Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gewalt in der Geburtshilfe
Da hinkt auch der Vergleich mit der Gallen-OP, da bist du als Patient machtlos. Frau unter Geburt kann schon selber wissen, wann sie pressen muss, wann sie eine Pause braucht, oder wie sie sich positioniert, etc.
Sehe ich anders. In beiden Fällen brauchst du ein gewisses Vertrauen in das Können und die Einschätzung des Arztes oder der Hebamme. Wenn du so argumentierst kann der Gynäkologe auch vorm Zimmer warten bis die Kreißende glaubt, dass sie eine Sectio braucht. Oder eine VE. Oder einen PDK. Wenn man das (soweit möglich) gemeinsam entscheidet wird m.E. was gutes draus.
Espressa, was ist eigentlich deine Meinung zur "Güter-Abwägung" - wenn also z.b. der Geburtsplan der Mutter potentiell mit der Gesundheit des Kindes kollidiert? Zum Beispiel vehemente Ablehnung einer Sectio oder das Bestehen auf Wunsch-Sectio mit 35 SSW? Ist eine ernstgemeinte Frage und beide Fälle habe ich schon erlebt.
Am besten wäre es wahrscheinlich, wenn es möglich wäre, Frauen verpflichtend umfassend über alles Wissenswerte aufzuklären. Und zwar aus allen Blickwinkeln heraus. Sowohl unter dem Gesichtspunkt der Natürlichkeit als auch unter medizinischen Gesichtspunkten. Ohne irgendwelche ideologischen Gewichtungen. Dann wäre das „Spüren“ sicher einfacher und es gäbe auch bei notwendigen medizinischen Maßnahmen mehr Verständnis. Und es würde auch Angst nehmen, ausgeliefert zu sein. In Ausnahmesituationen wie dieser (weniger, weil es so schrecklich und gefährlich wäre als vielmehr, weil Hormone im Spiel sind, die doch sehr irrational machen) wäre das sicher hilfreich.
Ich kenne mich mit Geburtshilfe so gar nicht aus, habe da kein Interesse dran und auch selbst nie geboren aber ich muss hier kurz mal unqualifiziert zwischenfragen: gibt es denn für Schwangere vor der Geburt GAR KEINE Aufklärung? Wenn man bedenkt, dass jede OP, so klein sie auch sein mag, quasi bis zum Tod aufgeklärt wird mit allen noch so absurden Möglichkeiten der Komplikationen finde ich es irgendwie seltsam, dass man über die Geburt mit ihren Möglichkeiten und Folgen so gar nicht aufgeklärt wird. Gerade, dass so Sachen wie PDA quasi auch erst dann aufgeklärt werden wenn die Frau schon unter Wehen im Kreissaal liegt. In so einer Situtation würde die meistens Frauen wohl auch eine Waschmaschine kaufen wenn es ihnen danach besser ging, da kann man doch überhaupt nicht mehr vernüftig entscheiden.
Und da gerade die Geburt oft so romantisiert und überhöht wird und die Fallhöhe sehr hoch ist wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, wäre es doch wirklich sinnvoll auch bei erwarteter unkomplizierter Geburt über Eventualitäten aufgeklärt zu werden und im Falle eines Falles von gewissen Maßnahmen nicht völlig überfahren wird und sie dann in der Situation auch als Gewaltanwerdung empfindet.
vanilleeis
07.01.2018, 20:54
Eine Aufklärung setzt ja die Möglichkeit voraus, etwa ablehnen zu können. Geht bei ner Geburt schlecht :-)
Was willst du da also aufklären? Und wer?
Hebammen oder Ärzte könnten aufklären, wenn man sich dort in der Klinik anmeldet. Oder der Niedergelassene Gyn. Allerdings, wenn du die Möglichen Komplikationen einer vaginalen Geburt umfassend aufklärst: eine Erstgebärende verängstigtest du damit komplett. Mit Alternative Sectio auch. Allerdings habe ich (im Freundeskreis unter den nicht-Ärzten) schon einiges mitbekommen in den letzten 3 Jahren, wo einfach keiner vorher (!) irgendwas erklärt hat, wie und was blöd laufen kann etc. Und was schief gehen kann, sehr schief (das Gott sei Dank nicht im Freundeskreis).
Feuerblick
07.01.2018, 21:18
@vanilleeis: Ich persönlich meinte eine Aufklärung während der Schwangerschaft. Über alles rund um die Geburt. Über Ablauf und Co, aber auch über mögliche Eingriffe. Darüber, was Ärzte und Hebammen tun (können/müssen) etc. Weit VOR Geburt. Während der Wehen brauchste nicht mehr, da klärt sich ein Kleinkind einfacher auf :-))
Aufklären im Sinne von Wissen vermitteln. Nicht im Sinne von einer Aufklärung für Eingriffe...
