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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Andere Länder, andere Sitten?!



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RS-USER-schmoelzi
30.10.2003, 20:41
Original geschrieben von nordlicht
Die gefahr besteht mehr darin, daß die Religionen wieder große Teile ihrer alten Macht zurückgewinnen.

Ich seh das ganze nicht als Gefahr. Jeder soll soviel glauben wie er will, wenn jemand gläubig ist, dann soll er das auch ausleben. Solange natürlich nicht mit Gewalt missioniert wird (da sind jetzt nicht die Kreuzzüge und Hunnenverfolgungen gemeint, sondern auch die Moslems auf dem Weg nach Spanien, uvm.).

Ich für meinen Teil halt mich eher an liberte egalite fraternite als an den christlichen Glauben, aber das muss jeder selbst entscheiden.

RS-USER-nordlicht
30.10.2003, 21:05
Ok, das Wort Gefahr war schlecht gewählt, bezog sich auf die aktuellen Ereignisse.
:rolleyes:

:peace:

RS-USER-DerDings
30.10.2003, 21:13
Original geschrieben von DerBlinde
Hinrichtungen gib es auch in den USA - und die sind auch ein Medienspektakel... ;)


das habe ich weiter oben auch schon erwähnt - meine weiteren ausführungen beziehen sich auf mitteleuropa, "meine moralvorstellungen" - ich vergleiche ja auch nicht chinesische oder japanische moralvorstellungen mit denen in den islamischen ländern...


zur USA - die moral darin ist sicher zu bezweifeln (von meinem standpunkt aus) aber ich glaube das das - wie du sagst - mehr ein medienspektakel als wirkliches gerechtigkeitsempfinden ist. die meisten würden wohl von einer anwesenheit bei einer hinrichtung, v.a. bei einer enthauptung, erhängen, erschiessen abschrecken - die giftspritze nimmt dem akt ja das bedrohliche, die "zuschauer" erleben keinen todesfall, nicht das auslöschen eines lebens, sondern einen menschen der auf einem bett liegt und einschläft - auch wenn das wissen um sein ableben das ist, fehlt der visuelle reiz dazu. das ist nicht zu vergleichen mt einer jubelnden masse die auf dem marktplatz den henker feiert der einem dieb gerade den kopf abgeschlagen hat !

RS-USER-DerDings
30.10.2003, 21:22
Original geschrieben von nordlicht
Hmm, ich frage mich gerade, welche der 10 Gebote unseren westlichen Moralvorstellungen" wiedersprechen oder im Umkehrschluß: Ich denke die Christliche Religion hat sehr wohl einen Einfluß auf die Moralvorstellungen in der westlichen welt.


die 10 gebote haben sicher das moralische denken in unserer kultur geprägt, wurden aber von neuen werten, die sich nicht auf gott berufen, sondern auf menschlichen empfindungen beruhen abgelöst.
die 10 gebote sind mehr richtlinien für ein paradisisches leben auf erden, im grunde das selbe wie Kant's kategorischer imperativ. darauf berufen sich auch anarchisten wie bakunin - diese richtlinien haben aber nichts mit der realität zu tun (siehe ehebruch).
die moral einer gesellschaft sind die grundpfeiler, das BAK die das zusammenleben miteinander erträglich machen, bei uns also: recht auf freiheit, gleichberechtigung, leben...

dinge wie stehlen sind auch nicht gern gesehen und streng moralisch zu verurteilen, die hemmschwelle dazu ist (je nach wertgegenstand) aber gering weshalb ich das nicht zur moral eines volkes hinzuzählen würde, wenigstens nicht primär...

Reanimator
31.10.2003, 07:48
Vermische bitte nicht Religions-"Gesetze" mit philosophischen Größen, bitte bitte nicht!

Kants Imperativ? Der sagt "Es gibt nichts, was uneingeschränkt als gut zu bezeichnen wäre als allein ein guter Wille!"

Wenn ich jetzt den guten Willen habe, eine Frau aus der Hölle eines prügelnden, versoffenen Ehemannes zu erlösen?
Was jetzt?
Widersprich mir, Philosophie fehlt mir hier eh ein wenig...
:mad:

RS-USER-Rippenspreizer
31.10.2003, 12:25
Hammer!

