D’OH!

30. August 2010 geschrieben von Annette

Nein nein nein nein nein, das darf doch nicht wahr sein! Da kommt es EINMAL zu der günstigen Konstellation, dass ICH die erfahrenste zur Verfügung stehende Assistentin bin und es eine OSG Fraktur zu operieren gibt – und dann schleicht sich ein Fehler auf dem OP Plan ein. So nett es auch vom leitenden OA war, mich als Operateur für diese OP vorzusehen, ich habe heute leider frei nach Nachtdienst. Pech gehabt. :-( Naja, immerhin scheint man mir sowas jetzt zuzutrauen, also kann ich darauf hoffen, dass es bald nochmal zu so einer Gelegenheit kommt und ich dann auch wirklich zur Verfügung stehe und nicht nachhause gehen muss.

Das waren übrigens zwei ruhige Dienste jetzt am Wochenende. Am Sonntag fing es etwas hektisch an mit einer Patientin, die von einem Hocker gestürzt und seitdem somnolent bis soporös war. Im CT fanden wir keine Ursache dafür, aber die Frau war einfach nicht ansprechbar, stöhnte nur die ganze Zeit, hielt stets die Augen geschlossen und war auch sonst nicht kooperativ. Wenn es keine Blutung ist und eine Intoxikation oder Infektion unwahrscheinlich ist, muss es was Neurologisches sein. Nach ein paar Telefonaten mit der Neurologie erklärten die sich tatsächlich bereit, sich die Patientin anzugucken. So hatte ich wenigstens nicht das Problem, ein Überwachungsbett organisieren zu dürfen. Der Rettungsdienst war bestellt und just in dem Moment, wo die Rettungsassistenten ankamen, wachte die Patientin plötzlich auf. Zack. Von jetzt auf gleich. Was passiert war, wusste sie nicht mehr und sie ließ sich auch nicht daveon überzeugen, dass überhaupt was passiert war, aber mir war’s egal. An die Neuro verkauft. Das schnelle Aufwachen spricht auch ein bisschen für einen Krampfanfall, finde ich. Ich werde in ein paar Tagen mal nachforschen, was die Kollegen denn so rausgefunden haben.

Eine Nacht zuvor gab es auch was ganz Nettes, nämlich mal wieder eine Strecksehnenverletzung. Diesmal ging ich ganz gelassen an die Sache ran. Immerhin hab ich das inzwischen zweimal gemacht und auch im OP durfte ich neulich mal was am Finger operieren, so dass ich einigermaßen wusste, was ich da tat. Vorsichtig explorierte ich die Wunde, präparierte ein bisschen und nach einiger Zeit fand ich tatsächlich das andere Ende der durchtrennten Sehne. Ab da war es ein Kinderspiel. So machen Dienste Spaß. :-)

Ziehen, drücken, beugen, drehen

24. August 2010 geschrieben von Annette

Wieder liegen zwei Tagdienste an einem sonnigen Wochenende hinter mir. Der Samstag war gar nicht lustig. Die Nacht davor muss wohl die Hölle schlechthin gewesen sein, aber auch am Samsatg fing es schon um 10Uhr morgens an, sich mit Patienten zu füllen (normalerweise geht das erst gegen 13Uhr los) und wurde nicht mehr leerer. Hausärzte, Internisten und Psychiatier schickten voller Verzweiflung von uns operierte Patienten, weil das Bein/Arm/whatever so dick und rot wäre, ob das nicht entzündet sei. Ich blicke auf die Wunde. Sieht tip top aus. Jaja, Internisten, die haben halt keine Ahnung. Hab den Patienten dann erklärt, dass eine Schwellung auch viele Wochen nach OP normal ist und die leichte Rötung und Überwärmung noch lange keine Entzündung ist.

