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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Operation geglückt, Patient tot



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Gichin_Funakoshi
12.03.2006, 21:30
Und das hat dir der Arzt persönlich gestanden?
Ich geh auf mein persönliches Beispiel nicht mehr so genau ein.
Als Objektiver Betrachter bin ich gegen Sterbehilfe, aber aus subjektivem Standpunkt kann ich es durchaus nachvollziehen...
Soviel von mir zu diesem Thema.

Sunshine*w
12.03.2006, 21:55
577,0 in Ungarn

:-(( :-((
Dann bin ich ja hier richtig :-oopss :-))

sorry fürs offtopic :-peng

BL4
13.03.2006, 18:33
Ok, ich werde jetzt mal sehr OT, aber es interessiert mich gerade brennend, wieso hier so viele gegen aktive sterbehilfe sind. Also nicht weil ich ihre meinung nicht akzeptieren würde, sonden einfach interessehalber.
Da will ich natürlich meine meinung zu dem thema nicht vorenthalten:

Ich hab zwar vielleicht nicht dieselbe erfahrung wie die leute hier, aber ich bin soweit ich das beurteilen kann für aktive sterbehilfe. Lasse mich gerne eines besseren belehren, auch finde ich es natürlich problematisch, wie man entscheiden will, ob und wann jemand nicht mehr will, weil es auf jeden fall vermessen ist, für jemand anderen (aus ärztlicher sicht) zu entscheiden. Naja, das is denke ich die grösste problematik an der geschichte, zumal der faktor, dass leute Euthanasie ausnutzen könnten nicht wesentlich ungefährlicher ist.
Ich kenne mich mit den Begebenheiten in holland zu schlecht aus, um darüber urteilen zu können.

Was mich sehr getroffen hat (und dazu brachte mich mit aktiver sterbehilfe "anzufreunden" war eine situation, die ich in meiner ausbildung erlebt habe: Ich war für 5 wochen bei einem ambulanten pflegedienst tätig, und ein patient war so dermaßen "kapputt", das mich das schon manchmal verzweifeln liess. Nur mal kurz: Schlaganfall mit anfang 60, inzwischen ist er seit fast 10 jahren bettlägerig, er kann fast gar nichts, hat ne peg, nen spk, kann nichts mehr ausser blinzeln, mit dem kopf nicken und ein wenig den rechten arm bewegen. Dieser mensch kriegt nun alle zwei oder drei monate seine Pneumonie, wo er extrem verschleimt ist, aber auch ansonsten ist er immer so verschleimt, dass wir ihn leider gottes fast bei jedem beusch absaugen mussten. Sein sohn hat sich nen dreck um ihn gekümmert (habe ihn in den 5 wochen kein einziges mal gesehen), seine frau war psychisch total am ende und konnte kaum für sich selbst sorgen, und wir trafen ihn dann meistens so an: extrem röchelnd, praktisch das ganze bett voller schleim in einem komplett dunklen raum, ohne fernseher oder radio, total verdreht in seinem bett. seine mimik und die laute, die er manchmal von sich gab, hatten - entschuldigt die wortwahl - nichts menschliches mehr an sich, wenn überhaupt tierisch. Er hatte zwei lumpige t-shirts, zwei pullover und zwei hosen und zu allem überfluss hatte dieser bemitleidenswerte mensch auch noch mrsa, an jeder erdenklichen körperstelle.

Nun, wir haben mehr als nur unser bestes gegeben (vor allem ein pfleger, der sich wirklich aufopfernd wie sein sohn um ihn gekümmert hat) bei diesem patienten.
Hab mich mit mehreren leuten unterhalten, die ihn kannten, und wir waren in diesem fall alle einig, dass aktive sterbehilfe in solchen fällen sinnvoll ist.
Also was ich mal als provokante these in den raum schmeissen will (also die fertigen ärzte jetzt mal aussen vor): Wer bisher gegen aktive sterbehilfe war, wird seine meinung ändern, sobald er eine woche lang so einen patienten pflegen muss und immer mitansieht, wie er dahinvegitiert. er hat ja noch nicht mal die kraft dafür, um es selber zu beenden.

