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Hallo,
Ich spiele mit dem Gedanken, als ärztlicher Gutachter beim MD anzuheuern. Hauptmotiv ist, dass mir gutachterliche Tätigkeit auf Aktenlage viel Spaß macht, mache zur Zeit auch das Zertifikat für medizinische Begutachtung. Außerdem gibt es in der Radio entweder Krankenhaus-Keule oder Praxis-Fließband-Arbeit und in beiden Szenarien sehe ich mich nicht bis zur Rente…
Hat jemand damit Erfahrung und kann mir sagen, ob ich als Facharzt für Radio gerne genommen werde?
Wie sieht ein klassischer Arbeitstag als ärztlicher Gutachter aus und was begegnet mir fachlich?
Und wie sind so die Arbeitsbedingungen? Hab von 40% mobilem Arbeiten und Gleitzeit gehört. Wie wird das gelebt?
Und aktuell würde ich ja wohl als Facharzt bei VG 13 landen. Komme ich in 14 wenn ich die ZB Sozialmedizin mache? Und kann man mit der ZB auch nebenberuflich selbstständig Gutachten schreiben?
Was hat es mit dieser leistungsorientierten Vergütung auf sich?
Was findest du persönlich gut und was schlecht beim MD?
Vielen Dank im Voraus 😊
Hey!
Das kann je nach Bundesland natürlich etwas variieren, aber was ich dir aus meiner Ecke sagen kann:
Ich begutachte u.a. in den Bereichen ambulante Versorgung und Arzneimittel/Methoden. Die Fälle, die man so bekommt, umfassen (stichpunktartig): Überprüfungen von AU bzw. Minderung der Erwerbsfähigkeit, Reha-Leistungen, Haushaltshilfeanträge und Off-Label-Medikation, Cannabis, außervertragliche Methoden.
Fachlich ist das eine bunte Mischung. Sowohl als Spezialist (z. B. Psych, Derma, Auge) ist man gefragt und begutachtet speziellere fachbezogene Fälle, als auch als Generalist (z. B. Allgemein, Anä, auch Radio) hat man einen guten Start, weil man vieles aus allen möglichen Bereichen schon gesehen hat. Gerade das „täglich Brot" ist fachlich nicht so speziell, als dass man da nicht gut reinkommen könnte, vorausgesetzt, man ist mit offenen Augen und Ohren durch seine medizinische Laufbahn gegangen. Und man wird sehr gut eingearbeitet (wirklich kein Vergleich zur Klinik!), vor allem in die sozialmedizinischen Dinge.
Die Arbeitsbedingungen sind top. Ich sag mal so: Selbst wenn du in der Klinik denkst, dass dein Arbeitgeber ganz gut und fair ist, legt der MD die Messlatte nochmal höher. Liegt natürlich auch an der planbaren, nicht zeitkritischen Art der Arbeit, aber aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Arbeitszeit auf dem Papier = Arbeitszeit in echt, Gleitzeit (du kannst dir innerhalb eines täglichen Zeitkorridors weitgehend selbst aussuchen, wann du arbeitest), 50 % Homeoffice, und auf persönliche Belange wird Rücksicht genommen. Jeder hat Verständnis dafür, dass man auch ein Privatleben und eine Familie hat.
Gutachten nebenher schreiben kannst du mit oder ohne die ZB. Es darf nur nicht mit deiner Arbeit in Konflikt geraten. Eingruppiert wirst du in Gruppe 13, egal ob mit oder ohne ZB.
Ein beispielhafter Tag in der ambulanten Versorgung sieht so aus: Man bekommt ein Arbeitspaket mit Gutachten (anhand der mittleren Bearbeitungszeiten je nach Auftragsart so zusammengestellt, dass es in eine reguläre tägliche Arbeitszeit passt) und bearbeitet das aktenlagig bzw. fordert Unterlagen nach. Manchmal muss man Versicherte auch persönlich einladen. Und je nachdem, was ansteht, fährt man auch mal irgendwohin, z. B. bei der Begutachtung außerklinischer Intensivpflege.
Und so viel in Klinik/Praxis auch über den MD geschimpft wird: Man muss sagen, es braucht eine neutrale medizinische Kontrollinstanz. Die meisten Kolleginnen und Kollegen machen da draußen solide Arbeit, aber ab und zu läuft einem was über den Weg, wo man nur sagen kann: zum Glück hat die Kasse die Möglichkeit, Sachverhalte prüfen zu lassen. So ist das nunmal überall. Die meisten machen einen guten Job, schwarze Schafe gibt's aber auch. Viel Ärger über den MD kommt außerdem daher, dass manche Regelungen (auch gesetzlicher Art) den Niedergelassenen schlicht nicht bekannt sind. Ich hab beim MD auch einiges gelernt, das mir damals in der Praxis niemand gesagt hat (und vermutlich auch niemand wusste).
Was noch erwähnenswert ist: Persönlichen Kontakt zu PatientInnen (oder wie es beim MD heißt: zu Versicherten, denn es sind ja nicht unsere PatientInnen) hat man kaum. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Das fällt mir so spontan ein. Hoffe, ich konnte dir ein bisschen Einblick geben. Wie gesagt, vieles hängt auch vom Bundesland und dem Bereich ab, in dem man arbeitet. Wenn du noch Fragen hast, melde dich gerne :)
Feuerblick
20.07.2026, 06:41
Magst du mal die Suchfunktion anwerfen? Ich habe an einigen Stellen etwas zur Arbeit beim MD geschrieben. Vorteile sind auf jeden Fall immer: keine Wochenenden, keine Feiertage, 13. Monatsgehalt, Gleitzeit, zeitnaher Überstundenabbau, bezahlte Fortbildungen.