Kants Imperativ - ich bin erschüttert. Trekker, Du wertest das Rippenspreizer.Forum in einem nicht mehr kalkulierbaren Maße auf!
Ich freue mich wirklich, das mit diesem Threat mal ganz gesellschaftskritische und kontroverse Themen angeschnitten wurden. Die durchschnittliche Beitragsgrösse beträgt über 600 Zeichen und das ist für das Rippenspreizer.Forum (leider) ungewöhnlich...

Also, Trekker - bereichere uns weiter mit Deinen Anstössen. Und alle anderen: Sapere aude!

Gruss, Daniel

DerBlinde
31.10.2003, 12:44
Sry, Daniel, aber Kant's kategorischer Imperativ wurde ursprünglich vom Dings eingeworfen ;) :-p Tut mir leid, Trekker... ;)
OK, angefangen haben wir mit Anschlägen auf das RK, gelandet sind wir bei einer philosophisch angehauchten Diskussion über "Gut" und "Böse". Warum auch nicht.
Ich finde es gut, wenn in einer solchen Diskussion auch anerkannte Philosophen zitiert werden. Aber ich teile nicht uneingeschränkt Kant's Meinung in diesem Fall. Warum? Weil seine Aussage einer grundlegenden Definition entbehrt. Um auch den guten Willen als gut bezeichnen zu können, muß ich erst "gut" definieren. Das ist ein altes Problem der Philosophie und von gemeintschaftlichen Lebensformen überhaupt.
Deswegen werden die Werte, die zur Definition von "Gut" oder "Böse" notwendig sind, von einer Gemeinschaft bestimmt. Diese Wertedefinition macht meist das Zusamenleben erst möglich.
Schon die einfachsten Gruppen bei Schimpansen haben solche Werte (z.B. protestiert die Gruppe heftigst wenn ein Alphatier ein "ungezogenes" Jungtier zu brutal maßregelt).

Ohne eine Übereinkunft darüber, welche Handlungen vor der Gesellschaft als tragbar (gut) und welche als untragbar (schlecht) gelten, kann keine Gemeinschaft funktionieren.

Der - nur theoretisch vorstellbare - Verzicht auf jedwelches Urteil ob der Handlung von jemandem, würde in achselzuckendes Akzeptieren jeder Handlung münden - was auch schon wieder eine Wertung darstellt, denn Akzeptanz heisst eine Handlung als "nicht schlecht genug um einzugreifen" zu beurteilen.

Insofern finde ich, ist Kant ein gewaltiger Fehler unterlaufen. Denn er legt dem Attribut "gut" den guten Willen des Individuums zugrunde, während meiner Ansicht nach "gut" ein Komglomerat von Ansichten (und sicher auch Interessen) einer Gesellschaftsform ist, also auf einem Ideen- und Vorstellungspool basiert.

RS-USER-fruehgriller
31.10.2003, 13:56
Habt ihr schon mal jemanden kennengelernt, der streng nach den 10 Geboten und der Bibel lebt??? So richtig mit allen Konsequenzen???

Ich mache jede Wette mit Euch, das derjenige genauso Fanatisch & brutal ist wie die anhänger anderer Religionen, deren Gesellschaft wir als unmenschlich, brutal usw empfinden.

Auge um Auge, Zahn um Zahn stammt aus der Bibel.
Sicher auch Wange hinhalten für den 2.Schlag, aber solche Stellen gibt es im Koran bestimmt auch.

Wenn unsere Rechtsprechung auf der Bibel basieren würde, wären die Scheiterhaufen heute bestimmt noch in Betrieb.

Ich muß Daniel recht geben, wenn er sagt, das durch Humanismus und die Aufklärung der Gesellschaft bei uns viel erreicht wurde. Das wäre auch ein Ansatz, um die mit recht nicht als menschenwürdig bezeichneten Strafen und Handlungen in anderen Religionen zu ändern.