Mehr will ich nicht mehr sagen, das reicht jetzt, ich würde nicht 10 jahre und wahrscheinlich noch länger so leben wollen, würdet ihr etwa? :-?


bl4

Doktor_No
13.03.2006, 18:40
ethische grenzfrage.
viele sind sicherlich zu schnell bei der hand (an der spritze etc.) mit aktiver sterbehilfe. ich frage mich: wer sind wir, dass wir uns teilweise anmassen zu entscheiden ob ein leben noch lebenswert ist oder nicht, und im umkehrschluss: wie oft machen wir einfach stumpf weiter max.-medizin, wo alles sinnlos ist.
ganz heikle frage...
aber hier noch ein kleines positivbeispiel: hatte eine patientin, simultanes colon- und ovarialcarcinom, bauchwandmetastasen, chemo hinter sich, jahrgang 61, dkfz heidelberg hielt sie für austherapiert, wurde bei uns in einer 8-stunden-op peritonektomiert (ich hab das cisplatin selbst 2 stunden gerührt!!!).
und: histo kam, alles raus, heute ist sie nach einem monat bei uns in die reha!
auf dem papier war die schon tot!!!!!

Werwolf
13.03.2006, 19:00
Sorry, das ist inkorrekt. Es geht bei der rechtlichen Diskussion um die Sterbehilfe um die Gesinnung, um die Intention des Arztes. Kurz vorweg: Aktive Sterbehilfe ist in D (zum Glück) verboten, aber sowohl indirekte als auch passive Sterbehilfe sind erlaubt. Indirekte Sterbehilfe bedeutet: Einsatz von Medikamenten zur Linderung von Beschwerden, die als Nebenwirkung die Lebensdauer verkürzen.

Also, kurz gesagt: Wenn ich Morphium gebe, um den Patienten schmerzfrei zu bekommen = legal. Gleiche Dosis Morphium, um den Patienten umzubringen = illegal. Diese Unterscheidung ist zurecht in der Kritik, weil sie voraussetzt, dass man zweifelsfrei die Intention des Arztes feststellt; das wird man nur sehr schwerlich können. Aber so ist momentan die rechtliche Situation in Deutschland.

OK, unsauber formuliert von mir. Merci für "Aufklärung". Wobei mir der Begriff "indirekte Sterbehilfe" nicht schmeckt. Sterbehilfe lehne ich ab. Punkt. Palliativmedizin befürworte ich. Daß es da eine Grauzone gibt, liegt in der Natur der Sache...
:-nix

BL4
13.03.2006, 19:05
wer sind wir, dass wir uns teilweise anmassen zu entscheiden ob ein leben noch lebenswert ist oder nicht

Diese Aussage lässt mich schon an meiner eigenen denkweise sehr stark zweifeln. :-nix :-nix :-nix

airmaria
13.03.2006, 19:27
ich frage mich: wer sind wir, dass wir uns teilweise anmassen zu entscheiden ob ein leben noch lebenswert ist oder nicht...

Diese Aussage lässt mich schon an meiner eigenen denkweise sehr stark zweifeln.

Man kann den Umkehrschluss auch noch anders formulieren:

Wer sind wir, dass wir andere Menschen qualvoll verrecken lassen, obwohl wir ihnen "helfen" könnten?

Mal ein ganz anderes Beispiel, vielleicht ein wenig off-topic, aber vielleicht plastischer und eindrücklicher (die beschäftigung hiermit mag vielleicht auch mit meiner Vergangenheit zusammen hängen ;-) ):
Kriegszeiten, wir (zumindest die meisten hier) haben sie glücklicherweise nicht erlebt, aber wir kennen all diese Szenen aus unzähligen Filmen:
Kamerad wird schwer verwundet, Verletzungen, welche mit dem Leben nicht mehr vereinbar sind, keine Sanis weit und breit, extreme Schmerzen, qualvolles Leiden:
wer hat sich da nicht schon mal in den Kinosessel verkrochen... und den finalen "Gnadenschuss" als Erlösung empfunden?

Zurück zur Medizin: ich persönlich denke, jeder ist als Verantwortlicher verpflichtet, in solchen Situationen eine Entscheidung zu fällen, dafür sind wir da... aber eben im Rahmen der Gesetzgebung, ggf. unter Ausnutzung der Grauzonen, was dann aber jeder mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren muss.
Natürlich kann sich diese Entscheidung ändern, wenn sich die Gesetzeslage ändert, was ganz simpel schon passieren kann, wenn man plötzlich in einem anderen Land arbeitet:
da kann all das, was man vorher für richtig empfunden hat, plötzlich völlig falsch sein.

