Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 1.Stelle Psychiatrie kündigen? Bitte um Rat
Das entspricht auch ungefähr Godwin's Gesetz ;-)
Zum eigentlichen Thema: es wird immer wieder Dinge geben bei denen man als noch dazu unerfahrenster Assistenzarzt anderer Meinung ist als ein Facharzt/Oberarzt/Chefarzt. Vor allem in Grenzfällen. In der Psychiatrie mögen es Zwangsmaßnahmen sein, in der Chirurgie halt die OP-Indikationen. Und wenn man dann eine andere Meinung hat bzgl. der OP-Indikation? Klärt man dann die Patienten nicht auf und lässt sie für die OP unterschreiben? Spannend. Kann man machen. Dann viel Spaß.
Ich für meinen Teil hab das so gehandhabt, dass ich die Aufklärungen durchgeführt hab. Klare Arbeitsaufträge, das hab ich zu tun und Verantwortung liegt nicht bei mir. Und mir bei Indikationen die meiner Meinung nach grenzwertig waren manchmal zusätzlich die Meinung anderer Fachärzte eingeholt hab. Manchmal. Nicht immer. Und mit einer anderen Intention. Nicht um eine Bestätigung für eine Verweigerungshaltung zu haben sondern um zu lernen. Verschiedene Meinungen zu Grenzfällen zu hören um später selbst bei Grenzfällen eine Entscheidung treffen zu können.
Grenzfälle in der Gefäßchirurgie sind beispielsweise: Pseudookklusion bei Carotiden, PAUs die noch nicht die klassischen Kriterien für eine BAA-Ausschaltung erfüllen, Amputationshöhen, Entscheidung ob Maximalvariante (z.B. Fem-TEA + Stent AIC + Revaskularisierung AFS mit Stents und PTA Unterschenkelbereich) vs. primär erstmal Intervention (Stent AIC) und schauen ob das nicht schon reicht. usw.
Es gibt einfach sehr viele Sachen, auch sehr viele Schulen diesbezüglich, das schaut man sich als Assistenzarzt an und als Facharzt ist man (hoffentlich) reif genug diese Entscheidungen dann zu treffen.
Arbeitsverweigerung gibt beim 1. mal die Abmahnung, beim 2. mal die Kündigung.
Sehe schon den Thread "warum wurde ich fristlos gekündigt ???" in ein paar Wochen hier aufploppen.
Wenn du selbst OA (oder zumindest FA) bist kannst du bei sowas diskutieren, als Assistent wohl eher nicht. Im OP fängt man ja auch nicht an zu diskutieren wenn der Operateur sagt klemm ab. Oder wenn man selbst nicht so hundertprozentig versteht warum der Interventions-Hintergrund eine Intervention doch nicht macht obwohl man sagt gedacht hätte, da wäre noch was zu holen.
Was man natürlich tun kann - wie anignu es beschreibt und ich es dann mache - ist die OÄ zu fragen warum sie oder so entscheiden, um die Gedankengänge zu verstehen.
Ich denke aber auch, dass Deutsche, und Akademiker insbesondere, zu Obrigkeitsdenken neigen. Man muss ja trotz aller Unerfahrenheit nicht blind durchs Berufsleben gehen. Die Therapieentscheidung muss für den ausführenden Arzt nachvollziehbar sein, falls nicht, muss er sich die Information holen, die er dazu braucht- nachlesen, den OA fragen etc. Wenn er dann schlussendlich meint, er könne es nicht guten Gewissens mittragen- dann mit dem OA besprechen. Wenn diese Person nicht ein kompletter Versager ist, erklärt er seine Entscheidung oder bietet letztlich von sich aus an, es alleine zu machen…..Geht ja nicht darum, dass der TE die halbe Tablette mehr für den Blutdruck in Frage stellt oder das Rö-Thorax nicht anmelden möchte. Wenn es denn so ist wie beschrieben, möchte er nicht derartig in die Persönlichkeitsrechte eines Patienten eingreifen, weil er die Indikation dafür nicht sieht. Da kann doch der OA versuchen es zu erläutern oder eben übernehmen!