Gegen mittag kam dann der Knaller des Tages. Älterer Herr wurde von einem Auto erfasst. Kam ohne Notarzt, ohne Stiff Neck und unangekündigt, nicht mal einen intravenösen Zugang hatte er! Mit sichtlich schlechtem Gewissen bat mich der übergebende Rettungsassistent, doch bitte gleich nach dem Patienten zu gucken, der Druck wäre zuerst bei 90 zu 60 gewesen, jetzt wäre er bei 80 zu 60 und kaltschweißig wäre er auch. Kein Problem, wir haben den Mann gleich auf den Röntgentisch gepackt. Auf mich wirkte er nicht schwer verletzt: er war glockenwach, hatte nicht sooo starke Schmerzen, keine Atemnot und auch am Kopf blutete nichts. Die Schwester maß nochmal den Blutdruck und potzblitz, der war immer noch so niedrig. Ich fing an mit meiner Untersuchung und als ich zur Stabilitätsprüfung beide Hände am Brustkorb des Mannes ansetzte, um hineinzudrücken, versank quasi meine komplette rechte Hand mit einem unangenehmen Knacken und gleichzeitigem Schmerzschrei des Patienten im Thorax. Da war also das potentielle Problem: Rippe kaputt, nein, vermutlich eine Rippenserienfraktur. Sowas kann schonmal die Milz durchspießen, die Leber anritzen, die Lunge kollabieren oder den Brustkorb voll Blut laufen lassen. Lauter unschöne Sachen. Ich bat eine Schwester darum, doch bitte das Schockraumteam zusammen zu rufen. Der Rettungsassistent wurde daraufhin ähnlich blass und kaltschweißig wie der Patient und druckste die ganze Zeit lang im Hintergrund herum. Ich legte dem Patienten schnell einen i.v. Zugang und nahm Blut ab, während das Schockraumteam eintraf, das am Samstag dankenswerterweise aus netten Leuten bestand. Dem Patienten ging es übrigens immer noch gut, er redete munter mit uns. Die Allgemeinchirurgin fand im Ultraschall echoarme Zonen um die Nieren, was ein Hinweis auf Verletzung innerer Organe sein kann, und so ging der Patient als nächstes ins CT. Bei meinem eigenen Untersuchungshergang fand ich nichts weiter außer einer Beule am Kopf und eine Schwellung über dem Schlüsselbein. Zu dritt, also Anästhesist, Allgemeinchirurg und ich plus Schwestern und Radiologe tigerten wir mit dem Patienten ins CT. Dort hieß es dann warten. Der Anästhesist meinte, die meisten seiner Kollegen wären inzwischen längst wieder gegangen, weil der Patient ja die ganze Zeit stabil war. Ich fand, solange innere Blutungen oder ein Hämatothorax nicht ausgeschlossen sind, ist es mir lieber, ich hab die Anästhesie dabei.

Wie dem auch sei, die echoarmen Zonen, die man Ultraschall gesehen hatte, stellten sich als Fett heraus. Mal abgesehen von 7 kaputten Rippen, einem kaputten Schlüsselbein, einem kaputten Schulterblatt und einer dicken Beule am Kopf hatte der Patient nichts. Glück gehabt, trotzdem war der Schockraumalarm aus meiner Sicht gerechtfertigt. Der Rettungsassistent erkundigte sich später nochmal nach dem Verlauf und war doch sehr erleichtert, dass alles gut ging.

Der Rest vom Samstag verlief weniger spektakulär, aber sehr arbeitsreich.

Sonntag war es ruhiger. Das Highlight kam kurz vor einem Dienstende: ein 6-jähriges Kind mit Ellenbogenluxation. Sowas gibt es eigentlich nicht bei Kindern, oder zumindest sehr, sehr selten. Daher rief ich auch als allererstes meinen Oberarzt an, bevor ich irgendwas tat. Der erklärte mir, dass er sowas schon gesehen hätte und ich solle den Ellenbogen in Kurznarkose reponieren. Gesagt, getan. Die Anästhesie kam freundlicherweise sehr schnell und legte das Kind schlafen. Ich las mir währenddessen nochmal das Repositinsmanöver bei Ellenbogenluxation im Lehrbuch durch. Ich hab nämlich noch nie allein einen Ellenbogen reponiert. Eigentlich ist es einfach: in die Länge ziehen, reindrücken, dann beugen und pronieren. Fertig. Genau so tat ich es auch, zusammen mit meiner Kollegin. Gespürt habe ich nichts. Kein Schnappen. Ich wartete skeptisch auf das Kontrollröntgenbild, aber ich habe es wohl richtig gemacht: der Ellenbogen war wieder drin. Gips dran, und alles war wieder gut.

A bad day

18. August 2010 geschrieben von Annette

Knochentumore sind eigentlich selten. Trotzdem habe ich heute zum zweiten Mal einen jungen Menschen vor mir gehabt mit wahrscheinlich malignem Knochentumor. Ein zweites Mal musste ich der Mutter erklären, dass es sich vielleicht um Krebs handelt. Ein zweites Mal muss ich akzeptieren, dass ich vielleicht eine tödliche Diagnose gestellt habe.

