Haha! – Oh, tot.

13. August 2015 geschrieben von Annette

Eine kleine Vorwarnung: dieser Beitrag könnte makaber sein. Wer mein Blog kennt, weiß, dass makaberer Humor eine Art ist, mit dem Tod umzugehen und überhaupt nicht respektlos gemeint. Wer den Beitrag dennoch als respektlos empfindet, kann hier gern diskutieren.

 

Frühbesprechung heute morgen. Wie jeden Morgen berichtet jeder Assistent von den frisch operierten Patienten, den Schmerzpatienten und allem, was sonst noch bemerkenswert oder relevant ist. Meine neue Kollegin, die gerade erst vor 2 Monaten bei uns angefangen hat, erwähnt eine Patienten, Frau Schäfer, 90 Jahre alt. Die habe heute Nacht wohl mal “Herzstechen” und Atemnot gehabt, aber der Dienstarzt wurde nicht informiert. Zuerst geht ein Raunen durch die Reihe der Oberärzte, dann fängt man an Scherzen zu machen. “Liegt schon seit der Nacht da und röchelt, wird wohl nicht so schlimm sein.” Allgemeines Gelächter. Ich selbst dachte mir auch, dass es wohl nichts Gravierendes war, wenn die Pflege den diensthabenden Arzt nicht informiert hat.

Zwei Stunden später komm ich aus dem OP und finde das Arztzimmer verwaist vor. Ich rufe meine Kollegin an. “Kann grad nicht, Frau Schäfer geht’s schlecht.” Hm. Ich wurde zwar nicht um Hilfe gebeten, aber ich bin ja neugierig un beschließe, mal nachzuschauen. Tatsächlich finde ich im Zimmer von Frau Schäfer das Notfallteam vor, das gerade versucht, einen Plan zu entwerfen, wie man der nach Luft japsenden Patientin helfen kann. Frau Schäfer sieht etwas blass aus und ringt nach Luft. Ich habe mich immer gefragt, was genau der Begriff “Orthopnoe” bedeutet, hier sah ich es mit eigenen Augen: die Patientin versuchte sich aufzurichten und klammerte sich mit beiden Armen am Bett fest. Natürlich ergriffen wir alle Maßnahmen, um ihren Zustand zu verbessern, aber noch bevor wir uns auf den Weg zur Intensivstation machen konnten, sank die Sauerstoffsättigung im Blut auf ein bedrohliches Maß. Kommando zurück. Meine Kollegin hatte bereits die Angehörigen von Frau Schäfer informiert und innerhalb kurzer Zeit waren sie auch da. Die Patientin lag nun eindeutig im Sterben. Es wurde beschlossen, nicht zu intubieren und von irgendwo tauchten plötzlich auch ein Priester und eine Nonne auf. Ich verstehe ja nichts von Religion, aber sowas ist scheinbar wichtig. So verstarb Frau Schäfer dann auch während des Gebets im Beisein ihrer Angehörigen. Keine Stunde nach Alarmierung des Notfallteams.

Kannste mal sehen. Heute morgen machen wir noch Scherze und zack! ist die Patientin tot. Hätten wir das verhindert können? Sicher nicht. Die Laborwerte, die etwa zu dem Zeitpunkt abgenommen wurden, ab dem es ihr schlechter ging, waren fast alle in Ordnung. Zwar hat es uns alle überrascht, aber letztendlich waren irgendwie alle mit dem Ausgang zufrieden. Bis letzte Woche hatte Frau Schäfer noch in ihrer eigenen Wohnung gelebt, kein Krebs, kein langes Leiden. Das Ende kam überraschend und schnell, aber ein schlechter Abgang war das nicht. Klar, die Atemnot war sicher schlimm für die Patientin, aber irgendwann hat sie was bekommen, was sie beruhigt hat und sie letztendlich sanft einschlafen konnte.