Aber warum steht die dortige Bevölkerung nicht auf, un d wehrt sich??
Weil es wegen mangelndem wissen vom großteil der dortigen Bevölkerung akzeptiert wird. Deshalb.

Also liegt der Lösungsansatz nicht in Philosophischen Diskussionen (sorry) sondern darin, der Bevölkerung in anderen Ländern nötiges Wissen näher zu bringen.

Am besten ohne Gewalt, aber über einheimische, sich noch in der minderheit befindliche humanistisch eingestellte Lehrer und Lehrerinnen.

Wer gebildet ist, ist für Gewalt, Rassismus, und für Charismatische Unheilbringende Führer weniger anfällig.Das ist bekannt.

RS-USER-Obelix
31.10.2003, 14:39
Original geschrieben von fruehgriller
Also liegt der Lösungsansatz nicht in Philosophischen Diskussionen (sorry) sondern darin, der Bevölkerung in anderen Ländern nötiges Wissen näher zu bringen.

Am besten ohne Gewalt, aber über einheimische, sich noch in der minderheit befindliche humanistisch eingestellte Lehrer und Lehrerinnen.

Wer gebildet ist, ist für Gewalt, Rassismus, und für Charismatische Unheilbringende Führer weniger anfällig.Das ist bekannt.

Jetzt misch ich mich auch mal in die Diskussion ein. Aufklärung schön und gut. Aber das Motto "Gebt den Leuten das Wissen und sie werden eine wunderbare GEsellschaft aufbauen" haut nicht hin. (Aufmerksame Beobachter werden einwerfen, daß ich in einem anderen Thread für absolute freie Informationsweitergabe plädiert habe und ich mir hier scheinbar widerspreche. Jedoch bezog sich dies an dortiger Stelle auf unsere heutige Gesellschaft)
Aber ich glaub irgendwelche Eingeborenenstämme sind lange Zeit mit ihrer jeweiligen Lebensweise sehr gut gefahren, bevor der weiße Mann auf sie stieß. Auch wenn diese Lebensweise als grausam aus unserer Sicht erscheint und derStamm/das Volk einem Häuptling unterworfen ist hat diese Lebensweise den Erhalt des Stammes/Volk meist besser gesichert, als jegliche humanistische Bildung.
Es ist sehr schwer eine Bevölkerung in die Moderne zu führen und dabei nicht die Tradition unter den Tisch fallen zu lassen. Welche Probleme dabei auftreten kann man zum Beispiel bei den Eskimos beobachten.

DerBlinde
31.10.2003, 16:14
Bei einer Diskussion über Humanismus sollte man sich im Klaren sein, daß es einen Unterschied zwischen dem von Cicero beschriebenen „humanitas“ und dem Begriff des „Humanismus“, wie er in der Postmoderne nach dem zweiten Weltkrieg verwendet wird, gibt.

Martin Heidegger hat zu Beispiel nach dem II. WK einen Brief geschrieben, der als „Brief über den Humanismus“ bekannt wurde. Bemerkenswerter Weise wird in diesem Brief der Humanismus, der den Mensch als Wertbegriff in den Mittelpunkt allen Denkens stellt, als grundlegende Ursache geschichtlicher und gesellschaftlicher Fehltritte angesehen. Dieser Humanismus begründe „die Unterjochung alles Seienden unter die Herrschaft des Menschen“ und führe so zur Seinsvergessenheit.
Sloterdijk greif diese Humanismuskritik Heideggers auf und schreibt: „Bücher, so hat der Dichter Jean Paul einmal bemerkt, sind dickere Briefe an Freunde. Mit diesem Satz hat er Wesen und Funktion des Humanismus quintessentiell und anmutig beim Namen genannt:Er ist freundschaftstiftende Telekommunikation im Medium der Schrift. Was von den Tagen Ciceros an humanitas heißt, gehört im engsten und im weitesten Sinne zu den Folgen der Alphabetisierung.” (Sloterdijk,ebda.) Daraus folgert er weiter: ”Man könnte somit das allen Humanismen zugrundeliegende kommunitarische Phantasma auf das Modell einer literarischen Gesellschaft zurückführen, in der die Beteiligten durch kanonische Lektüren ihre gemeinsame Liebe zu inspirierenden Absendern entdecken. Im Kern des so verstandenen Humanismus entdecken wir eine Sekten- oder Club-Phantasie- den Traum von der schicksalhaften Solidarität derer, die dazu auserwählt sind, lesen zu können..”(Sloterdijk,ebda). „Die Humanisierten sind zunächst nicht mehr als die Sekte der Alphabetisierten, und wie in vielen anderen Sekten treten auch in dieser expansionistische und universalistische Projekte an den Tag. Wo der Alphabetismus phantastisch und unbescheiden wurde, dort entstand die grammatische oder litterale Mystik, die Kabbala, die davon schwärmt, Einsicht in die Schreibweisen des Weltverfassers zu nehmen .”(Sloterdijk in: DIE ZEIT, Nr.38, 16.September 1999)

