Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Das Versorgunsstärkungsgesetz - wieder Unsinn in Paragraphenform
Thomas24
15.01.2015, 22:45
So, neues Jahr - neues Glück.
Nachdem ich mich 2014 über den Quatsch aus Berliner Gesundheitspolitikkreisen (vulgo "Versorgungsstärkungsgesetz") geärgert habe (Stichwort: Termin beim FA innerhalb von vier Wochen, sonst Behandlung im Krankenhaus- muahahaha. Aber durch wen??), ist mittlerweile der erste Referentenentwurf da.
http://www.aerzteblatt.de/ref2014
Und siehe da: es wurde noch besser. FA Termine für Frauenärzte und Augenärzte sollen nicht binnen vier Wochen, sondern binnen EINER Woche vermittelt werden. Dafür sind die Kinderärzte raus, weil die jetzt der hausärztlichen Grundversorgung zugeschlagen werden (wie haben die das geschafft?). Tadaaaa!
Irgendjemandem muss aber aufgegangen sein, dass die Krankenhäuser personell auch nicht mehr mit unbegrenzten Fachärztreserven gesegnet sind... daher gilt: "... Die Behandlung dort muss „nicht zwingend durch Ärztinnen und Ärzte mit einer bereits abgeschlossenen Facharztweiterbildung zu erfolgen“, so die Vorgabe im Entwurf. " Ok, den FA Standard gab es ja ohnehin, also nichts neues.
Bedeutet in der Realität wohl: Oma Müller bekommt keinen Termin binnen einer Woche (muahaha), bzw. einen Termin, der aber nicht in zumutbarer Entfernung zu einem anderen niedergelassenen Kollegen läge, und geht dann ins nächste KH. Dort sitzt dann ein armer Assistenzarzt, gerne im ersten oder zweiten Jahr (in Deutschland und/ oder im Fach, ähem) der entweder den ganzen Arbeitstag lang das: "Ich bade die verpatzte Gesundheitspolitik aus Berlin aus und bin die one man /one woman Einzekämpfer Pseudopoliklinik für unzufriedene Kassenpatienten und werde damit überarbeitet & überfordert" Spiel spielen darf:-slap. Oder: weil der Assistent auch schon im regulären Betrieb gebraucht wird und sich eben nicht nur um Kassenpatienten, die noch zusätzlich zum Tagesgeschäft kommen, muss er das wohl eben *nach der normalen Arbeitszeit* machen. Sprich im bisherigen "Bereitschaftsdienst"...nachdem alle Patienten mit regulärem Termin, die Konsile, Notfälle, poststationären Patienten und Einweisungen schon abgearbeitet sind. Schön.*gefaelltmirnicht*
Danke Groko, vielen Dank.
Kackbratze
16.01.2015, 05:21
Du siehst das alles zu dunkel. Der Assi kann froh sein, dass er endlich hands-on-Training bekommt, echte Medizin kennenlernt und dann entweder dem Wahnsinn anheim fällt und sich niederlässt....oder der Medizin ganz dem Rücken kehrt.
Das reguliert sich dann alles wieder selbst. Wenn Omma Müller das Spielchen zweimal mitgespielt hat und festgestellt hat, daß "man da im Kh 6 Stunden warten muß, bis man dann von einem polnischen Lehrbub abgefertigt wird", wird sie wieder lieber 3 Monate auf einen Termin bei ihrem guten alten Augenarzt warten wollen.
D.h. alles bleibt wie bisher, aber fortan kann sich keiner mehr über zu lange Wartezeiten beschweren, denn "er kann ja ins Kh gehen". So einfach kann man als Politiker das Gesundheitssystem verbessern und auf dem Papier Wartezeiten abschaffen.
Der Assi ... dann entweder dem Wahnsinn anheim fällt
Dann bekomm ich neue Kunden!:-party
Coxy-Baby
17.01.2015, 06:29
...und bei der Masse der Patienten wird dann der Psychiater wahnsinnig, oder wird der dann normal?(Wie minus mal minus ergibt plus?)
Das reguliert sich dann alles wieder selbst. Wenn Omma Müller das Spielchen zweimal mitgespielt hat und festgestellt hat, daß "man da im Kh 6 Stunden warten muß, bis man dann von einem polnischen Lehrbub abgefertigt wird", wird sie wieder lieber 3 Monate auf einen Termin bei ihrem guten alten Augenarzt warten wollen.