Warum verängstigt man eine Erstgebärende, wenn man ihr erklärt, wie eine Geburt abläuft? Was da passiert, wie es passiert, wann was passiert? Und wenn es nicht klappt, welche Optionen es gäbe? Ich persönlich fände sehr beruhigend, wenn das Ganze kein Mysterium wäre sondern ich wüsste, was da auf mich zukommen kann.
Eine Aufklärung setzt ja die Möglichkeit voraus, etwa ablehnen zu können. Geht bei ner Geburt schlecht :-)
Was willst du da also aufklären? Und wer?
Stimmt, so betrachtet hast du natürlich Recht.
Dachte jetzt auch weniger an eine Aufklärung wie für OP oder Narkose sondern mehr so an eine umfassende Information über die Mittel und Möglichkeiten unter der Geburt. Ich kenne mich da, wie gesagt, so überhaupt gaaar nicht aus. Aber gibt es nicht auch Kreissaalführungen für Schwangere, was wir da denn so erzählt. Könnte man da nicht eine Arzt "Workshop" mit einbringen, in dem man sowas wie Geburtszangen oder Saugglocken schonmal vorstellt und infomiert, wie sowas funktioniert. Oder eben den Ablauf des Kristellerns, damit Frau einfach eine gewisste Vorstellung davon hat und sich vielleicht nicht ganz so misshandelt fühlt wenn es dazu kommen sollte. Einfach um den Frauen eine gewisse Vorstellung zu geben von dem, was da eigentlich auf die zukommt.
@Espressa: Ich glaube nicht daran, dass eine Frau genau weiß was sie unter der Geburt zu tun hat. Gerade bei der ersten Geburt, aber auch bei weiteren, ist eine Führung durch ausgebildetes Personal nötig (du hast ja wahrscheinlich auch eine Hebamme dabei und nicht irgendeine Freundin?). Ich denke das Risiko was allgemein bei Geburten passieren kann wird zu hoch eingeschätzt. Trotzdem glaube ich, dass es Situationen gibt, die bei einer Hausgeburt nicht durch eine Hebamme alleine versorgt werden können und die das Leben der Mutter und/oder des Kindes gefährden (auch bei unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf und mehreren komplikationslosen Geburten). Und ich glaube auch, dass dann nicht genug Zeit in eine Klinik zu fahren. Ich möchte dieses Risiko nicht eingehen und ich würde Freundinnen darüber aufklären, aber das darf jeder selber entscheiden.
Rhiannon
07.01.2018, 21:32
Bei uns gibts tatsächlich einen Bogen „Geburtshilfliche Maßnahmen“, wo Dinge wie MBU, VE, Notfallmaßnahmen beschrieben sind. Sieht aus wie ein OP-Aufklärungsbogen und zumindest bei Erstgebärenden sind wir dazu angehalten das mit denen durchzugehen sofern noch sinnvoll möglich. Also nicht mehr unter stärksten Wehen, wo eh nix mehr geht. Aber zb bei den Frauen mit Blasensprung, wo man ohnehin noch über das weitere Vorgehen spricht, sagt man halt einfach noch was mehr dann. Zumindest wenn die Frauen das überhaupt hören wollen. Viele lehnen tatsächlich dankend ab, wenn man ihnen die Informationen anbietet.
Aufklären im Sinne von Wissen vermitteln. Nicht im Sinne von einer Aufklärung für Eingriffe...
Warum verängstigt man eine Erstgebärende, wenn man ihr erklärt, wie eine Geburt abläuft? Was da passiert, wie es passiert, wann was passiert? Und wenn es nicht klappt, welche Optionen es gäbe? Ich persönlich fände sehr beruhigend, wenn das Ganze kein Mysterium wäre sondern ich wüsste, was da auf mich zukommen kann.
Dafür gibt es doch in Deutschland die Geburtsvorbereitungskurse, die von Hebammen durchgeführt werden, oder?! Einige meiner Lieblings-Hebammen schwören auf die gute Vorbereitung, da mit richtiger Atemtechnik die Geburt viel leichter läuft. Wobei ich da als kinderloser Mann natürlich auch nicht so mitreden kann :-P
Ich kann gerade nicht gut zitieren, aber Feuerblick: was Geburt betrifft, wird den Frauen durch die Klinik schnell jegliche Intuition genommen. Da ist, auch bei unauffälligem Verlauf, in vielen Kliniken nichts mit Privatsphäre, da sind die Kreißsäle hell erleuchtet wie OPs, da werden die Gebärenden, um es Hebammen und Geburtshelfern zu vereinfachen, aufs Bett gezwungen (und oft werden ja gerade in der Position die Herztöne schlecht etc.).
