Bis in die Puppen

22. Januar 2015 geschrieben von Annette

Sagt mal, waren meine Beiträge früher spannender? Kommt mir zumindest selbst so vor, wenn ich mal meine alten Posts lesen… hmmm… Orthopädie ist eben einfach wenig spannend.

Gestern hatte ich Dienst und das Spannendste war in der Tat, dass wir  bis 23 Uhr im OP standen. Das normale, elektive Tagesprogramm lief schomal bis 21.15 Uhr Uhr. Um 19 Uhr mussten wir ja unbedingt noch eine Knieprothese anfangen. Und danach stand noch eine notfallmäßige Kniespülung bei Infekt an.

Aber eine Knie-TEP um 19 Uhr? Hallo?? Gehts noch??? Dieser Tage ist unser Programm jeden Tag so voll. Fast jeden Tag geht das geplante Programm bis 20 Uhr. Und Betten haben wir auch keine. Wir legen unsere Patienten schon in die Urologie und in die Innere Medizin. Aber kommt mal jemand auf die Idee, eine OP abzusagen oder zu verschieben? Neeeeiiiiiinnnn, das muss alles durchgezogen werden. Der Operateur hat keinen Bock, weil er schon seit 10 Stunden operiert, der Assisstent hat Hunger und will ins Bett und der Hakenhalter ist sauer, weil er eigentlich um 21 Uhr zum Kino verabredet war, was er aber vergessen kann. Macht sowas Sinn?

Mal sehen, wie lange ich das noch aushalte.

Nicht nett

19. Januar 2015 geschrieben von Annette

Stimmt, ich habe lange nichts mehr über meine Kollegen geschrieben. Irgendwie gab es da auch bisher nichts Besonderes zu berichten. Alle ganz nett, alle sehr fleißig, wir sind ein gutes Team.

Aber Ausnahmen  bestätigen die Regel. Letzten Herbst kam ein neuer Kollege dazu. Eine Kollegin von uns rotiert für ein Jahr an die Schwesterklinik und von dort kam als Ersatz ein neuer Kollege. Nennen wir ihn Thomas. Man muss Thomas wohl zu Gute halten, dass diese Rotation Pflicht ist und er sich sicherlich nicht dagegen wehren konnte. Es mag also sein, dass Orthopädie einfach nicht seins war.

Thomas eilte jedoch bereits vor seinem Start bei uns ein gewisser Ruf voraus. Dass er schwierig sei. Und arrogant. Ich habe nie wirklich eng mit ihm zusammen gearbeitet, also kann ich keine Geschichten aus erster Hand erzählen, aber mir sind da so verschiedene Sachen zu Ohren gekommen. Die Schwestern in der Ambulanz muss er wohl innerhalb kürzester Zeit gegen sich aufgebracht haben. Faul und arrogant, so in etwa wurde er mir immer beschrieben. Und eine meiner Kolleginnen hat ihn irgendwann einfach nur noch gehasst. Er sei immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ein richtiges Kollegenschwein. Einmal hat er sie zur Schnecke gemacht, warum sie keine Entlassbriefe vorbereitet hätte – und selber hat er das genauso wenig getan. Einfach nicht nett. Man kackt keine Kollegen an, die seit Jahren in dem Haus arbeiten, wenn man selber der Neue ist.

Um die Weihnachtszeit herum hat er sich dann krank gemeldet. Immerhin hat er seinen Dienst an Silvester gemacht (da war ihm wohl klar, dass den niemand freiwillig übernehmen wird), aber ansonsten hat er in den zwei Wochen um Weihnachten und Silvester herum keinen Tag gearbeitet. Im neuen Jahr dann, als wir eigentlich damit rechneten, dass er wieder zur Arbeit kommt, kam der Hammer: er hat gekündigt und fängt woanders zum 1.3. an. Super. Von da an war klar, dass er wohl gar nicht mehr wieder kommen wird. Ich hab keine Ahnung, was für eine schwere Krankheit er hat, dass er jetzt seit 5 Wochen krank geschrieben ist, aber ehrlich gesagt will hier auch niemand mehr sein Gesicht sehen.

Dann sind wir jetzt eben einer weniger. Keine 3 Monate hat er es bei uns ausgehalten. Wir müssen schon echt furchtbar sein.

