Nichts hinzuzufügen

13. Oktober 2010 geschrieben von Syringe

Die beste aller Nachrichten des klinischen Abschnitts bisher lag kürzlich in meinem Briefkasten: Die letzte noch fehlende Famulaturbescheinigung. Nach 1 ½ Monaten Famulatur diesen Sommer gibt es kaum etwas, worauf ich im Moment weniger Lust hätte als auf eine neuerliche Erfahrung dieser Art. Natürlich sollte ich an dieser Stelle die Erfahrungen loben, die ich sammeln konnte und wie gut ich jetzt Blut abnehmen kann und wie interessant es doch war. Was mich im Moment aber viel mehr beschäftigt, sind die Dinge, die eben nicht so waren wie gemalt.

Ich frage mich beispielsweise, ob ich die Fähigkeit mit Patienten zu sprechen noch verlieren werde, wie so viele meiner Kollegen. Ob ich auch irgendwann alles für selbstverständlich halte, auch wenn Blut an den Desinfektionsmittelflaschen klebt und demente Patienten ihre eingekotete Kleidung tagelang tragen. Wenn über den Fluren der Inneren der klebrige Geruch von Kot und Erbrochenem hängt und jede angestochene Vene platzt, weiß ich manchmal nicht, wer dabei normal bleibt.

Das House-of-God-Gefühl ist mir in diesen Ferien verdächtig nah gerückt. Es flüsterte mir, meinen Respekt für die Menschen zu vernachlässigen, die Krankheit als Sache und den Patienten als Beiwerk zu sehen. Nicht mehr die Verstörtheit und Verunsicherung der Kranken zu spüren, ihre eigene Abscheu vor sich selbst. Ich hätte es mir sehr einfach machen können.

Stattdessen lernte ich gewaschene Menschen zu schätzen und Ärzte, die nach vielen Dienstjahren noch neugierig sind. Habe meine Motivation immer neu erfunden und den Mund aufgemacht wo ich fand, dass es nötig war. Habe mich gefragt, wie hoch der Preis für die Akzeptanz beim Pflegepersonal ist und gemerkt, wie schön es ist, einen Freund in der Klinik zu haben.

Wie wunderbar, dass diesen Famulaturen einfach nichts mehr hinzuzufügen ist.

Ich bin kein Mensch, ich bin ein Hase.

26. September 2010 geschrieben von Syringe

Zu Besuch bei Beuys in Düsseldorf. Trotz einer bösen Vorahnung bezüglich der fehlenden Ästhetik ließ ich mich auf das Experiment ein. Vorweggenommen sei, dass mich der Audioguide rettete. Durch den künstlerischen Sumpf von Fett- und Filzbrocken leitete mich die Stimme im Ohr und soufflierte mir Deutungen. Faszinierend, was man alles aus zwei gekreuzten Rosenästen und einem Kupfernagel herauslesen kann… Nebenbei erfuhr ich kunstgeschichtliche Deutungen von Symbolen wie dem Kreuz oder einem Hasen.

Hasen hatten es ihm scheinbar besonders angetan, ihre Fruchtbarkeit und die Fähigkeit, so schnelle Haken zu schlagen. Friedenshasen.

Eines meiner Lieblingswerke war: “Fettbild: Fettklotz, 1961″ – fat rules! Auf Platz eins aber ist: “Wenn du dich schneidest, verbinde nicht den Finger, sondern das Messer”.

Ein kurzes Gedankenexperiment: Was ist das abstruseste, was man aus Wachs, Fett, Filz, Mullbinden und Kupferdraht machen kann? Die Antwort: Geht in die Ausstellung und seht es euch an! Mit etwas Glück befinden sich auch Braunkreuz und Hasenblut in dem Werk…

Mein Fazit: Die Gedanken sind frei und: “Es gibt zu wenig Honigpumpen!”.

3 Wochen Gedanken

8. September 2010 geschrieben von Syringe

Fast hätte das ewig leere virtuelle Blatt Papier gegen mich gewonnen.

