Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Anästhesie - kleine Sinnkrise
//stefan
12.09.2012, 12:46
Nicht der Job an sich ist Ausschalggebend für die Motivation und das Verhalten gegenüber den Kollegen, sonder die Motivation des Menschen selbst. Das hört sich jetzt geschwollen an, ist aber m.M. nach das worauf es ankommt, die eigene Motivation mit der man sich an die tägliche Arbeit macht.
Ich habe jetzt 3 Jahre als Anästhesiepfleger gearbeitet und meine Motivation war es nicht, einfach nur wie ein dressierter Affe dem Doc all das anzureichen, was er wollte. Ich wollte ihm sein Arbeitszeug so exakt und zum richtigen Zeitpunk anreichen, dass man mitunter komplexe Situationen mit einem Minimum an Kommunikation abarbeiten konnte. Und Vorschläge meinerseits wurden nicht kategorisch abgelehnt, nur weil man der nichtärztliche Teil ist. Allerdings, und da komme ich jetzt zum eigentlichen Threadthema, stimmt es schon, dass selbst bei den guten/besten Anästhesiepflegern die ich kennengelernt habe, das Ende des theoretischen Wissens recht schnell kam!
Und da trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Aber das tut sie eben nicht in den ersten 2 Weiterbildungsjahren und auch nicht bei Routine Eingriffen bei ASA I+II Patienten. Nicht umsonst kommt für dieses Klientel immer wieder die Diskussion um Anästhesiologisches Assistenzpersonal auf! Interessant wird es, wenn durch Erfahrung und Wissen komplexe Situationen zügig erkannt oder noch besser, vorausgeahnt werden (Gerinnungsmanagement/hämodynamische Insatbilität "der Patient gefällt mir nicht-aber warum??!")! Habe letztens einen schönen Spruch gehört "Anesthesia is an art which is based on knowledge". So, und genau das muss man sich erst erarbeiten, manuelle Kompetenzen (wie sie ja oft die Pflege hat) zeugen nicht allein von durchdachter Narkoseführung. Klar ist das frustrierend, wenn man nach 50 Intubationen einen nicht intubiert bekommt und dann der Pfleger den Tubus reinschiebt. Aber auch das wird sich bald ändern. Ich erinnere mich sehr gut an einen frischen Assi, der eine seiner ersten eigenen RSI nicht intubiert bekommen hat und den ich dann selber mangels zügiger Hilfe durch weiteres ärztliches Personal und zügiger Entsättigung intubiert habe. Das hat dem ziemlich ne Ecke ins Selbstbewusstsein gehauen... aber ich hab ihm auch gesagt, dass ich einfach ein paar mal mehr intubiert hatte als er und das sich dieses Verhältnis zügig umkehren wird. Unser Verhältnis hat sich übrigens auch sehr geändert, wir sind mitlerweile dicke Kumpel :-love! Und besser als ich ist er schon lange, das liegt in der Natur des Lernens!
Also, lange Rede kurzer Sinn. Weitermachen und lernen, seinen Job nach allen Regeln evidenzbasierender Medizin und eigenen Kompetenzen/Fertigkeiten zu erledigen. Da wirst du sämtliche Pflege zügig hinter dir lassen und wichtige und richtige Entscheidungen zum Wohle deines Patienten treffen!:-top
altervogel
14.09.2012, 20:31
Danke stefan, für Deine aufbauenden Worte. Mittlerweile sind ja ein paar Wochen ins Land gegangen, ich hab jetzt einen eigenen Saal (also immer nen anderen, den aber halt allein ;-) ), und mußte auch schon meine ersten FFP's und EK's anhängen. So langsam ist es in meinem Hirn angekommen, dass ich jetzt Entscheidungen treffen und auch dafür geradestehen muß, ganz egal, was meine Anästhesie-Pflege meint oder nicht meint; gute Ratschläge nehm ich natürlich gerne an, wenn sie mir plausibel erscheinen. Aber einer umfangreichen Osteosynthese bei kompl. Unterschenkelfraktur als post-op Analgesie bei nem 100 kg Patienten ein Fläschle Perfalgan anhängen zu wollen schien mir vor ein paar Tagen beispielsweise als, ehrlich gesagt, mittelguter Witz, und hab daher statt dessen meine Pflege gebeten, mir ein PCA-Pumpen-Protokoll für Dipi zu bringen. Es gab kurz Gegrummel ("das wirkt doch immer soooooo gut"), aber der Patient lag ein paar Stunden später immernoch zufrieden und fast schmerzfrei in seinem Bettchen, und darauf kommts letztendlich doch an, oder?
