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SophaL90
25.08.2021, 08:22
Hallo,
ich bin schon bald mit dem einen Jahr Innere fertig, das für Allgemeinmedizin gefordert wird. In meinem Haus ist es die Regel, nach 1 Jahr mit Nachtdiensten zu starten. Nun wäre es bei mir bald so weit und ich überlege, mit meiner Chefin zu sprechen und fragen, ob ich bleiben kann auch ohne Nachtdienste.
Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass das klappen würde (wir haben seit 1 Jahr 4 offene Vollzeitstellen, auf die sich einfach niemand bewirbt). Sie würden mich bestimmt lieber halten wollen.

Wir haben aber ein super Team- ich mag meine Kollegen wirklich gerne und hätte Angst, dass es sehr unkollegial rüber kommt.

Die andere Alternative wäre dann raus aus der Inneren und noch mehr Erfahrung sammeln in anderen Fächern.

Feuerblick
25.08.2021, 08:41
Gibt es einen Grund, warum du keine Nachtdienste machen möchtest? Hast du eine Krankheit, die Nachtdienste verbietet? Bist du schwanger? Oder hast du nur keine Lust auf Nachtdienste?

Ja, ich finde es bei 4 offenen Vollzeitstellen und vor dem Hintergrund, dass Nachtdienste tatsächlich zur Weiterbildung gehören, ziemlich unkollegial, dass du die restlichen Kollegen nicht entlasten möchtest, indem du Nachtdienste übernimmst. Die gehören eigentlich zu deinem Job. Wenn du also keinen echten Grund dafür hast (z.B. Krankheit), keine Nachtdienste zu machen, wird dein Arbeitgeber da sicher nicht drauf eingehen wollen und bei deinen Kollegen wirst du dich nicht beliebt machen. Das tolle Team könnte dann schnell Vergangenheit sein. :-meinung

Matzexc1
25.08.2021, 08:42
Hallo,
weiss deine Chefin das du in die Allgemeinmedizin gehen willst?

Falls ja, dann geh zu ihr und sage, dass du das Pflichtjahr hinter dir hast und überlegst jetzt zu wechseln um anderweitig Erfahrungen zu machen.

Falls nein sag ihr als du dich jetzt doch für Allgemeinmedizin entschieden hast und du nach dem Jahr ausscheidet.

Nachtdienste können eine wertvolle Erfahrung sein, gibt es Gründe die bei dir gegen Nachtdienste sprechen?

SophaL90
25.08.2021, 08:51
Danke für eure Meinungen.

Etwas zu machen und mich dabei selbst fertig zu machen, damit ich anderen „helfe“, hab ich mir Gott sei Dank aufgehört.

Gründe gibt es einige. Ich finde die Arbeitsbelastung in den Nächten massiv, der Hintergrund mind. 1h entfernt, man hat Notaufnahme, Stationen + Intensivstation alleine.
Meine KollegInnen kommen teilweise richtig erledigt aus den Diensten. Ich fühle mich überhaupt nicht bereit, diese ganze Verantwortung zu tragen. Ne Reanimation hab ich ein Mal aus der Ferne erlebt, die Intensivstation bei uns im Haus sehr chaotisch.

Ich habe bereits bei meiner früheren Stelle Nachtdienste gemacht - der OA schlief jedoch im Haus und somit war das ein ganz anderer mentaler Stress.

Ich selbst habe überhaupt kein Problem damit, nach 1 Jahr zu gehen. Derzeit tragen wir die Belastung von 4 fehlenden Vollzeitkräften, viele meiner KollegiInnen (und ich) sind schon am Limit. Ich denke, da gibts sowieso besseres.

Feuerblick
25.08.2021, 09:41
Meinst du nicht, dass du mit zunehmender Erfahrung mit dem mentalen Stress besser zurechtkommen solltest? „Fertig sein“ heißt ja nicht zwingend, dass man in sämtlichen Diensten komplett überfordert ist. Man wächst an solchen Situationen und man entwickelt eine höhere Stressresistenz. Irgendwann wirst du Fachärztin sein, dann musst du auch Notfallsituationen (ja, die gibt es auch in der Allgemeinmedizin) wuppen können. Spätestens dann wird sich deine Weigerung, dich in Nachtdiensten auch ohne den Rockzipfel des Oberarztes mit schwierigen Situationen zu beschäftigen, übel bemerkbar machen. Eine Reanimation „aus der Ferne“ gesehen zu haben, wird dir als Allgemeinmedizinerin alleine in der Praxis und mit aller Verantwortung einfach nicht helfen. Ich würde mir das an deiner Stelle gut überlegen. Nur Schmalspur-Allgemeinmedizinerin für leicht erkennbare Krankheiten zu sein, wäre mir persönlich zu wenig. :-nix

(Aber ich glaube, wir hatten schon eine Diskussion über deine Fachwahl und deine Vermeidungsstrategien was eigenständiges Arbeiten in Stresssituationen angeht, schon früher. Es dürfte wohl nicht hilfreich sein, die Argumentation von damals zu wiederholen.)