So viele erste Male: Die erste gut sitzende Viggo, das erste Mal einen Patienten geschockt statt nur schockiert (und ja, die Leute zucken wirklich wie im Film, nur fliegen sie nicht ganz so hoch), der erste Aha-Effekt in Sachen EKG, der erste Myokardinfarkt live und in Farbe…

Das erste Mal famulieren in der Inneren bzw. ihren Unterdisziplinen ist schon etwas anderes als in den schneidenden Fächern. Der Patient ist nicht nur “die Unterschenkelwunde aus der 6″, sondern tatsächlich ein komplexes Gebilde namens Mensch. Gebastelt wird woanders, repariert und geölt wird hier. Die Lösungen sind leider oft nicht so einfach, wegschneiden geht eben nicht.

Vielleicht wurde es schon zu oft gesagt, aber es hört nie auf, wahr zu sein: Gomer always go to the ground. In der Inneren versteht man “house of god” noch ein Stück besser. Andererseits härtet das Geruchsensemble von Fäkalien und gealtertem Mensch ganz gut ab: Ich öffne die Tür und mache den Fehler, die erste mir entgegenkommende Luft einzuatmen. Wer kennt ihn nicht, diesen Schwall nächtlich gereifter Duftstoffe, der rücksichtslos in die Lungen strömt? Die Übelkeit der frühen Morgenstunden lässt in der zweiten Woche nach. Die Innere im Krankenhaus am Rande der Stadt ist nicht zwangsläufig der richtige Ort, um Patientenkontakt lieben zu lernen, aber perfekt um über den universitär-sauberen Tellerrand zu blicken. Hier findet für viele Senioren das Leben statt: Zwischen Heim und Klinik, zwischen den Welten im Kopf und der Welt der anderen. Was man hier noch findet, sind aber Ärzte, die genau dort helfen wollen.

Ein bisschen Zaubern geht aber auch: Elektrokardioversion (ECV) ist das Stichwort. Wenn der Vorhof sich überlegt, es sei nun wirklich mal Zeit für ein bisschen Action, der Patient aber im Sessel sitzt bei einer Herzfrequenz von 190/min gibt es ein kleines Problem. Die Kammern tun was sie können und machen irgendwann mal schlapp. Irgendwann vor schlapp sollte dann der Kardiologe kommen und mir ihm die Paddles. Sind die Vorhöfe thrombenfrei, gibt es eine Ladung Dormicum/Propofol und dann eine Ladung Strom auf die Brust. Patient wird wach und ist normofrequent im Sinusrhythmus, freut sich und der Arzt ist der Held. Prima!

Die Tage kam mir übrigens immer wieder ein völlig wertfreies Lied in den Kopf: Schiebt den Wal, schiebt den Wal, schiebt den Wal zurück ins Meer… Weiß auch nicht, wie das kommt. In diesem Sinne.

Hitze- und Autobahnphilosophie

17. Juli 2010 geschrieben von Syringe

Trotz der Klausurenzeit und meinen daher tageszeitunabhängig schweren Augenlidern möchte ich mich kurz hier im Blog melden. Ein großer Batzen ist geschafft. Nach dem Frust der Augenprüfung (wir haben uns nun einvernehmlich getrennt, die Augen und ich) kam das Wochenende des Experiments: Wird ein weichgekochtes Gehirn trotzdem zum Bestehen der Neuro-Psycho-Dreierklausur beitragen? Zumindest meine kleine Welt bog sich vor Freude bei der Feststellung: Ja, es scheint, als könnte ein breiiges Hirn die Hand noch zum Setzen der richtigen Kreuze auffordern. In den jetzigen zwei Wochen komme ich mir klischeehaft medizinstudentisch vor. Frische Luft so richtig mit Rausgehen und Bewegen und so…. suspekt. Aber letztes Wochenende hätte sich ohnehin nicht viel frische Luft gefunden, da war mein Ventilator eine gute Ersatzbefriedigung.

Meine Texte werden wirscher, meine Laune schlechter, Zeit für was Neues. Hmm, lass uns doch mal auf die Autobahn gehen und uns ein wenig auf der Fahrbarhn aufhalten! Nein, jetzt bin ich nicht völlig durchgedreht (das weiß ich noch zu verbergen). Morgen startet nur eines der coolsten Projekte der Kulturhauptstadt: Stillleben auf der A40. Von Dortmund bis Duisburg steht der längste Tisch des Ruhrgebiets und die Fahrbahn wird wimmeln vor Skatern, Radfahrern und anderweitig Aktiven. Eine Million Leute werden unterzubringen sein, was angesichts der sonst auch eher unentspannten Lage auf dieser Autobahn sicher zu machen sein wird. Nimmt man an, dass anstelle eines Autos acht Menschen diese Fläche füllen und normalerweise ein Auto direkt am nächsten steht, kann bei einer Länge der gesperrten Autobahn von… naja, viel Spaß beim Rechnen! Ich werd morgen meinem Schreibtisch die kalte Schulter zeigen und probieren, ob ich denn zumindest mit meinen Skates auf die Fahrbahn passe. Glück auf!

