Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich kann nicht mehr, ich verlasse das Gesundheitsystem
Feuerblick
18.06.2022, 12:28
Sehe ich ähnlich. Die Antworten in diesem Thread belegen ja schon die Hilflosigkeit einiger, was das Bewerben jenseits der Medizin angeht. :-nix
Nefazodon
18.06.2022, 16:01
Welcher Master ist denn am Besten? MHBA? Gesundheitsökonomie? Public Health?
Und wie du sagst, das hat Vorlaufzeiten von 2 Jahren. Und die meisten Aufbaustudiengänge kosten zweistellige Tausenderbeträge. Falls man unmittelbar eine Lösung braucht ist das schwierig.
Außerdem ist sicher auch nicht jeder Master hilfreich. Deshalb wäre die Frage wichig welchen genau man machen soll.
Das alleine ist schon die falsche Frage, die darauf schließen lässt, dass Du auch ein stückweit die falsche Einstellung hast @mbs!'
Alle drei Studiengänge haben unterschiedliche Schwerpunkte und mit allen kann man was machen.
Die Frage ist also nicht, welcher Studiengang "am besten" ist, sondern, welcher am besten zu dir passt.
Was interessiert dich denn?
Und genau diese Frage, nach dem Interesse, ist eben auch der Dreh- und Angelpunkt in einem Bewerbungsgespräch.
Man muss glaubhaft vermitteln, warum man sich jetzt für Alternative xyz interessiert.
mbs ist halt leider völlig konfus. Er denkt völlig unterschiedliche Fächer an, denkt völlig unterschiedliche Master an - das zeigt, dass er eigentlich keine Ahnung hat, was er will. Und wenn der Wunsch einfach nur ist, "was anderes" zu machen, ist das Risiko halt groß, dass man dann auch mit dem Anderen genauso unzufrieden wie jetzt ist.
Bonnerin
18.06.2022, 18:13
mbs ist halt leider völlig konfus. Er denkt völlig unterschiedliche Fächer an, denkt völlig unterschiedliche Master an - das zeigt, dass er eigentlich keine Ahnung hat, was er will. Und wenn der Wunsch einfach nur ist, "was anderes" zu machen, ist das Risiko halt groß, dass man dann auch mit dem Anderen genauso unzufrieden wie jetzt ist.
Vor allem, da im Fall von mbs nach eigenen Angaben noch 1 Jahr zum FA für VCH fehlt. Alles andere wären mindestens noch 2-3 Jahre bis zu einem eventuellen FA. Ich würde das Jahr durchziehen, mich parallel eventuell mal professionell beraten lassen um den Knoten aus dem Hirn zu kriegen und dann kann man ja sehen, obs zur DRV, den MDK einer BG o.ä. geht.
cartablanca
19.06.2022, 08:34
Ich glaub du hast einfach Depressionen. Was nicht ungewöhnlich ist. Hat heutzutage gefühlt jeder Dritte.
Tree_of_life
22.06.2022, 16:30
Ich kann die Frustration von solarius10 durchaus verstehen. Medizin ist eine ellenlange und zehrende Ausbildung, die zudem unflexibel, haufig altmodisch und im Vergleich zu anderen high functioning jobs nur maessig lukrativ ist. Nach einem langen Studium muss man sich fuer eine Weiterbildung entscheiden, die man schwer in seiner Gaenze initial abschaetzen kann. Wechseln bedeutet erneuter Zeitverlust und man muss sich wieder "nach oben" kaempfen. Auszeiten oder "Luecken im Lebenslauf" werden kritisch betrachtet. Dazu kommt ein hoher Ausbildungsdruck (Dissertation/research, Funktion/Diagnostik/Interventionen/OPs, WBO etc) und unflexible Arbeitsmodelle. Vom oft makaberen sozialen Arbeitsklima ganz abgesehen. Der Stress des Gesundheitswesens kommt dann noch oben drauf und das burn out kommt mit Gewissheit. Dieses Klima wird dann hier unterstrichen von Leuten, die aus der Huefte eine Depression diagnostizieren oder von oben herab zum Zusammenreissen anmahnen. Voellig daneben.
