PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Welche Fachgebiete empfiehlt ihr für WB Allgemeinmedizin?



Seiten : [1] 2

StA M.D.
26.11.2023, 17:03
Guten Abend,

im Geltungsbereich meiner ÄK (Nordrhein) gibts für die FA-Weiterbildung in der Allgemeinmedizin bis auf 12 Monate stationär Innere sowie 24 Monate WB ambulant Allgemeinmedizin keine Vorgaben zur Gestaltung der Weiterbildung. D.h. es gibt 2 Jahre an WB-Zeit, die man theoretisch gesehen frei "gestalten" kann (also was die Fachrichtung angeht). Da stellt sich für mich die Frage, in welchen Fachgebieten man diese Zeit am Besten investieren soll (v.a. im Hinblick, dass ich längerfristig gerne als "Landarzt" tätig sein möchte). Ich dachte da in erster Linie an die ganzen Akutfächer wie Chirurgie, Neuro, HNO oder Pädiatrie. Wäre es z.B. sinnvoll 1 Jahr Innere, 1 Jahr Neuro, 6 Monate Chirurgie und 6 Pädiatrie zu machen, und dann die 2 Jahre ambulant in der Praxis?

Ich weiß, dass man das, was man für den normalen Praxisbetrieb braucht, in den 2 Jahren in der Praxis lernt. Mir gehts viel mehr darum, vielseitig aufgestellt zu sein und auch paar mal mehr über den Tellerrand hinaus zu schauen. Ich möchte mir so zu sagen eine breite Basis aufbauen, um auf dem Land, wo die Mittel sowieso eher begrenzt sind, jedem die nötige Hilfe zukommen zu lassen und nicht nur sagen: "Ja, keine Ahnung. Ich überweise Sie an einem Kollegen" (etwas überspitzt dargestellt 😅).

Daher, was würdet ihr mir empfehlen: In welchen Fachrichtungen sollte man als zukünftiger Hausarzt auf dem Land seine WB-Zeit verbracht haben?

Haffi
26.11.2023, 17:07
1 Jahr Neuro endet leider meist im einem Jahr Stroke. Ob du von der Pädiatrie profitierst ist regional sehr unterschiedlich. In meiner Praxis sehe ich echt wenig Kinder, da lokal gute pädiatrische Versorgung.

Ich würde - sofern möglich - Einsätze in der Orthopädie und Dermatologie im Idealfall im niedergelassenen Bereich sowie eine Zeit in der Psychiatrie empfehlen. Auch ein paar Monate Gefäßchirurgie schaden nicht.

Tramaldol
26.11.2023, 17:38
Psych, Päd, Ortho

ehem-user-19-05-2025-1430
26.11.2023, 17:46
Die Frage habe ich mir auch oft gestellt. Leider trifft da die Theorie auf die Praxis. Ich nehme einmal an dass du bis zum FA für Allgmeinmed keine 10 Jahre rumtingeln willst, somit eher 6 bis maximal 12 Monate rotieren möchtest. In der Theorie wäre Neuro, Psychiatrie, Päd etc. eine tolle Sache. Das Problem ist leider dass die deutschen Krankenhäuser nun mal sind wie sie sind. Wenn man dann 6 Monate rotiert und im Endeffekt nur Briefe schriebt und mit der Pflege rumstreiten darf 60h die Woche, ist der Lerneffekt nicht so der Wahnsinn. Ich würde Neuro und Päd dringend nur (!) ambulant empfehlen, sonst wird man nur verheizt. Derma wird man vllt weniger verheizt, aber auch eher nur ambulant, sonst hängst du wie in den meisten Fächern 6 Monate am Briefeschreiben auf der xy-Station ab. Psychiatrie nur ab 12 Monate in einem guten Haus, sonst selbes Problem.

Die mit Abstand sinnvollste Rotation in einer Klinik meiner Meinung nach: ZNA. Wenn du da 6-12 Monate in einer konservativen ZNA und 6-12 Monate in einer chirurgischen ZNA machst, bist du fit. (Da wirst du auch verheizt, aber es lohnt sich wenigstens vom Lerneffekt für den Allgemeinmediziner)

longstoryshort: Ich empfehle je 6m Derma, Päd, Neuro AMBULANT soviel du organisiert bekommst, den Rest mit ZNA auffüllen.