 

Meine Kollegin hat die Geschichte natürlich ganz schön mitgenommen. Ich finde, sie hat sich super verhalten, sie hat alles richtig gemacht und das habe ich ihr auch gesagt. Den Totenschein haben wir dann zusammen ausgefüllt. Gehört ja auch dazu zum Arztsein.

Vera*scht

9. Juni 2015 geschrieben von Annette

Ich bin ein bisschen frustriert. Gut, das ist ja nichts Neues, aber jetzt erreicht es eine neue Dimension. Erinnert sich noch jemand daran, wie ich neulich sagte, dass mir noch bestimmte Operationen für den Facharzt fehlen und der Chef mir versprochen hat, dass ich noch welche davon machen darf? Seit dem stand ich DREI MAL als Operateur auf dem OP Plan und durfte die OP dann doch nicht machen. Einmal war es eine Hüft-TEP, einmal eine Knie-TEP und einmal eine Wirbelsäulen OP. Jedesmal stand ich am Nachmittag des Tags vor der OP noch als Operateur drauf – während dich das bis zum nächsten Morgen auf wundersame Weise wieder geändert hat. Und hat mal jmand mit mir gesprochen? Mir vielleicht gesagt “Du, Annette, die OP wird schwieirg, die mache ich lieber selbst”? Nein. Kein einziges Mal. Ich fühle mich verarscht.

Der unglaubliche Hulk

25. Mai 2015 geschrieben von Annette

Das Durchgangssyndrom. Die Bezeichung von Medizinern für das Phänomen Dr. Jekyll / Mr. Hyde. Naja, OK, es muss nicht immer mit aggressivem Verhalten einhergehen. Auf jeden Fall handelt es sich dabei um ein Delir. Der Patient verliert die Orientierung, weiß nicht mehr wo er ist und warum er da ist, und irgendwann geht auch der Tag/Nacht Rhythmus flöten. Manchmal sind Patienten dann tagelang wach. Tagsüber sind sie oft noch zu bändigen, aber nachts drehen sie dann so richtig am Rad. Da wird um Hilfe geschrien, manchmal wird sogar die Polizei oder die Feuerwehr gerufen (die manchmal tatsächlich kommt!!!), es werden Wahnvorstellungen ausgepackt (die Infusion mit einem Schmerzmittel wird dann gerne mal für Gift gehalten) und ungeahnte Kräfte freigesetzt.

An dieser Stelle möchte ich nicht darüber diskutieren, wie man ein Durchgangssyndrom vermeidet. Ich finde, wir haben schon verhätlnismäßig wenig Probleme damit.

Aber manchmal sieht man es auf sich zu rollen wie eine Lawine. Ganz hinten in der Ferne, immer näher kommend, und man kann nichts dagegen machen.

Gegen 17 Uhr ruft mich die Station an, ich solle kommen, ein Patient würde durchdrehen. Es handelte sich um einen älteren Herrn, der vor etwa einer Woche von uns operiert wurde. Schon die ganzen letzten Tage war er nachts verwirrt und teilweise aggressiv, aber gestern war er nun auch tagsüber so. Seine Familie konnte da auch wenig Einfluss drauf nehmen. Immer wieder lief er einfach über den Flur, die hilflosen Schwestern hinterher. Er ließ sich kaum überreden, wieder zurück ins sein Zimmer zu gehen. Ich rief den Anästhesisten an, mit der Frage, ob er den Patienten nicht auf die Intensivstation mitnehmen könnte. Die Antwort war: “Wir können doch nicht jeden mit Delir nehmen! Gebt ihm noch mal Eunerpan und dann soll er schlafen.” Gesagt, getan.