Das erste Problem ist, dass Medizin wenig transferrable skills hat und die, die es gibt, muss man gut verkaufen. Ein Quereinstieg in einen anderen Berufszweig ist nicht einfach, da man kaum woanders Medikamte verschreibt, Hohlorgane punktiert oder schallt. Das zweite Problem ist, dass es im oder nach dem Studium kaum eine Karriereberatung fuer Aerzte gibt. Sowohl fuer klinische als auch nicht-klinische Gebiete. Die medizinische Ausbildung dauert gerne 15 Jahre plus, aber kaum gibt es Unterstuetzung, die verschiedenen Wege fruehzeitig zu explorieren oder mehr en detail ueber die Moeglichkeiten zu erfahren. Auch Ausprobieren geht schlecht, da man dann ja keine "klare Linie" sieht. Die klinische Realitaet ist kaum so, wie es das Studium verkauft, und in der Klinik ist man haeufig zu eingebunden, um mal ueber den Tellerrand zu schauen. Wie schon erwaehnt bleibt dann haeufig nur das Ziel, nach einem Facharzt "ersteinmal Luft zu holen". Diese Restriktion, 6 Jahre seines Lebens einen job zu absolvieren, der einem nicht gefaellt, um dann seine Karten neu zu mischen, ist ein Armutszeugnis. Aber das ist, was viele machen. Erstmal Facharzt - 40% aller Aerzte verlassen die klinische Medizin. Solarius10 ist wahrscheinlich einer/e davon. Das ist nicht eine Depression oder weil man keine Eier, was durchzuhalten, sondern einfach Ausdruck eines Systems, das nicht selten den Spass an der Arbeit nimmt.
Beratung kann man kaum aus den eigenen Reihen erwarten, da natuerlich die meisten, die in der klinischen Medizin arbeiten, eben nur genau diesen Bereich kennen. Wie kann man ueber Pharma, consulting oder Amtsarbeit Ratschlaege ausgeben, wenn man selber als Assistent in der Kinik schuftet. Ich denke, solarius10 muss einfach mal Firmen anschreiben und mit Leuten direkt und ganz unbeschwert in Kontakt treten. Schreib einem start up, browse mal auf linkedin oder indeed und such nach allem Moeglichen, was es in den Life sciences so gibt. Es gibt mehr Firmen als Krankenhauser, und die nicht-klinische Welt ist nicht so restriktiv und vorbestimmt wie die Kriterien der klinischen Medizin. Du wirst sicher etwas finden.
solarius10
22.06.2022, 18:22
Danke tree_of_life für deine offenen Worte. Ich habe diese Worte gerade beim lesen gebraucht! Ich habe mich die letzte Zeit so dermaßen gequält, dass mir deine Ansicht wieder Hoffnung gibt
pineapple
22.06.2022, 18:54
Das Problem ist aber auch, dass wir Ärzte nicht auf uns aufmerksam machen
Lauterbach spricht zur Pflege, macht Gesetze
Und wir? ? Verdienen noch weniger als vor der Pandemie!! Haben ein viel höheres gesundheitliches Risiko als Pflege mit samt 24h Schlafanzug und dürfen dann auch noch umsonst Überstunden schieben. So beschissen wie die Weiterbildung ist, frage ich mich eh, wie in ein paar Jahren genug fähige Ärzte verfügbar sein sollen, man wird ja erstmal zum Sekretär ausgebildet bevor es in die Tiefe geht. Hinzu kommen Ärzte, die basale Fähigkeiten nicht beherrschen aber auf dem Papier eine Vollkraft abbilden, obwohl sie weniger können als ein Vorklinik Student.
Endoplasmatisches Reticulum
22.06.2022, 19:37
Das fängt im Studium schon an. Ich bin immer noch im Studi-Verteiler meiner Alma mater drin und habe da vor Kurzem das Wahlprogramm zum Fakultätsrat als Mail bekommen. Was lese ich unter den dringlichsten Forderungen ganz oben, mit denen die Medizinervertretung um ihre Wahl wirbt? Neben Abschaffung benoteter Prüfungen, Enteignung privatisierter Krankenhäuser, mehr Ethik und Geschichte im Medizinstudium, Abschaffung von Nazi-Namensgebern in der Medizin, Antirassismusunterricht in der Orientierungseinheit für neue Erstis ... ahja, richtig: Bessere Arbeitsbedingungen und verbindliche Personalschlüssel für die Pflege.
Wir Ärzte haben keine Identität.
