Spiel mit dem Feuer

1. März 2010 geschrieben von Annette

Als ich gestern Abend zum Nachtdienst kam, sah ich sofort, dass da Leben im Schockraum war. Die Tür stand weit offen, es rannten geschäftig gestresst aussehende Pfleger rein und raus, aus dem Raum kam das Piepsen des Oxymeters und ich sah TJ am Kopfende eines Patienten stehen, der in der Mitte des Raums auf dem Röntgentisch lag. An der Seite fummelte ein Anästhesist was herum, alle sahen sehr ernst aus. Ich ging erstmal schweigend vorbei und brachte meine Sachen in den Aufenthaltsraum, dann sah ich mir an, was los war. Da lag ein junger Mann auf dem Tisch, komplett entkleidet, mit krebsroter Haut fast vom Scheitel bis zur Sohle, und jeder Menge Brandblasen an den Händen und im Gesicht. TJ hielt ihm eine Sauerstoffmaske auf die Nase und versuchte den Unterkiefer mittels C-Griff zu schließen. Der Junge jammerte nur müde “Es brennt… es brennt….”. Mit der anderen Hand hielt TJ ein Telefon an sein Ohr. Ich ihn nur was von wechselnder Vigilanz faseln und ob sie (die Klinik am anderen Ende der Leitung) ihn (den Patienten) übernehmen könnten.

Später kam er wütend in den Stützpunkt: “Sowas hasse ich! Der Notarzt hat ihn mit erstgradigen Verbrennungen angekündigt. Kein Wort von Inhalationstrauma!” Und zwar hatte ein Jugendlicher wohl auf einem Dach gespielt und ist dabei irgendwie in einen Kaminschaft gefallen. Da blieb er stecken und musste von der Feuerwehr gerettet werden. Das hatte fast eine Stunde gedauert. Er hatte Verbrennungen an 60% der Körperoberfläche, zum Teil zweitgradig. Und die Blasen um Mund und Nase und die immer weiter sinkende Sättigung waren klare Anzeichen für ein Inhalationstrauma. Eine solch schwere Verletzung gehört in ein Verbrennugnszentrum und nicht zu uns. Nachdem bei uns wohl mal ein Jugendlicher gestorben ist mit schweren Verbrennungen, gibt es bei uns die ganz klare Anweisung, alles über 20% Körperoberfläche gar nicht erst anzunehmen. Gott sei Dank war das nächste Verbrennungszentrum schnell informiert und die erklärten sich bereit, den Patienten zu übernehmen. Er wurde noch bei uns im Schockraum intubiert und ging dann als Intensivtransport zum nächsten Verbrennungszentrum.

Puh, ich hoffe der junge Kerl überlebt das. :-(

Die Wahl zwischen Blut und Sauce

28. Februar 2010 geschrieben von Annette

Erstmal danke an alle, die mich aufmuntern wollten. Job hat auch schon wieder Spaß gemacht gestern und vorgestern – auch wenn ich wieder meine verhassten Nachtdienste machen musste. Diesmal gab’s allerdings keine Besoffenen und auch keine Rückenschmerzen seit 3 Monaten, sondern halbwegs echte Notfälle. Freitag Nacht um 2Uhr kam eine ältere Frau mit dem Rettungsdienst, die von ihrem Mann gegen das Knie getreten wurde. Die Schwestern setzten die “etwas” fettleibige Frau in einen Rollstuhl – warum auch immer. Um ein Knie richtig zu untersuchen, muss der Patient eigentlich liegen. Egal, jedenfalls hob die Frau das Hosenbein hoch. Und darunter kam ein dicker, dicker Bluterguss zum Vorschein! So dick, dass es schon Spannungsblasen gab. Bei der Leibesfülle war das Knie nicht einfach zu untersuchen, aber ich fand, dass sie keinen Erguss hatte. Scheinbar hatte es nur unter Haut kräftig eingeblutet. Im Röntgenbild ergab sich der Verdacht auf eine winzige Tibiakopffraktur und so bastelten wir der Frau eine Oberschenkelschiene. Die Schiene sieht ziemlich lustig aus, da die Frau Mords-X-Beine hat! Da ist ein Knick von locker über 20° drin!