Gegen 23 Uhr rief die Station wieder an: “Er wirft jetzt mit Gegenständen nach uns! Du musst sofort kommen!” Ich ging also wieder hoch. Auf dem Flur stand die völlig verängstigte Sitzwache, in dem Zimmer standen zwei Schwestern in gebührendem Abstand zum Patienten. Ich versuchte mit ihm zu sprechen. Er schnaufte wild und schaute mich mit einem irren Blick an, wie ein wildes Tier, was zu lange in einen Käfig gesperrt war. Aber gesprochen hat er kein Wort. Die Anästhesistin vom Nachtdienst kam auch dazu. Gemeinsam gingen wir nochmal zum Patienten rein. Sie forderte von den Schwestern eine Ampulle Haldol. Im selben Moment griff der Patient nach dem Haltegriff, der immer am Bettgalgen hängt, und feuerte ihn uns mit voller Wucht entgegen. Wäre der Griff nicht mit einem Gurt am Galgen festgemacht, hätte das übel enden können. Dann rüttelte er an den Bettgittern wie wild. Gleichzeitig erspähten er und ich den Infusionsständer, der am Fußende des Bettes festgemacht war und an dem eine Halterung für Infusionsflaschen hing. Er war schneller als ich. Er griff nach dem Ständer – und verbog ihn total! Als wäre er aus Gummi! Die Anästhesistin schaffte es irgendwie, ihm den Ständer aus der Hand zu reißen, bevor er mit der Infusionshalterung nach uns werfen konnte.

OK, da bringt Haldol wohl nichts, da muss etwas Kurzwirksames her. Die Anästhesistin orderte Propofol von der Intensivstation und wir holten und noch ein, zwei männliche Pfleger zur Unterstützung dazu. Der Schlachtplan sah vor, dass einer den rechten Arm festhält, einer den linken, einer den Patienten an den Schultern packt und einer auf die Beine aufpasst, während die Anästhesistin ihm Propofol spritzt.

Ich wollte nach dem Arm des Patienten greifen, in dem die Braunüle lag, aber er griff schneller nach meinem Arm, verdrehte ihn, und als ich ihn wegziehen wollte, versuchte er sogar nicht zu beißen! Irgendwie hab ich es trotzdem geschafft, sein Handgelenk nach unten gegen das Bett zu drücken. Keine 10 Sekunden später verdrehte er die Augen und schlief dank Propofol ein. Dankeswerterweise atmete er selbstständig weiter, die Dosis war also nicht zu hoch.

Den Rest der Nacht verbrachte er auf der Intensivstation. Heute morgen war er dann wieder einigermaßen orientiert. Trotzdem werden wir jetzt erstmal nachforschen müssen, ob wir eine Ursache für sein Verhalten finden können.

Mein lieber Scholli. Dass jemand mal nach mir geschlagen oder getreten hat, ist schon vorgekommen, aber bisher hat noch niemand versucht mich zu beißen!

Puh! *schweißabwisch*

23. Mai 2015 geschrieben von Annette

Wenn der Knochenzement aushärtet, sind das immer 15 merkwürdige Minuten. Man steht herum, hat nichts zu tun, starrt alle 30 Sekunden auf die Uhr, spielt manchmal mit einem Klümpchen Knochenzement in der Hand herum oder versucht sich im Smalltalk. Dabei fragte mich der Chef neulich: “Und? Was soll mal auf Ihnen werden?” Uff, dachte ich, der redet doch sonst nie mit mir. Aber ihm war wohl auch langweilig. Ich weiß nicht, ob er sich ernsthaft für mich interessiert hat, aber obs wirklich nur Smalltalk war, aber ich wollte die Gelegenheit nutzen, um mal auszuloten, ob ich mich bald zur Facharztprüfung anmelden kann. Ich habe ihn also gefragt, ob ich denn die Unterschrift bekommen würde, für die Eingriffe, die mir noch fehlen. “Was fehlt Ihnen denn?” – “Naja, 9 Knieprothesen und 10 Füße, und ein paar Hüften.” – “Ja, dann müssen Sie die noch machen!”. Hm. Da war ich erstmal geplättet. Wenn ich jetzt in über einem Jahr nur ein Knie operieren durfte, wie kommt der dann darauf, dass ich jetzt in einem halben Jahr 9 Stück machen werden? Naja, OK, wenn er das so will, dann will aber auch wirklich operieren dürfen.