Und THawk, ich kenne inzwischen diverse Frauen, die mit ihrer Sectio Probleme haben. Und das sind nicht nur die, die eine Notsectio erlebt haben, sondern die, bei denen die Indikation nicht so klar war/ist und die sich eben deshalb schlecht behandelt fühlten, weil es vielleicht auch anders (mit gutem Ende für alle) gegangen wäre. Wobei bei „Euch“ meines Wissens die Sectiorate auch viel niedriger ist als hier im Bundesland.
Und es gibt eben diverse Maßnahmen, die ergriffen werden, obwohl sie nicht wirklich notwendig sind. Warum muss Oxytocin gegeben werden, nur weil die Muttermundsöffnung bei gutem ctg langsamer als nach Lehrbuch erfolgt? Warum muss überhaupt, solange es Mutter und Kind gut geht, soviel vaginal untersucht werden? Warum wird bei unauffälligem ctg zwei Stunden nach vollständiger Eröffnung die Sectio gemacht, nur weil das Kind noch nicht da ist und vielleicht (bei unauffälligem ctg) nur noch ein paar Positiobswechsel zum Eindrehen gebraucht hätte?
Und das Erleben der Geburt, ggf. auch die Trennung bei einer Sectio etc. hat leider einfach (bzw. kann ihn haben) auch einen Einfluss auf die Bindung, den Stillerfolg, das Ausbilden von psychischen Erkrankungen im Wochenbett etc.
Und dass man sich in die Klinik begibt und möchte, dass die Ärzte komplett im Hintergrund bleiben und nur bei Problemen bzw. zu den Presswehen dazukommen: doch, genau so sollte es ablaufen! Wobei eben natürlich nicht die Frau allein im Kreißsaal, sondern idealerweise mit 1:1-Betreuung durch eine Hebamme sein sollte.
LG
Ally
Espressa
08.01.2018, 07:28
Ich fand Feuerblicks Einwand gut, einfach weit vorher wesentlich mehr über Schwangerschaft, Wehen, Geburt zu informieren. Da sehe ich auch viele Mängel und Wissenslücken bei den Frauen, nicht jede macht einen Geburtsvorbereitungskurs, und was darin vermittelt wird kann auch sehr unterschiedlich ausfallen.
Bei einer Kreißsaalführung Zangen zu zeigen und Kristellern zu demonstrieren - da laufen die Schwangeren aber schreiend davon, tatsächlich kannst du damit durchschnittliche Frauen verängstigen. Ebenso glaub ich würden ganz viele mehr Respekt vor einer Sectio haben, würden sie es mal genauer durchdenken oder gar sehen, da haben viele auch eine romantischere Vorstellung.
Ich muss ehrlich gestehen dass ich gar nicht weiß, was der Durchschnittsfrau erzählt wird, weil ich aufgrund medizinischen Vorwissens und Praktika recht zügig abgewunken hab dass ich eh weiß was alles kommen kann. Und bei einer Vorstellung in der Klinik eh alles unterschreibe, weil ich davon ausgehe, dass ich wenn ich dort mal aufschlage, auch tatsächlich irgendwas von den Maßnahmen in Anspruch nehmen muss.
Ich hatte zuhause halt einfach gut voranschreitende Geburten. Die Hebamme war da, hat einmal bei Ankunft MM-Öffnung geprüft, da war es immer so 5-6 cm, und innerhalb einer Stunde war das Kind da. (Ich kam im Vorfeld auch gut klar, weil ich durchaus gut vorbereitet war, welche Atmung, Bewegung, Baden etc. den Wehenschmerz erträglich macht, und brauchte in dem Moment auch keinen, der irgendwie "hilft". Im Gegenteil, finde es eigentlich ganz angenehm, in dem Moment nicht unbedingt noch unter Beobachtung zu stehen). Es war somit gar keine Zeit, groß was zu machen, war ja auch nicht nötig, die Wehen steigerten sich, irgendwann kam der Pressdrang, ich presste, Kind kam raus.
