PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Niederlassung



sonjamed
27.11.2006, 23:13
Hallo,

mich würde einmal das Thema "Niederlassung" interessieren (ja, ich habe bereits die Suchfunktion betätigt!)
Beziehen wir das Ganze mal auf die Allgemeinmedizin: Wie viel Startkapital braucht man, um eine Praxis zu gründen? Wie lange hält die Ausstattung - muss man eine Praxis alle 5 Jahre neu einrichten?
Ein wie hoher Prozentsatz der Ärzte macht sich letztendlich selbständig und welcher Anteil verbleibt in den Kliniken?

Kennt zu diesem Thema jemand aussagekräftige Statistiken?

Wäre für sachdienliche Hinweise dankbar....

Viele Grüße,
sonjamed

eatpigsbarf
30.11.2006, 12:42
Wie oft du deine Praxis neu einrichtest, bleibt dir am besten selbst überlassen! Ist ja schließlich dein Geld, was du dort investierst. Und guck dir mal die durchschnittliche HA-Praxis an: da ist das Inventar häufig im fröhlichen grün-braun-ocker der End-60er...

sonjamed
30.11.2006, 15:05
Hallo eatpigsbarf,

danke für deine Antwort. Es hätte ja sein können, dass es Vorschriften gibt, wie oft welche Geräte zu erneuern sind etc.
Anschaffungspreis (200.000 €??) ist ja das eine, Haltbarkeitsdauer/Reinvestitionsbedarf das andere...

Grüße,
sonjamed

habichnicht
30.11.2006, 15:27
Es hätte ja sein können, dass es Vorschriften gibt, wie oft welche Geräte zu erneuern sind etc.
Anschaffungspreis (200.000 €??) ist ja das eine, Haltbarkeitsdauer/Reinvestitionsbedarf das andere...Ich hatte heute einen Termin bei meinem Hausarzt. Der hat vor sieben Jahren eine Praxis mit völlig antiquiertem Mobiliar und Geräten übernommen, und musste sie erstmal für 1,5 Mio. auf neu ausstatten, bevor er sie eröffnen konnte. Nun steht er vor der Entscheidung, nächstes Jahr 750 000 Euro für neue Geräte (die anderen sind hoffnungslos veraltet) auszugeben oder die Praxis aufzugeben und nach Schweden auszuwanden. Ich fürchte, er wird sich für Schweden entscheiden. Dann müsste ich mir einen Allgemeinmediziner in der Nachbarstadt suchen, denn er war der letzte Allgemeinmediziner in unserem öden Kaff.:-kotz:-((:-(

test
30.11.2006, 15:36
Was ist denn das für eine Hausarztpraxis, die 1,5 Millionen kostet? Irgendwie kommt mir das sehr teuer vor. Hätte jetzt bei ner HA Praxis eher so auf ne halbe Million geschätzt, dachte das wäre auch so ungefähr bei uns mal in Gesundheitsöko als ungefähre Kosten genannt worden. :-nix

test
30.11.2006, 15:38
Achja und was für Geräte braucht ein HA, die 750 000 kosten?? Irgendwie finde ich das sehr hoch gegriffen. Ich hab in der Allgemeinmed Praxis abgesehen vom üblichen Inventar, einem älteren Sono, nem Minimallabor nicht viel technische Geräte gesehen. :-nix

Ex-PJ
30.11.2006, 19:42
Hallo,

mich würde einmal das Thema "Niederlassung" interessieren (ja, ich habe bereits die Suchfunktion betätigt!)
Beziehen wir das Ganze mal auf die Allgemeinmedizin: Wie viel Startkapital braucht man, um eine Praxis zu gründen? Wie lange hält die Ausstattung - muss man eine Praxis alle 5 Jahre neu einrichten?
Ein wie hoher Prozentsatz der Ärzte macht sich letztendlich selbständig und welcher Anteil verbleibt in den Kliniken?

Kennt zu diesem Thema jemand aussagekräftige Statistiken?