Blind ausführen ohne Verständnis? Dafür ist die Ausbildung doch da. Und in ein paar Jahren soll man das ja auch selbstständig entscheiden können! Wenn man dann immer nur blind ausgeführt hat („Das wird halt so gemacht, keine Ahnung warum. War schon immer so!“)...
Hatte auch mal eine ähnliche Situation: Im PJ und danach immer Schwangere bzgl. MRT ohne große Bedenken aufgeklärt & Untersuchung angefordert. Dann mal mit einer OÄ gearbeitet (Notaufnahme, also ständig wechselnde Oberärzte und jeder macht es ja bekanntlich anders :-), nicht selten auch genau das Gegenteil vom OA in der letzten Schicht), die eine Patientin ausführlich über Studien aufgeklärt hat, die ein MRT bei Schwangeren nicht so risikofrei sehen. Sie hat natürlich der Patientin die Entscheidung überlassen, aber eben ausführlich darauf hingewiesen. Nachdem ich also nun einen neuen Wissensstand hatte, konnte ich das bei meiner nächsten schwangeren Patientin nicht ausblenden und habe die dann behandelnde OÄ darauf hingewiesen, dass ich die Patientin nicht ohne diesen Hinweis aufklären kann. Sie kannte die Studien nicht, hatte da eine andere Einstellung und dann eben die Aufklärung selbst gemacht. Danach aber mit mir die Studien rausgesucht und sich das Thema genauer angeschaut. Hat mir auch gesagt, dass sie meinen Einwand in meiner Situation gut fand und ich mir diese Haltung bewahren soll. Wir arbeiten auch noch gern miteinander :-)….
Also, so lange man nicht jeden Schritt ständig mit dem OA ausdiskutieren möchte, finde ich einen Einwand sinnvoll, wenn man die Entscheidung eben überhaupt nicht nachvollziehen oder auch nicht guten Gewissens dahinter stehen kann. Letztendlich ist man ja dem Patienten verpflichtet. Ein OA, der nicht mit seinem Ego zu kämpfen hat, kann damit umgehen.
Und einige hier meinen es gehe nur ums Schreiben- aber wie soll man ein Schreiben anfertigen, das einem Richter vorgelegt werden soll, wenn man selbst die Sätze für Unfug hält?… und klar, einige wollen die Verantwortung an den Richter abgeben, aber der Arzt beeinflusst diesen doch- sonst wär das Schreiben ja auch überflüssig. Wie gesagt, es geht nicht um die halbe Tablette mehr oder weniger….und tut auch nicht so als könne nur der Anfänger die Logik dahinter nicht verstehen, mit mehr Berufserfahrung würde er es schon kapieren- wer musste noch nicht von einem OA hören, dass er es komplett anders sieht als sein Kollege und ganz anders vorgehen möchte? ;-)
Auch wenn mein anderer Post schon ziemlich lang ist, aber das ist ja auch so typisch deutsch: Geht nicht, gibt’s nicht, ist verboten!
;-) Klar, es gibt sofort eine Abmahnung, und klar bei der 2. direkt die Kündigung. In der Theorie vielleicht. Darum wundern sich viele auch, warum mancher Kollege noch nicht mal die 1. Abmahnung bekommen hat, und eine Anzeige wegen Verstosses gegen das Arbeitsschutzgesetz -nicht wie in der Theorie- ohne Folgen bleibt oder Staatsanwälte bestimmte Vergehen mangels Interesse gar nicht erst weiter verfolgen. Wo kein Kläger, da kein Richter.
Nicht selten kommen Menschen - auch in D- mit einer Menge durch. Diese Vorstellung, alles hat seine Ordnung und wer nicht gehorcht wird direkt bestraft, ist doch naiv.
Martidoc
18.04.2020, 09:06
@Anignu: Ich versteh zwar was Du meinst, aber finde dass die beiden Fälle trotzdem nicht direkt vergleichbar sind. Wenn Du einen Patienten über eine OP aufklärst (obwohl Du nicht mit der Indikation einverstanden bist), bleibt die Entscheidungsgewalt trotzdem beim Patienten selber. Er kann einwilligen oder ablehnen. Du kannst ihm die Informationen liefern, aber der Patient entscheidet letztlich selber---sein Wille wird nicht gebrochen. In diesem Fall werden ja alle eingeleiteten Maßnahmen vom Schreiben des Attestes bis zur Einreichung und Bewilligung etc. entgegen des Patientenwillens durchgeführt.