Und die Theorie ist, dass es bei vielen Frauen so wäre, würde man sie nicht so sehr stören, durch Tasten hier, CTG da, Braunüle dort, unterschreiben hier, hallo Schichtwechsel ich bin neu, neue Umgebung, Transport, schreiende Frauen im Nebenzimmer etc. Daher denke ich schon, am besten wäre ein Setting, bei dem die Frau eine Hebamme hat, die sie evt. schon von Vorsorgen kennt (denn Hand aufs Herz, dazu braucht es auch nicht jedes Mal einen Arzt), mit der das meiste besprochen werden konnte, und die eben da ist. Und erst im Falle von Ungereimtheiten überhaupt einen Arzt oder irgendeine Diagnostik oder Intervention ins Spiel kommt. Also durchaus die Frau mit einer ihr vertrauten Fachkraft entscheidet, ob und wann sie was gemacht haben will. Dies darf auch so kommuniziert werden, und die Frau soll ja auch beraten werden, und soll dann auf Wunsch auch die Entscheidung abgeben können. Aber nciht andersrum, dass sie grundsätzlich nichts zu melden hat, und erst auf Wunsch mitentscheiden darf. Ich meine, Deutschland kriegt eh schon so wenig Kinder, da müsste es doch drin sein, wenn ich denke für was alles sonst Gelder rausgeschmissen werden...
Was nun bei ganz widerspenstigen Frauen ist, die sehr gefährliche Wünsche haben? Nun, ich denke durch die geschilderte Vorbereitung würde man die Zahl derer sicher minimieren können. Aber ich geh auf THawks Einwände später noch ein, muss nun los!
In Deutschland gibt es doch gar nicht so wenige Geburten und außerdem werden doch die ersten Häuser wegen zu wenig Geburten geschlossen.
Kannst du auch noch zwei Sätze zum Risiko von Hausgeburten schreiben? Da würde mich deine Meinung einfach interessieren.
tragezwerg
08.01.2018, 08:46
Ich finde die Qualität der Geburtsbegleitung sowie Vorbereitung hängt enorm von der Personaldichte ab. Und die ist in deutschen Kliniken katastrophal. Hier in der Umgebung hat kein Kreißsaal alle Stellen besetzt, und eine Nachsorgehebamme findet auch nur 75% der Schwangeren. Wenn eine Hebamme im Kreißsaal gleichzeitig 4 Gebärende betreuen muss kann das ja nicht auf die Schwangere zugeschnitten und sinnvoll erfolgen. Also sind die Schwangeren sich selbst überlassen, liegen rum, sind überfordert.
Ich denke das muss man differenzierter betrachten. Dass komplett ohne Medizin Mütter und Kinder zu Schaden kommen, glaube ich schon. Wenn ich keine Frühgeburten verhindern oder versorgen kann, keine Gestosen behandeln, keine Sectio bei geburtsunmöglichen Lagen machen kann. Mütterliche, ggf präexistente Erkrankungen (Diabetes, Hypertonus...) weder erkannt noch behandelt werden, Infektionskrankheiten nicht vorgebeugt werden kann, Rhesusprophylaxe unbekannt ist. Ich denke man kann nicht ganz mit „früher“ oder mit Entwicklungsländern vergleichen (wo noch Mangelernährung und miese Hygieneverhältnisse dazukommen.
Ich denke schon, dass man da durchaus Vergleiche anstellen kann. Wenn Du Dir den Link bzgl. der "Hausgeburt" mit Todesfolge durchgelesen hast und auch die weiterführenden Links mal angeguckt hast. Das war quasi eine Geburt wie "früher". Im Hotel, Frau unfähig noch transportiert zu werden, Hebamme denkt, das geht schon. Ohne Instrumente (CTG oder sonstwas). Und lange Geburt OHNE irgendwelche Medikamente oder sonstwelche Interventionen. Mit leider schlechtem Ausgang. Für die Eltern, das Kind und AUCH für die Hebamme. Und ich fand die Aussage in einem anderen Text sehr lesenswert: "Das Gericht ist sehr mitfühlend mit den Eltern umgegangen. Es wurden keine kritischen Fragen an die Eltern gestellt, auch wenn diese schon sehr berechtigt gewesen wären." Und genau hier würde ich auch Lava wiedersprechen. Nein! Es ist nicht fies. Denn genau dann, wenn etwas passiert ist, wird nicht mehr gesagt "Ja, ich wollte eine natürliche Geburt ohne diese ganzen Interventionen. Ohne Nadel, ohne Untersuchungen, dafür wie früher". Sondern dann wird gefragt "Warum ist mein Kind tot / behindert?" Das darf doch in der HEUTIGEN Zeit nicht passieren.
Abseits von Sachen wie diesen sehe ich es doch recht romantisch, und möchte meinen dass gebären dann doch „funktioniert“. Und das Frauen auch dazu ermuntert werden können, zu spüren was geschieht, und nicht von außen kommandiert werden müssen. Da hinkt auch der Vergleich mit der Gallen-OP, da bist du als Patient machtlos. Frau unter Geburt kann schon selber wissen, wann sie pressen muss, wann sie eine Pause braucht, oder wie sie sich positioniert, etc.
