Tanz in den Mai, Sturz in den Mai

1. Mai 2012 geschrieben von Annette

Hölle. Einfach nur Hölle. Ich kann mich gerade mal an einen anderen Nachtdienst erinnern, in dem ich wirklich GAR NICHT zum schlafen gestern, gestern gab’s Nummer zwei.

Zu Dienstbeginn waren etwa 5 oder 6 Patienten zu versorgen, aber als erstes musste ich bei einem stationäären Patienten eine Pleurapunktion machen. Hab ich lange nicht mehr gemacht, mache ich gerne. Ging auch gut, einen ganzen Liter hab ich rausgekriegt und dem Patienten ging es hinterher auch deutlich besser.p

Danach konnte es losgehen. Zack, zack, ein Patient nach dem anderen. Zwischendrin rief der Notarzt an und wollte einen Schockraum ankündigen, aber ich konnte den Notarzt runterhandeln: Anästhesie und Neurochirurgie reichten ihm, es bestand nämlich “nur” der Verdacht auf eine Hirnblutung. Keine 5 Minuten später wiederum rief der Rettungsdienst an und wollte einen Patienten bringen, der sich mit seinem Auto überschlagen hat. Hm… Schockraum? Ich entschied mich dagegen, weil der Patient sich laufen konnte, kreislaufstabil und neurologisch vollkommen unauffällig war. Ein bisschen Bauchweh hat mir die Entscheidung bereitet, letztendlich war der Patient aber tatsächlich nur leicht verletzt. Meine Kollegin betreute indes den neurochirurgischen Patienten mit (wir müssen ja zumindest mal gucken gehen, auch wenn’s nur ein Sturz in der Wohnung war). Der hatte eine Schädelfraktur mit Hirnblutung, und damit waren wir aus dem Spiel. Die Neurochirurgie durfte sich weiter kümmern. In all dem Tohuwabohu hatte ich noch ein zweijähriges Kind mit Unterschenkelfraktur und eine Frau mit Schulterluxation zu versorgen.

So gegen 2Uhr dachte ich eigentlich, meine Kollegin und ich könnten jetzt die Nacht mal einteilen. Es wurde endlich ruhiger, sie versorgte noch eine tiefe Schnittwunde, es kam erstmal kein neuer Patient. Dann klingelte das Telefon, die Schwester von einer Station war dran, ich solle doch mal kommen, da ginge es einer Patientin nicht gut, sie könne bei ihr keinen Blutdruck mehr messen. Ich ging also rauf. Da lag eine alte Dame im Bett, schnaufte zwar noch, war aber tatsächlich nicht mehr ansprechbar. Ich maß selber den Blutdruck: 85/50 mmHg. Sehr wenig. Die Patientin war gerade erst am Morgen von der Intensivstation zurückgekommen. Ich rief dort an, um mich mit der Kollegin zu beraten, was wir jetzt machen sollen. Netterweise kam die Kollegin vorbei. In der Zwischenzeit rief ich bei den Angehörigen an, um zu klären, ob wir im Notfall reanimieren sollten, oder ob die Patienten “sterben darf”. Gemeinsam trafen wir die Entscheidung für letzteres und machten keine weitere Diagnostik in der Nacht.

Als ich wieder in die Notaufnahme ging, hatte der Rettungsdienst einen Besoffenen bei uns abgeladen. Einen Besoffenen, der eine 6m lange Treppe hinuntergestürzt war!!! Und hatten sie jemandem bescheid gesagt? Mir oder meiner Kollegin? Nööööö, warum auch? Der Patient hatte ja noch einen GCS von 8, das ist ja erst kurz vor der Intubationspflichtigkeit. Es war klar: der Patient brauchte ein Schädel CT. Es dauerte etwas, bis wir es hatten, und der Befund war erschreckend: ein dickes, fettes Epiduralhämatom.Sowas hatte ich bisher noch nicht live gesehen. Keine halbe Stunde später war der Patient im OP und die Neurochirurgen entlasteten das Hämatom.

Mittlerweile war es 5Uhr morgens. Ich ging ins Bett. Endlich ruhig? Fehlanzeige. 10 Minuten später klingelte wieder das Telefon: Schockraum. Es kamen zwei Verkehrsopfer, Unfall auf der Autobahn. Der eine hatte nichts, der andere hatte etwas Ungewöhnliches: eine sogenannte Hanged Man’s Fracture. Das ist ein Bruch des zweiten Halswirbels, den man beim erhängen zuzieht – oder halt manchmal auch bei einem Verkehrsunfall. Der Patient hatte keine neurologischen Ausfälle Gott sei Dank.

Danach hieß es noch Warten. Warten auf den Feierabend. Ich war so müde wie selten zuvor. Heute hab ich nochmal Nachtdienst, hoffentlich bleibt es heute ruhig.

Bandscheibenvorfall!

30. April 2012 geschrieben von Annette

Nein, nicht ich habe einen, sondern mein geschätzter griechischer Kollege Wassili. Er hätte jetzt am Wochenende Tagdienst gehabt. Dreimal dürft ihr raten, wer wieder mal einen Dienst übernehmen durfte. Richtig: ich. Ich und noch ein Kollege, wir haben uns das Wochenende geteilt. Er hatte das größere Übel, am Samstag waren hier 30°C und es muss die Hölle los gewesen sein in der ZNA.

