Anmelden

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zwischenfall am Badesee



Seiten : [1] 2

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 12:39
Mal wieder ein Fallbeispiel von mir. Eines vorweg - es werden einige von aussen bedingte Komplikationen eintreten, die es auch in Wirklichkeit so gab, also nicht wundern.

Ihr seit mit einer Jugendfreizeit an einem Badesee in Österreich Kanufahren. Es herrschen ca. 25°C Ausstemperatur und ca. 20°C Wassertemperatur. Die Kinder sind allesamt im Wasser schwimmen gewesen, als auf der Rückfahrt von einer Insel zum Anleger ein Boot kentert. Die Kinder sind alle mit Schwimmwesten gesichert, so dass die Kinder schwimmend das Ufer erreichen. Sie sind ca. 10 Minuten im Wasser. Dann wird das Kanu wieder umgedreht und die Gruppe verbringt noch weitere 10 Minuten auf dem Wasser bis sie an den Anleger kommt.

Nachdem die Boote verstaut sind (weitere 10. min) kommen ein paar Kinder angerannt und meinen, dass eines der Mädchen aus dem Boot so komisch atmet und zittert.

An medizienischen Material habt ihr den Autoverbandkasten zur Verfügung.

Was nu?

RS-USER-emergency doc
24.10.2007, 12:43
Oha... also dann lass ich mich mal zu dem Mädchen bringen und guck erstmal, was die hat... Autoverbandskasten lass ich im Auto...

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 12:45
Es steht etwas verkrampft da zittert am ganzen Körper und atmet sehr schnell.

RS-USER-emergency doc
24.10.2007, 12:53
"Wa ist denn los Susi?" (Ich geh mal davon aus, daß die so heisst :) )...
Handtuch um die Schultern legen und "sich kümmern"...
Mehr kann ich ja im Moment eh nicht machen...

RS-USER-Rettungsente
24.10.2007, 13:07
Nun natürlich noch die nassen Sachen ausziehen mit Decke/ Rettungsdecke zudecken & etwas warmes zum Trinken organisieren lassen (Tee + Zucker)
Wie ist denn Ihr Zustand sonst? Fühlt sie sich kalt an, ist sie zyanotisch, verzögerte Nagelbettdurchblutung? Bekannte Erkrankungen?

Beachbaer82
24.10.2007, 13:12
Ich gehe mit und schau mir Susi* mal an...
Auf Grund der niedrigen Wassertemperatur denk ich schon mal heimlich im Hinterkopf an eine evtl. Unterkühlung.

Ich versuche die "psychische Erste Hilfe" in dem ich ruhig auf sie einrede und frage was los ist.

Ich werde ihr auf jeden Fall raten etwas langsamer zu Atmen ( ggf. auch mal vormachen ) um eine Hyperventilation zu vermeiden.

Sollte sie schon ein Kribbeln im Gesicht od. den Extremitäten schildern werde ich jemanden los schicken eine Tüte zu holen.

Ist in der Nähe eine gewärmte Stelle ( ein Haus, Hütte o.ä. )? Auch 25° sind bei Nässe zu kühl...

Sind Vorerkrankungen bekannt? Eine Hypervetilation schon gehabt?

Puls und Atem kann man auch OHNE Verbandkasten prüfen...

RS-USER-emergency doc
24.10.2007, 13:33
Wie alt ist das Kind eigentlich?

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 13:57
so, war gerade Mittagessen.

Das Kind ist 12 Jahre alt, hat trockene Badeklamotten an, da diese zwischenzeitlich getrocknet sind.

Was warmes zu trinken ist nicht, da es keine Möglichekit gibt, dort etwas zu bekommen, die reataurants und Cafes haben Saisonpause.

Talkodown ist eine gute Idee, bringt aber nichts, sie steigert sich in eine Hyperventliation rein, positiver Nebeneffekt, sie hört auf zu zittern, da alle Kraft in die Atmung geht. Wärmeerhaltung wird mit drei grossen Handdtüchern stehend durchgeführt, da das Mädel sich partout nicht setzen oder legen will.

