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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zukunft der Allgemeinmedizin: MVZs statt Gemeinschaftspraxen?



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Cor_magna
09.10.2023, 09:33
Ich habe mittlerweile einfach das Gefühl, daß die Allgemeinmedizin nicht mehr erwünscht ist, zumindest nicht in der Form, in der ich Allgemeinmedizin verstehe. Zu teuer, zu aufwändig zum Reformieren, zu vielgestaltig. Ich dachte vor zwei Jahren noch, daß ich in der Allgemeinmedizin eigentlich nur gewinnen kann, da ich (blauäugig) davon ausgegangen bin, daß sämtliche Reformen die noch kommen, ja in meinem Interesse sein müssen! Weil sonst gibt es ja bald keine richtigen Hausarztmedizin mehr. Mittlerweile seh ich das irgendwie nicht mehr so.


Hm so naiv bin ich bis heute, aber vielleicht täusche ich mich da auch einfach gewaltig...

Frisko
09.10.2023, 09:50
Wenn Herr Lauterbach tatsächlich immer noch meint, Symbolpolitik betreiben zu müssen, am Tag eines Streikes und eindeutig zeigt, daß er weder Bock noch scheinbar Ahnung hat von dem Thema, dann frag ich mich schon, ob die Idee, sich selbständig zu machen, so geil ist derzeit. Vor allem wenn ich dann mit den MVZs vor Ort konkurrieren muss. Andererseits kann ich dann eben Dinge anbieten, die das MVZ nicht kann oder nicht machen will.
Alles nicht so einfach.

remix_
09.10.2023, 10:19
ich hab immer gedacht, dass ich mal gerne allgemeinmedizin machen möchte. jetzt hab ich das studium noch nicht einmal beendet und weiß nicht, ob die fachrichtung für mich zukunft hat. was macht man als allgemeinmediziner, wenn sich die ambulante arbeit so sehr "verschlechtert", dass man was anderes machen möchte? oder wenn die allgemeinmedizin sukzessive verdrängt wird?
ich habe ebenfalls immer davon geträumt mal eine eigene praxis (oder in gemeinschaft) zu haben. wenn ich mir das aber so genau durchkalkuliere, dann muss ich mich eigentlich schon fragen, was der große (ausschließlich finanzielle gesehene) vorteil gegenüber einer anstellung im MVZ wäre... und die arbeitsbedingungen sind im MVZ vermutlich auch nicht flächendeckend so katastrophal, dass man sich zwingend selbstständig machen müsste (...hoffentlich).

ehem-user-04-01-2024-1151
09.10.2023, 10:21
Braucht der Weiterbildungsassistenz eigentlich auch einen Sitz, oder gilt das nur für anzustellende Fachärzte?

Frisko
09.10.2023, 11:44
ich hab immer gedacht, dass ich mal gerne allgemeinmedizin machen möchte. jetzt hab ich das studium noch nicht einmal beendet und weiß nicht, ob die fachrichtung für mich zukunft hat. was macht man als allgemeinmediziner, wenn sich die ambulante arbeit so sehr "verschlechtert", dass man was anderes machen möchte? oder wenn die allgemeinmedizin sukzessive verdrängt wird?
ich habe ebenfalls immer davon geträumt mal eine eigene praxis (oder in gemeinschaft) zu haben. wenn ich mir das aber so genau durchkalkuliere, dann muss ich mich eigentlich schon fragen, was der große (ausschließlich finanzielle gesehene) vorteil gegenüber einer anstellung im MVZ wäre... und die arbeitsbedingungen sind im MVZ vermutlich auch nicht flächendeckend so katastrophal, dass man sich zwingend selbstständig machen müsste (...hoffentlich).

Ist ja auch immer noch ein tolles Fach. Und die finanziellen Bedingungen sind beeinflussbar. Wenn du die 248. Praxis in Hamburg Süd aufmachst, wird das schwierig. Wenn du die einzige Praxis bist im Umkreis von 50 km, dann wirst du schon verdienen können. (Und natürlich sind das Extreme. Die meisten werden sich dazwischen finden).

Ich merke einfach, je mehr ich mich mit der Gründung beschäftige, desto besser finde ich den Gedanken. Weil ich einfach selbst entscheiden darf. Das ist schon ziemlich cool. Ich verstehe aber, oder besser gesagt, ich empfinde die Sorgen genauso.
Vielleicht bin ich auch einfach in der falschen Bubble.

ehem-user-19-05-2025-1430
09.10.2023, 12:37
Mich würde sehr die Sichtweise von den selbstständigen Hausärzten U55 interssieren (die älteren dürfen sich auch gerne melden, denke nur bei den jüngeren wäre es interessanter da diese länger planen, den alten Hasen ist es eh schnuppe ob ihnen in 5 jahren der laden vom MVZ abgekauft wird oder sie keinen Nachfolger finden :D ). Gibt es vielleicht jemand der seinen Senf dazu geben kann?

Haffi
09.10.2023, 12:42
Mich wundert es nach wie vor, dass das Thema Digitalisierung auch in den Diskussionen kaum eine Rolle spielt.

Der Allgemeinmediziner ist prädestiniert dafür, durch eine Kombi aus KI, Google-Callcenter und physician assistant/EVA vor Ort (teil-)ersetzt zu werden.

nappy
09.10.2023, 13:19
Also Frisko ich kann deine Bedenken voll und ganz nachvollziehen und befinde mich auch in einer ähnlichen Situation/ einem ähnlichen Abschnitt.
Es gab neulich einen sehr interessanten Beitrag von einem Kollegen in der Ärztezeitung - leider nur nach Anmeldung lesbar. Aber der sprach mit doch aus der Seele.

https://www.aerztezeitung.de/Politik/Wir-sind-keine-Hausaerzte-sondern-Fachaerzte-fuer-Primaermedizin-443288.html

Ich bin inzwischen soweit zu überlegen mich breiter auszubilden- zB betriebsmedizin um ein Exit vom Hausarzt Dasein in der Hinterhand zu haben

Frisko
09.10.2023, 13:32
Warum nicht? Betriebsmedizin machen einige meiner Kolleg*innen auch schon zusätzlich zur Praxis.