Noch spannender wurde es heute Nacht um 3Uhr. Da kam eine noch ältere Dame, die im Bad gestürzt und gegen ein Katzenklo gefallen war. Um die Katzen nicht zu wecken hatte sie das Deckenlicht nicht angemacht, sondern war mit der Taschenlampe unterwegs. Dumme Idee, jetzt hat sie sich – Marcumarpatientin! – einen ca. 25 x 10cm großen Hautlappen am Unterschenkel eingerissen. Das blutete wie ein abgeschlachtetes Schwein und die Haut samt Unterhautfettgewebe hing da so herum. Ich infiltrierte alles fleißig mit Lokalanästhetikum und begann dann, erstmal den großen Bluterguss zu beseitigen. Die Blutkoagel ließen sich prima abzupfen, die Faszie war tadellos intakt, es hatte also wirklich nur die Haut erwischt. Eine kleine Arterie spritze mich an und versaute mir meine letzte saubere Hose (die ich gerade erst frisch angezogen hatte!). Ich machte eine Umstechung, legte noch eine Drainage ein und zusammen mit meinem Erstdienstkollegen, Wassili (ja, der wurde jetzt zum Erstdienst erhoben!), nähte ich den Hautlappen wieder passgerecht an. Sah auch wieder aus wie neu hinterher. Bleibt abzuwarten, ob das verheilt, weil die Haut durch Cortisoneinnahme sehr dünn ist.

Jedenfalls hab ich jetzt keine saubere Hose mehr. Drei sind in der Wäsche und zwei hab ich noch im Schrank zur Auswahl: eine mit Blutspritzern und eine mit Saucenspritzern aus der Kantine…. wenn ich die mit Blut anziehe, sehe ich wenigstens aus wie ein Chirurg, oder?

Kleine Sinnkrise

26. Februar 2010 geschrieben von Annette

Ich glaube, ich habe gerade meinen ersten kleinen Tiefpunkt im Job erreicht. Ganz besonders schlimm ist es morgens, wenn ich zur Arbeit gehe. Gestern kam ich in die Ambulanz und mir fielen 5 leere Kaffeetassen, 3 Wasserkannen und zwei Gläser auf, die auf dem Schreibtisch standen. Da bin ich erstmal kurz ausgetickt und habe alle um mich herum angeschnauzt. Im Laufe des Tages habe ich meine Arbeitsvermeidungstaktiken weiter perfektioniert – bis ich mittags die OP Vorbereitungen machen konnte. Früher war das der Teil, der mir am wenigstens gefallen hat. Mittlerweile mache ich das lieber als den restlichen Ambulanzkram. Das ist wenigstens einfach: ein paar Fragen stellen, ein bisschen halbherzig untersuchen und ne OP Aufklärung machen. Damit bin ich bis zur Röntgenbesprechung beschäftigt. Danach hab ich dann entweder frei oder es folgt endlich wieder Notfallambulanzkram. Hauptsache die bsch… Sprechstunde ist rum. Ich kann keine Patienten mehr sehen mit unerklärlichen Schmerzen, die wochenlang rumpienzen und eine Krankschreibung nach der anderen fordern. Gestern durfte ich dann sogar noch die Chefsprechstunde machen. Da kann man für 2 Stunden sein Gehirn komplett auf Leerlauf schalten und den Chef glücklich machen, wenn man die Privatrezepte schon fertig ausgefüllt hat, bevor er sie dem Patienten geben will.

Ich weiß nicht, ob es mit der Ambulanz zusammen hängt, mit den vielen freien Tagen, die ich in letzter Zeit hatte oder dem besch******* Dienstplan nächsten Monat. Aber im Moment freue ich mich so gar nicht auf die Arbeit. :-(

Hypertensive Krise

18. Februar 2010 geschrieben von Annette

Nein, es handelt sich nicht um einen Notfall bei einem Patienten, sondern um die völlige Dekompensation der beiden diensthabenden Unfallchirurgen gestern. Ich war einer davon.

Am frühen Abend suchte eine Mutter mit ihrer 14jährigen Tochter unsere Notaufnahme auf. Das Mädel war am Montag, also schon vor 3 Tagen, vom Pferd gefallen mit dabei mit dem Kopf gegen eine Bande geknallt. Zuerst war es wohl nicht so schlimm, aber dann nahmen die Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich zu, bis das arme Mädchen den Kopf kaum noch bewegen konnte. Ich nahm mich ihrer an. Was mir zuerst auffiel, war, dass eigentlich immer die Mutter antwortete, wenn ich das Mädchen was gefragt habe. Sowas nervt. Und das allererste, was mir die Mutter erzählte, war, dass bei ihrer Tochter vor einigen Jahren zwei Halswirbel “rausgesprungen” waren, wie sie sich ausdrückte, und die mehrfach wieder eingerenkt wurden. “Wie rausgesprungen?” war meine Frage. Ich erklärte der Mama also erstmal, dass wahrscheinlich nur eine harmlose Wirbelblockade gemeint war, denn wenn ein Wirbel tatsächlich rausspringen würde, hätte das eine Notfall-OP und möglicherweise eine Querschnittslähmung zur Folge. Das Gespräch war sehr anstrengend, weil die Mutter mich praktisch nie ausreden ließ und das Kind kaum zu Wort kam. Letztendlich wollte ich dann unser übliches Programm bei HWS Distorsion abspulen: eine Röntgenbild machen, Schmerzmittel verschreiben und abwarten. “Ein Röntgenbild hätten wir ja auch in Krankenhaus XY machen können! Ich habe den Oberarzt soundso angerufen und der hat gesagt, ein Röntgenbild nützt nichts, wir müssen ein MRT machen und deswegen sind wir hier.” Aha. Ich liebe das! Kollegen aus anderen Krankenhäusern, die einem immer im Dienst Patienten schicken und denen einreden, man müsse SOFORT notfallmäßig ein MRT machen und das ginge nur bei uns. Ich habe also versucht, der Mutter zu erklären, dass ich keinen medizinischen Grund dafür sehe, JETZT ein MRT zu machen und erstmal röntgen würde. Da wurde die Frau ganz aufgebracht. Egal, was ich ihr versucht habe zu erklären, sie war absolut beratungsresistent. Ich sagte, ich werde mal beim Radiologen nachfragen, ob wir ein Notfall MRT bekommen.