An alter Wirkungsstätte

8. Januar 2015 geschrieben von Annette

Heute habe ich einen Ausflug an meine alte Uniklinik hinter mir! Für den Facharzt brauche ich 50 Sonographien von Hüften bei Säuglingen. Das mache ich jetzt an der Uniklinik im Rahmen einer Hospitation. Leider kriege ich dafür natürlich nicht frei, sondern muss das nach einem Dienst machen. Uff. Und war der Dienst gestern auch noch so biestig. Eigentlich war ab 20 Uhr tote Hose. Wenn dann nicht ab 22 Uhr das Telefon alle paar Minuten geklingelt hätte. Muss man mit einem Harnwegsinfekt wirklich nachts im 1 ins Krankenhaus gehen? Kann man da nicht die halbe Nacht noch warten, bis man morgens zum Hausarzt gehen kann? *grummel* Außerdem habe ich noch eine alte Dame aus dem Altersheim aufgenommen, die sich eine Oberarmkopffraktur bei einem Sturz zugezogen hatte. Um 2 Uhr konnte ich endlich ins Bett. Leider klingelte danach das Telefon weiter und um halb 7 klingelte unerbittlich der Wecker.

Um kurz vor 10 fand ich mich dann in der Uniklinik ein, nachdem ich zuhause immerhin duschen und frühstücken konnte. Von innen sah erstmal alles ein bisschen anders aus. Neue Aufzüge, ein großer neuer Anbau mit Hubschrauberlandeplatz. Aber das Treppenhaus kam mir noch vertraut vor. In der orthopäischen Ambulanz war ich dann nicht mal allein, da hüpften auch noch ein paar Studenten herum. Immerhin trug ich ein Polohemd mit der Aufschrift “Dr. Annette”, damit konnte man mich schonmal von den Studenten unterscheiden Ich persönlich hab mich erstmal sehr ins Studium zurückversetzt gefühlt. Gerade Kinderorthopädie ist etwas, wovon ich echt keinen blassen Schimmer habe. Bevor der erste Säugling kam, konnte ich noch zwei andere Kinder ansehen. Eins mit Klumpfuß und eins mit einer Fehlbildung am Schädel.

Gegen 11 Uhr gings dann los mit dem Sono. Vorher hatte ich mir im Buch mal die zwei Seiten über Hüftdysplasie durchgelesen. All zu viel davon kapiert habe ich nicht. Aber es war gut, dass ich das gelesen habe, denn die Ärztin, die mir alles gezeigt hat, hätte nicht wirklich Zeit gehabt, mir alles zu erklären. An der Wand hing ein Poster mit Beschriftung der Landmarken, die man im Sono sehen muss und die Linien, die man zur Berechnung braucht.

Und dann gings auch schon los. Die Kinderorthopädin hat immer zuerst das ganze Kind untersucht und dann selbst geschallt. Pro Seite hat sie immer mindestens zwei Messungen gemacht, danach durfte ich dann den Schallkopf übernehmen. Gar nicht so leicht, bei einem strampelnden Säugling! Aber ich glaube, ich habs relativ schnell ganz gut raus gehabt. Zum Schluss kamen noch zwei eineiige Zwillinge, da hat sich die Untersuchung dann etwas hingezogen. Bin ganz schön müde geworden in der Zeit. Um halb 2 waren wir  dann fertig. Insgesamt waren es 4 Kinder und da eins jeweils zwei Hüften hat, hab ich jetzt 8 Hüften geschallt. 50 bräuchte ich. Mal sehen, wie oft ich da noch hin muss.

Hammermäßige Schei*e

4. Januar 2015 geschrieben von Annette

Weihnachten ist vorbei, Silvester auch, und das neue Jahr startet für mich mit einem Dreierpack Diensten am 3., 5. und 7.1. Gestern also Teil 1.

