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Miss_H
10.02.2017, 23:00
3-Punkt-Fixierung ist auch erlaubt. In jedem Fall muss der Bauchgurt dran sein und diagonal ein Arm und ein Bein.
Ah stimmt. Aber ohne Bauchgurt und nur die Arme geht halt nicht. Hatte eben wohl einen Denkfehler.

jijichu
12.02.2017, 21:20
Als mögliche akut i.m. Medikation wäre auch ciatyl-accuphase (2-3 ml) drinne. Wirkt besser anti-aggressiv als Haldol.

@Thread - Du hast ganz richtig reagiert. Bei uns in der Psych wird notfalls einfach die Schleuse aufgemacht, bevor jemand zu schaden kommt! Dann darf die Polizei den wieder einfangen und er / sie wird mit ihnen zusammen fixiert.
Ich würde an Deiner Stelle nochmal um eine Nachbesprechung bitten, bei denen alle Beteiligten anwesend sein sollten.
Ich hoffe, Du und alle Beteiligten können das Erlebte einigermaßen gut verarbeiten!
LG

WackenDoc
12.02.2017, 22:22
Nachbesprechung finde ich eine sehr gute Idee. Aus mehreren Gründen: Für die eigene Psychohygiene. Dann als "lessons learnt" und Verbesserung in der Zukunft. Und im Sinne des Crew Ressouce Management.

Rettungshase
13.02.2017, 01:49
Ich würde hier unbedingt auch eine interdisziplinäre Nachbesprechung empfehlen. Hier könnten auch Systemfehler zur Sprache gebracht werden (die Händchenklettfixierungen) und wie man in Zukunft solche Situationen besser lösen könnte.
Sowas mag dem ein oder anderen initial lästig erscheinen - "man hat ja schließlich noch was anderes zu tun" - ist aber enorm wichtig. Hier lohnt es sich nach meiner Erfahrung, persistierend zu sein.

Gibt es ansonsten Hilfe zur Nachbearbeitung solcher Fälle? Könnt ihr euch gegenseitig eine Stütze sein? Wurdet ihr von einem Vorgesetzten (Oberarzt, Stationsleitung oder wer auch immer) mal gefragt, wie es euch geht?
Dass einen eine solche Situation - insbesondere, da ihr ja auch physisch verletzt worden seid - nicht völlig unbeeindruckt hinterlässt, ist völlig normal. Wichtig ist, darauf zu achten, ob man jetzt ein hässliches Päckchen mit sich schleppt (z.B. im Rahmen einer "inneren Kündigung": Nur noch Dienst nach Vorschrift machen, aber kein Interesse mehr an den Patienten oder der Arbeit zeigen). Manche reagieren noch solchen Angriffen auch mit einer Arbeitsunfähigkeit; eine Vermeidung dessen ist übrigens eine gute Argumentationsgrundlage, um beispielsweise Nachbesprechungen durchzusetzen.

Im Übrigen gibt es mittlerweile sogar Deeskalationstrainings. Vielleicht ist das mal eine Idee für euer Haus, um aus der Not eine Tugend zu machen?!
z.B. https://www.dki.de/unsere-leistungen/qualifikation/inhouse-seminare/konflikt-und-deeskalationstraining-fuer-krankenhaus-mitarbeiter
Bei so etwas geht es im Regelfall nicht darum einen fancy Karategriff zu erlernen, sondern es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

Brutus
13.02.2017, 09:38
CIRS?

papillon92
13.02.2017, 09:57
Wow, ich danke euch für eure zahlreichen Antworten und Anregungen! :-top

Nochmal zu den Fixierungen: Bei uns wird normalerweise nie ein Schulter- oder Bauchgurt benutzt.Im Gegenteil, Bauchgurte sind bei uns verboten. Ich hab da nochmal nachgefragt. Wir dürfen die nicht verwenden wegen Strangulationsgefahr, da wir ja keine Sitzwache machen können aufgrund der räumlichen Gegebenheiten und der Besetzung.

Diese Handfixierungen werden bei uns normalerweise benutzt:
http://www.msg-praxisbedarf.de/$WS/msg/websale8_shop-msg/produkte/medien/bilder/normal/44933_02.jpg
In die Metallschlaufen werden stülpa-Schläuche gefädelt, die dann am Bett befestigt werden.