Mein Sonntag war aber auch nicht ohne. Es fing morgens mit einem Streit zwischen mir und meinem Zweitdienstkollegen an. Der grinste mich breit an als ich zum Dienst kam: es würden heute 4 OPs anstehen. Super, dachte ich, dann seh ich den Kerl den ganzen Tag nicht und rödel allein in der ZNA. Sofort hatte ich schlechte Laune. Alles gipfelte darin, dass ich nach der Frühbesprechung meinem Kollegen die Aufnahmebögen der neuen Patienten in die Hand drücken wollte, damit er sie zurück auf die Station bringt – und er sie einfach nicht annahm! “Nö, ich gehe nicht auf Station, ich muss in den OP.” – “Aber du musst einen Patienten entlassen!” – “Das kannst du doch machen!” Ich war am kochen. Die Aufgaben sind klar verteilt: der Zweitdienst erledigt die Sachen auf Station, der Erstdienst bleibt in der Ambulanz. Stationsarbeit macht niemand gern, aber dafür geht der Zweitdienst auch viel häufiger mit in den OP. Gott sei Dank beruhigten wir uns schnell wieder. Zwei der vier OPs waren pertrochantäre Femurfrakturen und der Oberarzt erlaubte es uns, dass jeder von uns beiden eine davon operieren durfte. Ich ging zuerst in den OP. 35 Minuten Schnitt-Naht Zeit. Mein schnellster PFNA bisher. Und die Lagerung des Patienten hab ich fast ganz allein gemacht, weil die OP Pflege nicht so viel Erfahrung in der Unfallchirurgie hat und das nur in den Diensten macht. Aber PFNAs hab ich inzwischen bestimmt 10 Stück oder so gemacht, das flutscht.

Als ich aus dem OP zurück kam, warteten bereits 5 oder 6 Patienten in der ZNA plus die drei, die mein Kollege noch in der Mache hatte. So sollte es eigentlich den ganzen Tag über bleiben bis etwa halb 8, dann war es endlich ruhiger. Zwischendurch gab es zwar immer wieder mal kurze Phasen, wo tatsächlich kein neuer Patient kam – aber diese Phasen dauerten nie länger als 5 Minuten. Mein Mittagessen hab ich um halb 4 innerhalb von 5 Minuten verschlungen.

Achso, zweites kleines Highlight gestern war eine luxierte Schulter. Luxiert seit gestern und mit Tuberculum maius Abriss. Wenn eine Schulter rereits so lange luxiert ist, ist die Reposition meist schwierig – aber wer einen ganzen Tag lang so rumläuft, ist auch hart im Nehmen und kann nicht so arg große Schmerzen haben. Die Dosierung meiner mittlerweile bevorzugten Medikamente zur Analgosedierung- Ketanest und Dormicum – bereiteten mir diesmal Kopfzerbrechen. Der Patient wog nämlich 120kg. Laut der Formel in meinem Büchlein hätte ich das 30mg Ketanest gebraucht. Ich beschloss, es erst mal mit der Hälfte zu probieren. Aber Dormicum gab ich ordentlich. 3mg. OK, Anästhesisten lachen über sowas, aber die können auch besser intubieren als ich. Die Mischung schien aber zu stimmen, der Patient döste vor sich hin. Ich zog am Arm, er verzog minimal das Gesicht, gab aber keinen Laut von sich. Zuerst tat sich gar nichts. Ich holte mit Stoffhandschuhe, damit ich nicht mit meinen schwitzenden Händen am fleischigen Handgelenk des Patienten abrutsche. Ich zog wieder. Es bewegte sich was, aber rein ging die Schulter noch nicht. Ich zog ein drittes Mal, veränderte leicht die Richtung und mit dem üblichen *plopp* war die Schulter drin. Nac Anlegen des XXL Gilchrist Verbands zeigte das Kontrollröntgenbild des Schaden der so lange luxierten Schulter: ein großer Defekt im Knochen. Heute bekommt der Patient ein CT von der Schulter und am Mittwoch wird er operiert, wegen des Tuberculum maius Abrisses.

Der Rest des Tages war unspektakulär. Risswunden, Schnittwunden, ein paar kleinere Knochenbrüche… oh, und ein echt dummer Mensch. Mit 2,1 Promille ohne Helm Motorroller fahren – keine gute Idee. Resultat: Fraktur sämtlicher Kieferhöhlen (auf einer Seite zumindest) im Gesicht.

Wieder da

24. April 2012 geschrieben von Annette

Nach vielen Nachtdiensten und einer Woche frei kommt hier mal wieder aus dem Tagesgeschehen. Diese Woche war ich auf der Privatstation – war nicht so schlimm wie befürchtet. Die Patienten waren nicht so sehr krank, es ist keiner gestorben und alles lief irgendwie, wie es sollte. Naja, fast alles.

