Ein ganz normaler Fall?

Und wieder mal eine Episode „und dann kam alles anders“. Schon krass, wie Einweisungsdiagnose und tatsächliche Diagnose manchmal auseinander liegen. Ich finde solche Fälle immer spannend, auch wenn es häufig die Fälle mit einem schlechten Ausgang sind. Zum Beispiel wenn sich der vermutete Bandscheibenvorfall als Metastase eines bisher nicht entdeckten Tumors entpuppt oder die Rückenschmerzen von einem Bronchialkarzinom herrühren.

Im letzten Dienst hatte ich wieder so einen Fall. Eine ältere, sehr fettleibige Patientin wurde (ohne Ankündigung!) vom niedergelassenen Orthopäden eingewiesen. Auf der Einweisung stand: „Lumboischialgie. Ambulant nicht mehr zu handeln“. Das Übliche halt. Ärgerlich war, dass der Kollege vorher nicht angerufen hatte (jedenfalls nicht mich) und ich das letzte freie Bett eigentlich gerade vergeben hatte. Aber egal, erstmal Patient angucken. Die Frau erzählte, dass sie vor zwei Wochen plötzlich einschießende Schmerzen in die Leisten gehabt habe. Ohne ein Trauma oder sonstwas, nicht mal eine komische Bewegung. Sie roch stark nach Urin und ich bemerkte, dass sie eine Windel an hatte. Ich frage mich, wie sie es geschafft, hatte auf diese Weise zwei Wochen in ihrer Wohnung zurecht zu kommen. Und wieso sie überhaupt so lange gewartet hatte, Hilfe zu bemühen. Zunächst untersuchte ich die Hüftgelenke. Es tat ihr weh, wenn man die Beine bewegt hat. Dann bat ich sie, sich auf die Seite zu drehen, damit ich den Rücken untersuchen konnte. An der Art und Weisen, wie sie sich drehte, erkannte ich sofort, dass der Rücken nicht das Problem sein kann. Jemand mit Rückenschmerzen bewegt sich anders. Ich richtete meinen Fokus also eher auf das Becken und die Hüften. Ich hatte auch Blut abgenommen und das Ergebnis war verblüffend: Entzündungswerte jenseits von Gut und Böse und dazu eine heftige Anämie bei normalem MCV und MCHC. OK, die Entzündungswerte würden sich zusammen mit dem übel riechenden Urin vielleicht durch einen Harnwegsinfekt erklären, aber die Anämie machte mich stutzig. Ich rief den Internisten dazu. Ohne große Gegenwehr erklärte er sich bereit, die Frau stationär aufzunehmen. Natürlich überlegten wir auch, woher die Blutarmut kommen könnte. Das Rätsel löste sich schnell von selbst: auf einmal stank es nach Jauche im Untersuchungszimmer und die Patientin lag in einer Lache aus bräunlichem Blut. Unklar war, woher genau es kam: Vagina oder Rektum. Aber eins war klar: scheinbar blutete die Patientin noch aktiv und würde wohl auf die Intensivstation müssen. Zudem war sie ab jetzt auch völlig falsch in unserem Krankenhaus, in dem es weder eine Chirurgie noch eine Gynäkologie gibt.

Nach einigen Telefonieren schaffte es der Internist, sie zu verlegen. Am nächsten Morgen forschte ich nach, was aus ihr geworden war. Sie hatte ein CT vom Bauch bekommen und war noch in der Nacht operiert worden: Rezidiv eines Gebärmutterkrebes mit großem Abszess und Arrosion der Beckenwand.

So kann’s gehen. Ich sag ja: spannend, aber nicht schön.

6 Reaktionen zu “Ein ganz normaler Fall?”

  1. Antje

    Klingt nach Zervixcarcinom… verstehe nur nicht, warum die Frau bei bekanntem / ehemaligem Krebs nicht zu ihrer Gynäkologin gegangen ist. Naja, Patienten sind nicht zu verstehen… 😉

  2. josephine chaos

    Ich gehe davon aus, dass das Carcinom nicht vorbekannt war, weil die alte Dame eben nicht mehr zum Gynäkolgen geht…

  3. Annette

    Doch doch, das Ca war bekannt. Ich habe später nochmal nachgeforscht und offenbar war es doch kein Rezidiv des Tumors, sondern „nur“ ein riesiger Abszess im Bauch, offenbar ausgehend von einer gedeckt perforierten Divertikulitis. Der Abszess hat dann irgendwann angefangen, die Beckenwand zu arodieren…

  4. Andrea

    Liebe Annette.

    Bin so frei, hier einen Kommentar zu hinterlassen und dir alles Gute für 2016 zu wünschen.

    Herzlichst

    Andrea

  5. Andrea

    Wie geht’s dir liebe Annette ? Bist du schon Fachärztin ?

    Oder liegst du gerade auf der anderen Seite vom OP-Tisch ?

    Würde mich freuen, einen neuen Eintrag von dir zu lesen.

    Herzlichst

    Andrea

  6. Andrea

    Ein Gutes 2017 wünscht dir liebe Annette herzlichst

    Andrea

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