Zu deinen Fragen: Ja, als Facharzt Radiologie würde man dich sicher gerne haben wollen. Arbeitsbedingungen sind auf jeden Fall besser als in Klinik oder Praxis, aber sicher nicht frei von Stress und Druck. Letzteres nimmt seit ein oder zwei Jahren deutlich zu, seit man „Zahlen“ als Instrument für freie Stellen etc. entdeckt hat. Kommt aber auch auf die Vorgesetzten an, wie sehr das an die Gutachter weitergegeben wird.
Wie ein Arbeitstag aussieht, kommt darauf an, wo und in welchem Bereich du arbeitest. Wobei viele MDen wohl dazu übergehen, dass jeder Gutachter alle Bereiche (Arzneimittel, NUB, Krankenhaus, AU, Reha) können muss und auch alles macht. Auch hier kommt es auf den MD an, bei dem du anheuern willst.
Die Menge des mobilen Arbeitens ist abhängig von der individuellen Vereinbarung, die „dein“ MD dazu getroffen hat. Von einem Tag die Woche bis komplett mobil ist da alles (bundeslandabhängig) drin. Gleitzeit wird gelebt, Überstunden werden entsprechend auch zeitnah abgebaut.
Nein, die ZB Sozialmedizin ist in der 13 schon eingepreist. Vertikal aufsteigen geht dann nur noch als Vorgesetzter oder durch spezielle Aufgaben. So zumindest meine letzte Info.
Theoretisch kannst du nebenberuflich auch Gutachten schreiben, aber ob das dein MD dann so gerne sieht, bleibt dahingestellt. Gleiches gilt auch für eine nebenberufliche Arbeit in einer Praxis im gleichen Bundesland. Viele MDen bieten aber angesichts der doch recht vielen Aufträge an, Freizeitgutachten gegen Entgelt zu schreiben. Nicht ganz so lukrativ, aber immerhin. Wer’s braucht…
Die leistungsorientierte Vergütung klingt toll, ist realistisch aber höchstens ein kleines Zückerchen. Da geht es einfach darum, dass Team oder Geschäftsbereich im Vorfeld Ziele vereinbaren (Anzahl der abgearbeiteten Gutachten, Dauer bis zur Abarbeitung, und so) und wenn diese im Verlauf eines bestimmten Zeitraums (meist ein Jahr) eingehalten werden, dann gibts einen kleinen Bonus (als Pool-Beteiligung hab ich damals mehr bekommen…). Das ist aber nicht individuell auf einen Gutachter bezogen.
Ansonsten: Unbedingt hospitieren und sich das alles mal anschauen. Da sieht man dann auch konkreter, was die Aufgaben sind, wie gearbeitet wird und wie z.B. das mobile Arbeiten aussieht.
Cinnafly
31.07.2026, 20:15
Das Thema interessiert mich auch sehr. Ich spiele auch schon länger mit dem Gedanken, beim MD anzuheuern. Bei mir hat es vor allem ideologische Gründe. Ich bin aktuell von der Niederlassung super frustriert. Mache bald meinen FA für Psychatrie und es vergeht kein Tag ohne mindestens 3 hitzige Diskussionen, warum ich die Krankschreibung nicht verlängere nach über einem Jahr der Therapieincomplience ("ich brauche doch keine Therapie, das Problem sind die anderen!") und mehreren Attesten, damit aber der Urlaub auf Malle ("da komme ich am besten runter") trotzdem geht. Am Ende ist dann immer nur Energie und Zeit verloren, wenn besagte Patienten nach einer Flut der Beschimpfungen zum Kollegen gehen, dessen Moralanspruch aus genau diesem Energie- und Zeitmangel etwas dehnbarer ist....
Und von den Rentenbegehren möchte ich gar nicht erzählen...
Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo die Indikation völlig legitim ist.
Was mich in dem Kontext noch interessieren würde:
- Wie stehen die Chancen, wenn man erst frische FA geworden ist?
- Sind noch zusätzliche Qualifikationen nötig (Also Sozial- oder Betriebsmedizin?)
- Wie unterscheiden sich die MDs von Privaten- und Gesetzlichen Kassen? Oder anders: wird man für beide Versicherungsarten beauftragt und macht das einen Unterschied?
- Wie angespannt ist dort der Stellenmarkt in etwa?
Relaxometrie
31.07.2026, 20:36
Wie unterscheiden sich die MDs von Privaten- und Gesetzlichen Kassen?
Das Äquivalent zum Medizinischen Dienst (MD) für privat versicherte Personen heißt Medicproof und ist ein komplett vom MD abgekoppeltes Unternehmen.
Kann je nach Bundesland/MD etwas variieren, aber meine Erfahrungen:
> Wie stehen die Chancen, wenn man erst frische FA geworden ist?
Nicht schlechter als wenn man schon länger FA ist. Man wird ohnehin gründlich in die sozialmedizinische Arbeit eingearbeitet, das ist etwas, das man aus Klinik/Praxis so oder so nicht mitbringt. Paar Jahre mehr als FA vorher machen da nicht so viel Unterschied.
> Sind noch zusätzliche Qualifikationen nötig (Sozial- oder Betriebsmedizin)?
Nein
> Wie unterscheiden sich die MDs von privaten und gesetzlichen Kassen? Wird man für beide beauftragt?
Der MD wird qua Gesetz nur von den gesetzlichen Kassen beauftragt. Andere Auftraggeber haben wir nicht. Die PKV ist nicht mein Auftraggeber und geht mich als MD-Gutachter nichts an.
> Wie angespannt ist der Stellenmarkt?
Der MD scheint mittlerweile auch bei jüngeren ÄrztInnen beliebter zu werden. Man ist nicht mehr dauernd auf der Suche und muss nicht mehr „jeden nehmen", sondern kann eher auswählen. Ein knallhartes Assessment ist es aber auch nicht, wenn Stellen offen sind. Am besten mal ins Stellenportal deines Bundesland-MD schauen und ggf. auch initiativ bewerben, schadet nie.