Am Wochenende hatte ich Tagdienst und das waren zwei Dienste der härteren Sorte. Kaum mal eine Atempause, Arbeit wie am Fließband. Wenigstens durfte ich tatsächlich mal in den OP! Jaahaaaa! Gleich am Samstagmorgen gab es einen jungen Mann, der sich den Unterarm gebrochen hatte. Klarer Fall für intramedulläre Kirschnerdrähte. Der Oberarzt sagt mir, ich solle den Jungen vorbereiten, ich dürfe ihn dann selber operieren. Juhu! Solche OPs sind schwer zu kriegen, weil sie fast nur im Dienst stattfinden und ich ja eigentlich nicht in den OP darf im Dienst. In diesem Fall war der Oberarzt gnädig zu mir. Die OP lief dann… naja… teilweise ganz gut, teilweise musste doch der Oberarzt eingreifen, weil mir einfach die Kraft fehlte, die Drähte richtig vorzuschieben. Schon heftig, wieviel Widerstand so ein jugendlicher Knochen bietet.

Kaum war ich aus dem OP raus, stand schon das nächste Kind auf der Matte. Andere Sportart, gleiche Verletzung: Unterarmfraktur. Diesmal allerdings so grob verschoben, dass der Knochen schon drohte, die Haut zu durchspießen. Ich warf einen Blick auf das Röntgenbild, schnappte mir sofort einen Aufklärungsbogen für die OP und ging zu den Eltern. Ich druckte auch das Röntgenbild aus, um es ihnen zu zeigen. Ich erzählte also, der Arm sei gebrochen und man müsse das operieren und zwar JETZT. Ich dazu über zu erklären, was genau wir bei der OP machen, als mich der Vater unterbrach: “Moment, Moment! Das ist schrecklich für uns, eine OP. Gibt es keine Alternative?”. Ich war etwas überrascht von dieser Frage. “Nein.” Antwortete ich. “Kann man das nicht erstmal mit Gips probieren?” Meine Überraschung schlug in Verständnislosigkeit um. “Wenn wir das einfach nur eingipsen, verheilt der Arm in Fehlstellung! Oder sogar gar nicht!! Ihr Sohn hat noch sein ganzes Leben vor sich!” – “Aber wir würden es trotzdem erstmal mit Gips probieren” Mir fiel die Kinnlade runter. Hatten die keine Augen im Kopf? Die Hand hing total schief in irgendwelche komischen Richtungen herunter und da guckten fast die Knochen aus der Haut raus!! “Ich habe gehört, man könne das auch oft mit Gips behandeln.” Ich gab mir die größte Mühe den Eltern begreiflich zu machen, dass es sich um eine Routine OP handelt mit überschaubaren Risiken, während eine konservative Behandlung mit fast 100%iger Wahrscheinlichkeit schief gehen würde. Die Eltern sahen es nicht ein. Wütend stampfte ich aus dem Raum raus. Ich rief meinen Oberarzt an, er solle mit den Eltern reden. Gott sei Dank kam er auch. Er brauchte ungewöhnlich lange. Normalerweise redet er keinen 5 Minuten mit einem Patienten, aber mit den Eltern hat er bestimmt eine Viertelstunde geredet. Was genau er ihnen gesagt hat, weiß ich nicht, aber es hat funktioniert, wir haben den Jungen operiert.

Es gibt immer wieder mal Fälle, wo eine OP Komplikationen nach sich zieht und man irgendwann an dem Punkt steht zu sagen, “hätten wir mal besser nicht operiert”. Es gibt aber auch Fälle, da hat man einfach keine Wahl. OK, vor 100 Jahren gabs die Option OP noch nicht und im afrikanischen Dschungel hätte man da auch maximal einen Ast drangebebunden und gebetet – aber warum, wenn es mit einer OP mit sehr hoher Wahrscheinlich wieder absolut perfekt wird?

Sonst gab es noch ein paar gemein verletzte Finger am Wochenende und, ach ja, vier Schockräume. Eigentlich 5, aber beim letzten wollten sie mich nicht dabei haben. War irgendwie schon vorher klar, dass es sich um eine Hirnblutung handeln muss, da waren Anästhesie und Neurochirurg ausreichend.