][truba][
22.06.2022, 20:04
Wechseln bedeutet erneuter Zeitverlust und man muss sich wieder "nach oben" kaempfen. Auszeiten oder "Luecken im Lebenslauf" werden kritisch betrachtet. Dazu kommt ein hoher Ausbildungsdruck (Dissertation/research, Funktion/Diagnostik/Interventionen/OPs, WBO etc) und unflexible Arbeitsmodelle. (...)
(...) Die medizinische Ausbildung dauert gerne 15 Jahre plus, aber kaum gibt es Unterstuetzung, die verschiedenen Wege fruehzeitig zu explorieren oder mehr en detail ueber die Moeglichkeiten zu erfahren. Auch Ausprobieren geht schlecht, da man dann ja keine "klare Linie" sieht. Die klinische Realitaet ist kaum so, wie es das Studium verkauft, und in der Klinik ist man haeufig zu eingebunden, um mal ueber den Tellerrand zu schauen. (...)
Viele Dinge die du aufführst, stimmen durchaus. Die oben zitierte Abschnitte sehe ich allerdings nicht komplett gleich. Vieles was du aufführst, wie die kritische Betrachtung von "Lücken" im Lebenslauf oder der Ausbildungsdruck durch die "Dissertation" etc. sind doch eher hausgemacht. Ich habe in mehr als 3 Vorstellungsgesprächen nie eine kritische Betrachtung erlebt. Und selbst wenn, so what? Ich hab einen Abschluss, hatte bei den nächsten Gesprächen Erfahrung, spreche und schreibe deutsch. Kommst du als Chef nicht mit meinem Lebenslauf klar? Gut, dann geh ich woanders hin. Mein erster Chef wollte mir ständig eine Doktorarbeit aufschwatzen obwohl ich im Studium eine begonnen habe (liebe Grüße an den Dissertationsdruck durch den Chef). War mir aber egal. Wer diese Drücke "empfindet", macht sich den Stress selbst. Es kann sein, dass manche Chefs so drauf sind aber wer nicht sagen kann "I dont care", macht sich den Stress selbst. Und ich weiß, jetzt kommt gleich wieder "Dann wird man aber nicht ausgebildet". Das kann stimmen (war bei mir nicht so) aber dann ist es wohl der falsche Chef, die falsche Abteilung. Ich habe in einer großen Abteilung gearbeitet mit grausamen Arbeitsbedingungen und manchmal Diensten >24h (jaja, nicht erlaubt usw. usf). Ich merkte dass das Fach das richtige ist aber die Abteilung hat mich letztlich fast aus der Patientenversorgung getrieben und den OP habe ich auch nie gesehen. Nach einem Wechsel (1 Jahr hab ich dort verbracht) liebe ich das Fach weiterhin und habe auch eine Abteilung gefunden in der man operativ ausgebildet wird. Was ich sagen will ist, dass man manchmal auf Dinge die der Chef oder der Oberarzt "wollen" (Briefe fertig haben, Untersuchungen anmelden etc. pp.) pfeifen muss (solange es dem Patienten nicht schadet). Ja, man kriegt Anschiss und ja, wenn man es nicht aushält muss man gehen aber diesen Druck des Perfektionismus, der kommt von innen und schadet einem genauso wie das kaputte System, dass du sonst sehr gut beschrieben hast.
(...) sondern einfach Ausdruck eines Systems, das nicht selten den Spass an der Arbeit nimmt. (...)
Feuerblick
22.06.2022, 20:43
Dem ist nichts hinzuzufügen!
RussianAngel
22.06.2022, 22:31
Ich muss sagen, dass ich teils die absurdesten Bewerbungsgespräche hatte...wirklich alles, und ich meine ALLES wird kritisch hinterfragt...auch Sachen, die ich für extrem positiv halte...auch dass ich auf einem Studentenkongress etwas vorgestellt hatte, der ja an meiner Uni sehr beliebt ist als Einstieg in die Kongresswelt: achja, und dann haben Sie gleich dort vorgestellt, mit so einem ironischen Grinsen...Eine doofe Kuh ging soweit, mir zu erzählen, was sie alles so selber gemacht hat im Vergleich zu meinem Lebenslauf, weil er wirklich verdächtig ähnlich war ( war nicht Absicht, aber wohl ähnliche Interessen)...sie wollte zeigen, was sie schon besser gemacht hatte...sorry, aber wenn eine Professorin sich mit ihren Untertanen vergleicht, wo soll das ganze hinführen? Ich suche eine Lehrstelle und noch eine Stelle, wo ich ich kranke Egos futtern muss...
