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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Stelle annehmen oder nicht, die 1.000te?



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Trüffel
10.06.2020, 10:30
Hallo zusammen!

Ich bin aktuell in einer doofen Lage und würde mir ein paar Ratschläge erhoffen. Ich habe Ende letztes Jahr Examen gemacht, danach einige Monate mit der Fertigstellung meiner Doktorarbeit zugebracht und bin dann mit meinen Bewerbungen im Corona-Tief untergegangen. Eigentlich hatte ich geplant, etwa zum 1.4. einzusteigen, aber es hat sich dann trotz über 40 Bewerbungen nichts entwickelt. Es geht um den chirurgischen Bereich in einer Großstadt, Peripherie ist auch denkbar, weiter weg ziehen aus persönlichen Gründen aber aktuell schwierig. Ich hatte nun eine Hospitation und hätte eine Zusage, bin aber doch am Zögern, ob ich die Stelle annehmen soll.

Das Team war okay, nicht überragend, die Oberärzte waren nett, der Chef wirklich sehr sympathisch. Die Arbeitsbelastung soll lt. Assistenten sehr hoch sein. 2 bis 2.5 Überstunden täglich seien wohl üblich, pünktlich raus die Ausnahme. Regelhafte Arbeitszeit also von 6.45 bis nach 18 Uhr. Die Organisation erschien mir recht chaotisch: Keine feste ZNA-Rotation und die Assistenten werfen sich die Aufgaben über den Tag mehr oder weniger nach Lust und Laune gegenseitig zu. Es gibt 24-Stunden-Dienste, davon würde man so 5 – 7 im Monat machen. Und es wird Forschung erwartet, obwohl es keine Uniklinik ist. Das erscheint mir alles sehr happig. Weiteres Manko ist, dass es sich um große Chirurgie handelt, ich aber eigentlich lieber in ein kleines Fach wie Uro will, wo ich bislang aber nichts finden konnte. Außerdem ist die Klinik stark spezialisiert auf ein Subset des Fachgebietes, das mir auch weniger zusagt und hauptsächlich sehr lange und hochkomplexe OPs anzieht. In Summe: Die Stelle wäre eher ein Lückenbüßer. Außerdem wurmt mich etwas, dass sie für den nächstmöglichen Zeitpunkt ausgeschrieben war, es dann aber im Gespräch hieß, sie sei erst in einem viertel Jahr frei. Der Chef möchte von mir nun eine zeitnahe Entscheidung.

Ich bin hin und her gerissen. Einerseits suche ich schon lange eine Stelle und es würde sich doof anfühlen, jetzt ein Angebot abzulehnen. Ich arbeite gerne und dann auch viel, möchte aber eine komplette Selbstaufgabe vermeiden und schon weiter ein Privatleben haben. Die Stimmung im Team schien gut und die hohe Arbeitsbelastung dadurch ausgeglichen zu werden, dass man sehr schnell und viel 1. Assistenz im OP sei. Ich finde aber eigentlich nicht, dass man sich eine gute Ausbildung nicht mit massiven Überstunden verdienen muss. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass gerade die letzten Wochen wieder vermehrt Stellenanzeigen geschaltet werden und der Corona-Effekt langsam abebbt. Nachdem monatelang Flaute war, hatte ich jetzt 3 Hospitationen in sehr kurzer Zeit, aber erste diese eine mit Stellenzusage. Ich habe daher große Bedenken, jetzt als Notlösung diese Stelle anzunehmen, weil es mir doch wahrscheinlich erscheint, bis in 3 Monaten (wo sie ja eh erst frei wird) etwas besser Passendes mit ansprechenderer Work-Life-Balance zu finden. Andererseits ist es eine Großstadt und hier fallen die Stellen nicht von den Bäumen, die Lage des Arbeitsplatzes ist schon wirklich sehr attraktiv und die Annahme, ich würde etwas Besseres finden, reine Spekulation. Dazu muss ich sagen, dass ich aktuell einen krisensicheren nicht-medizinischen Teilzeitjob habe, mit dem ich anständig über die Runden komme. Ich bin also finanziell nicht darauf angewiesen, schnellstmöglich in den Job zu starten. Aber natürlich wird die Lücke im Lebenslauf seit bestandenem Examen immer größer.

