Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Vor- und Nachteile bzw. Perspektiven Allgemeinmedizin
DocEmmetBrown
02.07.2013, 13:37
@Kyutrexx
Sicherlich sind ein Nettogehalt von 4000€ (für einen Angestellen) ein gutes Gehalt, wenn gleich sich in manch anderer Branche auch deutlich mehr verdienen lässt in Positionen mit ähnlicher Verantwortung und ähnlichen Voraussetzungen. Darum geht es bei einem Niedergelassenen ja aber gar nicht.
Hier muss man prinzipiell miteinbeziehen, dass der Praxiseigentümer selbständig tätig ist, keine Zuschüsse zu den Sozialversicherunge erhält und das komplette finanzielle Risiko für sich und seine Angestellten notfalls mit seinem Privatvermögen trägt. Dies sollte sich eigentlich in einem deutlich höheren Gehalt niederschlagen, wie in einer vergleichbaren Position als Angestellter.
Trotzdem scheinen die Niedergelassenen hier ja durchaus zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein und haben ja auch erklärt, dass in der speziellen Position als Hausarzt viele Nachteile der Selbstständigkeit gar nicht so ins Gewicht fallen, wie in anderen Branchen. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, hier zitiere ich einen guten Freund, der viel Bereich von Unternehmensfinanzierung berät, ist aber eine Arztpraxis, die "nur" 90.000€ Bruttoüberschuss macht, nicht rentabel und macht kalkulatorisch fast ein Minus (Stichwort: kalkulatorischer Unternehmerlohn). Das ist sicherlich eine sehr betriebswirtschaftlich geprägte Aussage, die auch wie hier geschildert eben aufgrund der nicht so spürbaren Risiken in der hausärztlichen Niederlassung nicht dem Empfinden der Ärzte entspricht, ist aber wohl betriebswirtschaftliche Realität.
Liebe/r DocEmmet, bitte nicht wieder alle möglichen wirtschaftlichen Kennwerte durcheinander bringen.
Nettoeinkommen (= Honorar-Betriebsausgaben-Versicherungen-Steuern-Altersvorsorge) aus vertragsärztlicher Arbeit Hausärzte (Zahlen 2009!): 4041 Euro/Monat.
Beim Nettoeinkommen sind also schon alle Ausgaben abgezogen (quasi vergleichbar mit dem Einkommen eines Angestellten)! Hinzukommen noch ca. 13% durchschnittliche Einnahmen aus der PKV. Ein Bruttoüberschuss ist wieder was anderes!
DocEmmetBrown
02.07.2013, 20:04
@Peter_1
Bitte korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber beim Freiberufler entspricht der Gewinn dem Überschuss der Praxiseinnahmen über die Praxisausgaben. Mit Bruttoüberschuss war von mir also der Bruttogewinn gemeint.
Tja, da ist Deine Angabe eben ungenau, was meinst Du mit Praxisausgaben? Die reinen Praxisausgaben (also: Gehälter der Angestellten, Miete, Geräte, Kredite, laufende Kosten?)? Ist mit Gewinnn der Gewinn vor Steuern, oder nach Steuern gemeint? Sind Kosten wie Versicherungen des Selbstständigen und Altersvorsorge vom Gewinn abgezogen oder nicht? Du siehst, häufig neigt man von Äpfeln und Birnen zu reden, da wird häufig munter alles mögliche durcheinander geworfen, selbst ins seriösen Presseartikeln. Da seriöse Zahlen darzustellen ist ein wenig komplexer als die Rechnung Praxiseinnahmen-Ausgabe.
Die 4041 hausärztlichen "Durchschnittseuro" die ich angegeben habe (Zahlen von 2009) sind auf jeden Fall das Einkommen nach Abzug aller angesprochener Kosten, Versicherungen, Altesrvorsorge und Steuern, also sozusagen vergleichbar mit dem für jeden gewohnten Nettoeinkommen auf dem Gehaltszettel eines Angestellten.
Alles schön erklärt und nachzulesen auf den Seiten der KBV.
DocEmmetBrown
02.07.2013, 22:48
@Peter_1
Im oben genannten Beispiel war der Gewinn vor Steuern und Sozialabgaben im Sinne von Praxiseinnahmen minus reinen Praxisausgaben gemeint, wobei der Zahlenwert grob dem Gesamt-Bruttogehalt eines angestellten Oberarztes (von Arbeitgeberseite betrachtet) entspricht. Als Quintessenz wollte ich dabei eigentlich folgenden Sachverhalt darlegen, der mir in einer Diskussion über hausärztliche Niederlassung von besagtem Freund erklärt wurde:
Man neigt ja dazu, wie in dieser Diskussion auch, am Ende den Gewinn der Praxis schließlich auf ein Nettogehalt des Niedergelassenen herunterzurechnen und die Rentabilität dann anhand dieses Lohns zu bewerten. Hier sollte man wohl aber für die rein betriebswirtschaftliche Überlegung, ob die Praxis wirklich rentabel ist, noch für den Praxisinhaber einen kalkulatorischen Unternehmerlohn (bei Ärzten im Sinne eines OA Gehalts) abziehen, da eine Arztpraxis wie jedes Unternehmen eben nicht nur das Gehalt des Unternehmers, sondern sonst auch noch einen Gewinn (z.B. für Investitionen) erwirtschaften sollte.