Auf dein Beispiel bezogen wäre das eher so: Du bist mit der OP-Indikation nicht einverstanden bzw. siehst es anders als dein Oberarzt. Der Patient lehnt die Operation komplett ab. Trotzdem bekommst Du den Auftrag von deinem Oberarzt ein Schreiben zu erstellen in dem Du formal die Durchführung der Operation beantragst und mehrseitig die Notwendigkeit der Operation Satz für Satz begründest --entgegen des Patientenwillens (der mit der Operation nicht einverstanden ist). Das Beispiel ist für die somatische Medizin eher fiktiv, trifft in der Psychiatrie (v.a. bei Zwangsmaßnahmen) aber ziemlich zu. In der somatischen Medizin ist der Patientenwille halt letztlich entscheidende Instanz--hier nicht.
Ansonsten kann ich nur auf Bellas Post verweisen. Großes Dankeschön von meiner Seite aus. Du hast zu 100% mein Dilemma erfasst und perfekt wiedergegeben. Habe dem wirklich nichts hinzuzufügen:
Und einige hier meinen es gehe nur ums Schreiben- aber wie soll man ein Schreiben anfertigen, das einem Richter vorgelegt werden soll, wenn man selbst die Sätze für Unfug hält?… und klar, einige wollen die Verantwortung an den Richter abgeben, aber der Arzt beeinflusst diesen doch- sonst wär das Schreiben ja auch überflüssig. Wie gesagt, es geht nicht um die halbe Tablette mehr oder weniger….und tut auch nicht so als könne nur der Anfänger die Logik dahinter nicht verstehen, mit mehr Berufserfahrung würde er es schon kapieren- wer musste noch nicht von einem OA hören, dass er es komplett anders sieht als sein Kollege und ganz anders vorgehen möchte?
Genau das. Das Zusammgenfügen der Sätze war schon ein Graus. Bei jedem gebildeten Satz der Gedanke: "Mensch, das siehst Du doch nicht wirklich so!" Und wie Du schon sagtest: Das ganze muss ja dann in einem mehrseitigen Text dahingehend aufgebaut, durchdacht und strukturiert werden, dass ein Richter dem zustimmt wobei man selber überhaupt nicht davon überzeugt ist (zumal meiner knappen Erfahrung nach sich die Juristen in der absoluten Mehrzahl der Maßnahmen nach den Medizinern richten und nur selten entgegen). Vielleicht ist sich der ein oder andere , in der somatischen Medizin tätige Kollege, nicht darüber bewusst was "Attest" in diesem Zusammenhang bedeutet. Das sind keine 2-3 Sätze. Das sind ca.3 vollgeschriebene Din A4-Seiten die die absolute Notwendigkeit einer Zwangsmaßnahme begründen und einen Richter überzeugen sollen.
Und bzgl. der Meinungen von Oberärzten: Auch hier stimme ich dir 100% zu. Wie gesagt, leitender Oberarzt deutlich anderer Meinung. Und nicht nur bzgl. der Zwangsmedikation---auch bzgl. Ausgangsregelung, Medikation etc.
Ich habe die letzten Tage , im Rahmen dieser Diskussion, auch immer wieder über historische Ereignisse hierzulande nochmal nachgedacht. Man müsste meinen, dass das Denken mittlerweile weniger hierarchisch ausgeprägt ist, ist es aber scheinbar nicht. Man müsste meinen, v.a. die Historie betrachtet, dass gerade hierzulande jemand (auch wenn er vielleicht falsch liegen mag) sich aus einer Maßnahme die auch Gewalt/Zwang gegen einen Dritten bedeutet zurückziehen darf wenn er/sie nicht davon überzeugt ist. Man würde meine, dass gerade hierzulande dafür breites Verständnis vorhanden sein müsste. Ist es aber scheinbar nicht.
Und abschließend: Was 1.Abmahnung und 2.Kündigung angeht: so what? Dann ist das halt so. Wenn wir, als Mediziner, quasi mit Jobgarantie und hochgebildet, noch nicht mal in der Lage sind für eigene Überzeugungen/Ideen (auch wenn diese vielleicht falsch sein mögen) einzustehen, dann kann man das auch von niemand anderem erwarten.