Grüße :)

StA M.D.
26.11.2023, 18:14
Danke für alle eure Antworten :) Sie helfen mir alle weiter.

@Mellowmed: Findest du dann "nur" 1 Jahr Innere auch für knapp bemessen, wenn man sowieso Anfangs nur am Briefe abtippen und co ist?
An ZNA hatte ich gar nicht gedacht, aber hast recht. Vom Lerneffekt wird man dort viel haben.

Frisko
27.11.2023, 08:01
Mach doch einfach das, worauf du am meisten Lust hast!? Willst du später Kinder (mit)behandeln, machst du Pädiatrie. Sicherheit in Derma kriegen? Dann ab dafür.

Wenn man sich die Frage stellt, ob in 12 Monaten ausreichend Innere Medizin gesehen wird, um für ein Leben als Allgemeinmediziner*in ausgebildet zu sein (eher nein), frag ich mal zurück: wie sieht es in der Pädiatrie in sechs Monaten aus?
An meinem künftigen Niederlassungsplatz ist das sicherlich nice to have, andererseits haben wir die niedergelassenen pädiatrische Praxis ein Stockwerk tiefer.
Chirurgie wurde mir am Anfang der Weiterbildung immer als gaaanz, gaaaanz wichtig angekündigt. Meine Weiterbildungspraxis hat sich ca. 5 Jahre vorher dazu entschieden, die kleine Chirurgie weitgehend abzuschaffen, da es sich nicht mehr rechnet.

ZNA hätte ich auch gerne mitgenommen. Wobei das jetzt für den Anfang auch nicht easy ist.

ehem-user-19-05-2025-1430
27.11.2023, 08:56
Ich denke viele Wege führen nach Rom und viel entscheidender ob man 12m in der Inneren war oder 24m ist was für ein Typ man ist, dass man mit offenen Augen durch den Beruf geht, sich engagiert, sich einsetzt für die Patienten. Ich kenne Leute die mit 12m Innere besser internistisch arbeiten als jemand der 3 Jahre da war aber kein Bock auf nichts hat :)

Wenn man sich aber die Frage stellt wie man seinen Ausbildungswege "optimiert" (was ich auch gemacht habe), dann denke cih tatsächlich dass 12m stationäre Innere ohne zusätztlich Innere-ZNA oder so etwas erstaunlich wenig sind. Kommt auch darauf an wo man tätig sein wird. Im ländlichen Bereich oder richtig Landarzt muss man halt allgmeininternistisch die Patienten komplett alleine behandeln... wenn man in der Stadt den halben Umsatz mit Voodoo macht und man die Patienten niederschwellig weiterschickt, reicht das 1 Jahr bestimmt...

Trenn
27.11.2023, 09:52
Aber genauso kann man argumentieren, dass man, wie die umfassende Innere in der Landarztpraxis, die kleine Chirurgie braucht, wenn man die Leute nicht stundenlang woanders hin schicken kann. Die häufigsten OPs (Abszess, Panaritium, Schnittwunden, eingewachsene Nagel) sollte man doch schon können. Für mich als Städtler ist es auch eine Haftungsfrage, wenn ich einen Kleineingriff verbocke, obwohl ich den Patienten 10 Minuten weiter zum Chirurgen mit semisterilem Eingriffsraum schicken kann. Mit den Kindern ist es doch auch so ähnlich... Und je nachdem wie der Vorgänger es gehandhabt hat auf dem Land, wird man sich da anpassen müssen. Wenn's Land-Land ist, würde ich sagen Innere 1 Jahr (kleines Haus!), ZNA Innere 1/2 Jahr, Chirurgie ZNA 1/2 Jahr, Päd ambulant 1/2 Jahr, Nervenarzt ambulant 1/2 Jahr, Allgemein 2 Jahre auf dem Land mit viiiiiiiel Hausbesuche.

ehem-user-19-05-2025-1430
27.11.2023, 15:02
Vorab: ich wohne in Süddeutschland, sprich ländlich heißt hier in maximal 45min (meist deutlich kürzer) ist man überall in einer Stadt, die alles hat. Für USA Verhältnisse also noch Suburbia von LA (Scherz).