Für die Obstfans habe ich übrigens bei einem Discounter meines Vertrauens noch folgende Köstlichkeit gefunden: Bon appétit!

Auge um Auge

5. Juli 2010 geschrieben von Syringe

Nach dem Hitzeausbruch des Wochenendes, für den ich mich in etwas kühlere Gefilde als eine Dachgeschosssauna zurückgezogen habe, warten diese Woche wieder zwei Prüfungen. Meistens leider freibadfern beschäftige ich mich mit dem Sammelfach Strahlen, versuche also, die Kursfolien zu verinnerlichen und mein Kurzzeitgedächtnis mit Studieninhalten zu aufregenden neuen Tumorbestrahlungen zu füttern und ein vorgetäuschtes Interesse für biologische Strahlenschäden zu entwickeln. Läuft.

Weitaus schwieriger gestaltet es sich mit der Vorbereitung auf die mündliche Augenprüfung… was mache ich nur, wenn ich, wie zu Schulzeiten beim Mathelernen, entweder entnervt abbreche oder einfach über meinem Buch einschlafe? Seit etwa 2 Wochen versuche ich meinen Willen zu brechen und das Fach wenigstens kurzzeitig zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, um mich nach der Prüfung einvernehmnlich von ihm zu trennen, aber wir sind leider in der Kennlernphase steckengeblieben. Wie soll ich das denn dem Prüfer beibringen? “Entschuldigung, aber es sollte nicht sein mit den Augen und mir.” Klingt zu biblisch. “Wissen Sie, wir können uns halt nicht so gut riechen.” Klingt nach HNO. Also auch keine Lösung.

Begeistert bin ich ja von den abgefahrenen Namen zu den Krankheiten. Jeder Lateiner (oder Latinogrieche?) jubelt wahrscheinlich bei Bezeichnungen wie Hypopyon, Buphtalmus oder dem Ulcus serpens corneale. Als bekennende Neusprachlerin sinkt mir das Herz eher in die Hose und die Augenlider tiefer.

Aber eigentlich ist dies die beste Jahreszeit zum Lernen, denn wann kann man sich sonst so prima ablenken? – Heiß? “Oh, ich muss was zu trinken/ ein Eis/ den Ventilator holen.” – Langweilig? “Hach, gleich fängt schon wieder ein Fußballspiel an. Fußball mag ich zwar eigentlich nicht, aber doch noch etwas mehr als Augen. Prima, olé!”

In diesem Sinne: Happy learning!

H und O

24. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Was ein Kopfsemester sein will, kommt natürlich nicht ohne HNO aus. Und wer den Schein will, der kommt nicht ohne Praktikum aus. Alles Winden und Gruseln half nix, drei Mal musste der innere Ekel überwunden werden, doch nun ist es überstanden. Zuerst jedoch zurück zum Anfang.

Morgens um halb Acht traten wir in der Klinik an, um auf die verschiedenen Wirkungsorte aufgeteilt zu werden. Es gibt einen studentenbetreuenden Arzt, der sich um die Organisation von Vorlesung und Praktikum kümmert und immer noch ein paar nette Worte und ein offenes Ohr für die Studenten übrig hat. Also wurden wir in der Hinsicht schon mal geholfen, wie die Patienten hier zu sagen pflegen. Jedenfalls bin ich auf der Tumorstation gelandet. Neben Erbrechen und Schleimgeräuschen sind mir Tumoren schon das Drittliebste. Bei der Visite wurde schnell klar, wie sich das Klientel vor allem zusammensetzt. Dazu muss man vermutlich nur sagen, dass die allermeisten HNO-Tumoren mit übermäßigem Alkohol- und Tabakkonsum (am besten kombiniert) vergesellschaftet sind. Viele der zumeist männlichen Patienten kamen mir in der Hinsicht ganz “harmlos” vor, hatten aber fast alle eine Abhängigkeitsanamnese.

