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Lava
19.12.2017, 14:54
Durch eine (betroffene?) Freundin lese ich bei Facebook sehr häufig was von Gewalt in der Geburtshilfe. Zuerst konnte ich mir darunter gar nichts vorstellen. Nach und nach habe ich begriffen, dass da vor allem sowas wie Bevormundung gemeint ist (z.B. über die Geburtsposition) und das Durchführen von invasiven Maßnahmen entweder ganz ohne Aufklärung oder doch zumindest durch massiven Druck. Nachzulesen z.B. hier (http://www.gerechte-geburt.de/wissen/gewalt-in-der-geburtshilfe/). Letztendlich treffen da offenbar zwei unterschiedliche Perspektiven aufeinander: die professionell handelnden Personen, die ja irgendwie immer meinen, sie würden im Sinne der Patientin handeln und wüssten schon, was sie tun - und die Gebärende, die sich als Laie irgendwie unterwerfen muss, und sich durch mangelnde Aufklärung vielleicht tatsächlich gewaltsam behandelt fühlt.

Was mich jetzt ins Grübeln gebracht hat, war eine Unterhaltung beim Friseur neulich. Meine Friseuse hatte sich vor ihrer Geburt auch Gedanken gemacht und erwähnt, eine Hebamme (?) habe gesagt, es sei besser, man wüsste nicht, ob ein Dammschnitt gemacht wird, dann würde man nur zu sehr verkrampfen und es würde noch mehr weh tun.

Scheint also durchaus Realität zu sein...

Mir ist klar, dass dies ein sensibles und intimes Thema ist, über das hier niemand öffentlich seine eigenen Erfahrungen verbreiten wird, aber mich interessieren natürlich trotzdem eigene Erlebnisse. Wenn jemand was dazu zu sagen hat, gerne auch per PN.

Colourful
19.12.2017, 15:00
Gab es im Deutschlandfunk gerade eine spannende Reportage zu, musst du mal googlen. Persönliche Erfahrungen hab ich nicht, also bei mir war es ja durchaus in Ordnung, hab es auch nicht so empfunden.

Solara
19.12.2017, 15:14
Ich bin heilfroh, mich gegen Gyn entschieden zu haben, da kann man es nur falsch machen. Im Kreisssaal wird sehr viel falsch verstanden - in mindestens einem Fall kenne ich sowohl Patienten als auch professionelles Personal sehr gut. Was da von beiden Seiten falsch verstanden wurde - unglaublich.

Aber auch die professionelle Seite ist blöd dran, wenn sie im Fall des Falles nicht Tacheles redet, wird sie wegen folgender Geburtsschäden verurteilt. Redet sie Tacheles, beschweren sich die Patienten.
Kein einfaches Fach, ich bewundere diese Leute.

Eilika
19.12.2017, 16:37
Ich hatte ja bei Kind 1 eine eher unschöne Geburt. Cervixdystokie bei Einleitung. Später dann Geburts Stillstand und VE mit Episiotomie... ich wollte zwischendrin gar nix mehr wissen, sondern nur, dass die dieses Kind irgenwie da raus holen...

Eilika
19.12.2017, 16:39
Ach ja. Auch retrospektiv bin ich völlig im reinen mit dieser Geburt. Sie haben mich und mein Kind ohne Schäden da durch gebracht. Der Rest war mir gar nicht so wichtig...

Colourful
19.12.2017, 16:39
So ist es wohl. Ich muss sagen, dass es mir unter der Geburt wirklich geholfen hat, dass ich verstanden habe, dass die auch nur versuchen ihren Job gut zu machen und so eine Geburt ist nun Mal nicht unbedingt Wellness. Ob jetzt 3x MBU notwendig war, keine Ahnung, aber besser so als zu wenig Sauerstoff beim Baby. Passt.

Bei mir war es wie bei Eilika, nur ohne die Einleitung.

Feuerblick
19.12.2017, 16:49
Ich glaube ja, dass die im Spiel befindlichen Hormone es auch schwierig machen, das Ganze objektiv zu beurteilen. Sicher, die Gebärende sollte selbst merken, was gut für sie ist. Aber es gibt auch Situationen, da merkt sie es eben nicht und dann neigen gerade Hebammen auch zu autoritärem Auftreten.
Retrospektiv betrachtet kann das dann mal nach Bevormundung oder Gewalt aussehen. Womit ich allerdings nicht bestreiten möchte, dass es sowas wie wirkliche „Gewalt“ geben kann. Ich glaube einfach nur, dass es oftmals subjektiv dramatischer wirkt als es eigentlich (gemeint) war.