Ich verließ das Zimmer mit gefühlten RR 200/120 und war kurz davor, mit meinem Reflexhammer irgendwen zu erschlagen. Die Schwestern grinsten mich nur an, die wussten sofort, mit welchem Patienten ich wohl gerade gesprochen hatte. Pflichtbewusst rief ich die Radiologin an. Die musste sich zurückhalten, nicht gleich laut zu lachen, als ich die Wörter “MRT” und “jetzt” erwähnt habe. Man könne wohl morgen eins machen, aber bestimmt nicht jetzt und schon gar nicht ohne vorheriges konventionelles Röntgenbild.

Zurück zur Mutter. Ich erklärte ihr das, aber sie stellte sich quer. So könne sie doch ihr Kind nicht lassen! Das Kind hat Schmerzen! Das geht doch nicht! *kopfgegenWandhau* Abermals versuchte ich zu erklären, dass das Mädchen wahrscheinlich nur eine HWS Distorsion hat, sowas eben weh tut, man den Kopf nicht drehen kann und es sogar hin und wieder knirscht, wenn man es doch versucht.

Da half nur noch Stefan, mein Erstdienstkollege. Zunächst versuchte der mir süffisant zu erklären, wie man mit schwierigen Patienten umgeht – eine Viertelstunde später kam auch er kochend und fluchend wieder aus dem Untersuchungszimmer raus. Wieder erzählte die Mutter die Geschichte von den rausgesprungenen Wirbeln (und auch Stefan erklärte ihr, dass sowas nicht sein kann) und wieder ließ sie einen nicht ausreden. Stefan wurde sogar noch etwas deutlicher als ich: “Das versuche ich Ihnen ja grad zu erklären, aber Sie lassen mich gar nicht ausreden!”

Wir einigten uns darauf, ein Röntgenbild zu machen und abzuwarten. Wenn ich Pech habe, taucht die Mutter heute wieder auf und wird das MRT einfordern….

Äh, ja, was ist das jetzt für ne Fraktur??

16. Februar 2010 geschrieben von Annette

Zwei Tage voller Zweckentfremdung hinter mir. Neuerdings sind nicht nur die Patienten krank, sondern auch die Kollegen. So dezimierte sich unsere Besetzung insgesamt etwas, unsere Ambulanzbesetzung schrumpfte von sonst 3 auf jetzt 2. Gar nicht soooo schlimm eigentlich, aber Montage sind eben Montage und da will immer unbedingt die halbe Stadt ins Krankenhaus. Wartezeiten von 7 Stunden waren an der Tagesordnung. Wie wohl die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind auch wir überbelegt, alle Bettenstationen, auch die der Kollegen, sind voll und es kampieren bis zu 5 (!) Patienten auf dem Flur einer einzigen Station. Kurz gesagt: wäre ich nicht gerade eine Woche im “Urlaub” gewesen, hätte ich Montag ordentlich auf den Flur gek****. So aber hält sich meine Laune über Wasser, da ich in 2 Tagen schon wieder den nächsten Urlaub antrete. Ach ja, die Überbelegung plus Krankheit der Mitarbeiter erforderte ganz neue Qualitäten von mir: OP Termine verschieben. Alles, was nur irgendwie noch ne Woche ohne OP durchhält wurde diese Woche aus dem OP Programm geschmissen und mir oblag es, die Patienten telefonisch darüber zu informieren. Manche nahmen es mit Fassung, andere murrten, sie hätten doch schon seit 7 Monaten Schmerzen und man müsse doch endlich was tun. Zwei Patienten erreichte ich gleich gar nicht, aber mehr als auf den AB sprechen kann ich auch nicht tun. Pech gehabt. Diese Telefoniererei geht einem jedenfalls nochmal zusätzlich auf die Nerven in ohnehin stressigen Zeiten. Und dann erreichte mich gestern noch ein wütender Angehöriger einer alten Dame aus dem Pflegeheim. Die liegt seit etwa einer Woche bei uns herum und soll eigentlich am Arm operiert werden. Leider wurde ihre OP schon zweimal verschoben. Ich kenne zwar weder die Patientin noch mache ich den OP Plan, aber ich arme Sau war am anderen ende der Telefonleitung, als der Bruder der Patientin seinen gesamten Frust abladen wollte. Da hilft nur ruhig bleiben, tief durchatmen, Verständnis signalisieren und argumentieren. Letztendlich konnte ich den aufgebrachten Mann leicht beruhigen, was seiner Schwester jetzt auch nicht weiter hilft. Aber was soll man machen? Es ist Fall-zeit. Alle Leute klatschen hin auf den glatten Straßen und da sind schon üble Frakturen dabei.