Mir ist vollkommen klar, dass solche eine Fixierung für Fälle wie dem o.g. absolut nicht ausreichend sind. Normalerweise werden diese Fixierungen bei uns kurzzeitig benutzt, wenn beatmete Patienten entwöhnt werden sollen, damit sie sich bei abnehmender Sedierung nicht den Tubus ziehen.
Leider hab ich es aber schon oft erlebt, dass auch demente Patienten zum Eigenschutz (ZVK, AK) nur mit diesen Dingern fixiert werden.
Ich weiß, dass das eigentlich nicht sein soll/darf, aber was soll ich machen?
Das Segufix wurde bisher nur einmal verwendet, und zwar im o.g. Fall, und da auch nur die beiden Armgurte und die Fußfixierungen.


Gibt es ansonsten Hilfe zur Nachbearbeitung solcher Fälle? Könnt ihr euch gegenseitig eine Stütze sein? Wurdet ihr von einem Vorgesetzten (Oberarzt, Stationsleitung oder wer auch immer) mal gefragt, wie es euch geht?
Mein Stationsleiter hat direkt nach der Situation gefragt, ob alles ok ist. Außerdem hat er sich entschuldigt, dass er mich während der Situation ziemlich barsch angefahren hat und lauter wurde. Kann ich ja aber in solch einer Stresssituation vollkommen verstehen, das war ja nicht das Problem. Außerdem sagte er mir, dass ich in Zukunft bei solchen Patienten gleich von Anfang an den Oberarzt so lange "nerven" solle, bis er gleich eine angemessene Sedierung anordnet, um solche Situationen zu vermeiden.
Ansonsten kam die Situation nicht mehr zur Sprache.


Ich denke,ich werde ihn nochmal ansprechen. Ich möchte gerne fragen, ob die Möglichkeit einer Fortbildung bzgl. der Handhabe mit dem Segufix-System besteht.
Es war nämlich sehr problematisch, dass von 5 anwesenden Personen nur eine wusste, wie diese Gurte angelegt werden, der Rest hat herumprobiert, zig mal umfixiert oder ratlos daneben gestanden.

Auch den Vorschlag eines Deeskalationstraining finde ich super, danke dir Rettungshase! Auch das werde ich mal vorschlagen. Auch wenn ich wahrscheinlich schief angeschaut werde oder mir einen blöden Spruch anhören kann...


CIRS?
Ist auch eine sehr gute Idee, danke! Daran hab ich ehrlich gesagt noch gar nicht gedacht, da es in meinem Ausbildungshaus kein CIRS gab^^ Aber bei meinem jetzigen AG gibt es das wirklich. Wenn ich heute Nacht im Nachtdienst mal etwas Luft haben sollte, schau ich mich diesbezüglich mal im Intranet um :-top

WackenDoc
14.02.2017, 09:18
Es gibt auch strukturierte Nachbesprechungen belastender Ereignisse- und sowas würde auf jeden Fall darunter fallen. Dient der Prophylaxe von Traumafolgestörungen.

Man macht das üblicherweise nachdem man nachbreitende Maßnahmen abgeschlossen hat. Wichtig ist Raum und Zeit, wo keiner stört, aber in zeitlicher Nähe zu dem Ereignis- z.B. nach Schichtende. Das kommt noch vor der fachlichen Nachbesprechung.

Dabei geht es um einen, die Informationen zu einem Gesamtbild zusammenzuführen- die einzelnen Beteiligten haben ja meist nur Bruchstücke. Es geht um Gefühle, die man erlebt hat. Man stellt in der Regel fest, dass man nicht der einzige war, der so gefühlt hat. Und es schließt mit Informationen, zu Reaktionen die in den nächsten Tagen auftreten können, sowie Hilfsangeboten.
Das Ganze nennt sich critical incident stress debriefing.
Durchgeführt werden kann das z.B. bei Mitarbeitern des KIT oder auch der Seelsorge (wäre interessant, mal rauszufinden, wer bei euch für sowas zuständig wäre.)

Ich habe sowas bisher 1x zusammen mit unserem Militärseelsorger durchgeführt. War ne gute Sache und die Teilnehmer haben davon profitiert.
Und einmal ein Debriefing in einer etwas anderen Form als Beteiligter.

Leider ist sowas im Krankenhausalltag völlig unüblich. Im Rettungsdienst gibt es teilweise Ansätze. In der Luftfahrt und auch dem Militär ist es eher verbreitet.