][truba][
23.06.2022, 05:54
Und? Was kümmert es dich, wenn sie dir das vorstellt. Genau das meine ich ja. Scheint doch ihr Ego Problem zu sein.
Das hätte ich spätestens beim verlassen des Raumes vergessen und dann für mich entschieden ob ich mit solchen Vorgesetzten arbeiten möchte. Das finde ich weder schlimm noch besonders.
Endoplasmatisches Reticulum
23.06.2022, 07:11
Sich einfach eine gute Stelle suchen, ist ein klasse Ansatz, der sich leider rasch erschöpft, wenn sich eine solche auf weiter Flur nicht finden lässt. Aber das liegt bekanntermaßen am Individuum, nicht an einem Systemproblem ...
Warum einen sowas kümmern sollte? Vielleicht weil der Job kein Spaßprojekt sondern eine Notwendigkeit ist, und ewiges Anfahren und Hospitieren für nichts als aufgestellte Nackenhaare und Idiokratenausschlag am ganzen Körper irgendwann nur noch frustriert, nervt und kostet.
Ich muss sagen, dass ich teils die absurdesten Bewerbungsgespräche hatte...wirklich alles, und ich meine ALLES wird kritisch hinterfragt...auch Sachen, die ich für extrem positiv halte...
Die Erfahrungen teile ich. Manche Chefvorstellungen eines Bewerbungsgespräches erreichen komödiantische Finessen, die einem im besten Kabarett nicht begegnen.
Tree_of_life
23.06.2022, 08:48
@truba:
Ich denke, das Argument steht weiterhin, dass der Ausbildungsdrucks insbesondere in der Medizin besonders hoch und spuerbar ist im Vergleich zu anderen Berufsfeldern. Aus all den genannten Dingen ist die Dissertation heutzutage natuerlich der entbehrlichste Teil in der eigenen Ausbildung. Dennoch sieht man regelmaessig, dass eine Dissertation bei Stellenausschreibungen zumindest "erwuenscht" (und in leitenden Positionen zwingend notwendig) ist und die hohe Quote an Doktoranden waehrend des Studiums spiegelt diesen Ausbildungsdruck wider. Ich denke nicht, dass sich Studenten diesen Stress "selbst" machen - waere es so unnoetig, wuerden sicherlich nicht so viele Studenten es zumindest probieren. Im Ausland sind extracurricular activities extrem gefragt, wenn es um Einstiegspositionen geht, weshalb das ein grosser Teil des CV wird. Ist hier in Deutschland gar nicht der Fall, also auch kein Teil des Lebenslaufs. Die Dissertation muss man nicht machen, um eine gute Karriere hinzulegen, sicher, aber dein Fall ist halt ein confirmation bias deiner eigenen persoenlichen Erfahrung. Viele Studenten absolvieren Dissertationen nicht zum Spass, sondern weil es der Markt nicht selten fordert.
Und wie gesagt, die Dissertation ist noch das Entbehrlichste - gute Funktion lernen, die richtigen OPs mitmachen oder interventionelle Ausbildung sind nicht selten umkaempfte Gebiete und haeufig das Nadeloehr fuer bessere Positionen und die naechsten Karriereschritte. Viele erbringen dafuer haeufig Opfer, die auch das Privatleben tangieren.
Bzgl Luecken im Lebenslauf denke ich schon, dass dies mit gehobener Augenbraue hinterfragt wird. Nicht viele Assistenten nehmen ein sabbatical fuer ein oder mehrere Jahre oder rotieren jahrelang in verschiedenen Fachbereichen umher, um etwas fuer sich zu finden. Letzteres allein schon nicht, weil sie als Arbeitskraft zu teuer und somit unattraktiv werden. Sicher, kleine Luecken an sich sind sicher nicht der ausschlaggebende Punkt, aber in der Medizin gibt es nicht selten eine altbackene Sicht auf die Dinge. In anderen Berufszweigen wird die Diversitaet an Erfahrung belohnt oder zumindest positiv bewertet. In der Medizin ist man nicht Fisch, nicht Fleisch, wenn man keine "Linie" hat. Aber ich gebe dir natuerlich recht, dass das einem nicht unbedingt die Stelle kostet. Hier geht es mir auch um den Ton, der in der Medizin gesetzt wird.