Ah jetzt kommt die Nazikeule.
Glückwunsch zum Godwinpunkt.
Nulllinie
18.04.2020, 10:31
@martidoc:
Du schreibst davon für seine Überzeugungen einzustehen, hast aber in einem der ersten Beiträge gemeint "Hab das letzte Woche liegen lassen und einfach nicht gemacht". Wenn man schon die Nazikeule schwingt, dann doch bitte Überzeugender.
Und versteh mich an der Stelle nicht falsch: ich bin absolut kein Fan von Zwangsmaßnahmen und glaube auch, dass man die Zahlen in Deutschland mit einer Änderung im System (Verbesserung der baulichen Voraussetzung, Erhöhung des Stellenschlüssels, in einiger Psychiatrien abschaffen leider noch vorhandener patriarchischer Strukturen zwischen Arzt und Patient) senken könnte. Wir haben noch einen langen Weg vor uns bis zum Erreichen einer "modernen" Psychiatrie.
Aber Dinge liegen zu lassen ist nicht gleichzusetzen mit dafür einzustehen. Was nicht heißen soll, dass du es nächstes Mal nicht anders und aktiver handhabst ;)
Martidoc
19.04.2020, 08:34
@martidoc:
Du schreibst davon für seine Überzeugungen einzustehen, hast aber in einem der ersten Beiträge gemeint "Hab das letzte Woche liegen lassen und einfach nicht gemacht". Wenn man schon die Nazikeule schwingt, dann doch bitte Überzeugender.
Und versteh mich an der Stelle nicht falsch: ich bin absolut kein Fan von Zwangsmaßnahmen und glaube auch, dass man die Zahlen in Deutschland mit einer Änderung im System (Verbesserung der baulichen Voraussetzung, Erhöhung des Stellenschlüssels, in einiger Psychiatrien abschaffen leider noch vorhandener patriarchischer Strukturen zwischen Arzt und Patient) senken könnte. Wir haben noch einen langen Weg vor uns bis zum Erreichen einer "modernen" Psychiatrie.
Aber Dinge liegen zu lassen ist nicht gleichzusetzen mit dafür einzustehen. Was nicht heißen soll, dass du es nächstes Mal nicht anders und aktiver handhabst ;)
Danke für die konstruktive Kritik. Es hatte sich so zugetragen, dass ich trotz der 2maligen Diskussion und unter Beachtung der mir erklärten Bedingungen und im Internet recherchierten Bedingungen einfach nicht von der Maßnahme überzeugt war. Ich hatte mich dann ein paar mal an den PC gesetzt um das Ding zu schreiben, es viel mir aber sehr schwer da es mir tatsächlich so vorkam, dass jeder Satz entgegen meiner Überzeugung war.
Ich hab jetzt nochmal meinen Eingangspost gelesen. Ich muss sagen, dass die dort gewählte Formulierung harsch war und vielleicht das Zugetragene in einem zu extremen bzw. verzerrten Licht erscheinen lässt. Ich weiß nicht mehr den 100% exakten Wortlaut, aber nachdem er meinte ich soll "voran" machen habe ich geantwortet: "Ich habe mich jetzt ein paar mal daran gesetzt, aber es fällt mir sehr schwer und ich komme nicht voran."
Er entgegnete: "Haben Sie denn nicht die Vorlage als Hilfe genommen?"
Ich sagte: "Doch, doch. Aber abgesehen davon, dass ich das ja sowas zum ersten Mal schreibe bin ich nach wie vor irgendwie nicht von der Maßnahme überzeugt. Ich finde, bei einem solchen Maßstab könnte man bei vielen aktuellen Patienten über eine Zwangsmedikation nachdenken. Ich kann verstehen, dass ihre Intention ist, die Wahnsymptomatik zu beenden und der Patientin ein besseres zukünftiges Leben zu ermöglichen, aber für mich bleibt es einfach ein Dilemma. Ich hab jetzt trotz meiner Bedenken ein paar Zeilen zusammengeschrieben. Mehr fällt mir dazu einfach nicht ein."