Einer der anderen Schockräume war irgendwie auch merkwürdig. Angekündigt wurde ein älterer Herr, der zuhause gestürzt sei und jetzt zunehmend eintrüben würde. Genau sowas kam auch. Ein dicker Mann, der zwar wach war, aber auf Fragen nicht so recht antworten wollte. Wenn man seinen Namen rief, schaute er einen für eine Sekunde an, dann verdrehte er wieder die Augen und gab komische Laut von sich. Der Notarzt meinte am Rücken eine Prellmarke gesehen zu haben, meiner Meinung nach war das nix. Höchstes ne Rötung vom Liegen oder so, aber kein Hämatom. Nun ja, wir fuhren ins CT und machten eine Traumaspirale. Ergebnis: nüscht. Keine Blutung, keine Fraktur, alle inneren Organe OK. Allgemein- und Neurochirurg machten sich vom Acker. Auch der Anästhesist wollte eigentlich schon gehen, da bin ich mal diskret sauer geworden. Warum bleibt eine solche Schei*e an mir hängen? WAS ist an dem Patienten bitte unfallchirurgisch? Er ist VIELLEICHT in seiner Wohnung gestürzt! Na und? Erklärt das seinen Zustand? Nein! Der Anästhesist war trotzdem der Meinung, der Patient gehöre nicht auf die Intensiv. Letzte Möglichkeit: die Internisten. Ich rief die diensthabende Internistin aus der ZNA dazu. Die sah sich den Patienten an und das erste was sie sagte war “Der gehört auf eine Intensivstation”. Danke! Die Verdachtsdiagnose war Sepsis. Keine halbe Stunde später lag der Patient auf der internistischen Intensiv. Vom Labor her sprach nichts für eine Sepsis, einen Herzinfarkt hatte er auch nicht. Im CT konnten wie eine Lungenembolie ausschließen. Mehr weiß ich nicht. Später hatte ich mir noch überlegt, dass es auch ein Schlaganfall oder eine Meningitis sein könnte. Morgen schaue ich im Computer mal nach, was ich herausfinden kann.

Au, backe!

19. März 2012 geschrieben von Annette

Freitag war schönes Wetter. Schönes Wetter ist gefährlich: die Leute gehen raus, fahren Fahrrad oder treiben Sport – und verletzen sich dabei.

Aber eigentlich war der Freitag relativ ruhig. Ein verunfallter Basketballer, der Rest war eher der übliche Kram. Eine Stunde vor Ende meiner Schicht kam es dann aber doch noch dicke. Die Arzthelferin aus der Anmeldung kam zu mir: “Annette, da sitzt ne Mutter bei mir in der Anmeldung, die sagt, bei ihrer Tochter sei der Ellenbogen rausgesprungen. Kannst du mal gucken?” Klang dramatisch, also bin ich gleich mal gucken gegangen. Die Tochter entpuppte sich als 8 jähriges Kind. Auf den ersten Blick schien alles OK zu sein: kein Weinen, kein Schreien. Die Mutter zog dem Mädchen die Jacke aus, und da sah man es schon: au backe! Da stimmte irgendwas ganz gewaltig nicht. Ich sah den Ellenbogen und der stand nicht dort, wo er hingehört, sondern guckte so merkwürdig an der Seite heraus. Ich untersuchte gar nicht groß weiter, sondern fragte nur, ob die Finger irgendwie eingeschlafen wären und tastete nach den Pulsen. Alles in Ordnung. “Schmerzen?” – “Geht im Moment.” OK, gehen sie direkt zum Röntgen, gehen sie nicht über Los, ich informier schonmal die Anästhesie. Ich ging zunächst tatsächlich von einer Ellenbogenluxation aus. Das ist im Kindesalter sehr selten, aber ich hab’s schon erlebt. Neuerdings arbeitet ein Anästhesist fest angestellt bei uns in der Notaufnahme, den bat ich, ob er evtl. die Analgosedierung übernehmen könnte, wenn ich da was wieder einrenken muss. Ungeduldig wartete ich auf das Röntgenbild, saß vorm Monitor und drückte alle paar Sekunden F5. Dann war das Bild endlich da. Vor Schreck wär ich fast vom Stuhl gefallen. Es war sogar noch viel schlimmer! Es handelte sich um eine suprakondyläre Humerusfraktur, und zwar die zweitfieseste, die ich bisher gesehen habe! Der Oberarmknochen war, wie der Name schon sagt, am unteren Ende angerissen. Und der Unterarm, der da ja noch dran hängt, war quasi um 90° verdreht! Ich fragte nochmals nach Gefühlsstörungen, aber das Mädchen versicherte mir, es sei alles OK. Und Schmerzen hatte sie auch sehr wenig. Das war das tapferste Mädchen, dass ich je als Patientin hatte! Wie auch immer, ich stürzte mich aufs Telefon. Als erstes rief ich den zuständigen Oberarzt an. Als nächstes musste ich die Anästhesie informieren und fragen, wann wir in den OP können. Möööööp! Nicht vor mitternacht. “Warum nicht?” – “In dem einen Saal läuft noch die Explantation und in die Neurochirurgen hatten gerade erst Schnitt.” Mist. Ich drohte damit, dass wir das Kind in ein anderes Krankenhaus verlegen müssten. Das änderte aber auch nichts an der Tatsache, dass einfach kein Personal da war, um einen dritten Saal zu starten. Obendrein standen da noch zwei weitere Patienten in der Warteschleife, u.a. ein Bauchaortenaneurysma. Die Verlegung in ein anderen Krankenhaus wäre aber auch schwierig gewesen, denn das nächste, was sowas überhaupt operiert, wäre auch mindestens eine halbe Stunde entfernt. Letztendlich entschied sich mein Oberarzt dafür, zu warten, bis wir dran kämen. So lange keine Nerven oder Gefäße verletzt sind, ist es auch kein sooo dringlicher Notfall, sondern nur ein dringlicher Notfall. Pech halt, wenn man zeitgleich noch zwei vital bedrohliche Notfälle hat und eine Organentnahme.