Endoplasmatisches Reticulum
25.08.2021, 10:17
Vier offene Stellen, und trotzdem ein volles Jahr ohne Dienste? Da kenne ich Kliniken, denen es deutlich bessert geht, und die ihre Innere-Assis trotzdem nach kürzester Zeit in die Dienste schicken.

Mir verleiden die Dienste den Job auch am meisten. Dabei mag ich das selbstständige Arbeiten und auch Notfälle, aber die Rahmenbedingungen mit 24 Stunden am Stück bleiben mittelalterlich. Hätt ich die Wahl, könnte ich auf ein Gros der Dienste auch verzichten.

Dennoch halte ich nichts von solchen Extrawürsten. Ich habe mal in einer derartigen Abteilung gearbeitet. Drei Ärzte hatten sich da Sonderregelungen erstritten. Der Stellenschlüssel berücksichtigt so etwas aber nicht. Das hat dazu geführt, dass diese drei Ärzte dauerhaft quasi komplett aus dem Dienstsystem herausgenommen waren und der Rest je nach Urlaubs- und Krankenlage 8 bis 10 Dienste im Monat kloppen musste. Richtige 24h-Dienste. Und ohne Aussicht auf Besserung, denn das Personal war ja da.

So etwas ist die Hölle und als Chef kommt man aus solchen Zugeständnissen kaum wieder heraus. Als Vorgesetzter würde ich so etwas daher ablehnen, um mich nicht selbst mit meinem Team in eine Sackgasse zu manövrieren oder bestenfalls Unruhe und Neid unter den Assistenten zu schüren. Denn "Lust" auf Dienste dürften die wenigsten haben, erstrecht nicht bei zig offenen Stellen.

Du solltest außerdem klären, ob die Weiterbildung ohne Dienste von der Ärztekammer anerkannt wird. Bei uns muss m.W. explizit die Teilnahme am Dienstsystem im Zeugnis stehen. Mit Allgemeinmedizin kenn ich mich aber nicht aus.

freak1
25.08.2021, 10:24
Steht die Teilnahme an Diensten nicht sogar im FA-Katalog?

Die Lernkurve ist (zumindest am Anfang) riesig. Nach ein paar Jahren nerven die Dienste einen, aber am Anfang lernt man wirklich viel.

Und ja: geh davon aus, dass deine Kollegen dich danach nicht mehr so kollegial behandeln wie vorher. Warum sollten sie auch, hast du dich doch als lupenreines Kollegoid geouted? :-winky

nie
25.08.2021, 10:26
Dir sollte auch bewusst sein, dass Rosinenpicken nicht funktioniert. Solltest du es wirklich schaffen, die Stelle ohne Nachtdienst zu bekommen, wirst du das höchstwahrscheinlich an anderer Stelle kompensieren müssen. Ich habe z.B. aktuell auch einen Kollegen, der keine Nachtdienste macht (hat aber gute Gründe), der macht allerdings jedes zweite Wochenende Samstag und Sonntag Tagdienst. Und arbeitet dann in aller Regel auch 9-12 Tage am Stück. Für das restliche Team ist das super, keiner hat Bock auf diese Tagdienste und man muss die nur noch alle 8 Wochen machen.

Unabhängig davon finde ich es mit deiner Argumentation definitiv unkollegial. Keiner hat Bock auf Nachtdienste, jeder ist danach fertig und keiner hat sich vor seinem ersten Dienst sicher und vorbereitet gefühlt. Und dennoch gehören die Dienste eben zum Job dazu und jeder muss sie machen. Wenn du keine Dienste habe willst, such dir einen Job bei dem du keine Dienste machen musst. Das hat auch nichts mit „ich möchte mich nicht mehr selbst fertig machen um anderen zu helfen“ zutun sondern ist Verweigerung einer Arbeit, die zum deinem Job gehört.

Klar gibt es manchmal Leute, die aus diversen Gründen keine Nachtdienste machen können aber „ich will nicht“ finde ich wirklich unkollegial und wenn es danach ginge, würde vermutlich fast keiner mehr Nachtdienste machen.