Wäre für sachdienliche Hinweise dankbar....

Viele Grüße,
sonjamed


Hallo,
neulich bei einem Seminar zum Thema Niederlassung wurde als Übernahmepreis für eine hausärztliche Praxis 100.000 - 150. 000 (max. 200000) Euro genannt. Ausnahame nur bei exzessiv guter Ausstattung oder hohem Anteil an Privatpat.
Die 100000 Euro müssen natürlich nicht komplett sofort da sein, sondern können teilweise als Kredit aufgenommen werden. Aber Kreditzinsen und andere versteckte Kosten (Disagio, Sondertilgungsgebühren usw.) sind teuer u. die Gewinne aus hausärztlicher Praxis stagnieren oder sinken leicht, deshalb zögern viele mit der Niederlassung. Ärztinnen umgehen gerne die Entscheidung, ob Niederlassung oder Verbleib im Krankenhaus durch Familie und Kind (mehrfach gesehen).
Niederlassung wird auch durch verlängerte Ausbildungszeiten schwieriger. Früher reichten 2 Jahre ärztliche Tätigkeit [ohne Abschlußprüfung], um sich als 'praktischer Arzt' niederzulassen (viele von diesen sind inzwischen per nachträglicher von den Kammern genehmigter Umschreibung Arzt für Allgemeinmedizin geworden). Dann mußten es 3 Jahre Weiterbildung + Abschlußprüfung für den Facharzt für Allgemeinmedizin sein, inzwischen bereits 5 Jahre.
--> und dann wird von vielen Seiten die mangelnde Niederlassungsbereitschaft beklagt; aber darüber, daß die Voraussetzungen angezogen wurden redet keiner und über die ungünstigere wirtschaftliche Situation nur wenige

MfG

sonjamed
30.11.2006, 20:36
Hallo Euch allen,

bislang vielen Dank für Eure Antworten.

Sehe ich es also richtig, dass sich dann tendenziell weniger Ärzte niederlassen, sondern in der "Krankenhaushölle" verbleiben?
Ist das finanzielle Risiko zu groß geworden?
Kennt irgendjemand Veröffentlichungen dazu?

Ich dachte, sich - in einer Gemeinschaftspraxis - niederzulassen, sei grade eine gute Alternative für Mütter/Väter, weil man relativ flexibel ist? Oder sind einfach die "Einkaufspreise" zu hoch?


Viele Grüße,
sonjamed

Ex-PJ
30.11.2006, 23:51
Hallo Euch allen,

bislang vielen Dank für Eure Antworten.

Sehe ich es also richtig, dass sich dann tendenziell weniger Ärzte niederlassen, sondern in der "Krankenhaushölle" verbleiben?
Ist das finanzielle Risiko zu groß geworden?
Kennt irgendjemand Veröffentlichungen dazu?

Ich dachte, sich - in einer Gemeinschaftspraxis - niederzulassen, sei grade eine gute Alternative für Mütter/Väter, weil man relativ flexibel ist? Oder sind einfach die "Einkaufspreise" zu hoch?


Viele Grüße,
sonjamed

Ja, es verbleiben mehr Ärzte im Krankenhaus; Gründe = verlängerte Ausbildungszeiten und schlechtere Ertragslage der Allgemeinmedizinpraxis.
(s. letzter Beitrag)

Das finanzielle Risiko ist nicht per se zu groß geworden. Früher konnte man, wenn man einen Kredit für die Praxisgründung aufnahm, ziemlich sicher sein, daß man ihn mit Gewinnen aus der Praxis in 10 - 20 Jahren zurückzahlen kann.
Heute sind die Gewinne aus der Praxis gleich geblieben oder leicht gesunken, weshalb die Kredittilgung und eventuell anfallende Zinsen das Problem darstellt. Die eigentliche Investions- bzw. Einstiegssumme hat sich (abgesehen von Inflationsausgleich) nicht entscheidend verändert.