Sehe ich nicht so. Aber ich bin ja auch der Meinung, dass viele Menschen heutzutage schlichtweg mit dem einfachen Überleben überfordert sind. Dies ist meine ganz persönliche Meinung, die aber jeden Tag aufs Neue bestätigt wird.
Die Klagementalität ist schon ein Argument, da sollte sich vielleicht auch was ändern...
Wie sollte sich da was ändern? Aus welchem Grund sind denn wohl die Beiträge der Haftpflichtversicherungen für Hebammen und Geburtshelfer / Gynäkologen so hoch? Zum Einen, weil die Zahlungen halt entsprechend hoch ausfallen (ein Kind ist ja i.d.R. organisch ziemlich gesund und kann eben normal 80+ Jahre alt werden, auch wenn es z.B. einen hypox. Schaden bei der Geburt erlitten hat), zum Anderen aber eben auch durch die Klagewilligkeit, die ja doch deutlich zunimmt...
Ich glaube, es ist wie in vielen anderen Bereichen: Die Menschen haben verlernt, auf ihren Körper zu hören. Sie wissen nicht mehr über natürliche Vorgänge Bescheid. Selbst wenn sie Bücher lesen, so sind die Informationen meist einseitig. Entweder zu romantisch oder zu medizinisch. Das geht denen so, die wegen harmlosem Bauchweh nachts die Notaufnahme aufsuchen, die wegen einer winzigen Schnittwunde den Rettungswagen rufen und eben auch schwangeren Frauen.
JA! Genau das meinte ich mit "sind mit dem schlichten Überleben heutzutage überfordert!"
Beispiel: RTW-Einsatz akutes Abdomen. Ausgang: Patientin hatte ungeschützten GV und nun läuft weißes Zeug aus ihr heraus.
(Lustige Geschichte, die aber GENAU dieses Problem beinhaltet.)
Am besten wäre es wahrscheinlich, wenn es möglich wäre, Frauen verpflichtend umfassend über alles Wissenswerte aufzuklären. Und zwar aus allen Blickwinkeln heraus. Sowohl unter dem Gesichtspunkt der Natürlichkeit als auch unter medizinischen Gesichtspunkten. Ohne irgendwelche ideologischen Gewichtungen. Dann wäre das „Spüren“ sicher einfacher und es gäbe auch bei notwendigen medizinischen Maßnahmen mehr Verständnis. Und es würde auch Angst nehmen, ausgeliefert zu sein. In Ausnahmesituationen wie dieser (weniger, weil es so schrecklich und gefährlich wäre als vielmehr, weil Hormone im Spiel sind, die doch sehr irrational machen) wäre das sicher hilfreich.
Was dann aber auch wieder als "Gewalt" aufgefasst werden kann. Denn wenn Du über alles aufklärst, dann fühlt sich Schwangere ja u.U. wieder unter Druck gesetzt, weil das Kind ja auch sterben könnte oder Schaden nimmt und damit die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird...
Ich hatte das Glück, in meiner Famulatur und im Gynpraktikum damals nur wirklich tolle Hebammen und Ärzte zu erleben. Und Frauen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich entspannt und weitestgehend unbeeinträchtigt gebären konnten. Mit allen Maßnahmen die nötig waren, aber mit keinen überflüssigen Maßnahmen. Wobei eine davon während der Geburt mal eben den Kreißsaal verließ und das Kind fast auf dem Gang bekommen hätte :-))
Was aber eben auch schon mehr als XX Jahre zurückliegt. :-nix
Ich fand Feuerblicks Einwand gut, einfach weit vorher wesentlich mehr über Schwangerschaft, Wehen, Geburt zu informieren. Da sehe ich auch viele Mängel und Wissenslücken bei den Frauen, nicht jede macht einen Geburtsvorbereitungskurs, und was darin vermittelt wird kann auch sehr unterschiedlich ausfallen.
Siehe Einwand weiter oben. Selbst DAS kann ja schon als Gewalt aufgefasst werden...
Bei einer Kreißsaalführung Zangen zu zeigen und Kristellern zu demonstrieren - da laufen die Schwangeren aber schreiend davon, tatsächlich kannst du damit durchschnittliche Frauen verängstigen. Ebenso glaub ich würden ganz viele mehr Respekt vor einer Sectio haben, würden sie es mal genauer durchdenken oder gar sehen, da haben viele auch eine romantischere Vorstellung.