Am frühen Abend ruft eine Hausärztin an, die gerade im Notdienst zu einer Patientin gerufen wurde. Eine schwer kranke Patientin: bösartiger Hirntumor, daher sowohl Arme und Beine fast vollständig gelähmt und wegen dem vielen Cortison, was sie seit Monaten nimmt, ein ausgeprägter Morbus Cushing. Jetzt sei das Problem, dass sie bei liegendem Blasenkatheter wenig Urin ausscheiden würde. In den letzten Tagen sei der Urin immer mal wieder blutig gewesen. Den Katheter habe die Ärztin gerade gewechselt, aber es kommt einfach nichts raus. Ob ich noch eine Idee hätte, woran das liegen kann. Mein Gedanke: entweder ist die Blase einfach leer oder sie ist voll mit Blut. Man müsste einfach mal eine Ultraschalluntersuchung von der Blase machen. Begeistert war die Ärztin nicht, sie wollte die Patientin einfach ungern ins Krankenhaus schicken. Es ließ sich aber nicht vermeiden.

So gegen 20 Uhr kam sie dann mit dem Rettungsdienst an. Man sah auf den ersten Blick, dass die Patientin ziemlich am Ende ist. Vom Cortison aufgedunsen wie ein Wal, kaum in der Lage zu sprechen, der ganz Körper bläulich-lila verfärbt, überall Verbände und Pflaster wegen Risswunden bei Pergamenthaut. Im Blasenkatheter war klarer Urin, wenn auch wenig. Aber kein Blut. Sofort hielt ich den Schallkopf auf den Bauch: keine Blase zu sehen. Die Blase war also einfach leer und der Katheter lag richtig. Das Problem war also nicht die Blase, sondern dass die Patientin einfach kaum Urin produziert. Mir fiel auf, dass ihr der ganze Bauch weh tat. Ich holte den Internisten kurz dazu und er stimmte mir zu: das ist eher ein Fall für den Bauchchirurgen. Wir haben noch Blut abgenommen und die Patientin dann sofort ins Nachbarkrankenhaus geschickt, wo es eine Allgemeinchirurgie gibt.

Heute morgen hab ich dann mal nachgeforscht, was aus der Patientin geworden ist. Im Labor waren die Entzündungswerte jenseits von gut uns böse, das CT vom Bauch hatte freie Luft gezeigt. Die Diagnose lautete: vier Quadranten Peritonitis bei Hohlorganperforation. Die Patientin wurde noch in der Nacht operiert.

Sowas hatte ich schon befürchtet. Ich glaube, ihre Chancen, das überleben, stehen sehr schlecht. Und wieder einmal frage ich mich, ob man ihr die Situation auch klar erläutert hat: ohne OP würde sie sterben – mit OP würde sie vielleicht überleben. VIELLEICHT. Mit einem ohnehin nicht heilbaren Hirntumor. Und vom Hals abwärts gelähmt. Meiner Meinung nach wäre es durchaus eine Option gewesen, sie nicht zu operieren und sterben zu lassen. Aber vielleicht wollte die das nicht und wollte sich doch an den letzten Strohalm klammern.

6:16? 9:19?

11. Dezember 2014 geschrieben von Annette

Ich war Anfang dieser und Ende letzter Woche krank. So wie fast jeder in unserer Abteilung. Es fing ganz harmlos mit Kratzen im Hals an, am nächsten Tag fühlte ich mich schon etwas schlapp und in der darauffolgenden Nacht ging’s dann los. Fiese Halsschmerzen und dieses Gefühl, dass man lieber sterben würde, statt diese Qualen zu erleiden (dabei kann ich sie nicht mal richtig beschreiben). Ich schlief erst so gegen 3 Uhr nachts ein und als ich um 4 Uhr wieder wach wurde, beschloss ich, den Wecker eine Stunde vorzustellen, so dass ich nicht um 5.45 Uhr aufstehen muss, sondern einfach um 6.45 Uhr schnell den Diensthabenden in der Klinik anrufen kann, dass ich nicht zur Arbeit komme.

Eine Woche später. Mir gehts wieder besser, heute bin ich wieder arbeiten gegangen. Dumm nur, dass ich vergessen hatte, den Wecker wieder zurückzustellen. Ich wachte heute morgen auf, fühlte mich sogar ausgeschlafen, und öffnete dann ein Auge, um auf die Uhrzeit zu schielen. Eigentlich wollte ich das vermeiden, damit ich wirklich so lange schlafen kann, bis der Wecker klingelt, aber irgendwie wollte ich doch wissen, wie spät es ist und wie lange ich noch liegen bleiben kann.

