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Ernald
04.05.2022, 10:18
Hallo ihr,

ich lese oft mit im "Residency subreddit", wo residents (=Assistenzärzte in den USA) über ihren Alltag und auch das Gehalt reden. Das resident Gehalt ist, denke ich, ungefähr vergleichbar mit unserem Gehalt.
Ab und an hört man aber auch, mit was für Gehältern die Residents dann in ihre Atttending (Oberarzt/Facharzt) Stellen gehen. Und da dachte ich mir, dass ich mich verlese. Dort ist es oft so, dass man nicht unter 300k Jahresgehalt anfängt. Mir ist schon klar, dass sich viele vorher stark verschulden, aber mit Anfangsgehältern von teilweise über 300k finde ich das nicht mehr so ausschlaggebend. Woran genau liegt das? Solche Gehälter kriegen hier in Deutschland viele Chefärzte nicht. Ich kann mir das nicht wirklich erklären. Gibt es da etwas, was ich übersehen habe?

LG

Choranaptyxis
04.05.2022, 10:24
Naja, einfach mal die Kosten im US-Gesundheitssystem anschauen. Wenn alles mehr kostet, kann ich mehr ausgeben. Beispielhaft anhand der Pleurapunktion (https://www.klinikkompass.com/medizinische-behandlungskosten-in-den-u-s-a-und-deutschland/), und z.B. Kaiserschnittkosten kann man gut googlen.
Hier (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/91828/Warum-das-US-Gesundheitssystem-so-teuer-ist)kann man auch die Personalkosten nachlesen, dementsprechend kostet eben alles auch.
Plus noch die Klagebereitschaft der Amerikaner, die auch ihren Beitrag leistet.

davo
04.05.2022, 14:05
Weniger Ärzte, die deutlich besser für ihre Interessen eintreten. Arbeitsmarkt viel besser geschützt. Höhere Zahlungsbereitschaft für Gesundheit. Höhere Wertschätzung hochqualifizierter Arbeitskräfte.

urinbeutel
04.05.2022, 22:36
Jup. Zahl der Residency spots ist begrenzt. Neurochirurgen verdienen teils über 700.000 Dollar pro Jahr.
Dann noch einkalkulieren, dass der Dollar eine stärkere Kaufkraft hat, man weniger Steuern zahlt und Immobilien weniger kosten...
Hierzulande ist Lohndumping üblich. Am extremsten ist es deutlich bei Fachärzten, die nach Tarif an Kliniken angestellt sind. Selbst in Entwicklungsländern verdient man häufig mehr. Das Geld wird in Deutschland im Niedergelassenensektor gemacht, wobei dieser durch die Politik immer weiter zerstört wird.

cartablanca
05.05.2022, 15:26
Selbst in Entwicklungsländern verdient man häufig mehr.

In Entwicklungsländern verdient man als FA sogar deutlich mehr. Weil man da Einzelleistungen statt Pauschalen abrechnen kann. Es stimmt, dass die Möglichkeit zur Abrechnung von Einzelleistungen dazu führt dass mehr dieser Leistungen erbracht werden.
Nur leider vergessen bestimmte Leute, dass das eben kein Alleinstellungsmerkmal des Arztberufs ist.

urinbeutel
05.05.2022, 16:28
Facharzt Stufe 1 bei 6200 Brutto sind 3570 netto bei Steuerklasse I. In einem Lang im Kaukasus hat ein Orthopäde etwa so viel verdient, Allgemeinmediziner jedoch nur einen Bruchteil davon. Wohlgemerkt bei einem BIP/Kopf von 4000€ (Deutschland mehr als 10 so viel). In China verdienen die Spezialisten in den Städten deutlich mehr, wobei es stark damit skaliert, was man privat an Leistungen erbringen kann. Soweit meine Erfharungen

Holthusen
05.05.2022, 16:39
Naja, einfach mal die Kosten im US-Gesundheitssystem anschauen. Wenn alles mehr kostet, kann ich mehr ausgeben. Beispielhaft anhand der Pleurapunktion (https://www.klinikkompass.com/medizinische-behandlungskosten-in-den-u-s-a-und-deutschland/), und z.B. Kaiserschnittkosten kann man gut googlen.
Hier (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/91828/Warum-das-US-Gesundheitssystem-so-teuer-ist)kann man auch die Personalkosten nachlesen, dementsprechend kostet eben alles auch.
Plus noch die Klagebereitschaft der Amerikaner, die auch ihren Beitrag leistet.


