Eine andere Perspektive

15. April 2012 geschrieben von Medicus

Wie bereits erwähnt hatte ich dieses Jahr einen Ausflug in eine hausärztliche Praxis im Programm. In meiner Vergangenheit hatte ich bisher ja nicht viel Kontakt mit diesem Teil des ärztlichen Berufs. Einmal war ich in der Vorklinik für einen Vormittag im Rahmen einer Hospitation in einer Allgemeinarztpraxis gewesen, aber damals war meine Perspektive auf das Arztdasein noch eine ganz andere. Ich hatte mein notfallmedizinisches Vorwissen und meinen Anatomie-Schein, mehr allerdings auch nicht. Jetzt mit fast allen wesentlichen Scheinen, diversen Famulaturen und Praktika im Gepäck gewann es doch eine ganz andere Bedeutung. Zum einen ist es ein ganz anderes Arbeiten, auf der technischen Seite gibt es deutlich weniger Ressourcen: Auf die Schnelle bekommt man außer U-Stix, BZ und INR keine wesentlichen Laborparameter. An weiterer Diagnostik gab es in meinem Fall noch ein EKG, Spirometrie und Sono. Positiv hervorzuheben war definitiv die Praxissoftware. Es gab ein internes Netzwerk, das jeden Diagnostik- und Behandlungsraum sowie den Empfang miteinander verband. Alle Daten waren überall parallel abrufbar, man konnte sich sogar gegenseitig über eine Art Chat Nachrichten zuschicken. Externe Dokumente wurden von den Arzthelferinnen eingescannt und dem jeweiligen Patienten zugeordnet. Es war eine Herausforderung das System in dieser kurzen Zeit zu verstehen, aber so konnte man schon etwas weiter vorarbeiten bis dann der jeweils zuständige Arzt im Sprechzimmer dazustieß um zu überprüfen was man bisher mit dem Patienten angestellt hatte.
Auf der anderen Seite ist es so, dass die Mehrheit der Patientenkontakte keine Neuvorstellung war, sondern es sich eher um vorbekannte Patienten handelte, die man selber erst “kennenlernen” musste während der betreuende Arzt das alles schon wusste und gleich fokussiert auf das Problem losgehen konnte. Natürlich stand die Anamnese mehr oder weniger im System, aber das war nicht allzu geordnet und nicht jeder Gedanke des Arztes war dort drin verzeichnet, wie er dieses oder jenes in der Vergangenheit gewichtet hatte. Nichtdestotrotz eine gute Übung um herauszufinden wie schnell man eine symptomorientierte Anamnese erheben kann ohne einen wesentlichen Aspekt zu vergessen.
Anders als im Krankenhaus kommen die wenigsten mit handfesten Krankheitsbildern (oder zumindest dem Verdacht auf ein solches), sondern wirklich überwiegend mit Erkältungs- oder Magen-Darm-Symptomen – ich hatte nämlich das große Glück mitten in einer lokalen Infektionswelle in einer Allgemeinmedizin-Praxis zu landen. Anamnese, körperliche Untersuchung und hinterher einen entsprechenden Therapievorschlag bei solchen “Bagatell”-Fällen zu erarbeiten ist nicht gerade eine leichte Übung wenn man bisher nur die Medizin im Krankenhaus gelernt hat. Man hat seine eigenen Medikamente, die man bei eigenen Erkältungen anwendet, aber im Prinzip keinen Überblick was der Markt sonst so hergibt und was bei welcher Indikation Sinn macht. Natürlich hat auch jeder Hausarzt sein eigenes Repertoire, zum Teil ist es in diesen Fällen schlicht Geschmackssache. Wie heißt es so schön, eine Erkältung dauert eine Woche, mit Therapie sieben Tage…

Neues Jahr, neues Glück.