Über ein paar Impulse, Ideen, Anregungen, Perspektiven, Tips oder Wasauchimmer würde ich mich sehr freuen! :)

Mr. Pink online
10.06.2020, 10:56
Was spricht dagegen zuzusagen und sich trotzdem etwas anderes anzuschauen? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie schnell man von einem bereits unterschriebenen Vertrag wieder zurücktreten darf, aber irgendwer hier weiß es sicher. Das wäre also eine Möglichkeit, schließlich hast du noch 3 Monate. Mit der Vermutung, dass jetzt wieder mehr Assistenten gesucht werden hast du bestimmt recht, aber sicher weißt du natürlich nicht ob du was anderes kriegst, vor allem wenn du örtlich gebunden bist. Grundsätzlich ist es aber auch kein Problem, sich aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus neu zu bewerben. Im Gegenteil freuen sich die meisten Arbeitgeber, wenn der Kandidat schon Erfahrung mitbringt. Das heißt du könntest es dir in dem Haus auch mal ein paar Monate ansehen. Aus Erfahrung kann ich dir leider nur sagen, dass vor allem zu Beginn immer Überstunden anfallen. Eine Abteilung in der das nciht der Fall ist, ist quasi die Nadel im Heuhaufen.

hebdo
10.06.2020, 11:01
Annehmen und wenn du etwas besseres hast sofort abspringen.

DieCaro
10.06.2020, 11:07
Wenn es dein Traum ist, 350 Stunden im Monat zu arbeiten, von denen du die Hälfte nicht bezahlt bekommst oder zumindest um jede Stunde feilschen musst und dazu noch der DvD bist ... so klingt die Stelle zumindest für mich.

Trüffel
10.06.2020, 11:17
Was spricht dagegen zuzusagen und sich trotzdem etwas anderes anzuschauen? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie schnell man von einem bereits unterschriebenen Vertrag wieder zurücktreten darf, aber irgendwer hier weiß es sicher. Das wäre also eine Möglichkeit, schließlich hast du noch 3 Monate.
Könnte ich die Stelle in 2 oder 4 Wochen antreten, hätte ich sofort zugesagt und einfach weiter geschaut. Meine Bedenken sind vor allem, das es ja erst im Herbst losgehen würde. Selbst wenn ich mich jetzt auf andere Stellen bewerben würde, dann dauert es ja bis zur Hospitation oft 2 Wochen, dann bis zur etwaigen Zusage nochmal 1 bis 2 Wochen. So lange bräuchte der Arbeitgeber bei dem ich jetzt das Angebot habe sicher nicht, um mir den Vertrag zukommen zu lassen. Und wenn der Vertrag erstmal unterschrieben ist, wäre ich ja bis zum Herbst + 1 Monat (Kündigungsfrist in Probezeit) quasi "geblockt"?


Aus Erfahrung kann ich dir leider nur sagen, dass vor allem zu Beginn immer Überstunden anfallen. Eine Abteilung in der das nciht der Fall ist, ist quasi die Nadel im Heuhaufen.
Naja, mir wurde schon kommuniziert, dass das dort Standard für eigentlich alle Assistenten sei. Und bei einem Assi im 5. Weiterbildungsjahr würde ich erstmal nicht davon ausgehen, dass es an ihm liegt, wenn er fast jeden Tag mehr als 2 Überstunden macht, und die anderen Asiss berichten, dass es bei ihnen ähnlich ist.


Wenn es dein Traum ist, 350 Stunden im Monat zu arbeiten, von denen du die Hälfte nicht bezahlt bekommst oder zumindest um jede Stunde feilschen musst und dazu noch der DvD bist ... so klingt die Stelle zumindest für mich.
Ja, das sind auch meine Bedenken. Fairerweise schien die Stimmung gut zu sein und es waren Assistenten da, die von anderen Kliniken dorthin gewechselt sind und meinten, sie wären zufrieden. Die Überstunden dürfen wohl zumindest bis zu einer gewissen Obergrenze täglich auch aufgeschrieben werden, ein bestimmter Anteil falle aber auch täglich untern Tisch. Der Chef ist aber auch vom Typ "Ich brauche Leute, die wirklich für die Chirurgie brennen!", und entsprechend vorselektiert würde ich die Assistenten vermuten. Wenn da also jemand zufrieden ist, weil er operieren darf, weiß ich nicht ganz, inwieweit das die Mankos für mich persönlich aufwiegen würde.