Heute vormittag kam ein junges Mädchen zu uns, die sich laut Notarzt den Oberschenkel gebrochen hatte. Das stimmte auch, das sah man sofort an der dicken Schwellung und dem komischen Knick im Bein. Nur etwas stimmte nicht. Das Trauma hätte bei einem gesunden Kind nie und nimmer ausgereicht, um einen derart starken Knochen wie das Femur brechen zu lassen. Im Röntgen bestätigte sich der Verdacht: da stimmt etwas nicht mit dem Knochen. Der sah aus wie ein Schweizer Käse: voller Löcher.

Ich erklärte der Mutter so gut es ging, was da passiert war, dass etwas mit dem Knochen nicht in Ordnung ist und wir das genauer untersuchen müssen. Die Mutter wirkte sehr gefasst, vergoss keine Träne. Vielleicht ist es noch nicht ganz zu ihr durchgedrungen, was ich da gesagt habe, wer weiß. Das Kind ist jedenfalls operiert und alles weitere müssen die Pathologen mit dem Mikroskop feststellen…

Dicke, dicke Luft

16. August 2010 geschrieben von Annette

Sorry, dass ich schon wieder so lange nicht geschrieben habe, aber mein Privatleben hält mich irgendwie davon ab…

Gab eigentlich nette Sachen zwischendurch. Hab 3 PFNAs machen dürfen und endlich auch meine erste DHS.

Und jetzt hatte ich gerade 4 Nachtdienste. Einer davon war ein bisschen stressig, die anderen 3 waren eigentlich wirklich OK. Hatte auch immer gute Kollegen dabei. Und dabei wären wir auch schon beim Thema: die “Neuen”. Ihr kennt das sicher, dass man sich gegen Ende des Studiums fragt, ob man auch mal so klein und jung war, wenn man die neuen Erstis sieht. Nun, ich frage mich, ob ich am Anfang auch mal so dumm und unfähig war wie unsere neuen Kollegen teilweise. Eigentlich nur einer, die anderen beiden bemühen sich zumindest. Aber dieser eine… mann mann mann. Nennen wir ihn Pawel. Pawel kommt frisch von der Uni, tut aber gerne so, als wüsste er schon alles. Tut er aber nicht. Selbstverständlich KANN er nicht alles können. Konnte ich auch nicht! Aber wenn ich was nicht weiß oder kann, dann frage ich meinen erfahrenen Kollegen! Dafür sind wir da! So ist das System. Aber nicht so Pawel.

Pawel weigert sich, nachts Blutkonserven bei einem Patienten anzuhängen, weil er Angst hat, etwas falsch zu machen. Man hat ihm bis jetzt dreimal gezeigt, wie das geht. Und was macht er? Lässt am Wochenende die Blutkonserven so lange liegen, bis sie verfallen sind und weggeschmissen werden müssen.

Ich habe am Wochenende auf der septischen Station Visite gemacht. Wir haben dort zur Zeit 10 Patienten (das ist viel), so dass ich die Verbandswechsel nicht während der Visite geschafft habe. Aber wir haben ja am Wochenende einen Studenten, der für die Stationsarbeit da ist. Dem habe ich also aufgetragen, bei Patient XY etc. die Verbände zu machen. Mein Fehler: ich habe der Pflege nicht gesagt, dass der Student kommt und das macht.

Heute morgen kassiere ich dann einen Anschiss von der septischen Station, weil die Verbände nicht gemacht wurden und die Pflege sie letztendlich selbst gemacht hat. Was war passiert? Der Student musste in den OP. Uli hat daraufhin Pawel gebeten, sich um die Stationen zu kümmern. Also Verbände machen, Braunülen leben und so weiter. Pawel war auch zwei Stunden lang verschwunden – aber Verbände und Braunülen hat er nicht gemacht. WAS er in dieser Zeit gemacht hat, weiß man nicht… jedenfalls hab ICH heute morgen deswegen Ärger bekommen. So kann’S nicht weiter gehen. Mit dem muss man mal reden. Hoffentlich bessert sich das noch.