Zuletzt sei noch wichtig zu erwaehnen, dass einem natuerlich alles egal sein kann. Der Chef, die Anforderungen, die Stelle. Man kann natuerlich auch regelmaessig den Arbeitsplatz wechseln und alles hinter sich lassen. Emotional detachment ist auch ein defense machanism. Zum einen denke ich, dass auch das nicht gesund ist, zum anderen sieht die Realitaet natuerlich haeufig anders aus. Stellenwechsel koennen die Ausbildung noch weiter ausziehen, da man auch dabei Zeit verlieren kann (Bewerbungsphase, Einarbeitung, overlap von der einen zur anderen Stelle etc). Unterm Strich gibt es nicht eine endlose Anzahl von Arbeitgebern, die das bieten, was man (aktuell) braucht. Und natuerlich spielen noch zahlreiche andere Faktoren in die Wahl des Arbeitgebers als nur die inhaltliche Weiterbildung (Anfahrt, Bezahlung, Ruf, Zeitmodelle, Vereinbarkeit mit Familie etc).
Ich denke nicht, dass sich Aerzte einfach so "Stress machen" oder grundsaetzlich hohen Neurotizismus aufweisen. Die medizinische Ausbildung ist anstregend, stressig, langwierig und manchmal auch erschoepfend. Und das darf man auch so benennen ohne als Weichei dazustehen oder sich rechtfertigen zu muessen. Manch einer kann mit dem Stress besser umgehen als andere, aber das ist eher Ausdruck der Varianz der Resilienz der Aerzte statt valider Massstab fuer die Berufseignung.
Arbeit sollte unterm Strich Spass machen. Fuer viele Aerzte ist das leider nicht der Fall. Dafuer gibt es ganz sicher intrinsische und individuelle, aber eben auch systemische und strukturelle Ursachen. Beides muss man berichtigen, um die eigene Situation zu verbessern.
Endoplasmatisches Reticulum
23.06.2022, 09:35
Bzgl Luecken im Lebenslauf denke ich schon, dass dies mit gehobener Augenbraue hinterfragt wird. Nicht viele Assistenten nehmen ein sabbatical fuer ein oder mehrere Jahre oder rotieren jahrelang in verschiedenen Fachbereichen umher, um etwas fuer sich zu finden. Letzteres allein schon nicht, weil sie als Arbeitskraft zu teuer und somit unattraktiv werden. Sicher, kleine Luecken an sich sind sicher nicht der ausschlaggebende Punkt, aber in der Medizin gibt es nicht selten eine altbackene Sicht auf die Dinge. In anderen Berufszweigen wird die Diversitaet an Erfahrung belohnt oder zumindest positiv bewertet. In der Medizin ist man nicht Fisch, nicht Fleisch, wenn man keine "Linie" hat. Aber ich gebe dir natuerlich recht, dass das einem nicht unbedingt die Stelle kostet. Hier geht es mir auch um den Ton, der in der Medizin gesetzt wird.
In meiner Erfahrung sind Chefärzte vor allem maximal risikoavers. Vermutlich auch, weil die Personalschlüssel derart auf Lücke fahren und Leute kommen und gehen, dass ständig Stellen offen sind und eigentlich nie die "kalkulierte" Teambesetzung anwesend ist. Von der ohnehin nie stattfinden Einkalkulation von Schwangerschaften und Krankheit ganz zu schweigen. Da will man als Chef keinen Assi, der im Lebenslauf vermuten lässt noch zu suchen, nicht zu wissen was er will, bei Problemen sofort schmeißt oder aus sonstigen Gründen schnell wieder weg sein könnte. Und trotz Feuer steuerbar soll er sein, denn die Chefs halten als Kernkompetenz Teams am Laufen, die eigentlich nicht lauffähig sind. Dafür brauchen sie vor allen leidensfähige Leute, und viele Wechsel indizieren fehlende Bullshittoleran... äääh, ich meine natürlich fehlende Belastungsfähigkeit und fehlende Leidenschaft.
(Umso bescheuerter, da es fachärztliche Weiterbildungen gibt, die zwangsläufig Rotationen durch 3+ Fächer fordern. Aber zuviel Hickhack, da fehlt dann der rote Faden.)