Er war auch überhaupt nicht irgendwie angepisst oder so. Vielleicht ist das Ganze hier im Forum durch meine Wortwahl in einem falschen Licht erschienen (zumindest habe ich mir eben beim nochmaligen Lesen gedacht, dass dies möglich wäre). Vielleicht ist durch meine Formulierung der Eindruck entstanden ich hätte sowas gesagt wie: "Ich hab da kein Bock drauf, mach ich nicht. Mach selber." So war es selbstverständlich nicht. Das würde ich wohl selbst bei jemandem den ich nicht Leiden kann nicht so machen. Zumal ich zum Oberarzt auch ein gutes Verhältnis habe.
Zum Fettgedruckten: Ich geh da voll mit. Vor allem mit den baulichen Maßnahmen und dem Stellenschlüssel. Die Atmosphäre auf einer Akutstation ist schon echt bedrückend. Weiß auch nicht wie da, psychisch angeschlagene Menschen genesen sollen. Ich denke, dass Hauptproblem ist das psychisch kranke (Schizophrene, Suchtkranke etc.) einfach auch keine wirkliche Lobby haben.
Martidoc
19.04.2020, 08:46
Ich möchte mich in diesem Sinne bei allen die an dem Thread teilgenommen haben bedanken. Die Diskussion ist zwischendurch etwas hitzig geworden, vielleicht wäre es möglich gewesen hier und da etwas deeskalierendere Worte (allerseits) zu wählen. Trotzdem hoffe ich, dass die Diskussion für den ein oder anderen Leser trotzdem interessant gewesen ist und die ein oder andere Formulierung etc. nicht persönlich genommen wurden.
Es ist halt schon die Frage ob Patienten im somatischen Bereich immer eine "vollumfänglich informierte Entscheidung" treffen.
wer musste noch nicht von einem OA hören, dass er es komplett anders sieht als sein Kollege und ganz anders vorgehen möchte?
Und genau darum geht es! Der OA entscheidet. Er ist der Facharzt und übernimmt die Verantwortung. Manchmal gibt es viele Wege die nach Rom führen und als Assistenzarzt kann man sich das anschauen und von jedem Facharzt/Oberarzt/Chefarzt das Beste mitnehmen. Wenn du selbst Facharzt bist kannst du machen was du willst...
Das Zusammgenfügen der Sätze war schon ein Graus. Bei jedem gebildeten Satz der Gedanke: "Mensch, das siehst Du doch nicht wirklich so!"
Und da solltest du tatsächlich an dir arbeiten. Willst du bei allem wo du anderer Meinung bist mit dieser widerstrebenden Einstellung arbeiten? Schon mal an Supervision gedacht?
Ah jetzt kommt die Nazikeule.
Glückwunsch zum Godwinpunkt.
Und ich habs noch gesagt ;-)
Will sagen: bei chirurgischen Aufklärungen kommen ja die Patienten zu einem schon mit dem Willen behandelt zu werden. Das sind ja ganz andere Voraussetzungen. Die grundsätzliche Entscheidung zur positiven Einstellung einer Behandlung ist da ja schon längst getroffen alleine durch die Anwesenheit des Patienten.
Anders als bei Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie
WackenDoc
19.04.2020, 20:33
Ich weiss immer, dass meine männlichen Probanden den Aufklärungsbogen NICHt richtig durchgelesen haben, wenn das Kreuz bei der Frage nach der Schwangerschaft gesetzt ist. Und unten ist auch gerne mal sowohl "ich bin einverstanden" als auch "ich lehne die Impfung ab" angekreuzt.
Matzexc1
19.04.2020, 21:05
Ich weiss immer, dass meine männlichen Probanden den Aufklärungsbogen NICHt richtig durchgelesen haben, wenn das Kreuz bei der Frage nach der Schwangerschaft gesetzt ist.