Das glaube ich nicht. Bzw. es gibt so viele Omma Müllers, dass das Spiel nie enden wird für den Assi in der Not(!)aufnahme. Wie oft hatte ich schon Patienten da sitzen, nach 3 oder 4 Stunden Wartezeit, die dann enttäuscht und teilweise schon echt erbost darüber waren, dass ich ihnen jetzt nicht helfen kann mit ihren seit 8 Wochen bestehenden Knieschmerzen. Und das gabs auch schon vor diesem Gesetz :-keks
Matzexc1
17.01.2015, 08:16
Und jetzt wird es sich nochmal um eine Potenz steigern. Ich hab auch mal einen Neurologen gebraucht und dann ein Dutzend praxen abtelefoniert.Einer konnte mich dann 2 Wochen später drannehmen.Aber das war wohlgemerkt im Großraum Stuttgart, in einer schwach besetzten Region wird das ja richtig katastrophal.
Erinnert mich gerade daran, dass ich neulich in der hiesigen Uniklinik einer Terminvereinbarung für eine Knochendichtemessung beiwohnen durfte: "Wir sind sehr voll, ich schaue mal in den Kalender.... also ich bin jetzt bei Juni.... da hätten wir noch was am ... frei" :-((
Matzexc1
17.01.2015, 08:24
Huch.
Oder eine mindestens 3-monatige Warteliste für TEP-Eingriffe. Trotz eines Saals pro Tag und 2xdie Woche ein zweiter.
Naja, finde ich jetzt bei einer TEP nicht so tragisch. Die Patienten haben ja meistens schon seit Jahren Beschwerden. Dass es sich dann mal innerhalb kürzester Zeit so akut verschlechtert, dass sie gar nicht mehr laufen können, passiert nicht soooo häufig. Und für die findet man dann schon einen früheren Termin. Und wir können 7 TEPs pro Tag machen ;-)
Aber auf eine Knochendichtemessung ein halbes Jahr warten? Damit vergeudet man vielleicht ein halbes Jahr Therapiezeit für ein Bisphosphonat o.ä. :-((
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich das einreguliert. Die Patienten sind ja schon jetzt so fordert und teilweise unverschämt bzgl. lange bestehender Probleme. Mit dem Gesetz gibt man ihnen dann nur noch ein Argument an die Hand.
Bei uns kommen gerade am Wochenende enorm viele Patienten mit seit Wochen bestehendem Kleinkram und dabei haben wir sogar einen kassenärztlichen Notdienst direkt nebenan der zumindest tagsüber besetzt ist.
Kackbratze
17.01.2015, 11:10
Die Kapazitäten werden dank des Kostendrucks gekürzt und parallel schüttet die Politik mehr Patienten aktiv ins System. Ein böser Kreislauf. Wenn das Ganze implodiert, sind wir bei "zahlt bar, kann morgen kommen" vs "ist versichert, kann 4 Monate warten". Die Kassenzulassung kann ja schließlich auch abgegeben werden.
Aber auf eine Knochendichtemessung ein halbes Jahr warten?(
Für eine Knochendichtemessung in der Uniklinik...
Beim niedergelassenen Orthopäden oder Radiologen dauert das eher ein paar Wochen.
Wie oft hatte ich schon Patienten da sitzen, nach 3 oder 4 Stunden Wartezeit, die dann enttäuscht und teilweise schon echt erbost darüber waren, dass ich ihnen jetzt nicht helfen kann mit ihren seit 8 Wochen bestehenden Knieschmerzen. Und das gabs auch schon vor diesem Gesetz :-keks
Genau, die sitzen einfach ewig in der Notaufnahme. Und wenn die dann noch ihren Ordner dabei haben in dem die gesammelten Arztkontakte der letzten Jahre mit drin sind wirds noch grausamer.
Die Frage ist halt was dann von mir als Assistent im Krankenhaus erwartet wird. Aktuell schau ich mir die Leute in der Notaufnahme an, schließe schlimme Dinge aus und schicke sie dann zur weiteren Diagnostik und Therapie weiter zum niedergelassenen Orthopäden/Unfallchirurg/Psychiater/Internist/sonstwas. Notaufnahme halt. Und wenns kein Notfall ist dann sollen die wieder gehen.
Wenn dann noch erwartet wird dass ich die weiterführende Diagnostik selbst mach, selbst entscheiden soll wann ich die Patienten zur Kontrolle wieder einbestell etc. dann wirds irgendwann haarig. Es ist ja nicht so dass ich nicht bereits genug zu tun hätte. Davor graut mir. Dann helfen auch so Sätze wie "Bei Beschwerdepersistenz bitten wir um Wiedervorstellung beim niedergelassenen Orthopäden" die bei jedem Knie-/Kreuz-/Hüft-/Sprunggelenk-Schmerz quasi automatisch mit drinstehen.