7. April 2012 geschrieben von Medicus

Der Beginn des neuen Jahres läutete auch gleich das Ende des Semesters ein. Mit dem Abschluss dieses Semester sollen wir alles Wichtige (die Medizin betreffende) gelernt haben, denn das darauffolgende soll nur noch der Wiederholung und der Differenzialdiagnose dienen. Dieses Wissen ernüchtert mich etwas, denn irgendwie habe ich inzwischen alles einmal gehört, aber ich habe dennoch das Gefühl eigentlich fast nichts zu wissen und ebenso viel (oder wenig zu können). Vermutlich geht es fast jedem Studenten an diesem Punkt genauso, manche mögen da weiter sein, aber in der Masse denke ich nicht, dass es vielen anders geht. Eher, dass es noch mehr sind, die vielleicht nicht einmal soweit sind. In meiner letzten Famulatur traf ich einen PJ-Studenten, der wohl eher in die letztere Kategorie passte.
Unter diesen Umständen beschleichen mich doch ein paar unangenehme Fragen bezüglich der Qualität des Studiums, welches wir genießen dürfen. Ob es immer der richtige Ansatz wie man uns das Wissen vermittelt hat, ob die gesetzten Schwerpunkte die Richtigen waren… Ich habe kürzlich in einer Hausarztpraxis famuliert, hatte eine Rotation in die Pädiatrie und in die Notaufnahme – alles in allem also ein umfassender Praxistest. Unter dem Strich muss ich sagen, ja ich habe in den vergangenen Jahren etwas gelernt und kann auch in kälterem Wasser ein paar Schwimmbewegungen machen und mich über Wasser halten. Besonders sportlich – um in dieser Metapher zu bleiben – sieht es allerdings nicht aus und jede Menge Wasser muss ich dabei auch noch schlucken. Es ist fast schon erschreckend wieviel man wieder vergessen hat, wie gering doch die Halbwertszeit von unserem mühsam angehäuften Wissen ist. Es dauert nach der Klausur keine zwei Woche und man kann sein Wissen in diesem Fachgebiet nur noch rudimentär nennen. Manchmal ist das ganz gut, so manches Spezialwissen belastet nur unnötig die Synapsen, oft aber eben nicht. Oft wird einem doch zwischen extremen Facharzt- oder Forschungsinhalten ein paar wichtige Sachen vermittelt, die dann untergehen. Es bleibt als jedem selbst überlassen für den Erwerb der nötigsten Fähigkeiten zu sorgen um später dann einen guten Job zu machen.