][truba][
23.06.2022, 15:59
@truba:
Ich denke, das Argument steht weiterhin, dass der Ausbildungsdrucks insbesondere in der Medizin besonders hoch und spuerbar ist im Vergleich zu anderen Berufsfeldern. Aus all den genannten Dingen ist die Dissertation heutzutage natuerlich der entbehrlichste Teil in der eigenen Ausbildung. Dennoch sieht man regelmaessig, dass eine Dissertation bei Stellenausschreibungen zumindest "erwuenscht" (und in leitenden Positionen zwingend notwendig) ist und die hohe Quote an Doktoranden waehrend des Studiums spiegelt diesen Ausbildungsdruck wider. Ich denke nicht, dass sich Studenten diesen Stress "selbst" machen - waere es so unnoetig, wuerden sicherlich nicht so viele Studenten es zumindest probieren. Im Ausland sind extracurricular activities extrem gefragt, wenn es um Einstiegspositionen geht, weshalb das ein grosser Teil des CV wird. Ist hier in Deutschland gar nicht der Fall, also auch kein Teil des Lebenslaufs. Die Dissertation muss man nicht machen, um eine gute Karriere hinzulegen, sicher, aber dein Fall ist halt ein confirmation bias deiner eigenen persoenlichen Erfahrung. Viele Studenten absolvieren Dissertationen nicht zum Spass, sondern weil es der Markt nicht selten fordert.
Hallo, ich möchte in dieser Diskussion generell sicherlich nicht das System loben oder schön reden. Nur vielleicht etwas zum nachdenken anregen. Ja, natürlich wird dieser Druck aufgebaut. Schon in meiner Studienzeit bekam man ein "Freisemester" zum forschen. Denn nur mit Doktortitel "ist man jemand". Zumindest wird es so suggeriert und junge Menschen/Studenten fallen (wie man sieht) gut auf diese Plattitüde hinein. Ob "alle" Studenten diese beginnen weil sie denken ohne machen sie keine Karriere weiß ich nicht. Ich denke eher, es ist ein Mix mit dem üblichen "es gehört dazu" und vielleicht ein wenig Interesse. Ich selbst hatte Interesse zur sehen was so eine Arbeit ausmacht. Kannte aber durch meinen Job vorher schon gute Ärzte ohne und mit Dissertation. Wusste also, dass das gar nix aussagt.
Kurze Recherche übers Internet an meiner elitären Uniklinik in der Stadt (Berlin) zeigt, es gibt nicht promovierte Oberärzte in der Gynäkologie, in der Uro (hier sogar Sektionsleiter Nierentransplantation), in der Unfallchirurgie und der Kardiologie sowie eine stellv. Leitung in der plastischen Chirurgie. Ja, alles natürlich einzelne Kollegen zwischen vielen promovierten Kollegen aber es scheint also möglich auch als Oberarzt in einer Uniklinik zu arbeiten. Sofern das "Karriere" bedeutet. Eine Abteilung wird man natürlich nicht ohne Doktorarbeit leiten können. Zumindest nicht an einer Universität und vermutlich auch nicht in anderen Häusern, vor allem wenn es in der Zukunft zur Zentralisierung geht.
Bzgl Luecken im Lebenslauf denke ich schon, dass dies mit gehobener Augenbraue hinterfragt wird. Nicht viele Assistenten nehmen ein sabbatical fuer ein oder mehrere Jahre oder rotieren jahrelang in verschiedenen Fachbereichen umher, um etwas fuer sich zu finden. Letzteres allein schon nicht, weil sie als Arbeitskraft zu teuer und somit unattraktiv werden. Sicher, kleine Luecken an sich sind sicher nicht der ausschlaggebende Punkt, aber in der Medizin gibt es nicht selten eine altbackene Sicht auf die Dinge. In anderen Berufszweigen wird die Diversitaet an Erfahrung belohnt oder zumindest positiv bewertet. In der Medizin ist man nicht Fisch, nicht Fleisch, wenn man keine "Linie" hat. Aber ich gebe dir natuerlich recht, dass das einem nicht unbedingt die Stelle kostet. Hier geht es mir auch um den Ton, der in der Medizin gesetzt wird.