@ MelloMed: die Diskussion ist ja schon oft hier geführt worden. Könnte dir noch den Listserver empfehlen, um solchen Meinungen mal zu hören (wobei da die Resignation auch schon bunte Blüten treibt). Aber es gibt einfach auch tolle Kolleg*innen, die das Fach weiter leben. Empfehle einfach mal den Podcast "Wege der Allgemeinmedizin", v.a. die Folge mit Sandra Blumenthal oder "Studienlage" von Jana Husemann und Ilja Karl.

@ Haffi: Joa. Ich glaube, bis irgendetwas im Informatik-Wonderland Deutschland funktionierend (!) durch irgendetwas ersetzt werden kann und darf (!) lebe ich nicht mehr. Wir scheitern gerade irgendwie am E-Rezept. E-AU klappt mal ja, mal nein. Liegt mal an uns, mal an der KK, mal an der Apotheke. Da mach ich mir jetzt mal optimistisch gar keine Sorgen. Toll wäre ja schon mal eine funktionierende KI zur Sprechstundensteuerung.

Haffi
09.10.2023, 13:42
.

@ Haffi: Joa. Ich glaube, bis irgendetwas im Informatik-Wonderland Deutschland funktionierend (!) durch irgendetwas ersetzt werden kann und darf (!) lebe ich nicht mehr. Wir scheitern gerade irgendwie am E-Rezept. E-AU klappt mal ja, mal nein. Liegt mal an uns, mal an der KK, mal an der Apotheke. Da mach ich mir jetzt mal optimistisch gar keine Sorgen. Toll wäre ja schon mal eine funktionierende KI zur Sprechstundensteuerung.

Ich denke die globalen Lösungen aus den USA oder China werden da nicht mehr allzu lang auf sich warten lassen und die Politik wird sich vor dem Hintergrund des Versorgungsmangels relativ rasch fügen dürfen.

ehem-user-19-05-2025-1430
09.10.2023, 13:57
@frisko: danke für den Tipp

@Haffi: es gibt keine fachrichtung, die so "Empathie" verkauft bzw das Bedürfnis nach menschlicher bzw ärztlicher Zuwendung befriedigt als der "Hausarzt". KI als Tool zur Entlastung wäre ja auch kein Problem. Denke schon dass es eine dystopische Version der KI-Revolution in der Allgemeinmedizin geben könnte. Sehe nur keinen großen Unterschied zu allen aderen nicht-operativen Fächern. Dialyse z. B. könnte man auch gut mit KI standarmäßig steuern und 90% der Nephrologen arbeitslos machen.. Sobald ein Stuhltest auf Adenome auf den Markt kommt braucht ma 90% der niedergelassenen gastroenterologen nicht mehr usw. ....hätte hätte fahradkette... Ich denke schon dass der Hausarzt 2040 keine 900 Scheine im Schnitt pro Quartal macht sondern vielleicht 1500+... aber Effizientsteigerung ist dem Kapitalismus immanent und per se nicht schlecht...

Frisko
09.10.2023, 13:58
Joa. Dann mal los. ;-)

anignu
09.10.2023, 14:41
Der Allgemeinmediziner ist prädestiniert dafür, durch eine Kombi aus KI, Google-Callcenter und physician assistant/EVA vor Ort (teil-)ersetzt zu werden.
Mit der Argumentation würde alleine schon die Triage im Krankenhaus um einiges besser funktionieren als sie es tatsächlich tut. Die Triage im Krankenhaus an der Tür zur Notaufnahme mit Einschätzung der Dringlichkeit etc. ist ein Desaster!
Zum Beispiel in meinem Fach. Vollkommen indolente Patienten mit teils einer Compliance dass es einem graust... kommen in die Notaufnahme und erzählen irgendwas. Die verstehen in keinster Weise was sie haben, überzeichnen das oder untertreiben maßlos und die tatsächliche Dringlichkeit wird viel zu oft völlig falsch eingeschätzt von den Leuten an der Triage. Es gibt genug Leute die dringenst in den OP sollten und das durch falsche Triage verzögert wird...

Kackbratze
11.10.2023, 12:41
Der übliche KI-Kram in der Medizin. 90% wird die KI richtig liegen und die anderen 10% haben dann eben doch Krebs oder irgendwas Unheilbares oder eben keinen Krebs aber die Therapie dafür.

Wenn man diese Fehldiagnosen in Kauf nimmt kommt die Medizin immer günstiger um die Ecke. Onkel Karl und die Softwarefirmen wird es freuen, die Krankenkassen sowieso.
Und Oma Erna oder der Arzt, das sind doch nur Beiprodukte des Systems.

Thomas24
11.10.2023, 13:01
Ich glaube nicht, dass MVZ zu einer Effizienzsteigerung im Sinne von Kostenersparnis für die Kassen führen werden. Es wird einfach nur der Ertrag umverteilt - weniger für die Ärzte, mehr für die Manager, Eigentümer, Aktionäre.

MVZ Eigentümer müssen ja nicht zwingend "Manager" sein. Es gibt durchaus Situationen, in denen es sich aus verschiedenen Gründen anbietet, eine BAG in eine MVZ Struktur umzuwandeln und selbst dieses MVZ zu betreiben. Machen ja auch genug Kollegen.