Ich bin dann pünktlich nachhause gegangen. Ich verspreche heute mal nachzugucken, wann die OP stattfand und wie sie gelaufen ist.

See one, do one, teach one

22. Februar 2012 geschrieben von Annette

Schulterrepositionen (eigentlich Repositionen aller Art) sind für mich immer furchteinflößend und freudig zugleich. Einerseits ist es ein unglaublich gutes Gefühl, wenn es *plopp* macht und die Schulter wieder drin ist, andererseits hab ich immer noch Angst, ich krieg es aufgrund mangelnder Technik und mangelnder Kraft nicht hin. OK, wenn’s wirklich nicht klappt, kann man immer noch die Anästhesie um eine Kurznarkose bitten, dann geht’s meistens. Und wenn’s auch dann nicht geht, muss halt der Oberarzt ran. Es gibt immer wieder mal Luxationen, die sich dann doch nur offen im OP reponieren lassen (Beispiel: Alkoholiker, die seit einer Woche mit ihrer luxierten Schulter herumlaufen).

Gestern gab es mal wieder eine luxierte Schulter. Ich machte ein Röntgenbild, das meinen Verdacht bestätigte, ließ schonmal was gegen Schmerzen anhängen und sagte den Schwestern bescheid, dass sie den üblichen Kram für die Analgosedierung zusammenschaffen sollen: Ketanest, Dormicum und ein Pulsoxymeter. Mit mir zusammen war ein jüngerer Kollege in der ZNA, der jetzt seit etwas mehr als einem Jahr bei uns ist. Ich erinnerte mich daran, dass ich damals zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viele Schultern reponiert hatte, wenn überhaupt schon eine. Also fragte ich ihn, ob er das nicht machen will. “Klar!” Die Analgosedierung übernahm ich aber doch noch selbst. Das habe ich auch noch nicht so oft mit Ketanest/Dormicum gemacht, so dass ich da selber gern ein Gefühl für bekommen will, wieviel man braucht. Ich legte los und gab zuerst 1mg Dormicum. Das hatte kaum eine Wirkung auf den Patienten. Mehr wollte ich aber auch nicht geben, da er über 70 war und man da vorsichtiger sein muss mit den Benzos. Die errechnete Dosis für das Ketanest wären 18mg gewesen, aber nach meiner Erfahrung neulich mit der jungen Frau, die ich SOWAS von abgeschossen hatte, wollte ich mich langsamer rantasten. Ich gab erstmal 10mg. Der Patient sagte mir zwar, ihm würde jetzt komisch, aber er war immer noch sehr wach. Ich gab weitere 5mg. Wach war er immer noch, aber ich gab meinem Kollegen zu verstehen, dass er es mal versuchen soll. Er griff also zu, winkelte den Arm des Patienten an, zog und drehte ein bisschen und keine 10 Sekunden später war die Schulter wieder drin. Wahnsinn. Beeindruckend. Und dann sagte er mir noch, dass er zum ersten mal diese Repositionstechnik verwendet hätte. Ich staunte nicht schlecht. Vielleicht probiere ich es beim nächsten mal auch so. Einmal hab ich es ja schon versucht, da hatte es nicht geklappt. Hm, hatte er jetzt den Bogen besser raus? War es einfach leichter bei dem Patienten? Wer weiß. Aber wir waren beide ganz glücklich. Er über seine geglückte Reposition, ich über meine Analgosedierung. Ein paar Minuten später ging ich zum Patienten, um ihm zu sagen, dass die Schulter wieder drin sei. “Was? Schon?” guckte er mich mit großen Augen an. Jaja, Ketanest/Dormicum ;-)

