Tanz in den Mai, Sturz in den Mai
1. Mai 2012 geschrieben von AnnetteHölle. Einfach nur Hölle. Ich kann mich gerade mal an einen anderen Nachtdienst erinnern, in dem ich wirklich GAR NICHT zum schlafen gestern, gestern gab’s Nummer zwei.
Zu Dienstbeginn waren etwa 5 oder 6 Patienten zu versorgen, aber als erstes musste ich bei einem stationäären Patienten eine Pleurapunktion machen. Hab ich lange nicht mehr gemacht, mache ich gerne. Ging auch gut, einen ganzen Liter hab ich rausgekriegt und dem Patienten ging es hinterher auch deutlich besser.p
Danach konnte es losgehen. Zack, zack, ein Patient nach dem anderen. Zwischendrin rief der Notarzt an und wollte einen Schockraum ankündigen, aber ich konnte den Notarzt runterhandeln: Anästhesie und Neurochirurgie reichten ihm, es bestand nämlich “nur” der Verdacht auf eine Hirnblutung. Keine 5 Minuten später wiederum rief der Rettungsdienst an und wollte einen Patienten bringen, der sich mit seinem Auto überschlagen hat. Hm… Schockraum? Ich entschied mich dagegen, weil der Patient sich laufen konnte, kreislaufstabil und neurologisch vollkommen unauffällig war. Ein bisschen Bauchweh hat mir die Entscheidung bereitet, letztendlich war der Patient aber tatsächlich nur leicht verletzt. Meine Kollegin betreute indes den neurochirurgischen Patienten mit (wir müssen ja zumindest mal gucken gehen, auch wenn’s nur ein Sturz in der Wohnung war). Der hatte eine Schädelfraktur mit Hirnblutung, und damit waren wir aus dem Spiel. Die Neurochirurgie durfte sich weiter kümmern. In all dem Tohuwabohu hatte ich noch ein zweijähriges Kind mit Unterschenkelfraktur und eine Frau mit Schulterluxation zu versorgen.
So gegen 2Uhr dachte ich eigentlich, meine Kollegin und ich könnten jetzt die Nacht mal einteilen. Es wurde endlich ruhiger, sie versorgte noch eine tiefe Schnittwunde, es kam erstmal kein neuer Patient. Dann klingelte das Telefon, die Schwester von einer Station war dran, ich solle doch mal kommen, da ginge es einer Patientin nicht gut, sie könne bei ihr keinen Blutdruck mehr messen. Ich ging also rauf. Da lag eine alte Dame im Bett, schnaufte zwar noch, war aber tatsächlich nicht mehr ansprechbar. Ich maß selber den Blutdruck: 85/50 mmHg. Sehr wenig. Die Patientin war gerade erst am Morgen von der Intensivstation zurückgekommen. Ich rief dort an, um mich mit der Kollegin zu beraten, was wir jetzt machen sollen. Netterweise kam die Kollegin vorbei. In der Zwischenzeit rief ich bei den Angehörigen an, um zu klären, ob wir im Notfall reanimieren sollten, oder ob die Patienten “sterben darf”. Gemeinsam trafen wir die Entscheidung für letzteres und machten keine weitere Diagnostik in der Nacht.
Als ich wieder in die Notaufnahme ging, hatte der Rettungsdienst einen Besoffenen bei uns abgeladen. Einen Besoffenen, der eine 6m lange Treppe hinuntergestürzt war!!! Und hatten sie jemandem bescheid gesagt? Mir oder meiner Kollegin? Nööööö, warum auch? Der Patient hatte ja noch einen GCS von 8, das ist ja erst kurz vor der Intubationspflichtigkeit. Es war klar: der Patient brauchte ein Schädel CT. Es dauerte etwas, bis wir es hatten, und der Befund war erschreckend: ein dickes, fettes Epiduralhämatom.Sowas hatte ich bisher noch nicht live gesehen. Keine halbe Stunde später war der Patient im OP und die Neurochirurgen entlasteten das Hämatom.
Mittlerweile war es 5Uhr morgens. Ich ging ins Bett. Endlich ruhig? Fehlanzeige. 10 Minuten später klingelte wieder das Telefon: Schockraum. Es kamen zwei Verkehrsopfer, Unfall auf der Autobahn. Der eine hatte nichts, der andere hatte etwas Ungewöhnliches: eine sogenannte Hanged Man’s Fracture. Das ist ein Bruch des zweiten Halswirbels, den man beim erhängen zuzieht – oder halt manchmal auch bei einem Verkehrsunfall. Der Patient hatte keine neurologischen Ausfälle Gott sei Dank.
Danach hieß es noch Warten. Warten auf den Feierabend. Ich war so müde wie selten zuvor. Heute hab ich nochmal Nachtdienst, hoffentlich bleibt es heute ruhig.