@Solara: Jau, ich bin auch froh, mich gegen Gyn entschieden zu haben. Obwohl ich gerade die Geburtshilfe toll fand. Allerdings war ich in meiner Famu auch mit Hebammen unterwegs, die einfach super waren.

WackenDoc
19.12.2017, 17:15
Nach dem was ich aus den entsprechenden Gruppen auf FB gelesen habe, liegt die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte (so wie meist).
Manche Frauen haben feste Vorstellungen davon wie eine Geburt zu laufen hat und realisieren nicht immer vorher, dass das nicht alles so wie im Film und lieb und nett und alles toll ist. Für die ist alles, was gegen die eigenen Wünsche läuft Gewalt.
Dann gibt es sicher Frauen, für die die Geburt an sich traumatisierend ist (Vorerfahrungen, Scham etc.).
Und dann gibt es sicher auch Hebammen und Gynäkologen, die schlichtweg übergriffig sind und teilweise knallhart ihre Position ausnutzen um Macht auszuüben.

rafiki
19.12.2017, 17:57
Hier ein einführender Artikel zum Thema:
http://www.who.int/bulletin/volumes/92/12/14-137869/en/

Rhiannon
19.12.2017, 18:37
Ein schwieriges Thema, mit dem wir bei uns im Kreißsaal natürlich auch ab und an konfrontiert werden. Es ist manchmal schon eine schwierige Gratwanderung. Einerseits bemühen wir uns, den Frauen wirklich alles zu sagen, was wir machen und warum es nötig ist. In manchen Situationen ist dazu aber auch einfach keine Zeit, manchmal muss man halt einfach nur noch agieren.
Schwierig wirds meist eigentlich nur mit den Hebammen/Geburtshelfern ganz alter Schule, die dann auch weniger partnerschaftlich unterwegs sind sondern sehr autoritär und auf der anderen Seite mit den Patientinnen, die mit seitenlangen Geburtswunschlisten kommen, wo wirklich alles ganz genau detailliert festgehalten ist und wehe es wird aus geburtshilflicher Notwendigkeit dann davon abgewichen, dann ist sofort alles ganz schlimm, selbst wenns nur (für unser Empfinden) Kleinigkeiten waren.

Tja, und manchmal hilfts einfach nicht und man muss den Frauen unter Geburt auch mal deutlich und mit Nachdruck sagen, was jetzt Sache ist. Manche Frauen verlieren sich so sehr in ihrem Schmerz oder in der ganzen Situtation, dass sie einfach gar nichts mehr machen, nicht auf normale Ansprache reagieren. Fast immer sind es dann aber auch die, die sich hinterher dafür bedanken, dass man sie in der Situation mal ein bisschen eingenordet hat durch deutliche Ansagen (wie sie atmen sollen, dass sie überhaupt ordentlich atmen, dass sie aktiv mitarbeiten müssen....), weil sie selber gemerkt haben, dass diese Ausnahmesituation sie irgendwoe ganz weit weg geschossen hat.

Es ist insgesamt echt schwierig zu sagen, was jemand schon als Gewalt empfindet und wo es einfach geburtshilfliche Notwendigkeiten sind, wo halt die Zeit nicht mehr da war für lange Erklärungen. Gerade wenn man als Geburtshelfer diese Roses Revolution - Berichte liest, gibts vieles, wo man echt schlucken muss, weil mans selber sehr unschön findet. Aber manches, das geb ich ehrlich zu, ist mir ein bisschen viel Mimimi wegen Kleinigkeiten. Da wird zum Teil ein falscher Satz von Arzt oder Hebamme zum Auslöser für ein ganz großes Geburtstrauma hochstilisiert, obwohl sonst auch laut Bericht in der Geburt alles gut war. Manchmal hat man schon das Gefühl, dass mans eh nur falsch machen kann........