Ich überlegte, was ich als nächstes machen soll. Mit dem anderen Chef reden? Mit dem leitenden Oberarzt reden, der den OP Plan macht? Und lieber um ein Gespräch im Büro bitten oder mal so nebenbei im OP fragen? Je länger ich zögerte, umso mehr Schiss bekam ich.

Am Freitag dann nahm ich endlich meinen Mut zusammen und fragte den anderen Chef, ob er ein paar Minuten Zeit für mich hätte. “Ja, bestimmt, später.” Ich erfuhr, dass er ab nächster Woche erstmal für drei Wochen im Urlaub ist, also musste es jetzt sein!

Gegen Nachmittag betrat ich also sein Büro. Ich spürte, wie ich rot anlief vor lauter Nervosität. Fast hätte ich ihm die Hand entgegen gestreckt, obwohl wir uns an dem Tag ja schon mehrmals gesehen haben. Aber dann sammelte ich meine Gedanken und fing ganz ruhig an zu sprechen. Schön langsam, damit nur nichts durcheinander geht oder ich mist erzähle.

“Ach, das ist alles kein Problem! Reichen Sie einfach Ihre Unterlagen ein, dann bekommen sie die Unterschrift. Daran ist hier noch niemand gescheitert. Und ich rede mal mit dem leitenden Oberarzt, dass sie auch ein paar der Eingriffe noch bekommen.”

Super! Mehr wollte ich gar nicht hören! Blöd nur, dass ich jetzt doch langsam mal lernen muss… und das Logbuch ausfüllen… und auch in meiner alten Klinik die Unterschriften holen…

Eine Nonne auf dem Gewissen

4. Mai 2015 geschrieben von Annette

So, jetzt hab ich dann doch mal jemanden umgebracht, und dann gleich auch noch eine Ordensschwester.

Letzte Woche gehe ich zur Visite zu einer alten Dame ins Zimmer. Um die 90, nicht mehr ganz klar im Kopf und Nonne. Sie war einige Tage zuvor an ihrer Hüft-TEP operiert worden, weil sie da einen Infekt drin hatte. Bis jetzt sah eigentlich alles gut aus. Bis der Pfleger der Verband ab machte. Aus der Wunde quoll, nun ja, nicht der pure, rahmige Eiter, aber doch sehr, sehr trübes Sekret. Für mich war sofort klar, dass das wieder aufgemacht und gespült werden muss, und zwar sofort. Ich sagte auch sofort einem Oberarzt bescheid, der meiner Meinung zustimmte.

Ich versuchte, die gesetzliche Betreuerin zu erreichen für die Aufklärung. Die war leider verreist. Auch sonst gab es irgendwie niemanden, der mal schnell vorbei kommen konnte. Aber “wir sollen alles machen, was wir für notwendig halten”, sagte mir eine Schwester aus dem Kloster am Telefon.

Die Patientin ging dann nachmittags in den OP und der Operateur entschied sich dazu, die Prothese auszubauen. Bei einem Infekt ist das Standard, wenn der Infekt nicht taufrisch ist, tief sitzt und man keinen Chance mehr sieht, die Prothese zu retten.

Gestern im Dienst wollte ich dann schauen, wie es der Patientin geht. Ich suchte im Programm nach ihrem Namen und öffnete den Arztbrief von der Intensivstation. Schon die erste Zeile schockte mich: “Kresilaufversagen/Sepsis mit Todesfolge”.

Autsch.

Ich las den Brief. Nach der OP brach die Patientin mit dem Kreislauf ein und brauchte Medikamente, um ihn zu unterstützen. Mit den anderen Ordensschwestern wurde dann entschieden, die Therapie nicht weiter auszudehnen und die Patientin gehen zu lassen. So starb sie keine zwei Tage nach dem Eingriff.

