PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Berufsstand der psychotherapeutisch tätigen Heilpraktiker



Seiten : [1] 2

dissection
21.12.2021, 12:12
Liebe Schwarmintelligenz,

ich bin selbst in der somatischen Medizin tätig. Über Bekannte bin ich jedoch auf eine Person aufmerksam geworden, die sich nach der Grundprüfung (sowie nach initialem fachfremdem geisteswissenschaftlichem Studium) als psychotherapeutisch tätige Heilpraktikerin selbstständig machte. Dies ist natürlich ein interessantes Geschäftsfeld, da die Wartezeiten bei psychotherapeutisch tätigen studierten Psycholog*innen und und Psychiater*innen lang sind.

Ferner scheint man bei der Wahl der therapeutischen Verfahren und deren Abrechenbarkeit gegenüber Ärzt*innen und Psycholog*innen einen Vorteil zu haben, da diese andscheinend nicht durch die GOÄ/EBM geregelt sind. Kann mir diesen Sachverhalt einer der psychomedizinisch tätigen Kollegen bestätigen?

Auf der entsprechenden Website bezeichnet sich genannte Person auch als Psychotherapeutin mit lediglich einer in Klammern gesetzten kryptischen Abkürzung "(HeilprG)", die es gegebenenfalls medizinischen Laien nahelegt, man bekäme hier eine im Vergleich zu der von psychologisch oder medizinisch vorgebildeten Therapeuten äquivalente Therapie. Vorsätzliche Täuschung will ich hier nun noch nicht in den Raum stellen, aber ein Schlupfloch für die Nutzung dieser Berufsbezeichnung des Psychotherapeuten scheint hier vorzuliegen. Und dabei in einem Ausmaß welches bei somatisch tätigen Heilpraktikern nicht möglich ist - als Arzt kann sich ein Heilpraktiker nun schlecht bezeichnen.

Die fehlende Dokumentationspflicht für Heilpraktiker*innen im Allgemeinen ist ebenfalls ein bekanntes Problem, Behandlungsfehler und Fahrlässigkeiten sind so schlecht nachzuweisen. Ein Arzt z.B. muss ja nach 13 Jahren Ausbildung jedes verschriebene Medikament und jeden invasiven Eingriff dokumentieren um diesen abrechnen zu können und einen Regress zu umgehen..

Nun zur Frage: Wie ist die Erfahrung der psychomedizinisch tätigen Kollegen in der Zusammenarbeit mit genanntem Berufsstand? Wie ist die Qualität der psychotherapeutischen Angebote, sind diese evidenzbasiert? Kommt es zu Situationen ähnlich wie bei somatischen Heilpraktikern, dass durch eine zu späte Überweisung zum Psychiater/Psychologen zu spät Diagnostik und Therapie eingeleitet wird?

Als Somatiker würden mich genannte Punkte interessieren, vielen Dank für Feedback! [-::-][-::-]

anignu
21.12.2021, 22:46
Prinzipiell: das Thema "gleichzeitig Arzt und Heilpraktiker" war schonmal Thema im Ärzteblatt. Lies doch mal unter https://www.aerzteblatt.de/archiv/78804/Taetigkeit-als-Arzt-und-Heilpraktiker nach.

Die fehlende Dokumentationspflicht für Heilpraktiker*innen im Allgemeinen ist ebenfalls ein bekanntes Problem, Behandlungsfehler und Fahrlässigkeiten sind so schlecht nachzuweisen.
Bei Ärzten ist es so, dass nicht dokumentierte Sachen aufgrund der Beweislastumkehr zu Lasten des Arztes gehen. Daher wird so viel Wert auf die Dokumentation gelegt. Ich könnte mir schon vorstellen dass dies bei Heilpraktikern ähnlich ist, weiß es aber ehrlich gesagt nicht.

Wie ist die Qualität der psychotherapeutischen Angebote, sind diese evidenzbasiert?
Evidenzbasiert? Ist das ernsthaft deine Frage?

Kommt es zu Situationen ähnlich wie bei somatischen Heilpraktikern, dass durch eine zu späte Überweisung zum Psychiater/Psychologen zu spät Diagnostik und Therapie eingeleitet wird?
Wie willst du denn das nachweisen?
In der Somatik kannst du noch sagen "Krebs über Jahre falsch behandelt bis der Patient durchmetastasiert war". Wie willst du das bei psychologischen Sachen machen? Viel viel schwieriger...

Und bzgl. der Abrechenbarkeit: ich hab im Ver- und Bekanntenkreis drei Heilpraktiker. Zwei "normale" und eine "psychotherapeutische". Die schreiben ganz einfach Rechnungen. Fertig. Derjenige der die Leistungen in Anspruch nimmt muss sich drum kümmern die er sein Geld dann wieder von der Krankenkasse bekommt. Ob sie auch die Höhe x-beliebig festlegen können hab ich nie gefragt, hat mich nie interessiert.