"Mary" airmaria

GOMER
13.03.2006, 19:48
Eure Angst vor Morphin (offensichtlich speziell vor i.V.) gibt mir etwas zu denken. An meinem Heimatkrankenhaus ist Morphin gang und gäbe (nicht zuletzt aus Kostengründen), präklinisch Standart bei Lungenödem und Infarkt, in der ANÄ als Adjuvans bei schlecht sitzenden PDKs und Spinalen, im Aufwachraum und nicht zuletzt auf Intensiv, seitdem es bei uns kein Dipi mehr gibt wird das Zeug literweise verspritzt, längerfristig intesivpflitige Pat. bekommen Morphin als Antidepressivum. Zugegeben, ich weiß nicht, wie es auf Normalstation aussieht, wovon Ihr wahrscheinlich in erster Linie sprecht, aber ich find es gut und hab bisher kaum schlechte Erfahrungen gemacht.

Back to topic: Ich glaube das eigentliche Problem beim Tod auf dem Tisch ist nicht der Tod an sich, sondern, daß man die ganze Zeit danebensteht. Euch sterben ja täglich Pat. in schlechtem Zustand auf Station, man weiß "Zustand hat sich drastisch verschlechtert in den letzten Stunden, wer weiß ob er es noch über die Nacht schafft, machen wir noch was?". aber wenn man jemanden auf den Tisch gehievt hat, geht man im Normalfall ja davon aus, daß der Pat. auch wieder aufwacht (Notfälle mal ausser Acht gelassen), deshalb denke ich (mir isses noch nie passiert, hab auch schon etliche Stunden im OP verbracht), das die Geschichte so dramatisch ist, es passiert so selten (zumindest so weit ich das beurteilen kann) und man ist eben die ganze Zeit dabei, der Zustand verschlechtert sich nicht innerhalb von Tagen oder Stunden sondern in wenigen Minuten.

Evil
13.03.2006, 20:08
Ich finde, man darf Morphin nicht einfach als Todesengel sehen, gerade als Anästhesist. Unsere Aufgabe als Arzt ist es, den Patienten vor Schmerzen zu bewahren, so gut es geht.
Das heißt für mich, daß ich die Schmerztherapie nicht anders gestalte, egal ob der therapeutische Ansatz jetzt kurativ oder palliativ ist.

Was ich in den genannten Grauzonen machen würde... nun, das kann man nur im Einzelfall entscheiden, dafür gibt es kein Rezept...

surfsmurf
13.03.2006, 21:53
es interessiert mich gerade brennend, wieso hier so viele gegen aktive sterbehilfe sind. Darauf will ich gerne antworten, hoffend, dass airmaria nicht böse ist, dass wir "ihren" Thread teilweise etwas zweckentfremden. Argumente gegen die aktive Sterbehilfe:

1. Fehlbarkeit menschlichen Wissens. Die vermeintlich infauste Prognose kann (wie bei DoktorNo) sich als nicht infaust herausstellen.
2. Moralische Verantwortung des Arztes im Sinne des "primum non nocere". Das Arzt-Patienten-Verhältnis könnte sich fundamental verändern, wenn Ärzte auch "Todesengel" sein könnten.
3. Die schon genannte Schwierigkeit "lebenswertes Leben" als Außenstehender zu normieren. Außerdem die generelle Unverfügbarkeit menschlichesn Lebens.
4. Emotionaler Notstand ist ein schlechter Ratgeber. Derselbe Patient kann morgens nach der Todesspritze fragen, aber am Nachmittag wieder sehr lebensfroh sein.
5. Eventueller Druck von außen, explizit oder implizit. Schon jetzt ist für viele Patienten der Wunsch, "den Angehörigen nicht zur Last fallen zu wollen" ziemlich groß. Wie groß wird er sein, wenn aktive Sterbehilfe erlaubt ist?
6. Gute Alternativen. Gerade die Entwicklung des Hospizsystems und der Palliativmedizin sind in meinen Augen eine gute Antwort auf den Wunsch nach Sterbehilfe. Denn in diesen Bereichen wird relativ selten der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert (jedenfalls, was ich so gehört habe).
7. Das berühmte Dammbruch-Argument: Wenn wir aktive Sterbehilfe erlauben, setzen wir damit einen unaufhaltsamen Prozess in Gang. Beispiel NL: Hier diskutiert man inzwischen ernsthaft darüber, ob Einsamkeit oder Depression nicht auch Indikationen für Sterbehilfe sein könnten.