Ich vermute, dass es während der OP zu einer sog. septischen Einschwemmung gekommen ist. Wenn man irgendwo eiter hat und man fängt an, in der Region zu schneiden und Blutgefäße zu eröffnen, gelangen Bakterien in die Blutbahn und können sich erst recht im Körper ausbreiten. Das führt dann manchmal zu so einer dramatischen Verschlechterung einer Infektion. Das Risiko hat man immer bei einer septischen OP. Und wenn der Patient dann noch so alt ist, fehlen die Reserven, um ein so großes, plötzliches Ungleichgewicht zu bekämpfen und wieder in Balance zu bringen.

Wenn ich die Wunde nicht gesehen und dem Oberarzt nicht bescheid gesagt hätte, wäre sie wohl nicht so schnell gestorben. Aber was wäre die Alternative gewesen? Früher oder später wären die Bakterien auch ohne OP vielleicht in die Blutbahn geraten. Wir haben nicht falsch gehandelt, alles war nachvollziehbar. Das Risiko war halt hoch und diesmal ging es eben nicht gut aus.

*Chrchrchr*

30. April 2015 geschrieben von Annette

Leute, neulich ist mir was passiert, das habe ich in 6 Jahren Berufsleben noch nicht erlebt! Der Chef hat öffentlich in der Frühbesprechung die Oberärzte zur Sau gemacht – insbesondere einen speziellen. Das mag unfair sein (und vielleicht auch unklug, das Oberärzte kostbar sind), aber ich sag euch, ich hab mich heimlich so DIEBISCH gefreut, das war der Hammer! Und meinen Kollegen gings genauso.

Also der Chef anfing mit: “Da wir ja jetzt alle mal versammelt sind, möchte ich etwas sagen…” dachte ich schon oh-oh, da kommt wieder ein Anschiss. Als er dann aber sagte, er wolle nicht, dass jemand im OP Plan herumpfuscht, dachte ich schon: “Ich kann nicht gemeint sein, ich änder da nie was!”. Dann wurde er noch konkreter: “Ich verstehe nicht, was so schlimm daran ist, dass mal ein Oberarzt dem Chef assistiert”. Und da wars’s klar: der Anschiss geht an eine gaaaanz andere Adresse.

Der angesprochene Oberarzt setzte dann auch gleich zur Verteidigung an und es kam zu einer Art Schlagabtausch. Auf der einen Seite der wütende Chef, auf der andere Seite der verletzte und gekränkte Oberarzt, der sich im Recht fühlt.

Als Assistent lernt man eigentlich irgendwann, einfach den Mund zu halten und zu nicken, wenn der Chef einen anmotzt. Wenn der in Rage ist, kann man noch so im Recht sein, das zählt allen nicht. Immer lächeln und winken. Lächeln und winken.

24 Stunden…

27. April 2015 geschrieben von Annette

Worauf ich mich in der Orthopädie gefreut hatte, waren ruhige Dienste. “Man kann nachts immer schlafen” – “Ich hatte im ganzen Dienst nur zwei Patienten!” so lauteten die Aussagen meiner früheren Kollegen über ihre Zeit in orthopädischen Kliniken. Bei uns ist das irgendwie anders. Mag daran liegen, dass die Klinik mitten in einer größeren Stadt liegt, oder daran, dass hier früher auch noch viel mehr chirurgisch behandelt wurde. Oder daran, dass wir einen so guten Ruf haben, was Rücken-, Schulter, Hüft- und Knieschmerzen angeht.

Mein Dienst begann um 9 Uhr mit der Röntgendemo und der Übergabe vom Samstagsdienst. In der Ambulanz warteten bereits zwei oder drei Patienten auf mich. Und dann ging es auch schon los mit dem Telefon. Es wollte den ganzen Tag über nicht mehr still sein. “Hier ist Dr. Soundso vom hausärztlichen Notdienst, ich habe hier einen Patient mit Rückenschmerzen, den würde ich gerne einweisen.” – “Mein Name ist Schmidt. Ich habe seit 3 Tagen Rückenschmerzen, kann ich da bei Ihnen vorbei kommen?” – “Hier ist Notarzt Dr. Soundso, ich bin hier bei einem jungen Mann, der sich beim Fußball die Schulter luxiert hat, den würde ich Ihnen gerne bringen” – “Hier ist der Rettungsdienst, wir sind hier einem 85jährigen Mann mit Makrohämaturie, können wir den zu Ihnen bringen?” Und so weiter und so fort.