Zwei Aufreger

17. Februar 2012 geschrieben von Annette

Gestern war ein interessanter Dienst. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich gezittert habe und am liebsten was zur Beruhigung genommen hätte, weil mich unserer Allgemeinchirurgen so aufgeregt haben. Als ich zum Nachtdienst kam, stand meine Kollegin schon mit der Röntgenschürze bewaffnet im Schockraum mit dem restlichen Schockraumteam. Es wurde ein verunfallter Fußgänger angekündigt, der wohl von einem Auto angefahren wurde. Meine Kollegin erklärte sich netterweise bereit, den Schockraum zu übernehmen, sie würde mich schon rufen, wenn sie mich bräuchte. Eine Viertelstunde später kam dann der Patient, mittlerweile intubiert und beatmet. Wenn die Patienten intubiert sind, macht das die Arbeit immer ein bisschen leichter, finde ich. Dann kann man sich den Patienten in Ruhe von Kopf bis Fuß anschauen, während die Anästhesie sich um sein leibliches Wohl kümmert und der Allgemeinchirurg den Bach schallt. Ob Traumaspirale oder nicht braucht auch nicht diskutiert zu werden, weil der Patient ja keine Auskunft geben, wo es ihm weh tut. Man steckt ihn also einfach ins CT und fährt einmal komplett durch. OK, manchmal gibt’s da Unstimmigkeiten, wenn schon im Ultraschall freie Flüssigkeit auffällt (gleich in den OP, ohne CT?) oder bereits im Schädel eine Blutung zu sehen ist (CT abbrechen und sofort in den OP?). Im gestrigen Falle gab es aber keine Diskussionen, die Traumaspirale wurde gemacht. Heraus kamen zwei gebrochene Rippen ohne wesentliche Verletzungen der Lunge und ohne Pneu sowie eine subtrochantäre Femurfraktur. Eine OP Indikation. Kein vital bedrohlicher Zustand, aber zumindest ein dringlicher Notfall. Man kann über eine solche Fraktur viel Blut verlieren und es ist ja auch nicht schön, wenn das Bein so herumschlackert und Schmerzen verursacht.  Problem: die OP Säle waren durch unsere Allgemeinchirurgen besetzt. Die wollten noch einen Blinddarm operieren, der eigentlich schon 12 Stunden im Haus war, die Gynnies wollten eine Ausschabung machen und die Neurochirurgen einen Spinalabszess operieren. Die Anästhesie wies alle Verantwortung von sich, wir sollen das unter uns ausmachen. Klar, dass jeder darauf bestand, er hätte Priorität. Das war der Moment, wo ich an die Decke ging, weil uns die Allgemeinchirurgen seit Wochen nach Strich und Faden verarschen. Die operieren ihr Elektivprogramm bis 8 Uhr abends, schleusen nachmittags noch elektive Patienten ein, deren OP 6 bis 8 Stunden dauert, und stellen ihre Notfälle grundsätzlich ans Ende vom Tagesprogramm. Jeden Tag gehen die mit 2 oder manchmal 3 Sälen in den Dienst und der Rest vom Krankenhaus guckt in die Röhre. Gott sei Dank nahm sich der diensthabende Oberarzt von uns der Sache an und nach ein bisschen meckern durften wir in den OP. Morgens gab es dann nochmal große Diskussionen. OA Greene meinte, dies könne jetzt der Anstoß gewesen sein, dass sich mal was ändert. Ich hoffe es.

Während meine Kollegin mit dem Schockraum beschäftigt war, kam der Rettungdienst mit einem weiteren Opfer eines Verkehrsunfalls. Auffahrunfall auf der Autobahn, alles unklar, der Patient erinnert sich an nichts, sein Auto wäre ziemlich zerstört gewesen, auch das Lenkrad sei kaputt gewesen. Ich guckte erstmal ungläubig. Nach der aktuellen Leitlinie für Polytrauma wäre das eigentlich auch eine Schockraumindikation gewesen. Der Rettungsdienst sagte nichts dazu. Ich rief allerdings nicht das zweite Schockraumteam zusammen (es wäre sowieso schwierig gewesen noch eins aufzutreiben), sondern nahm mich erstmal allein dem Patienten an. Ein Pfleger verkabelte ihn und seine Vitalparameter waren auch wunderbar in Ordnung. Im Ultraschall vom Bauch konnte ich Leber und Milz nicht so wirklich gut sehen und zudem hatte er eine echt tiefe und große Risswunde auf der Stirn. Ich entschied mich ebenfalls für ein CT, und zwar nicht nur vom Schädel, sondern auch vom Bauch. Heraus kam, dass der Patient eine offene Schädelfraktur hat. Keine intrakranielle Blutung, aber die Stirnhöhle war kaputt. Ich nähte dann noch die Wunde und schickte ihn auf die Station. In diesem Fall würde mich wirklich brennend interessieren, wie die Narbe später aussieht. Eigentlich wäre das fast schon ein Fall für einen plastischen Chirurgen gewesen, aber sowas haben wir ja nicht im Haus. Naja, ich hab mir Mühe gegeben. Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich die Wundränder nicht mehr geglättet habe. Hmpf. Naja, wird schon.

Abwärts

16. Februar 2012 geschrieben von Annette

Manchmal hasse ich Medizin. Weil man all den schrecklichen Dingen, die passieren, Namen geben kann und für jede Diagnose gibt es eine Therapie. Dann hat man das Gefühl, etwas nicht richtig gemacht zu haben, etwas verpasst oder zu spät erkannt zu haben. Natürlich ist das Unsinn. Man kann nicht alles verhindern. Aber, wie gesagt: für einen Patienten ist es ein Schicksalsschlag, für uns hat er einen Namen, wir kennen seine Ursache und wir fragen uns, warum wir trotzdem nichts dagegen tun konnten.

Ich schreibe das, weil bei uns mal wieder Patienten gestorben sind. Zwei, von denen ich das NICHT erwartet hatte. OK, bei dem einen war es “nicht so schlimm”. Immerhin war er über 90. Wie ich schon so oft betont habe, fehlen in dem Alter die Reserven, um eine Komplikation, wie z.B. eine Lungenentzündung, zu überstehen. Es sterben auch mal junge Menschen daran, keine Frage, aber mit über 90 reicht schon ein weit weniger schlimmer Verlauf und es ist ganz schnell zuende.