Der Mechanismus der einen zwingt die allgemeininternistschen Dinge möglichst selbst zu machen: die Leute stehen dann wieder auf der Matte. Bei einem eingewachsenen Zehennagel kann man sagen: das muss operiert werden, hier Überweisung, und dann schaffen die es schon in die Stadt. Wegen konservativen Wehwechsen sehen die Patienten das aber nicht ein und stehen dann 2 Wochen wieder da. Bei Pauschalisierung ein Problem. Hinzu kommt das mehr von denen kommen, weil niemand freiwillig direkt zum FA rennt.

Chirurgisch ist meiner Meinung im ländlichen Pflicht: chronische Wunden, akute Wunden (nähen, antibiose, Beurteilung), Abszesse/Panaritium, "Popowehwechen", unfallchirurgische Beurteilung (nicht jedes Sprunggelenkstrauma weiterschicken). Kür ist Nävi rausschneiden und Emmertplastik.

Frisko
27.11.2023, 15:28
Das sind allerdings alles Sachen, für die du nicht zwingend in die Chirurgie musst, sondern die dir ein*e Kolleg*in auch in der Praxis beibringen kann. Gerade wenn du in den ländlichen Bereich gehst, sollte das ja im Programm der Praxis sein.

Orthopädie fände ich da schon spannender, auch wenn es da neulich irgendwo mal eine Studie gab, dass diese ganzen Untersuchungen, wenn nicht vom orthopädischen Kollegen durchgeführt, 0,0% zur Diagnosefindung beitragen. Fand ich super. Obs stimmt, who knows. Und zumindest die Orthopäden bei uns (kein Gendern notwendig) machen Fließband weitgehend ohne Untersuchungen. Also auch da ist Vorsicht geboten.

davo
27.11.2023, 18:18
Aus meiner Sicht als Nicht-Allgemeinmediziner absolut essentiell: Pädiatrie, Psychiatrie. Wenn du am Land arbeiten willst auf jeden Fall auch Chirurgie. Ebenfalls verdammt wichtig: Derma. Und ich glaub schon, dass in jedem Fach, ungeachtet der Unzulänglichkeiten in der Ausbildung im stationären Setting, 6 Monate deutlich besser als 0 Monate sind.

Dass man sich den FA für Allgemeinmedizin zusammenbasteln kann, wie man will, finde ich wild, und ist im internationalen Vergleich sonst absolut unüblich.

Frisko
27.11.2023, 19:06
Stimmt so nicht. In Schweden kannst du zum Beispiel auch wild rotieren.

davo
27.11.2023, 19:18
Einzelne Gegenbeispiele wird man immer finden. Üblich ist es trotzdem nicht.

drdrdr.
27.11.2023, 19:22
Aus meiner Sicht als Nicht-Allgemeinmediziner absolut essentiell: Pädiatrie, Psychiatrie. Wenn du am Land arbeiten willst auf jeden Fall auch Chirurgie. Ebenfalls verdammt wichtig: Derma. Und ich glaub schon, dass in jedem Fach, ungeachtet der Unzulänglichkeiten in der Ausbildung im stationären Setting, 6 Monate deutlich besser als 0 Monate sind.

Dass man sich den FA für Allgemeinmedizin zusammenbasteln kann, wie man will, finde ich wild, und ist im internationalen Vergleich sonst absolut unüblich.



Um Allgemeinmedizin zu lernen sollte man auch primär Allgemeinmedizin gelehrt bekommen .



Alles andere ist gut und schön, aber meist zu tiefgründig. In einer guten allgemeinmedizinischen Praxis mit erweitertem Spektrum( kl Chirurgie etc) lernt man auch alles was dazu nötig ist.


Ultraschall ist gut und wichtig, aber zu wissen wann zB eine endosono notwendig ist bzw. Zu wissen wie man sie durchführt oder wie man eine cholezystitis operiert ist schlicht überflüssig und nicht notwendig. Und auch wichtig: für einen Allgemeinmediziner sind Dinge solcher Art sowieso nur im privaten Bereich abzurechnen.