RS-USER-Rippenspreizer
31.10.2003, 17:40
Original geschrieben von Obelix
...kann man zum Beispiel bei den Eskimos beobachten.
Sorry, dies ist der einzige politisch korrekte Threat bei Rippenspreizer, da muss ich einfach diese Bezeichnung korrigieren: "Eskimo" ist eine herabwürdende Bezeichung der nordamerikanischen Native People (massgeblich angehörend dem Stamm der Inuit) und diese wollen sich zu Recht nicht "Eskimo" schimpfen lassen, weil das nämlich soviel wie "Rohfleischfresser" heisst.

:-p Ich weiss, darum ging es Dir jetzt gar nicht @Obelix, aber ich musste an dieser Stelle einfach mal den politisch Korrekten spielen. Und klugscheissen...

Gruss, Daniel

DerBlinde
31.10.2003, 19:14
Original geschrieben von fruehgriller
...Ich muß Daniel recht geben, wenn er sagt, das durch Humanismus und die Aufklärung der Gesellschaft bei uns viel erreicht wurde. Das wäre auch ein Ansatz, um die mit recht nicht als menschenwürdig bezeichneten Strafen und Handlungen in anderen Religionen zu ändern.

Aber warum steht die dortige Bevölkerung nicht auf, un d wehrt sich??
Weil es wegen mangelndem wissen vom großteil der dortigen Bevölkerung akzeptiert wird. Deshalb.

Also liegt der Lösungsansatz nicht in Philosophischen Diskussionen (sorry) sondern darin, der Bevölkerung in anderen Ländern nötiges Wissen näher zu bringen.

Am besten ohne Gewalt, aber über einheimische, sich noch in der minderheit befindliche humanistisch eingestellte Lehrer und Lehrerinnen.

Wer gebildet ist, ist für Gewalt, Rassismus, und für Charismatische Unheilbringende Führer weniger anfällig.Das ist bekannt.


Das ist entsprechend der Aufklärungsdefinition und -forderung von Kant.
Ich wiederhole mal kurz seine Kernaussagen:
Aufklärung = Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
Unmündigkeit = Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, z.B. eines Autors (Buch), eines Priesters, eines Arztes etc.
selbstverschuldet = wenn dies nicht aus Unvermögen geschieht, sondern aus Mangel an Mut und Entschlußkraft, aus Faulheit, Bequemlichkeit und Feigheit
Die Autoritäten im politischen und gesellschaftlichen Bereich sorgen dafür, daß viele den Schritt in die Mündigkeit nicht nur für mühsam, sondern sogar für gefährlich halten. Die Aufklärung tut sich schwer, weil die Unmündigkeit vielen zur zweiten Natur geworden ist