Reflex
22.12.2021, 09:05
Der Witz ist daran ist, dass die Heilpraktiker für Psychotherapie teilweise mehr abrechnen als die Privatpraxen der psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten und das ohne jegliche Qualitätskontrolle und fundierte Ausbildung. Ich hab immer wieder Leute, denen alles aus dem Gesicht fällt, wenn sie erfahren, was reguläre Abrechnungssätze dafür veranschlagen. Es gibt einige wenige gute Heilpraktiker für Psychotherapie, die ich kenne, die wirklich sich weiterbilden und gute Arbeit machen. Einer davon bietet bei uns in der Praxis die MBSR und MBCT Kurse an. Der macht richtig gute Arbeit und weiß aber, wo seine Grenzen sind. Unter den Heilpraktikern für PT gibt es aber auch viele Aufschneider, die sich als Psychotherapeuten verkaufen und aber mehr als unterstützendes Coaching nicht hinbekommen. Eine wirklich fundierte Ausbildung haben die nämlich in der Regel eben nicht.

McBeal
22.12.2021, 11:34
Die Cousine meines Mannes ist auch studierte Psychologin, hat vor ihren Kindern in der KJP gearbeitet und jetzt trotzdem eine Praxis als „Heilpraktikerin“ für Psychotherapie - keine Ahnung, warum, aber ihr Studium hat sie abgeschlossen und diverse Jahre Berufserfahrung - da ist die Bezeichnung Heilpraktiker anscheinend kein Widerspruch.

Thomas24
22.12.2021, 11:37
Der Witz ist daran ist, dass die Heilpraktiker für Psychotherapie teilweise mehr abrechnen als die Privatpraxen der psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten und das ohne jegliche Qualitätskontrolle und fundierte Ausbildung. Ich hab immer wieder Leute, denen alles aus dem Gesicht fällt, wenn sie erfahren, was reguläre Abrechnungssätze dafür veranschlagen. Es gibt einige wenige gute Heilpraktiker für Psychotherapie, die ich kenne, die wirklich sich weiterbilden und gute Arbeit machen. Einer davon bietet bei uns in der Praxis die MBSR und MBCT Kurse an. Der macht richtig gute Arbeit und weiß aber, wo seine Grenzen sind. Unter den Heilpraktikern für PT gibt es aber auch viele Aufschneider, die sich als Psychotherapeuten verkaufen und aber mehr als unterstützendes Coaching nicht hinbekommen. Eine wirklich fundierte Ausbildung haben die nämlich in der Regel eben nicht.

Das ist ja der Charme der Heilpraktiker Ausbildung. Einfach einen Heilberuf ohne Approbation ausüben dürfen- ohne dabei die langjährige, inhaltlich und formal streng reglementierte Ausbildung, die sonst in allen anderen Heilberufen- und Assistenzberufen sonst üblich ist, einfach skippen und stattdessen vor dem lokalen Gesundheitsamt darlegen, dass man "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt. Fertig.

Bonus on top: man unterliegt selbst nach Ausbildungsende (z.B. am heimischen Küchentisch) noch keiner inhaltlichen oder formalen Kontrolle, wie beispielsweise einer Approbationsbehörde, einer Kassenärztlichen Vereinigung, einem Berufsverband etc... die einem etwaige Mindeststandards an Behandlungsqualität und Fortbildungsverpflichtungen, Formale Anforderungen an Rechnungslegung etc vorschreiben könnte.

Thomas24
22.12.2021, 11:44
Die Cousine meines Mannes ist auch studierte Psychologin, hat vor ihren Kindern in der KJP gearbeitet und jetzt trotzdem eine Praxis als „Heilpraktikerin“ für Psychotherapie - keine Ahnung, warum, aber ihr Studium hat sie abgeschlossen und diverse Jahre Berufserfahrung - da ist die Bezeichnung Heilpraktiker anscheinend kein Widerspruch.

Die Cousine deines Mannes ist vermutlich eine sehr löbliche Ausnahme in ihrem Tätigkeitsfeld. Ginge als Arzt beispielsweise nicht. Man kann nicht einerseits einen Heilberuf- mit Approbation- und dann gleichzeitig einen Heilberuf ohne Approbation (aka Heilpraktiker) ausüben. Unter anderem, weil der Patient nicht erkennen an, in welcher Eigenschaft er gerade mit Dir zu tun hat.