AlexDo86
28.11.2023, 13:59
Wie realistisch ist es, im Rahmen der FA Ausbildung 3-6 Monate zB in einer dermatologischen Praxis zu absolvieren (und sich auch anrechnen zu lassen)?
Klar, in der Theorie ist es möglich. Aber wie läuft die praktische Umsetzung? Vorallem im Hinblick auf Weiterbildungsbefugnis und Finanzierung?

Speranza100
28.11.2023, 18:13
Es gibt auch die Förderung der KV für die Weiterbildung in der Derma Praxis. So weit ich das mitbekommen habe, kann man sogar mittlerweile 48 Monate Förderung beantragen ambulant während seiner WB.
Da müsste ich aber jetzt die Quelle noch suchen ;)
Aber klar, einen Teil muss der Weiterbilder zuschießen (AG Beiträge für die Sozialversicherung, Aufstockung ggf), ob das dann der Dermatologe macht - da habe ich keine Erfahrungswerte zu. Orthopädischerseits gibt es mittlerweile Praxen, die darauf aufspringen und auch für die Allgemeinmedizin WB anstellen mit Förderung.

Fr.Pelz
28.11.2023, 19:39
Hallo, ich finde die ZNA auch extrem wichtig. Das was du in der Hausarztpraxis macht, ist: aus 100x "Husten, Rücken, Blutdruck" den einen rauszufischen, der wirklich krank ist. Und wie jemand aussieht und versorgt wird, der krank ist, lernt man in der ZNA. Auf die Stationen kommen die Patienten immer schon vorsortiert, aber in der ZNA hast du nur eine grobe Triage in Fächern und musst dann selber Detektiv spielen.
Als Kontrapunkt würde ich Geri empfehlen. Da wird dann der ganze Mensch im großen Team versorgt und man kriegt auch viel Pflege/Sozialrecht/Heilmittelgedöns mit, was man in der Praxis braucht. (Zum Teil hat man das auch in einer Rehaklinik).

Nach jetzt knapp 2 Jahren Allgemeinmedizin würde ich mir wünschen, mehr Ahnung von Psychiatrie zu haben (die ganzen Medis...) mehr Innere (da hatte ich keine gute Ausbildung) und mehr Ahnung vom Verordnungswesen (da bräuchte es wohl mal ein paar FoBis). Was ich kaum brauche ist Pädiatrie (die paar Kinder bekommt man mit Allgmed auch gehändelt ) und Derma (für mich werden diverse Nävi einfach random rausgeschnitten :-oopss keine Ahnung, ob das die hiesigen Dermatologen zum Spaß machen).

anignu
29.11.2023, 00:22
Derma (für mich werden diverse Nävi einfach random rausgeschnitten :-oopss keine Ahnung, ob das die hiesigen Dermatologen zum Spaß machen).
Da spricht der Chirurg: schaut es ganz komisch aus schneidet man es raus oder macht eine Biopsie, sieht es noch im Rahmen aus reicht Decoderm tri, eine Salbe mit Pilzmittel, Kortison und Fett ;-)

Speranza100
29.11.2023, 06:38
ZNA, Geriatrie und Psychiatrie kann ich nur unterschreiben. geht mir ähnlich. das oft auch pragmatische Abwägen und Prioritäten setzen in der Geriatrie hilft mir in der Praxis oft sehr weiter.
Ich empfehle auch dringend Balintarbeit unabhängig vom Pflichtteil. Das hat mir auch oft schon geholfen, Dinge besser einzuordnen und nicht auszubrennen.
@ anignu ich liebe Decoderm Tri :)

ehem-user-19-05-2025-1430
30.11.2023, 07:21
Ich selbst war etwas unerfolgreich mit dem Organisieren von ambulanten 6-monatigen Rotationen in die Derma/chir Praxis/Päd. Man ist dort natürlich auch nciht so nützlich für die Inhaber... Ging mir dann so auf den Wecker, dass ich einfach in der ZNA geblieben bin... :) also nur das auch noch bedenken beim planen...manchmal scheiterts auch an der Durchführbarkeit.