Der zweite Fall war… traurig. Ein langer Kasus, den ich hier jetzt nicht im Detail darstellen möchte, da er einfach noch zu frisch ist. Nur so viel sei gesagt: die Geschichte begann schon vor einigen Jahren, als sich der Patient zum ersten Mal was gebrochen hat. Das Problem war, dass der Bruch nie verheilt ist. Die erste Platte brach, die zweite Platte brach, die Revisionsendoprothese war zu kurz und der Kochen brach an einer anderen Stelle. Guter Rat war teuer. Mein Chef war der Meinung, wenn man unbedingt das Bein retten will (Amputation wäre die einfachste, aber auch eine radikalste Lösung gewesen), würde er einen langen Nagel reinstecken – mit dem Nachteil, dass das Kniegelenk steif wäre. Scheinbar wollte der Patient das nicht oder dessen Angehörige, und man entschied sich für einen großen, risikoreichen Eingriff, bei dem der Patienten eine gekoppelte Knie- und Hüftprothese bekam. Zuerst ging auch alles gut. Nur kamen dann nach und nach die Probleme. Die Hüftprothese luxierte, es entwickelte sich ein Wundinfekt… dann folgten ein akutes Nierenversagen und so weiter. Vor ein paar Tagen Tagen starb der Patient.

Es ist immer ein bisschen anders, wenn jemand stirbt, den man so lange behandelt hat. Es ist schwer, Fehler zu finden. Es gibt nicht den einen Punkt, ab dem alles schief lief. Ich glaube auch nicht, dass wir wirklich etwas falsch gemacht haben. Das Risiko war hoch, anfangs ging auch alles gut, aber dann kamen doch die Probleme und am Ende trat eine Komplikation auf, die keiner mehr beherrschen kann, die man nur noch mit viel, viel Glück überlebt. Diesmal hatte der Patient kein Glück.

Lustig/traurig

27. Januar 2012 geschrieben von Annette

Hier eine traurige und zugleich lustige Geschichte: Neulich hat bei uns in der Klinik ein Patient versucht, sich umzubringen. Es muss sich um einen allgemeinchirurgischen Patienten gehandelt haben, denn deren Station ist die höchstgelegene bei uns. Er öffnete also im 8. Stock ein Fenster wollte hinausspringen. Dummerweise befinden sich im Stockwerk darunter Balkons vor den Fenstern. Just, als er springen wollte, standen da zwei kräftige Männer auf dem Balkon- und die haben ihn einfach aufgefangen! Die Berichte gehen auseinander, ob sie ihn aus der Luft gefischt haben und er am Balkon vorbei gesegelt wäre oder ob er direkt auf dem Balkon gelandet wäre. Auf jeden Fall ist ihm nichts passiert, außer dass er sich bei der Aktion seine Thoraxdrainage rausgerupft hat. Tja… Glück oder Pech, man weiß es nicht… wenn ich ein kleinzelliges Bronchialkarzinom hätte, wär ich vielleicht auch lieber gesprungen und ganz unten gelandet.

 

Und hier noch eine weitere traurig/lustige Geschichte: Gestern hatte ich mal wieder OP Tag. Morgens war ich noch ziemlich enttäuscht, weil ich dem Chef assistieren musste und selber nur für eine OP als Operateur drauf stand. Die vier Chef OPs vergingen Gott sei Dank recht schnell und danach änderte sich der OP Plan aufgrund von Notfällen noch kräftig. So kam ich immerhin auf zweieinhalb eigene OPs. Die erste war eine eklige Angelegenheit: Mann mit ganz viel Eiter im Bein. Der war schon vor zwei Wochen das erste mal operiert worden und hat da einen Vac-Verband bekommen, der regelmäßig im OP gewechselt wird. Leider schreitet die Abszedierung immer weiter fort, so dass wir diesmal noch zwei weitere Stellen am Bein eröffnen mussten und noch mehr Schwämme eingelegt und eine weitere Vac Pumpe angeschlossen haben.  Der Patient hat eine bekannte Hepatitis C, da werden immer besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Leider haben wir keine OP-Socken… und als wir mit der OP schon fertig waren und gerade abdeckten, klatschte natürlich eine Ladung Hep-C verseuchtes Blut/Eiter/Zeugs auf meine Schuhe – UND MEINE SOCKEN!!!! Iiiiiieeeehhhhhh. Das ist ja per se schonmal eklig, Blut auf de Füße zu bekommen. Aber dann auch noch mit Hepatitis C! Vielen Dank auch. Die Socken hab ich dann umgehend in den Sondermüll entsorgt.  Dann musste ich mir provisorische Socken aus so Verbandskram basteln. Die erfüllten zwar ihren Zweck waren aber auch sehr unbequem. Merke: demnächst ein Paar Ersatzsocken in der Klinik deponieren.

 

PS: Der neue Kollege hat dann gestern direkt mal seine zweite Leichenschau machen müssen…. eigentlich sterben bei uns selten Patienten. Gleich zwei in einer Woche ist schon eine Ausnahme! Diesmal war es aber ein erwarteter Tod.