Im Untersuchungsraum wohnten wir erst ein paar Untersuchungen, Verbandswechseln und Tests von Sprechkanülen bei. Meine unbändige Freude durch Schleim- und Würgegeräusche entlud sich bei dem Wechsel einer Trachealkanüle, aber glücklicherweise hatte mein Kommilitone einen breiten Rücken, der für mich Feuerschutz bot. Weil die HNO-Untersuchung für uns noch relatives Neuland war, bis auf einen U-Kurs-Nachmittag im ersten klinischen Semester, haben wir an uns gegenseitig geübt, professionelle Blicke in Ohren, Nase und Mund zu werfen. Man merke: Das Nasenspekulum nur ganz geschlossen aus der Nase ziehen, wenn man den Untersuchten wirklich um ein paar Nasenhaare bringen will. Ansonsten einfach ein Stück offen lassen und weniger Ärger kriegen…

Der zweite Praktikumstag eine Woche später fand für mich in der Ambulanz bzw. Poliklinik statt. Sowohl Notfallpatienten als auch von ambulanten HNO-Ärzten überwiesene Patienten kommen dorthin zur Untersuchung. Von den in der Vorlesung angesprochenen Notfällen konnten wir direkt zwei sehen: Nasenbluten (einige Male) und ein Gesichtstrauma (sehr traurig, dass es tatsächlich diese frauenprügelnden Männer gibt, die ihre -nun Exfreundin bis zur Unkenntlichkeit ins Gesicht schlagen). Als Studenten wurden wir auch dort sehr positiv aufgenommen und von allen (ja, auch vom Oberarzt) mit in die Patientenversorgung eingebunden, haben also Anamnesen gemacht, untersucht und Patienten zu den logopädischen Untersuchungen begleitet. Trachealkanülen waren mir vorher schon suspekt, wurden mir dann aber noch etwas suspekter, als der Kanülenwechsel bei einer stark verschleimten Patientin darin gipfelte, dass die Granulationen um die Tracheotomie bluteten und ihr Husten alle Anwesenden rot sprenkelte. Meine Mitstreiterin hat´s leider erwischt, ich musste vorher schon mal frische Gangluft schnuppern. Lerneffekt: Bei solchen Aktionen Schutzkleidung tragen (Kittel, Brille, Handschuhe…), sich einen Erfahrenen zur Seite holen und den bilateralen Würgeeffekt (Patient würgt? Ich auch!) ignorieren.

Für den dritten Termin hatte ich mir nur noch den OP-Besuch aufgespart und freute mich auf blutige Nebenhöhlen-OPs oder anderweitige Höhlenforschung. Doch dann kam es ganz anders: Ein Oberarzt nahm sich unser an und beschloss, wir müssten was für´s Leben lernen. Zufällig an der letzte Woche blutenden Patientin, der es jetzt sehr gut ging, sollten wir gemeinsam den Ablauf eines Kanülenwechsels erarbeiten, da uns das immer mal notfallmäßig passieren könne. Im Sinne einer Konfrontationstherapie führte die letzte Woche bespritzte Kommilitonin den Wechsel durch. Natürlich haben wir noch keine Expertise, aber falls ich mal wieder einem tracheotomierten Patienten begegne, habe ich jetzt zumindest eine Grundahnung, was ich tun und lassen sollte. Im folgenden Gespräch in der Gruppe haben wir noch einige Notfälle der HNO besprochen und durften Feedback über das Praktikum abgeben. Es kommt echt gut an, wenn sich die Ärzte/Dozenten in der Klinik ernsthaft für Lehre interessieren.

Die folgende OP war die Anlage eines Cochleaimplantates, also kein Gematsche, sondern ganz zivilisiert mit Mikroskop und Feinstinstrumenten, sodass ich letztlich doch mit einem ganz guten Gefühl aus diesem Praktikum herausgehe. Wer keine Hemmungen in Sachen Schleim, Würgen usw. und Spaß an kleinen OP-Situs hat, für den ist es echt ein klasse Fach, man trifft Patienten aus allen Altersschichten, kann operieren und konservativ behandeln. Ich für meinen Teil bin froh, dort meiner Antipathie gegen dieses Fach einigermaßen standgehalten zu haben und auch fachlich was mitgenommen zu haben. Selbst wenn das Fach nichts ist, kann ein Einblick ja nicht schaden!