Also, Sinnkrise vielleicht nicht beendet, aber zumindest mal ins rechte Licht gerückt :-)
@ //stefan: Besser kann man die anfänglichen "Probleme" in der Weiterbildung nicht beschreiben. Wobei Probleme eigentlich das falsche Wort ist. Ist eigentlich eher, wie Du auch schreibst, eine Einstellungssache. Es kann eben nicht Jede/r mit Vorschlägen aus der Pflege umgehen. Es habe das am Anfang so gesehen: ich wusste, dass die alle schon ziemlich lange in der Anästhesie gearbeitet haben und sicherlich viiiiieeeeeel mehr Ahnung hatten als wir Anfänger. Von daher habe ich mir alles von der Pflege angeeignet, was ich kriegen konnte. Und ich sage ich auch ganz offen, dass ich "Narkose" von der Pflege gelernt habe. Mit der Zeit kamen dann die komplexeren Eingriffe, wo man dann von einem FA / OA betreut wurde, und im laufe der Zeit merkt man dann eben auch, dass man selbst immer mehr weiß. Aber was ich mir immer bewahrt habe ist, auf die Einwände der Pflege / Rettungsassistenten zu hören!
Und da trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Aber das tut sie eben nicht in den ersten 2 Weiterbildungsjahren und auch nicht bei Routine Eingriffen bei ASA I+II Patienten. Nicht umsonst kommt für dieses Klientel immer wieder die Diskussion um Anästhesiologisches Assistenzpersonal auf! Interessant wird es, wenn durch Erfahrung und Wissen komplexe Situationen zügig erkannt oder noch besser, vorausgeahnt werden (Gerinnungsmanagement/hämodynamische Insatbilität "der Patient gefällt mir nicht-aber warum??!")! Habe letztens einen schönen Spruch gehört "Anesthesia is an art which is based on knowledge".
Da hat jemand hier im Forum so einen schönen Spruch gehabt:
"Das ist der Unterschied zwischen einem Anästhesisten und einem Anästhesiologen" :-))
In diesem Sinne: viel Spaß bei der Weiterbildung und nicht verzagen.
Und zum Schluß noch ein Spruch, den ich mir damals in der WB auch zur genüge anhören durfte:
Am Anfang steht die berechtigte Unsicherheit.
Dann kommt die unberechtigte Sicherheit.
Dann die unberechtigte Unsicherheit.
Und zum Schluss die berechtigte Sicherheit.
StellaMaris
15.09.2012, 11:03
[...]
In diesem Sinne: viel Spaß bei der Weiterbildung und nicht verzagen.
Und zum Schluß noch ein Spruch, den ich mir damals in der WB auch zur genüge anhören durfte:
Am Anfang steht die berechtigte Unsicherheit.
Dann kommt die unberechtigte Sicherheit.
Dann die unberechtigte Unsicherheit.
Und zum Schluss die berechtigte Sicherheit.
Das hab ich mir grad mal abgepinselt und über meinen Schreibtisch gehängt, damit ich es immer vor Augen habe, wenn es bei mir mal so weit ist, weil es einfach so zutreffend ist. Nach dem Abbruch meines Studiums hab ich in verschiedenen Jobs gearbeitet und es ist jedes Mal genau so abgelaufen.
Besonders markant finde ich immer Teil 2, wenn man gegenüber dem Anfang, wo man aus Unsicherheit noch jeden Pipifax nachgefragt hat, sich mal ein bißchen mehr alleine traut, aber gerade dann kommen natürlich auch die ersten Fehler so richtig zum Tragen und man hat das Gefühl, sich gegenüber dem Anfang plötzlich total verschlechtert zu haben, dabei ist es nur eine ganz normale Entwicklung, die dann automatisch zu Teil 3 führt, dass man das Gefühl hat, man kann gar nichts mehr, und jeden Handgriff wieder kritisch hinterfragt. Aber die Erfahrung hat mich bisher immer gelehrt, dass es nach diesem Knick langsam, aber stetig aufwärts geht, man macht immer noch Fehler, aber diese werden seltener, und man ist bei unvorhergesehenen oder abweichenden Abläufen immer besser in der Lage, das Wissen aus vorangegangenen Fällen mit der aktuellen Situation zu verknüpfen und sich daraus abzuleiten, wie man am besten vorgeht. Und das ist einfach in allen Arbeitsbereichen so, nicht nur in der Medizin. Man vergißt es eben nur allzu leicht wieder, wenn plötzlich im Teich aufgeschlagen ist und selber schwimmen muß. ;-)
//stefan
17.09.2012, 18:01
Was sagte doch einer unserer Altassis immer wieder gerne:
"Ich musste erst Facharzt für Anästhesie werden, um ein guter Anästhesiepfleger zu sein...!" :-))
Also, weitermachen!