Zum Abgewöhnen

23. Januar 2012 geschrieben von Annette

Und wieder erzähle ich nicht von mir, sondern von einem neuen Kollegen. Der arbeitet seit einem Monat bei uns. Letzte Woche hatte er seine ersten Tagdienste – und beide waren die Hölle. Viele Patienten, viel zu tun.

Diese Woche ist er das erste mal auf Station, vorher war er nur in der ZNA. Dienstag bis Donnerstag ist noch eine erfahrene Kollegin da, aber heute war er erstmal mutterseelenallein. Hat noch nie zuvor Visite gemacht und dann das: eine Station voller alter, dementer, kranker Menschen, bei denen auch NICHTS rund läuft. Netterweise hat ein Kollege von mir sich bereit erklärt, bei der Visite mitzugehen. Danach war der Neue aber allein. Am Nachmittag rief er verwezifelt in der ZNA an, einer Patientin würde es plötzlich schlechter gehen. Mein Kollege riet ihm am Telefon, ein EKG schreiben zu lassen und Blut abzunehmen. Ich wies noch darauf hin, an eine Lungenembolie zu denken.

Etwas später in der Besprechung wurde der Neue von der Station angepiepst. Er ging kurz aus dem Raum, um zu telefonieren und kam 2 Minuten später kreidebleich wieder rein. Die Patientin war verstorben.

Tatsächlich war es so, dass es ihr eigentlich gut ging. Normaler postoperativer Verlauf. Dann, am Nachmittag ging es ihr rapide schlechter und wenig später lag sie blau angelaufen im Bett. Das Notfallteam wurde noch gerufen, aber es lag eine Patientenverfügung vor, in der die Patientin keine Reanimation und lebensverlängernde Maßnahmen wünschte. Man ließ sie also sterben. Ich vermute, dass es tatsächlich eine Lungenembolie war.

Wie auch immer, der arme neue Kollege durfte an seinem ersten Stationstag gleich auch seine erste Leichenschau machen. Natürlich nicht allein, die erfahrene Dienstkollegin half ihm dabei. Aber eine sanfte Einarbeitung war das jetzt nicht gerade…

Eine vermeidbare Katastrophe?

17. Januar 2012 geschrieben von Annette

Diesmal kann ich nicht von etwas erzählen, was mir selbst passiert ist, sondern nur von einer Begebenheit, die einem Kollegen widerfahren ist.

In seinem Dienst wurde ein Opfer eines Verkehrsunfalls als Schockraum angemeldet. Weil der Patient schon vor Ort eingetrübt war, wurde er intubiert und kam beatmet in unseren Schockraum, Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma. Wie man es in so einer Situation korrekterweise tun sollte, wurde eine Traumaspirale gefahren, also ein CT vom Kopf bis zum Becken. Mancherorts wird sogar ein CT des gesamten Körpers gemacht, bei uns machen wir das abhängig davon, ob die Extremitäten überhaupt verletzt sind. Man kann das ja von außen ganz gut einschätzen, ob was an Armen oder Beinen gebrochen ist. In diesem Fall reichte jedenfalls der CT Scan vom Schädel bis zum Becken. Und das CT erbrachte einen furchtbaren Befund: Aortendissektion. Im Studium hört und liest man immer wieder davon: tritt bei Hochrasanztraumen auf, z.B. bei einem Sturz aus großer Höhe oder halt bei einem Verkehrsunfall. Die Symptome können ganz heimtückisch sein: Schmerz zwischen den Schulterblättern. Von außen sieht man nichts, höchstens mal fehlende Pulse. Bei unserem Patienten hatte also niemand wirklich eine Aortendissektion auf dem Plan. Nun war guter Rat teuer, denn eine solche Verletzung können wir in unserer Klinik nicht behandeln, da wir keine Herz-Lungen-Maschine haben. Mein Kollege, die beiden Allgemeinchirurgen und auch die herbeigerufene Oberärztin der Gefäßchirurgie telefonierten die umliegenden Unikliniken ab. An einer Klinik war der diensthabende Herzchirurg gar nicht zu erreichen, die nächste Klinik wollte erst chekcken, ob sie Intensivbetten haben und dann zurückrufen. Es dauerte fast zwei Stunden, bis endlich eine Klinik gefunden war, die sich bereiterklärte, den Patienten zu übernehmen! Der Intensivtransport holte ihn dann ab. Leider verstarb er wohl beim Eintreffen in der anderen Klinik noch bevor sie den OP erreichen konnten.  Das muss man sich mal vorstellen! Hätte er eine Chance gehabt, wenn wir nicht zwei Stunden gebraucht hätten, um den Weitertransport zu organisieren? Schwer zu sagen. Mein Chef meinte wohl am nächsten morgen, dass wir demnächst nicht fragen sollten “Können Sie den Patienten nehmen?” sondern anrufen und sagen “Wir schicken euch eine Aortendissektion”. Eine Uniklinik DARF einen Patienten einfach nicht ablehnen. Kein Intensivbett? Schei* drauf! Man kann jemanden auch mal für eine Nacht im Aufwachraum zwischenparken! Nun ja, wir werden nicht mehr erfahren, ob es hätte besser laufen können. Es bleibt das schlechte Gefühl, dass die Sache nicht astrein war…