Wenn das ginge, würde ich mit überlegen als "Heilpraktiker für Augenheilkunde" Leistungen anzubieten, die ich als FA für Augenheilkunde nur mit den Restriktionen von EBM und GoÄ anbieten kann (oder eben eine umständliche Abdingung nach Paragraph 2 der GoÄ). Und dann kostet eine augenärztliche Untersuchung an der Spaltlampe inkl. Anamnese eben den GKV Patienten nicht nur (16 Euro pro Quartal als Flatrate), sondern das 5 fache oder mehr...*gefaelltmirnicht*

ehem-user-23-12-2021-1346
22.12.2021, 12:31
Wenn das finanziell so attraktiv ist und die Vorbereitung zur Überprüfung vorm Gesundheitsamt nur ca. 1 Jahr dauert, frage ich mich, warum Leute dann noch Psychologie studieren und zu sehr schlechtem Lohn in der Klinik arbeiten

ehem-user-23-12-2021-1346
22.12.2021, 12:33
Der Witz ist daran ist, dass die Heilpraktiker für Psychotherapie teilweise mehr abrechnen als die Privatpraxen der psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten und das ohne jegliche Qualitätskontrolle und fundierte Ausbildung. Ich hab immer wieder Leute, denen alles aus dem Gesicht fällt, wenn sie erfahren, was reguläre Abrechnungssätze dafür veranschlagen. Es gibt einige wenige gute Heilpraktiker für Psychotherapie, die ich kenne, die wirklich sich weiterbilden und gute Arbeit machen. Einer davon bietet bei uns in der Praxis die MBSR und MBCT Kurse an. Der macht richtig gute Arbeit und weiß aber, wo seine Grenzen sind. Unter den Heilpraktikern für PT gibt es aber auch viele Aufschneider, die sich als Psychotherapeuten verkaufen und aber mehr als unterstützendes Coaching nicht hinbekommen. Eine wirklich fundierte Ausbildung haben die nämlich in der Regel eben nicht.

Kann ein Psychiater mit Kassenzulassung eigentlich Psychotherapie privat arbeiten, die psychiatrischen Leistungen aber weiterhin als Kassenleistung?

anignu
22.12.2021, 12:35
Kann ein Psychiater mit Kassenzulassung eigentlich Psychotherapie privat arbeiten, die psychiatrischen Leistungen aber weiterhin als Kassenleistung?
Warum nicht? Und Abrechnung dann halt über GOÄ.
Das ist ja wie mit den anderen Sachen die hier in letzter Zeit diskutiert wurden. Ob der Hausarzt Herzecho oder Endoskopie machen darf etc.

nie
22.12.2021, 13:05
Wenn das finanziell so attraktiv ist und die Vorbereitung zur Überprüfung vorm Gesundheitsamt nur ca. 1 Jahr dauert, frage ich mich, warum Leute dann noch Psychologie studieren und zu sehr schlechtem Lohn in der Klinik arbeiten

Weil manche Menschen noch einen gewissen Anspruch an sich und die Leistungen, die sind anderen Menschen anbieten, haben und nicht nur Kohle kassieren wollen indem sie dubiose „Lifecoachings“ als Psychotherapie getarnt und verzweifelte Menschen mit psychischen Problemem verkaufen.

Thomas24
22.12.2021, 13:10
Weil manche Menschen noch einen gewissen Anspruch an sich und die Leistungen, die sind anderen Menschen anbieten, haben und nicht nur Kohle kassieren wollen indem sie dubiose „Lifecoachings“ als Psychotherapie getarnt und verzweifelte Menschen mit psychischen Problemem verkaufen.

Genau das. Ganz deiner :-meinung
Es gibt eben noch Menschen, die mit anderen Menschen erst dann arbeiten möchten, nachdem Sie dafür ausgebildet worden sind und wissen, was Sie tun.

Mr. Pink online
22.12.2021, 14:01
"Berufe" wie Heilpraktiker, Life-Coaches etc. gibt es nur, weil es dafür einen Markt gibt. Menschen gehen in der Regel als Selbstzahler völlig freiwillig dorthin, sind also in erster Linie Klienten und keine Patienten. Da muss man auch an die Vernunft des einzelnen appelieren. Ein wirklich kranker Mensch gehört in die Hände des Profis, ob nun Arzt oder Psychologe. Wer das bis heute noch nicht verstanden hat, wird es wohl auch künftig nicht verstehen.

Endoplasmatisches Reticulum
22.12.2021, 15:33
Menschen gehen in der Regel als Selbstzahler völlig freiwillig dorthin, sind also in erster Linie Klienten und keine Patienten.

