Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Mit Epilepsie Arzt werden? (Anästhesie, Notfallmedizin)
Thatscrazy
01.09.2024, 14:34
Hey. Ich habe Epilepsie und möchte Arzt werden. Vor allem möchte ich unbedingt Notarzt werden. Außerdem interessiert mich die Anästhesie sehr, wo ich zunächst eine MFA Ausbildung mache.
Ich hatte mit 11 einen richtigen Krampfanfall, aber seitdem keinen richtigen mehr (bin nun 20). Ich habe vereinzelt kleinere „Absencen“, bei denen ich ein paar Sekunden lang etwas neben der Spur bin, jedoch nicht krampfe oder mein Bewusstsein verliere. Diese sind jedoch relativ selten und ich hatte auch 2,5 Jahre lang gar nichts gehabt.
Denkt ihr, dass ich trotzdem Notarzt fahren darf und Anästhesie oder vielleicht Innere machen darf?
Vielen Dank im Voraus!
Thatscrazy
01.09.2024, 14:40
Zusatzfrage: Ist hier zufällig ein Arzt mit Epilepsie unterwegs, oder jemand, der bei Kollegen mit Epilepsie etwas mitbekommen hat? :)
Nefazodon
01.09.2024, 15:15
Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es in dieser Konstellation schwierig wird, eigenverantwortlich als Anästhesist oder Notarzt zu arbeiten.
Du musst halt ständig einsatzfähig und Herr deiner Sinne sein.
Hast Du einen behandelnden Neurologen? Wenn ja, dann besprich doch mit dem einmal deinen Berufswunsch....der kann deinen gesundheitlichen Zustand bestimmt besser einschätzen als ich hier im Forum.
Ich würde in dieser Konstellation aber insgesamt eher von einem Medizinstudium abraten.
Eine allgemeine Aussage ist nicht möglich. Ein Medizinstudium und Tätigkeit als Arzt halte ich für möglich. Ein Einsatz als Notarzt ist eher fraglich, aber dafür ist eine individuelle Beratung erforderlich.
https://www.epilepsie-vereinigung.de/leben-mit-epilepsie/berufswahl-bei-epilepsie/
DGUV Information 250-001
Berufliche Beurteilung bei Epilepsie und nach erstem epileptischen Anfall (https://publikationen.dguv.de/regelwerk/dguv-informationen/345/berufliche-beurteilung-bei-epilepsie-und-nach-erstem-epileptischen-anfall)
TaraTamm
01.09.2024, 19:23
Ich würde in dieser Konstellation aber insgesamt eher von einem Medizinstudium abraten.
Es gibt unzählige ärztliche Tätigkeiten, bei denen das beschriebene sehr seltene Auftreten von Absencen unproblematisch ist. Zum Beispiel Hausarzt, nicht interventionell tätiger Internist oder Radiologe, Pathologe, Arbeitsmediziner,…..
Nefazodon
01.09.2024, 19:44
Der TE hatte explizit nach einer Tätigkeit als Anästhesist oder Notarzt gefragt.
Außerdem ist es oft so, dass die Dauer und Schwere von Absencen durch die Patienten selbst unterschätzt wird, da sie diese selbst nicht bewusst erleben bzw. ggf. nur das Ende der Symptomatik.
Ich habe ja schon gesagt, dass der TE das am besten mit seinem behandelnden Neurologen besprechen soll.
Dennoch würde ich, in dieser Konstellation und mit diesen expliziten Berufswünschen, von der Aufnahme eines Medizinstudiums eher abraten.
Der Fall wäre anders, wenn der TE schon studieren würde und dann eine Epilepsie entwickelt hätte, oder wenn von vornherein patientenferne Fächer angestrebt würden.
Wenn der TE noch am Anfang seiner beruflichen Ausbildung steht, finde ich, sollte man bestehende Einschränkungen bei der Berufswahl jedoch von vornherein berücksichtigen.
Man muss da auch ehrlich bleiben: Eine Tätigkeit als Notarzt oder Anästhesist erscheint in dieser Konstellation nunmal nicht realistisch.
Thatscrazy
01.09.2024, 20:09
Danke für eure Antworten. Das Ding ist, dass diese Absencen nur durch Schlafmangel oder Vergessen der Medikation verursacht werden. Als Arzt würde ich absolut dafür sorgen, dass ich die Einnahme meiner Tabletten nie vergesse und bezüglich Schlafmangel könnte ich mich ja von Nachtschichten befreien lassen und nur am Tag Notarzt fahren. In dieser Konstellation sollte es eigentlich nicht zu Absencen kommen.
Nefazodon
01.09.2024, 21:00
Als Arzt würde ich absolut dafür sorgen, dass ich die Einnahme meiner Tabletten nie vergesse
Sorg doch schon jetzt dafür, dass Du die Tabletten nicht vergisst.