Auf Station gabs dann ein Problem ganz anderer Art, dass ich so in 6 Jahren Berufstätigkeit auch noch nie hatte: Schluckauf. So schlimmer Schluckauf, dass der Patient schon Mühe hatte zu atmen. Ich habe den Internisten und den Anästhesisten gefragt, was die dazu meinen, aber deren Vorschläge (Haldol und Atosil) halfen auch nicht. Gegen abend hatte der Patient schon so viel Luft geschluckt, dass sein Bauch aufgebläht war wie ein Hefekuchen. Nachts konnte er zwar irgendwie schlafen, aber heute morgen gings glatt weiter mit dem Schluckauf… Sab simplex half auch wenig.

Gegen Abend habe ich dann einen Patienten auf die Urologie aufgenommen mit Blut im Urin. Ich habe ihm einen Spülkatheter gelegt und dann ging’s eigentlich gut, der Urin wurde wieder klarer. Nachts um halb 2 rief dann die Station an, der Patient habe sich den geblockten Katheter gezogen. Als ich kam, saß er auf einem Stuhl neben dem Bett in einer Blutlache. Abends war er noch so halbwegs zurechnungsfähig, jetzt war er völlig neben der Kappe und hatte auch etwas Temperatur bekommen. Ich legte erstmal einen neuen Katheter. Da er ein metastasiertes Prostatakarzinom hat und die Situation sowieso palliativ war, hab ich erstmal auf weitere Maßnahmen verzichtet. Im Labor hatte er keine wesentlichen Entzündungszeichen, sollen die Urologen heute entscheiden, was sie mit ihm machen.

Ich glaube um 2 oder halb 3 war ich wieder im Bett. Um halb 5 klingelte mein Telefon wieder. Harnverhalt. Was sonst? Um halb 6 war der Patient dann da. Katheter rein, fertig. Dauert keine 5 Minuten. Um 6 habe ich mich nochmal ins Bett gelegt, aber um 6.30 Uhr klingelte schon der Wecker… aufstehen, Zeit für Visite, danach Röntgendemo und dann endlich Schluss.

Abgelehnt!

28. Februar 2015 geschrieben von Annette

Um 20 Uhr  schon auf dem Dienstzimmer im Bett zu liegen und in Ruhe “Game of Thrones” zu lesen, wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Um 21 Uhr schlurfe ich also zurück in die Ambulanz, um eine junge Dame zu versorgen, die sich beim Skifahren in der Schweiz irgendwie eine Schnittwunde am Bein zugezogen hat. Vormittags. Hat sie wohl erst später bemerkt. Naja. War zu spät zum nähen, also hab ichs nur locker adaptiert und mit Steristrips so halb verschlossen.

Gerade als ich wieder gehen wollte, näherte sich ein Herr auf Krücken der Anmeldung.

“Ich wollte eigentlich nur mal nachschauen lassen. Bin eigentlich schon versorgt und so.”

Möööööööp, falsche Antwort.

“Sie wissen schon, dass das hier eine NOTFALLambulanz ist? Ist das jetzt ein Notfall?”

Ein fragender Blick von dem jungen Mann. Er scheint irritiert zu sein.

“Ich dachte, im Krankenhaus sei 24 Stunden jemand da. Ich arbeite immer bis 20 Uhr.”