Erinnert an eine Dr.House Folge wo der Patient den Urin seiner Freundin(keine KV) zur Untersuchung einreichte.
puh sowas habe ich mal ansatzweise, gerade auch in bezug auf "Aufklärung" und "informierte Entscheidung", in einem Gespräch mit einem Medizinethiker vorsichtig angedeutet.... huh kam da zorniger Gegenwind auf mich zu... :D
(machte mir, Jahre nach dem Studium, nochmal klar, wie weit oben im Elfenbeinturm die Medizinethiker leben)
Ich muss ehrlich sagen, dass ich vor Rechtsanwälten mehr Angst habe als vor Medizinethikern, aber das mit dem Elfenbeinturm stimmt und der zornige gegenwind ist mir auch so passiert :-).
cartablanca
27.04.2020, 10:19
Mein Chefarzt hat mich an meinem ersten Tag angewiesen eine Änderung der Medikation voezunehmen die unmittelbar zu einer Komplikation bei der Patientin führte. Aber sie hats gut überstanden ^^ Es kam immer wieder vor dass mich meine Oberärzte anwiesen Dinge zu tun die fehlerhaft waren... Auch die Leitlinien sollte man nicht blind befolgen. Da stehen häufig Dinge drin die gefährlich oder fraglich sind. Es gibt nicht zu Allem Studien und Studien werden auch ständig revidiert.
Wenn du zB bei älteren Leuten die seit Jahren mit 180/80 mmHg und kalzifizierten Gegäßen rumlaufen den Blutdruck mit der Brechstange auf 120/80 senkst kann es sein, dass die Schlaganfälle kriegen.
Auch was in Lehrbüchern steht ist möglicherweise nach 2 Jahren wieder veraltet.
Diskutieren - möglichst auch mit anderen OÄ - ist unabdingbar und seinen gesunden Menschenverstand sollte man auch verwenden. Meist gibt es ja bei zweifelhaften Entscheidungen nicht den enormen Zeitdruck dass man die Anweisung nicht noch mal mit dem Chef oder anderen OÄ diskutieren könnte. Im Dienst kann es sein dass der Hintergrund nicht richtig wach wird. Umso wachsamer muss man selbst sein.
Aber alles mit Maß und Ziel!
Ein Kollegin wollte von mir wissen welchen Schlafbedarf sie für einen Patienten ansetzen soll. Ich nannte ihr einen. Sie wollte dann was anderes wegen potentieller paradoxer Reaktion. Ich nannte ihr eine zweite Möglichkeit. Sie hat mir irgendwas von Dauer bis zum Wirkeintritt erzählt. Und schlug noch was anderes vor. Ich sagte "ok, geht auch" und sie wollte dann die Vor- und Nachteile der einzelnen Schlafbedarfsachen mit mir durchdiskutieren. Mit mir. Als Chirurg... das macht keinen Sinn! Wen das interessiert, der soll es nachlesen. Ich hab ein paar Medis mit denen hab ich Erfahrung, damit komm ich zurecht. Aber fangt nicht an über Pharmakokinetik, -dynamik usw mit mir zu diskutieren.
Und zum Thema Komplikationen: es gibt auch teils massive Komplikationen bei so "einfachen" Medikamenten wie Novalgin. Es ist aber noch lange nicht per se ein Fehler dieses Medikament zu verschreiben.
Aber alles mit Maß und Ziel!
Es muss heißen: Maß und Mitte.
Medikamenten wie Novalgin. Es ist aber noch lange nicht per se ein Fehler dieses Medikament zu verschreiben.
Je nach Sichtweise, ein früherer Vorgesetzter betrachtete dies quasi als Mordversuch.
cartablanca
28.04.2020, 12:01
Aber alles mit Maß und Ziel!
Ein Kollegin wollte von mir ...
Ne klar man soll nicht jeden Kram diskutieren. Nur wenn es wichtig oder gefährlich ist. Sonst soll man es eben selbst entscheiden. Ich mein wenn sie es selbst nachschaut wozu fragt sie dann? Paradoxe Reaktion ist nichts Lebensgefährliches, da würd ich meinen OA nicht für fragen oder gar Diskussionen anfangen. Oder wollte die Kollegin vielleicht deine Aufmerksamkeit? ;)
Ich hab einmal eine Zungenschwellung mit Zyanose nach Novalgingabe als Bolus gesehen. Die Patientin hat das Medikament wegen Hühnerauge gekriegt. Seitdem achte ich darauf dass es nur als Kurzinfusion langsam reinläuft.