Und damit würdest Du das Empfinden von "Gewalt" noch mehr fördern. Denn wenn das wirklich so ist, dann würde doch keine Frau eine Sectio wollen (abgesehen von denen, die das eh immer wollten). Nur was ist, wenn denn wirklich eine Sectio gemacht werden muss? Scheiß CTG? Stillstand? Drohende Erschöpfung der Mutter? Willst Du dann ernsthaft ausdiskutieren, ob die Sectio gemacht werden muss / darf / soll?
Dann muss ich kritisch hinterfragen, warum in einem Haus mit Geburtshilfe ein Anästhesieteam anwesend sein muss? ES-Zeit max. 20 Minuten? Aber nicht, wenn vorher eh alles ausgependelt werden muss.
Ich muss ehrlich gestehen dass ich gar nicht weiß, was der Durchschnittsfrau erzählt wird, weil ich aufgrund medizinischen Vorwissens und Praktika recht zügig abgewunken hab dass ich eh weiß was alles kommen kann. Und bei einer Vorstellung in der Klinik eh alles unterschreibe, weil ich davon ausgehe, dass ich wenn ich dort mal aufschlage, auch tatsächlich irgendwas von den Maßnahmen in Anspruch nehmen muss.
Also würdest Du doch auch Deine Verantwortung an der Kreisssaaltür abgeben! Selbst Du, als jemand, der eben weiß, was kommen kann. Und selbst Du empfindest dann bei gewissen Maßnahmen "Gewalt". So ganz passt das aber nicht, wenn man mal ganz rational im Nachgang drüber nachdenkt, oder?
Ich hatte zuhause halt einfach gut voranschreitende Geburten. Die Hebamme war da, hat einmal bei Ankunft MM-Öffnung geprüft, da war es immer so 5-6 cm, und innerhalb einer Stunde war das Kind da. (Ich kam im Vorfeld auch gut klar, weil ich durchaus gut vorbereitet war, welche Atmung, Bewegung, Baden etc. den Wehenschmerz erträglich macht, und brauchte in dem Moment auch keinen, der irgendwie "hilft". Im Gegenteil, finde es eigentlich ganz angenehm, in dem Moment nicht unbedingt noch unter Beobachtung zu stehen). Es war somit gar keine Zeit, groß was zu machen, war ja auch nicht nötig, die Wehen steigerten sich, irgendwann kam der Pressdrang, ich presste, Kind kam raus.
Und damit hattest Du einfach das Glück, dass Du über Dein Wissen und vll. über die regelmäßige Teilnahme an Geburtsvorbereitungskursen genau Bescheid wusstest, was gut für Dich ist. Aber das kannst Du nicht verallgemeinern.
Und die Theorie ist, dass es bei vielen Frauen so wäre, würde man sie nicht so sehr stören, durch Tasten hier, CTG da, Braunüle dort, unterschreiben hier, hallo Schichtwechsel ich bin neu, neue Umgebung, Transport, schreiende Frauen im Nebenzimmer etc.
Das funktioniert schon aus dem Grunde nicht, weil einfach nicht alle Dein Wissen haben.
Daher denke ich schon, am besten wäre ein Setting, bei dem die Frau eine Hebamme hat, die sie evt. schon von Vorsorgen kennt (denn Hand aufs Herz, dazu braucht es auch nicht jedes Mal einen Arzt), mit der das meiste besprochen werden konnte, und die eben da ist. Und erst im Falle von Ungereimtheiten überhaupt einen Arzt oder irgendeine Diagnostik oder Intervention ins Spiel kommt.
Damit sind wir aber wieder auf einer Schiene der Ahnungslosigkeit. Denn auch mal Hand aufs Herz: Ich würde als Arzt schon gerne wissen, was da alles bei mir im Kreisssaal liegt. Denn ich glaube, dass es auch besonders entspannend ist, wenn Du nachts um 3 angerufen wirst, weil JETZT doch irgendwas nicht passt.
Also durchaus die Frau mit einer ihr vertrauten Fachkraft entscheidet, ob und wann sie was gemacht haben will. Dies darf auch so kommuniziert werden, und die Frau soll ja auch beraten werden, und soll dann auf Wunsch auch die Entscheidung abgeben können. Aber nciht andersrum, dass sie grundsätzlich nichts zu melden hat, und erst auf Wunsch mitentscheiden darf. Ich meine, Deutschland kriegt eh schon so wenig Kinder, da müsste es doch drin sein, wenn ich denke für was alles sonst Gelder rausgeschmissen werden...
Zum Teil einverstanden. Siehe oben. Wo hört der Wunschgedanke auf? In dem Moment, in dem die Frau das Leben des Kindes aktiv gefährdet? Oder schon früher? Ich finde es schon komisch, dass man eine Braunüle als "Gewalt" oder nicht "gewünscht" empfindet. Genauso möchte ich im Krankenhaus ein Labor haben. Ich würde schon ganz gerne wissen, wenn irgendwas eben nicht stimmt.