Damit man mich nicht falsch versteht: Es gibt auch gute Argumente für aktive Sterbehilfe (z.B. das von airmaria, das ich in etwas abgewandelter Form auch schon öfter gelesen habe und durchaus schlüssig finde). Zudem bin ich absolut kein Anhänger des "Lebens um jeden Preis". Dennoch: Ich halte aktive Sterbehilfe nicht für den Königsweg. Im Endeffekt muss jeder sich dazu eine informierte Meinung bilden, denn die Entscheidungen müssen wir (zukünftigen) Ärzte später tragen.....

alex1
15.03.2006, 11:00
Sicherlich ist das verboten, aber trotzdem ist es in der Realität zumindest nicht ungewöhnlich. Denn soviel ich weiß, kann es schonmal ab einer gewissen Dosis zum Tod kommen. Wenn der Arzt also einfach ein bisschen mehr gibt und es noch in einem bestimmten Toleranzbereich liegt, wird man dem Arzt sehr schwer etwas nachweisen können, oder irre ich mich?

Die Grenze WIEVIEL Morphin ZUVIEL Morphin ist, ist sehr schwierig zu definieren.
Es gibt durchaus Patienten, die mit einem Morphin Perfusor auf 6 mg/h durchaus happy sind und mit der Sättigung bei 90% bleiben. Und es gibt welche die bei 2 mg/h, mit der Sättigung nach unten rauschen.
Prinzipiell ist die Morphin-Gabe auch in moderat hohen Dosen nicht kontraindiziert, wenn der Patient leidet.
Eine sehr interessante Indikation für Morphin (die auch die Absurdität von was aktive und passive Sterbehilfe deutlich macht) ist die Morphin-Gabe bei Atemnot bei präfinalen Patienten.
Tja, was ist wohl die Unterdrückung der Atemzentrums mit Morphin bei jemandem der Atemnot hat und präfinal ist?
Eine symptombezogene Therapie.
Bevor man die hochdosierte Gabe von Morphin verteufelt und denkt daß nur irgendwelche psychisch gestörte Pfleger es tun, sollte man schauen wer es noch gemacht hat: Sigmund Freud (an sich selbst).

Natürlich ist Morphin als Sterbehilfe verboten. Ist es aber nicht so, daß jeden Tag viele Menschen durch Morphin Gaben (die symptombezogen zur Beschwerdenlinderung lediglich gegeben werden) eher die Reise ins Jenseits antreten, als wenn die keine Schmerzen hätten.
Ich denke ein Patient der gerade stirbt, ein paar Stunden früher streben wird, wenn er keine Schmerzen spürt und wenn gerade sein Atemzentrum nicht gerade sein Zwerchfell peitsch, um mehr Sauerstoff in den Kreislauf zu pumpen.

Ich denke es gibt kein Weiß oder Schwarz in dieser Diskussion. 10 mg Morphin i.v. sind keine 80mval Kalium i.v. (im Schuss), aber sie sind nicht gerade auch 10ml NaCl 0,9% i.v.
Versteht ihr was ich meine?

Medusi
07.04.2006, 14:26
Die ersten Antworten habe ich noch gelesen, die Weiteren überflogen, die Letzten ignoriert - mal wieder viel zu viele Themen in einem Beitrag, aber normal - das Eine zieht das Andere nach ....

Erstmal finde ich schön, dass Viele, die mich vor über vier Jahren durchs Physikum meines Mannes begleitet haben, es geschafft haben und nun praktizierende Ärzte sind - Glückwunsch !

Einige Gedanken, die ich beim Lesen dieses Beitrages hatte:
Ein liebevoller Blick auf Mary - die Erkenntniss, dass ihr nicht alles heilen könnt schmerzt am meisten, wenn es bei der Operation passiert, haben wir bei Samuel Shem gelernt .... Das Ego ist getroffen, wie ein verlorenes Spiel .... wer verliert schon gerne.
Selbstzweifel, nicht alles getan zu haben, Trost von Kollegen, Mitmenschen, ... hilft alles nichts, die Zweifel bleiben.
Das Alter und die Anamnese des Patienten .... tröstlich, aber zweifelhaft. Wir selektieren doch nicht und Euthanasie ist gefährlich.
Wer sind wir, uns mit dem bischen wissenschaftlicher Erkenntnisse der letzten 100 Jahre über die millionenjahre alte Geschichte des Lebens zu stellen ? Leben wird und vergeht. Wir haben manchmal die Chance das Vegehen zu verschieben. Aber etwas so Komplexes und Sensibles wie den menschlichen Körper .... muss man akzeptieren lernen, dass er eben nicht unkaputtbar ist.
Simplifiziert, aber vielleicht hilfts. Mit der Zeit wirst du lernen damit umzugehen. Es ist hilfreich, sich mit dem Thema zu beschäftigen, je mehr es belastet, umso mehr zu lesen, zu reden - letztlich hilft aber nur die eigene praktische Erfahrung - es immer wieder zu erleben und immer wieder zu bearbeiten, zu verarbeiten. Mutig von dir, es hier zu schreiben - ein guter Schritt - fühl dich geknuddelt ;-)