Was ich persönlich am Gutachterjob schätze: Ich muss meine Bewertung nicht gegen Erwartungshaltungen oder Druck verteidigen. Ich beurteile nach den vorliegenden Informationen und den jeweiligen Regularien, unabhängig und neutral. Ob das Ergebnis der Kasse, den Ärzten oder den Versicherten gefällt oder ob sich jemand etwas anderes gewünscht hätte, muss und darf in die Bewertung nicht einfließen und tangiert mich nicht. Das ist eine angenehme Klarheit, die man in Klinik und Praxis so nicht immer hat.
Was ich persönlich am Gutachterjob schätze: Ich muss meine Bewertung nicht gegen Erwartungshaltungen oder Druck verteidigen. Ich beurteile nach den vorliegenden Informationen und den jeweiligen Regularien, unabhängig und neutral. Ob das Ergebnis der Kasse, den Ärzten oder den Versicherten gefällt oder ob sich jemand etwas anderes gewünscht hätte, muss und darf in die Bewertung nicht einfließen und tangiert mich nicht. Das ist eine angenehme Klarheit, die man in Klinik und Praxis so nicht immer hat.
Das ist soweit sicherlich richtig, hat aber auch Konsequenzen. Natürlich werden "nur" die geltenden Regularien angewandt, aber andererseits wissen wir alle dass die Realität mit den Regularien manchmal nicht viel zu tun hat. Und den MD gibt es ja nicht damit man freundlicherweise mal nachschaut ob Regularien eingehalten werden, sondern damit die Krankenkassen sich Ausgaben sparen. Also werden im Voraus Leistungen nicht gewährt oder im Nachhinein die Abrechnung zusammengestrichen und das hat Konsequenzen. Wenn man andauernd kontrolliert wird verhält man sich anders.
Man wird beim MD quasi Erfüllungsgehilfe für den Gesetzgeber und dessen Ideen bzw. Erfüllungsgehilfe der Politik. Das sollte man sich bewusst sein und da meiner Meinung nach auch dahinter stehen. Denn das Wichtigste bei allem ist ja immer noch, dass man sich morgens im Spiegel noch in die Augen schauen kann. Und nachdem ich da einige Dinge, die der Gesetzgeber vorsieht, auch kritisch sehe, würde ich persönlich ungern beim MD arbeiten wollen.
Das kann ich in Teilen nachvollziehen, und z.B. den Punkt mit dem Kontrolldruck will ich gar nicht wegdiskutieren; wer damit rechnet, dass seine Entscheidung geprüft wird, handelt anders, das kann durchaus sein.
Ein paar Dinge sehe ich aber anders bzw. würde sie ergänzen:
„Regularien und Realität haben oft wenig miteinander zu tun"
Genau deshalb macht die Prüfung ja ein Arzt und nicht die Verwaltung. Wenn es nur ums Abhaken von Listen ginge, bräuchte man keine Gutachter, das könnte ein Sachbearbeiter oder eine KI erledigen. Der Sinn der Einzelfallprüfung ist u.a., die konkreten medizinischen Umstände zu würdigen. Bei Reha-Fällen z.B. kann sich aus dem Befund sehr wohl ergeben, warum eine weitere ambulante Maßnahme nicht mehr sinnvoll oder zumutbar ist, auch wenn sie auf dem Papier „noch nicht ausgeschöpft" wäre. Das formuliert man dann auch entsprechend.
Zum Punkt „den MD gibt es, damit die Kassen sparen":
Der gesetzliche Auftrag ist die unabhängige Sachverhaltsaufklärung und Beurteilung, nicht die Ausgabensenkung. Der MD ist eine eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts und organisatorisch gerade nicht mehr Teil der Kassen, und die Gutachter sind bei der medizinischen Beurteilung nur ihrem ärztlichen Gewissen unterworfen. Praktisch heißt das: kein Ziel, keine Quote, kein Anreiz, in die eine oder andere Richtung zu beurteilen. Und es läuft auch andersherum, man befürwortet regelmäßig Dinge, die die Kasse so nicht auf dem Schirm hatte oder ablehnen wollte. Das fällt nach außen nur weniger auf, weil sich über eine Bewilligung niemand beschwert.
Umgekehrt geht es aber auch nicht darum, Geschenke zu verteilen. Manches ist schlicht gesetzlich so geregelt, dass es unter bestimmten Voraussetzungen zu leisten ist oder auch nicht. Ein Teil dieser Hürden ist rein formal und hat mit Medizin gar nichts zu tun: Wer sich eine Leistung erst selbst beschafft und sie hinterher beantragt, hat den vorgeschriebenen Beschaffungsweg nicht eingehalten, und daran scheitert es dann, unabhängig davon, wie sinnvoll die Sache medizinisch war. Sowas kann man als Gutachter nicht heilen. (Jetzt mal vereinfach mit ausgedrückt, natürlich gibt es Ausnahmen)
Der für mich wichtigste Punkt, den ich oben schon angerissen hatte: Die medizinische Bewertung und die Frage, ob die Kasse leisten MUSS, sind u.U. zwei verschiedene Dinge (je nach Begutachtungsgebiet, z.B. beim Off Label Use kann das so sein). „Medizinisch nachvollziehbar/plausibel, aber die Leistungsvoraussetzungen liegen formal nicht vor" ist eine durchaus übliche Aussage in einem Gutachten. Was die Kasse daraus macht, liegt dann bei ihr. Deshalb lohnt es sich wirklich, das Gutachten selbst zu lesen und nicht nur den Bescheid.
