Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schweizerdeutsch - ein guter Grund gegen die Schweiz?
Hey zusammen,
ich bin aktuell fürs PJ in der Schweiz in der Psychiatrie. Ich bin schon länger am Überlegen, mich nach dem Studium in der Schweiz zu bewerben.
So albern es vielleicht für manch einen klingen mag, aber einer der Hauptgründe, die für mich gegen die Schweiz sprechen, ist das Schweizerdeutsch. Gerade in der Psychiatrie ist es ja wichtig, dass man die Patienten (und auch die Team-Kollegen) sehr gut versteht. Und nach mehreren Wochen habe ich ehrlich gesagt immer noch sehr häufig Verständnisschwierigkeiten und muss häufig nachfragen, was mir ziemlich unangenehm ist. Ich habe auch irgendwie nicht das Gefühl, dass ich Fortschritte mache. Ich glaube, ich würde tatsächlich einen Schweizerdeutsch-Kurs besuchen, bevor ich tatsächlich in der Schweiz anfange zu arbeiten… 😅
Gibt’s hier deutsche Ärzte, die in der Schweiz arbeiten? Was ist eure Erfahrung damit?
Danke und liebe Grüße
Wie lange würdest du brauchen, um schottisches Englisch gut zu verstehen? Um dir eine sehr gute britische Aussprache des Englischen anzugewöhnen? Wahrscheinlich länger als ein paar Wochen.
Also setz dir beim Schweizerdeutsch keine unrealistischen Ziele. Um sich in einen Dialekt gut hineinzuhören, um eine Aussprache gut zu erlernen, muss man sich regelmäßig Filme anschauen, Radio hören, mit Leuten sprechen... das geht nicht einfach so von heute auf morgen. Soziale Medien sind sicher auch eine gute Methode, um sich in die Aussprache hineinzuhören. Gerade in der Schweiz ist es ja zum Glück üblich, dass auch die offiziellen social media Präsenzen von Unternehmen oft recht viel Schweizerdeutsch verwenden.
Für mich wär das eher ein Bonus - kann man auch noch was anderes lernen als nur Psychiatrie.
Ja, aber Schweizerdeutsch ist meines Erachtens mehr als nur ein Dialekt. Es ist eher eine eigene Sprache. Quasi ähnlich wie bei Holländisch, wo man als Deutscher ja auch einiges verstehen kann, aber einen Großteil eben nicht. Und ich habe ehrlich gesagt ernsthafte Zweifel daran, dass ich alleine durchs Zuhören irgendwann Schweizerdeutsch verstehen lernen werde…
Aber mich würde interessieren, wie das bei anderen deutschen Ärzten war, die in die Schweiz gegangen sind. Wie habt ihr Schweizerdeutsch verstehen gelernt? Und wie lange hat‘s gedauert?
Bender B. Rodriguez
27.07.2024, 11:43
Ob Dialekt oder nicht, ich kann die Sorge nachvollziehen. Als im Norden lebender, deutsch als (erste) Fremdsprache gelernt habender konnte ich in der Schweiz gar nichts verstehen. Und wenn's zu niederbayrisch wird geht da auch nichts mehr.
Aber ich bin überzeugt dass ich in wenigen Wochen in der Lage wäre beides gut zu verstehen wenn ich dort leben würde.
Eine Freundin (aus dem Norden) hat einige Jahre in der Züricher Ecke gelebt und dort auch ihren Facharzt gemacht. Von sprachlichen Problemen hab ich nie gehört. Eher von bösen Blicken wenn sie es mal gewagt hat die Kasackärmel hochzukrempeln.
Aber ich bin überzeugt dass ich in wenigen Wochen in der Lage wäre beides gut zu verstehen wenn ich dort leben würde.
Was macht dich da so sicher? Und wie würdest du das schaffen? 😅
Ich arbeite seit einigen Jahren in der Schweiz und kann deine Sorgen nachvollziehen. Meiner Erfahrung nach konnte ich nach ca. 6 Monaten 80-90% verstehen, der passive Wortschatz hat sich danach noch nach und nach gesteigert. Nach ca. 1 Jahr hatte ich keine wesentlichen Bedenken mehr, aber auch da kommen immer wieder Worte vor, die man nicht kennt, oder man hört einen neuen Dialekt (v.a. Wallis), bei dem man doch wieder frustriert ist, weil man nur 50% versteht. Nun nach >3 Jahren habe ich keine Sorge mehr, wenn mich jemand auf Schweizerdeutsch unerwartet anspricht, ich mit Schweizern telefonieren muss (ist am Anfang nochmal deutlich schwieriger als live etwas zu verstehen) und ich höre es gerne, aber wenn z.B. jemand während einem Vortrag mir etwas zuflüstert, ist es natürlich immer noch schwieriger zu verstehen als Deutsch. Habe btw keinen Kurs gemacht und glaube auch, dass die wenigsten das machen.