Zwei unserer erfahrenen Kollegen gehen Ende des Monats. Wir haben etliche Neue bekommen, aber die haben alle wenig oder keine Berufserfahrung. Und ganz ehrlich: mir gefällt das Team nicht mehr. Vorher war es viel besser. :-(

Up and down and up and down

2. August 2010 geschrieben von Annette

Hui, ich hab ja lange nix geschrieben. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich zwei Wochen Urlaub hatte und anschließend 6 Tage Dienst, jawohl! In diesen 6 Tagen gab es schon wieder einen Anfall von Depression. Es wird auch jedes mal ein kleines Stückchen schlimmer. Ich lag abends im Bett und während mir so einige Tränen über die Wangen kullerten, hab ich drüber nachgedacht, was ich machen könnte. Mal mit dem Chef reden? Kündigen und mir was anderes suchen? Und dann kam der nächste Tag, ich stand im OP, durfte einen PFNA machen und alles war wieder gut.

Am Wochenende hatte ich auch wieder Dienst und diesmal ist es passiert: mein erster Schockraum! Ich hatte ja befürchtet, dass ich mich nicht ewig davor drücken und Glück haben kann. Am Samstag war es dann soweit. Ich hielt mich gerade im Stützpunkt der Schwestern auf, als hinter mir ein Kollege aus der Allgemeinchirurgie etwas vor sich hin murmelte. Ich vernahm die Worte “Thoraxtrauma”, “Motorradfahrer” und “Schockraum”. Wie? JETZT?? Warum hatte mir niemand bescheid gesagt??? Der Kollege erklärte mir, die Leitstelle hätte sich nur bei der Pflege angemeldet mit einem verunfallten Motorradfahrer, der wohl ein Thoraxtrauma hätte. Da sich um sowas die Allgemein/Thoraxchirurgen kümmern, wurde ich nicht informiert. Meinem Kollegen war das aber nicht ganz geheuer. Ein Motorradunfall auf der Autobahn und dann auch noch in Begleitung des Notarztes, das kann kein isoliertes Thoraxtrauma sein! Also trommelte ich die Schockraummannschaft zusammen. Keine 5 Minuten später traf der Patient auch schon ein mit Notarzt. Dieser wickelte professionell die Übergabe ab, die ich versuchte mir so gut wie möglich zu merken. Nach dem Umlagern fingen die anderen an, geschäftig zu werden. Jeder tat irgendwas. Ein eingespieltes Team. Die Anästhesie verkabelte den Patienten, der Allgemeinchirurg machte den Ultraschall – und ich stand rum. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was ich machen sollte. Meine Aufgabe ist es, den Patienten zu untersuchen, aber erst nachdem die anderen mit ihrem Kram fertig sind. Ich HÄTTE währenddessen das Schockraumprotokoll ausfüllen können, aber die Idee kam mir in dem Moment nicht. Als die anderen endlich fertig waren – und nichts Dramatisches gefunden hatten – fing ich mit meiner Untersuchung an. Vom Kopf runter zu den Füßen, der Einfachheit wegen. Mein Oberarzt, TJ, der zufällig auch anwesend (aber so hilfreich wie Fußpilz) war, guckte sich noch das Knie des Patienten an, wo es eine große, tiefe Schürfwunde gab. Ich stellte fest, dass der Patient hauptsächlich Schmerzen in der Hüfte hat. Schnell stand die List der erforderlichen Röntgenaufnahmen. Dann bemerkte ich, dass der Anästhesist inzwischen verschwunden war. An sich war das OK, weil der Patient stabil war – aber er hatte sich nicht bei mir abgemeldet! Hmpf. Nun ja, ich ging los, um die Röntgenbilder anzumelden. Der Patient bekam auch noch ein CT von Becken und Abdomen später, und ich bekam Mecker vom Allgemeinchirurgen, weil es meine Aufgabe ist, beim Patienten zu bleiben bis die Diagnostik gelaufen ist. Ich darf nicht einfach abhauen, und ihn da alleine stehen lassen. Hm, hat er recht. Wir halten fest: das lief nicht optimal alles, aber in dem Fall war das nicht so schlimm, weil der Patient nicht vital bedroht war. Es kam übrigens heraus, dass er eine vordere und hintere Beckenringfraktur, eine Acetabulumfraktur und vermutlich auch eine kleine Leberlazeration hat.

Gefühlte 6 Stunden später war ich endlich fertig mit meinem ersten Schockraumpatienten und konnte mich wieder dem Rest widmen. Auch nicht sooo trivial: Kind mit mehreren, ziemlich tiefen Hundebissverletzungen an der Hand und eine alte Dame mit luxierter Hüft-TEP.