„Erfüllungsgehilfe des Gesetzgebers"
Das würde ich so nicht sagen, oder besser: dann sind wir es alle. Auch der Vertragsarzt bewegt sich in genau demselben Regelwerk, Wirtschaftlichkeitsgebot, G-BA-Richtlinien, Zulassungsrecht. Der Unterschied ist nicht, wer an die Regeln gebunden ist, sondern die Rolle: behandeln oder beurteilen. Die Regeln macht der MD nicht, er wendet sie auf den Einzelfall an.
Bzw er wendet das ärztlich-medizinische und das sozialmedizinisch-regulatorische Wissen an, um einen medizinischen dokumentierten Sachverhalt vor dem Hintergrund der Gesetze/Richtlinien einzuordnen.
Und zum Schluss: Dass du bei einigen dieser gesetzlichen Vorgaben Bauchschmerzen hast und deshalb lieber nicht beim MD arbeiten würdest, ist völlig legitim. Begutachten ist nicht Patientenversorgung, das muss einem liegen. Und wer das System grundsätzlich ablehnt, wird damit nicht glücklich. Für mich funktioniert der In-den-Spiegel-Seh-Test gerade deswegen: Ich kann in jedes Gutachten reinschreiben, was medizinisch und auch sozialmedizinisch Sache ist, auch wenn das „sozialmedizinische Ergebnis“ und die rein medizinische Sicht nicht übereinstimmen. Biegen muss ich dafür nichts.
Feuerblick
03.08.2026, 08:07
Unterschreibe ich vollständig so. Danke @Teevee!
Das Gerücht, der MD sei nur Erfüllungsgehilfe und bekomme von den Kassen eine Ablehnungsquote vorgeschrieben, hält sich hartnäckig, ist aber einfach totaler Unfug. Steht übrigens auch im Gesetz (§275 (5) SGB V).
Was viele Kollegen draußen nicht sehen, Gutachter aber sehr regelmäßig erfahren: Es werden teilweise hahnebüchene Therapien oder Diagnostik beantragt. Weit weg von allen Leitlinien, weit weg von allem, was wissenschaftlich nachvollziehbar wäre. Genauso wird bei Abrechnungen teilweise gelogen und höherkodiert, dass sich sämtliche Balken biegen. Da graust es selbst erfahrene Gutachter… Mindestens einmal pro Woche kommt so ein Auftrag, bei dem man „HÄH?????“ in vernünftige Worte fassen muss. Insofern ist eine kontrollierende Instanz durchaus vonnöten. Nicht nur, um das Gesundheitssystem nicht mit zusätzlichen sinnlosen Ausgaben zu belasten - auch zum Schutz der Patienten. Das verstehen Kollegen, die vernünftige Dinge tun und sinnvoll behandeln aber nicht, weil es (glücklicherweise) jenseits ihres Erfahrungshorizonts liegt. Sollte man aber mitdenken…
Es gibt übrigens ärztliche Leistungserbringer, die eindeutig die Regeln kennen (sind ja auch frei einsehbar für jeden), sich damit erkennbar beschäftigt haben und deshalb klug argumentieren und ihre Leistungen oft doch im Sinne der Versicherten durchbekommen. Es hilft also durchaus, dass man nach den Regeln spielt und weiß, was man bekommen kann und was halt nicht - und das seinen Patienten auch genau so sagt. Der Gutachter beim MD kann durchaus darlegen, wenn etwas medizinisch sinnvoll ist, die Vorgaben aber nicht erfüllt sind. Letztlich bestimmt aber ausschließlich (!) die Kasse, was sie bezahlen will. Ein MD-Gutachten ist nur eine Empfehlung.
@Cinnafly: Den Sozialmediziner darfst/musst du beim MD machen, bekommst das aber auch bezahlt. Facharzt reicht also - auch ein relativ frischer Facharzt. Gesucht werden immer Gutachter. Zumindest bei uns erreichen viele Altgediente das Rentenalter und deren Stellen werden frei. Zudem wird auch angesichts neuer Begutachtungsfelder und deutlich anspruchsvollerer Fragestellungen weiter Personal aufgestockt, um die Auftragsflut unter Kontrolle zu bekommen. Gerade die Psych-Fächer werden immer mehr gefragt. Insofern einfach mal bewerben und hospitieren. Manchmal ist gerade auch keine passende Stelle frei, man kann aber, so man einen guten Eindruck hinterlassen hat, darauf hoffen, dass sich im Verlauf etwas tut.
Ich würde aber, je nach Begutachtungsfeld, nicht unbedingt sagen, dass man konfliktfrei und entspannt arbeiten kann. In manchen Bereichen sind Ärzte und Versicherte schon krass drauf und werfen in Widersprüchen mit unflätigen Beleidigungen und Bedrohungen um sich. Und gerade ärztliche Kollegoiden sprechen einem gerne mal das Fachwissen ab. Das kann einem schon mal den Blutdruck hochtreiben. Aber immer noch besser, als Diskussionen Aug-in-Aug führen zu müssen.
Jukka666
03.08.2026, 14:32
Also ich persönlich kann nichts inhaltlich zur Arbeit beim MD beitragen, aber soviel aus eigener Erfahrung:
meine Frau hat es 6 Monate beim MD probiert und hat dann Reissaus genommen. Aus folgenden Gründen, für die der MD nicht unbedingt zu 100% was kann (wurde ja bereits thematisiert):
1-Es ist keine Patientenversorgung. Das muss man mögen. Wenn man also die Klinik aus Frust verlässt, aber nicht wegen der Medizin an sich, kann das enttäuschend sein.