Aktiv selbst versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen meiner Erfahrung nach nur ein kleinster Bruchteil der Deutschen, und das sind eigentlich nur die, die Schweizer Partnerinnen/Partner haben. Auch wenn ich manchmal schon das Gefühl habe, ich könnte es teilweise schon sprechen, bleibt immer die Sorge, Fehler zu machen und sich zu blamieren. Außerdem besteht ja formal keine Notwendigkeit, da dich alle schon verstehen. Für die Integration wäre es sicher sehr von Vorteil, denn die Sprache steht doch immer etwas im Weg. Letztlich ist es aber so, dass im ärztlichen Bereich, abhängig vom Ort und der Klinik, geschätzte 50% der Ärztinnen und Ärzte kein Schweizerdeutsch sprechen und die Patienten dies auch so gewohnt sind.
Ich zweimal in der Schweiz (Aargau) für einige Wochen in der Psychiatrie Oberarzt-Vertretungen gemacht und brauchte regelmäßig Übersetzung bei Patientengesprächen. Aber die Deutschen, die länger dort tätig waren, hatten keine Probleme mehr damit, gerade die aus dem Alemannischen Stammenden.
Bender B. Rodriguez
27.07.2024, 17:38
Man hört sich schnell rein wenn man im Ausland lebt und regelmäßig mit der Sprache konfrontiert ist.
Warum meinst du, dass du nicht in der Lage sein solltest einen Dialekt deiner Muttersprache verstehen zu lernen. Sprechen musst du es ja nicht einmal.
Bist doch nicht der erste Deutsche der in der Schweiz arbeiten möchte.
Tramaldol
27.07.2024, 22:32
Man hört sich schnell rein wenn man im Ausland lebt und regelmäßig mit der Sprache konfrontiert ist.
Warum meinst du, dass du nicht in der Lage sein solltest einen Dialekt deiner Muttersprache verstehen zu lernen. Sprechen musst du es ja nicht einmal.
Bist doch nicht der erste Deutsche der in der Schweiz arbeiten möchte.
Also bei Schweizerdeutsch sollte es eigentlich besonders einfach sein.
In der Regel schaffen es auch Fußballspieler Spanisch oder Italienisch zu lernen und die haben ihre Talente in den Beinen.
Aber es gibt wirklich Leute, die es mit Fremd-Sprachen überhaupt nicht haben. Wie soviele Einwanderer. Wieviele Patienten habe ich schon gehabt, die seit 30 Jahren hier in Deutschland leben und GARKEIN Deutsch sprechen.
Andere lernen es innerhalb von 3 Monaten.
Unser Wortschatz sind vllt 4000 Grundworte für ein Basic-Sprachverständnis im Alltag. Aber wenn man wirklich jemand ist, der wie der Teufel das Weihwasser die Fremdsprache scheut, sollte man es lassen. Es gibt ja nix was es nicht gibt.
Bei Schweizerdeutsch finde ich es besonders merkwürdig.
Ich habe auch in Frankreich mit Schul-Französisch meine Kenntnisse erheblich verbessern können. Und das dank nur der Arbeit mit den Chirurgen damals, die übrigens garnicht gewohnt waren, dass man Hilfe von Studenten bei der Arbeit erhält. Klar mussten die auch mit mir Geduld haben, aber jeden Tag gings besser.
Energy and persistence conquer all things, sagte Franklin.
Man braucht als allererstes also einmal den Willen, sein Ziel zu erreichen. Denn wer von Anfang sagt, dass das ja ohnehin schwer wird, dass man das ja ohnehin nicht schaffen kann, wird sich natürlich nicht ausreichend überlegen, wie er sein Ziel erreichen kann, wird natürlich nicht die nötige Energie und Hingabe in die Erreichung seines Ziels investieren, wird natürlich nach ein paar Wochen, und erst recht bei jedem Rückschlag, versucht sein, aufzugeben, da er nur wenig Ausdauer hat.
Das ist beim Erlernen des Schweizerdeutschen nicht anders als in jedem anderen Lebensbereich.