Turnusknecht
20.06.2006, 19:24
Wenn ich meinen Beitrag zu Morphium beisteuern kann...(ich gestehe, die letzten Seiten hab ich eher überflogen, falls ich also etwas doppelt sag, ned bös sein)bin zwar kein Anästhesist, leider noch nicht Internist, sondern nur kleiner Turnusarzt, aber mit doch 2 jahren praktischer erfahrung als stationsarzt (Patientengut ist bis auf die hno ja überall gleich):

Mein Mentor pflegte über Vendal folgendes Statement abzugeben: God´s own drug.

Und dem kann ich nur beipflichten.

Es ist ein tolles Schmerzmittel, v.a. für die Interne. Starke Schmerzzustände, verbunden mit Unruhe, Todesangst und Dyspnoe (ja, auch, und v.a. beim exazerbierten COPDler - unter gewissen Kautelen)....."Vendal wirkt phänomenal"
Sicher, im Schuss reingelassen, kann es einen Atemstillstand provozieren...das kann das "harmlose" Dipi aber auch. Subkutangabe ist eher ungefährlich..es kann aber sein, daß man z.b. ausgebrannte, kachektische Patienten damit ziemlich eindümpfelt (kann ja aber auch erwünscht sein)....übrigens eine unangenehme und nicht ausser Acht zu lassende NW von "Schmerzpflastern" wie Durogesic etc.

Bzgl. Umschwenken auf Palliativmedizin. Ich finde, es sollte und darf nie ein Thema sein, die Schmerztherapie davon abhängig zu machen, ob jemand kurativ oder palliativ behandelt wird. Wenn jemand ordentlich Schmerzen hat (also ned nur ein bissel Knieweh oder Lumbago), dann kriegt er auch was ordentliches, nämlich sein Dipi, bzw. sein Vendal. Das muss man ja nicht auf einmal geben, ich geb´s gerne fraktioniert in einer Kurzinfusion. So kann der Patient auch selber ein wenig mitbestimmen (sicher ein nicht unwesentliches psychologisches Elemnt). Ahja, und solange er übrigens Schmerzen hat, kriegt er auch keinen Atemstillstand. Gefährlich wirds meiner meinung nach nur, wenn man unkontrolliert reinschüttet.

medineu
20.06.2006, 19:55
Ja ja, das "harmlose" Dipi. Nach der dritten Woche arbeiten als Anfänger, einer der ersten Nachtdienste: Pat. mit US- Fraktur. Zwei Apullen Dipi darf sie haben ( laut 1. Dienst). Hat sie auch gekriegt, und zwar von mir :-oopss . Schmerzen waren weg :-) . Leider mußte ich die Pat. Stunden lang wach halten, wobei mir selber nicht mehr nach wach sein zu mute war :-(( .
Seit dem lese ich lieber über Dosis nach, als mich zu verlassen...

Evil
20.06.2006, 20:03
30mg Dipi sind aber auch wirklich eine ganze Menge! Ich hatte bisher noch keinen Patienten, der soviel auf einmal gekriegt hat (zugegebenermaßen bin ich aber auch selten in der Schmerzambulanz, wo die Pat mit chronischen Schmerzen behandelt werden).