Andere Häuser, andere Sitten

14. Januar 2012 geschrieben von Medicus

Nicht nur im PJ oder in der Famulatur hat man bei uns Gelegenheit einmal andere Häuser kennen zu lernen, auch im praktischen Stationsunterricht im Semester bietet sich hin und wieder die Möglichkeit diesen nicht an der Uni sondern auch an externen Häusern, die mit der Uni spezielle Verträge haben, zu absolvieren. Diese Gelegenheit habe ich dieses Semester gleich einmal wahrgenommen und es ganz und gar nicht bereut, im Gegenteil, es hat mich weiter in dem Wunsch bestärkt die Universitätsklinik im PJ zu meiden.
Es begann in meinem Fall schon bei dem Essen, welches in dem von mir ausgewählten Haus in Form von drei kostenlosen Mahlzeiten offeriert wurde und von einer selten so gesehenen Qualität war. Das Gefühl Hunger kannte ich in der ganzen Woche dort nicht, ich war konstant überfressen. Dann war die Lehre gut organisiert, der Tag startete mit 1-2h Mitarbeit auf Station oder in der Funktionsdiagnostik (es wurde täglich rotiert, so dass fast jeder einmal überall war). Wenn man auf Station war bedeutete es Lehrbubenarbeit wie Braunülen legen oder Blutentnahmen erledigen, was für mich nicht weiter schlimm war, da ich es zum einen gerne tue und zum anderen eben auch der Ton die Musik macht, immerhin machen wir ja auch viel Arbeit und wollen dabei noch gute Lehre haben. Und bei dem was uns dort geboten wurde, da hat man gerne mal zwei Stunden drangegeben. Anschließend nahm man an der Oberarztvisite auf der jeweiligen Station teil wobei man die Krankenheitsbilder der Patienten noch einmal kurz vorgestellt bekam und dazu Fragen stellen konnte bzw. Fragen von den Oberärzten beanworten musste. Nach der Visite, die man meistens leider nicht bis zu Ende mitverfolgen konnte, ging es zum ersten Seminar des Tages wo beispielsweise in die Untersuchungstechniken des Faches eingeführt wurde, einzelne Krankheitsbilder genauer vorgestellt bekam oder an einer interaktiven Fallbesprechung teilnahm.
Nach diesem Programmpunkt ging es dann zur Röntgenbesprechung der Abteilung, was auch unglaublich lehrreich war. Ich hatte noch nie soviele MRT- und CT-Schädel gesehen (plus die üblichen Röntgen-Thorax-Aufnahmen), so dass ich endlich mal eine kleine Ahnung bekam wie man so etwas zu befunden hatte bzw. wie man die wichtigsten Befunde erkennen kann. Die Befundung lebt sehr von der Wiederholung, man muss es immer und immer wieder machen (und dazu entsprechendes Feedback bekommen) um auf einen grünen Zweig zu kommen.
Nach der Röntgenbesprechung war es dann auch schon wieder Zeit für das Mittagessen und eine ausgedehnte Mittagspause, anderthalb Stunden sind schon sehr human muss ich sagen. Der Mittagspause schloss sich dann ein weiteres Seminar an, wo die Themen ähnlich wie bei dem Vormittags-Seminar waren, man aber zum Teil auch als Gruppe der Funktionsdiagnostik bewohnte und Befunde demonstriert bekam. Auch ein Normalbefund für den sich eine Schwester opferte ;-)
Dann ging es auch schon in den letzten Punkt des Tages, das bedside-Teaching, was meistens von Oberärzten aber auch von den Stationsärzten durchgeführt wurde und fast immer sehr gut war (wenn es mal nicht sehr gut, dann war es immer noch gut und besser als auf den meisten Uni-Stationen).
Gegen 17 Uhr war dann der “Arbeitstag” beendet und man konnte sich bis zum Abendessen entspannen. Danach ging es meistens mit der Entspannung weiter, das hing mit dem einzigen Nachteil dieses Krankenhauses zusammen: Es war, wie man so schön sagt, in the middle of fucking nowhere. Ohne Auto nichts zu machen, zu Fuß gab es zwei kleine Kneipen/Bars und einen Supermarkt zu erreichen, der Rest war fußläufig kaum oder gar nicht zu erreichen. Aber für eine Woche kann man so etwas wirklich gut akzeptieren, außerdem hatten einige meiner Kollegen ihr Auto mitgebracht und so hatte man doch mal die Gelegenheit die Nachbarstadt zu erkunden und einzukaufen.

Semesterstart

24. Dezember 2011 geschrieben von Medicus

Die Doktor-Arbeit war auch wieder das bestimmende Thema für den Anfang des Semesters. Es gab viel zu tun, und es ging auch ein wenig vorwärts. Ich fasste den kühnen Plan bis Weihnachten mit den wichtigsten experimentellen Arbeiten fertig zu sein, wohlwissen dass auch dieser Zeitplan in einem Labor nur schwerlich einzuhalten sein würde.
Parallel begannen die Lehrveranstaltungen und so war der Tag wieder gut gefüllt mit Tätigkeiten. Morgens Vorlesungen, am Nachmittag Seminare, dazu Verpflichtungen in diversen anderen außercurriculären Aktivtäten der Fakultät.
Zudem rückt das PJ nun immer näher und man befasst sich immer mehr mit den verschiedenen Möglichkeiten. An unserer Fakultät hat man recht gute Auswahlmöglichkeitne bezüglich der Ausbildungsstätten. Natürlich müssen es auch bei uns Lehrkrankenhäuser der Universität sein, allerdings gibt es keine Vorgaben wie dass zuerst die Uni-Klinik alle ihre PJ-Plätze besetzen muss bevor die akademischen Lehrkrankenhäuser etwas vom PJler-Kuchen abbekommen. Im Großen und Ganzen habe ich für mich beschlossen, dass mich mein Weg zumindest im PJ auf jedenfall weg von der Universitätsklinik führen wird. Meine Famulatur, die ich in den vergangenen Ferien absolviert hat, hat mich doch sehr für die peripheren Häuser begeistert. Dadurch, dass sie generell deutlich weniger Studenten durchschleusen müssen und das Werben um Famulanten und PJler das Hauptinstrument der Nachwuchsrekrutierung ist, ist das Klima angenenehmer, man darf mehr machen, wird besser akzeptiert und lernt so unter dem Strich deutlich mehr. Auch das Patientenspektrum ist – natürlich abhängig von der Lage und Größe des Hauses – meist deutlich breiter und nicht alles so spezialisiert wie an einer Universitätsklinik.