Der Dienst am Sonntag verlief ruhiger. Kein Schockraum, nichts Schlimmes. Nur noch ein verunfallter Motorradfahrer, der sich aber “lediglich” die Schulter luxiert hatte. Etwas Bammel hatte ich da aber auch, denn ich kann nicht behaupten, viel Routine im Reponieren von Schultern zu haben. Ich habe es einige Male gemacht, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und die Analgosedierung dazu habe ich noch nie selbst gemacht. Also schnell noch einen Blick ins Buch geworfen, bevor ich das Dormicum gespritzt hab. Der Patient schien immer noch Schmerzen zu haben, wirkte aber sonst ganz entspannt, so dass ich es wagte, die Reposition zu probieren. Ich wollte es so machen, wie es mir Lieblingskollegin beigebracht hat: keine ruckartigen Bewegungen, langsamer, kontinuierlich stärker werdender Zug. Ich zog. Der Patient ließ gut locker. Ich zog mehr. Noch tat sich nichts. Eine Schwester zog den arm etwas nach lateral, ich steigerte weiter meinen Zug – und plötzlich machte es *plopp* und die Schulter war drin. Sofort ließen die Schmerzen nach und ich bekam einen Adrenalinschub. Am liebsten hätte ich vor Freude laut gejubelt. So gut hatte das noch die geklappt mit der Schulterreposition!

Heute habe ich frei, diese Woche Gott sei Dank keinen Dienst.

There is a first time for everything

6. Juli 2010 geschrieben von Annette

So, ich habe meine ersten drei Einsätze als “Erstdienst” hinter mir, davon zwei Tagdienste und ein Nachtdienst. Bilanz: bisher nichts grob schief gegangen, noch kein Schockraum, aber unendlicher Stress. Der Sprung vom Zweit- zum Erstdienst bringt doch irgendwie nochmal viel mehr Arbeit mit sich. Ich muss mir mehr Patienten ansehen als früher und bin plötzlich der Ansprechpartner für jeden Depp. Wann immer ein Kollege aus nem anderen Krankenhaus am Telefon ist, ein Notarzt oder die Leitstelle, wird MIR das Telefon ans Ohr gehalten. Wenn ich Pech habe, arbeite ich allein, weil der Zweitdienst in den OP gerufen wird oder am Wochenende auf den Stationen Entlassbriefe schreiben muss und natürlich durfte ich auch schon Dienst mit unserem jüngsten Kollegen machen, der gerade seit einem Monat da ist. Allerdings muss ich ihn loben, er hat das ganz gut gemacht gestern. Er hat mich wenig gefragt und viel selbstständig gearbeitet. Er hat sogar nachts um 3 Uhr die Übergabe vom Notarzt angenommen, der mit einer alten Dame kam, die die Kellertreppe runtergestürzt war. Er hat sie untersucht, das abgenommene Blut ins Labor geschickt und auch schonmal erste Röntgenbilder angeordnet, bevor er mich dazugerufen hat. Guter Mann. Ich hab dann einige Röntgenbilder zusätzlich angeordnet und wir haben dann gemeinsam zusammengepuzzelt, was alles kaputt war an der Frau. Trümmerbruch vom Handgelenk und eine Monteggiafraktur. Als wir mit der Vorbereitung für alles fertig waren (Aufnahme, OP Aufklärung, Wundversorgung, EKG schreiben etc.), war es 5Uhr morgens. Ich rief den zuständigen Oberarzt an, der meinte aber, es würde reichen, wenn wir sie gleich als ersten Punkt um 8Uhr morgens operieren.