Jup. Zahl der Residency spots ist begrenzt. Neurochirurgen verdienen teils über 700.000 Dollar pro Jahr.
Dann noch einkalkulieren, dass der Dollar eine stärkere Kaufkraft hat, man weniger Steuern zahlt und Immobilien weniger kosten...
Hierzulande ist Lohndumping üblich. Am extremsten ist es deutlich bei Fachärzten, die nach Tarif an Kliniken angestellt sind. Selbst in Entwicklungsländern verdient man häufig mehr. Das Geld wird in Deutschland im Niedergelassenensektor gemacht, wobei dieser durch die Politik immer weiter zerstört wird.

Gute Beiträge, die das Themen von verschiedenen Seiten beleuchten. Zum einen ist das US-Gesundheitswesen "einfach extrem teuer", zum anderen tritt die Ärztelobby stärker auf (zumindest Fachärzte). Die Ausbildung ist etwas organisierter. Hierzulande gibt es Ausbildungsplätze ohne Ende.

Noch kurz zum Beitrag von Urinbeutel: Das Gras auf dern anderen Seite ist immer grüner: Auch für 700.000k würde ich keine NC machen, sagt mir fachlich nicht zu, ich wäre bis spät abends im KH und könnte mir quasi mein Haus auf dem Klinikgelände bauen. Die Kaufkraft des US-Dollars verliert genauso kontinierlich wie die anderer Währungen. Die Wohnung in New York, das Townhouse in SanFrancisco oder NewYork sind auch teuer. Eine Frage wie weit man raus ziehen will bzw. in welche mehr oder weniger beliebte Gegend. Nebenbei sind die Bauqualität und Baustandards einfacher und damit auch der Preis der US Häuser niedriger.
Sollte man alt/krank werden (auch in jungen Jahren) und nicht mehr die hohen Einkünfte haben, sieht es mau aus mit der amerikanischen Gesundheitsversorgung. Entweder ist sie dann auf extremen LowLevel Niveau oder man hat garkeine Versicherung. Das gefällt mir beispielsweise nicht.

McLaren422
05.05.2022, 16:53
Es ist auch so, dass man in Großstädten wegen Bewerberüberschuss eher schlechter verdient wie auf dem Land. In Manhattan kann man dann schon mal schnell in finanzielle Bedrängnis kommen, gerade am Anfang der Karriere.

Generell hängt es extrem davon ab, wo man arbeitet. Die Lebenshaltungskosten variieren stark von Staat zu Staat, sind aber tendenziell höher wie die in Deutschland. Außerdem gibts da nur ca. 9 Tage unbezahlten Urlaub und es ist an der Tagesordnung, ständig rauszufliegen und woanders neu anfangen zu müssen. Sowas wie Hartz4 gibts dort auch nicht.

Trotz alle dem: Arzt sein in USA ist megageil und wäre auch mein favorisiertes Land, leider muss man da ja wieder die komplette Facharztausbildung machen...

Holthusen
05.05.2022, 18:59
es gehen erstaunlich wenig dafür, dass es so geil ist

McLaren422
05.05.2022, 19:37
liegt an den hohen Hürden und an dem hart umkämpften Arbeitsmarkt. Und ich glaub, dass viele Deutsche mit der USA nicht so viel anfangen können (aus diversen Gründen...)

DrSkywalker
05.05.2022, 19:45
Dann noch einkalkulieren, dass der Dollar eine stärkere Kaufkraft hat, man weniger Steuern zahlt und Immobilien weniger kosten...


Die Kaufkraft des Dollar ist ein Witz wenn man halbwegs guten Standard möchte, egal ob essen, Restaurants, wohnen etc. Ein Becher yogurt 1,50 Dollar ganz normal....

Je nach Region natürlich auch sehr große Unterschiede. Wisconsin oder Kalifornien macht einen sehr großen Unterschied

Die Schulen sind mitunter richtig mies, 2000 Dollar pro Kind und Monat für die Privatschule kann man im Zweifel einkalkulieren.

Wer in Deutschland sehr gut verdienen möchte kann das auch. Alles eine Frage der Prioritäten.