Die Schwester und ich versuchen ihm zu erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen Sprechstunde und Notfallbehandlung. Wir schauen im Computer nach, was der Mann überhaupt hat. Offenbar war er schon vor 5 Tagen in der Ambulanz, nachdem er umgeknickt war. Er hatte damals einen Gips bekommen und den Hinweis, nach ein paar Tagen zu einem niedergelassenen Kollegen zur Kontrolle zu gehen. Und deswegen kam er jetzt wieder zu uns, denn freitags um 21 Uhr hat natürlich kein Chirurg mehr offen. Ich warf einen Blick auf seinen Fuß. Der war ungefähr doppelt so dick wie normal und blitzeblau. Klarer Fall von nicht geschont, zu viel herumgelaufen, nicht hochgelagert. All das versuchte ich dem Mann zu erklären.

“Ich bin selbstständig. Ich hab ja schon zwischendurch mal hochgelegt. Kann da jetzt was passieren? Irgendwelche Spätfolgen?”

Arbeiten schön und gut, mein Vater ist auch selbstständig, ich weiß also, wie schwierig das ist. Aber hier geht es doch um die eigene Gesundheit!!!! Ich erzählte ihm was von Thrombose und Kompartmentsyndrom und dass man vielleicht bei dem dicken Fuß doch besser ein MRT machen sollte. Aber alles nicht hier und jetzt.

“Tut mir leid, aber ich werde sie nicht aufnehmen. Das ist wirklich kein Notfall.”

Bedröppelt zog er wieder ab. Ich schwöre, das war das allererste Mal, dass ich mich geweigert habe, mir einen Patienten anzuschauen! Aber der war einfach nur dreist. Oder dumm. Auf jeden Fall kein Notfall. Er hätte sich ja auch klüger anstellen können. Hätte er gesagt “Ich habe soooo starke Schmerzen! Bitte helfen Sie mir!” wäre es ein Notfall gewesen und ich hätte ihn mir anschauen müssen. Aber wenn er schon ankommt mit “Ich arbeite immer so lange, keiner hat mehr offen, und ich wollte einfach nur mal nachgucken lassen”, dann sehe ich das nicht ein. Er hatte nicht mal eine gültige Versicherungskarte dabei. Genau sowas belastet unsere Notaufnahmen.

Das ist Unfallchirurgie!

11. Februar 2015 geschrieben von Annette

Gestern morgen saß ich im Aufnahmezimmer, hatte schon zwei Patienten aufgenommen, und dachte nur: “Oh Mann, ich glaube ich HASSE diesen Job. Es ist maximal öde und es macht keinen Spaß. Ich muss weg hier.” Ich war kurz vorm heulen. Aber es nützt ja alles nix, ich habe mich also zusammen gerissen. Vielleicht war es auch nur schlechte Laune zu Beginn eines langen Dienstes, ich weiß es nicht. Aber egal, wie ich es drehe und wende, ich kann mich nicht so richtig mit dem Laden hier anfreunden. Ich mochte die Schwestern und Pfleger in der Notaufnahme meiner alten Klinik sehr. Mit denen hat das arbeiten immer Spaß gemacht. Hier irgendwie nicht.

Naja, der Tag dümpelte so vor sich hin. Ich hatte 12 Aufnahmen, die ich alle fix fertig hatte. Danach musste ich noch in die OP für eine Hüft-TEP. Als ich dann wieder in die ambulanz kam, wars relativ ruhig. Nur ein Patient da, sonst nix. Langeweile. Dann klingelte das Telefon. “Meine Frau hat Schmerzen, können wir vorbei kommen?” – “Naja, ist es denn ein Notfall?” – “Notfall, ja”. Hmpf. Na gut. Dann rief die Station an: “Beim Herrn Bayer ist der Verband ganz durchgeblutet, kannst du mal kommen?”. Gerade als ich den völlig durchgebluteten Verband gewechselt habe, rief ein Notarzt an: “Patellaluxation, wir kommen dann mal vorbei zum röntgen.” Die haben nicht mal gefragt, ob sie kommen dürfen!  Egal, von mir aus. Dann rief der nächste Notarzt an: “85 jährige Frau, Verdacht auf Schenkelhals. Sie möchte gern in Ihr Krankenhaus, dürfen wir sie bringen?” Immer her damit! Dann wäre auch das letzte Frauenbett im gesamten Krankenhaus belegt. Und nebenher noch der übliche Kram: Fahrradsturz, Sturz beim Skifahren, Schnittwunde.

