See one, do one, teach one

Schulterrepositionen (eigentlich Repositionen aller Art) sind für mich immer furchteinflößend und freudig zugleich. Einerseits ist es ein unglaublich gutes Gefühl, wenn es *plopp* macht und die Schulter wieder drin ist, andererseits hab ich immer noch Angst, ich krieg es aufgrund mangelnder Technik und mangelnder Kraft nicht hin. OK, wenn’s wirklich nicht klappt, kann man immer noch die Anästhesie um eine Kurznarkose bitten, dann geht’s meistens. Und wenn’s auch dann nicht geht, muss halt der Oberarzt ran. Es gibt immer wieder mal Luxationen, die sich dann doch nur offen im OP reponieren lassen (Beispiel: Alkoholiker, die seit einer Woche mit ihrer luxierten Schulter herumlaufen).

Gestern gab es mal wieder eine luxierte Schulter. Ich machte ein Röntgenbild, das meinen Verdacht bestätigte, ließ schonmal was gegen Schmerzen anhängen und sagte den Schwestern bescheid, dass sie den üblichen Kram für die Analgosedierung zusammenschaffen sollen: Ketanest, Dormicum und ein Pulsoxymeter. Mit mir zusammen war ein jüngerer Kollege in der ZNA, der jetzt seit etwas mehr als einem Jahr bei uns ist. Ich erinnerte mich daran, dass ich damals zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viele Schultern reponiert hatte, wenn überhaupt schon eine. Also fragte ich ihn, ob er das nicht machen will. “Klar!” Die Analgosedierung übernahm ich aber doch noch selbst. Das habe ich auch noch nicht so oft mit Ketanest/Dormicum gemacht, so dass ich da selber gern ein Gefühl für bekommen will, wieviel man braucht. Ich legte los und gab zuerst 1mg Dormicum. Das hatte kaum eine Wirkung auf den Patienten. Mehr wollte ich aber auch nicht geben, da er über 70 war und man da vorsichtiger sein muss mit den Benzos. Die errechnete Dosis für das Ketanest wären 18mg gewesen, aber nach meiner Erfahrung neulich mit der jungen Frau, die ich SOWAS von abgeschossen hatte, wollte ich mich langsamer rantasten. Ich gab erstmal 10mg. Der Patient sagte mir zwar, ihm würde jetzt komisch, aber er war immer noch sehr wach. Ich gab weitere 5mg. Wach war er immer noch, aber ich gab meinem Kollegen zu verstehen, dass er es mal versuchen soll. Er griff also zu, winkelte den Arm des Patienten an, zog und drehte ein bisschen und keine 10 Sekunden später war die Schulter wieder drin. Wahnsinn. Beeindruckend. Und dann sagte er mir noch, dass er zum ersten mal diese Repositionstechnik verwendet hätte. Ich staunte nicht schlecht. Vielleicht probiere ich es beim nächsten mal auch so. Einmal hab ich es ja schon versucht, da hatte es nicht geklappt. Hm, hatte er jetzt den Bogen besser raus? War es einfach leichter bei dem Patienten? Wer weiß. Aber wir waren beide ganz glücklich. Er über seine geglückte Reposition, ich über meine Analgosedierung. Ein paar Minuten später ging ich zum Patienten, um ihm zu sagen, dass die Schulter wieder drin sei. “Was? Schon?” guckte er mich mit großen Augen an. Jaja, Ketanest/Dormicum ;-)

5 Reaktionen zu “See one, do one, teach one”

  1. Andrea

    Glück gehabt – sowohl der Patient, als auch dein Kollege, als auch du, liebe Annette.

    Einen Patienten “abgeschossen haben” ;) das klingt mehrdeutig interpretierbar.

    VhG

    Andrea

  2. medizynicus

    Glück gehabt! Repositionen sind halt meistens Glücksache…. und ich bin froh, wenn ein netter Chirurg in der Nähe ist!

  3. Walter

    Ja ihr seid gut; lieg mal da mit`ner luxierten Schulter; die Schwester nervt mit wie sind sie versichert, wie ist das passiert, müssen wir erstmal’n Bild machen! HALLO,– das kannst du fühlen !! Mir ist das siebenmal passiert; hatte auch witzige Seiten, aber ehrlich -
    bitte-bitte-bitte-bitte nie wieder, ja . Tut ganz fürchterlich AUA !
    Jetzt weiß ich was eine offene Bankard OP ist.

  4. Anna

    Eine Frage: Ich hatte als Jugendliche eine Ellbogenluxation…. die wurde allerdings ohne irgendwelche Nettigkeiten wie Schmerzmittel oder Sedierung reponiert…. ist das beim Ellbogen so üblich?

  5. Annette

    @Anna: nein, auf keinen Fall! Hängt halt vom Arzt ab. Manch einer reponierts lieber schnell, als vorher großes Bromborium zu machen. ;-)

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