Mein heutiges Highlight war eine rüstige alte Dame, die auf ihrer Terrasse gestürzt war. Rein äußerlich sah ihr Ellenbogen schon so aus, als wäre er gebrochen. Das Röntgenbild überraschte mich dann etwas: der Ellenbogen sah so aus, als wäre er schonmal gebrochen gewesen. “Ja, vor ungefähr 30 Jahren!” Nach nochmaligen Nachfragen erzählte die Patientin, das sei in ihrer Kindheit gewesen, woraufhin ich ihr vorgerechnet habe, dass das dann doch eher ca. 70 Jahre her sein muss. Egal. Gebrochen war irgendwas, aber was jetzt, konnte man nicht so richtig erkennen. Ein CT musste her. Der nette Radiologe veranlasste dies sogleich. Im CT sah der Ellenbogen dann noch viel gruseliger aus. Da waren Knochenstücke, wo normalerweise keine sind, Zysten ohne Ende, knöcherne Anbauten, alles! Irgendwo mittendrin waren auch ein paar frische Frakturlinien, aber der ganze Ellenbogen ist schon durch die Verletzung vor 70 Jahren so hinüber, dass man kaum noch normale Anatomie findet. Da also weder ich noch der Oberarzt jetzt eine passende Frakturbezeichnung finden konnten, läuft das jetzt unter dem Oberbegriff “distale Humerusfraktur”. Ob’s operiert werden muss, wird morgen der Chef festlegen, da waren der OA und ich uns nämlich auch nicht einig.

Fortbilden bildet :-)

14. Februar 2010 geschrieben von Annette

Blöder Titel für einen Blogeintrag, oder? Ist doch klar, dass man was auf Fortbildungen lernt! Aaaaaber, man lernt auch Dinge der ganz anderen Sorte! Jaja, man trifft Kollegen und tauscht sich mit denen aus und man trifft auch Vertreter irgendwelcher Firmen, mit denen man sich unterhalten kann. Ich habe jetzt aber auch die wirklich angenehme Seite von Ärztefortbildungen kennen gelernt: Uuuuuuuuurlaub! Ihr kennt ja sicher das alte Vorurteil, Ärzte würden sich Reisen in die Karibik von Pharmafirmen spendieren lassen und so. Nun ja, es war nicht die Karibik und gesponsort wurde mir auch nichts, aber immerhin gibt es schlechtere Orte für eine Fortbildung als einen Skiort in den Dolomiten. Drauf gebracht hat mich eine gute Freundin, die von irgendwem erfahren hatte, dass es einmal im Jahr einen Arthroskopiekurs in Südtirol gäbe. Zuerst war ich sehr skeptisch und zögerte mit der Buchung. Immerhin ist der Kurs nicht ganz billig und dann auch noch sooo weit weg. Ich ließ mich aber überreden und sicherte mir schonmal frühzeitig Urlaub für den betreffenden Zeitraum, damit da auch ja nichts anbrennt. Im Nachhinein bekam ich vom Chef für die Zeit sogar Fortbildungsfrei und einen kleinen Beitrag der Reisekosten erstattet (der aber in Anbetracht der Gesamtkosten wirklich kaum der Rede wert ist)!

Moment mal, könnte man jetzt denken, was hat es denn für einen Sinn, eine Fortbildung in einem Skigebiet zu machen? Da hat man doch nichts von. Doch! Die Veranstalter haben den Zeitplan sehr schlau gestaltet. Das Fortbildungsprogramm fand morgens und abends statt, so dass genug Zeit blieb, Sonne und Schnee zu genießen.