2-Es gab zwar eine gute Einarbeitung, aber dennoch sind einige Dinge "mäh" gewesen:
- sie musste für die Einarbeitung zwingend 1,5h in die nächstgrößere Stadt, obwohl es in unserem Ort einen MD gibt, der dann sowieso ihre Hauptarbeitsstätte gewesen wäre..! Keine Chance. Obwohl dort dann alles nur Remote war, das hätte man auch von zuhause regeln können. d.h. sie ist hingependelt, um vorm Computer zu hocken..
3-es ist halt schon sehr "behördlich": Gleitzeit..hm...gehen, wenn man schnell gearbeitet hat? War Fehlanzeige. Sie musste sich zu Tode langweilen, weil sie ihr Aktensoll bereits z.T. vormittags fertig hatte, und das gewissenhaft. "Arbeiten Sie nicht so schnell" wurde ihr gesagt...Teilweise ging es um Minuten auf der Stechuhr. Überstunden waren dann wiederum ungern gesehen, sondern Kollegen haben den sagenumwobenen Stift fallen lassen...
4-Ihr Büro durfte sie nicht dekorieren, nicht mal Kleinigkeiten wie Bilder oder Schreibtischutensilien, sondern Kollegen teilten sich ja ein Büro und jeder hatte so eine Art Rollwagen mit persönlichen Dingen. Pflanzen waren verboten...
5-Z.t. musste sie völlig fachfremde Dinge wie Psych begutachten, egal ob sie es konnte oder nicht. War aber wenig Stress.
6-Z.T. wurde sie in ihrer eigenen Expertise (Reha/Physmed!) von älteren MD-Kollegen "korrigiert", die seit >30 Jahren beim MD sind und ehrlich gesagt von modernen Medizin NULL Ahnung mehr hatten, sie möge doch so und so entscheiden...Hanebüchene Methoden von anno dazumal wurden ins Rennen geworfen, wo meine Frau der Klinik Recht geben musste, weil das halt evidence based war. Ohne Witz: "EBM - was ist das?"... Einige der Kollegen dort sind Allgemeinmediziner, die eben seit Jahrzehnten beim MD waren...
Z.T. wurden korrekte orthopädische Methoden, wo sie sich auskannte, abgelehnt, "weil man doch solche Prothesen nicht einbaut"...war aber alles medizinisch richtig...
7-Ihr wurde versprochen, dass sie die ZB Sozialmedizin machen konnte. Sie hatte ALLES bis eben einen Teil der WB-Zeit. Als sie dann dort war, scheiterte es daran, dass der Befugte in Rente ging (das war bekannt!) und keine Befugnis mehr vorlag. Und die war sogar Standortgebunden....obwohl eh alles bzw. viel remote war.
8-Ihr wurde zugesagt, sie würde bei Patienten zuhause Begehungen machen, was ihr Spezialgebiet war (Rehaplanung/Prehab/Häusliches Umfeld etc.). Am Ende haben sie das aber den Ärzten weggenommen und es hat eine Pflegekraft gemacht, die einfach billiger war.
9-Homeoffice war für sie die ersten Monate tabu, erst nach 3 Monaten. Obwohl viel eh schon remote war in der Einarbeitung (wir reden von 2022).
Letzten Endes war ihr alles zu bürokratisch, wenig flexibel, sehr starr und zu langweilig.
Positiv war einigermaßen die Bezahlung, die Freundlichkeit, wenig "Druck" im Klinik-Sinne, nette Kollegen. Sie hat ein sehr gutes Zeugnis erhalten und der MD war ganz erstaunt, dass sie ging (O-Ton: "wir hatten selten so eine engagierte und fitte ärztliche Kollegin"...)...was auch was aussagt.
Eine Mitkollegin (FÄ für herzchirurgie) ist ebenfalls nach 6 Monate gegangen, sie hat fast nur Psych begutachtet.
Letzten Endes ist es nicht unbedingt ein MD-Problem, sondern man muss glaube ich selbst wissen, ob man in der richtigen Lebensphase dafür ist.
Ein ehemaliger Kollege von mir (Anästhesie) ist megahappy, Mitte 50, 1 Kind, nur Homeoffice. Er macht Klinikbegutachtungen und Intensiv.
Feuerblick
03.08.2026, 16:58
Da hatte sie einfach Pech und eine unflexible Abteilung erwischt. Ja, klar… Remote ging bei uns in 2022 auch erst, wenn die Einarbeitung durch war. Das konnten vier Wochen, aber auch vier Monate sein. Ist prinzipiell bis heute so.
Und ja, man muss durchaus auch fachfremd begutachten. Zumindest bei uns ist aber die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fachkollegen aus anderen Geschäftsbereichen sehr gut. Man kann jederzeit fragen, diskutieren und Dinge klären. Und wenn alle Stricke reißen, dann geht ein Auftrag an den Fachgutachter. Kann ich gut so sagen, weil ich zu den Exoten gehöre, die ständig angerufen werden. :-)) Natürlich kann ich auch jederzeit den passenden Facharzt oder das passende Expertenteam anrufen.
Wenn ich höre, dass jemand vormittags seine Arbeit schon erledigt hatte…. NEID! Bei uns rutscht eher immer was nach vom Arbeitsberg. Oder man kann den Kollegen was abnehmen. Die Zeiten der gepflegten Langeweile sind lange vorbei. Aber wenn man früher gehen möchte und Plus auf dem Konto hat - wer sollte einen davon abhalten, früher zu gehen? Ist Gleitzeit. FRAGEN muss ich niemanden. Ich kann, wenn ich denn unbedingt möchte, meinen Vorgesetzten davon in Kenntnis setzen. Mehr aber auch nicht.
Wie gesagt: Das war ganz offensichtlich der negative 6er im Lotto.
Aber in einem hast du recht: Wer gerne in der Patientenversorgung ist oder gerne Medizin „macht“, der sollte nicht aus Frust zum MD gehen. Das geht schief.
