nasennebenhöhlen gemacht: keine Fraktur, ab zur Augenklinik. Leider weiß ich nicht, was jetzt tatsächlich bei der Geschichte rauskam.

Gestern wurde es dann richtig unfallchirurgisch. Um die Mittagszeit rief der Notarzt an, er würde einen Patienten bringen, der aus 1 bis 2m Höhe von der Leiter gestürzt sei und er hätte gerne einen Schockraum. Na gut, dachte ich, machen wir, wenn der Notarzt das sagt. Aber ein Sturz aus 1m Höhe wird ja wohl nicht so tragisch sein. Wie man sich täuschen kann! Als der Patient war, war er wach, ansprechbar und wirkte relativ unauffällig. Eine Röntgenaufnahme vom Thorax zeigte dann allerdings beidseits eine Rippenserienfraktur, so dass mein Kollege doch besser eine Traumaspirale gefahren hat. Hat sich gelohnt! Der Mensch war sozusagen einmal in der Mitte durchgebrochen! Frakturen von zwei Brustewirbelkörpern, Rippenserienfraktur beidseits und eine Sternumfraktur. Einmal kaputt von hinten bis vorne, total instabil. Der Patient wurde von da an wie ein rohes Ei behandelt und sehr vorsichtig umgelagert. Auf beiden Seiten zeigte sich außerdem Blut im Thorax und auch kleine Pneus. Die Anästhesie intubierte den Patienten vorsorglich und er bekam beidseits Thoraxdrainagen. Eine davon durfte ich legen. Das hat suuuper viel Spaß gemacht. Ging relativ leicht und die Drainage lag auch gut. Es kam vielleicht ein halber Liter Blut, mehr nicht. Anschließend ging der Patient auf die Intensivstation. Im Verlauf muss unbedingt noch die Wirbelsäule stabilisiert werden, vielleicht haben sie das sogar heute schon gemacht. Ich hab nachher noch Nachtdienst, da schaue ich mal nach.

Konsequenzen

25. November 2011 geschrieben von Annette

Gestern hatte ich OP Tag. Eigentlich. Ich staunte nicht schlecht, als ich morgens den OP Plan ausdruckte: ich stand überall nur als Assistent drauf. Und das waren ALLES OPs, die ich locker hätte selber machen können. Ich ahnte schon, dass ich da wohl für irgendwas bestraft werde. Nur für was? Irgendwann im Laufe des Tages, nahm der Oberarzt mich zur Seite, um mich aufzuklären. Letzte Woche hatte ich eine Patientin operiert, die dann nachgeblutet hat und im OP revidiert werden musste – in der Dienstzeit. Der diensthabende OA fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich zögerte mit der Antwort, da ich eigentlich lieber nachhause wollte, da sagte der OA “OK, ich mach’s selbst.” Das war mein Fehler. Ich hab’s verbockt, also wird von mir erwartet, dass ich mithelfe, es wieder gerade zu biegen. Auch wenn’s nach Dienstschluss ist. Einerseits verstehe ich das, andererseits auch wieder nicht. Wir werden ständig dazu angehalten, doch bitte keiner Überstunden zu machen. Einmal wollte ich nach dem Nachtdienst gerne noch eine Thoraxdrainage legen und durfte nicht, weil ich ja Dientschluss hatte. Aber wegen sowas wird erwartet, dass man “jawoll, sofort!” schreit. Nun gut. Wie gesagt: war blöd von mir, hab ich selbst gemerkt. ABER: mich dann so zu bestrafen und es mir dann nicht mal selbst zu sagen, DAS ist unter aller Sau. Ich war jedenfalls sauer gestern und bin froh, dass ich nächste Woche Urlaub habe.

“Eine Ekelpatientin”

18. November 2011 geschrieben von Annette

Ich habe einen Kollegen, der mag eine ganz bestimmte Sorten von Patienten nicht. OK, ich mag die auch nicht, aber er scheint sie geradezu zu hassen. Dumme Menschen. Und der Gipfel sind dann besoffene dumme Menschen. Nachvollziehbar, man sollte aber aufpassen, dass man nicht zu voreingenommen ist und den Leuten unrecht tut.

Gestern Nacht klingelte um ungefähr Viertel nach 3 mein Telefon. Mein Kollege war dran.

“Ich hab da so eine Ekelpatientin. Besoffen aus irgendeiner Kneipe gekommen, hat jetzt Schmerzen in der Hüfte und ich kriege sie nicht schmerzfrei. Das Röntgenbild sieht komisch aus, aber ich sehe keine Fraktur.”

“Ist sie gestürzt?”

“Nein.”

“Was hat sie denn bekommen?”

“Zwei Gramm Novalgin.”

“Hm, dann nimm sie auf.”

“Die kann man nicht aufnehmen!”

Ich wunderte mich zwar ein bisschen über meinen Kollegen, glaubte ihm aber soweit. Besoffen, nicht gestürzt, trotzdem Schmerzen… das kann auch mal jemand sein, der nur ein warmes Bett sucht und keinen Bock hat, nachhause zu gehen. Ich sagte ihm, die Patientin solle halt bis morgen in der ZNA bleiben zum ausnüchtern und morgen früh schauen wir dann mal weiter.

Fünf Minuten später klingelte erneut das Telefon. Diesmal war der Rettungsdienst dran, der einen Patienten ankündigen wollte, der aus 3 Meter Höhe gestürzt war. Ich machte mich also auf den Weg von meinem Bereitschaftszimmer zur Notaufnahme. Den Gestürzten habe ich schnell abgefertig (Röntgen – Wirbelkörperfraktur – stationäre Aufnahme), dann hatte ich Zeit, mal nach der “Ekelpatientin” zu gucken.