calippo
08.07.2006, 18:23
naja,
mal eine kleine anmerkung/statement oder was auch immer aus meiner erfahrung von der "anderen seite", nämlich als patient.
unfall-/gelenkchirurgisch postoperativ nach bankart-op, kapselshift und versorgung der gerissenen gr. bizepssehne... also schmerzen ohne ende. es war teilweise so schlimm, dass ich mich kaum getraut habe zu atmen, weil einfach alles wehgetan hat.
der oa der anästhese hatte postoperativ einmal mo angeordnet, danach dipi. problem bei dipi war allerdings, die emesis immer nach exakt 3 min... :-)
auf station kam ich mir dann auch wirklich verarscht vor, denn maßnahme des damals wirklich unqualifizierten pflegepersonals, nachdem ich nach dem chef verlangt hatte, war wirklich ein witz!!! 3x tägl. 20 tropfen novalgin! wenn ich mich dann beschwerte, gabs trotzdem dipi. nach der hämatemesis, die dann nicht ausblieb, konnten sie dann doch noch den oa holen, der nur perfalgan und ibu 600 verordnete. das waren wirklich drei/vier tage reinste verarsche und analgetisches ausprobieren, bis der chef den kram mitbekam und tilidin verordnete. ab da war das leben dann doch noch erträglich :-top .

bezüglich der oben angeführten diskussion, keine ahnung, wie ich das später machen werde, aber sicherlich mo-/opioidtoleranter, als meine assis auf station :-)
möglicherweise war es bei denen auch die "scheu" so potente analgetika einzusetzen, aber die sollten doch wissen, wie sich so ´ne schulter anfühlt...
oder?!

v.a. an die anä´s: es kann doch nicht "normal" sein, dass man, nachdem festgestellt wurde, dass mindestens dipi notwendig war, ohne absprache mit nem arzt auf novalgin zurückgreift!?

naja, egal, wünsch euch nen schönen abend!

Hellequin
08.07.2006, 18:37
v.a. an die anä´s: es kann doch nicht "normal" sein, dass man, nachdem festgestellt wurde, dass mindestens dipi notwendig war, ohne absprache mit nem arzt auf novalgin zurückgreift!?

Eigentlich gibt das Pflegepersonal überhaupt keine Medikamente ohne das es eine schriftliche Anweisung gibt. Von daher ist es schon sehr wahrscheinlich, das es da eine betreffende ärztliche Anweisung gab.

calippo
08.07.2006, 22:20
Eigentlich gibt das Pflegepersonal überhaupt keine Medikamente ohne das es eine schriftliche Anweisung gibt.

hehe, ja ich wei0, aber die betonung liegt auf "eigentlich" :-)
weißt du womit die das begründet haben?
wir dürfen ihnen paracetamol und novalgin so geben, aber es ist kein arzt zu erreichen... nehmen sie das novalgin...
- ja aber das hilft doch gar nicht... -
ja, wir haben jetzt keinen arzt (obwohl ich denen das seit morgens gesagt hab)

tja und irgendwann nachts spritzt die mir tatsächlich dipi (das stand ja in der akte) - pech gehabt! :-)

Turnusknecht
09.07.2006, 09:40
hmmm.......und auf den gedanken dipi und paspertin glzt. zu geben, ist keiner gekommen?

oder voltaren iv? ist ja auch ein sehr probates mittelchen...

Sackbauer
09.07.2006, 16:08
Also zu der Diskussion muss ich jetzt mal meine Sichtweise aus UK beisteuern:

Bei uns bekommen die meisten Patienten bei z.B: Abdominal-Tumor-Chirurgie intraoperativ einen Epiduralkatheter gelegt, der postoperativ auf der Station dann mE ein Segen ist.

Orale Standardanalgesie hier ist 1gm Paracetamol/6h (ev. auch iv./pr), ev. zuzueglich Diclofenac 50mg/8h oder Ibuprofen 400mg/4-6h, manchmal auch Codein 30-60mg/4h. Paracetamol und Ibuprofen kombiniert mit einer Epiduralanaesthesie, die ca. 3-4 postoperative Tage laeuft sind fuer 99% der Patienten hier ausreichend. Nach diesem Zeitraum wird der Epiduralkatheter entfernt und bei Bedarf auf eine Morphin-PCA (2mg/5-10min lockout) umgestellt.

Auf jeder britischen "Drug-Chart" gibt es eine sogenannte "prn"-Seite, d.h. Medikamente die (bestimmte dafuer trainierte) Schwestern bei Bedarf (nach ihrem eigenen Gutduenken) geben koennen, ohne einen Arzt fragen zu muessen. Dazu gehoert standardmaessig eine orale Morphin-Loesung (10-20mg/2h), ein Antiemetikum (Cyclizin 50mg/8h im/iv) und Morphin-Sulphat (5-10mg/4h i.m.).