Der Nachtdienst war also ereignisreich, aber gut machbar. Das Wochenende mit den Tagdiensten war da anstrengender. Da wusste ich oft nicht, was ich jetzt zuerst machen soll. Ich hatte mir einige banale Fälle angesehen und die Patienten zum Röntgen geschickt. Dann kam eine Frau mit distaler Radiusfrakur, die ich reponieren wollte und entsprechend vorbereitet habe.  Genau in dem Moment kam allerdings meine Zweitdienstkollegin auf mich zu, sie hätte da eine durchtrennte Strecksehne. Sowas habe sie bisher noch nicht genäht. Toll, ich auch erst ein einziges Mal, aber egal, wir kriegen das schon hin. Ich sagte ihr, sie sollte die Wunde erstmal explorieren. In der Zeit konnte ich den Radius reponieren, meine anderen Patienten mussten warten. Meine Zweitdienstkollegin konnte die durchtrennte Strecksehne leider nicht finden. Hm. Ich kam dazu und schaute nach. Ich fand auch nichts. Da waren insgesamt 3 Schnitte an dem Finger, ein tiefer und zwei vermeintlich oberflächliche. In dem tiefen Schnitt fand ich irgendwann den Knochen, aber ums Verrecken keine Sehne. Dann kam ich auf die Idee, einfach mal einen der anderen Schnitte zu spreizen und siehe da, da blinzelten mich die weißen, glänzenden Sehnenstümpfe an. Alles wird gut. Sobald die Sehnenenden gefunden waren, war der Rest ein Kinderspiel. Draußen auf dem Flur hatte der Rettungsdienst inzwischen einen Mann gebracht, der sich das Endglied vom Daumen ausgerenkt hatte – und zwar offen! Da guckte quasi der Knochen raus. Ich reponierte das noch auf dem Gang, nur leider waren wohl auch die Seitenbänder kaputt und der Daumen somit instabil. Musste auch genäht werden. Inzwischen kam dann das Highlight des Tages von der Station: die alte, demente Patientin, die gestern einen Fixateur externe am Sprunggelenk bekommen hatte, war aus dem Bett gefallen und hatte sich den Fixateur dabei ausgerissen. Na suuuuper! Mein Oberarzt kam auf die glorreiche Idee, man könnte ja einfach den Fixateur entfernen und einen Gips anlegen, statt das Ganze nochmal im OP zu machen. Damit war der Stress perfekt. Meine Zweitdienstkollegin war inzwischen im OP verschwunden und ich kämpfte allein in der Ambulanz mit all den Katastrophen. Gerade als ich dabei war, den Fixateur abzuschrauben, kam erneut der Rettungsdienst. Ein alter Mann wäre auf den Hinterkopf gestürzt, und jetzt sei da eine Stufe im Schädel tastbar. Große Aufregung! Die Schwestern schrien sofort nach Schockraum und Anästhesie, ich ging hin und schaute mir das Ganze erstmal an. Der Patient wirkte nicht sonderlich schwer verletzt und hatte nicht mal ne Schürfwunde oder Beule am Kopf. Ja, da war eine Stufe tastbar, aber eine Schädelfraktur war das ganz sicher nicht. Zurück also zum Fixateur. Als der endlich abgeschraubt und der Gips dran war, war mein Dienst vorbei. Ich ging nachhause, hab noch was gegessen und fiel dann halb tot ins Bett.

Akute Depression

25. Juni 2010 geschrieben von Annette

Ist es normal, dass es Tage gibt, an denen man einfach nur heulen und schreien möchte? Und ist es normal, dass das jetzt schon seit über eine Woche so geht? Ich will es mal so ausdrücken: die Arbeit K O T Z T mich gerade an. Aber sowas von!!!!

Vorgeschichte: eigentlich sollte ich seit Mai wieder einer Station zugeteilt sein. Uneigentlich war ich im Mai auch ein paar Tage dort, aber irgendwie verbringe ich doch wieder die allermeiste Zeit in der Ambulanz oder der Sprechstunde. Diesen Monat bin ich ganze 2 Tage auf Station.

Die ganze Woche über hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, die elektive Sprechstunde zu managen. Das hat den Vorteil, dass bis 9 Uhr praktisch nichts zu tun ist. Aber dann… normalerweise ist auch ein Oberarzt für die Sprechstunde zuständig. Blöd nur, wenn der krank wird und ein anderer im Urlaub ist. So steht man da allein auf weiter Flur mit um die 25 Patienten, die man sich in 4 Stunden ansehen soll. Ansehen und Entscheidungen treffen. Das kann ich natürlich total gut mit meinem JahrundeipaarMonaten Berufserfahrung. So viele Fehlentscheidungen wie in dieser Woche hab ich sonst nicht in einem halben Jahr getroffen! Aber so ist das halt, wenn da hingestellt wird ohne jemanden zum fragen und mit diesem immensen Zeitdruck.

Und zu allem Überfluss musste ich auch noch mit dem Chef Visite machen heute mittag. Herrje… ich dreh nochmal durch irgendwann. Was für einen Dünnsinn der manchmal redet! Da kann einem schlecht werden!