Ich mache gerade insofern indirekt positive Erfahrungen mit dem MD, als dass ich in einer strukturell und auch fachlich seit Jahren ziemlich verschlamperten Klinik Ordnung schaffe in Form effizienter und korrekter Doku bis zum letzten Tag und mit dem "bösen schwarzen Mann" aka MD drohe, der uns sonst die Einnahmen streicht, so dass wir pleite gehen.
Funktioniert zunehmend besser, bringt richtig Schwung in den Laden ;-) Das geschah, nachdem ich an MD-Fällen saß, die ich nicht zu verantworten habe, aber bei denen ich dem MD vollkommen recht geben musste, dass laut Doku (und leider auch tatsächlich) stationäre Verweildauern nicht zu rechtfertigen waren - wie übrigens viele Leistungen in meinem Gebiet nicht wirklich zu rechtfertigen sind.
An die MDler: Kann man das auch nebenberuflich machen, bisher sind mir immer nur Festanstellungsannoncen begegnet - warum, wenn doch (bes. Psych) so gesucht wird?
Cinnafly
03.08.2026, 20:46
Liebe alle,
ich würde gerne an dieser Stelle ein großes Danke loswerden. Ist nicht selbstverständlich, nach oder vor der Arbeit einer unbekannten Person Fragen zu beantworten. Die Einsatzgebiete klingen wirklich sehr vielfältig. Werde bei Gelegenheit mal nach Hospitationsmöglichkeiten Ausschau halten. Es sollten im Großraum München whrs. nicht die Möglichkeiten geben.
Schönen Abend!
Feuerblick
03.08.2026, 21:53
@rafiki: Ja, kann man. Ist nur nicht zwingend ausgeschrieben. Falls der MD in deiner Region auf seiner Homepage keine externen Gutachter sucht, einfach mal initiativ anfragen.
Zur Sache: Nicht nur in deinem Bereich krankt es oft an der Dokumentation und leider auch am Wissen um das, was man abrechnen kann. Komischerweise haben immer noch viele Abteilungen keine erfahrenen und gewieften Kodierfachkräfte, die auf sowas achten. Mir tut es immer in der Seele weh, wenn ich mangels Dokumentation Leistungen streichen muss. Das andere Extrem sind die, die seitenlange Prosa liefern. Dabei würden Stichworte und das passende Datum auch reichen. :-nix
Relaxometrie
04.08.2026, 13:31
Was viele Kollegen draußen nicht sehen, Gutachter aber sehr regelmäßig erfahren: Es werden teilweise hahnebüchene Therapien oder Diagnostik beantragt. Weit weg von allen Leitlinien, weit weg von allem, was wissenschaftlich nachvollziehbar wäre.
Kannst/ darfst Du Beispiele für solche Therapien und Diagnostik nennen?
Die Ablehnung von völlig weltfremden Therapien müsste doch eigentlich leicht sein, oder? "Steht nicht im Leistungskatalog der GKV/ der GBA hat es nicht genehmigt..........fertig". Oder ist eine Ablehnung von hahnebüchenden Dingen doch nicht so einfach, wie ich es mir vorstelle?
Es gibt übrigens ärztliche Leistungserbringer, die eindeutig die Regeln kennen (sind ja auch frei einsehbar für jeden), sich damit erkennbar beschäftigt haben und deshalb klug argumentieren und ihre Leistungen oft doch im Sinne der Versicherten durchbekommen. Es hilft also durchaus, dass man nach den Regeln spielt und weiß, was man bekommen kann und was halt nicht - und das seinen Patienten auch genau so sagt. Der Gutachter beim MD kann durchaus darlegen, wenn etwas medizinisch sinnvoll ist, die Vorgaben aber nicht erfüllt sind. Letztlich bestimmt aber ausschließlich (!) die Kasse, was sie bezahlen will. Ein MD-Gutachten ist nur eine Empfehlung.
Kannst Du bitte nochmal kurz sagen, welche Regeln das sind und wo man die nachlesen kann? SGB V ist klar....wo aber noch? Bestimmt gibt es da eine unüberschaubare Menge an Infos beim GBA. Aber vielleicht hast Du noch weitere Tipps für kurz zusammengefasste Quellen, oder auch für ausführlicherere.......hilft ja nichts: ich möchte mich nochmal damit beschäftigten, um sicherer darin zu werden, was auf GKV-Kosten machbar ist und was nicht.
Nicht falsch verstehen: ich suche keine Tipps, wie ich Dinge für meine Patienten in der Allgemeinmedizin erschleichen kann. Aber bessere Kenntnisse darüber, was geht und was man von vornherein gar nicht zu versuchen braucht, sind auf jeden Fall sinnvoll. Wobei ja bekannt sein müsste, dass ich für esoterischen Blödsinn eh kein Verständnis habe. Aber auch bei den "normal wirkenden Therapien" kann es ja mal sein, dass man von Patienten etwas vorgesetzt bekommt, was zunächst sinnvoll klingt, dann aber vom MD nicht befürwortet wird.
Feuerblick
04.08.2026, 15:34
Uff, das Ganze in Kurz runterzubrechen ist gar nicht mal so einfach. Ein paar kleine Tipps:
- Manche Begutachtungsanleitungen des Medizinischen Dienstes (z.B. Cannabis, Off-Label, NUB) kann man per Google finden. Viele davon sind öffentlich einsehbar. Es kann aber sein, dass die jeweils aktuelle Version noch nicht öffentlich ist, weil die noch in den Gremien kreist.
- Wissenswert ist sicherlich (das wissen viele Kollegen eben nicht), dass der EBM abschließend ist. Analogabrechnungen, wie in der GOÄ üblich, gibt es im EBM nicht. Nur exakt das, was im EBM unter den Ziffern als Leistungsinhalte drinsteht, kann abgerechnet werden. Nichts sonst. Auch nichts, was „fast genauso“ ist.
