Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fragen zur Dienstabrechnung und Vergütung in der Uni-Klinik
Choranaptyxis
04.06.2023, 08:37
Bisher hatte ich diesbezüglich den Tipp gehört, in der Probezeit eben schon die Dienstbelastung niederzuschreiben, geht ja um den 6-Monats-Durchschnitt?, wenn ich mich nicht irre. Dann kann man das nach der Probezeit angehen.
vanilleeis
04.06.2023, 08:41
Kannst Du machen. Wobei es nicht bringt, dass das nur ein Einzelner macht. Wenn, müssen es alle Diensthabenden über einen gewissen Zeitraum machen
Endoplasmatisches Reticulum
04.06.2023, 08:48
Die Konsequenzen des von dir empfohlenen Verhaltens (ständig Angst haben, nie etwas sagen, sich alles gefallen lassen) sind halt auch nicht ganz optimal. Dann endet man in der Frustration und hat den Eindruck, dass sich ohnehin nie etwas ändern wird. Auch eine Art von Bias. Gibt auch dafür einen schicken englischen Namen: anxiety, avoidance, negative reinforcement.
Nichts dergleichen habe ich empfohlen.
Es ist doch kein Hexenwerk: Karriereplanung ist ein strategischer Optimierungsprozess. Mit sturer Prinzipienfixation kann man sich gewaltig in die Scheiße reißen. Fürs Wunschfach oder die Wunschklinik verbrannt zu sein, gezwungene Standortwechsel mit unfreiwilliger Heimatentwurzelung oder Verweilen in einem Zweitwahlfach, nachdem man in der ersten Wahl bereits Fuß gefasst hatte, gehen ja auch niemals mit "Anxiety" einher - richtig?
Deshalb sollte man wichtige Individualfaktoren zumindest erfragen, bevor man jedem Fragesteller, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wie eine Repetiermaschine empfiehlt, die Revolution zu starten. Wenn im Einzelfall Details zu Tage treten, die so ein Verhalten nutzenoptimal erscheinen lassen, kann man es dann ja empfehlen. Aber doch bitte nicht davor, wenn man nichts über den Fragesteller weiß und anscheinend der Meinung ist, das sei für einen Ratschlag auch gar nicht von Belang.
Feuerblick
04.06.2023, 08:52
@Gloria und nie: Danke! Sonst werde ja immer ich angefeindet, wenn ich diese Angst einiger hier („Oh Gott, dann wirst du rausgeworfen oder der Chef schließt dich nicht mehr in seine Abendgebete ein“) anprangere und schreibe, dass es bei mir an zwei Unikliniken eben komplett anders lief und die Aufmuckenden (solange sie ihren Job gut machten) nicht fürchten mussten, rausgeworfen zu werden. Offensichtlich ist der Survivor Bias doch gar nicht so ausgeprägt und „Wir sind mehr“.
Ich verstehe nicht, warum man den jungen Assistenzärzten auch hier im Forum immer und immer wieder einreden muss, dass man bei jeder kleinsten Kritik an Dingen wie Arbeitszeiterfassung, Überstundenregelung o.ä. sofort und unwiederbringlich den Job verliert und nie wieder irgendwo eingestellt wird. Manchmal glaube ich, diejenigen, die das hier verbreiten, sind Chefärzte, die so verhindern wollen, dass irgendwer sich wehrt.
Was die Frage des TE angeht: Ja, man kann die Bereitschaftsdienststufe ändern lassen, wenn man die Dienstbelastung über sechs Monate dokumentiert. Das muss aber mit Betriebsrat, Personal-OA und Personalabteilung abgesprochen sein, damit die Dokumentation deren formalen Vorgaben entspricht. Und es muss die ganze Abteilung mitziehen, sonst wird das nichts. Es muss möglichst jeder Dienst dokumentiert werden.
Wenn die Dienstbelastung wirklich so viel höher zu sein scheint als die Dienststufe es vorgibt, kann sich das lohnen. Zumindest ein bisschen.