Espressa
19.12.2017, 20:36
Ich bin ja teils in Kreisen der ausserklinisch Gebärenden unterwegs, und da ist es auch ein ganz großes Thema. Viele wünschen gerade nach traumatischen Krankenhausgeburten eben keine solche mehr, oft sind es auch ungeplante Sectiones, saugglocken, kristellern oder auch schon drängen zur Einleitung (die oft in Interventionskaskaden münden), die als gewaltsam empfunden werden.
Dann ist es einfach ein Eingriff in die Privatsphäre; vaginale Untersuchungen, wechselnde, zahlreiche anwesende Personen - ich denke ein Mediziner nimmt es lockerer, wir alle wissen ja wie es läuft. Aber wenn man sonst nie ein Krankenhaus betritt und einem die Routine fremd ist, dann ist es gerade in einer sensiblen Phase sehr unangenehm. Zumal es ja um einen physiologischen Prozess geht, der meistens komplett ohne eingreifen geht, so ist natürlich hinterher das Gefühl teilweise berechtigt, ob das denn alles nötig war.

Fr.Pelz
19.12.2017, 21:04
Habe erst Sonntag von einer Krankenschwester erfahren, dass sie in ihrer Spätschwangerschaft gegen ihren Willen vaginal untersucht wurde. Danach war wohl der Muttermund offen und die Geburt quasi eingeleitet. Das war die gleiche Gyn-OÄ die mir in der Schwangerschaft bei vorzeitigen Wehen Tavor andrehen wollte und echt aggressiv wurde, als ich das ablehnte.

Ich denke über das Thema aber, dass die Geburtshilfe halt eine Sonderstellung in der Medizin hat, im Grunde gibt es doch im klinischen Alltag dauernd Bevormundungen und unfreundliches Verhalten von ärztlichem und pflegerischen Personal. Manchmal erfordert es die Situation, manchmal hat jemand einen schlechten Tag. Es ist vermutlich dieses unglaubliche Hormonchaos und der wahnsinnige emotionale Stress, der dazu führt, dass man evtl Worte auf die Goldwaage legt, die da nicht hingehören. Und dann gibt es da noch die Diskrepanz zwischen der völligen Ausnahmesituation, in der sich die Frau befindet und dem Alltagstrott des Personals.

McBeal
20.12.2017, 08:52
Ich sehe da definitiv auch viel falsch laufen, auch in der eigenen Klinik. So viele Sectiones mit fragwürdigen Indikationen, quasi nur Geburten auf dem Kreißbett im Halbliegen, häufige vaginale Untersuchungen, Leute die einfach reinkommen, Kinder, die nach Sectio ihren Eltern erst fertig angezogen werden etc. pp.

Gebärende sind nunmal in einer besonderen Situation und sie sind keine Patientinnen, zumindest nicht krank, sondern suchen Unterstützung oder bestenfalls nur Sicherheit im völligen Hintergrund bei einem physiologischen Vorgang. Das ist etwas anderes als jemand, der mit Appendizitis in die Klinik kommt. Die Geburt ist ein Ereignis, auf das sie ins viele andere Menschen schon lange warten, auf das sie sich freuen und vor dem sie Respekt mitbringen.

Bei mir ist beim ersten Kind auch einiges an Behandlung, an Dingen, die „dahingesagt“ wurden etc. falsch gelaufen, zuviel ohne echte Indikation eingegriffen worden und mir auch ohne echte Indikation der Bauch aufgeschnitten worden und da bei uns auch die äußeren Umstände noch richtig traurig waren, war es für mich auch eher traumatisierend.

Zum Glück bin ich ein Mensch, der daraus die Konsequenzen gezogen hat, dass das meinen Kinderwunsch nicht kaputtmacht, sondern ich dafür sorgen kann und muss, dass es bei den anderen Kindern anders laufen muss und so habe ich das Glück gehabt, zwei wunderschöne Geburten ohne jegliche Interventionen mit einfühlsamer Begleitung durch Beleghebammen zu erleben.

Für mich liegt der Knackpunkt in dem sich absichern (müssen) der Ärzte und Hebammen. Es wird viel zu viel eingeleitet, geschnitten etc., weil sich alle absichern wollen und teilweise müssen und die Geburtshelfer bei der Sectio quasi immer im recht sind. Ich habe schon erlebt, dass auch Kinder als frühchen wegen sehr fraglicher Indikationen auf die Welt geholt wurden und jetzt teilweise Probleme haben...
Und so viele reifgeborene, die nach Einleitung und/oder Sectio eine respiratorische anpassungsstörung hatten plus dann traumatisierte Mütter, wo im Nachhinein die Indikation auch sehr fraglich war...