Mein Projektionswecker zeigte komische Zahlen an der Decke. 6.16 Uhr? Kann das stimmen? Hm, selbst wenn die Zahlen auf dem Kopf stehen würden – 9.19 Uhr – würde das keinen Sinn ergeben. Oh oh. Es dämmerte mir. Ich schaute nach, auf welche Zeit ich den Wecker gestellt hatte: 6.45 Uhr. F*ck!!!! Es war also tatsächlich 6.16 Uhr! Und normalerweise fahre ich um 6.30 Uhr schon los zur Arbeit!

Aufgestanden, Katzen gefüttert, geduscht, 3 Löffel Müsli eingeschoben und los. Und wisst ihr was? Ich kam nicht zu spät!

Mir stinkts

24. November 2014 geschrieben von Annette

Ich weiß nicht. Was sagt ihr? Hab ich mich in meiner alten Klinik auch so oft über Überstunden beschwert? Und dass die Dienste keinen Spaß machen? Mir kommt es jetzt so vor, als wäre das früher besser gewesen. Ja, die Dienste waren stressig und man hatte mehr zu tun, aber irgendwie… war die Arbeit interessanter. Und die Schwestern waren besser. Viel besser.

Eben schaue ich in den Spiegel und was sehe ich? Augenringe. Augenringe!!! Mittwoch Dienst gehabt, Samstag Dienst gehabt. Beide nicht stressig, aber 24 Stunden Dienst sind 24 Stunden Dienst. Gestern dann tagsüber nur 2 Stunden gepennt und erst um halb 12 ins Bett. Und heute klingelte der Wecker dann um 5.45 Uhr. Ach, und dann haben sich heute zwei Kollegen krank gemeldet, von denen einer morgen Dienst hätte. Wer macht den Dienst? Richtig: ich! Und Freitag hab ich auch wieder Dienst.

Und an den normalen Arbeitstagen kommt man auch nicht unter einer Überstunde raus. Wenn das mal am Dienstag ist wegen der Chefvisite, ist das ja noch OK. (Eigentlich nicht, aber man akzeptiert das.) Aber in den letzten 2, 3 Monaten verging kaum ein Tag, an dem man mal pünktlich raus kam. Fast keiner!!!!! Es ist praktisch schon die Regel, dass man jeden Tag eine oder anderthalb Stunden länger bleibt.

Mir stinkt das.

Wenn ihr Arzt googeln muss

20. November 2014 geschrieben von Annette

… um herauszufinden, was sie haben, ist ihr Arzt kein Versager, sondern aufmerksam und gewissen haft!

Gestern Nacht brachte mir der Rettungsdienst einen Mann, der sich mit einem Cuttermesser in die Hand geschnitten hatte. Soweit nicht ungewöhnlich. Aber was wissen über diese Messer? Genau, die sind verdammt scharf. Und wenn man da so richtig mit Schmackes losschneiden wollte, dann aber abrutscht und in der Hand landet, kann das schonmal eine tiefere Wunde geben.

“Das muss mal wundversorgt werden”, war die Übergabe vom Rettungsdienst. Naja, ich hab nicht weiter nachgefragt, auch nicht nach der Durchblutung, Motorik und Sensibilität. Ist ja letztendlich doch meine Aufgabe, das zu überprüfen.

Als ich dann den Verband entfernt hatte: holla die Waldfee! Ja, das war tief. Aus einer Ecke sprudelte es gleich mal ein bisschen arteriell, aber nicht schlimm. Mit einer Kompresse bekam ich das so weit in den Griff, um mir die Wunde genauer ansehen zu können. Da guckte mich etwas derbes, weißes an. Offenbau eine Sehne oder ein Band, was sich der Patient durchtrennt hatte. Aber wo gehörte es hin? Wo kam es her? Wo war das andere Ende? Hm, gar nicht so einfach. Das andere ende befand sich sehr dicht am Knochen, er hatte sich diese Sehne sehr knochennah abgetrennt. Ich konnte nicht sofort sagen, was genau das für eine Sehne ist, hatte aber so eine Ahnung.

