Hui, ich hab ja lange nix geschrieben. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich zwei Wochen Urlaub hatte und anschließend 6 Tage Dienst, jawohl! In diesen 6 Tagen gab es schon wieder einen Anfall von Depression. Es wird auch jedes mal ein kleines Stückchen schlimmer. Ich lag abends im Bett und während mir so einige Tränen über die Wangen kullerten, hab ich drüber nachgedacht, was ich machen könnte. Mal mit dem Chef reden? Kündigen und mir was anderes suchen? Und dann kam der nächste Tag, ich stand im OP, durfte einen PFNA machen und alles war wieder gut.
Am Wochenende hatte ich auch wieder Dienst und diesmal ist es passiert: mein erster Schockraum! Ich hatte ja befürchtet, dass ich mich nicht ewig davor drücken und Glück haben kann. Am Samstag war es dann soweit. Ich hielt mich gerade im Stützpunkt der Schwestern auf, als hinter mir ein Kollege aus der Allgemeinchirurgie etwas vor sich hin murmelte. Ich vernahm die Worte “Thoraxtrauma”, “Motorradfahrer” und “Schockraum”. Wie? JETZT?? Warum hatte mir niemand bescheid gesagt??? Der Kollege erklärte mir, die Leitstelle hätte sich nur bei der Pflege angemeldet mit einem verunfallten Motorradfahrer, der wohl ein Thoraxtrauma hätte. Da sich um sowas die Allgemein/Thoraxchirurgen kümmern, wurde ich nicht informiert. Meinem Kollegen war das aber nicht ganz geheuer. Ein Motorradunfall auf der Autobahn und dann auch noch in Begleitung des Notarztes, das kann kein isoliertes Thoraxtrauma sein! Also trommelte ich die Schockraummannschaft zusammen. Keine 5 Minuten später traf der Patient auch schon ein mit Notarzt. Dieser wickelte professionell die Übergabe ab, die ich versuchte mir so gut wie möglich zu merken. Nach dem Umlagern fingen die anderen an, geschäftig zu werden. Jeder tat irgendwas. Ein eingespieltes Team. Die Anästhesie verkabelte den Patienten, der Allgemeinchirurg machte den Ultraschall – und ich stand rum. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was ich machen sollte. Meine Aufgabe ist es, den Patienten zu untersuchen, aber erst nachdem die anderen mit ihrem Kram fertig sind. Ich HÄTTE währenddessen das Schockraumprotokoll ausfüllen können, aber die Idee kam mir in dem Moment nicht. Als die anderen endlich fertig waren – und nichts Dramatisches gefunden hatten – fing ich mit meiner Untersuchung an. Vom Kopf runter zu den Füßen, der Einfachheit wegen. Mein Oberarzt, TJ, der zufällig auch anwesend (aber so hilfreich wie Fußpilz) war, guckte sich noch das Knie des Patienten an, wo es eine große, tiefe Schürfwunde gab. Ich stellte fest, dass der Patient hauptsächlich Schmerzen in der Hüfte hat. Schnell stand die List der erforderlichen Röntgenaufnahmen. Dann bemerkte ich, dass der Anästhesist inzwischen verschwunden war. An sich war das OK, weil der Patient stabil war – aber er hatte sich nicht bei mir abgemeldet! Hmpf. Nun ja, ich ging los, um die Röntgenbilder anzumelden. Der Patient bekam auch noch ein CT von Becken und Abdomen später, und ich bekam Mecker vom Allgemeinchirurgen, weil es meine Aufgabe ist, beim Patienten zu bleiben bis die Diagnostik gelaufen ist. Ich darf nicht einfach abhauen, und ihn da alleine stehen lassen. Hm, hat er recht. Wir halten fest: das lief nicht optimal alles, aber in dem Fall war das nicht so schlimm, weil der Patient nicht vital bedroht war. Es kam übrigens heraus, dass er eine vordere und hintere Beckenringfraktur, eine Acetabulumfraktur und vermutlich auch eine kleine Leberlazeration hat.
Gefühlte 6 Stunden später war ich endlich fertig mit meinem ersten Schockraumpatienten und konnte mich wieder dem Rest widmen. Auch nicht sooo trivial: Kind mit mehreren, ziemlich tiefen Hundebissverletzungen an der Hand und eine alte Dame mit luxierter Hüft-TEP.
Der Dienst am Sonntag verlief ruhiger. Kein Schockraum, nichts Schlimmes. Nur noch ein verunfallter Motorradfahrer, der sich aber “lediglich” die Schulter luxiert hatte. Etwas Bammel hatte ich da aber auch, denn ich kann nicht behaupten, viel Routine im Reponieren von Schultern zu haben. Ich habe es einige Male gemacht, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und die Analgosedierung dazu habe ich noch nie selbst gemacht. Also schnell noch einen Blick ins Buch geworfen, bevor ich das Dormicum gespritzt hab. Der Patient schien immer noch Schmerzen zu haben, wirkte aber sonst ganz entspannt, so dass ich es wagte, die Reposition zu probieren. Ich wollte es so machen, wie es mir Lieblingskollegin beigebracht hat: keine ruckartigen Bewegungen, langsamer, kontinuierlich stärker werdender Zug. Ich zog. Der Patient ließ gut locker. Ich zog mehr. Noch tat sich nichts. Eine Schwester zog den arm etwas nach lateral, ich steigerte weiter meinen Zug – und plötzlich machte es *plopp* und die Schulter war drin. Sofort ließen die Schmerzen nach und ich bekam einen Adrenalinschub. Am liebsten hätte ich vor Freude laut gejubelt. So gut hatte das noch die geklappt mit der Schulterreposition!
Heute habe ich frei, diese Woche Gott sei Dank keinen Dienst.