Tüte ist vorhanden und wird auch benutzt, bringt aber keine Verbesserung.

Beachbaer82
24.10.2007, 14:05
Nun,

wenn Talkdown und eine Rückatmung mittels Tüte keine Wirkung zeigen.
Wenn wir keine Infos über weitere Vorerkrankungen, akute Stressabfrage etc bekommen.
Wenn wir vor Ort keine sicheren Ausschlüsse von Unterkühlung, Hyperventilation etc. erreichen dann bedarf es rettungsdienstlicher Unterstützung oder den eigenständigen Transport in ein nahegelegenes KH wo Mittel zur Verfügung stehen um zB SpO² zu messen, ggf. medikamentöse Therapie und kontrollierte Auswärmung.

Gibt es Anzeichen für andere Ursachen dieser Situationen?

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 14:10
Vorerkrankungen sind von den Eltern nicht angegeben worden. In anbetracht der Tatsache, dass zu dem Zeitpunkt noch ca. 45 andere Kinder aussen rum stehen, werden diese mit dem vorhandenen Reisebus zurück zum Hotel gefahren, während vier Betreuer bei dem Kind vor Ort bleiben.

Da das Kind keine andere Haltung ausser der stehenden akzeptiert und so also auch nicht an einen Kliniktransport im VW Bus in Frage kommt wird über die 144 ein RTW angefordert. Dieser kommt aus der nächsten Stadt innerhalb von 25 Minuten angefahren, da alle anderen Rettungsmittel unterwegs sind.

Was werden die drei Sanitäter jetzt unternehmen?

Während der Wartezeit wird das Kind weiterhin mit der Tüte zur Rückatmung überredet, es stellt sich aber keine Besserung ein.

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 14:13
Fassen wir also den zeitlichen Ablauf schon mal zusammer:

Minute:

0 Kentern
10 Erreichen des Ufers, Boot wieder klarmachen
20 Erreichen des Anlegeplatzes
30 Beginn der Hyperventilation
35-40 Notruf
65 Ankunft RTW

Beachbaer82
24.10.2007, 14:16
25 Min ist OK - hätte auch keinen dringenden Transport bestellt...

In der Zeit weiter Talkdown und Wäremeerhalt - mit Pausen weiter versuchen die Tüte anzuwenden wenn es die Symptomatik verlangt.

Wäre ich nun an der Stelle der Kollegen im RTW dann würde die Patientin in den RTW gebracht und ihr eine Lagerung nach Wunsch auf Trage oder Stuhl angeboten. Heizung an bzw. auf die Temperatur achten.

Neben den Standarts wir HF, RR, SpO² ein Monitoring und BZ. Natürlich auch die Temperatur.

Sollte es einfach nicht besser sein und kein weiterer Anhaltspunkt für etwas anderes als Hyperventilation deuten, dann würde ich schauen: Wie lange zum KH oder wie lange bis Notarzt bzgl. medikamentöser Therapie.

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 14:21
25 Minuten war die Anfahrt mit SoSi.

Die RTW Besatzung führt zuerst die schon eingeleiteten Maßnahmen weiter, misst lediglich den RR, der mit 120 recht normal ist.

BZ dürfen die glaube ich auch gar nicht messen, wenn ich mich an einige D<->AT Diskussionen zurückerinner.

nach weiteren 10 Minuten entscheiden sich die Sanitäter das Mädel in der RTW zu legen und den ortsansässigen Hausarzt dazuzufordern, der gerade einen anderen Notafall mit Heli am anderen Ende des Sees beendet hat. Dieser erscheint weiteren fünf Minuten.

Was soll der Doc machen?

RS-USER-Pyro
24.10.2007, 14:23
Das die kleine Susi sich nicht hinsetzen möchte macht mich stutzig.

Hat sie sich beim Kentern den irgendwo gestoßen?

Was ergibt den ein Body-Check? Bauch? Thorax? Kopf?