Das erste Mal hat’s mich am Tag unserer Ankunft umgehaun. Ich wusste ja gar nicht, dass die Dolomiten im Winter SO cool sind! Berge und Schnee, Schnee, Schnee soweit das Auge reicht! Da am ersten Tag nur abends Seminare stattfanden, nutzen meine Kollegin und ich den Tag für erste Versuche auf der Piste. Ich lernte dann sogleich die Gefahren kennen, die mit so einer Kombination aus Bildung und Freizeit verbunden sind: ich packte mich nämlich richtig schön auf die Fr****, dass es nur so knirschte in meiner Halswirbelsäule. Jetzt verstehe ich, was die Leute immer meinen, sie hätten etwas “knacken” gehört, wenn sie auf den Kopf fallen. Gegen Abend kamen sie dann auch, die fiesen Nacken- und Kopfschmerzen. Ich hatte mir eine richtig schöne HWS Distorsion zugezogen. Ohne Ibuprofen alle 3 bis 4 Stunden ging bei mir für den Rest der Woche gar nichts mehr.

Am nächsten Morgen durften wir das erste Mal arthroskopieren. Dazu hatten die Veranstalter einen Haufen Medizintechnikfirmen eingeladen, die jede Menge Simulatoren mitgebracht hatten. Am ersten Tag konnten wir an Modellen Kniee spiegeln und Menikus nähen oder resezieren. Das war seeeehr cool. Ich war anfangs noch etwas zaghaft. Es gab kein vorgelegtes Programm, niemand nahm einen an die Hand. Man musste von selbst auf einen Tutor zugehen und sagen “ich möchte jetzt mal das und das üben”. Dann wurde einem auch alles sehr geduldig und professionell erklärt und gezeigt – egal ob man Assistent im 1. WBJ oder ein erfahrener Chirurg war. Für jedes Niveau gab’s was zu tun. Ich machte mich zunehmend mit der Handhabung des Arthroskops vertraut, wie man es hält, wie man den Blickwinkel verändern kann und wie man mit der zweiten Hand Instrumente verwendet.

Am zweiten Tag kam dann doch Sponsoring ins Spiel. Eine große Firma, die Orthesen und Bandagen herstellt, spendierte uns (immerhin 250 Mann insgesamt) einen zweitägigen Ski- oder Snowboardkurs. Zu schlecht für die Fortgeschrittenen landete ich bei den Snowboardanfängern. Das war zwar etwas langweilig für mich, aber immerhin konnte ich einige Fehler ausmerzen, die sich mit der Zeit in meine Technik eingeschlichen hatten. Die übrigen Kursteilnehmer, von denen einige schon zum 5. mal dabei waren (!), überredeten mich, abends nach dem Hüttenabend die Nachtabfahrt zu wagen. Immerhin kannte ich die Piste, weil es die gleiche war, die wir schon mit dem Anfängerkurs am selben Tag gefahren waren, aber trotzdem… so ganz ohne Licht und dann noch mit ein paar Umdrehungen intus… egal, ich ließ mich breitschlagen. Für die anderen war es wohl ein ganz tolles Erlebnis, für mich eher ein Horrortrip. Ich sah teilweise wirklich gar nichts. Nur, dass das Schwarze da hinten Wald war und das Weißliche davor die Piste sein musste. Aber ob die jetzt irgendwohin abbog oder einfach nur etwas steiler wurde und nach unten verschwand – ich sah es nicht. Ebenso sah ich keine Bodenwellen und keine Eisplatten. Es dauerte also nicht lange, bis es mich das erste mal vom Board holte. Sturz = Angst = noch mehr Stürzte. So polterte ich immer weiter der Talstation entgegen. Einmal fiel ich auf meinen Arm und ein stechender Schmerz durchzuckte meine Schulter. Für ein paar Sekunden konnte ich sie nicht mehr bewegen. Schei*e! Ausgekugelt? Ah, nein, geht wieder zu bewegen, Glück gehabt. Ich fuhr weiter. Endlich waren die Lichter der Talstation in Sicht, alle anderen hatten mich schon vor langem überholt. Da riss es mich nochmal hin und ich knallte voll aufs Gesicht. Ich trage natürlich immer einen Helm, aber ich donnerte genau auf meinen Jochbogen. Wieder knirschte es heftig und noch dazu sah ich einen Lichtblitz. Erstmal durchchecken: nicht bewusstlos, kein Blut, also weiter fahren. Unten angekommen überprüfte ich nochmal alles: nur eine leichte Schwellung der Oberlippe, keine gebrochene Nase, das Auge in Ordnung, keine Fehlstellung tastbar. Ein bisschen Kopfschmerzen und leichte Übelkeit bekam ich auch am nächsten Tag, aber nichts wirklich Schlimmes. In der Ambulanz hätte ich das als Schädelprellung gewertet und gesagt “nun stellen Sie sich mal nicht so an, das geht wieder weg”.