Wenn man diese Aussagen zugrunde legt, muß man gezwungener Maßen zugeben, ein Großteil der mitteleuropäischen Bevölkerung ist nach wie vor unmündig. Weil sie nicht in der Lage, meiner Ansicht nach meist zu bequem und zu faul, sind sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Aktuelle Beispiele gibt es täglich zuhauf.
Unterstützt wird dies zudem durch gewisse Formen von Zensur und gesellschaftlichen Druck. Äussere ich eine Meinung, die nicht konform des Sermons der breiten Masse ist, werde ich geächtet oder habe gar staatliche Repressalien zu fürchten. Somit hüllt sich unsere Gesellschaft zwar gern in das Mäntelchen des mordernen Humanismus und der Aufklärung, ist in ihrer Ausprägung aber annähernd genauso totalitär, wie die Gesellschaft zu Lebzeiten Kants (1724-1804).
Ich persönlich habe keine Probleme, gesellschaftliche "Spielregeln" anzuerkennen und mich daran zu halten. Es ist aber heuchlerisch, sich dieser zu bedienen, um Andersdenkende aus ihrer vermeintlichen Unmündigkeit zu befreien. Vermeintlich, weil ich durch subjektive Wahrnehmung nicht in der Lage bin, deren Prämissen allumfassend zu erkennen.

(So, ich hoffe, ich habe genügend "Brennstoff" für weitere heiße Diskussionen gelifert! ;) :D)

Reanimator
31.10.2003, 20:29
Also, zuerstmal: Ich werte das jetzt einfach als ernstgemeinten Beitrag ohne Ironie und Sarkasmus, deshalb ein

danke Daniel

für das Kompliment! :D

Wobei ich der Meinung bin, zu hoch gelobt zu werden...:cool:

@derBlinde: Ich habe viel von Kant gelesen und ungefähr 30-40% auch verstanden :rolleyes: deshalb bleibe ich dabei, daß er damit Recht hat. Natürlich unterscheiden sich Moralvorstellungen und Kulturen und und und - deshalb kann man nicht alle(s) über einen Kamm scheren.
Aber wenn ich einen guten Willen habe, habe ich den - punkt.

DerBlinde
31.10.2003, 21:16
Original geschrieben von Trekker
...Aber wenn ich einen guten Willen habe, habe ich den - punkt.

Aber das ist doch genau der Knackpunkt.
Die Frage stellt sich zwangsläufig. Ist Deine Wille immernoch gut, wenn er für Dein Umfeld schlecht ist?! Ist ein guter Wille nur, was Dir zugute kommt, nur Deiner Umwelt zugute kommt, beiden nützt oder einem nützt und dem anderen schadet? Und wer oder was bestimmt den Nutzen/Schaden oder stellt ihn fest.
Das Problem ist doch, daß versucht wird eine Argumentationskette aufzubauen, die sich auf eine offen gelassene Definition beruft.

Ghoose
31.10.2003, 22:25
ich glaube, ich möchte mich jetzt doch auch mal einmischen. Ich finde die verschiedenen Standpunkte sehr interessant, die hier vertreten werden, aber bei ein oder zwei Dingen kann ich nicht stillsitzen. sry.

Worauf fusst diese Diskussion eigentlich? Doch entweder auf der Grundlage, dass Informationen über Menschen anderer Kulturen, ihre Lebensweisen und auch die Interaktionen mit unserer Kultur in uns verschiedene Reaktionen auslösen, oder nicht?

Wenn ich mich jetzt hinstelle und sage, ich finde, die Umstände und Bedingungen, unter denen diese Menschen (wo ist primär mal egal), über die ich Kenntnis genommen habe, falsch, oder "nicht gut" oder nicht "human", fallen mir spontan nur zwei Gründe ein, weshalb ich als Angehöriger einer anderen Kultur und damit auch einer anderen Gesellschaft mit eigenen Werten und Normen überhaupt das RECHT haben könnte (im humanistischen Sinne), diese zu kritisieren:

Entweder ich fühle mich oder meine Kultur bedroht, was der Definition (je nach Auslegung, nichts für Ungut, Blinder) über Gut und Böse in Hinsicht auf das Individuum und seine Soziale Bezugsgruppe, über die es sich und seine Normen und Werte nun mal identifiziert und definiert, entsprechen würde, und hat damit eine vermeindliche moralische Motivation, auf die "Bedrohung" (ganz im provokativen Sinne) zu reagieren...