- Ansonsten gibt es natürlich und sehr wichtig §2 Abs. 1a SGB V, die Arzneimittelrichtlinie, die Hilfsmittelrichtlinie und die Richtlinie zu Methoden der vertragsärztlichen Versorgung. Findest du unproblematisch auf der GBA-Homepage.
- Bei „neuen“ Untersuchungs- und Behandlungsmethoden ist nicht relevant, ob die vielleicht uralt sind sondern nur, dass es keine GBA-Entscheidung und damit keine Abrechnungsmöglichkeit im vertraglichen Rahmen gibt.
- Bei konkreten Therapien, die man beantragen möchte, kann man mal nach Sozialgerichtsurteilen (bindend ist nur das BSG, aber LSG-Urteile bieten manchmal eine ganz gute Orientierung) suchen. Auch zu „lebensbedrohliche“ oder damit gleichzustellende Erkrankungen gibt es Urteile, die man suchen kann.
- Bei manchen schweren Erkrankungen kann man auch mal nachschauen/überlegen, ob man den Patienten irgendwo in der ASV nach §116 b SGB V (Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung) unterbringen kann. Manche Untersuchungen sind dort bereits „auf Kasse“ durchführbar. Die Richtlinie findet man auch beim GBA. Gleiches gilt für die Vorgängerregelung „alte Fassung“.
- Wichtig auch: Leitlinien sind nice to know, bedingen aber keine Leistungspflicht durch die GKV. Klar, Gutachter kennen die Leitlinien oder schauen rein (man hat nicht alles immer im Kopf), aber mehr als „medizinisch sinnvoll und leitliniengerecht“ kann man oft nicht schreiben.
Leider muss man sich den ganzen Kram einzeln zusammensuchen. Ein wirklich gutes Buch habe ich persönlich noch nirgends gefunden.
Nee, es ist leider nicht ganz so einfach, abstruse Therapieideen abzulehnen, denn man darf ja als Arzt gerne Off-Label verordnen oder „neue“ Untersuchungs/Behandlungsmethoden beantragen. Das ist alles nicht im Leistungskatalog, muss aber im Rahmen eines Gutachtens beurteilt werden. Ein Zweizeiler reicht da oft nicht aus.
Man kann auch komplett wilde Mengen an Medikamenten (z.B. auch Cannabis) verordnen. Oder Therapien durchführen wollen, die vielleicht im Leistungskatalog stünden, aber mit der Diagnose und den klinischen Befunden nichts zu tun haben. Oderoderoder. Die Skala ist (leider!) nach oben offen und einfach nur „nein“ sagen, zieht grundsätzlich einen Widerspruch (und Ärger mit der Qualisicherung) nach sich. Weil man das nicht will, muss man doch etwas Gehirnschmalz und ein paar Zeilen mehr investieren...
Die Begutachtungsleitfäden kann ich auch nur empfehlen. Klar, das ist keine kurze Lektüre in leichter Sprache, vor allem wenn man im Alltag nicht mit regulatorisch-sozialmedizinischen Dingen zu tun hat. Aber man muss sie ja nicht am Stück durcharbeiten. Wenn man sich erstmal die Flowcharts ansieht, um einen Überblick über die Prüfsystematik zu bekommen, und dann gezielt bei den Punkten nachliest, die den eigenen Fall betreffen, kommt man ganz gut durch.
Der praktische Nutzen ist mMn vor allem: Man sieht, anhand welcher Kriterien geprüft wird und was dafür belegt sein muss. Damit weiß man, worauf man beim Antrag eingehen sollte, statt zu raten, warum etwas abgelehnt wurde. Gerade beim Off-Label-Use sind die Voraussetzungen ja recht klar strukturiert.
Beachten sollte man aber wie gesagt auch: die rein medizinische Beurteilung und die formalen, sozialmedizinischen Voraussetzungen für eine Leistungspflicht sind oftmals zwei paar Schuhe. Gerade bei Off-Label-Medikation ist die z. B. zulassungsreife Datenlage (neben den weiteren Voraussetzungen, die hier relevant sind) eine hohe Hürde, bezogen auf die Leistungspflicht der GKV. Auch wenn die Leistung medizinisch gesehen sinnvoll ist, liegt es dann dennoch im Ermessen der Kasse, ob sie zahlt oder eben nicht.
(Es gibt auch besondere Konstellationen mit niedrigeren Anforderungen an die Evidenz, aber jede Möglichkeit durchzudeklinieren, führt hier im Forum zu weit)
Zum Finden: einfach mal nach „Begutachtungsleitfaden MD Off-Label" oder entsprechend mit „Methoden" suchen, dann kommen die öffentlich zugänglichen PDFs. Ergänzend lohnen sich für den Alltag (wie von Feuerblick bereits angesprochen) noch die Richtlinien des G-BA und beim Thema Arzneimittel die jeweilige Fachinformation. Die Richtlinien natürlich eher zum punktuellen Nachlesen als zum kompletten Durchkauen…
Relaxometrie
04.08.2026, 21:42
Vielen Dank für Eure ausführlichen Darstellungen, Feuerblick und Teevee. Wenn man das liest, könnte man glatt Lust darauf bekommen, beim MD zu arbeiten.
Wenn man natürlich die Erfahrungen von Jukka666s Frau liest, kann man nur davon rennen. Dort war es ja wirklich ein Bürokratiesumpf und die aktive Verweigerung der Mitarbeiter, up-to-date zu sein, in Kombination mit schlimmster Amtstubentristesse.
Das war mir jetzt doch alles ein bissl zu beschönigend, da muss ich nochmal nen kurzen Absatz schreiben.