Feuerblick
14.02.2017, 09:29
Also mit dem "es geht dabei um Gefühle" könnt ich ja nix anfangen. Ich meine, ist es nicht völlig logisch und natürlich, dass man in solchen Situationen zwischen Wut, Hilflosigkeit, Überforderung und Angst schwankt? Muss man das echt aussprechen, damit die anderen wissen, dass sie nicht alleine sind???? Ich gebe zu, so manch ein Psycho-Konzept verstehe ich nicht...
Das mag vielleicht in Kriegssituationen noch was anderes sein, weil das nunmal nicht alltäglich ist. Aber bei nem randalierenden Patienten/Mitbürger?

Absolute Arrhythmie
14.02.2017, 09:55
Also mit dem "es geht dabei um Gefühle" könnt ich ja nix anfangen. Ich meine, ist es nicht völlig logisch und natürlich, dass man in solchen Situationen zwischen Wut, Hilflosigkeit, Überforderung und Angst schwankt? Muss man das echt aussprechen, damit die anderen wissen, dass sie nicht alleine sind???? Ich gebe zu, so manch ein Psycho-Konzept verstehe ich nicht...
Das mag vielleicht in Kriegssituationen noch was anderes sein, weil das nunmal nicht alltäglich ist. Aber bei nem randalierenden Patienten/Mitbürger?

Also mich hat es in den zwei Jahren auf Intensivstation sehr belastet, dass ich mich nicht mit meinen Kollegen über schlimme Situationen austauschen konnte. Da kam häufig nur ein "Dann bist du eben nicht hart genug" von den erfahrenen Kollegen. Da hat keiner zugegeben, dass er überhaupt Gefühle hat. Wenn es überhaupt jemals jemand geschafft hat, emotionale Regungen "rauszulassen", dann über eine extrem derbe Sprache.
Mich haben einige Situationen damals sehr mitgenommen (sehr junge, sehr kranke Patienten, Kinder an der ECMO, schrecklichste Verläufe, Schwangere mit Lungenembolie etc). Da von außen zu erfahren, dass ich nicht hart genug sei wem mir das was ausmacht, hat sehr an meinem Ego gekratzt. Ich war damals 22 Jahre alt, Berufsanfänger und so oder so von den Anforderungen erstmal ziemlich überfordert. Da zweifelt man dann schnell an seinen Fähigkeiten.
Daher finde ich es schon echt wichtig, auch mal mit jemandem zu reden und seine Gefühle zu verbalisieren. Sonst geht man innerlich schneller kaputt, als man gucken kann (man siehe sich einige alteingesessene Intensivlinge nur mal an).
Nach meinem Wechsel in die Psychiatrie wurde dann manchmal zu viel geredet :-))
Aber lieber so als anders rum!

Feuerblick
14.02.2017, 10:28
Ich gebe zu, dass ich es für überflüssig halte, Gefühle zu verbalisieren. Zumindest dann, wenn ich weiß, dass diese Gefühle ganz normal sind. Auch bei miesen Verläufen.

Wobei ich aber auch nie erlebt habe, dass man nicht nach Einsätzen oder Problemen einfach mit den anwesenden Kollegen drüber gesprochen hat. Einfach weil man doch immer direkt danach über sowas quatscht. So im Sinne von "Hey, das ist grad echt blöd gelaufen. Der arme Patient" oder "Sowas hab ich ja noch nie erlebt. Schade, dass wir den nicht retten konnten"... Ich bräuchte dafür definitiv keine besondere Runde oder sowas. Und wenns nix zu verbalisieren gibt, dann gibts halt nix. Ich habe Patientenschicksale aber auch nie persönlich genommen, weshalb emotionale Reaktionen da auch gar nicht aufkamen oder mich runtergezogen hätten. Das einzige, was mich wirklich betroffen hat und hätte, wäre, wenn ich selbst irgendwelche Fehler gemacht hätte. Aber kranke, sterbende Menschen (auch Kinder) gehören für mich zum Berufsbild und zum Leben dazu. Dass mir das jetzt wirklich was ausgemacht hätte, wenn ich selbst richtig gehandelt habe, kann ich nicht behaupten.
(Bevor du fragst: Ich habe im Rettungsdienst und im Rahmen meiner Frühchenbetreuung als Augenärztin viel Übles und Trauriges gesehen)

Im Fall der TE würde ich sinnvollerweise aber darüber sprechen, was schiefgelaufen ist, eine Art SOP für sowas erarbeiten und die Mitarbeiter in Fixierungsmethoden schulen. Über Gefühle reden hilft wenig, wenn es das nächste mal hart auf hart kommt und wieder alle wie der Ochs vorm Berg stehen.