Oder ich wende meine kulturell verankerten Wertvorstellungen (was ja auch völlig legitim ist, da sich die gesamten Sozialen Interaktionen zwischen uns auf dieser Basis abspielt und für eine funktionierende Gesellschaft sorgt) an und vergleiche meine Grundbedürfnisse und die Grundbedürfnisse meiner Gesellschaft (hier ist mit Gesellschaft das soziale Gefüge gemeint, das mein Individuum definiert) mit der Situation anderer Individuen aus einer anderen Kultur.
Dies mag zur Folge haben, dass emotionale Reaktionen in mir hervorgerufen werden. Diese reichen (man siehe alleine nur in diesem thread) von Empörung, Mitleid, Ärger, Angst u.s.w über Teilnahmslosigkeit (eine ganauso akzeptable emotionale Reaktion im Rahmen der "sozialen Wahrnehmung" bis hin zu Zustimmung, Verständnis.

Ein Punkt dieser Diskussion scheint zu sein, dass ein vermeindlicher Missstand einer anderen Kultur mit "Aufklärung" oder "Wissensvermittlung" beseitigt werden soll.

Was meiner Meinung nach dabei völlig ausser Acht gelassen wird, ist, dass möglicherweise eine "Aufklärung" der vielleicht durchaus sehr schlecht gebildeten Menschen nicht unbedingt kompatibel sein muss. Ich meine damit, dass dabei verschiedene Problem auftauchen:

1.Ist die Aufklärung und damit zwangsweise auch die Vermittlung christlicher/westlicher Normen und Werte nicht eine Indoktrination einer fremden Kultur?
2.Verursacht die Anpassung an westliche Lebens- und Gesundheitsstandarts nicht gleichzeitig eine Übermittlung westlicher, also "fremder" Lebensweisen und damit eine mögliche Verdrängung und Zerstörung der eigenen Traditionen und Normen???
3.Woher soll ich wissen, dass eine Veränderung eines mehr oder weniger funktionierendem Systems dieses nicht völlig instabil werden lässt?
4.Wenn ich in einer Nicht-Industrie-Gesellschaft Voraussetzungen schaffen will, die meinen humanistischen Anforderungen entsprechen, ist es nicht damit getan, den Leuten mein Wissen über "was ist richtig und was ist falsch" zu vermitteln. Ich habe auch dafür zu sorgen, dass die nötig eInfrastruktur zur Verbesserung der Situation bereitzustellen. Ich kann nicht jemandem die "Augen öffnen" für sein -meiner Meinung nach- benachteiligtes Leben, und ihn dann in der Depressioni der Erkenntniss verhungern lassen. (das ist jetzt sehr provokativ!)

Ein sehr engagierter Entwicklungshelfer hat einmal gesagt: Wenn all die armen Menschen wüssten, wie gut es uns im Verhältniss zu ihnen geht, und dazu auch noch, wie man dies ändern könnte, ständen sie übermorgen an unserer Haustür und würden klingeln."

Fazit ist, ich bin sicher ein überzeugter Menschenfreund und bereit, auch mich für die Grundbedürfnisse einzusetzen, verstehe mich keiner falsch!
Aber ich finde es anmassend, als Mitglied einer fremden Kultur mit anderen Lebensstandarts, eine Soziale Gesellschaft, eine Kultur, Geschichte, Tradition und individuelle Definition in Frage zu stellen, indem ich diesen Menschen aus meiner Wertvorstellung heraus vorschreibe (und das tun wir) was richtig und falsch ist.
Das ist eine Grundsatzdiskussion. Dabei geht es nicht darum, kranken, gefolterten oder verhungernden Menschen nicht zu helfen. Sondern darum, ob wir das Recht haben, darüber zu urteilen, ob jemand richtig oder falsch handelt.

Ich möchte nur fragen, ob man auch immer hilft, oder nicht noch mehr Schaden anrichtet, auch wenn es aus einer "guten" Motivation heraus geschied. Es gibt nicht nur Körperliche Gewalt. Auch die Zerstörung sozialer Werte und damit die Vernichtung der Definitionsgrundlagen jedes Individuums kann Gewalt sein.

So. ist etwas länger geworden, als ich wollte. sry.