Haben wir eine Möglichkeit zum Puls noch einen Blutdruck zu bekommen?

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 14:24
Original geschrieben von Pyro
Das die kleine Susi sich nicht hinsetzen möchte macht mich stutzig.

Hat sie sich beim Kentern den irgendwo gestoßen?

Was ergibt den ein Body-Check? Bauch? Thorax? Kopf?

Haben wir eine Möglichkeit zum Puls noch einen Blutdruck zu bekommen?

Bodycheck: ob
Puls etwas schwach und schnell, aber gut tastbar.

Beachbaer82
24.10.2007, 14:27
Kerle Hoffi... jetzt aber ;)

Die haben also weder Temp., BZ, HF, SpO² noch EKG gemacht?

Ich will mich nicht endgültig für die Hyperventilation entscheiden, wenn ich die Werte nicht habe...

Sollte auch der hinzukommende Arzt eine Hyperventilation vermuten dann würde sich ein i.V.-Zugang anbieten.

Als Medikation würde ich ( ich bin ja als RA net befugt es zu nuten ) Dormicum vorschlagen. Hat gegenüber dem Diazepam ( Valium ) eine geringere Halbwertszeit.
Als initial Dosis 1mg. Da es sich paradox entwickeln kann ( also noch schlimmer werdend ) oder eben atemdepressiv wirkt ( als Benzo ) schön langsam.

An eine Intubationsbereitschaft ist zu denken - vorbereiten würde ich sie aber noch net. Das ganze natürlich unter vollem Monitoring.

In den 35 Minuten von Beginn bis Eintreffen RTW immernoch keine Idee, was Auslöser sein könnte???

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 14:52
So,

weder Temp noch BZ, HF, SpO2 noch EKG, richtig.

Man hat auch im Moment keine Idee was der Auslöser sein könnte. Derweil schleicht die Besitzerin des Sees um den RTW und versucht auch diesen zu entern, wird dann aber freundlich aber bestimmt von der Besatzung vertrieben.

Der Arzt entscheidet sich für einen venösen Zugang und die Gabe von Dormicum. Nur leider scheint er sich nicht wirklich mit der Dosierung auskennen, da das Mädel (12 Jahre, 40kg) daraufhin tief und fest einschläft und auch nicht mehr erweckbar ist.

Der Doc wird etwas nervös und entscheidet sich für einen Kliniktransport, den er aber nicht begleiten will. Der RTW anscheinend auch nicht, da dieser sich entschliesst die ZV zu betätigen. Motor läuft, Schlüssel steckt, Fahrer- und Beifahrertür, sowie Durchreiche sind verschlossen, Ersatzschlüssel sind ca. 40 Min bei normaler Fahrt weg.

Und nu?

RS-USER-DoktorW
24.10.2007, 14:56
im Patientenraum war aber jemand (außer dem Patienten)?

Beachbaer82
24.10.2007, 14:58
Original geschrieben von Hoffi
Und nu?

Vergeben wir der Besatzung ihren Preis:
"Helden der Dummheit"!!!


Nun - doof!

Zum Einen ist es vielleicht unglücklich die Besitzerin einfach so weg zu schicken. Vielleich hätte sie Infos gehabt die ( meine Phantasie ist groß ) wichtig gewesen sein könnten.

Nun den Ersatzschlüssel würde ich nun dringend bestellen - ebenso einen Notarzt weil - Z.n. HAUSARZT!
So einen Doc kann ich net gebrauchen.

Es ist der Moment wo ich nun wirklich auf engmaschinges KOMPLETTES Monitoring dränge.
Die Patientin bekommt ( je nach Atemsuffizienz und Sp0² ) Sauerstoff. Lagerung dem Bewusstsein entsprechend.
Intubation, Absaugbereitschaft herstellen!

RS-USER-Hoffi
24.10.2007, 15:00
Original geschrieben von DoktorW
im Patientenraum war aber jemand (außer dem Patienten)?

Ja, Pat, 3 Sanitäter und ein hektischer Hausarzt.