Mr. Pink online
10.06.2020, 12:26
Könnte ich die Stelle in 2 oder 4 Wochen antreten, hätte ich sofort zugesagt und einfach weiter geschaut. Meine Bedenken sind vor allem, das es ja erst im Herbst losgehen würde. Selbst wenn ich mich jetzt auf andere Stellen bewerben würde, dann dauert es ja bis zur Hospitation oft 2 Wochen, dann bis zur etwaigen Zusage nochmal 1 bis 2 Wochen. So lange bräuchte der Arbeitgeber bei dem ich jetzt das Angebot habe sicher nicht, um mir den Vertrag zukommen zu lassen. Und wenn der Vertrag erstmal unterschrieben ist, wäre ich ja bis zum Herbst + 1 Monat (Kündigungsfrist in Probezeit) quasi "geblockt"?

Das ist eben das, was ich nicht sicher weiß. Ob man nicht "einfacher" vom Vertrag zurücktreten kann, wenn der eigentliche Arbeitsbeginn noch gar nicht stattgefunden hat. Ich bin leider kein Jurist, ich bin mir aber sicher irgendwer hier war schon mal in der Situation. Aber abgesehen davon wird dich wohl kein Arbeitgeber auf deinen Vertrag festnageln, wenn er weiß, dass du in einem Monat wieder gehst.

hebdo
10.06.2020, 12:32
Du kannst meines Wissens sofort zurücktreten. Gerade wenn du noch nicht angefangen hast. Auch in der Probezeit ist es kein Problem. Habe schon ein paar Kollegen gehabt, die im Gegensatz zu mir schlau genug waren und am nächsten Tag nicht mehr gekommen sind.

Mr. Pink online
10.06.2020, 12:38
Du kannst meines Wissens sofort zurücktreten. Gerade wenn du noch nicht angefangen hast. Auch in der Probezeit ist es kein Problem. Habe schon ein paar Kollegen gehabt, die im Gegensatz zu mir schlau genug waren und am nächsten Tag nicht mehr gekommen sind.

:D Die sind einfach nicht mehr gekommen?

Trüffel
10.06.2020, 12:49
Da hätte ich schon Bedenken. Ich kenne es aus dem nicht-medizinischen Bereich so, dass Verträge einen Kündigungsausschluss vor Antritt beinhalten und danach dann eben die Standard-Kündigungsfrist von 14 Tagen zum Monatsende. Klar kann der Arbeitgeber wenig tun, wenn man trotzdem einfach kündigt, weil es für ihn vermutlich teurer wäre, zu klagen. Aber einfach jederzeit zurücktreten würde meiner Erwartung nach eben doch nicht so einfach ohne massiv verbrannte Erde gehen. Dazumal das Haus zu einem Träger gehört, der hier im gesamten Umfeld die überwiegende Mehrheit aller Krankhäuser betreibt. Würde ich in den nächsten Monaten etwas anderes finden, das besser passt, ist es also durchaus nicht unrealistisch, dass das in einer anderen Klinik desselben Trägers wäre. :/

ehem-user-21-08-2020-1502
10.06.2020, 17:38
Schwierige Entscheidung. Ich weiss von allen Bekannten, die in die Chirurgie gegangen sind, dass die Arbeits- und Dienstbelastung sehr hoch ist. Wenn Chef und Team aber sympathisch sind, lässt es sich besser aushalten. Ob es wo anders in der "großen Chirurgie" wirklich besser ist...?

hebdo
10.06.2020, 20:44
:D Die sind einfach nicht mehr gekommen?

Haben dann direkt ein Gespräch mit dem Chef gesucht und haben natürlich gesagt, dass sie nicht mehr unter diesen Bedingungen arbeiten möchten. Die Klügste hat nach 3 Tagen gemerkt, wo der Haken ist.

Unser damaliger Chef hat es aber immer eingesehen und Verständnis dafür gezeigt. Er hat sich auch immer vor uns Assistenten gestellt. Aber alles konnte er eben nicht abfangen.

Das es natürlich nicht gut bei wie hier beschriebenen Chefs ankommt ist klar. Das der Konzern ein quasi Monopol hat ist auch doof. Suchst du in Hamburg?