Zurück im Boot-Camp

7. Dezember 2011 geschrieben von Medicus

Wie immer war auch diese Famulatur zu Ende sobald ich mich auf Station sowie im Krankenhaus in die Abläufe eingearbeitet hatte und nun wirklich einen guten Übungseffekt erkennen konnte. Patienten konnte ich nun relativ eigenständig aufnehmen ohne dass ich noch größere Dinge übersehen habe und war mir meistens auch schon im Klaren darüber welche diagnostischen Maßnahmen ich als nächstes anordnen wollte. Auch bei der Therapie von Standard-Krankheitsbildern wie z.B. der Therapie einer Pneumonie hatte ich zunehmend eine Ahnung wie man sie angehen könnte. Kurzum, es war wieder einmal viel zu kurz gewesen. Das macht aber Hoffnung (und vielleicht auch ein wenig Vorfreude) auf das PJ, denn dort winken 4 Monate am Stück in einer Fachrichtung. Das mag eine lange Zeit werden, wenn man dieser gar kein Interesse entgegenbringt, aber wenn man etwas lernen will, dann ist das vermutliich gerade angemessen.
Zurück in der Heimat galt es erst einmal die zwischenvermietete Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen, hier gab es doch noch einiges zu tun und die Gelegenheit ist nie so gut wie in den Ferien die eigenen vier Wönde einmal gründlich auszumisten, aufzuräumen und zu putzen – im Alltagsstress des Semester vernachlässige ich das ja nur zu gerne und wird nur in einem kurzen Kraftakt angegangen wenn sich Besuch ankündigt, dem man das normale Chaos nicht zumuten möchte. Außerdem stattete ich meiner Arbeitsgruppe einen Besuch ab und begann zu planen, welche Arbeiten von mir in welcher Reihenfolge ausgeführt werden müssten. Über die Ferien waren meine Kollegen fleißig und hatten für mich einiges vorbereitet, so dass ich jetzt im größeren Stil Experimente durchführen konnte (und musste, wenn ich meinem Ziel auch nur einen Schritt wollte).
Meine Arbeit dort wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber es ist nicht mehr ganz das Fass ohne Boden was es zwischenzeitlich einmal zu sein schien. Meine Methoden habe ich inzwischen nach etlichen Schwierigkeiten etabliert, die nötigen Fallzahlen scheinen nun erreichbar und so langsam fügen sich die Einzelteile zu einem größeren Bild zusammen, dass dann einmal den Weg zum Titel darstellen soll.
Aber auch wenn es jetzt besser aussieht, ich hänge doch weit hinter dem her, was ich mir vorgestellt hatte, aber auch als mir ursprünglich versprochen wurde…