Sonntag, Montag, Fußtag

19. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Die Frühjahrsstarre ist vorbei! Im Rahmen der Geriatrie-Vorlesung dürfen wir uns an einem klinischen Tag das Geschehen an der Basis ansehen und schwärmen aus, die geriatrischen Gefilde des Ruhrgebiets zu erkunden. Mich und meine Gruppe verschlug es am Dienstag nach Dortmund, genauer gesagt in den dunklen Norden der Stadt. Das Klinikum selbst erweckt einen neuen, modernen Eindruck, eingebettet in einen Park. Schon vor dem Haus konnten wir allerdings feststellen, dass wohl ein erheblicher Teil der Patienten nicht sehr angetan von Körper- und Zahnhygiene schien.

Unsere Station gehört zu den wenigen Diabetesstationen, die noch übrig sind, da die Versorgung von Diabeteskomplikationen immer weiter in den ambulanten Sektor verschoben wird. Streng genommen handelt es sich um keine geriatrische Station, da sich hier zwar eine Menge multimorbider Patienten mit psychopathologischen Auffälligkeiten befinden, der Fokus der Behandlung aber auf der Diabetesproblematik liegt. Und das heißt in diesem Fall: Füße, Füße und manchmal war auch ein Bein dabei. Bei der Anmeldung wussten wir nicht, dass in den verschiedenen Krankenhäusern nicht unbedingt der klassisch geriatrische Behandlungsablauf (geriatrisches Assessment usw.) zu sehen ist, was schade ist, denn so bleibt es trotz klinischem Tag Theorie.

Der Fußtag begann mit einer Einführung durch den Chefarzt, der sich bemühte, uns die Entscheidungskriterien nahezubringen, ob ein Patient geriatrisch zu behandeln ist (bzw. sie aus uns heraus zu kitzeln). Nicht nur die Fülle an Erkrankungen sei hierbei ausschlaggebend, auch die geistige Verfassung spiele eine wichtige Rolle. Fast alle stationären Patienten dort sind alt und erfüllen zumindest das Kriterium der Multimorbidität. Der HbA1c ist normalerweise als “Compliancemarker” bekannt, wird aber vom dortmunder Chef als psychologischer Marker gesehen im Sinne einer Selbstschädigungstendenz. Bekittelt und mit einigen Fragezeichen im Kopf zogen wir gemeinsam mit Ärzten, Pflegepersonal, Wundmanager, Orthopädietechniker und Podologen durch die Zimmer zur Wundvisite.

Diabetische Komplikationen können sich bekanntermaßen an beinahe allen Organen manifestieren. Die Füße werden durch ihre “abgelegene” Lage ohnehin gerne bei der Körperpflege vergessen, sodass kleine Wunden oder Blasen nicht bemerkt werden. Fehlende Schmerzwahrnehmung ist ein zweites Problem. Viele Patienten bemerken den Fußschaden erst, wenn das Blut aus der Socke quillt. Manche Menschen sind sogar so zurückhaltend mit einem Arztbesuch, dass die Zehen schon mal schwarz sein können, tut ja nicht weh. A propos schwarze Zehen: Die in den Lehrbüchern immer wieder zitierte Mikroangiopathie bei begleitender Atherosklerose sei ein Trugschluss, der sich hartnäckig hält. Wenn man in die diabetischen Läsionen schneide, seien diese immer gut vaskularisiert (auf gut deutsch: es blutet!!). Das nächste Fragezeichen also.

Als während der Visite eine heilende Wunde fragwürdig erschien, hat der Chef auch mal ganz beherzt zu Skalpell und scharfem Löffel gegriffen und wer hätte es geahnt, eine daumendicke Eiterstraße aus dem Fuß entlassen (währenddessen war ich sehr vertieft in meine Patientenliste, um mich von meiner Ganzkörpergänsehaut abzulenken…). Blut und Eiter liefen dann ganz ungeniert und alle waren froh, dass der Entzündungsherd eröffnet war. Nach Unmengen Füßen, wahlweise mit schwarzen, roten oder einfach unkenntlich arrodierten Wunden, bekamen wir jeder noch einen Patienten zugeteilt, den wir allgemein und geriatrisch evaluieren sollten. Meine Patientin bot das Vollbild von Diabetes und metabolischem Syndrom, vom Schlaganfall bis zur Niereninsuffizienz. Gerade an jenem Tag hat sie sich für die Amputation ihres zweiten Unterschenkels entschieden, da sie die Schmerzen der fuß- und beinbedeckenden eiternden Wunden nicht mehr aushielt.