Was nun bei ganz widerspenstigen Frauen ist, die sehr gefährliche Wünsche haben? Nun, ich denke durch die geschilderte Vorbereitung würde man die Zahl derer sicher minimieren können. Aber ich geh auf THawks Einwände später noch ein, muss nun los!
Oder es noch schlimmer machen. Soll ja auch Leute geben, die bei Warnungen / Aufklärung nur bockig werden. :-nix
In Deutschland gibt es doch gar nicht so wenige Geburten und außerdem werden doch die ersten Häuser wegen zu wenig Geburten geschlossen.
Kannst du auch noch zwei Sätze zum Risiko von Hausgeburten schreiben? Da würde mich deine Meinung einfach interessieren.
Die ersten Häuser? Alleine bei uns auf dem Land sind es mittlerweile DREI im direkten Umkreis. Das Problem ist, dass die Bestimmungen ja immer strikter werden (Pädiater im Haus, Mindestanzahlen, etc.), zum Anderen immer mehr Frauen sich direkt für das Krankenhaus mit Perinatalzentrum entscheiden, weil an dem Haus vor Ort eben kein Pädiater ist. Und dann frage ich mich schon, wie das zusammenpasst. Auf der einen Seite will ich immer mehr Sicherheit mit immer mehr Möglichkeiten vor Ort, aber auf der anderen Seite will ich das Minimalprogramm. :-nix
Feuerblick
08.01.2018, 09:42
Es ist „Gewalt“, wenn man den Menschen erzählt, was passieren kann? Und ihnen klarmacht, dass auch so etwas ganz Natürliches wie eine Geburt im Extremfall tödlich für einen oder beide Beteiligte enden kann? Echt jetzt? Sorry, aber das ist die NATUR... genau da fehlt das Bewusstsein.
Jeder noch so dämliche Hundezüchter weiß, dass ihm Welpen und Mama bei der Geburt sterben können, wenn Pech dabei ist. Bei Menschen ist das blöderweise nicht anders. Wo ist da bitte Gewalt im Spiel, wenn man Frauen erklärt, wie eine Geburt normalerweise abläuft, aber nicht vergisst, auch die möglichen Komplikationen und dann nötigen Interventionen zu beschreiben? Und zwar schon während der Schwangerschaft, nicht erst unter Wehen.
Bratze, was mich an deiner "Argumentation" stört, ist, dass du offenbar die Frauen, die eine Geburt als Gewalt empfinden, gleich mit Veganern und was weiß ich gleich setzt. Das ist aber nicht so! Ich kenne jetzt nicht Unmengen von Frauen, die sowas erlebt haben, und hab ja auch noch selber keine Geburt hinter mir, aber von dem, was ich bisher so gelesen habe, denke ich, dass es jede Frau treffen kann. Es behauptet ja auch keiner, dass jede Maßnahme immer unnütz und schlecht ist, aber wie schon andere hier schon beschrieben haben, kann man durchaus mal hinterfragen, ob es IMMER gerechtfertigt ist. Es gibt solche und solche Philosophien und ehrlich gesagt hab ich jetzt als Schwangere auch nicht die Lust, sämtliche Kliniken in der Gegend abzuklappern und zu informieren, wo es mir vielleicht am besten passen könnte. Wonach soll ich mich denn auch richten? Selbst als Mediziner empfinde ich mich beim Thema Geburtshilfe als Laie. Das fängt schon beim PDK an: ja oder nein? Woher soll ich das wissen?? Gott sei Dank habe ich eine Hebamme, der ich größtenteils vertraue, auch wenn sie wiederum einige Ansichten habe, die ich nicht teile. Ein Vorsprechen bei 5 verschiedenen Hebammen war leider auch nicht drin, hier in Berlin muss man schon froh sein, wenn man überhaupt jemanden findet.
Was die Geburtsvorbereitungskurse angeht: da bemängelt die "betroffene Freundin" von mir, dass die Kurse zu weit an der Realtität vorbei gehen. Meinen Kurs hatte ich noch nicht. Meine Hebamme meinte schon, es gäbe halt Kurse mit viel esoterischem Tralala, die totaler Quatsch sind, ihr sind andere Dinge wichtig. Da ich meinen Kurs nicht bei ihr habe, wird es auch nochmal eine Nachbesprechung geben.
Zum Thema Schockraum: ja, da hat der Patient wenig zu melden. Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, als wir mal jemanden bekommen haben, der in suizidaler Absicht aus dem 1. Stock der Onkologie gesprungen ist mit seiner Leukämie. Gott sei Dank hat er es trotzdem geschafft und ist gestorben.