An den nächsten Tagen gab es Schultermodelle zum arthroskopieren. Dabei hatte ich bisher nur assistiert und es noch nie selbst gemacht. Ein Tutor erklärte mir, wo man die Portale setzt und dann durfte ich gleich mal ein Labrum refixieren und eine Rotatorenmanschette nähen. Das ging richtig gut! Jetzt bin ich so motiviert, dass ich meinem LOA irgendwie klar machen muss, dass ich in Zukunft gaaaaanz viel arthroskopieren muss. *g*

Snowboardtechnisch ließ ich es in den restlichen Tagen etwas ruhiger angehen, ich gönnte mir auch mal einen Tag Pause. Mich beschleicht aber die Ahnung, dass ich nicht wirklich talentiert bin. Alles in allem war das eine super Fortbildung. Ein ziemlich teurer Spaß auf jeden Fall (ich rechne lieber nicht aus, was ich für Anreise, Hotel, Espresso, Pizza, Pasta und die Fortbildung insgesamt bezahlt habe), aber sowohl lehrreich als auch unterhaltsam. So macht Arztsein Spaß!

Erziehungsmaßnahmen

2. Februar 2010 geschrieben von Annette

Ich bin schon doof. Ich versaue mir ganz oft Gelegenheiten durch Sturheit, Trotz und Stolz. In der Röntgenbesprechung muss ich einfach nur “Ja, Chef, ist gut, Chef, wird gemacht, Chef” sagen, aber statt dessen diskutiere ich herum. Und gestern war wieder so ein Beispiel.

Ich kam um Viertel vor 8 Uhr abends in die Ambulanz, die gerammelt voll war. Die Ablage mit Akten musste wieder mal durch einen zusätzlichen Tisch erweitert werden. Ich bekam vom Tagdienst noch zwei Patienten übergeben und fing selbst drei neue an. Eine davon war eine junge Frau mit Gehirnerschütterung, die bereits in einem anderen Krankenhaus war. Schon dort hatte man ihr empfohlen, sich stationär aufnehmen zu lassen zur Überwachung, sie wollte aber lieber in ein heimatnahes Krankenhaus, nämlich unseres. Ich empfahl ihr ebenfalls die Aufnahme, sie stimmte zu. Dann erzählte ich ihr, dass wir leider keine freien Zimmer mehr haben und sie auf dem Flur übernachten müsse. Das fand sie verständlicherweise nicht so toll und lehnte die Aufnahme wieder ab. Ich schrieb gerade ihren Entlassbrief, als das Telefon klingelte: “Frau Doktor, kommen Sie in den OP!”. Mein Oberarzt hatte Dienst und ich wusste schon, dass das bedeutet, dass ich umgehend dahin muss. Gehen sie nicht über Los, ziehen Sie keine 2000€ ein. Nur den Entlassbrief wollte ich noch fertig schreiben, damit die junge Frau nachhause gehen kann. Es waren noch circa 5 Zeilen, mehr nicht. Ich schrieb die 5 Zeilen.

Grooooooßer Fehler! Ich ging hoch in den OP, voller Vorfreude auf meine erste DHS – aber der Oberarzt ließ sie mich nicht machen. Am Ende der OP fragte er mich, ob ich wüsste wieso. Ich verneinte. “Tja, Sie waren zu spät!” Da fiel mir die Kinnlade runter. Als ich im OP ankam, war der Patient noch nicht mal im Saal, sondern noch in der Einleitung. Wieder fing ich an mit dem Oberarzt zu diskutieren. Ich erklärte ihm, was ich noch gemacht habe, aber er hatte kein Einsehen. Er meinte, er habe das schonmal mit mir ausdiskutiert und so lange ich nicht tue, was er sagt, dürfe ich nicht operieren. Meine Laune war natürlich hin. Das Schlimme daran ist, dass ich gar kein Einsehen habe und beim nächsten Mal wieder so handeln würde. Ich KANN nicht alles stehen und liegen lassen und in den OP rennen, wenn in der Ambulanz die Hölle los ist. Ich muss doch zumindest meiner Kollegin kurz was übergeben, damit sie meine Arbeit fertig machen kann. Sonst sitzen die Patienten noch weitere 3 Stunden rum wegen nichts.

Schade nur, dass mir so eine wirklich tolle OP entgangen ist.

Der Tag, der sein Leben veränderte

31. Januar 2010 geschrieben von Annette

Manchmal läuft’s so richtig Schei*e. Nicht für mich, aber für einen jungen Mann, 20 Jahre alt.