Metamizol (Novalgin) ist ausser in Oesterreich/Deutschland/Schweden und Suedafrika mW nirgendwo mehr zugelassen, Dipidolor gibts hier in UK auch net.

Palliativ-Analgesie hier ist Diamorphin s.c., z.B: als Startdosis bei Opiat-naiven-Patienten 7.5mg/24h per s.c.-Perfusor. Wirkt meiner Erfahrung nach exzellent (und die Patienten sterben mE oft meist innerhalb 24h :( in Frieden).


Noch ein kleiner Nachtrag zu Morphin iv: Ich hatte unlaengst chirurgischen Nachtdienst und wurde in die Notaufnahme zu einer 25jaehrigen Patientin gerufen, die sich bei einem Sturz aufgrund eines Blackouts den Oberschenkelhals gebrochen hatte. Das Problem an der Geschichte war ihr Typ-I-Diabetes, mit ALLEN moeglichen Komplikationen die man sich nur so vorstellen kann, bzw. ein Harrison hergibt. Diabetische Gastroparese, intestinale Motilitaetsstoerungen (Octreotid-abh.), schwerste diabetische Polyneuropathie (Morphin-Dauertherapie wegen Schmerzen), schwerste Retinopathie (auf einem Auge nahezu blind), diabetische Nephropathie, schwere autonome diabetische Neuropathie (Ruhetachykardie von 100)...... Ihre 3 Krankenakten waren zusammen ca. 30-40cm hoch, und die Entlassungsdiagnosen der diabetischen Abteilung untereinander aufgelistet fast eine halbe Seite lang. Zu allem Ueberfluss war sie erst 5 Tage zuvor nach einem 6-woechigen Krankenhausaufenthalt wegen unerklaerlicher Synkopen, die extensivst, jedoch ergebnislos abgeklaert wurden, entlassen worden.
Nun gut, da liegt sie also nun vor mir, trotz Entonox vor Schmerzen schreiend. Nach iv Paracetamol, iv Diclofenac, iv Morphin war es ca. 3h nach Aufnahme moeglich, sie auf ein Extensionsbett umzulagern und auf die Ortho-Station zu verlegen, wo sie am naechsten Morgen operiert werden sollte. Die Applikation eines Extensionsgewichtes war wieder extrem schmerzhaft, sodass ich ihr ueber eineinhalb Stunden 12mg Morphin iv (in jeweils 3mg Boli) verabreicht habe. Selbstverstaendlich unter SaO2/RR-Kontrolle, voellig kreislaufstabil, SaO2>97% unter 3L O2. Nach Anlegen dieses Gewichtes verbleiben wir noch ca. 10min mit der Patientin, kehren jedoch dann nach getaner Arbeit (2h morgens) zum Schwesternstuetzpunkt zurueck, wo ich meine Dokumentation schreibe. Gluecklicherweise geht eine Schwester ca. 2min spaeter nochmals zurueck zur Patientin und findet diese in Atem/?Kreislaufstillstand vor. Nach extensivem Notfallcheck (10 Jahre Erfahrung als Sanitaeter) - ich war ueberzeugt, dass sie "nur" einen Atemstillstand hat und einen Puls haben MUSSTE - konnte ich jedoch keinen Carotispuls tasten und wir haben das Herzalarmteam gerufen. Ein angelegter Defi diagnostiziert einen nicht-schockbaren Rhythmus und waehrend eines Intubationsversuchs meinerseits beginnt die Patientin ploetzlich wieder zu husten. Der herbeigerufene Med-Reg gibt 400mcg Naloxon, dass die Patientin zwar wieder zu Bewusstsein bringt, jedoch auch mein Morphin antagonisiert, sodass der Anaesthesie-Reg notfallmaessig einen inguinalen Leitungsblock legen musste.

Retrospektiv gesehen muss die Patientin durch ihre autonome diabetische Neuropathie eine ploetzliche massive Bradykardie erlitten haben, die in einem inpalpablen Karotispuls resultiert hat. Ob mein iv Morphin (12mg ueber 1.5h sind nun wirklich net die Welt, ausserdem hatte sie 3h vorher schon in der Notaufnahme die gleiche Menge ohne Komplikationen) dazu was beigetragen hat, weiss ich bis heute net. Nachher hab ich erfahren, dass sie aehnliche Episonden schon vorher hatte, und auch postoperativ auf der CCU noch einige Male aehnliche Faxen gemacht hat, die das Herzalarmteam auf Trab gehalten haben.