Intensiv(e/-) Impressionen

Der Polytrauma-Pieper reißt uns mit seinem hysterischen Gefiepe aus unserer täglichen eigentlich-ist-doch-grad-alles-ganz-entspannt-Routine. Wir sind natürlich voll belegt, wie immer. Hastig verlegen wir einen unserer “Joker”… der wird sich auch auf der Normalstation ganz gut machen. Dann lange nichts. Vorsichtiger Anruf in der Rettungsstelle: Ein Mädchen, noch nicht ganz volljährig, als Beifahrerin in einen Autounfall verwickelt, schon im OP, wir sollen einen Beatmungsplatz bereithalten. Puh. (Wieso bloß passiert sowas immer dann wenn ich allein bin? Wo ist mein Oberarzt? Wo ist meine Mama?) Ok, los also. Ich spule schnell das Routine-Programm ab, um mich dann um das Mädel kümmern zu können.

Da kommen sie, kurz vor Ende meines Dienstes. Ein Puppengesicht, lange Wimpern, unversehrt. Stiff-Neck bei Wirbelkörperfraktur, wahrscheinlich stabil, aber wir brauchen noch ein Kontroll-CT. Morgen. Leberkontusionen, aber keine freie Flüssigkeit. Rippenserienfraktur, Lungenkontusion, Pneu. Den Arm hat sie sich gebrochen. Und beide Beine, da sind Fixateurs dran. Sie hat ziemlich viel Blut verloren. Und kalt ist sie. Und intubiert. Wir beschließen sie bis zum nächsten Morgen intubiert zu lassen. Oder reißt sich jemand drum, für den Querschnitt eines fast-noch-Kindes verantwortlich zu sein? Was, wenn Sie re-intubiert werden müsste und ich das mit dem Stiffneck nicht hinkriege? Neinnein. Außerdem sind 33 Grad vielleicht auch was frisch. Also Warm-Touch. Ich schleiche mit Ery-Konzentraten um die Kleine herum, aber da sie sich ganz gut macht und trotz ihres knapp siebener-Hbs normfrequent ist, sich mit den Drücken hält und eine relativ gute zentrale Sauerstoff-Sättigung hat, entschließe ich mich gegen eine Transfusion. Statt dessen setze ich mich eine Weile an ihr Bett und rede Nonsens mit ihr. Wahrscheinlich soll mein monotones Gemurmel vor allem mich selber beruhigen. Naja. Der Nachtdienst kommt, Übergabe, bis morgen früh (am Wochenende haben wir 2×12 h statt 3×8).

Sonntagmorgen fahren wir dann durchs CT. Und sehen “nur” einen Processus-Spinosus-Abbruch, keine instabile Wirbelkörperfraktur. Puh. Also, Rücksprache mit den Unfallchirurgen, Oberarzt dazupfeifen, wir extubieren sie gleich. Sedierung raus, die Puppenaugen gehen auf… “kannst Du mal meine Hand drücken?” Ja… dann mal los.

Sie lässt sich ohne Probleme extubieren, guckt uns mit klarem Blick an, möchte einen Schluck Wasser, fragt, wo sie sei und warum. Erinnert Momente vor dem Unfall. Ich sitze bei ihr, die Eltern sind unterwegs, ich erkläre ihr was passiert ist, was wir gemacht haben, dass sie wieder gesund wird. Sie schaut mich an und sagt: “Woher kenne ich eigentlich ihre Stimme?” Äh.

3 Reaktionen zu “Intensiv(e/-) Impressionen”

  1. kathi

    ich finds süß, dass du sie angemurmelt hast. :)
    nicht peinlich jedenfalls.

  2. Anna

    Ich glaube, meine Patienten kennen von mir nur ein:

  3. docangel

    Sehr schön. Das geht direkt ins Herz.

    “Wo ist mein Oberarzt? WO IST MEINE MAMA?” —-> den letzten Spruch find ich klasse

    Ich musste mal in meinem zweiten oder dritten pädiatrischen Dienst (als Nicht- Pädiater!) nach einer Not- Sectio ein 500g-Baby erstversorgen. Da hätte ich auch am liebsten nach meiner Mama geschrien. Als die Chefärztin NACH ZEEEHN MINUTEN !!!!!!!! endlich eintraf, übergab ich ihr die Kleine mit 90-er O2- Sättigung. Das war mein Ritterschlag in der Pädiatrie.

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