Angeregt durch die Diskussion habe ich mal über mein eigenes Handeln nachgedacht und finde schon, dass ich selbst auch durchaus mal Gewalt ausübe, wo es unnötig ist. Das fängt beim Festhalten von Kindern zur Wundversorgung an und geht bis zum Reponieren von Frakturen. Da hat mir mal eine ältere Dame sinngemäß gesagt, das sei grausam, was ich da tue. In dem Moment dachte ich mir halt, die soll ihre Klappe halten, ich muss halt den Bruch richten, fertig. Aber ein bisschen mehr Aufklärung im Vorfeld hätte wahrscheinlich die Situation deutlich entschärft. Eigentlich versuche ich immer, dem Patienten zu verstehen zu geben, was mit ihm los ist und warum wir was machen. Aber manche brauchen da vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit als andere.
Feuerblick
08.01.2018, 09:47
Na, dann kläre mal ein brüllendes Kleinkind auf, dass du doch nur seine Wunde versorgen willst und es ruhig halten soll. Viel Erfolg! :-))
Ich weiß selber nicht, wie man das ideal löst.
Wunden am Kopf sind meistens kein Problem. Die klebe ich in 90% der Fälle. Außerdem kann man den Kopf ganz gut festhalten. :-)) Hände sind da anders. Da kommt man dann doch mal um eine Narkose oder zumindest eine Analgosedierung nicht herum. Leider ist die Anästhesie da meistens nicht so drauf ausgelegt. Zeit haben sie nicht weil OP und so wenn das kein Tagesgeschäft ist, gibts auch immer mal wieder Bedenken, weil Kind ja nicht nüchtern und so.
Wenn man genauer über das eigene Tun nachdenkt, kommen einem schon die Situationen in den Kopf, wo man das hier kritisierte Vorgehen in der Geburtshilfe ebenso durchzieht, eben wie von dir beschrieben Lava. Das ist eben jetzt so nötig und man will ja nur das beste für den Patienten, denkt man da. Ebenso wie in der Geburtshilfe.
Es ist „Gewalt“, wenn man den Menschen erzählt, was passieren kann? Und ihnen klarmacht, dass auch so etwas ganz Natürliches wie eine Geburt im Extremfall tödlich für einen oder beide Beteiligte enden kann? Echt jetzt? Sorry, aber das ist die NATUR... genau da fehlt das Bewusstsein.
Funkel, hast Du den Link ganz am Anfang dieses Freds gelesen? Da steht das so drin! Was da alles als "Gewalt" aufgefasst wurde... Und ja, ich kann das durchaus z.T. nachfühlen. Wenn Du da im Bett liegst und dann kommt jemand und sagt: "Entweder wir machen jetzt die Notsectio oder das Kind stirbt!" Was willst Du dann machen? Im Endeffekt wirst Du ja schon Deiner Entscheidungsmöglichkeiten beraubt. Und dass man das als "Gewalt" empfinden kann...
Angeregt durch die Diskussion habe ich mal über mein eigenes Handeln nachgedacht und finde schon, dass ich selbst auch durchaus mal Gewalt ausübe, wo es unnötig ist. Das fängt beim Festhalten von Kindern zur Wundversorgung an und geht bis zum Reponieren von Frakturen. Da hat mir mal eine ältere Dame sinngemäß gesagt, das sei grausam, was ich da tue. In dem Moment dachte ich mir halt, die soll ihre Klappe halten, ich muss halt den Bruch richten, fertig. Aber ein bisschen mehr Aufklärung im Vorfeld hätte wahrscheinlich die Situation deutlich entschärft. Eigentlich versuche ich immer, dem Patienten zu verstehen zu geben, was mit ihm los ist und warum wir was machen. Aber manche brauchen da vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit als andere.
Keine Frage. Auf der anderen Seite machst Du mit Aufklärung aber auch vieles kaputt. Wenn ich auf dem Sportplatz einem Jugendlichen erzähle, dass es gleich mal ordentlich weh tut, wenn ich die Patella reponiere, dann macht der dicht. Dann versuch mal, das Bein zu strecken. Wenn Du Dich aber normal mit ihm unterhälst, und dabei unauffällig das Knie untersuchst, und dann beim Smalltalk das Bein streckst, dann ist die Patella wieder drin, ohne dass da jemand was von gemerkt hätte. Gewalt? Ja sicher. Aber ist das jetzt was, wo man ein Fass für aufmachen muss? Oder eine Reportage drüber?
Powered by vBulletin® Version 4.2.3 Copyright ©2026 Adduco Digital e.K. und vBulletin Solutions, Inc. Alle Rechte vorbehalten.