Nach einem Abschlussgespräch war der Tag vorbei und wir haben vielleicht nicht die angenehmste, aber eine wichtige Fachdisziplin kennengelernt, die sicherlich im Laufe des demografischen Wandels noch Hochkonjunktur erfahren wird. Die Station war im Übrigen ein gutes Beispiel für wertschätzende interdisziplinäre Zusammenarbeit, was ich sehr schätze. Wenn Diabetes noch mehr Menschen betrifft, wird es noch mehr Bemühungen geben müssen, die Folgen der Erkrankung zu minimieren, denn abgesehen von der Morbidität der Patienten und deren Selbstständigkeitsverlust, der durch ein amputiertes Bein oder eine schmerzbedingt nicht einzusetztende Gliedmaße entsteht, bringt die Behandlung eines Fußes Kosten von über 100 000 Euro mit sich.

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Wo drückt denn der Schuh beim Diabetiker? Hier ein paar Prädilektionsstellen …

Steinchen im Schuh und wunde Ferse (durch Immobilität im Bett).

Auf den Knochenpunkten ist die Haut besonders dünn und reibt schnell auf.

An der Fußseite und der Zehenvorderseite quetschen Schuhe gern die im Alter etwas breiteren Füße .

Frühjahrsstarre

7. Juni 2010 geschrieben von Syringe

Nun ist es endlich wärmer, die Gesichter werden rot und eventuell später braun, Menschen fühlen Tatendrang, um Neues zu tun. Alles ist im Aufbruch, wie es scheint. Da wüsste ich doch gern: Wann geht es denn bei mir mal wieder los?

Mit Erschrecken blicke ich auf mein Blogeintragsverzeichnis und sehe, wie lange mein letzter Eintrag her ist. Dann überlege ich, warum und stelle fest: Es passiert einfach nichts studientechnisch. Dieses Semester bietet so viele Freizeitmöglichkeiten, dass man schon nicht mehr weiß, wohin mit sich. Kein Druck, kein nix. Aber da war doch was: Doktorarbeit. Hmm, meine Proben stehen seit Wochen, nennen wir es doch besser “seit Monaten”, im Kühlschrank und warten auf ihren großen, möglicherweise kommenden Einsatz. In diesem Sinne fühle ich mich mit ihnen verbunden, denn warten ist zur Zeit das Einzige, was zu tun ist. Die Menschen, die das Fortkommen der Versuche koordinieren, kommen leider nicht zusammen und auch Anruf um Anruf kann daran nichts ändern.

Nächster Versuch: Lernen. Immer gut, das ist was für´s Leben, nicht für die Uni. Was darf es denn sein? Fiese HNO-Erkrankungen oder doch lieber noch fiesere Augenmalessen? Wem es hier zu fies ist, der kann sich in der unüberschaubaren Welt der Geriatrie umsehen… Neuro wäre noch das am ehesten lernbare Fach, wenn es doch nicht so abschreckend viel wäre. Über Pharma und Strahlen gar nicht zu sprechen. Lernen kommt also auch nicht in die nähere Wahl bis auf weiteres.

Da auch mein Job stagniert bleibt das Unvermeidliche: Privatleben. Sonst ein Unwort, im Moment: Zeit genug! Da der Kulturpott mit dem nahenden Sommer richtig zum Leben erwacht, wurde dieses Wochenende im ganzen Revier gesungen. Am Samstag beispielsweise gab es den “Day of Song”. Vormittags waren in der ganzen essener Innenstadt kleine und große Chöre verteilt, die ihre Werke präsentierten. Ist schon eine tolle Atmosphäre, wenn in diesem sonst eher unbeseelten Stadtkern auf einmal überall Musik und Applaus zu hören ist. Nach 12 Uhr mittags sangen die Menschen in vielen Städten gemeinsam “Glück auf” und die halbgut singbare Hymne von Herbi “Komm zur Ruhr”. Von gewissen Unstimmigkeiten zwischen Präsentation, Liederheften und den Chören einmal abgesehen, ein sehr schöner Moment. Abends gab es das große Abschlusskonzert in der Arena auf Schalke (gestern abend im WDR zu sehen). Vielleicht wird durch diese Aktion ja eine ähnliche Singwelle wie in Frankreich entstehen?