DerBlinde
01.11.2003, 01:48
Ghoose, ich pflichte Dir in vielen Punkten bei. Doch versuchen wir beide fast die selben Inhalte zu vermitteln. Du argumentierst überwiegend mit handfesten Beispielen, ich hatte aufgrund der Entwicklung dieses Thread den philosophischen Ansatz gewählt. Unsere Standpunkte sind sich letztendlich sehr nahe.

RS-USER-DerDings
01.11.2003, 07:18
Original geschrieben von Trekker
Vermische bitte nicht Religions-"Gesetze" mit philosophischen Größen, bitte bitte nicht!


sorry trekker, aber Kant's kategorischer Imperativ lautet wörtlich :

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde


also: was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu !!! ist eine ableitung des gebotes da dem neuen testament nach Jesus seinen jüngern verkündete (die genaue formulierung der bibel entzieht sich meiner kenntnis"

kannste gerne nachschlagen.

nicht mit religiösen geboten vermischen ??? DOCH !!! NATÜRLICH !!! darum geht es ja ! die religiösen motivbe haben unsere moralvorstellungen geprägt, welche heutzutage aber nicht mehr religiös belegt werden, sondern mit philosophischem gedankengut wie eben dem kant'schen kategorieschen imperativ !!!!!!!!!!

Reanimator
01.11.2003, 15:03
Also 1.) Kants k.Imperativ ist wesentlich länger und inhaltsreicher als 1 oder 2 zitierte Sätze, und verstehen kann man glaub ich eh nur die Gesamtheit der Dinge.
Jeder Depp weiß, daß "Gott ist tot" von Nietsche stammt, aber kaum einer weiß, daß es eigentlich weitergeht mit "und wir haben ihn getötet". Soviel nur dazu...

2.) Ich bin Buddhist und missbillige vieles was die Kirche hier veranstaltet und veranstaltet hat. Was sie heute machen ist ungefähr das selbe wie wenn Onkel Dagobert den Klingelbeutel rumgehenlassen würde. Aus diesem Grund habe ich noch NIE Kirchensteuer gezahlt, auch schon bevor es mit Buddha ernst wurde. :D ;)
Da wird der (ich sag´s jetzt einfach mal) tumben Masse suggeriert, daß der Pfarrer ihnen ihre Sünden vergeben kann, natürlich im Namen Gottes und natürlich gegen Preziosen.
Aber muss ich nur weil ich nicht die Religion der meisten hier teile mich schämen? Ich denke nein.
Muss ich mich gegen die Kirche wehren? Auch nicht, warum denn? Sie tun MIR persönlich ja nichts.
Aber ein Glaubenssystem, das auf 2 sich inhaltlich absolut widersprechenden Büchern beruht, kann ich halt nicht.......annehmen, praktizieren, GLAUBEN :rolleyes:
Es gibt ja den Witz "Wieso heißt es wenn ich mit Gott spreche Gebet und wenn Gott mit mir spricht Psychose?" - weil Gott m.E. noch mit niemandem gesprochen hat, nicht einmal mit dem Papst!

Aber soll doch jeder machen was er will, solange er damit nicht andere schädigt! Im Prinzip ist jede Glaubensrichtung besser und begrüßenswerter als Nihilismus et. al. :D
Diese Einstellung mit der Negation aller Moral und Ethik ist doch das eigentliche Problem...
:peace:

RS-USER-DerDings
01.11.2003, 18:14
@Trekker
das kants werke sicherlich länger ist glabue ich gerne, mir wurde die grundaussage des kat.impp aber wie oben beigebracht...

ich will jetzt nicht wieder eine religiöse diskussion anfangen, das haben wir schon woanders und über den buddhismus würde ich mich gerne mal mit dir unterhalten, aber lieber bei einem gemütlichen zusammensitzen, würde mich echt interessieren !

RS-USER-fruehgriller
01.11.2003, 20:00
@ Ghoose

Da kann ich dir zu deinem Post nur voll und gans äh ganz zustimmen.

Das verdeutlicht nochmals, was icxh mit meinem Post einige Seiten zuvor aussagen wollte.