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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich merke mir nichts aka Stationsliste



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origamifalter
28.07.2022, 21:53
Mir ist aufgefallen, dass ich mir zu meinen Patienten fast nichts merke, bis auf Besonderheiten mit sehr hoher (akuter) medizinischer-/organisatorischer Relevanz. Also wer den wievielten Tag nach x hat, welche Seite (links oder rechts) betroffen war etc. steht bei mir alles zwar auf der Liste, aber ich merke mir so etwas nie. Ich habe zwar im klinischen Alltag quasi nie die Situation, dass ich vergesse etwas zu erledigen, da ich meine Liste gut führe, aber ich wollte einmal wissen wie ihr das handhabt.

Ich bin jemand bei dem insgesamt im Leben viel von mir als langfristig gesehen unwichtig erachtetes links rein und rechts herausgeht und ich hab das anscheinend auch auf die Stationsarbeit übertragen. Also es läuft zwar alles bei mir auf Station, aber nur dank der Liste. Ohne Liste könnte ich in vielen Fällen nicht einmal aus dem Bauch heraus sagen, was Patient X hat und was seine Therapie ist.

Gibt es noch Leute, die dieses Maß an „Auslagerung“ von geistigen Ressourcen betreiben? Ich wollte einmal nachfragen, um zu wissen, ob ich mich deswegen schlecht fühlen sollte.

DrSkywalker
29.07.2022, 05:35
Ah, ein neuer Stern am Himmel der Chefarzt Visite :-))

Ernsthaft, das geht doch jedem ein Stück weit so. Man muss nur wissen wo es steht...

nie
29.07.2022, 08:06
Du wirst sicher niemanden finden, der alles über seine Patienten auswendig im Kopf hat.

Ich würde aber doch nochmal die eigenen Definitionen von „unwichtiger Information“ überdenken. Zumindest Aufnahmediagnose und Therapie würde ich doch spontan als wichtige Infos über den Patienten definieren. Scheint mir schon sinnvoll, das im Kopf zu haben und nicht erst auf Zetteln nachlesen zu müssen. Wenn du dir nichtmal das merkst, was merkst du dir denn überhaupt?

Aber ich hab auch ein Elefantengedächnis (und keine Listen), vielleicht hab ich deshalb auch falsche Maßstäbe und unrealistische Ansprüche :-nix

Holthusen
29.07.2022, 12:16
Ich würde das eher als Vorteil sehen, wenn man Unwichtiges links und rechts liegen lassen kann, sonst bleibt man zu lange an Kleinigkeiten hängen. Wichtig ist nur unterscheiden zu können, was istwichtig, was nicht. Das sollte mit zunehmender klinischer Erfahrung kommen.
Es ist ein Akut-Krankenhaus. Die ganzen elektiven Sachen, kann man im ambulanten Bereich machen in aller Ruhe beim Hausarzt. So kommt man auch Patienten entgegen, die auf Entlassung drängen.

Das ganze errinnert mich an eine Oberärztin, die alles stationär machen wollte, wohl auch aus der Zeit heraus, als es sich noch lohnte die Patienten möglichst lange im Krankenhaus zu halten nach Tagessatz bezahlt. War das nervig.

Bille11
29.07.2022, 15:42
Man kann es nur üben und trainieren..

Das hat mit aufsagen von Gedichten, auswendiglernen von Textpassagen (der Lateinunterricht…) und später freiwillig auch immer wieder selbst aufsagen von Fakten zu tun. Ich kann mir ganze Unmengen an Informationen merken, gern auch zu 6-8-10 (komplexen Intensiv)Patienten, aber muss es irgendwo auch sinnvoll verknüpfen. Und was auch hilft - welche Informationen erschliessen sich von selbst. Was ist logisch… was ist ‚normal‘ - also beschreibe normal. Was willst DU denn zu dem Thema und dem Patienten wissen - dann erwarte es auch von Dir - und anderen.
Wobei ich auch ein gewisser Form eidetisches Gedächtnis mit mir spazieren trage & Dinge, wenn ichs mir leicht machen will, einfach visuell memoriere. (Ich behaupte aber mal, dass man selbst das trainieren kann!)

PsychoFan
30.07.2022, 12:09
Das ist doch eine unnötige Fehlerquelle, statt auf die Doku zurückzugreifen, sich auf das Gedächtnis zu stützen.

Die wichtigsten Informationen müssen jederzeit für jeden verfügbar und zugänglich sein und nicht im Kopf.

Auch im Falle von Patienten, die ich sehr gut kenne, unterhalte ich mich nie über diese, ohne die Dokumentation vor den Akten zu haben. Alles andere ist unprofessionell.

anignu
30.07.2022, 16:16
Meinst du das ernst? Dann seh ich das völlig anders.