Und ganz ehrlich, selbst das B2-Niveau einer Fremdsprache kann man ohne jegliche Vorkenntnisse mit nur 20-30 Minuten am Tag innerhalb von 3-6 Monaten erlernen. Dann wird man wohl auch das Schweizerdeutsche erlernen können, wenn man die nötige Zeit und Energie investiert. Gerade in der Psychiatrie wird man mehr als genug Gelegenheit haben, tagtäglich mit den Feinheiten der Sprache und ihren impliziten Bedeutungen konfrontiert zu sein.
selbst das B2-Niveau einer Fremdsprache kann man ohne jegliche Vorkenntnisse mit nur 20-30 Minuten am Tag innerhalb von 3-6 Monaten erlernen.
Kann ja sein, dass es solche linguistischen Talente gibt; unter "man" verstehe ich aber praktisch alle. Unter der Voraussetzung ist die Aussage unrichtig, da sie z. B. auf mich nicht zutrifft.
piandorable
28.07.2024, 07:13
Und ganz ehrlich, selbst das B2-Niveau einer Fremdsprache kann man ohne jegliche Vorkenntnisse mit nur 20-30 Minuten am Tag innerhalb von 3-6 Monaten erlernen. Dann wird man wohl auch das Schweizerdeutsche erlernen können, wenn man die nötige Zeit und Energie investiert. Gerade in der Psychiatrie wird man mehr als genug Gelegenheit haben, tagtäglich mit den Feinheiten der Sprache und ihren impliziten Bedeutungen konfrontiert zu sein.
Völliger Quatsch. Das könnte eine Aussage von so einem YouTube Polyglot sein. Das ist vielleicht bei Schweizerdeutsch möglich, wenn man eh schon Deutsch als Grundlage hat, oder vielleicht bei einer verwandten Sprache wie Schwedisch (auch hier würde ich nicht sagen, dass man mal eben so konversationsfähig wird). Bei fremden Sprachen wie slawischen, arabischen oder (ost-)asiatischen Sprachen machst du mit dem Pensum vielleicht mal A1 in der Zeit.
Tramaldol
28.07.2024, 11:10
Und ganz ehrlich, selbst das B2-Niveau einer Fremdsprache kann man ohne jegliche Vorkenntnisse mit nur 20-30 Minuten am Tag innerhalb von 3-6 Monaten erlernen. Dann wird man wohl auch das Schweizerdeutsche erlernen können, wenn man die nötige Zeit und Energie investiert. Gerade in der Psychiatrie wird man mehr als genug Gelegenheit haben, tagtäglich mit den Feinheiten der Sprache und ihren impliziten Bedeutungen konfrontiert zu sein.
Das ist (leider!) eine ganz falsche und auch, die von der gefährlichen Annahme ausgeht, das jeder etwas lernen kann, solang er nur ausreichend übt und lernt. Das ist aber grundlegend falsch. Manche Leute haben nunmal überhaupt garkein Talent für Sprachen.
Gerade in Deutschland oder Österreich müsste man's doch wissen mit den zahlreichen Einwanderern, die nach 30 Jahren Aufenthalt kein Wort bis kaum Deutsch sprechen. Und da sind verschiedenste Nationen drunter und auch unterschiedlichste Bildungsniveaus.
Bender B. Rodriguez
28.07.2024, 13:06
Jetzt hast du die Einwanderer zweimal thematisiert. Scheint dir wichtig zu sein.
Hier geht es aber um einen (mutmaßlichen) Muttersprachler, der Angst hat einen Dialekt seiner eigenen Sprache nicht verstehen lernen zu können.
Christoph_A
29.07.2024, 08:03
Naja, als Bayer hab ich damals im PJ ungefähr eine Woche gebraucht, um die Schweizer zu verstehen, sie benutzen teils noch die alten Wochentage (gab´s in Bayern auch früher, macht nur keiner mehr) und man hat halt auch einige Wörter mit französischen oder italienischen Wurzeln, im Großen und Ganzen ist es aber für Süddeutsche wahrlich kein Hexenwerk, Schwyzerdütsch zu verstehen. Je weiter nördlich man in D ist, desto schwieriger isses wohl, aber auch meine damaligen "Mitstreiter" aus Köln, Thüringen und Frankfurt haben sich doch relativ zügig assimiliert. Zumal ja nun wirklich jeder Schweizer auch Hochdeutsch kann und man sich schon auch Sachen "übersetzen" lassen kann und sollte.