Sich medizinisch mit seinem Leid im Stich gelassen zu fühlen oder sich bei weiter bestehendem Leidensdruck ausbehandelt zu wissen würde ich jetzt nicht unbedingt als Freiwilligkeit abtun. Je nach Abart dieser staatlich geadelten Scharlatanerie stellen genau solche Menschen die marktrelevante Zielgruppe dar.

nie
22.12.2021, 16:45
Zumal aktuell die Wartezeiten für eine Psychotherapie schonmal gut 6 Monate betragen. Und Leute, die eine brauchen, auch oft nicht die Kraft und Beharrlichkeit haben, diverse Praxen abzutelefonieren und sich auf Wartelisten setzen zu lasse. Da kommt so ein psychotherapeutischer Heilpraktiker, der für „kleines Geld“
direkt einen Termin vergibt, gerade recht.

ehem-user-23-12-2021-1346
22.12.2021, 16:46
Genau das. Ganz deiner :-meinung
Es gibt eben noch Menschen, die mit anderen Menschen erst dann arbeiten möchten, nachdem Sie dafür ausgebildet worden sind und wissen, was Sie tun.

Die Heilpraktiker PT halten sich sicherlich für genug ausgebildet, da sie ja alle Anforderungen zur Erlangung des Rechts auf führen der Berufsbezeichnung erfüllt haben

ehem-user-23-12-2021-1346
22.12.2021, 16:49
Zumal aktuell die Wartezeiten für eine Psychotherapie schonmal gut 6 Monate betragen. Und Leute, die eine brauchen, auch oft nicht die Kraft und Beharrlichkeit haben, diverse Praxen abzutelefonieren und sich auf Wartelisten setzen zu lasse. Da kommt so ein psychotherapeutischer Heilpraktiker, der für „kleines Geld“
direkt einen Termin vergibt, gerade recht.

Ein Psychologe oder Psychotherapeut könnte diese Dinge ja auch privat oder für Selbstzahler anbieten. Wenn z.B: das Budget überschritten ist und noch Termine frei sind. Oder grundsätzlich privat, weil die Nachfrage ja da ist
Ich finde es gut, dass studierte PT und Psychologen diesen Umstand trotzdem nicht ausnutzen.

ehem-user-23-12-2021-1346
22.12.2021, 17:19
Das HP Therapiefreiheit haben und bis auf meldepflichtige Infektionskrankheiten quasi alles behandeln können finde ich schon heftig. Und das im hochregulierten Deutschland. Und es ist noch nichtmal eine geregelte Ausbildung nötig

Mr. Pink online
22.12.2021, 18:33
Sich medizinisch mit seinem Leid im Stich gelassen zu fühlen oder sich bei weiter bestehendem Leidensdruck ausbehandelt zu wissen würde ich jetzt nicht unbedingt als Freiwilligkeit abtun. Je nach Abart dieser staatlich geadelten Scharlatanerie stellen genau solche Menschen die marktrelevante Zielgruppe dar.

"Unfreiwillig" ist beispielsweise die Finanzierung unseres Gesundheitssystems und der dadurch finanzierten Berufsgruppen. Da hast du als Patient wenig Mitspracherecht. Den Heilpraktiker suchst du dir aber selbst aus, er kann meines Wissens keine Kassenleistungen abrechnen?! Mehr Freiwilligkeit geht eigentlich nicht.

Reflex
22.12.2021, 18:41
Die Cousine meines Mannes ist auch studierte Psychologin, hat vor ihren Kindern in der KJP gearbeitet und jetzt trotzdem eine Praxis als „Heilpraktikerin“ für Psychotherapie - keine Ahnung, warum, aber ihr Studium hat sie abgeschlossen und diverse Jahre Berufserfahrung - da ist die Bezeichnung Heilpraktiker anscheinend kein Widerspruch.

Das geht nur, wenn sie keine approbierte psychologische Psychotherapeutin ist. Auch die Psychologen müssen nach dem Studium erst eine aufwendige und teure Ausbildung zum Psychotherapeuten mit anschließender Prüfung durchlaufen, wenn sie irgendwann als niedergelassene Psychotherapeuten in einer Richtlinien Psychotherapie arbeiten möchten. Das ist vergleichbar mit dem studierten Arzt, der keine Approbation hat.

Endoplasmatisches Reticulum
22.12.2021, 18:44
"Unfreiwillig" ist beispielsweise die Finanzierung unseres Gesundheitssystems und der dadurch finanzierten Berufsgruppen. Da hast du als Patient wenig Mitspracherecht. Den Heilpraktiker suchst du dir aber selbst aus, er kann meines Wissens keine Kassenleistungen abrechnen?! Mehr Freiwilligkeit geht eigentlich nicht.

Das ist halt homöopathische Rhetorik. Gezielt Bedürfnisse und Heilswünsche leidender, hilfloser, verzweifelter Menschen ansprechen und ausnutzen. Aber, halt: Sie kommen ja freiwillig! Finde ich etwas zu einfach.