Mein erster (menschlich sehr guter) Chef hat mir mal gesagt, er schaue explizit auf Leute mit ausgefallenen Hobbys, Jahren im Ausland etc. pp. da er für "sein Team" bestimmte Persönlichkeiten sucht. Das fand ich sehr interessant aber der war sowieso gut. Alle anderen Chefs waren nur daran interessiert die Stelle zu besetzen. Lebensläufe haben die meistens gar nicht gelesen. Eingeladen und ein Gespräch geführt, dann zum Team gebracht und am Ende hat das Team beraten ob er passt oder nicht. Vielleicht ist das eine Eigenart in Berlin aber so kenne ich es aus einigen Abteilungen. Mein Punkt war eher, dass der Ärztemangel auch in den großen Städten ankommen wird, wenn er es nicht schon ist. Man sollte sich des öfteren seinen eigenen Wert ins Gedächtnis rufen. Wenn ich als Persönlichkeit gern ein Jahr reisen möchte, dann macht das. Ein Kumpel von mir ist vor dem Berufsstart ein Jahr durch Asien getourt und ist jetzt bald Facharzt für Innere. Ich möchte nur sagen, dass man sein Leben nicht auf "die Erwartungen" von Chefärzten ausrichten sollte. Wenn ihn ein Reisejahr stört, ist es sein Problem. Ja, vermutlich sieht das 5. Fach in 2 1/2 Jahren etwas seltsam aus und vielleicht weiß man dann wirklich nicht, was man möchte aber du wirst damit trotzdem einen Job kriegen.
Zuletzt sei noch wichtig zu erwaehnen, dass einem natuerlich alles egal sein kann. Der Chef, die Anforderungen, die Stelle. Man kann natuerlich auch regelmaessig den Arbeitsplatz wechseln und alles hinter sich lassen. Emotional detachment ist auch ein defense machanism. Zum einen denke ich, dass auch das nicht gesund ist, zum anderen sieht die Realitaet natuerlich haeufig anders aus. Stellenwechsel koennen die Ausbildung noch weiter ausziehen, da man auch dabei Zeit verlieren kann (Bewerbungsphase, Einarbeitung, overlap von der einen zur anderen Stelle etc). Unterm Strich gibt es nicht eine endlose Anzahl von Arbeitgebern, die das bieten, was man (aktuell) braucht. Und natuerlich spielen noch zahlreiche andere Faktoren in die Wahl des Arbeitgebers als nur die inhaltliche Weiterbildung (Anfahrt, Bezahlung, Ruf, Zeitmodelle, Vereinbarkeit mit Familie etc).
Ich denke nicht, dass sich Aerzte einfach so "Stress machen" oder grundsaetzlich hohen Neurotizismus aufweisen. Die medizinische Ausbildung ist anstregend, stressig, langwierig und manchmal auch erschoepfend. Und das darf man auch so benennen ohne als Weichei dazustehen oder sich rechtfertigen zu muessen. Manch einer kann mit dem Stress besser umgehen als andere, aber das ist eher Ausdruck der Varianz der Resilienz der Aerzte statt valider Massstab fuer die Berufseignung.
Arbeit sollte unterm Strich Spass machen. Fuer viele Aerzte ist das leider nicht der Fall. Dafuer gibt es ganz sicher intrinsische und individuelle, aber eben auch systemische und strukturelle Ursachen. Beides muss man berichtigen, um die eigene Situation zu verbessern.
Ich habe nicht geschrieben, dass mir "alles" egal ist. Wäre es so gewesen, hätte ich meine furchtbare Stelle ja gar nicht verlassen. Mir ist es sehr wichtig ein gutes Team zu haben. Und meine Resilienz ist auch nicht so prall, sonst hätte ich ja nicht nach einem Jahr gedacht, ich sollte zur DRV gehen. Egal ist mir aber natürlich, dass meine alten Kollegen meinten "an einem kleinen Haus lernst du ja nix" (und ich inzwischen meine Standard-OP Zahlen weit mehr als geschafft habe), dass niemand aus anderen Städten mein Krankenhaus kennt usw. usf. Viele meiner alten Kollegen wären so gern gegangen aber sie haben es einfach nicht "geschafft".