Stell dir vor ne Patientin kommt wegen Hühnerauge und liegt nachher intubiert oder gar tracheotomiert auf Intensiv. Da kannsde dir aber einen guten Anwalt suchen.
limbictree
03.05.2020, 22:53
Also das mit dem Attest überspringe ich mal, dazu wurde mehr als genug geschrieben. Bei der vorhandenen Konstellation (Persönlichkeit des Assistenzarztes + Führungsstil des Oberarztes + Organisation der Klinik + Struktur der Psychiatrie an sich) ist ohnehin eine Wiederholung des Problems nur mit anderem Anlass abzusehen. Deswegen eher grundsätzlich:
Ja, es gibt ethische Probleme in der Psychiatrie, und ja, es gibt ethische Probleme mit Zwangsmaßnahmen. Nicht nur von Fall zu Fall sondern auch grundsätzlich. Du wirst auch ethische Probleme mit der Diagnostik finden und mit anderen Aspekten der Organisation der Psychiatrie. Je mehr Erfahrung du sammelst, desto mehr wirst du merken, dass das nicht deine persönliche Empfindsamkeit ist, sondern eines der Problematiken in der Psychiatrie, wo du auf unterschiedliche Haltungen treffen wirst, bei Mitarbeitern aller Fachrichtungen und aller Ränge. Alle Mitarbeiter der Psychiatrie kommen irgendwann (hoffentlich, sonst leiden sie) zu einem für sie persönlich stimmigen ethischen Konzept, das je nach Person sehr unterschiedlich aussehen kann.
Menschen wie du haben im Grunde drei Möglichkeiten:
A) "Dann kann ich doch nicht in der Psychiatrie arbeiten." (zB weil ich das ethisch nicht mit meinen Werten vereinbaren kann, dass Menschen gegen ihren Willen behandelt werden, oder ich mit der Rolle, dass ich Zwang und Gewalt ausübe, nicht zurecht kommen kann und will, und sei der Rest noch so schön.)
B) "Dann kann ich nicht in DIESER Psychiatrie arbeiten." (zB weil unterschiedliche Chefärzte unterschiedliche Haltungen vorgeben. zB weil es Kliniken gibt, die seit Jahren bis teilweise Jahrzehnten versuchen so weit wie möglich ganz ohne Zwangsmaßnahmen zurecht zu kommen, und Behandlungen mit offener Tür und unter Freiwilligkeit durchführen. zB weil es nettere Oberärzte gibt als diesen. zB weil es wirklich nicht so laufen muss wie in deiner Klinik offenbar.)
C) "Dann muss ich halt schauen wie ich zurecht komme und dabei mit mir zufrieden sein kann." (zB wenn ein Umzug nicht möglich ist, und man Teile der Arbeit doch zu sehr liebt. Zu dem "irgendwie zurecht kommen" kann im Übrigen auch gehören sich mit seinem Oberarzt zu streiten, wenn es das ist, was es jetzt braucht. Zurecht kommen muss nicht heißen buckeln und kriechen. Zurecht kommen kann auch heißen mit der Zeit lernen Dinge anders zu sehen, aber es muss nicht. Wenn du in einer Psychiatrie arbeitest wo viel Zwang angewendet wird, und mit einem OA der da Entsprechendes vorgibt, dann wird es deine Aufgabe sein, die Anträge für Unterbringung und Zwangsbehandlungen vorzubereiten, und es wird deine Aufgabe sein Fixierungen anzuordnen und zu begleiten, und es wird deine Aufgabe sein Pat. gegen ihren vehementen Willen Medikamente i.m. zu verabreichen, und es wird deine Aufgabe sein Team-Entscheidungen - da ist die Pflege auch sehr wichtig - mit zu tragen selbst wenn du persönlich nicht 100% dahinter stehst. Ich finde den Hinweis ganz hilfreich, sich nicht nur gegen die Hierarchie im Krankenhaus zu reiben, sondern sie auch für sich zu nutzen - der OA hat die Verantwortung, das ist gut für mich. Ich kann meine Bedenken anmelden aber seine Anweisungen befolgen zugleich eben weil ich NICHT im selben Maße die Verantwortung trage.)
Ich denke welches der drei Optionen du wählen musst, kannst nur du entscheiden.
Für manche Menschen bleibt wirklich nur Option A und das ist auch legitim.
Anderen gelingt Option C und das ist genauso legitim und nicht irgendwie weniger edel.
Ich würde mir ein paar Wochen mindestens Zeit lassen.
Viel Erfolg.
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