Die Lernkurve ist zu beginn doch sehr steil. Intubieren und Einleiten lernt man zügig, so dass man schon recht bald auch alleine im Saal steht. Wobei min. ein OA sowieso immer für dich erreichbar ist, falls mal Hilfe benötigst. Meiner Meinung nach ist Anästhesie die humanste Art, um als Arzt zu arbeiten. Überstunden kannst du z.b. kaum machen, denn für gewöhnlich ist ab 16:00Uhr Schluß. Danach kannst du dich, wenn dir danach ist, mit der Frau des Chirurgen begnügen, der nichtsahnend Briefe schreiben und die Station ggf. noch visitieren muss :-)
z.b. glaubte ich das,
bis ich auf die ITS kam. Ein Schichtsystem, das darauf ausgelegt ist mit einem Minimum an Personal ein 24h-Betrieb zu ermöglichen. Arbeitszeiten, die gegen jegliche biologische Uhr verstoßen. Das ist natürlich nicht in jedem Haus so. Zumindest hat es aber in diesem Fall dazu geführt, dass ich fristlos gekündigt hatte. Habt ihr eigentlich ein Schichtsystem auf euren ITS´en?
Bei uns gibt´s ein 3-Schicht-System auf ICU....
//stefan
20.09.2012, 13:59
3 im Frühdienst (bis 16), einen von halb 10 bis 18 und einen ab 15 Uhr bis zum nächsten morgen. Jeweils eine 14 und eine 12 Betten ICU interdisziplinär (Innere und Chirurgie, wenig Neuro).
Bei uns sind es meistens 3 im FD, 2 im SD und einer in der Nacht, anaesthesiologisch geführte chirurgische ICU.
Salatsultan
04.10.2012, 18:19
Schonmal eine chirurgische Visite mitgemacht?
Anästhesisten haben Zeit genug Joggen zu gehen, die brauchen die Gruppenbewegungstherapie am morgen nicht.
Salatsultan
04.10.2012, 18:59
Aber mit würde es fehlen, die Diagnose zu stellen, eine Entscheidung über die Therapie zu fällen und dann mit meinen eigenen Händen dafür zu sorgen, dass es auch gut wird.
Das macht man doch in der Anästhesie andauernd - in einem traumhaften Betreungsschlüssel Arzt:Patient.
Das macht man doch in der Anästhesie andauernd
Aha. Beispiel?
Salatsultan
05.10.2012, 15:01
Notfallmedizin und dazu das übliche erkennen von Problemen und deren Behebung im Rahmen von operativer Anästhesie und Intensivmedizin? Ist natürlich nicht so heroisch wie Hammer und Schräubchen aber halt auch Probleme erkennen und lösen.
Nun ist aber nicht jeder Anäthesist auch Notfallmediziner oder auf einer ITS tätig... aber das haben wir eigentlich schon diskutiert hier.
blackcat86
06.10.2012, 22:15
Wenn man aber schonmal bei einer Narkose eine Weile allein gelassen wurde merkt man sehr schnell, dass auch dort Probleme auftreten können, die gelöst werden müssen. Oder wenn der Tubus in der Einleitung nicht reingehen will, weil man nichts sieht. Außerdem scheinen mir so gut wie alle auch mal auf Intensiv zu müssen, und die meisten dort waren Notärzte. Seit meinem Wahltertial habe ich vor den Leuten dort großen Respekt.
Kackbratze
07.10.2012, 08:55
Mir scheint, es könnte auch Anästhesisten auf ITS geben, die vielleicht nur geringes Interesse an Notfallmedizin haben.
Bei meiner klinischen Tätigkeit habe ich das auch beobachten können.
WackenDoc
07.10.2012, 08:58
Werden wohl vor allem die Kliniken sein, die nen eigenes NEF haben und das läuft in der Regel über die Anästhesie.
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