Ich will mich jetzt in eine Ecke setzen und heulen. Das Wetter bietet Potential zur Erholung. Aber wer hat Dienst am Wochenende? Genau. Ich.

*plopp* und *plopp*

10. Juni 2010 geschrieben von Annette

Vorweg: der Streik ist vorbei! Gott sei Dank. Eigentlich gab es da viel zu berichten. Die Großdemo mit 5000 Ärzten in Frankfurt, meine letzten 3 Nachtdienste, das kurze Intermezzo am Montag… aber nichts zu tun zu haben macht faul, also hab ich auch das Blog bestreikt. Nun ist es aber vorbei und ich war heute wieder ganz normal arbeiten – sehr zur Freude des Chefs. Jetzt können die ca. 10.000 Arztbriefe geschrieben werden, die liegen geblieben sind und endlich können wir auch wieder volle Pulle operieren und die 20 verschobenen elektiven Eingriffe neu planen.

Ich hatte heute einen vergleichsweise lockeren Job, ich war nämlich in der Ambulanz. Bis halb 8 kam erstmal niemand, dann trudelten interessanterweise lauter Radfahrer und Fußgänger ein, die von einem Auto angefahren wurden. Man könnte meinen, da war ein Irrer unterwegs, der möglichst viele Menschen umkarren wollte! Einen Tag mit so vielen vom Auto Angefahrenen hatte ich noch nie. Und mindestens einer davon hatte auch ne Fraktur, der Rest hatte nur Prellungen und Platzwunden.

Es plätscherte also so vor sich hin, so dass meine Erstdienstkollegin mich meinem Schicksal überließ und Briefe diktieren ging. Dabei kam ich dann etwas in Stress. Ich hatte noch ein Unfallopfer in Bearbeitung, bei der ich zusätzliche Röntgenaufnahmen angeordnet hatte und bei der ich einen Ultraschall machen wollte, dann war da der Typ mit dem kaputten kleinen Finger, der vollkommen disloziert stand und den ich reponieren wollte, dann lag im Eingriffsraum unsere altbekannte Dame, Frau Weberle, als obendrein der Rettungsdienst einen arg schmerzgeplagten alten dementen Mann mit Verdacht auf Schulterluxation brachte. Der Pfleger wollte ja erst meinen Erstdienst rufen, aber da ich ab nächsten Monat mit sowas auch allein fertig werden muss, nahm ich die Sache an mich. Schockraum in klein: Umlagern des Patienten, dann Übergabe durch den Rettungsdienst, Primary Survey. Anamnestisch war aus dem vollkommen dementen Mann nichts herauszubekommen, offenbar war er gestürzt und jetzt tat ihm alles weh. Ich konnte die Schmerzen eigentlich im Wesentlichen auf beide Schultern eingrenzen. Zur Überraschung des Rettungsdienstes schienen mir beide Schultern luxiert zu sein. Auf der einen Seite konnte ich auch keinen Puls mehr am Handgelenk tasten, also war Eile angesagt.

Während die Radiologieabteilung die Bilder schoss, ging ich in den Eingriffsraum. Ich habe Frau Weberle erstmal überhaupt nicht erkannt, weil ihr Kopf mumienmäßig in einen total durchgebluteten Verband eingewickelt war. Erst als wir den abgebastelt habtten, kam darunter die altbekannte Patientin zutage. Ich beauftragte die Schwester, erstmal das Blut abzuwaschen und die Platzwunde zu suchen. In den verkrusteten Haaren konnte man nicht man annähernd erkennen, woher das ganze Blut kam.

Im Schockraum indes stand fest, dass wirklich beide Schultern luxiert waren. Kurioserweise waren jetzt wieder alle Pulse kräftig tastbar. Lag wohl nur der Arm etwas blöd. Jedenfalls hatte ich inzwischen doch vom Erstdienst Hilfe bekommen und wir beschlossen, die Anästhesie um eine Kurznarkose zu bitten. Gesagt getan, die Kollegen kamen wirklich fix und in Null Komma nichts lag der Patient flach und relaxiert da und die Schultern gingen butterweich mit einem leisen Schnappen rein. Dabei haben meine Kollegin und ich quasi fast parallel gearbeitet. Dann haben wir den Mann noch schnell rechts und links mit einem Gilchrist verschnürt, so dass er jetzt aussieht, als hätte er eine Zwangsjacke an. Kurze Zeit später war er auch schon wieder wach. Gebrochen hat er sich außer seiner Nase übrigens nichts.