Stellenwechsel können dich auf jeden Fall etwas zurückwerfen. Auf dem Papier. Weil du dann den Facharzt eben erst nach 6 oder 7 Jahren machst. Aber wen stört es nun? Die Leute, die denken sie müssen den in 5 Jahren durchziehen oder den Chef, dem das vermutlich total egal ist. Denn hätte der einen Facharzt gewollt, hätte er ja einen eingestellt. Dümmer wirst du in keiner Stelle. Aus jedem Fach in jedem Haus nimmt man etwas für seine Ausbildung mit, verbessert sein Wissen oder seine Lebenserfahrung. Und wenn es nur sei, in einer "Horrorabteilung" nicht mehr arbeiten zu wollen und diese im besten Fall besser zu erkennen.
Und absolut gebe ich dir Recht und das möchte ich betonen, in mit Sicherheit über 90% deiner Aussage(n). Die Arbeit ist anstrengend, sie ist oft nervig, sie ist (leider) auch oft unfair. Und ja, man MUSS das benennen. Und sie sollte Spass machen denn man verbringt viel Zeit dort.
Oft macht sie aber keinen Spass, weil man an überzogenen Erwartungen "scheitert". Da wird nicht geschafft, alle Briefe für den nächsten Tag vorzubereiten, da muss jeder Brief "gleich aussehen", da "muss" heute noch diese oder jene Untersuchung angemeldet werden. Ich habe es selbst durchlebt. Ich hatte diese Gedanken und viele meiner Kolleg:innen haben sie heute noch. Kriegt man dafür des öfteren mal einen Satz und/oder Blick wenn man solche Sachen jetzt lässt? Kann schon sein aber das ich nicht genug Zeit hab, jeden Brief haargenau gleich zu schreiben und manchmal manche Dinge etwas kurz kommen (man muss nur drauf achten die WICHTIGEN Kernpunkte nicht zu kurz kommen zu lassen) ist unserem System geschuldet. Und wenn mein Chef sagt in der Besprechung "Warum ist denn das und das nicht gemacht. Du hast den doch aufgenommen." Sage ich: "Ja sorry aber ich habe ja vor Wochen darauf hingewiesen, dass die Sprechstunde überfüllt ist. Dann schafft man nicht alles // Da passiert sowas (nutze ich mal so, mal so). Das kostet Überwindung und Mut sowas zum OA oder Chef zu sagen aber ich habe meine Stelle noch, weil ich meine Arbeit nämlich gut mache und die machen über 95% all meiner bisher erlebten Kollegen gut und ich bin mir sicher, dass machen auch hier fast alle.
Für die Erstellerin des Threads wollte ich nur sagen dass, wenn nie das Gefühl vorhanden war "diese Fachrichtung macht mir im Grund Spass" (aber das System versaut es mir) vielleicht ein patientenfernes Fach die Lösung ist. Hat sie es aber mal gefühlt, gibt es Stellen die passen. Ja, man muss sie suchen und vielleicht müsste man umziehen weil das Gesundheitssystem in großen Teilen im Arsch ist aber dann muss man abwägen was einem für sein Leben wichtiger ist. Und die Betonung liegt auf Leben, denn die Medizin ist letztlich nur ein Job.
Bonnerin
23.06.2022, 19:07
[truba]
Für die Erstellerin des Threads wollte ich nur sagen dass, wenn nie das Gefühl vorhanden war "diese Fachrichtung macht mir im Grund Spass" (aber das System versaut es mir) vielleicht ein patientenfernes Fach die Lösung ist. Hat sie es aber mal gefühlt, gibt es Stellen die passen. Ja, man muss sie suchen und vielleicht müsste man umziehen weil das Gesundheitssystem in großen Teilen im Arsch ist aber dann muss man abwägen was einem für sein Leben wichtiger ist. Und die Betonung liegt auf Leben, denn die Medizin ist letztlich nur ein Job.
Das ist glaube ich ein extrem wichtiger Punkt. Wenn man merkt und weiß, dass einem die Patientenversorgung gefällt, dann kann man abschätzen, ob ein anderers Fach das Richtige ist. Oder eben auch skilltransfer in medizinferne Bereiche mit direktem Kontakt zu Kunden etc.
Aber ja, wenn man merkt, dass man "nur" Interesse an den medizinischen Hintergründen hat, aber wenig an der klassischen Arztarbeit sollte man schauen, ob wirklich ein Leben im Labor was für einen wäre. Wobei ich sagen muss, dass tatsächlich viele Kolleg:innen auch schon nach einer Hospitation sagen, dass es nicht das Richtige für sie ist.
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