Zwei Aufreger

Gestern war ein interessanter Dienst. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich gezittert habe und am liebsten was zur Beruhigung genommen hätte, weil mich unserer Allgemeinchirurgen so aufgeregt haben. Als ich zum Nachtdienst kam, stand meine Kollegin schon mit der Röntgenschürze bewaffnet im Schockraum mit dem restlichen Schockraumteam. Es wurde ein verunfallter Fußgänger angekündigt, der wohl von einem Auto angefahren wurde. Meine Kollegin erklärte sich netterweise bereit, den Schockraum zu übernehmen, sie würde mich schon rufen, wenn sie mich bräuchte. Eine Viertelstunde später kam dann der Patient, mittlerweile intubiert und beatmet. Wenn die Patienten intubiert sind, macht das die Arbeit immer ein bisschen leichter, finde ich. Dann kann man sich den Patienten in Ruhe von Kopf bis Fuß anschauen, während die Anästhesie sich um sein leibliches Wohl kümmert und der Allgemeinchirurg den Bach schallt. Ob Traumaspirale oder nicht braucht auch nicht diskutiert zu werden, weil der Patient ja keine Auskunft geben, wo es ihm weh tut. Man steckt ihn also einfach ins CT und fährt einmal komplett durch. OK, manchmal gibt’s da Unstimmigkeiten, wenn schon im Ultraschall freie Flüssigkeit auffällt (gleich in den OP, ohne CT?) oder bereits im Schädel eine Blutung zu sehen ist (CT abbrechen und sofort in den OP?). Im gestrigen Falle gab es aber keine Diskussionen, die Traumaspirale wurde gemacht. Heraus kamen zwei gebrochene Rippen ohne wesentliche Verletzungen der Lunge und ohne Pneu sowie eine subtrochantäre Femurfraktur. Eine OP Indikation. Kein vital bedrohlicher Zustand, aber zumindest ein dringlicher Notfall. Man kann über eine solche Fraktur viel Blut verlieren und es ist ja auch nicht schön, wenn das Bein so herumschlackert und Schmerzen verursacht.  Problem: die OP Säle waren durch unsere Allgemeinchirurgen besetzt. Die wollten noch einen Blinddarm operieren, der eigentlich schon 12 Stunden im Haus war, die Gynnies wollten eine Ausschabung machen und die Neurochirurgen einen Spinalabszess operieren. Die Anästhesie wies alle Verantwortung von sich, wir sollen das unter uns ausmachen. Klar, dass jeder darauf bestand, er hätte Priorität. Das war der Moment, wo ich an die Decke ging, weil uns die Allgemeinchirurgen seit Wochen nach Strich und Faden verarschen. Die operieren ihr Elektivprogramm bis 8 Uhr abends, schleusen nachmittags noch elektive Patienten ein, deren OP 6 bis 8 Stunden dauert, und stellen ihre Notfälle grundsätzlich ans Ende vom Tagesprogramm. Jeden Tag gehen die mit 2 oder manchmal 3 Sälen in den Dienst und der Rest vom Krankenhaus guckt in die Röhre. Gott sei Dank nahm sich der diensthabende Oberarzt von uns der Sache an und nach ein bisschen meckern durften wir in den OP. Morgens gab es dann nochmal große Diskussionen. OA Greene meinte, dies könne jetzt der Anstoß gewesen sein, dass sich mal was ändert. Ich hoffe es.

Während meine Kollegin mit dem Schockraum beschäftigt war, kam der Rettungdienst mit einem weiteren Opfer eines Verkehrsunfalls. Auffahrunfall auf der Autobahn, alles unklar, der Patient erinnert sich an nichts, sein Auto wäre ziemlich zerstört gewesen, auch das Lenkrad sei kaputt gewesen. Ich guckte erstmal ungläubig. Nach der aktuellen Leitlinie für Polytrauma wäre das eigentlich auch eine Schockraumindikation gewesen. Der Rettungsdienst sagte nichts dazu. Ich rief allerdings nicht das zweite Schockraumteam zusammen (es wäre sowieso schwierig gewesen noch eins aufzutreiben), sondern nahm mich erstmal allein dem Patienten an. Ein Pfleger verkabelte ihn und seine Vitalparameter waren auch wunderbar in Ordnung. Im Ultraschall vom Bauch konnte ich Leber und Milz nicht so wirklich gut sehen und zudem hatte er eine echt tiefe und große Risswunde auf der Stirn. Ich entschied mich ebenfalls für ein CT, und zwar nicht nur vom Schädel, sondern auch vom Bauch. Heraus kam, dass der Patient eine offene Schädelfraktur hat. Keine intrakranielle Blutung, aber die Stirnhöhle war kaputt. Ich nähte dann noch die Wunde und schickte ihn auf die Station. In diesem Fall würde mich wirklich brennend interessieren, wie die Narbe später aussieht. Eigentlich wäre das fast schon ein Fall für einen plastischen Chirurgen gewesen, aber sowas haben wir ja nicht im Haus. Naja, ich hab mir Mühe gegeben. Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich die Wundränder nicht mehr geglättet habe. Hmpf. Naja, wird schon.

Eine Reaktion zu “Zwei Aufreger”

  1. Andrea

    “Das war der Moment, wo ich an die Decke ging, weil uns die Allgemeinchirurgen seit Wochen nach Strich und Faden verarschen. Die operieren ihr Elektivprogramm bis 8 Uhr abends, schleusen nachmittags noch elektive Patienten ein, deren OP 6 bis 8 Stunden dauert, und stellen ihre Notfälle grundsätzlich ans Ende vom Tagesprogramm. Jeden Tag gehen die mit 2 oder manchmal 3 Sälen in den Dienst und der Rest vom Krankenhaus guckt in die Röhre.” – das muss doch echt nicht sein. Gut, dass du dich aufgeregt hast, Annette und dass der Patient doch operiert werden konnte.

    VhG

    Andrea

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