Ich kam gestern ein bisschen zu spät zum Dienst und schlich mich leise in die schon laufende Röntgenbesprechung. Stefan drehte sich zu mir um, ob ich in die Ambulanz gehen könne. Es käme gleich ein Notarzt mit einem offenen Knie, ich solle das entgegen nehmen. “Klar!” dachte ich und ging in die Ambulanz. Die war übrigens zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen leer. Kurz darauf kam der Rettungswagen, ohne Notarzt, aber mit dem angekündigten offenen Knie. Es handelte sich um einen jungen Mann in einem feinen Anzug, dem der Rettungsdienst das eine Hosenbein aufgeschnitten hatte, wo mich dann auch schon ein Trümmerhaufen ansah, der früher mal die Kniescheibe war. Etwas weiter unten am selben Bein stand der Fuß so komisch zur Seite. Beim restlichen Bodycheck entdeckte ich an einem Unterarm noch einen Knochen, der etwas komisch durch die Haut zu pieken drohte. In den Röntgenbildern zeigten sich eine Reihe von Verletzungen: ein Pneumothorax, eine Ulnaschaftfraktur, die zertrümmerte Kniescheibe und zu allem Überfluss noch ein total kaputtes Sprungbein. Schei*e. Eine Talusfraktur in dem Ausmaß ist eine der übleren Frakturen, die man haben kann. Noch dazu war das untere Sprunggelenk luxiert. Der Mann wird nie wieder normal laufen können.

Auf den armen diensthabenden Oberarzt kam ein wahres Opus zu. Insgesamt haben wir wohl 6 Stunden an dem Mann operiert. Zuerst den Talus. Der bestand aus endlosen Bröseln und Fragmenten, so dass nicht mal klar war, welches Teil wohin gehört. Wir haben OSG und USG gut reponiert bekommen, aber der Talus an sich hat jetzt eine ganze Menge Defekte und vier Schrauben drin. Als nächstes kam die Kniescheibe dran. Die ließ sich ganz gut zusammenpuzzeln, aber auch hier gab es massig Defekte. Der Oberarzt, Greene, bohrte einen Draht man dem anderen rein und zum Schluss die Zuggurtung. Dann sah die Kniescheibe aus wie ein Igel. Greene überlegte, welchen Draht er wieder entfernen könnte, ohne dass alles wieder auseinander fällt. Viel blieb da nicht. Die Patella besteht jetzt also zu einem erheblichen Teil aus Draht. Den letzten Teil der OP, die Ulnafraktur, hat dann meine Zweitdienstkollegin gemacht, damit ich eine Pause habe und was essen konnte.

Das beste an der Sache war aber der Vater des jungen Mannes. Vor der OP hatte Greene mit ihm gesprochen am Telefon. Er könne jetzt nicht kommen, er hätte eine Karnevalssitzung und müsse arbeiten. Aber Greene solle seinem Sohn einen Gruß im Namen der Karnevalsgesellschaft ausrichten. Da fehlen einem doch die Worte für sowas….

Als ich aus dem OP kam, war die Ambulanz übrigens am platzen. Gefühlte 1000 Leute waren wegen Glatteis auf den A**** gestürzt oder den Arm, wir hatten Wartezeiten von über 7 Stunden… und manche Leute hatten echt NIX. Gar nichts! Und wegen sowas sitzen die 7 Stunden im Warteraum rum. Boah… manche haben echt nix zu tun.

Wie bei emergency room!

29. Januar 2010 geschrieben von Annette

Und da behaupte nochmal einer, emergency room wäre unrealistisch. OKKKKK, bei uns geht es nicht jeden Tag so zu, aber diese Woche hätte man meinen können, wir befänden uns in Chicago – oder zumindest in einer deutschen Großstadt, in der was los ist.