Ich seh das so dass man seine Grenzen kennen sollte/muss. Und wer seine Grenzen nicht kennt arbeitet unprofessionell.
Ich weiß dass ich bei manchen Patienten ungefähr alles weiß incl. der vollständigen Medikation und der wichtigsten Laborwerte und bei anderen halt deutlich weniger. Und weil ich eben weiß was ich weiß, kann ich manche Patienten ohne Dokumentation besprechen und andere nicht. Bzw. kann ich bei manchen Patienten vielleicht einige Fragen beantworten und muss dann halt irgendwann sagen "da muss ich jetzt kurz nachschauen". Es kommt ja immer darauf an was die Fragestellung und die Situation ist.

Bei einem Angehörigengespräch sollte ich einen entsprechen Rahmen schaffen und alle Informationen sofort greifbar haben. Bei einem kurzen Anruf von Kollegen mit einer einzigen Frage sollte ich entweder diese aus dem Stegreif beantworten können oder wissen welche Informationen einem fehlen um die Frage beantworten zu können. Und die kann man entweder selbst nachschlagen oder der Anrufer schlägt sie kurz nach. Wenn ich jedes einzelne Mal wenn ich eine kurze Frage per Telefon gestellt bekomme erst antworte "Moment, da muss ich mir erst die komplette Dokumentation vor Augen führen und kann dann erst antworten" dann wäre ich sehr viel länger jeden Tag beschäftigt...

Feuerblick
30.07.2022, 16:44
So ähnlich habe ich das auch immer gehalten. Es gibt Patienten, bei denen erinnert man sich an alles, es gibt Patienten, bei denen muss man sich Notizen machen.
Man sollte aber zu jedem Patienten zumindest Diagnose, noch fehlende Diagnostik, wichtige Befunde und relevante Therapien im Kopf haben. Braucht man wirklich Details, kann man in die Akte oder auf die eigene Liste schauen.

][truba][
30.07.2022, 19:53
Naja, also ich kenne bei weitem nicht von knapp 30 Patienten aus dem Kopf jede Diagnose und fehlende Diagnostik. Ich brauch auf jeden Fall ne Liste. Denke das ist total individuell und kann eigentlich nicht verallgemeinert werden. Ich hab wirklich ein sehr sehr schlechtes Gedächtnis. Denke das einzige was wichtig ist, dass man (zeit)kritische Fälle (Dinge) im Blick/Gedächtnis hat.

Hoppla-Daisy
30.07.2022, 21:59
Wir haben eine Word-Liste, die jeden Tag aktualisiert wird. Name, Diagnose mit wichtigen Vorerkrankungen, Verlauf mit Datum. Dazu noch ein Zeichen, ob ein Brief angelegt wurde, fertig ist oder eben noch fehlt. Damit kommen wir super zurecht, und so hat jeder stets einen aktuellen Überblick über alles. Die Liste ist zentral zugänglich und kann von jedem aktualisiert werden.

Kommt mir sehr entgegen, denn ich kann mir auch nur schlecht Dinge merken.

Miss_H
30.07.2022, 23:34
Es kommt auch ein bisschen auf die Fachrichtung an. Wir haben zwischen 20 und 35 Patienten. Die Liegezeit ist häufig zwischen einem und drei Tagen. Da bin ich froh wenn ich Diagnose auswendig weiß. Zettel sind für mich unerlässlich und ich werde mir auch mit mehr Erfahrung nicht alles merken können. Bei einem Patienten mit Schwindel sind die Entzündungswerte irrelevant bei jemandem mit Tonsillitis nicht. Aber das lernt man auch schnell.

Anne1970
31.07.2022, 07:45
@Daisy und Miss H: ich finde es für mich auch unerlässlich, bei Massen von Patienten ( oft auch „Aussenlieger“) mit kurzer Liegedauer („Übergabe“-) Listen zu führen. Womit, wann gekommen, mit welcher Symptomatik, welche Diagnostik mit welchen Resultaten, was steht noch aus (und warum), warum ist er noch da, wo geht er hin und wann?
Das hab ich schon von Beginn an so gemacht. Und führe es weiter; vor der Visite/ der Röntgen-Besprechung aktualisiere ich sie bestenfalls; und plane direkt die Konsequenzen/weitere Diagnostik etc. Meist weiß ich die Fakten (es braucht nur ein Stichwort). Der Verlauf/die Visite wird in der E-Akte dokumentiert: nur einzelne wichtige Dinge kommen in die „Todo-Zeile“. Und in Zeiten, in denen man jederzeit ausfallen kann, hat sich diese Methode sehr bewährt. So kann jederzeit ein Kollege einspringen. Und eine Visite kann jederzeit stattfinden, egal ob das Computer-System gerade … gewartet wird oder der mobile Terminal wieder zu langsam ist. :grins:

Feuerblick
31.07.2022, 08:13
Ich habe meine Listen in aller Regel handschriftlich geführt. Ich muss Dinge einmal geschrieben haben, dann sind sie auch im Kopf. Natürlich hatte ich auch dann nicht alle meiner 20-30 Patienten (die lagen bei uns ja fast alle maximal 2 Nächte) vollständig im Hirn. Aber zumindest grundlegende Daten.