See one, do one

20. November 2011 geschrieben von Medicus

Es gab noch eine weitere Premiere für mich in dieser Famulatur, das ZVK legen. Einmal habe ich dabei zugesehen, dann hieß es zu mir, der nächste geeignete Patient darf von mir versorgt werden. So kam es dann auch. Wir hatten in meiner Zeit dort einige Patienten im Alkoholentzugs-Delir liegen, die meistens im Verlauf einen zentralvenösen Zugang benötigten. Im Prinzip war mir die Anlage geläufig, nur wurde hier überwiegenderweise der ZVK in die V. subclavia gebastelt, anders als bei meinen Ausflügen zu den Anästhesisten, die meistens die V. jugularis interna bevorzugt haben. Wobei die Anästhesisten es teilweise so machen mussten, denn ein Subclavia-Katether ist nicht so praktisch wenn am Thorax was operiert werden soll. Nun denn, in die Subclavia also. Nun der Patient hatte nicht nur ein Alkoholentzugsdelir (auf Grund der Sedierung war er schön ruhig…), sondern hatte auch noch den Verdacht auf eine offene Tbc. Also kam zur üblichen halb sterilen Kluft auch noch noch ein spezieller Mundschutz und ein Infektionsschutzkittel, letzterer natürlich unten drunter. Dann wurde ich Schritt für Schritt angeleitet, wobei ich zum Glück so einigermaßen schon wusste, in welcher Reihenfolge was zu passieren hat, das lässt einen dann einfach etwas sicherer und ruhigerer vorgehen. Gleich schon mit der Lokalanästhesie habe ich die Vene gefunden und so gleich deutlichste Art und Weise herausgefunden warum man VOR dem Setzen einer Lokalen einmal kurz den Kolben zurückziehen sollte… Nun, die Lokale war gesetzt und nun ging es an die Punktion, doch leider ließ sich die Vene auf Teufel komm raus nicht mehr finden. Der Arzt nahm das Ganze dann an sich, traf, und es kam hellrot zurück – Arterie punktiert. Nun ließen wir das Ganze, am Folgetag durfte ich es dann noch einmal wiederholen und dieses Mal funktionierte alles einwandfrei. Mein erster ZVK saß einwandfrei wie die folgende Röntgendemonstration bewies.
Eine Woche später hatte ich erneut die Gelegenheit, wieder bei einem deliranten Patienten, das Spiel zu wiederholen und dieses Mal lief wirklich alles nach Plan – es mag keine große Sache sein, aber für den kleinen Famulanten kann das doch mal den Tag retten ;-)

Wenn das Herz Alarm schlägt

3. November 2011 geschrieben von Medicus

Mein Famulatur-Haus verfügt ein kompliziertes System um einen internen Notruf (vulgo “Herzalarm”) abzuarbeiten. Wenn auf einer Station ein Patient reanimationspflichtig wird – nur Notfälle dieses Schweregrads sollten eigentlich ein Grund sein, einen Herzalarm auszulösen, aber das war hier nicht immer der Fall ;-) – dann erfolgt die Alarmierung über einen Notfallcode, der sich dann auf die Stationstelefone der Intensivstatione sowie des Dienstarztes aufschaltet. Soweit entspricht das noch eingermaßen der Logik, kompliziert wird es erst danach: Es wird nämlich der diensthabende Arzt der chirurgischen ITS (Anästhesist) samt einer Schwester alarmiert, die den Medi- und Gerätewagen mitbringen. Dazu kommt dann noch der diensthabende Arzt der internistischen Intensiv samt einer Schwester, die dann den Defi mit sich führen. Zu guter letzt kommt dann noch der diensthabende Ambulanzarzt (Internist). Vor Ort wartet dann natürlich noch das übliche Stationspublikum… mit anderen Wort, wenn alles klappt und dann mal alle da sind, dann ist die Bude gerappelt voll und trotzdem gibt es keinen, der offiziell das Kommando hat. Der Anästhesist geht an den Kopf und macht das, was er immer tut und zündet erstmal ein Licht im Hals an. Die Internisten fummeln einen Zugang rein und verkabeln den Patienten. Nebenher wird hin und her gefragt, was denn eigentlich Sache ist und kaum einer hört zu. Erstaunlicherweise klappt es aber trotzdem, zumindest die essentiellen Dinge. Irgendwann nach den ersten Chaos-Minuten, wenn jeder das erledigt hat, was ihm im ersten Moment eingefallen ist, dann übernimmt doch jemand das Kommando und lenkt das weitere Tun in seine Bahnen.
In meiner Zeit dort hab ich an drei Herzalarmen teilgenommen, einmal davon wurden wir schon auf den letzten Metern abgewunken, da es sich um einen geringeren Notfall handelte, den der Stationsarzt bis zu unserem Eintreffen (da vergehen ja schon einige Minuten) bereits wieder im Griff hatte. Die Alarmierung erfolgte wohl durch die Pflege, die den Krampfanfall dramatischer eingeschätzt hatte.
Zweimal wurde tatsächlich reanimiert, aber einmal fast sofort und das zweite Mal nach kurzer Zeit abgebrochen. Gerade der letzte Fall war ein Musterbeispiel an schlechter Kommunikation in einer selbstgeschaffenen Chaos-Situation, es ging hier minutenlang unter, dass der Patient sich in einem präfinalem Zustand befand und eigentlich kein Reanimationserfolg wünschenswert war. Immerhin kam ich hierbei dazu mal einen Zugang unter laufender Reanimation zu legen, eine Sache, zu der ich trotz jahrelanger Arbeit im Rettungsdienst nie gekommen bin.