DA1994
25.08.2021, 11:01
Deine Einstellung ist egoistisch, unkollegial und nicht zuletzt feige. Wer Angst vor der Verantwortung und eigenständigen Entscheidungen hat wird es auch in der Allgemeinmedizin nicht leicht haben und sollte sich grundsätzlich über die Berufswahl Gedanken machen.
Um es etwas positiver zu formulieren: Fang an Dienste zu machen und du wirst sehen, wie unfassbar schnell man daran wächst und lernt. Klar, es ist körperliche Folter, aber für eine begrenzte Zeit in jungen Jahren geht das klar. Es ist für die persönliche und ärztliche Entwicklung unglaublich wertvoll, Mal wirklich alleine an der Front zu stehen.
Abgesehen davon glaube ich auch nicht, dass deine Chefin sich auf eine solche extreme Rosinenpickerei einlassen wird.

Mukopolysaccharid
25.08.2021, 11:03
Hey Sophia,

ich habe zwar keine Antwort, aber eine Frage: was hast du nach einem Jahr Innere gelernt, wenn du nur Regelarbeitszeit hattest? Ich überlege selbst in die Richtung zu gehen, aber macht man in einem Jahr Innere nicht nur stumpf Stationsarbeit ohne wesentliche Lernkurve? Besonders wenn ihr schlecht besetzt seid?

davo
25.08.2021, 11:05
Du schadest dir damit massiv selbst, weil du so viel weniger lernst. Aber das ist dir wahrscheinlich egal, oder?

][truba][
25.08.2021, 11:48
Hallo Sopha,

einerseits ist es natürlich gut zu wissen, was man nicht möchte weil es einen auf lange Sicht physisch und psychisch belastet. Andererseits sind Dienste ein Teil des Berufes, zumindest in den meisten Fächern für eine gewisse Zeit. Sie helfen einem dabei bestimmte Situationen einschätzen zu lernen, mal selbstständig Entscheidungen zu treffen und auch abwägen zu lernen, welche Dinge wirklich wichtig sind und welche weniger. Das bedeutet am Anfang oft Unsicherheit und etwas Angst. Da ruft man seinen Oberarzt eben öfter an aber es ist wichtig. Gerade als Allgemeinmediziner, der oft auch allein agieren muss in der Praxis ist es wichtig
Situationen gut einschätzen (und akut handeln) zu können und nicht jeden Patienten ungefiltert aus Angst oder fehlender Erfahrung in die Klinik zu schicken.

Die Situation, so wie du sie jetzt schilderst ist unkollegial. Solltest du dich absolut gegen Dienste entscheiden wäre es kollegialer das Team zu verlassen. Aber ob dir (und vor allem deinen Patienten) etwas bringt wage ich zu bezweifeln.

cartablanca
25.08.2021, 12:52
Man kann auch tagsüber eigenständig arbeiten lernen. Was machst du nachts wenn du nicht weiter weisst? Du rufst den Hintergrund an. Die lächerliche Bezahlung ist diese Dienste und die Schlafstörungen nicht wert. Kein Handwerker würde für die paar Pennies nachts rausfahren.

FirebirdUSA
25.08.2021, 14:23
Man kann auch tagsüber eigenständig arbeiten lernen. Was machst du nachts wenn du nicht weiter weisst? Du rufst den Hintergrund an.

Dem würde ich vehement widersprechen und ich denke jeder der Dienste gemacht hat wird dem auch zustimmen:

1. ist die Hemmschwelle Nachts den Hintergrund anzurufen größer
2. ist der nicht da und man muss manchmal einfach ad-hoc eine Entscheidung treffen
3. muss ich lernen eine Situation einzuschätzen und klar zu beschreiben (der OA ist nämlich nicht da und kann sich den Patienten kurz selbst ansehen und das wird tagsüber so laufen)

Ich halte das für tagsüber ausgeschlossen und möchte in einer echten Notfallsituation auch nicht von jemand behandelt werden, der nicht Dienste gemacht hat bzw. hier eine aktive Vermeidung gezeigt hat.

Die Bezahlung ist ein Thema bei dem ich dir zustimme, dass aber hier glaube ich fehl am Platz ist.

Um die Frage ebenfalls zu beantworten: Ja unkollegial und zweitens Selbstbetrug, da man tatsächlich eine relevante Entwicklung verpasst

altalena
25.08.2021, 14:56
Danke für eure Meinungen.

Etwas zu machen und mich dabei selbst fertig zu machen, damit ich anderen „helfe“, hab ich mir Gott sei Dank aufgehört.....

Krasses Statement. Damit wirst du dir sicher keine Freunde bei den Kollegen und Kolleginnen machen, denn so funktioniert "Arbeiten im Team" nunmal. Wie die meisten schon schrieben: das wäre ein maximal unkollegialer und egoistischer move (würden gesundheitliche Gründe gegen das Durchführen der Dienste sprechen, sähe das ja nochmal komplett anders aus, ist aber hier nicht der Fall) und ich glaube auch nicht, dass deine OÄ das Durchsetzen können/wollen, ohne den Zorn des restlichen Teams auf sich zu ziehen.