Wobei: eigentlich könnten wir das schon so machen. Die Frage ist halt dann wemgegenüber ich mich dann rechtfertigen muss für die dann hohe Anzahl an CTs und MRTs. Denn als Nicht-Unfallchirurg (will ich auch nicht werden) muss ich mir ständig in der Notaufnahme unfallchirurgische Patienten ansehen, da würde ich mein fehlendes Wissen halt mit technischen Untersuchungen kompensieren.
Mir geht es hier vor allem um die eigene Absicherung. Ich weiß dass ich in Unfall nicht so viel Ahnung hab und muss trotzdem viele Patienten sehen und beurteilen. Also helf ich mir aktuell eben mit Sätzen wie dem oben genannten, dass ich zumindest sagen kann "Schlimmeres hab ich ausgeschlossen, und dann eben gesagt sie sollen zum Orthopäden gehen. Wenn die Patienten das nicht tun...". Wenn ich selbst plötzlich diese Instanz sein sollte, müsste ich halt entweder regelmäßig meinen Hintergrund anrufen (kann ich natürlich auch machen) oder technische Untersuchungen machen. Denn irgendwie muss ich mich selbst ja auch schützen...
Das wäre spannend. Kann man solange machen bis die unfallchirurgischen Oberärzte dekompensieren, weil ich sie nachts ständig anruf.
Ich nehm den Facharztstandard einigermaßen ernst. Wenn ich mir selbst zutraue was zu beurteilen dann mach ich das auch, aber Unfall trau ich mir einfach nicht richtig zu und bin der Meinung die Patienten haben trotzdem eine Behandlung auf einem einigermaßen Niveau verdient, auch wenn sie auf mich treffen...
ehem-user-19-08-2021-1408
17.01.2015, 13:46
Huch.
Oder eine mindestens 3-monatige Warteliste für TEP-Eingriffe. Trotz eines Saals pro Tag und 2xdie Woche ein zweiter.
Komischerweise bekommen bei uns die Araber Termine innerhalb weniger Tage bei den Halbchirurgen (HNO, Ortho, Auge).
Da werden sicherlich Kapazitäten offen gehalten für GOÄ Operationen.
(Eine BETTLÄGRIGE Knie-TEP Patientin aus fernen südöstlichen Gefilden liegt zur Zeit bei uns auf der IS nachdem es intraoperativ zu einer Massenblutung kam... Der OP-Platz hätte jemand anderem sicher mehr geholfen)
Genau bei letzterem wirds für mich immer sehr schwierig... auf der einen Seite steht ein funktionierendes Gesundheitssystem dessen Investitionen darin teils vom Staat (Studium, kommunale Häuser, Unikliniken etc) finanziert werden, als auch von der Allgemeinheit (gesetzliche Versicherte). Und dann kommen die Araber/Russen/geldigen Ausländer daher und nutzen diese Strukturen und werden bevorzugt. Und warum? Weil der einzelne Arzt der diese bevorzugt daran wirklich mal gut verdient. Wie bei innländischen Privatpatienten, werden tendentiell bei Terminvergaben auch bevorzugt aber nicht so extrem. Ich versteh es, finde es aber sehr schwierig.
Auf der anderen Seite kann man sagen: sollen die gefälligst mal den Ärzten genug bezahlen, dass es sowas nicht mehr braucht. Da wär ich ja dafür. Wird aber auch nicht getan. Und so wursteln wir uns und die Politiker sich in diesem System durch und irgendwie geht schon (oder schon noch...)...
Thomas24
19.01.2015, 21:21
Das reguliert sich dann alles wieder selbst. Wenn Omma Müller das Spielchen zweimal mitgespielt hat und festgestellt hat, daß "man da im Kh 6 Stunden warten muß, bis man dann von einem polnischen Lehrbub abgefertigt wird", wird sie wieder lieber 3 Monate auf einen Termin bei ihrem guten alten Augenarzt warten wollen.
D.h. alles bleibt wie bisher, aber fortan kann sich keiner mehr über zu lange Wartezeiten beschweren, denn "er kann ja ins Kh gehen". So einfach kann man als Politiker das Gesundheitssystem verbessern und auf dem Papier Wartezeiten abschaffen.