Nachts sind alle Katzen grau…

24. Oktober 2011 geschrieben von Medicus

…bei Tag zeigen sich dann aber deutliche Unterschiede. Nachdem ich zunächst einmal eine ordentliche Erkältung als Mitbringsel aus der Nachtschicht in die neue Woche brachte durfte ich dann doch ein weitaus besseres Bild von der Station gewinnen. Wie schon erwähnt waren Blutabnahmen hier nur ein sehr kleines Problem, die hier überwiegend von den Stationsärzten ausgeführt wurden, als Student durfte man mitmachen, musste es aber nicht. Es war eher so, wenn man sich nicht ordentlich beeilt hat, dann hatte man höchstens eine oder so abbekommen. Was für ein Unterschied zu anderen Stationen, speziell an der Uni wo man wirklich der der Bilderbuch-Vampir war. Bei den Braunülen war es ähnlich, aber zumindest hier hab ich alle gelegt, die ich machen durfte – man möchte sich ja möglichst gut einbringen und mir macht das auch Spaß, abgesehen davon ist man dann beschäftigt. Auch unter diesen Gesichtspunkten habe ich gerne Botengänge wie Blut ins Labor bringen erledigt, es ist immer ein Geben und ein Nehmen und es wurde nicht als Selbstverständlichkeit hingenommen.
Auf der Station wurden regelmäßig die im Haus anstehenden elektrischen Kardioversionen (zumindest die, der nicht chirurgischen Stationen) durchgeführt, an diese Aufgabe wurde ich ziemlich schnell herangeführt und ich kam in meiner Zeit auf eine paar von ihnen unter Aufsicht. Meistens waren sie sogar erfolgreich ;-) Eigentlich keine große Sache, aber mit solchen Dingen macht man Famulanten glücklich. Es könnte natürlich auch an den Propofol-Spritzen liegen, die ein klein wenig Anästhesie-Atmosphäre verbreitet haben… es war zwar nur das 1%ige immer, aber immerhin.