Die Begutachtungsleitfäden sind super. Das sind die Handlungsempfehlungen für Gefäßchirurgen wenn man weiterhin Aorten machen will was man dem MD exakt vorlegen muss dass der das durchwinkt auch wenn man in Wirklichkeit die GBA-Vorgaben gar nicht erfüllt. Macht aber nix, da steht ja drin wie es trotzdem geht bzw. was genau nicht akzeptiert wird, also formuliert man es bissl anders und es wird in ganz Deutschland durchgewunken. Tatsache! Lief 2025 so in ganz D.
Ansonsten muss man halt aufpassen, wenn der Gutachter vom MD keine Ahnung hat dann stellt er teils völlig abstruse Mutmaßungen an die man ihm dann im Widerspruch um die Ohren haut. Und wenn es keine deutschen Leitlinien gibt dann wird halt behauptet es gäbe gar keine allgemeinen Empfehlungen zu der Erkrankung obwohl es europäische und niederländische Leitlinien gibt die genau die beantragte Therapie empfehlen. Selbst erlebt!
Und wenn man im Krankenhaus schwerst kranke Menschen einfach nach Abschluss der Therapie nicht losbekommt weil alle Heime mauern und überbelegt sind und der Patient mit MRSA oder hohem Gewicht grundsätzlich schwer vermittelbar ist, dann werden Überliegertage gekürzt weil es gab ja keinen medizinischen Grund mehr für den stationären Aufenthalt. Das ist auch richtig. Aber man kann die Patienten trotzdem nicht auf die Straße setzen. Und klar, der MD kürzt ja nicht. Der MD schreibt ja "nur" rein dass es keine medizinischen Gründe für den längeren Aufenthalt gab. Nein, medizinisch nicht. Pflegerisch + sozial + alles andere aber. Und natürlich hat dann der MD nicht die Entscheidung getroffen. Die Krankenkasse hat die Entscheidung getroffen auf Basis des klaren Gutachtens des MD. Und klar kann man dann dagegen klagen...
Also ich weiß nicht. Klar kann man sich hinstellen und sagen "wir treffen ja nicht die Entscheidungen, die Entscheidungen treffen die Krankenkassen, wir geben nur Empfehlungen ab". Aber die Krankenkassen lehnen dann halt ab und sagen "wir konnten ja gar nicht anders aufgrund dieser Empfehlung". Für mich kann sich da der MD nicht einfach rausstehlen. Und das ist mein Problem mit dem MD. Wenn ich Überliegertage kürze, jaja, nicht der MD, die KK, lassen wir diese Diskussion. Also wenn der MD empfiehlt Überliegertage zu streichen weil es keine medizinischen Gründe mehr gab dann steigt der Druck für blutige Entlassungen. Und das kann eigentlich nicht das Ziel sein!
Und ja, anderer Fall, man kann auch als MD sagen "mei, hätten die mir mal mehr Informationen gegeben". Klar. Kann man machen. Wenn die Patienten nicht vor einem sitzen und man für die eh keine tatsächliche Verantwortung übernimmt. Das ist immer die Diskrepanz auch in der Klinik zwischen bettenführenden Abteilungen und Dienstleistern. Die Radiologen stellen sich ja auch hin und sagen "diese Anforderung ist mir zu vage" und kein Radiologe schaut sich jemals die Patienten an und überprüft die Indikation anhand des Patienten. Da wird auch nur auf dem Papier gearbeitet.
Für mich ist der MD daher ein Dienstleister fern von Patienten den man als patientenbehandelnder Arzt auch ganz genau kontrollieren muss. Man muss sich sehr genau deren Gutachten durchlesen und Widersprüche schreiben oder eben sein Handeln an die Gutachten anpassen. Dann wird die Antibiose halt intravenös bis zum Entlasstag gegeben damit man künstlich einen Grund für den stationären Aufenthalt schafft, auch wenn der Grund eigentlich ein pflegerischer/sozialer ist. Oder man muss halt immer wieder Widersprüche schreiben wenn die entscheidenen Punkte nicht ausreichend gewürdigt wurden. Ich kann daher jedem nur dringend empfehlen sich das Gutachten des MD auch jedes Mal schicken zu lassen.
Und wenn ich schreibe "man muss auch in den Spiegel schauen können" dann meine ich genau das. Man ist zwar formal noch Arzt das hat aber mit dem Arzt-sein aus meiner Sicht nichts mehr zu tun und man wird daher zum patientenfernen Dienstleister der teilweise den patientenbehandeln Ärzten das Leben schwer macht. Manchmal berechtigt, manchmal unberechtigt. Aber vielleicht liegt da bei mir natürlich eine Verzerrung der Wahrnehmung vor weil ich nur die negativen Seiten mitbekomme.
Ein gewaltiges Problem ist, dass viel klinisch tätigen Menschen, nicht nur Ärzte, einfach nicht wissen oder es massiv verleugnen, dass sämtliche Ressourcen auf dieser Welt begrenzt sind und sie nicht deshalb, weil etwas evtl. dem ethisch Wertvollen (was das ist, wäre zu diskutieren) dient, endlos vorhanden sind oder sie in einer Gesellschaft endlos vorhanden gehalten werden müssen. Das ist sozialromantisches Irrealität, wie sie leider von einem großen politischen Spektrum immer noch und immer wieder propagiert wird - koste es, was es wolle. Und was - erstaunlicherweise - nicht zu einer immer weiter steigenden gesundheitlichen oder psychosozialen Stabilität führt - im Gegenteil eher zur Degeneration.
Dass es da eine Institution gibt, die die Solidargemeinschaft vor Unfug schützt, finde ich gar nicht so schlecht - auch wenn ich mich manchmal ärgere, dass irgendein aussortierter Chirurg versucht, Beurteilungen in meinem Gebiet vorzunehmen und mir Zeit raubt für die Gegenargumentation.
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