Thatscrazy
01.09.2024, 21:12
Mach ich natürlich. Das war einmal oder zweimal in 9 Jahren
Selbst mit wenig oder keinen Diensten ist die Arbeitsbelastung in der klassischen Kliniktaetigkeit hoch genug und somit ursächlich für haeufigen Schlafmangel, was dann ein Trigger für Anfälle sein könnte. Ohne Risiko für Dich und die Patienten/Patientinnen wärest Du innerhalb der Anaesthesie nur in der Prämed einsetzbar. Stell Dir vor, Du kriegst bei einer Notfall-Intubation mal eben eine Absence. Wer soll dafür haften? Suche Dir bitte einen anderen Berufswunsch. Jemand, dem ein Arm fehlt, kann auch nicht Chirurg werden, nicht mal mit Armprothese (klingt makaber der Vergleich, ist aber so).
Zudem man auch den Unmut der Kollegen ausgesetzt sein wird, wenn man keine Dienste macht. Das macht auch noch zusätzlichen Stress. Verständnis hin oder her, man ist sich selbst am nächsten und da werden gewollt oder aus der Situation heraus unschöne Sprüche fallen. Wenn du nicht gerade vermögend bist, ist eine Niederlassung wegen Versicherungen und Kredite auch schwieriger. Wenn man ein mittleres 6-stelliges Depot hat, kann man Praxisausfälle etc. selbst stemmen, ohne teure Versicherungen akzeptieren zu müssen.
Insgesamt spricht einiges dagegen, die Frage ist nur, wie sehr du es willst! Vielleicht hilft ein Langzeit-EEG um zu gucken, ob du wirklich anfallsfrei bist. Dann wird dir die Antwort schon abgenommen.
Jukka666
02.09.2024, 08:31
Hey. Ich habe Epilepsie und möchte Arzt werden. Vor allem möchte ich unbedingt Notarzt werden. Außerdem interessiert mich die Anästhesie sehr, wo ich zunächst eine MFA Ausbildung mache.
Ich hatte mit 11 einen richtigen Krampfanfall, aber seitdem keinen richtigen mehr (bin nun 20). Ich habe vereinzelt kleinere „Absencen“, bei denen ich ein paar Sekunden lang etwas neben der Spur bin, jedoch nicht krampfe oder mein Bewusstsein verliere. Diese sind jedoch relativ selten und ich hatte auch 2,5 Jahre lang gar nichts gehabt.
Denkt ihr, dass ich trotzdem Notarzt fahren darf und Anästhesie oder vielleicht Innere machen darf?
Vielen Dank im Voraus!
Erstmal Hochachtung für deine differenzierte und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema.
Letzten Endes ist es dein Leben und du entscheidest, wie du es führen willst.
In diesem Forum suchst du aber Rat von fertigen Medizinern, die solche Probleme bereits kennen.
Daher hier mein persönlicher Rat (ich bin Anästhesist): Arzt werden wird schon gehen, aber wie die anderen bereits sagten: ich kann dir mit 100%iger Sicherheit garantieren, dass du Schlafmangel kriegen wirst und leider eben auch musst.
Anästhesie ist der Inbegriff von Schlafmangel (klingt paradox). Und Notfallmedizin aka Notarzt noch mehr.
Du musst während der Weiterbildung Dienste machen (ist Bestandteil des Weiterbildungszeugnisses, ohne das du keinen Facharzt wirst machen können) und die sind nun mal auch Nachts. Man wird um 3:00 geweckt oder arbeitet auch mal 24h komplett durch, und das auch an kleineren Häusern.
Man muss dann vollkommen fokussiert schwerste Situationen beistehen (man wächst da zwar rein und fehlerfrei ist es nie), aber das wird deine Erkrankung sicher nicht positiv beeinflussen.
Weiterhin wirst du 12 Monate für den Facharzt auf die Intensivstation rotieren. Diese ist Inbegriff von Schlafmangel: Schichtdienste, im schlechtesten Fall ständige Tag-Nacht-Wechsel. Die haben mich persönlich zB gekillt...ich hatte derartige Schlafstörungen...
ich habe danach zwar nochmal Intensiv für die spezielle Weiterbildung gemacht, aber ich bin froh, dass ich da raus bin.
Geblieben sind normale Bereitschaftsdienste und Notarztdienste, wo du ebenfalls kerzengerade um 04:00 im Bett stehst, weil der Pieper dich auf eine Reanimation schickt.
Mit anderen Worten: du bist deinen Patienten zumindest eine gewisse Baseline schuldig. Perfekt gesund ist keiner von uns, wir werden alle älter. Aber die Grundvoraussetzungen sollten zumindest zum Start nicht schlecht sein.