Was tun? Meinen Anatomieatlas hatte ich früher immer dabei, aber vor einigen Wochen muss ich ihn wohl ausgepackt haben, er war jedenfalls nicht im Rucksack.  In der Ambulanz stand auch keiner herum. Was tut man in so einem Fall? Googeln! Auch nicht so einfach, wenn man nicht genau weiß, mit welchem Suchwort man das gewünschte Ergebnis findet. Nach ein paar Minuten hab ich aber gefunden, was ich gesucht habe. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, aber es könnte die Sehne des M. adductor pollicis gewesen sein.

Und nu? Hätte ich zwei eindeutige Sehnenstümpfe gehabt, hätte ich das wohl einfach genäht, aber leider war es nicht so klar, wohin die Sehne genau gehört. Und bevor ich irgendwas mit irgendwas zusammen nähe, schicke ich den Patienten doch lieber zum Handchirurgen.

Nach kurzem Telefonat mit der nahegelegenen Uniklinik habe ich die Schnittwunde also nur wundversorgt und Sehne sein gelassen. Da kann sich dann heute der Handchirurg drum kümmern.

Auf der Flucht

20. Oktober 2014 geschrieben von Annette

Ja, es ist mir schon öfter passiert, dass Patienten ausgebüxt sind, aber noch nie am zweiten Tag nach Hüft-OP!

Ich hatte gestern Dienst. Gegen Abend war viel los. Eine Patientin mit Urosepsis, hoch fieberhaft und tachykard, und der übliche Kleinschei*: umgeknickt, auf den Ellenbogen gefallen, auf die Hand gefallen und so weiter. Dazu kam eine Patientin von der Station, die plötzlich eine Tachyarrhythmia absoluta entwickelt hat und die ich deswegen auf die Intensivstation verlegt habe.

Und dann rief die Station an, sie hätten da einen Patienten, zweiter Tag nach Hüft-TEP, der verwirrt sei und aggressiv. Ich ordnete am Telefon ein Mittel an, was man bei älteren, verwirrten Menschen geben kann, damit sie ruhiger werden. Zwei Stunden später ein erneuter Anruf von Station. Das Mittel würde nichts bringen. Hm, na gut, dachte ich, fahren wir die harten Geschütze auf. Ich ordnete Atosil Tropfen an. Eine halbe Stunde später rief abermals die Station an. Der Patient würde die Einnahme verweigern. Einen Zugang habe er auch nicht mehr, sie könnten ihm also auch nichts i.v. geben. Toll.

Nachdem ich die Ambulanz endlich einigermaßen aufgeräumt hatte, ging ich nach oben. “Zimmer 214″, sagte mir die Schwester. Das Zimmer war leer. Oh-oh. Ich ging zurück zur Schwester. “Oh, dann ist er wohl ausgebüxt!” Zu zweit suchten wir die Stationen ab, den Keller, den Außenbereich. Kein Zeichen von unserem Patienten. Der Mann am Empfang wurde Gott sei Dank von den Schwestern vorher informiert, dass es einen Patienten gibt, der eventuell abhauen möchte. Wir fragten ihn, ob er den Patienten gesehen habe. “Nein, aber da war ein Mann im Jogginganzug, den habe ich raus gelassen! Er sagte mir, er sei kein Patient.” Wir gingen zurück auf das Zimmer des Patienten. Da lag das Krankenhausnachthemd. Mist, er hatte sich also umgezogen und war am Pförtner vorbei gekommen.

Sofort rief ich die Polizei an. Weit kann er ja nicht kommen mit seiner frisch operierten Hüfte. Da hatte die Schwester eine Idee: der Patient besaß offenbar ein Handy. Seine Ehefrau gab uns die Nummer und die Schwester rief das Handy an. Tatsächlich ging der Patient ran. Er sagte uns auch ganz brav, wo er sich befindet. Wir gaben das an die Polizei weiter und die fand ihn dann endlich und brachte ihn zu uns zurück. Fast 2 km weit war er gekommen! Physiotherapie braucht er definitiv keine.