Hab mich darüber mal mit einem polnischen Fachbuben ausgetauscht- warum immer weniger Polen zu uns kommen wollen, um hier die Lücken auszufüllen... Antwort: die gehen entweder direkt nach Uk, oder Skandinavien etc. der Unterschied zu Deutschland ist (ab FA Level) einfach nicht mehr groß genug, dass es sich für die Mehrheit von polnischen Kollegen noch lohnen würde, nach Deutschland zu kommen...:-??? Das sagt eigentlich schon genug aus, über die Zustände hierzulande:-(
Herzkasperl
13.04.2015, 11:28
Aha, da isser ja, der gesuchte (und von der Suchfunktion nicht gefundene) Thread. :-)
Was mich ein bisschen wundert ist, dass da noch kein richtiger Proteststurm in den Praxen läuft. Letztlich wird das dazu führen, dass haufenweise Praxen schließen werden, man sehe sich nur mal die Versorgungsgrade bei manchen Fachärzten an. Und bei 150% Versorgungsgrad in München bekommt man weder einen Päd- noch einen Gyn-Termin, wenn man bei den Praxen um die Ecke nicht sowieso schon Patient ist. Und dann auch nicht in 4 Wochen. Ich frage mich, wie die sich das vorstellen. Das wird der Regierung noch auf die Füße fallen, hoffe ich.
Mal abgesehen davon halte ich die Richtung "angestellter Arzt" auch nicht für die Lösung. Wie mit Angestellten mehr erreicht werden kann, als mit Selbständigen (Angestellter: "wenn ich um 1600 Schluss habe, mach ich auch Schuss) konnte mir auch noch keiner erklären...
Kackbratze
13.04.2015, 11:43
Nicht? Hast Du das noch nicht verstanden?
Der angestellte Arzt muss jeden Tag von 8.00 bis 17.00 arbeiten, jeden Tag.
Nicht wie diese liederlichen Niedergelassenen, die Mittwochs bloss Vormittagssprechstunde haben und Mittagspause jeden Tag haben.
Faule Schweine sind das! Und dann in ihren Pausen oder am Mittwoch die Altenheime abfahren um weitere Kunden zu requirieren, bis dann wieder die Sprechstunde losgeht! Alles Faule!
Das haben Politiker erkannt und lassen die Angestellten sicher ihre Mittagspause machen. Damit dann ein zusätzlicher angestellter Arzt parallel die Hausbesuche macht.
Das kostet weniger und wird sooo viele neue Kollegen in die strukturschwachen Regionen locken! Mir wird schon ganz schwindelig von den prophezeiten Zahlen der Politiker! Wir werden leere Innenstädte mit leer stehenden Praxen haben! Ganz Hamburg, München und Berlin werden unterversorgt werden und in Thüringen, Brandenburg oder Nordwestniedersachsen werden die vielen Ärzte gelangweilt in ihren Praxen an ihren eigenen Füssen pulen müssen, weil nicht genug Patienten da sind!
Mal abgesehen davon halte ich die Richtung "angestellter Arzt" auch nicht für die Lösung. Wie mit Angestellten mehr erreicht werden kann, als mit Selbständigen (Angestellter: "wenn ich um 1600 Schluss habe, mach ich auch Schuss) konnte mir auch noch keiner erklären...
Naja, ich kenne eine Menge Kollegen - mich eingeschlossen - die aus verschiedensten Gründen die Niederlassung scheuen, die aber sehr wohl angestellt ambulant arbeiten wollen. Die erreicht man nur im Angestellten-Verhältnis.
Prinzipiell glaube ich übrigens schon, dass man auch mit weniger ambulant tätigen Ärzten auskäme, wenn die besser arbeiten würden. So lange das System aber Quantität statt Qualität finanziert wird sich wenig ändern und streichen von Sitzen nach dem Rasenmäher-Prinzip ist sicher auch nicht die Lösung.
Feuerblick
13.04.2015, 13:36
Und man sollte auch nicht vergessen, dass hierzulande durchaus viele Fachärzte unter anderem auch deshalb so überlaufen sind, weil viele Menschen wegen jedem quersitzenden Pups (Augenschamanen nennen sowas auch "Sicca" oder "Bindehautentzündung" oder Chalazion, die Hausärzte freuen sich sicher über all die unkomplizierten Schnupfen-Husten-Heiserkeit-Patienten, die gerne "ein Antibiotika" haben wollen) zum Arzt rennen statt erstmal abzuwarten, obs nicht von alleine besser wird. :-nix
Ambulant tätige Ärzte müssten also nicht nur "besser" arbeiten sondern man müsste ihnen auch die Möglichkeit geben, Banalitäten abzulehnen zugunsten derer, die wirklich einen Arzt brauchen. Aber da ist dann das Sicherheitsdenken auf allen Seiten (OMG, wenn ich was ÜBERSEHE!!!!) im Weg...
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