DieCaro
10.06.2020, 21:50
Anekdote am Rande: Eine Kollegin bewirbt sich gerade gezwungenermaßen (fehlende Weiterbildungsermächtigung) weg.
Ein Chefarzt hat ihr im Vorstellungsgespräch gesagt, dass er ihr zwar eine Stelle geben kann, er aber möchte, dass sie diese nicht annimmt. Sie war daraufhin sehr verdutzt, woraufhin er ihr erklärte, dass er selbst die Arbeitsbedingungen in seiner Abteilung für nicht mehr tragbar hält. Solange sich aber immer noch Leute bewerben und die Stelle annehmen, wird sich nichts ändern.
Der Mann hat meinen höchsten Respekt.

Mr. Pink online
11.06.2020, 08:01
Anekdote am Rande: Eine Kollegin bewirbt sich gerade gezwungenermaßen (fehlende Weiterbildungsermächtigung) weg.
Ein Chefarzt hat ihr im Vorstellungsgespräch gesagt, dass er ihr zwar eine Stelle geben kann, er aber möchte, dass sie diese nicht annimmt. Sie war daraufhin sehr verdutzt, woraufhin er ihr erklärte, dass er selbst die Arbeitsbedingungen in seiner Abteilung für nicht mehr tragbar hält. Solange sich aber immer noch Leute bewerben und die Stelle annehmen, wird sich nichts ändern.
Der Mann hat meinen höchsten Respekt.

Und dafür hat er die arme Frau antanzen lassen... finde ich ehrlich gesagt nicht sehr kollegial.

Matzexc1
11.06.2020, 09:01
Und dafür hat er die arme Frau antanzen lassen... finde ich ehrlich gesagt nicht sehr kollegial.

Ich würde das lieber direkt erfahren als am Telefon oder schriftlich. Vor allem letzteres könnte für den Chefarzt auch gefährlich werden, welche pr-geile Verwaltung mag schon ehrliche Chefs?

Trüffel
11.06.2020, 09:10
Schwierige Entscheidung. Ich weiss von allen Bekannten, die in die Chirurgie gegangen sind, dass die Arbeits- und Dienstbelastung sehr hoch ist. Wenn Chef und Team aber sympathisch sind, lässt es sich besser aushalten. Ob es wo anders in der "großen Chirurgie" wirklich besser ist...?
Ist in meinem Bekanntenkreis ähnlich, wobei da die meisten in der Unfall/Ortho angefangen haben. Das Problem ist einfach, dass die Chirurgie ja vermutlich auch nur ein Lückenfüller für die Uro wäre. Ich habe wie gesagt kein grundsätzliches Problem mit hoher Arbeitsbelastung. Bloß wenn man im Nicht-Wunsch-Fach arbeitet und dann auch noch mit einem Nicht-Wunsch-Schwerpunkt in einer Wir-leben-für-unseren-Job-Klinik, dann erwarte ich da doch schon Schwierigkeiten, mich tagtäglich für 10 bis 11 h zu motivieren.


Das es natürlich nicht gut bei wie hier beschriebenen Chefs ankommt ist klar. Das der Konzern ein quasi Monopol hat ist auch doof. Suchst du in Hamburg?
Möchte ich aktuell nicht öffentlich benennen, ich hoffe das ist nachvollziehbar. Aber es gibt hier in der Tat eigentlich nur Krankenhäuser von diesem einen Träger, kirchliche Häuser, Superspezialkliniken oder eben das Uniklinikum.


Ich würde das lieber direkt erfahren als am Telefon oder schriftlich. Vor allem letzteres könnte für den Chefarzt auch gefährlich werden, welche pr-geile Verwaltung mag schon ehrliche Chefs?
Wieso nicht telefonisch? Der Chef wird ja nicht abgehört werden. Wir hatten in einer meiner PJ-Abteilungen auch mal mehrere Hospitanten nacheinander, obwohl gar keine Stelle frei war und absehbar vermutlich sogar eine gestrichen werden müsste. Ich fand das sehr befremdlich, eine Hospitantin war mehrere Stunden angereist. Und ich bin selbst vor einigen Monaten auch quer durch Deutschland gefahren für eine Hospitation, um dann nach 5 Wochen "Bedenkzeit" vom Chef zu hören, dass sie jemanden mit Berufserfahrung brauchen und ich mich doch gerne in 2 Jahren wieder bewerben könne. Fand ich auch klasse.