Es kann durchaus klug sein, das erst einmal für sich selbst zu dokumentieren und zu schauen, wie hoch die Belastung wirklich ist - ohne gleich den ganzen Apparat aufzuscheuchen. Einfach, weil man gerade zu Anfang die Belastung schlimmer fühlt als sie ist. Wurde in meiner zweiten Klinik (bevor ich dort angefangen habe) mal gemacht. Nachdem man die Zeiten angeschaut hat, hat man sich den Antrag und die offizielle Dokumentation verkniffen, denn man hätte sich wohl eher verschlechtert.
Endoplasmatisches Reticulum
04.06.2023, 09:07
Offensichtlich ist der Survivor Bias doch gar nicht so ausgeprägt und „Wir sind mehr“.
Trugschlus. Ein Mehr an Wortmeldungen von "Überlebenden" ist gerade der Punkt des Survivorship Bias'.
Feuerblick
04.06.2023, 09:47
Komisch, dass die „Nicht-Überlebenden“, die ja Grund hätten, sich zu beschweren, sich halt so gar nicht zu Wort melden. Wo sind die Tausenden von Assistenzärzten, die wegen Widerspruchs gegen den Chefarzt gekündigt wurden? Solange ich die nicht lese, halte ich diese Warnungen für ein Märchen, das von Chefärzten genährt wird, damit keiner aufmuckt.
@ER: was wäre denn dein Rat an die jungen Assistenzärzte? wie soll man sich denn verhalten? was darf man tun, was sollte man lieber lassen? Bin ich schon ein Querulant weil ich nicht einspringen will? Oder pünktlich nach Hause gehe? Oder meine Überstunden dokumentiere? Darf ich wenigstens mit dem Assistentensprecher reden wenn mir was nicht passt? Oder nur jeden Abend weinend in der Dusche liegen und mich an den Gedanken klammern, dass ich ja irgendwann als Facharzt in meiner eigenen Praxis sitzen kann?
GloriaSchmidt
04.06.2023, 10:03
Trugschlus. Ein Mehr an Wortmeldungen von "Überlebenden" ist gerade der Punkt des Survivorship Bias'.
Ganz ehrlich: wer wird denn gefeuert?! Bei uns waren das die, bei denen man sich ernsthaft gefragt hat, ob die Approbation irgendwo gekauft wurde - die fachlich miserablen.
Wer hat Karriere gemacht? Die fachlich guten - UND die engagierten, die auch neben fachlichen Dingen zB Assistentensprecher waren und unangenehme Dinge durchgeboxt haben. Und die mit der meisten Forschung 🤪 ok, Analgängigkeit gehörte bei einigen auch dazu, aber das eine schließt das andere ja nicht aus.
Nefazodon
04.06.2023, 10:13
Sicher hast Du nicht ganz Unrecht, wenn Du auf mögliche negative Konsequenzen hinweist wenn man sich wehrt. Auch einen gewissen "Survivorship-Bias" bei denen, die sich erfolgreich gewehrt haben, kann man nicht von der Hand weisen.
Aber, ER, Du bist doch genauso in deiner Sicht der Dinge verfangen, und unterliegst damit scheinbar einem gewissen "Bias"?
Also neutral und nüchtern wirkt dein Standpunkt auf mich jedenfalls nicht.
Wann immer es hier im Forum darum geht, sich gegen Arbeitsbedingungen zu wehren und zu versuchen etwas zu ändern, sagst Du praktisch, dass sei nicht möglich bzw. nicht ratsam.
Für einige ist es aber eben doch möglich.
Aber, was wäre denn konkret dein Ratschlag an die Ratsuchenden, die sich so wie der TE gemeldet haben?
Endoplasmatisches Reticulum
04.06.2023, 10:14
Komisch, dass die „Nicht-Überlebenden“, die ja Grund hätten, sich zu beschweren, sich halt so gar nicht zu Wort melden. Wo sind die Tausenden von Assistenzärzten, die wegen Widerspruchs gegen den Chefarzt gekündigt wurden? Solange ich die nicht lese, halte ich diese Warnungen für ein Märchen, das von Chefärzten genährt wird, damit keiner aufmuckt.