Kulturgehacktes

28. Mai 2010 geschrieben von Syringe

In Sachen Kulturhausptstadt gibt es ja jetzt in der vermeintlich schönen Jahreszeit einiges an Neuigkeiten. Letzte Woche hat die Aktion der “Schachtzeichen” begonnen, bei der gelbe Ballons alte Schächte markieren. Übrigens ein wunderbares Spiel auf der Autobahn, nach möglichst vielen Ballons zu spähen… auch wenn der Fahrer zugegebenermaßen etwas im Nachteil ist. Heute und morgen abend soll es das Schachtzeichenglühen geben, bei dem die Ballons beleuchtet werden. Dem einen oder anderen mag diese Aktion etwas seltsam und verspielt vorkommen, aber ich persönlich finde die Idee interessant, ein Stück Wandel dieser Region so darzustellen. Gleichzeitig bietet sich auch die Möglichkeit für Ortsgruppen und Vereine, in der Nähe der Ballons Aktionen anzubieten. Da bin ich ja gespannt, ob zwischen all den Lichtern der Städte die leuchtenden Punkte zu sehen sein werden.

Essen rühmt sich aktuell damit, das “schönste Museum der Welt” zu haben. Im Folkwangmuseum wurde versucht, die Ausstellung zu rekonstruieren, wie sie vor der NS-Zeit vorhanden war. Während der Regime- und Kriegsjahre sind ca. 1500 Werke konfisziert worden, von denen einige zerstört und verschwunden sind, andere hingegen konnten zurückerworben oder temporär geliehen werden. Der noch frischweiße Neubau bietet eine für Essen ungewohnte Modernität und ist als Ausstellungsort sehr schön geworden. Die einzelnen, nach Themen gegliederten Räume sind zwar etwas beengt (besonders wenn sie mit Reisegruppen ausgefüllt werden), doch ist die Ausstellung sehenswert! Von Van Gogh bishin zu “halbkonvexen Kampfschilden” aus Java ist für jeden Kunstgeschmack etwas dabei, denke ich.

Das war erstmal in Kürze etwas zu meinen aktuellen Kulturerfahrungen… das nächste Mal wird´s wieder medizinischer!

Yogistories

13. Mai 2010 geschrieben von Syringe

Man glaubt es kaum, aber schon wieder steht etwas im Zusammenhang mit Yoga im Titel. Dieses Mal aber hat es gar nichts mit rhythmischen Turnübungen zu tun, sondern mit einer brandaktuellen Meldung in den Medien. Man konnte sich der Nachricht kaum entziehen: Über Prahlad Jani alias Mataji aus Indien, seines Zeichens Guru oder auch Yogi genannt, verbreitet sich weltweit das Gerücht, er scheine seit mehreren Jahrzehnten ohne Nahrung und Wasser und dementsprechend auch ohne Ausscheidungen auszukommen. Davon abgesehen, dass in den einzelnen Berichten bereits sein Alter um mehrere Jahre schwankt, genauso wie die Zahl der abstinenten Jahre, gleichen sich die Nachrichten. Mal mehr und mal weniger kritisch setzt man sich mit der medizinischen Erkenntnis der vollkommenen Askese auseinander.

In einem Artikel der Wiener Zeitung wird eine medizinische Erklärung abgegeben, die zu widerlegen scheint, dass eine derart lange Abstinenz überlebt werden kann. Ein Arzt erklärt, welche physiologischen Abläufe des Körpers dies verhindern. So weit nicht sehr überraschend, doch unterhalb des Artikels lese ich Erstaunliches. Etliche Leser kommentieren die kritische Ansicht als weltfremd (denn nur wer sich dem Übernatürlichen nicht versperrt, könne die Vielschichtigkeit der Welt begreifen) und fragen sogar rhetorisch:”Wieso sollte der Yogi lügen?”. Um sich mit dieser Frage ernsthaft auseinander zu setzen, braucht es vermutlich mehr als nur guten Willen, nämlich eine genaue Kenntnis der Untersuchungen an dem Mann sowie ein Verständnis für den Kultur- und Glaubenskreis, in dem er sich aufhält. Mit letzterem bin ich leider nicht sehr vertraut, aber anhand eines Vortrags, den ich heute hören durfte, will ich versuchen, die gesundheitliche Situation des Herrn Jani ein wenig zu entschlüsseln.