Sprachlich sollte man da keine Angst haben, ansonsten dürftest Du auch nicht in den bayrischen Wald, die Oberpfalz oder das Allgäu zum arbeiten gehen :-)
ehem-user-19-05-2025-1430
29.07.2024, 08:36
Naja, als Bayer hab ich damals im PJ ungefähr eine Woche gebraucht, um die Schweizer zu verstehen, sie benutzen teils noch die alten Wochentage (gab´s in Bayern auch früher, macht nur keiner mehr) und man hat halt auch einige Wörter mit französischen oder italienischen Wurzeln, im Großen und Ganzen ist es aber für Süddeutsche wahrlich kein Hexenwerk, Schwyzerdütsch zu verstehen. Je weiter nördlich man in D ist, desto schwieriger isses wohl, aber auch meine damaligen "Mitstreiter" aus Köln, Thüringen und Frankfurt haben sich doch relativ zügig assimiliert. Zumal ja nun wirklich jeder Schweizer auch Hochdeutsch kann und man sich schon auch Sachen "übersetzen" lassen kann und sollte.
Sprachlich sollte man da keine Angst haben, ansonsten dürftest Du auch nicht in den bayrischen Wald, die Oberpfalz oder das Allgäu zum arbeiten gehen :-)
ond erschd rechd ed uff d schwäbische alb gonga.
Spaß beiseite: als Bade oder Schwabe oder Allgäuer also kp knapp 15mio Deutsche ist schweizerdeutsch quasi muttersprache, als sonstiger süddeutscher easy und auch als sonstiger "norddeutscher" nach wenigen monaten überhaupt kein großes thema. worüber diskutieren wir hier :D :D :D. wander mal nach singapur aus :)
Nur mut, das wird schon, verschwende kein geld mit kursen, geh lieber n bier trinken mit schweizer kollegen oder nachbarn!
thequeenofcells
29.07.2024, 11:42
In meinem ersten Leben, vor etwa 13 Jahren hatte ich eine kurze, mehrmonatige Liaison mit der Schweiz und ich fand das sehr schwierig. Ich habe mir erstmal gar nichts gedacht, da ich Sprachen sehr schnell lerne und zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur ein wenig Schuldeutsch, sodass es für mich noch einfach sein sollte - quasi eine Sprache von Null auf.
Nun, mein Schuldeutsch reichte nicht, um was zu verstehen und da ich in einer Ecke an der Grenze von 3 Regionen gelebt habe, hatte ich das Gefühl, dass jeder was Anderes spricht und ich war sehr verloren.
Jetzt, diese 13 Jahre später halte ich meine deutsches Deutsch für ganz passabel, einen bekannten Schweizer, der hier arbeitet, verstehe ich dennoch nicht, wenn er Schweizerdeutsch benutzt.
Tramaldol
30.07.2024, 23:27
Jetzt hast du die Einwanderer zweimal thematisiert. Scheint dir wichtig zu sein.
Ja schon krass wie häufig man verschiedenste Einwanderer im Krankenhaus oder n der Praxis trifft, die seit 30 Jahren hier leben und wirklich garkein Deutsch können. Das mag allerdings auch an der Einwanderungspolitik liegen, die keine grundlegenden Sprachkenntnisse fordert und eher auf ein Proletariat abschielt, das bereit ist zu Billig-Löhnen ggfs. unter miesen Bedingungen zu arbeiten.
Ganz anders ist zum Beispiel die Einwanderungspolitik in Australien, wo dann einfache Jobs sehr gut vergütet werden müssen mit Top-Arbeitsbedinungen, aber auch hohen Preisen und wer bekanntlich illegal dorthin reist, findet sich später auf einer abgelegenen tropischen Insel wieder. Also komplett anders als hier. Jedes Jahr wird geschaut, was man brauch an Arbeitskräften. Der Rest soll bitte nicht kommen.
Anne1970
31.07.2024, 04:31
So: und nun wieder back to topic.
@Tramaldol: diese Ausführungen helfen dem TE nicht weiter und passen nicht hierher.
So: und nun wieder back to topic.
Was willst du denn "back to topic"?
Die Frage lautet "Schweizerdeutsch - ein guter Grund gegen die Schweiz?". Und die Antwort lautet "Eigentlich nein, in diesem Fall offensichtlich ja". Ich würde einfach nicht auf die Idee kommen mir diese Frage zu stellen weil ich der Meinung bin dass man den Dialekt oder diese Sprache schon lernen kann wenn man nur will. Und man wird IMMER Leute finde mit Wörtern die man nicht versteht oder die in unterschiedlichen Kontexten gebraucht werden. Aber wenn man selbst schon glaubt dass man die Leute nicht versteht und das so bleiben wird und Probleme damit hat im Zweifel nachzufragen, dann sollte man es sein lassen.
Oder ist nicht ein Wesen einer psychiatrischen Therapie ein gezieltes Nachfragen? Egal.
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