Das ist jetzt ein Motte-and-Bailey (https://de.wikipedia.org/wiki/Motte-and-Bailey-Argument)-Argument. Ich habe gemahnt, dass man die Situation und Präferenzen eines Fragestellers individuell erfragen sollte, bevor man eine Handlungsempfehlung äußert. Das ist so trivialer gesunder Menschenverstand, dass ich nicht verstehe, warum man darüber jedes mal wieder eine Meta-Debatte führen muss. Jeder Karriereberater, jeder Anwalt, jeder gute Freund macht das (hoffentlich) genau so. Wer ernsthaft der Meinung ist, Ratschläge ohne jede Kenntnis von Kontext und Individuum geben zu können, gibt keine Ratschläge, sondern hört sich einfach gerne reden.
Feuerblick
04.06.2023, 10:44
Nun, bezüglich meines Ratschlages (erst einmal selbst protokollieren und bei passendem Ergebnis dann einen Antrag auf Veränderung der Bereitschaftsdienststufe stellen) kann man wohl kaum behaupten, ich hätte irgendjemandem geraten, sich einfach mal in irgendein Messer zu stürzen, oder? Im Gegenteil, damit kann man seine Situation sehr gut evaluieren bevor man handelt.
Ich hoffe, dass meine Freunde mir niemals und auf keinen Fall raten „Oh Gott, sei vorsichtig und tu lieber nix, wenn man dich ungerecht behandelt oder gegen Gesetze verstößt.“ Dann hätte ich eindeutig die falschen Freunde. Karriereberater sehen das vermutlich anders - weil sie glauben, dass man Karriere nur mit Analgängigkeit (@Gloria: Ich feiere dich für diese Begrifflichkeit! :-)) ) machen kann.
Endoplasmatisches Reticulum
04.06.2023, 10:57
Wann immer es hier im Forum darum geht, sich gegen Arbeitsbedingungen zu wehren und zu versuchen etwas zu ändern, sagst Du praktisch, dass sei nicht möglich bzw. nicht ratsam.
Das stimmt doch nicht. Hast du dafür Beispiele? Dann nehme ich gerne Stellung. So etwas antworte ich manchmal im Bezug auf nutzlose Nullplattitüden ("Hört auf zu heulen und werdet aktiv") oder wenn ich der Meinung bin, konkrete Ratschläge stehen auf bröckeligem Fundament, weil vom Fragesteller zu wenig bekannt ist oder der Ratschlag risikobehaftete Vorannahmen trifft, die in meinen Augen nicht gerechtfertigt als erfüllt angenommen werden können.
Aber das Kernproblem siehst du doch auch hier: Ich habe weder gesagt, man solle sich alles gefallen lassen, noch, dass das Durchsetzen eigener Rechte unmöglich oder nicht ratsam sei. Trotzdem triggert das schon wieder Meta-Debatten darüber, in ewiger Anxiety zu leben, sich alles immer gefallen zu lassen, Chefzäpfchen im Kittelwickel zu sein, sich nie zu wehren, illegale Machenschaften immer einfach hinzunehmen etc. pp. Das ist schon grenzwertig extremistische Diskussionskultur: "Wer nicht sagt, was wir sagen, sagt das genaue Gegenteil". Ich kann das nicht nachvollziehen.
@ER: was wäre denn dein Rat an die jungen Assistenzärzte? wie soll man sich denn verhalten? was darf man tun, was sollte man lieber lassen? Bin ich schon ein Querulant weil ich nicht einspringen will? Oder pünktlich nach Hause gehe? Oder meine Überstunden dokumentiere? Darf ich wenigstens mit dem Assistentensprecher reden wenn mir was nicht passt? Oder nur jeden Abend weinend in der Dusche liegen und mich an den Gedanken klammern, dass ich ja irgendwann als Facharzt in meiner eigenen Praxis sitzen kann?
Das lässt sich weder verallgemeinern noch auf kurze Worte runterbrechen, weil es eben sehr komplex ist und wichtige Informationen fehlen. Würde ich da alle Faktoren zusammenschreiben, die ich persönlich in Form eines Assessments meiner Situation berücksichtigen würde, wären wir vermutlich bei einigen A4-Seiten. Aber der springende Punkt ist ja, dass ich nicht den Inhalt eines Assessments kritisierte, sondern dessen Nichtsexistenz.
KubaKuba
04.06.2023, 14:37
Zunächst möchte ich mich bei euch allen für die zahlreichen interessanten Antworten bedanken.