So eklig fand ich sie gar nicht. OK, sie hatte 2,2 Promille, was schon recht heftig ist, aber sie hatte auch ganz eindeutig heftige Schmerzen in der Hüfte. Ich fragte sie nochmal: “Sind sie WIRKLICH nicht gestürzt?” – “Moment, DOCH!” Eine Prellmarke auf dem Knie legte die Vermutung auch nahe. Eine Schürfwunde mit Schwellung holt man sich nicht aus heiterem Himmel. Ich sah mir nochmal das Röntgenbild an. Hmmm…. es sah verdächtig aus. Da die Radiologin eh wach war, rief ich sie an um nach ihrer Meinung zu fragen. Sie sah keine Fraktur. Ich war mir da nicht so sicher und die Schmerzen sprachen eindeutig für eine Fraktur. Ich nahm die Patientin dann doch auf und meldete für den Morgen ein CT an, um sicher zu gehen.

In der Frühbesprechung dann sahen wir nochmal alle gemeinsam die Röntgenbilder. Meinugn des Chefs: kaputt. Eindeutig. CT absagen, OP planen.

Faulheit und Abneigung sind schlechte Ratgeber.

Richtig Spaß

17. November 2011 geschrieben von Annette

Boah, 10 Tage in Folge arbeiten. Fies. Hab ausgerechnet, dass ich allein letzte Woche 78 Stunden gearbeitet habe (inklusive Pausen allerdings). Ist das legal? Glaub nicht, aber das interessiert ja keinen. Dennoch muss man sagen, dass die neue Arbeitsteilung stressfreier ist. Es ist jetzt so geregelt, dass man entweder auf Station ist, ODER im OP, nicht mehr beides zusammen. Das hat zur Folge, dass man eine komplette Woche Stationsdienst hat, aber nur 3 oder 4 Tage pro Monat im OP ist. Klingt wenig, ist wenig. Dafür ist halt auch jeder im OP, es fällt das halbe Jahr Ambulanz weg, das wir sonst am Stück gemacht haben. Bei uns war nämlich jeder schon ein halbes Jahr dort (manche sogar deutlich länger), und dann wäre z.B. ich jetzt wieder an der Reihe, und käme ein halbes Jahr gar nicht mehr in den OP. Dann doch lieber die 3 oder 4 Tage im Monat.

Letzte Woche hatte ich Stationsdienst. Ätzend. Äääääätzend. Totlangweilig. Für die Visite haben wir jetzt alle Zeit der Welt, den ganzen Tag, wenn wir wollen. Wir müssen die Visite nämlich nicht mehr VOR der Frühbesprechung fertig haben, sondern können sie ganz in Ruhe danach machen. Es ist auch von Vorteil, dass ein und derselbe Arzt eine komplette Woche Visite macht, da kennt man dann seine Patienten. Außer der Visite und ein paar Briefen ist aber sonst nicht viel zu tun bei der Stationsarbeit. Das Legen von Braunülen und die wenigen Verbandswechsel, die man nicht schon bei der Visite macht, erledigt daneksnwerterweise der PJler, Blut nimmt das Blutentnahmeteam aus dem Labor ab. Bleibt viel Zeit übrig. Ein bisschen davon verbringt man mit Angehörigengesprächen, ein bisschen mit Telefonieren. Dann geht man noch essen, trinkt Kaffee, diktiert Gutachten und OP Berichte. Also ich finds langweilig.

Zu allem Überfluss hatte ich am Wochenende Tagdienst, d.h. noch zweimal Visite auf “meiner” Station. 7 Tage Visite in Folge! Dafür ging’s am Wochenende schnell. Der Samstag war dann recht anstrengend, wie immer. Highlight war ein Junkie, der von seiner Mutter eingesperrt worden auf kalten Entzug. An Tag hat er es nicht mehr ausgehalten und wollte sich aus einem Festern (4. Stock!) abseilen. Das Seil ist natürlich gerissen. Für einen Sturz aus sage und schreibe 10m Höhe ist er aber gut davon gekommen. Ein Fersenbein nur leicht kaputt, das andere total zertrümmert, aber in seiner Form fast perfekt erhalten. Dann noch eine wirklich schlimme Wirbelkörperfraktur, die aber in einem Bereich war, wo das Rückenmark schon aufhört. Wäre der Bruch höher gewesen, wäre der Typ mit Sicherheit querschnittsgelähmt (dann täten ihm allerdings auch die Füße nicht mehr so weh).

Der Sonntag war ruhiger, u.a. haben wir den Junkie nochmal operiert, weil die OP in der Nacht nur so halb gut geworden ist. War echt spannend, das war schon richtige Neurochirurgie! Der Oberarzt hat laminektomiert und da zeigte sich, dass die Dura gerissen war und ein Nerv rausguckte. Den hat er wieder reingestopft und das Loch in der Dura zugenäht. Ich stand staunend daneben und hab das OP Feld sauber gehalten mit dem Sauger.

Diese Woche hatte ich dann meine drei OP Tage und die waren echt toll. Ich durfte einen Fixateur externe am Sprunggelenk und einen am Knie machen, einen Radius operieren und meinen ersten Nagel am Oberarmkopf. Sieht leichter aus, als es ist! Daneben gab es dann noch einige Metallentfernung und, ach ja, eine Karplatunnelspaltung. Auch ne coole Sache. So langsam bekomme ich ein Gefühl für das, was ich tue. Und es macht richtig Spaß.