Frau Weberle konnte indes vom Blut befreit werden und zutage kam eine höchstens 2cm lange Platzwunde hinterm Ohr. Andrea, meine Kollegin, hat diese versorgt und wollte Frau Weberle heim schicken. Wie üblich startete der Weberle-Effekt: ein theatralischer Schwächeanfall. Andrea ist da aber wesentlich härter gesotten als ich und schickte Frau W. schlicht und ergreifend nachhause. Keine Diskussion.

Zwischendurch brachte ich irgendwie noch den Ultraschall bei meinem Unfallopfer zustande und auch der kleine Finger wurde flugs reponiert. Steht zwar immer noch schei*e, aber der wird eh nächste Woche operiert. Ein bisschen gerader als vorher ist er geworden. Ich liiiieeeebe Finger reponieren.

Danach wurde es wieder ruhiger. Es kamen noch drei verunfallte Radfahrer, aber mehr war dann nicht.

Streik, die zweite Woche

2. Juni 2010 geschrieben von Annette

So, wir gehen in die zweite Woche. Am Montag gab es eine Vollversammlung der Ärzte in unserem Haus. Es waren auch recht viele da, sogar 3 unserer 4 Oberärzte. Man fühlt sich auch etwas… wie soll ich sagen, sicherer mittlerweile. Am Anfang hatte ich das Gefühl, ich schließe mich da einer Sache an, die nicht richtig Hand und Fuß hat und im Ganzen so unklar ist, dass sie jederzeit wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen kann. Jetzt gibt’s bei uns aber eine richtige Streikleitung und nach und nach machen immer mehr Kollegen mit. Es war am Montag auch jemand vom Marburger Bund anwesend, der rechtliche Fragen beantwortet hat. Heute treffen sich dann nochmal nur die Oberärzte, um über die Notdienstvereinbarung zu diskutieren. Am Anfang hab ich mich ja auch ziemlich unwohl gefühlt, einfach nicht arbeiten zu gehen, aber mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt. Wie Urlaub fühlt es sich nicht an, zumal ich ja einen kompletten Verdienstausfall habe zur Zeit, aber ein bisschen was hab ich in meiner Wohnung geschafft. Muss auch mal sein.

Heute Abend darf ich dann endlich mal wieder arbeiten gehen, ich habe nämlich Nachtdienst. Ein bisschen freue ich mich drauf, andererseits mag ich Nachtdienste nach wie vor nicht.

Am Freitag ist dann die Abstimmung, ob nächste Woche weiter gestreikt wird, aber es sieht ganz danach aus :-(

Streik, 2. Tag

28. Mai 2010 geschrieben von Annette

Heute fühlte sich das schon eher an wie ein Streik. Ich weiß nicht, wieviele wir waren, aber über 100 waren es sicher, die mit Trillerpfeifen, Plakaten und in weißen Kitteln durch die Stadt marschiert sind. Endlich war auch mal die Presse da, man hört ja sonst überhaupt nichts von unserem Streik. Gibt man bei Süddeutsche.de das Suchwort “Streik” ein, findet man nur Artikel über den Arbeitskampf der Saftschubsen von British Airways. Naja, so unlieb ist uns das fast gar nicht, weil in der Presse wieder mal ein falsches Bild übermittelt wird. Wir wollen ja nur mehr Geld haben, heißt es da. Dass es um die Fortführung des Tarifvertrags und das Fortbestehen des Marburger Bundes als unsere Gewerkschaft geht, ist nicht klar. Keiner von uns streikt wegen ein paar Zehntelprozent mehr Gehalt. Durch ein paar Tage Streiken hat man mehr Gehaltsverlust, als durch eine Lohnerhöhung wett gemacht werden würde. Nein, wir wollen uns schlicht und ergreifend nicht vera****en lassen, DAS ist es.

Schade, dass das selbst innerhalb unserer Klinik schwer zu vermitteln und noch schwerer durchzusetzen ist. Die Uneinigkeit untereinander ist groß. Trotzdem haben wir heute beschlossen, auch nächste Woche weiter zu streiken. Würden wir jetzt aufhören, hätten wir uns nur lächerlich gemacht.