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Manchmal hasse ich Medizin. Weil man all den schrecklichen Dingen, die passieren, Namen geben kann und für jede Diagnose gibt es eine Therapie. Dann hat man das Gefühl, etwas nicht richtig gemacht zu haben, etwas verpasst oder zu spät erkannt zu haben. Natürlich ist das Unsinn. Man kann nicht alles verhindern. Aber, wie gesagt: für einen Patienten ist es ein Schicksalsschlag, für uns hat er einen Namen, wir kennen seine Ursache und wir fragen uns, warum wir trotzdem nichts dagegen tun konnten.

Ich schreibe das, weil bei uns mal wieder Patienten gestorben sind. Zwei, von denen ich das NICHT erwartet hatte. OK, bei dem einen war es “nicht so schlimm”. Immerhin war er über 90. Wie ich schon so oft betont habe, fehlen in dem Alter die Reserven, um eine Komplikation, wie z.B. eine Lungenentzündung, zu überstehen. Es sterben auch mal junge Menschen daran, keine Frage, aber mit über 90 reicht schon ein weit weniger schlimmer Verlauf und es ist ganz schnell zuende.

Der zweite Fall war… traurig. Ein langer Kasus, den ich hier jetzt nicht im Detail darstellen möchte, da er einfach noch zu frisch ist. Nur so viel sei gesagt: die Geschichte begann schon vor einigen Jahren, als sich der Patient zum ersten Mal was gebrochen hat. Das Problem war, dass der Bruch nie verheilt ist. Die erste Platte brach, die zweite Platte brach, die Revisionsendoprothese war zu kurz und der Kochen brach an einer anderen Stelle. Guter Rat war teuer. Mein Chef war der Meinung, wenn man unbedingt das Bein retten will (Amputation wäre die einfachste, aber auch eine radikalste Lösung gewesen), würde er einen langen Nagel reinstecken – mit dem Nachteil, dass das Kniegelenk steif wäre. Scheinbar wollte der Patient das nicht oder dessen Angehörige, und man entschied sich für einen großen, risikoreichen Eingriff, bei dem der Patienten eine gekoppelte Knie- und Hüftprothese bekam. Zuerst ging auch alles gut. Nur kamen dann nach und nach die Probleme. Die Hüftprothese luxierte, es entwickelte sich ein Wundinfekt… dann folgten ein akutes Nierenversagen und so weiter. Vor ein paar Tagen Tagen starb der Patient.

Es ist immer ein bisschen anders, wenn jemand stirbt, den man so lange behandelt hat. Es ist schwer, Fehler zu finden. Es gibt nicht den einen Punkt, ab dem alles schief lief. Ich glaube auch nicht, dass wir wirklich etwas falsch gemacht haben. Das Risiko war hoch, anfangs ging auch alles gut, aber dann kamen doch die Probleme und am Ende trat eine Komplikation auf, die keiner mehr beherrschen kann, die man nur noch mit viel, viel Glück überlebt. Diesmal hatte der Patient kein Glück.

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