ICU 4 you

28. September 2011 geschrieben von Medicus

Aus der Welt der Anästhesie ging es geradewegs in die Niederungen der internistischen Intensivmedizin. Fernab der Uni in einem Haus mittlerer Größe wollte ich nun einmal diesen Aspekt der Medizin betrachten. Zur Zeit ist es für mich noch relativ offen welches Fach und welches Haus es später ein mal werden sollen, daher ist es mir wichtig einen möglichst breiten Überblick zu bekommen. Da ich in der Vergangenheit nur einmal ein Fach (nämlich die Anästhesie) außerhalb der Uni erlebt habe, war es dringend Zeit dies noch einmal in einem anderen Fach nachzuholen. Meine bisherigen Erfahrungen in Labor und Uni-Klinik waren bisher nicht so, dass ich unbedingt eine Karriere an der Uni verfolgen möchte – ausgeschlossen ist es auch nicht -, daher hatte ich das Angebot für diese Famulatur gerne angenommen.
Es handelte sich um eine internistisch geführte Intensivstation in einem mittleren Haus, gelegen in eher eher ländlich geprägten Region und ich war sehr gespannt wie es werden würde. Die erste Woche, von der ich hier erzählen möchte, war recht ruhig, denn es war für mich eine Nachtschicht-Woche. Zugegeben, ich war etwas skeptisch, denn aus meiner rettungsdienstlichen Erfahrung heraus eignen sich Nachtschichten nur sehr eingeschränkt jemanden neu einzulernen. Erstens findet in der Nacht einfach weniger statt, der Betrieb läuft so weit wie möglich auf Autopilot und es wird nur bei Bedarf eingegriffen. Zweitens steigt der Müdigkeitsgrad je weiter die Nacht voranschreitet, das heißt die Motivation Dinge zu erklären sinkt, genauso wie die eigene Fähigkeit diese Erklärungen aufzunehmen und zu behalten. Also für mich war es dennoch eine interessante Erfahrung an sich, auch wenn ich wenig in praktischer Hinsicht lernen konnte. Nett waren auf jedenfall gelegentliche Ausflüge in die Notaufnahme, wenn der dortige Diensthabende wieder einmal überrannt wurde. Ansonsten hab ich gelernt wie man einen Totenschein ausfüllt und mit div. Systemen auf der Station umgeht.

Sweet Dreams II

20. September 2011 geschrieben von Medicus

Nach zwei Wochen Anästhesie zeigt sich die Bilanz als gemischt. Auf der positiven Seite hat es auf jedenfall Spaß gemacht, ich bin eigentlich jeden Tag gerne hingegangen und war etwas traurig, dass es schon wieder zu Ende ist. Ich kann mir nach meine Erlebnissen dort schon vorstellen auch an einer universitären Anästhesie-Abteilung anzufangen, wobei ich mir schon denke, dass beim Weg nach oben auf der Karriereleiter die Luft durchaus rauher wird. Aber so hält man sich zumindest alle Optionen offen, auch die wissenschaftlich orientierte. Die Einarbeitung, so wie sie mir von den Kollegen, die selbst in den letzten Monaten erst dort angefangen hatten, ist vielleicht nicht berühmt, aber solide. Jedenfalls hat keiner das Weite gesucht und es auch keinem andere wie beispielsweise mir empfohlen. Natürlich muss man jeden möglichen Arbeitgeber im Einzelnen prüfen, es ist immer Chef und Team-abhängig, dann spielt da auch immer die Verwaltung noch eine Rolle.
Was die negative Seite angeht, sind meine Erwartungen an das, was ich dort praktisch machen darf, sehr enttäuscht worden. Es ist wie im vorherigen Artikel angesprochen kein fester Ansprechpartner für den Famulanten da, sondern man wechselt munter durch – es sei einfach nicht möglich, zumindest aber achtet keiner darauf, weil manchmal wäre es durchaus machbar gewesen! Hier schlägt halt der Nachteil einer großen Abteilung durch, je niedriger man in der Hierarchie steht, desto eher fällt man durch das Raster.
Der Zeitdruck unter dem die Anästhesisten stehen ist ein weiterer störender Punkt. Hier kommt selbst die Ausbildung der Assistenzärzte manchmal zu kurz, bisweilen leidet sogar der Patient darunter weil auf gewisse Maßnahmen unter anderem auch aus Zeitgründen nicht durchgeführt werden. Diese Maßnahmen waren dann zwar nie lebenswichtig, gingen nicht auf Kosten der Sicherheit, aber doch zu Lasten des Patientenkomforts. Keine Frage, dass man dann für den Famulanten noch weniger Zeit übrig bleibt.
Für mich war es insgesamt doch akzeptabel weil ich von vorneherein die Erwartungen niedrig geschraubt hatte und mein vorrangiges Ziel war die Luft einer großen, universitären Anästhesie kennen zu lernen nach dem ich in den vergangenen Jahren eher kleinere und/oder spezialisierte Anästhesie-Abteilungen durchlaufen hatte.