Mr. Pink online
11.06.2020, 09:38
Wieso nicht telefonisch? Der Chef wird ja nicht abgehört werden. Wir hatten in einer meiner PJ-Abteilungen auch mal mehrere Hospitanten nacheinander, obwohl gar keine Stelle frei war und absehbar vermutlich sogar eine gestrichen werden müsste. Ich fand das sehr befremdlich, eine Hospitantin war mehrere Stunden angereist. Und ich bin selbst vor einigen Monaten auch quer durch Deutschland gefahren für eine Hospitation, um dann nach 5 Wochen "Bedenkzeit" vom Chef zu hören, dass sie jemanden mit Berufserfahrung brauchen und ich mich doch gerne in 2 Jahren wieder bewerben könne. Fand ich auch klasse.

Habe inzwischen schon einige Bewerbungen und Bewerbungsgespräche hinter mir und sowas ist mir auch schon passiert. Ist zwar selten aber kommt vor. Teilweise war auch Gespräch und Hospitation an zwei unterschiedlichen Tagen und das obwohl klar war, dass ich anreisen musste. Meistens ist das der Fall, wenn der Chef noch aus einem anderen Jahrhundert stammt, wo Assistenzärzte Schlange standen und jeden Furz erduldet haben. So à la "mit Interesse haben wir Ihre Bewerbung gelesen und auch im Gespräch wie Hospitation einen guten Eindruck von Ihnen erhalten. Leider haben wir aktuell keine freie Stelle zu besetzen, behalten Ihre Unterlagen aber gerne für eine spätere Kontaktaufnahme vor." Als ob ein Assistent heutzutage 6 Monate auf seine Stelle warten würde. Natürlich ist er bis dahin schon woanders untergekommen. Unter so einem Chef würde ich ehrlich gesagt nicht arbeiten wollen, der die Zeit seiner Mitarbeiter so schamlos vergeudet.

Talelady
21.06.2020, 15:13
Falls Du Dich noch nicht entschieden hast, hier ein Paar weitere Gedanken:
- Ich finde in der aktuellen Situation mit Corona kann man Deine Lücke im Lebenslauf nich überhaupt nicht als „lang“ bezeichnen. Und Lücken sind ohnehin nur problematisch wenn sie keine gescheite Begründung aufweisen.
- Da ich die WBO für Urologie nicht kenne: werden Zeiten in der „grossen Chirurgie“ anerkannt? Was ist der kürzeste mögliche Abschnitt? Die Antworten auf diese Fragen rate ich dringend in die Überlegungen einzubeziehen. Es macht meines Erachtens mehr Sinn auf eine richtige Stelle zu warten als mit einer falschen Zeit und Energie zu verschwenden.
- Auch in Gegenden ohne Konzern-Monopol kann ich von Lückenbüßer-Unterschriften nur abraten. Manchmal kennen sich Chefs (oder Oberärzte) verschiedener Häuser/Fachrichtungen/Orte auf verschlungenen Wegen sehr gut, so dass sich die Kunde weit verbreiten kann und lange halten kann, wenn jemand „einfach nicht erschien“, „am Tag vorher absagte“, „in der ersten Woche kündigte“. Mit guter Begründung in nettem direktem Gespräch kann man manches davon zwar ausbügeln, ein schaler Geschmack wird bleiben.

Trüffel
22.06.2020, 09:59
Ich finde in der aktuellen Situation mit Corona kann man Deine Lücke im Lebenslauf nich überhaupt nicht als „lang“ bezeichnen. Und Lücken sind ohnehin nur problematisch wenn sie keine gescheite Begründung aufweisen.
Ich habe das Corona-Aus zum Fertigstellen meiner Doktorarbeit genutzt. Viele nehmen sich ja nach dem Examen ganz bewusst ein halbes Jahr oder auch länger dafür frei. Insofern ist die Zeit nicht verloren. Aber davon abgesehen würde ich natürlich auch langsam gerne vernünftiges Geld verdienen und "ankommen". Aktuell hänge ich irgendwie in so einem recht unbefriedigendem Limbo zwischen Studium und Arbeitseinstieg, wo gefühlt nichts voran geht.


Da ich die WBO für Urologie nicht kenne: werden Zeiten in der „grossen Chirurgie“ anerkannt? Was ist der kürzeste mögliche Abschnitt? Die Antworten auf diese Fragen rate ich dringend in die Überlegungen einzubeziehen. Es macht meines Erachtens mehr Sinn auf eine richtige Stelle zu warten als mit einer falschen Zeit und Energie zu verschwenden.
Meines Wissens kann ein Jahr angerechnet werden. Was ich so von Chefs gehört habe, die gerade keine Stelle frei haben, ist das durchaus gerne gesehen, als Urologe mal Chirurgie gemacht zu haben. Aber natürlich wäre es schöner, direkt dort zu landen, wo man hin möchte.