McLaren422
05.05.2022, 19:59
ne Packung Käse in Kalifornien 7$ :D

anignu
05.05.2022, 23:28
Und ich glaub, dass viele Deutsche mit der USA nicht so viel anfangen können
Wolltest du "können" sagen oder "wollen"?
Weil ich will auch gern viel verdienen, aber nicht wenn's anstrengend ist ;-)

Bonnerin
06.05.2022, 06:18
Wolltest du "können" sagen oder "wollen"?
Weil ich will auch gern viel verdienen, aber nicht wenn's anstrengend ist ;-)

Habt ihr mal die aktuellen Entwicklungen des Landes angeschaut? Der Supreme Court ist anscheinend kurz davor, dafür zu sorgen, dass Abtreibungen wieder in weiten Teilen des Landes verboten werden und auch das Urteil in Obergefell v. Hodges scheint auf der Liste zu stehen - damit wäre es wieder Bundesstaatssache, ob gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt sind. Dieses Land bewegt sich langsam aber sicher in Richtung einer pseudochristlichen Theokratie...und ich freue mich schon drauf, wenn sie dank obskurer Wahlregeln Trump wiederwählen... :(

Da kann man mir noch so viel Geld bieten, langfristig würde ich da nicht leben wollen.

DrSkywalker
06.05.2022, 06:27
Es gibt einfach nicht das eine Amerika. An den Küsten wohnen (bis auf Florida🫢) sehr vernünftige Menschen.

Das Hauptproblem ist die Polarisierung. Der öffentliche Diskurs ist vergiftet und von extremen geleitet. Demokraten und Republikaner bleiben zunehmend unter sich. Die einen in der CNN bubble, die anderen in der foxnews bubble. Soziale Spaltung wo man nur hinschaut. Extremer Reichtum und extreme Armut.

Mit dem richtigen Einkommen in der richtigen Region ist die Lebensqualität allerdings weltweit am höchsten (bay area, napa, sonoma, Seattle, Los Angeles, San Diego, boston, New York mit Umland, boulder Colorado, charlottesville etc)

davo
06.05.2022, 06:46
Es gibt in den USA sehr viele Regionen mit sehr hoher Lebensqualität und sehr hohem Lebensstandard. In deutschen Medien wird meist ein bizarres Zerrbild des Lebens in den USA transportiert, und selbst viele gebildete Deutsche glauben, dass es tatsächlich so wäre. Die Realität schaut anders aus.

Außerdem haben die USA in allen strategischen Belangen (Wirtschaft, Wirtschaftspolitik, Sicherheit, Energieversorgung, Einwanderung) massive Vorteile gegenüber der EU.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich schon dort. Die deutlich höheren Gehälter sind dabei nur einer von vielen Aspekten.

Christoph_A
06.05.2022, 09:00
Natürlich gibt es nicht das eine Amerika, das ist bei diesem riesigen Land schon klar. Landschaftlich sind viele Ecken wunderschön, auch die großen Städte an der Ost- wie Westküste sind toll, aber dazwischen ist halt auch viel siechende Industriebrache, dazu sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich für deutsche Augen schon gewöhnungsbedürftig, ging zumindest mir immer so, wenn ich drüben war.
Wenn man dann auch noch den nicht gerade geringen Anteil religiöser Spinner und Hillbillies miteinrechnet, die Arbeits- und Klagekultur ansieht und sich anschaut, wohin die gesellschaftliche Grundrichtung strebt (sehr gut von Bonnerin bereits erwähnt), dann können die mir auch eine Mio Dollar im Jahr bieten und ich würde nicht dort arbeiten wollen.
Ist ein tolles Land, um Urlaub zu machen, leben würde ich da jedoch nicht wollen.

cartablanca
06.05.2022, 15:59
Sollte man alt/krank werden (auch in jungen Jahren) und nicht mehr die hohen Einkünfte haben, sieht es mau aus mit der amerikanischen Gesundheitsversorgung.

Wer in den USA krank wird oder einen kranken Angehörigen finanzieren muss fällt in ein Loch ohne Boden.

McLaren422
06.05.2022, 17:55
@anignu:
können :D

oder vielmehr meine ich, dass die USA hierzulande sehr stark polarisiert. Entweder man liebt oder hasst die USA... Viel zwischendrin scheints nicht zu geben.

@DrSkywalker: Was hast du gegen Florida? :D

Da würde ich aber auch nicht hinwollen, viel zu warm. Und in den großen Städten muss man schon verdammt gut verdienen, wenn man nen ordentlichen Lebensstandart will, gilt v.a. für New York und LA. Und ich meine, in großen Städten sind die Gehälter geringer, weil da mehr hindrängen.

Am Besten verdient man in North Dakota aufm Land. :)

DrSkywalker
06.05.2022, 19:45
Kennst du etwa nicht die "Florida man" - birthday challenge? 😁😁😁

Man muss Florida man und seinen Geburtstag Googlen...