Die Schwester und ich nahmen den Patienten dann in Empfang. Er war einigermaßen freundlich zugewandt und ließ sich überreden, dass wir ihn aufs Zimmer begleiten. Selbstverständlich brachten wir ihn direkt auf die Intensivstation. Da ist er wesentlich besser unter Kontrolle. Keine Stunde später lag er auch friedlich schlafend im Bett. Mit etwas Propofol…

Zwischendurch hatte ich natürlich auch meinen Hintergrund Oberarzt informiert. Der hatte sich am Telefon erstmal kaputt gelacht. Gleiches heute morgen in der Besprechung. Der leitende OA hat sich kaum noch eingekriegt vor Lachen. Ich fand die ganze Geschichte nicht soooo lustig. Wenn da was schief gelaufen wäre, hätte man mir schwere Vorwürfe machen können.

Aber die Hüfte scheint gut zu funktionieren, wenn der Patient damit schon nach 2 Tagen 2 km laufen kann.

WTF?!

7. Oktober 2014 geschrieben von Annette

Unfallchirurgen machen keine gute Orthopädie und Orthopäden machen keine gute Unfallchirurgie. Das ist meine bisherige Erkenntnis aus den zwei Krankenhäusern, in denen ich gearbeitet habe. Heute durfte ich leider mal wieder Zeuge dieser Erkenntnis sein.

Also, ich hab ja schon festgestellt, dass die Leitlinie für die Behandlung von distalen Radiusfrakturen in meiner derzeitigen Klinik nahezu unbekannt zu sein scheint. Viele Frakturen werden konservativ behandelt, die man eigentlich operieren sollte. OK, man kann sich drüber streiten, ob das wirklich immer sein muss. Gerade ältere Patienten haben auch trotz Fehlstellung ein gutes Outcome bei konservativer Therapie. Aber es gibt eine Regel, die galt auch schon vor 20 Jahren: ein Flexionsbruch ist per Definition instabil und sollte operiert werden! Nein, MUSS operiert werden, sofern der Patient nicht kurz vorm Abnibbeln ist. Und wie machen die das hier? Röntgenbild, “Oh, steht doch gut! Konservativ…” *facepalm*

Dann gibts auch wieder Fälle, wo man einen Bruch reponiert und eingipst – steht scheiße, egal, trotzdem konservative Therapie. Steht nach einer Woche in der Röntgenkontrolle immer noch scheiße. In der zweiten Woche auch. Aber in der dritten Woche fällt es plötzlich jemanden auf: “Oh, das steht aber nicht gut, das müssen wir operieren!” Herzlichen Glückwunsch! Eine fast verheilte Fraktur operieren ist auch ganz einfach. Und wenn man sich dann zur OP entschließt, welche Methode wird dann gewählt? Ein Fixateur externe!!!!! Aaaaahhhhhhhhhhhhh!!!! Kopf -> Wand Ich glaube wir haben hier in einem Dreivierteljahr genauso viel Handgelenksfixateuere gemacht als ich vorher in 5 Jahren gesehen habe. Ich vermute ja, sie machen deshalb so viele, weil ein Fixateur einfacher ist als eine Platte. Aber: ein Fixateur widerspricht eigentlich dem Sinn der OP, nämlich dem Patienten eine frühe Beübung des Handgelenks zu ermöglichen! Mit Fixateur kann er auch für 6 Wochen nicht bewegen. Schlimmer noch: viele kriegen nach den 6 Wochen nochmal für 2 Wochen eine Schiene!!!

Und heute habe ich dem Chef bei einem Fixateur am Handgelenk assistiert. Für die Pins hat er etwa 2 bis 4 (!) cm große Schnitte gemacht!!! Soviel dann zum minimalinvasiven, perkutanen Verfahren…. und wieder stimmte die Indikation überhaupt nicht. Aber egal, ich guck mir das an, denke mir meinen Teil und werde es später anders machen.