Ich finde sehr interessant, dass die geplante Arbeit nicht während des Bereitschaftdienstes gemacht werden darf. In meiner Arbeit führen wir während der Bereitschaftsdienste täglich geplante ärztliche Tätigkeiten durch, die zeitlich nicht verschoben werden können. Dies widerspricht dem eigentlichen Zweck des Bereitschaftsdienstes und eigentlich sollte man die Dienstzeitregelung ganz umorganisieren.
Ich habe kürzlich eine ganaue Analyse meines letzten Dienstes durchgeführt und festgestellt, dass ich bei einem Dienst mit durchschnittlicher Arbeitsbelastung insgesamt 37% meiner Arbeitszeit tatsächlich gearbeitet habe. Bei dieser Berechnung habe ich die offiziel geplanten Tätigkeiten nicht berücksichtigt, was die Arbeitszeit auf etwa 46% erhöhen würde. Dazu hatte ich direkt davor 8 Stunden der Arbeit im Volldienst, wo ich wirklich die ganze Zeit arbeiten müsste, ohne Pause machen zu können. Meiner Einschätzung nach würden wir problemlos in die Bereitschaftsdienststufe 2 oder sogar in ein Schichtmodell eingestuft werden. Da in unserer Klinik nachts kaum etwas passiert, bin ich mir unsicher, ob ein Schichtmodell überhaupt sinnvoll wäre.
Nun stellt sich die Frage, was für uns günstiger wäre - die Einstufung in die Bereitschaftsdienststufe 2 oder ein Schichtmodell? Soweit ich weiß, muss eine erneute Analyse vom Oberarzt oder Chefarzt angefordert werden. Was kann ich tun, wenn sie sich weigern, dies zu tun? Wie kann das Problem am besten angegangen werden, um etwas zu verändern?
Nochmals vielen Dank für eure Unterstützung und die interessante Diskussion!
Nefazodon
04.06.2023, 16:36
Das stimmt doch nicht. Hast du dafür Beispiele? Dann nehme ich gerne Stellung. So etwas antworte ich manchmal im Bezug auf nutzlose Nullplattitüden ("Hört auf zu heulen und werdet aktiv") oder wenn ich der Meinung bin, konkrete Ratschläge stehen auf bröckeligem Fundament, weil vom Fragesteller zu wenig bekannt ist oder der Ratschlag risikobehaftete Vorannahmen trifft, die in meinen Augen nicht gerechtfertigt als erfüllt angenommen werden können.
Okay, Punkt für dich. Habe spontan keinen entsprechenden Beitrag von dir gefunden.
Ich hatte aber schon den Eindruck, dass Du eher der Meinung bist, dass man als Einzelner nicht viel ändern kann?
Tut mir leid, wenn ich dir da Unrecht getan habe.
FirebirdUSA
04.06.2023, 16:39
Bei 46% ist ein Schichtmodell vermutlich nicht realistisch, dein AG wird nicht bereit sein 100% zu zahlen für 46% Arbeit… ist aber auch erstmal egal, ein Einzeltag zählt gar nichts. Du msust mit deinen Kollegen über den Betriebsrat eine Arbeitszeiterfassung beantragen (muss gewährt werden). Dann müsst ihr, alle, an jedem Tag, über 3 Monate die genaue Dienstbelastung dokumentieren und dann wird am Ende der Durchschnitt bewertet. Wenn deine Kollegen nicht mit machen, hast du keine Chance. … es geht aber und kann auch zu sinnvollen Veränderungen führen.
Feuerblick
04.06.2023, 16:47
Wenn „nachts kaum etwas passiert“ wird es knapp mit einer Höherstufung - alle Dienste der gesamten Abteilung auf die Dauer betrachtet. Deshalb: Erst mal über drei Monate oder länger die eigenen Dienste protokollieren. Dann hast du schon mal was in der Hand. „Geplante“ Tätigkeiten (z.B. Briefe und ähnliches) gehören nicht in die Dienstzeit. Es sei denn, du langweilst dich am frühen Abend zu Tode.
Was sind das denn für geplante Tätigkeiten, die nicht verschoben werden können? Nimmt ein Patient ernsthaft Schaden wenn man es nicht macht? Mir fallen da jetzt spontan wenig Dinge ein, die geplant im Dienst stattfinden müssen.
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