Absolute Arrhythmie
14.02.2017, 10:40
Was den letzten Absatz betrifft, stimme ich dir 100%ig zu. Da ist von Ablauf her echt was schief gelaufen, und dadurch wurde der Patient gefährdet und Mitarbeiter verletzt. Da wäre ein Gespräch, was man in Zukunft besser machen kann, auf jeden Fall angebracht.

Zum Thema Gefühle, etc: da ist wohl einfach jeder anders, das kann man nicht pauschalisieren. Der eine steckt "schlimme" Sachen einfach weg, der andere muss darüber reden um gut damit umgehen zu können. Beides in aber in Ordnung!
Mich haben auch nicht die Patientenschicksale mitgenommen (bzw nur in einigen Ausnahmefällen), sondern eher das Gefühl der eigenen Insuffizienz.
Und sowas wie "Boah, das war schlimm, der arme Patient!", hätte mir schon gereicht. Ich hab eher Kommentare gehört wie:"ach, das war noch gar nichts! Ich hab sowas schon hundert mal erlebt/viel schlimmeres gesehen/beliebig durch harte-Hund-Geschichte ersetzbar".

Feuerblick
14.02.2017, 10:45
Stimmt, da ist jeder anders gestrickt. Ich brauche nicht zu hören, dass das jemand auch schlimm findet. Ich kann auch gut damit leben, dass jemand ähnliche Schwänke aus seinem Leben zum besten gibt. Aber ich bin da auch zugegebenermaßen sehr distanziert...

WackenDoc
14.02.2017, 12:06
Nein- da geht es eher weniger drum, das genaue Gefühl zu verbalisieren, sondern darum wie jeder die Situation erlebt hat. Es gibt keine Pflicht in dieser Runde zu sprechen.

Von der einen Situation an der ich selber beteiligt war, kann ich ganz grob was schreiben- da war es wichtig die unterschiedliche Wahrnehmung zum gleichen Sachverhalt zu hören. Z.B. das die die eine Unterstützung benötigt hatten, gar nicht wahrgenommen hatten, dass sie im Stich gelassen wurden, was aber die Befürchtung der Unterstützungkräfte war, wegen eines Zeitverzugs (ich kann und will das nicht genauer beschreiben).

Das andere Ereignis war schlichtweg in sich völlig irrwitzig mit unmittelbarer Lebensgefahr.

Das muss man natürlich auch nicht bei jedem Ereignis machen. Selbst erlebte Gewalt, gerade in einer schlecht kontrollierten Situation ist aber nicht ohne und wird leider oft unterschätzt. Das Ausmaß der eigenen Hilflosigkeit bestimmt dabei stark die Bewertung der Situation.

morgoth
14.02.2017, 21:13
Wobei es (aus fachpsychiatrischer Sicht) Hinweise dafür gibt, dass Debriefing (in einem Gruppensetting) eher kontraproduktiv ist - zumindest was die psychiatrischen "Kracher" PTBS o.ä. angeht. Würde das also nicht uneingeschränkt empfehlen wollen - einige meiner aktuelleren Lehrbücher raten sogar explizit davon ab.

Dass die geschilderte Situation nachbereitet (bspw. in Einzelgesprächen mit Verantwortlichen/Erfahreneren) werden und ggfs. auch zu Veränderungen der Behandlungsprozesse führen sollte, ist aber dringend empfehlenswert.

McDübel
15.02.2017, 01:01
Dazu hatte ich auch mal einen Artikel gelesen, in dem es ungefähr hieß, dass die Gespräche, in denen es um die Emotionen der Personen in Bezug auf das Erlebte geht, ausschließlich in Einzelgesprächen erfolgen sollte, um evtl. gefährdete Personen für eine PTBS rausfischen zu können und diese nicht durch andere Personen und deren Schilderungen getriggert werden. Gruppengespräche sollten in diesem Sinne eher der Infoweitergabe dienen und über Traumata aufklären.

Was steht dazu in Deinen Büchern, morgoth? Warum wird da explizit abgeraten?