Zu dem Vortrag, den zufälligerweise ein Professor von mir hielt, kam ich über die GWUP Konferenz im Unperfekthaus in Essen. Die GWUP ist die “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften”, die über wissenschaftliche Mitglieder verfügt und als Verein agiert. Kurz auch “Die Skeptiker” genannt. Bei allen heute gehörten Vorträgen machten die Redner ihrem Credo alle Ehre und boten kritische Betrachtungen zu Themen wie Sinnestäuschungen (Auch wir Zuhörer wurden hinter´s Licht geführt!), Homöopathie bei Kindern und lebenslanger Askese.

Aus dem Vortrag von Professor Hermann möchte ich gerne einige Informationen zu dem Fall des Yogis wiedergeben. Gegenstand der Diskussion in den Medien ist die ärztliche Überwachung der Askese und der scheinbare Beweis der Nichtaufnahme von flüssiger/fester Nahrung. Weiterhin sollen bei dem Yogi keinerlei Ausscheidungen beobachtet worden sein. Bereits vor einigen Jahren war Jani Gegenstand der Forschung eines indischen Arztes, der für die Beobachtung ähnlicher Patienten und die Bestätigung ihrer Fähigkeiten bekannt ist. Aus diesen Untersuchungen sind scheinbar Labor- und Untersuchungsergebnisse sowie MRT- und Röntgenbilder veröffentlicht worden, die einige interessante Einblicke erlauben.

Zunächst zum MRT-Bild: Die von Jani benannte Öffnung des Gaumens, aus der ihm gottgegebener Saft in den Mund laufe, konnte nicht gefunden werden, dafür aber eine Hirnrindenatrophie. Das Röntgenbild zeigte Stuhl im Darm (auch beim Fasten physiologisch) sowie Darmgase. Im körperlichen Befund fiel auf, dass er an der Grenze zum Untergewicht war und sein Herz extrem langsam schlug, was auf einen verlangsamten Stoffwechsel hinwies. Die Laborwerte wie Blutzucker, Erys, Ketonkörper, Lactat, Harnstoff, Harnsäure etc. veränderten sich im Beobachtungszeitraum von 7 (oder 9) Tagen im Sinne einer Fastenzeit. Das Blut konzentrierte sich, säuerte an und der Blutzucker sank ab. Kurze Zeit nach Beobachtungsende wurde eine vergleichende Blutprobe entnommen, die normalisierte Werte zeigte. Nimmt man diese Ergebnisse tatsächlich als die von Jani an, sprechen sie für eine Wiederaufnahme der Ernährung nach Ende des Klinikaufenthaltes. Die Untersuchungsbedingungen enthielten weiterhin eine Videobeobachtung, wobei jedoch berichtet wird, der Yogi habe sich oft der Kamera abgewandt aufgehalten, sodass die Möglichkeit bestand, Urin zu entsorgen. Auch Waschen konnte er sich unbeobachtet, wobei sich der Gedanke der Flüssigkeitsaufnahme fast aufdrängt.

Längere Fastenperioden können unter beibehaltener Flüssigkeitsaufnahme durchaus überstanden werden, doch kann der menschliche Körper leider entgegen der Vorstellung einiger Glaubensformen keine Energie aus Sonnenlicht schöpfen, sondern braucht ganz irdische Energielieferanten. Eine körpertemperaturnahe Außentemperatur und wenig Bewegung können zwar zur Reduzierung des Energieverbrauchs führen, doch jahrelange Abstinenz kann wohl auch dadurch nicht beibehalten werden. Nun komme ich doch noch einmal zu der Frage zurück, warum der Yogi lügen sollte. Möglicherweise geht es gar nicht um Lügen, sondern um ein anderes Verständnis von Nahrung, Ernährung und Krankheitsgewinn. Zugegebenermaßen ohne Kenntnis der Riten und des Kultes, die Menschen wie Jani umgeben, könnte man beispielsweise annehmen, dass gesüßtes Weihwasser und Opfergaben nicht als Nahrung im eigentlichen Sinne gelten. Auch eingeflößte Nahrung/Flüssigkeit im fastenbedingten Delir könnten aus der Nahrungskategorie fallen.

Die Aufrechterhaltung seines Zustands ist nicht aus der Distanz zu klären, doch medizinisch ist festzustellen, dass letztlich die Biochemie im Körper die Heiligwerdung desselben verhindert. Ich für meinen Teil strebe übrigens keine Askese an und gehe jetzt erstmal zu Abend essen.