Die rechtlichen Aspekte wurden dir schon nahegelegt, solch eine Erkrankung darf man bei Versicherungsanträgen auch nicht verschweigen, sonst stehst du bei Haftungsfragen schnell ohne Schutz da.
Alle Fächer mit krassen Nacht-, Schicht- oder Bereitschaftsdiensten würde ich nicht empfehlen.
Allgemeinmedizin, "kleinere Fächer" wie Dermatologie, "patientenfernere" Fächer wie Pathologie, Radio (wobei....die haben oft auch Nacht- und Rufdienste, wo sie konzentriert auf Bildschirme starren müssen oder zum Polytrauma-CT in die Klinik müssen und vom Radiologen hängt oft alles weitere ab...) oder Arbeitsmedizin könnten gehen...
Viel Erfolg dir dennoch auf deinem Weg!
xenopus laevis
02.09.2024, 08:33
Schlafmangel ist doch unser bester Freund im Schichtdienst. Wenn du schon vor Antritt weißt, dass das schief geht, dann lass es. Der Hass deiner Kollegen kann ich jetzt schon fühlen. Genauso wie Stress! Du kannst dir noch so eine patientenferne Tätigkeit aussuchen und bist trotzdem den Launen anderer unfähiger Mitarbeiter ausgesetzt.
Eine ehemalige Kommilitonin von mir hat im Studium eine Epilepsie entwickelt. Sie wollte intial Chirurgie oder Anästhesie machen. Trotz guter medikamentöser Einstellung und darunter gegebener Anfallsfreiheit war beides nicht möglich. Sie arbeitet nun in der Psychiatrie ohne Nachtdienste, was gut für alle Seiten funktioniert.
Vor vielen Jahren hatte ich eine Kollegin mit bekannter Epilepsie, die nachts in meinem Dienst postiktal nackt und kotverschmiert in ihre eigene psychiatrische Ambulanz lief, sie wohnte gegenüber der Klinik. Sehr eindrückliches Erlebnis.
Thatscrazy
02.09.2024, 13:21
Danke für deine ausführliche Antwort.
Ich hatte das mit dem Schlafmangel oben falsch umschrieben. Ich weiß noch nicht, ob Schlafmangel ein Trigger ist. Wenn ich meine Tabletten nehme und mal bis 3 oder 4 Uhr aufbleibe, merke ich nichts und es treten keine Absencen auf.
Das ist aber natürlich nicht mit dem von dir oben beschriebenen Schlafmangel zu vergleichen. Ob dies Absencen auslösen würde, weiß ich nicht. Das ist halt das Problem: Ich würde es erst nach oder am Ende vom Studium herausfinden.
Würde sich an deiner Einschätzung etwas ändern, wenn Schlafmangel kein Trigger wäre?
Bender B. Rodriguez
02.09.2024, 14:04
[...]postiktal nackt und kotverschmiert[...]
Das war dann aber eine spannende Epilepsie. Ist das häufiger so? Oder waren da noch Nebenerkrankungen im Spiel?
Als Notarzt hast du halt wirklich gar keine Rückfallebene. Kein Kollege im Nebenraum, kein Oberarzt, niemanden der mal schnell eingreifen/übernehmen kann. Und dann ist es halt auch sowohl für das restliche Team als auch für den Patienten richtig, richtig scheiße wenn der Notarzt "unpässlich" ist.
Nefazodon
02.09.2024, 15:18
Sowohl als Notarzt als auch als Anästhesist im OP darfst Du gar keine Anfälle haben.
Du musst komplett anfallsfrei sein.
Wenn das nicht erreichbar ist, dann sind diese beiden Berufe keine Option.
Das muss einfach mal deutlich so gesagt werden.
Je länger ich drüber nachdenke desto weniger wahrscheinlich lässt sich die Frage hier so pauschal beantworten. Ich bin auch bloß Anästhesist, aber irgendwo im Hinterkopf hängt noch was wie einige Epilepsien im Kindesalter "verwachsen" sich. An Stelle des TE würde ich mir nochmal fundierten Rat speziell zu dieser Frage suchen, also behandelnder Neurologe und ggf. mal weitervermitteln lassen.
Ansonsten stellt glaub ich die einzige Hürde die "Bescheinigung über die gesundheitliche Eignung" dar, die beim Antrag auf Erteilung der Approbation mit abgegeben werden muss - die bei den meisten aber sicherlich irgendein Arzt aus dem letzten PJ-Tertial ungesehen gestempelt und unterschrieben hat...
Insgesamt scheint mir die Sache doch zu komplex für ein "nee lass mal, das ist nichts für Dich". Ich stelle mir halt gerade die Frage, wenn man eine Epilepsie als KO-Kriterium annimmt, was dann noch alles in die Kategorie eingeordnet werden muss. Diabetes? Schädlicher Alkoholkonsum? AICD-Träger? Vielleicht gibts ja irgendwo eine Liste?
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