Gute Alternative ist eine Praxis nur, wenn man einen bereits größeren Anteil Eigenkapital angespart hat und man in eine Gegend geht, in der der Notdienst unter relativ zahlreichen Praxen aufgeteilt wird, in ländlichen Regionen sind z.B. nur 5 - 10 Ärzte für die Abdeckung aller Bereitsschaftsdienste im Monat da, dementsprechend hoch ist die Dienstbelastung. Ein Beispiel: Bad Sassendorf (Kurort und Rentnerparadies in NRW; inoffizielles Logo für Rentner: 'In Bad Sassendorf bist Du noch lange nicht unter dem Torf'). Dort gibt es nur 3 allgemeinmedizinische / internistische Praxen mit insgesamt 6 Fachärzten, die die 30 Tage im Monat unter sich ausmachen müssen. In Städten wie Dortmund oder Hagen sieht es bezüglich der Dienstbelastung schon deutlich besser aus, obwohl dort z.B. 2 - 4 Kollegen gleichzeitig Dienst haben, dort ist aber auch im Alltag die Konkurenzsituation der Praxen größer (z.B. kann dort eine fehlende Parkmöglichkeit vor der Praxis ein großer Standortnachteil sein).

:-blush

Picknicker
01.12.2006, 18:02
Alternative zur Niederlassung wäre auch die Mitarbeit in einem MVZ, das stell ich mir recht angenehm vor.

sonjamed
03.12.2006, 22:18
Hallo,

klärt doch bitte mal eine arme Nicht-Medizinerin auf - was ist denn der Unterschied zwischen Gemeinschaftspraxis und MVZ?

gemeinschaftspraxis: selbständig, eigenes Risiko, selber bestimmen, mit wem und wo man zusammenarbeitet?
MVZ: angestellt?

Kann man das so sagen?

Grüße,
sonjamed

habichnicht
03.12.2006, 22:58
Hallo,

klärt doch bitte mal eine arme Nicht-Medizinerin auf - was ist denn der Unterschied zwischen Gemeinschaftspraxis und MVZ?
Das MVZ hat gegenüber einer Praxis (egal ob Einzelpraxis, Praxisgemeinschaft oder Gemeinschaftspraxis) nur Vorteile. Mein Hausarzt steht mit seiner Einzelpraxis kurz vor der Pleite und wird wahrscheinlich demnächst nach Schweden flüchten. Allerdings käme auch eine Anstellung in einem MVZ infrage, denn da arbeitet man im Prinzip unter den gleichen Bedingungen wie in einer schwedischen Vardcentrale:

-festes Gehalt
-geregelte menschenwürdige und familienfreundliche Arbeitszeiten
-kein Kapital zum Einstieg nötig, also später auch keine Zinsbellastung, falls man zur Praxisgründung einen Kredit aufnehmen musste
-man ist örtlich flexibel: man kann leicht kündigen und sich in einem MVZ an einem anderen Ort einstellen lassen (kann wichtig werden, wenn der Partner berufsbedingt weit weg muss)
- man kann leicht Teilzeitarbeit machen (besonders interessant bei kleinen Kindern)

Fazit: das MVZ ist die Alternative zur Niederlassung :-top

habichnicht
03.12.2006, 23:46
Die MVZ sind mit den Poliklinken der Ex-DDR vergleichbar, die nach der Wende in den meisten Ost-Ländern sehr schnell geschlossen wurden. Vielen Ärzten aus diesen Polikliniken blieb nichts anderes übrig, als eine Praxis zu gründen und sich dabei hoch zu verschulden.
Nur im Land Brandenburg durften Polikliniken weiterbetrieben werden - unter dem Namen MVZ. Hier ist ein Videobericht (http://www.heute.de/ZDFmediathek/inhalt/24/0,4070,3935608-7,00.html) aus einem solchen MVZ:

Edit: Und hier ist noch ein Video-Bericht (http://www.heute.de/ZDFmediathek/inhalt/10/0,4070,3982058-5,00.html)von Frontal 21/ZDF über MVZ