Mir ist aber bewusst, dass dies nicht unbedingt der Perspektive des niedergelassenen Hausarztes entspricht, eben weil, wie du berichtet hast, der Hausarzt gar nicht diese Risiken hat, wie beispielsweise ein kleines Unternehmen. Wenn man aber ganz betriebswirtschaftlich überlegt, ob man sich niederlässt, müsste man es (laut der Aussage besagte Freundes) aber so kalkulieren.
habichnicht
03.07.2013, 07:58
[….]Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, hier zitiere ich einen guten Freund, der viel Bereich von Unternehmensfinanzierung berät, ist aber eine Arztpraxis, die "nur" 90.000€ Bruttoüberschuss macht, nicht rentabel und macht kalkulatorisch fast ein Minus (Stichwort: kalkulatorischer Unternehmerlohn). [...]
DocEmmetBrown konzentriert sich auf den betriebswirtschaftlichen Begriff des „kalkulatorischen Unternehmerlohns“. Ich versuche mal zu erklären, wie ich ihn verstanden habe.
Wer den „kalkulatorischen Unternehmerlohn“ in seine Überlegungen einbezieht, sieht das so:
Er betrachtet seine Praxis als reines Renditeobjekt, als reine Kapitalanlage.
Er geht – fiktiv - davon aus, dass er in seiner Praxis nicht selbst mitarbeitet, sondern nur Geld investiert hat, das ihm eine Rendite bringen soll.
Anstelle seiner eigenen Arbeitsleistung bezahlt er - nur fiktiv - einen angestellten Facharzt, dem er ein Oberarztgehalt bezahlt. Dieses fiktive Oberarztgehalt (fiktives Bruttogehalt plus fiktive Arbeitgeberanteile an den Sozialabgaben) wird zu den realen Kosten der Praxis addiert.
Wenn man dann von den realen Praxiseinnahmen außer den realen Praxiskosten (tatsächlich bezahlte Gehälter, Miete, Strom, Wasser, Heizung, Verbrauchsmaterialien, Paxisversicherungen, Zinsen, Leasingkosten, Abschreibungen, Kammerbeiträge, Ausgaben für Fortbildungen, ....) auch noch die fiktiven Ausgaben für das OA-Gehalt eines nicht existierenden angestellten Facharzts abzieht, bleibt natürlich wesentlich weniger „Überschuss“ übrig, als wenn man dieses fiktive OA-Gehalt nicht abgezogen hätte.
Bei dieser Betrachtungsweise gilt eine Praxis nur dann als rentabel, wenn nach Abzug der realen Kosten plus der fiktiven Kosten für einen nicht existierenden angestellten Facharzt noch ein „Überschuss“ übrig bleibt.
Dieser fiktive "Überschuss" gilt dann als Rendite der Praxis und man vergleicht ihn mit der Rendite, die man hätte bekommen können, wenn man sein Geld (Eigenkapital und/oder aufgenommener Kredit) nicht für den Erwerb der eigenen Praxis verwendet hätte, sondern dafür zum Beispiel Aktien gekauft hätte. Diese Rendite entspräche dem betriebswirtschaftlichen "Gewinn" aus der Praxis. Die netto ca. 4000 Euro/Monat betrachtet man nicht als Gewinn, weil man dafür ja arbeiten musste.
(Aus sprachlicher Sicht kommt das ja auch hin: Ein Gewinn ist etwas, wofür ich nicht gearbeitet habe.)
Kurz gesagt:
Eine eigene Praxis ist bei dieser betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise nur dann rentabel/Gewinn bringend, wenn einem dadurch netto mehr Geld zur Verfügung steht, als einem zur Verfügung stünde, wenn man als angestellter Oberarzt an einem Krankenhaus arbeitete.
[….]Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, [.....] ist aber eine Arztpraxis, die "nur" 90.000€ Bruttoüberschuss macht, nicht rentabel und macht kalkulatorisch fast ein Minus (Stichwort: kalkulatorischer Unternehmerlohn). [...]
Anders gesagt: Wem durch seine Praxis netto weniger Geld zur Verfügung steht als einem Oberarzt am Krankenhaus, der macht bei dieser Betrachtungsweise mit seiner Praxis kalkulatorisch ein "Minus", also einen Verlust.
Selbst wenn ich ein OA Gehalt höchste Stufe (ohne Dienste, Marburger Bund Tarif) anlege, so komme ich netto (Steuerklasse 1, keine Kinder, Kirchensteuer bez.) auf 4015 Euro (also knapp weniger wie der Durchnittsnettoverdienst eines Hausarztes). Mit Diensten ist es natürlich mehr, aber die kann man auch als Niedergelassener machen wenn man möchte. Letztlich ist die Diskussion rein an wirtschaftlichen Kennzahlen müssig, weil halt im Leben noch viele andere Faktoren dazu kommen (Lebensqualität, Hierarchien im KH, Spass am Job als HA usw.). Ich wollte eigentlich nur illustrieren, dass die Zahlen nicht so schlecht sind wie immer mal wieder behauptet.
habichnicht
03.07.2013, 12:28
Letztlich ist die Diskussion rein an wirtschaftlichen Kennzahlen müssig, weil halt im Leben noch viele andere Faktoren dazu kommen (Lebensqualität, Hierarchien im KH, Spass am Job als HA usw.). @Peter: So sehe ich das auch.
Ich wollte eigentlich nur illustrieren, dass die Zahlen nicht so schlecht sind wie immer mal wieder behauptet.Ich wollte Deinen Beiträgen nicht widersprechen, sondern nur illustrieren, wie Formulierungen wie "eine Praxis sei nicht rentabel" oder "eine Praxis sei im Minus" zu verstehen sind. Wer sich mit dem Konstrukt des "kalkulatorischen Unternehmerlohns" nicht auskennt, stellt sich unter einer nicht rentablen Paxis oder einer Praxis im Minus etwas ganz anderes vor.
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