Da war also ordentlich was los. Aber hey! Richtige Unfallchirurgie! Nicht dieser Mist mit Rückenschmerzen seit 2 Wochen und Schulterschmerzen seit Freitag, sondern richtige Unfälle. Wow, das hat echt Spaß gemacht.

Die Frau, die mir von ihrem Ehemann als Notfall angekündigt wurde, hatte dann doch schon seit 3 Monate Beschwerden und war auch schon bei verschiedenen anderen Ärzten. Das Problem ist, dass es manchmal schwierig ist, Patienten zu erklären, dass die Behandlung schwieriger ist, wenn sie ständig von einem Arzt zum anderen rennen und niemals Befunde oder Röntgenbilder mitbringen. Jeder Arzt muss wieder bei 0 anfangen. Und bei so unklaren Geschichten wie Schmerzen in verschiedenen Gelenken ohne Trauma ist das nochmal schwieriger. Die Patienten erwarten, dass ich ihnen sofort sagen kann, was sie haben. Aber das kann ich nicht! Ich dachte zuerst an etwas Rheumatologisches, weil verschiedene große Gelenke betroffen sind. Nach meinem Erklräungversuch wurde ich dann mit großen Augen gefragt: “Was heißt Rheumatologisch?” Gut. OK. Mit dem Bildungshintergrund türkischer Einwanderer wird es dann nochmal schwieriger, zu verstehen, warum ich nicht abends in der Notaufnahme herausfinden kann, was los ist. Noch fieser war, dass das Röntgenbild vom Knie sehr auffällig war. Der Knochen sah absolut nicht normal aus. Ich kann nicht sagen, wonach er aussah, aber definitiv nicht normal. Leider gibt es ja nach 18 Uhr keinen Radiologen mehr, den ich befragen kann. Also habe ich die Patientin nochmal für heute einbestellt gehabt. Und tatsächlich kam sie auch heute morgen wieder. Bin mal gespannt, was der Radiologe jetzt gesagt hat.

Um 22 Uhr war der Spuk dann schon wieder vorbei. Ich war dann auch ganz schön platt. Viel Ruhe war mir aber nicht vergönnt. Eine Stunde später gings schon wieder weiter. Und um kurz vor 5 kamen dann doch noch die obligatorischen Rückenschmerzen…

Bis in die Puppen

22. Januar 2015 geschrieben von Annette

Sagt mal, waren meine Beiträge früher spannender? Kommt mir zumindest selbst so vor, wenn ich mal meine alten Posts lesen… hmmm… Orthopädie ist eben einfach wenig spannend.

Gestern hatte ich Dienst und das Spannendste war in der Tat, dass wir  bis 23 Uhr im OP standen. Das normale, elektive Tagesprogramm lief schomal bis 21.15 Uhr Uhr. Um 19 Uhr mussten wir ja unbedingt noch eine Knieprothese anfangen. Und danach stand noch eine notfallmäßige Kniespülung bei Infekt an.

Aber eine Knie-TEP um 19 Uhr? Hallo?? Gehts noch??? Dieser Tage ist unser Programm jeden Tag so voll. Fast jeden Tag geht das geplante Programm bis 20 Uhr. Und Betten haben wir auch keine. Wir legen unsere Patienten schon in die Urologie und in die Innere Medizin. Aber kommt mal jemand auf die Idee, eine OP abzusagen oder zu verschieben? Neeeeiiiiiinnnn, das muss alles durchgezogen werden. Der Operateur hat keinen Bock, weil er schon seit 10 Stunden operiert, der Assisstent hat Hunger und will ins Bett und der Hakenhalter ist sauer, weil er eigentlich um 21 Uhr zum Kino verabredet war, was er aber vergessen kann. Macht sowas Sinn?

Mal sehen, wie lange ich das noch aushalte.