Auch in Gegenden ohne Konzern-Monopol kann ich von Lückenbüßer-Unterschriften nur abraten. Manchmal kennen sich Chefs (oder Oberärzte) verschiedener Häuser/Fachrichtungen/Orte auf verschlungenen Wegen sehr gut
Das denke ich auch. Alleine wie oft ich in Vorstellungsgesprächen auf meinen Doktorvater angesprochen wurde, der sehr weitreichend vernetzt ist. Ich habe das Stellenangebot schweren Herzens abgesagt. Hatte ein sehr nettes Telefonat mit dem Chef, der das zwar bedauert hat, aber meine Bedenken nachvollziehen konnte. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob die Entscheidung richtig war. Andererseits hätte ich die Stelle ja eh erst in einem viertel Jahr antreten können. Jetzt stehe ich natürlich wieder bei 0. Initiativ habe ich fast alle relevanten Häuser durch, also kann ich derzeit nur hoffen, dass sich jemand da nochmal meldet, oder ich alternative Stellenanzeigen finde. Andererseits sind viele Bewerbungen bald 4 bis 6 Monate alt und ich glaube nicht, dass da noch etwas kommt. Die haben sicher aktuellere Bewerbungen vorliegen. Gleichzeitig schickt man ja nicht einfach nochmal dieselbe Bewerbung hin. Ach, ich weiß auch nicht.

Zilia
02.07.2020, 13:49
Liebe/r Trüffel,

bitte tue Dir so eine Stelle nicht an, wenn Du nicht finanziell dringend darauf angewiesen bist. Die Red Flags "2-2,5 Überstunden täglich" plus "chaotische Organisation" klingen jetzt schon furchtbar. Da kann es im Real Life nur schlimmer sein. Glaube mir, ich komme grade aus einer ähnlich furchtbaren Stelle und bin froh, dass ich 1 Jahr durchgehalten habe (aber nur, weil es finanziell sein musste). "Netter Chef" ist kein Argument. Chefs sind am wenigsten am Alltagsgeschäft in Kliniken beteiligt und erzählen Dir vom Schlaraffenland, während die Assistenten auf dem Zahnfleisch gehen. Sein Ziel ist, dass er wieder einen Assistenten hat, der die Arbeit macht, mehr nicht. Nett hilft da nicht. Am Lerneffekt würde ich in so einer Abteilung auch zweifeln.

LG, Zilia

Trüffel
02.07.2020, 21:06
Ich hatte vor über einer Woche schon einmal eine längere Antwort geschrieben. Die ist aber irgendwie nie freigeschaltet worden. Also Versuch Nummer 2. Hoffentlich klappt es diesmal! :) Vielen Dank für das Feedback. Ich habe die Stelle nicht angenommen. Es gab ein sehr freundliches Telefonat mit dem Chef. Er hat meine Entscheidung glaubhaft bedauert, konnte es aber nachvollziehen.

Wirklich ideal ist die Situation nach wie vor nicht. Tatsächlich habe ich inzwischen eine Einladung zur Hospitation in meinem Wunschfach erhalten! Die wäre aber erst in 2 Wochen. Parallel hatte ich mich auf eine ausgeschriebene Stelle in einem anderen Fach beworben, einfach weil warum nicht, und da es doch langsam mit dem Geld knapp wird. Dort bietet man mir nun eine sehr kurzfristige Stelle an und drängt auf eine verbindliche Zu- oder Absage. Die Stelle wirkt an sich sehr solide, hätte aber nichts mit meinem eigentlichen Wunschfach zu tun, wäre dort nicht anrechenbar und würde als nicht-operatives Fach auch einen Bruch im Lebenslauf darstellen. Die erwähnte Einladung zur Hospitation kommt zudem von einer Uniklinik. Damit wäre eine Zusage dort alles andere als sicher und der Arbeitsantritt würde auch gewiss noch einige Monate hin sein. Ich bin also mal wieder am Grübeln. Ich kann ja nicht auf alle Ewigkeit alle paar Möglichkeiten ablehnen, die sich mir dann doch mal bieten. Vielleicht gehe ich da auch einfach zu verkopft ran. :(