Der erste Dienst nach dem Urlaub

5. Oktober 2014 geschrieben von Annette

Ich habe ich mich inzwischen ein bisschen dran gewöhnt, dass mein Mann nicht da ist, wenn ich nachhause komme. Am 3.10. hatte ich frei, da habe ich mich mit Verabredungen mit Freunden eingedeckt, um mich zu beschäftigen. Hat auch gut funktioniert. Am Samstag, also gestern, hatte ich dann Dienst. Einerseits hatte ich erst tatsächlich etwas bammel davor, weil ich mich im Dienst ohnehin oft etwas einsam fühle. Am Samstagmorgen hatte ich jedoch gar keine Sorgen mehr. Ein paar Minuten vor Dienstbeginn stellte ich meinen Rucksack in der Notaufnahme ab und plauderte etwas mit der anwesenden Schwester. Gott sei Dank war es eine von denen, mit denen ich ganz gerne arbeite. Die Besprechung dauerte dann ungewöhnlich lang. Sonst sind wir nach einer Viertelstunde fertig, aber diesmal hat es eine Dreiviertelstunde gedauert! Zwischendurch klingelte schon mein Telefon, ob ich denn bald käme, es seien schon 3 Patienten da. Na super. Als wir endlich fertig waren, waren aus den 3 Patientens chon 5 geworden und so sollte es bis abends bleiben. Zwar nicht immer so voll, aber es gab keine einzige Minute, in der nicht ein Patient auf mich wartete. Erstmal Kaffee und dann gemütlich starten? War leider nicht drin. Als ich die erste Runde zumindest mal angeschaut und zum Röntgen geschickt hatte, gönnte ich mir um 11 Uhr endlich den ersten Kaffee. Und die Patienten hatten wirklich fast alle was! Eine Radiusfraktur, eine Claviculafraktur, eine Schenkelhalsfraktur, einmal Meniskus, einmal Kreuzband… das beste aber war, dass ich insgesamt nur zwei Patienten mit Rückenschmerzen hatte und KEINEN EINZIGEN urologischen Patienten! Yeah! Und die Stationen waren auch relativ ruhig. Das meiste war unkompliziert und ließ sich am Telefon erledigen.

Um 22 Uhr bin ich dann ins Bett gegangen. Naja, um halb 12 kam dann ein Anruf von einer Schwester, die in unserer Notaufnahme arbeitet. Ihr Sohn sei verprügelt worden, die Polizei habe sie angerufen und die wollen, dass er unbedingt in ein Krankenhaus geht. Ob ich ihn mir nicht angucken könne. Na gut. Bin ich also aufgestanden. Als der Bub dann kam, erzählte er prompt, er sei auch kurz bewusstlos gewesen. Na super. Damit hatte er formal eine Gehirnerschütterung und ich hätte ihn auf unsere Intensivstation aufnehmen müssen. Aber seine Mutter hat ihn mit nachhause genommen. War auch OK so, denke ich, ihm ging’s nämlich blendend. Aber ich schätze, dass er heute einen Mordskater haben wird *g*

Keine Minute nach dem ersten Anruf kam der zweite: der Rettungsdienst wollte mir einen Mann bringen, der drei Wochen zuvor in einem anderen Krankenhaus operiert worden war. Dort hatte er aber Hausverbot. Klingt nach einem sehr netten Patienten, oder? Natürlich hatte der Typ auch nichts. Der Bruch war gut operiert, der Nagel saß richtig, kein Anzeichen für eine Entzündung… der Mann hatte nur leider kein Geld für ein Taxi dabei und auch keine Gehstützen. Aber er war zumindest nicht so einer, der sich dann in den Rollstuhl setzt nach dem Motto “Ich bin eine arme Sau, rühre mich keinen Millimeter, bestellt mir gefälligst einen Krankenwagen”. Wir gaben ihm ein neues Paar Krücken und er humpelte zur nächsten Straßenbahnstation.

Um halb 5 Uhr morgens kam die nächste Patientin. Die war zwei Tage zuvor schonmal dagewesen wegen derselben Schmerzen. Damals hatte der Kollege ihr eine Spritze in die Hüfte gegeben, die einen Tag geholfen hatte. Ich wollte ihr nicht nochmal eine geben. Erstens, weil die wieder nur kurz helfen würde, zweitens, weil das Infektionsgefahr erhöht, wenn man zweimal so kurz nacheinander da reinpiekst. “Dann bin ich also ganz umsonst gekommen?” fragte sich mich vorwurfsvoll. Ja, bist du! Das ist jetzt auch keine ernsthafte Erkrankung, wegen der man am Sonntagmorgen um HALB FÜNF ins Krankenhaus gehen muss.

Zurück ins Bett. Der nächste Weckruf kam von meinem Handy. um 8 Uhr klingelte der Wecker. Nacht überstanden.