LG
Ally

Lava
20.12.2017, 09:10
Erstmal danke für die vielen Meinungen. Darüber zu diskutieren hilft auf jeden Fall schonmal. Ich will das nicht unnötig aufbauschen und schon vorher verurteilen, aber es völlig zu verschweigen ist auch irgendwie falsch und wenn man sowas liest, macht man sich halt seine Gedanken. Gerade, wenn man selbst nicht so viel Ahnung vom Thema hat und auf seine Behandler angewiesen ist.


- ich denke ein Mediziner nimmt es lockerer, wir alle wissen ja wie es läuft.

Die Freundin auf FB, die ich erwähnt habe, ist selber Ärztin. Trifft also nicht 100%ig zu. Aber natürlich weiß ich als Arzt, dass man eine andere Sichtweise hat. Wie oft denke ich, Mensch, muss das für den Patienten peinlich sein, so (halb)nackt dazuliegen, während ein halbes Dutzend Menschen um einen herum turnen.

McBeal
20.12.2017, 09:24
Und was Lava schon schrieb: vielen Frauen ohne medizinischen Bezug sind Dinge, die für uns selbstverständlich sind, unangenehm bzw. können, wenn vieles zusammenkommt, für Sie traumatisierend wirken: legen eines Zugangs (zum
Glück häufig nicht mehr Standard), vaginale Untersuchungen, vor allem durch mehrere Personen, diverse Personen, die einfach reinkommen, wenn Frau da „unten ohne“ ist etc.
Der Verlust der Selbstbestimmung bei Kristellern, dammschnitt, VE, sectio

tragezwerg
20.12.2017, 14:29
Ich habe auch schon verschiedene Dinge bei der Arbeit gesehen, die ich nicht wirklich in Ordnung fand. Andererseits ist der Umgang mit Kreißenden auch nicht immer ganz so einfach...wie einige hier schon geschrieben haben spielen da viele Faktoren mit rein.
Meine Entbindung war zwar keineswegs problemlos, ich fühlte mich aber gut aufgehoben (hatte aber auch massives Glück mit der Hebamme), durfte immer mit entscheiden und mir wurde nichts aufgezwungen. Ich kannte allerdings auch alle Beteiligten weil ich selbst mal in der Klinik gearbeitet hatte, das war ein großer Vorteil.

Salzi19
20.12.2017, 21:17
Also ich habe mich ab der Aufnahme im Krankenhaus sehr gut betreut und versorgt gefühlt, obwohl in der Nacht auch echt viel los war.
Insgesamt hatten meine Geburtshelfer sehr viel Geduld um kindsdrehung, stockende und unzureichende wehen und noch ein paar andere Sachen abzuwarten, sodass der kleine es ohne sectio geschafft hat. Die herztöne vom Kind waren allerdings auch zu keiner Zeit kritisch, sonst hätte ich zu allem ja und amen gesagt um ihn zu holen. So richtig beurteilen ob da was hätte anders laufen können, könnte ich im Nachhinein eh nicht mehr.

IlkaT
27.12.2017, 10:47
Ich hatte mehrere Gespräche mit Leuten, die es traumatisierend fanden. Es waren alles Leute ohne medizinisches Hintergrundwissen und sie schilderten mir Situationen, in denen ich als Nicht-Gyn eine Dramatik sah, die für mich die maßnahmen absolut erklärte. Als ich es denen versuchte zu erläutern, waren sie nicht offen für meine Erklärung oder sagten, dass hätte man ihnen mal genauso erklären sollen - vorher (die Zeit war aber mit Sicherheit nicht vorhanden).
Auch ich hatte keine Traumentbindung. Ich war 54 Stunden unter Geburt mit schließlich Einleitung und notwendigem PDK (fühlte okeine Wehenpause mehr), etwas länger und es wäre zu eine Sectio bei schlechtem CTG und mütterlicher Erschöpfung gekommen. Natürlich wurde ich dirigiert, aber das war auch gut so. Da ich etwas verstehe, benötigte ich auch keine großen Erklärungen ("WIr müssen das Kind rauskristellern, also ... "Ich weiß, machen Sie einfach"). Ich kann mir vorstellen, dass ein medizinischer Laie auch diese Entbindung als traumatisierend empfunden hätte.

Lava
02.01.2018, 13:53
Die Hebammenkolumne hat sich auch mal dem Thema gewidmet: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/46767/Das-Kind-muss-raus

@IlkaT: Im Falle meiner Freundin war es eben kein medzinischer Laie. Also dieses Argument greift auch nicht immer.

McBeal
02.01.2018, 17:18
Den Text finde ich gut. :-)

LG
Ally