OhDaeSu
25.08.2021, 15:23
Unabhängig davon finde ich es mit deiner Argumentation definitiv unkollegial. Keiner hat Bock auf Nachtdienste, jeder ist danach fertig und keiner hat sich vor seinem ersten Dienst sicher und vorbereitet gefühlt. Und dennoch gehören die Dienste eben zum Job dazu und jeder muss sie machen. Wenn du keine Dienste habe willst, such dir einen Job bei dem du keine Dienste machen musst. Das hat auch nichts mit „ich möchte mich nicht mehr selbst fertig machen um anderen zu helfen“ zutun sondern ist Verweigerung einer Arbeit, die zum deinem Job gehört.
Klar gibt es manchmal Leute, die aus diversen Gründen keine Nachtdienste machen können aber „ich will nicht“ finde ich wirklich unkollegial und wenn es danach ginge, würde vermutlich fast keiner mehr Nachtdienste machen.

Ohne dem TE einen Rat geben zu können: Ich finde die zitierte Argumentation nicht überzeugend. Wenn sich der Arbeitgeber auf ein solches Arbeitsverhältnis ohne Dienste einlässt, dann gehören die Dienste gerade nicht "zum Job dazu", und dann muss offensichtlich auch nicht jeder Dienste machen. Dementsprechend ist hier der Begriff der Arbeitsverweigerung mE abwegig. Und wenn mehr Leute derartige Konsequenzen ziehen würden, bekäme der Rest die Dienste vielleicht sogar halbwegs adäquat vergütet. Dass Kollegen, die einen schlechteren Deal ausgehandelt haben, das nicht gutheißen werden, liegt auf der Hand. Ist die Frage, ob man sein eigenes Leben daran ausrichtet. Der einfachere Weg wäre, gesundheitliche Gründe um des lieben Friedens Willen einfach mal vage anzudeuten.


ich glaube auch nicht, dass deine OÄ das Durchsetzen können/wollen, ohne den Zorn des restlichen Teams auf sich zu ziehen.

Wenn die Alternative ohnehin ein Wechsel ist, kann mans ja drauf ankommen lassen. Bisschen Reibung kann man auch mal aushalten.

hebdo
25.08.2021, 15:58
Natürlich ist es keine Arbeitsverweigerung so einen Vorteil für sich auszuhandeln.

Eine Führungskraft, die sich auf so einen Deal einlässt, ist gescheitert. Das wird zu einer Abwärtsspirale im Teamgefüge führen.

Die Annahme, dass es darum geht Hauptsache ein Stelle zu besetzen ist falsch.

Über den angesprochenen Lerneffekt in Diensten ist eigentlich alles gesagt.

DrSkywalker
25.08.2021, 16:07
Dienste machen! Wenn du dann merkst dass du zu weich bist : gehen und fertig. Warum wollen manche Menschen immer alles auf dem bequemsten weg machen? Ein Jahr mit Nachtdiensten hat für die eigenen skills noch keinem geschadet!

bipoka
25.08.2021, 16:09
Naja, sowas muss man für sich selbst entscheiden. "Gut rüber" kommt es eher nicht. Auf der anderen Seite müssen auch andere für sich selbst entscheiden, ob es sinnvoll ist bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten.
Just my two cents...

Markian
25.08.2021, 19:01
Sonderregelungen raushandeln finde ich persönlich fragwürdig, wenn es offensichtlich auf die Kosten anderer geht. Allerdings finde ich nicht, dass Nachtdienste per se zum Job gehören. Es gibt genug Fachrichtungen, die gar keine Nachtdienste machen. Sind das dann keine Ärzte?
Eine Kollegin hat hier offensichtlich Angst vor der Verantwortung, weil man natürlich die Verantwortung für Intensivstation, Notaufnahme und Station mit einem Jahr Berufserfahrung gar nicht adäquat tragen kann. Deshalb verstehe ich nicht, warum sie so fertig gemacht wird? Kenne genug Häuser, in denen man die Intensivstation nicht mal von innen gesehen hat, aber dann im Nachtdienst der Verantwortliche ist. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass hier ähnliche Verhältnisse herrschen. Wann hat man den bei dem geschilderten Personalmangel Zeit für eine anständige Einarbeitung? Kommt mal von eurem hohen Ross herunter. Ich würde eher zum Stellenwechsel raten. Das bringt dir meiner Meinung nach für das Leben als AllgemeinmedizinerIn deutlich mehr nochmal eine andere Fachrichtung zu sehen, als nachts Patienten zu gefährden.