Fall Nummer 1 war ein Bauarbeiter, auf den ein Gerüst gestürzt war. Aber los ging die Geschichte eigentlich ganz typisch mir einem VOLLAUSSETZER der Rettungsdienstleitstelle. Eben diese rief nämlich an, sie würden einen Patienten bringen, der von einem Gerüst gefallen sei. Auf die Frage hin, ob wir unser Schockraumprozedere aktivieren sollten, kam nur ein “Ähhhmmmm… hmmm…. nee, Patient ist stabil.” Mir grummelte es dabei schon leicht im Magen. Es komtm doch öfter mal vor, dass die angekündigte Commotio eine Hirnblutung ist und quasi schon unterwegs intubiert werden muss und es ist immer noch besser zu de-eskalieren als mit einem kreislaufinstabilen Patienten dazustehen und kein Anästhesist, Bauchchirurg, Radiologe oder Oberarzt weit und breit. Jedenfalls klingelte 5 Minten später unser Telefon, der Patient wäre jetzt doch instabil und Anästhesieanwesenheit erwünscht. Er war dann auch nicht vom Gerüst gefallen sondern das Gerüst auf ihn. Vom Notarzt war er schmerz- und betäubungstechnisch so abgeschossen, dass er, obwohl er wach war, uns nichts mehr erzählen konnte. Meine Erstdienst, Uli, drückt kurz aufs Becken – welches dann wohl auch wackelte wie ein Wasserbett. Instabile Beckenfraktur also. Der Blutdruck rauschte immer weiter in den Keller. Im CT zeigte sich dann, dass das Becken wirklich TOTAL kaputt war und es retroperitoneal schon ein riesiges Hämatom gab. Glücklicherweise war im Bauch alles OK und auch im Kopf, so dass das Becken unsere Baustelle blieb. Im CT musste der Patient dann doch intubiert werden und wir fingen an, Blutkonserven in ihn hineinzudrücken. In Windeseile landete er im OP, wo der Crack ihm ruckzuck mit zwei Schrauben das Becken stabilisierte (Beckenzwinge wollte er vorher irgendwie nicht). Trotzdem ging es mit dem Patienten rapide bergab, es spritze aus einem Gefäß heraus – vermutlich die übliche Verdächtige: die A. glutea superior. Also ab in die Angio. Aber Sch***, ausgerechnet heute wird die Angio gewartet und kann nicht benutzt werden! Kurzerhand organisierte unser Chef, dass wir stattdessen das Herzkatheterlabor benutzen durften. Ein paar Coils später stand die Blutung dann auch endlich. Insgesamt hat er 37 Blutkonserven gebraucht.

Fall Nummer 2 ist vielleicht weniger dramatisch, aber mindestens ebenso spannend. Die Polizei hat uns jemanden gebracht, dem ins Bein geschossen wurde. Im Röntgen zeigte sich ein Trümmerbruch des Oberschenkels – und in einem der Fragmente steckt auch noch die Kugel. Klare Sache: Bruch muss operiert und die Kugel ggf. rausgeholt werden. aber ist dem Patienten das klar? Nööööööö! Der lehnt jede OP ab, der ließ sich keine Gipsschiene machen, dem konnte man gerademal notdürftig in einem schwachen Moment einen Verband anlegen, als er sich übergeben musste und mal kurz nicht aufmerksam war. Seitdem liegt er streng bewacht bei uns herum und lehnt nicht nur jede ärztliche Maßnahme, sondern auch Nahrung und Flüssigkeit ab.  So ein Penner! Wenn wir Glück haben, wird er heute verlegt.

Return of Sturer Hund

26. Januar 2010 geschrieben von Annette

Das hab ich ja ganz vergessen zu berichten! Am nächsten Morgen war der sture Hund wieder da. Etwas verschmitzt grinsend sah er mich von der Trage des Rettungsdienstes aus an. “Wieder da?” fragte ich. Er zuckte nur, immer noch grinsend, mit den Schultern. “OK, ich hol dann mal die Unterlagen für die stationäre Aufnahme.”

Er erzählte mir, er habe die Schmerzen wohl unterschätzt. Das Schmerzmittel, was er bei uns bekommen hatte, ließ abends nach und dann lag er im Bett und kam nicht mehr raus. Die ganze Nacht hätte er aufs Klo gemusst, konnte aber nicht. Deswegen hat er dann doch den Rettungsdienst gerufen und kam reumütig zurück.  Mittlerweile haben wir ihn operiert – sowohl am Oberarm als auch am Daumen – und bisher ist nichts berichtet worden, dass es ihm irgendwie schlecht ginge.

Und mir selbst… nun ja, erging es wie immer. Ambulanz ist eben doch Routine. Zwar hat man immer wieder mal spannende Fälle dazwischen, aber der Ablauf ist soooo stur. Morgens kommen die Sprechstundenpatienten. Wunde kontrollieren – aha, alles gut – Bewegungsausmaß testen – soso, schon besser geworden – neues Rezept ausfüllen, weiter krank schreiben – kommen Sie in 2 Wochen wieder, bitte, danke, der Nächste bitte. Zwischendurch kommen die “Notfälle”: Fuß umgeknickt, Knie verdreht, auf die Hand gefallen, im Pflegeheim aus dem Bett geplumpst. Ab Mittags kommen die Patienten zur OP Aufklärung, die am Folgetag aufgenommen und operiert werden sollen. Danach ist dann Feierabend, wenn man nicht grad Dienst hat.

Ach ja, für meine letzte OP neulich hat mir der OP Pfleger einen Obulus abgequatscht. Schon wieder Kuchen fand ich jetzt langweilig, da habe ich einfach mal Weißwürste, süßen Senf und alkoholfreies Weizen mitgebracht. Schade, dass ich nicht bleiben konnte um selber mitzuessen. Aber ich glaube, die Leute haben sich drüber gefreut. :-)