Hoppla-Daisy
31.07.2022, 10:24
Wir haben leider auch fast nur Kurzlieger. Macht viel Arbeit bzw nicht weniger als Langlieger. Und wenn die Fluktuation so hoch ist, KANN man sich nicht alles merken. Okay, wir haben ein Superbrain, der irgendwie immer alles parat hat (selbst Laborwerte!). Wie zur Hölle macht der das? :-))

Ich schäme mich nicht meiner Hirninsuffizienz ;-). Dafür gibt es Listen, die man VOR der Visite noch einmal kurz inhaliert, damit das Kurzzeitgedächtnis was zu tun hat.

nie
31.07.2022, 11:06
Wir haben leider auch fast nur Kurzlieger. Macht viel Arbeit bzw nicht weniger als Langlieger. Und wenn die Fluktuation so hoch ist, KANN man sich nicht alles merken. Okay, wir haben ein Superbrain, der irgendwie immer alles parat hat (selbst Laborwerte!). Wie zur Hölle macht der das? :-))

Ich schäme mich nicht meiner Hirninsuffizienz ;-). Dafür gibt es Listen, die man VOR der Visite noch einmal kurz inhaliert, damit das Kurzzeitgedächtnis was zu tun hat.

Ich schätze mal, damit wird man einfach geboren ;-) Genetisches Glück oder so. Klar kann man das in gewissem Maße trainieren und ich kenne auch Leute, die vor der Visite Laborwerte auswendig gelernt habe um sie dann ganz stolz auswendig aufzusagen. Aber insgesamt ist das wohl einfach ein Talent oder so.

Ich hab auch so ein "Superbrain" (wenn man das von sich selbst sagen kann :-oopss) und weiß vieles einfach aus dem Kopf. Nicht jeden Laborwert aber ich kann schon grob sagen, wie die relevanten Werte sind. Wenn ich irgendwo neu hinkomme, nutze ich auch immer Stationslisten um einen Überblick zu bekommen aber meistens liegt die Liste nach kurzer Zeit nur noch auf meinen Schreibtisch rum und wird auch nicht mehr aktualisiert. Das ist halt einfach so. Ich merke mir die ganzen Sachen (und noch vieles mehr, mein Hirn ist vollgestopft mit Informationen jeder Art...) halt einfach. War schon immer so, konnte ich schon als Kind.

Dafür kann ich weder einen gerade Ton singen, noch mehr als ein Strichmännchen malen und trotz mühsamen Trainings ist joggen immer noch eine Nahtoderfahrung für mich und wird es wohl auch immer bleiben. Jeder Mensch hat halt so seine Talente und Stärken.

Hoppla-Daisy
31.07.2022, 11:12
Juhu, ich kann gerade Töne singen, schön schreiben, malen, Yogaverbiegungen....... das hat mich jetzt aufgebaut :-))

Mir reicht es, wenn das Superbrain bei der Visite alles schön locker flockig aus selbigem fallen lassen kann. Immerhin kann ich mir die Gesichter und die Diagnosen unserer Patienten merken! Das kann noch lange nicht jeder meiner Kollegen :-oopss

nie
31.07.2022, 11:33
Es sind eben die kleinen Dinge im Leben, die einen glücklich machen :-))

Ich werde auch gerne mal als lebender Notizzettel von den Kollegen genutzt, aber damit kann ich leben. Dafür fragt nie jemand, ob ich beim Firmenlauf mitmachen will ;-)

Feuerblick
31.07.2022, 11:48
Letzteres ist sehr praktisch! Ich konnte mir auch immer solche Dinge merken. Dafür ist Joggen für mich das Grauen. Singen und Malen bekomm ich aber hin.
Bekannt war ich allerdings als Mensch mit sehr gutem Orientierungssinn. Mein OA nannte mich sein „Navi“, wenn wir irgendwo auf Kongressen unterwegs waren.

Anne1970
31.07.2022, 14:29
Ich kann mir merken, was die Pat mir vor drei Tagen /letzte Woche/beim letzten Aufenthalt erzählt haben. Mit Geschichten kann mein Hirn was anfangen. :D

Hoppla-Daisy
31.07.2022, 17:02
Talent fürs Merken unnützen Wissens :-))