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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kann der Arzt Fehler machen?



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anignu
19.10.2019, 17:12
Wird doch eh schon gemacht. Vom OP her kenne ich es so, dass Anweisungen der Chirurgen an die Anästhesisten wie "5000IE Heparin" oder "2000IE Protamin" vom Anästhesist bestätigt werden und dann nochmal die Rückmeldung kommt wenns gegeben wurde. Ist ja nicht so dass das nicht auch schonmal schief gegangen ist. Als Richtung Ende der OP die Anweisung Heparin missverstanden und Protamin gegeben wurde und das die OP dann nochmal um knapp drei Stunden verlängert hat.
Ebenso wird es gemacht mit den Rückmeldungen ob die Sachen gezählt sind.
Und in der Notaufnahme verlange ich eine Rückmeldung wenn ich das Gefühl hab dass die Schwester mir grad nicht zu hundert Prozent zuhört.

Von daher hat sich für uns CRM für diese Zwecke gut bewährt. Aber da konzentriert man sich halt jeweils auf einen (Not)Fall und jeder ist da fokussiert, nicht auf den normalen Brass mit zig Patienten in ner ZNA.
Reanimation kann man ja auch schön üben. Mit klarer Aufgabenverteilung, klaren Anweisungen usw... danach Feedback etc.

Wir haben doch ganz andere Probleme: Sprachbarrieren teilweise schon zwischen Arzt und Pflegekraft (und ich hab nicht genauer geschrieben von welcher Seite her!). Wenn die Kommunikation hier schon nicht adäquat funktioniert, dann kann das nur zu Problemen führen. Dann fehlendes Wissen: wenn Arzt oder Pflegekraft einfach mal null weiß was zu tun ist. Und dann die Überforderung mit der Menge an Aufgaben...

John Silver
19.10.2019, 19:36
Ich hab „Ärztliches QM“ als Zusatzbezeichnung, und mein alter Chef hat jährlich den Kongress zum perioperativen Prozessmanagement ausgerichtet. Ich habe mich seeehr ausführlich mit Fehlermanagement, auch in der Luftfahrt, beschäftigt, und wisst ihr was? Das Gros aller Flugzeugabstürze etc. ist passiert, weil man versucht hat, Probleme nicht gut, sondern billig zu lösen. Klar, die Luftfahrt beschäftigt sich mit Fehlern, und sie sind ganz toll darin, aber wenn mal wieder irgendein Popoloch mehr ans Geld denkt, als an Sicherheit, passiert ein Absturz. Aktuell: siehe Boeing 737 MAX. Und deswegen gilt: Solange in unseren Krankenhäusern so eine Arbeitsdichte herrscht und die meisten Mitarbeiter dauernd unter Zeitdruck stehen und 3 Aufgaben gleichzeitig erledigen, braucht man weder CRM noch sonstige QM-Mechanismen. Um Qualität zu managen, muss erst ein gewisses Qualitätsniveau erreicht sein, insbesondere strukturell. Die Ergebnisqualität ist das Produkt aus Prozess- UND Strukturqualität. Und, nicht oder. Das Dumme ist, dass strukturelle Mängel, und dazu gehört mangelndes oder mangelhaftes (auch sprachlich) Personal, sich nur sehr bedingt bis gar nicht durch eine Optimierung der Prozesse kompensieren lassen. QM ist toll, aber auch dieses Pferd kann nicht von hinten aufgezäumt werden.

davo
19.10.2019, 19:47
Aber jetzt mal ganz radikal abstrahiert, unter Zuhilfenahme von Noten: Prozessqualität 2 und Strukturqualität 5 wird wahrscheinlich dennoch bessere Ergebnisse liefern als Prozessqualität 5 und Strukturqualität 5, oder? ;-)

Ich denke auch, dass ein stärkerer Fokus auf Prozessqualität dazu führen könnte, dass die strukturellen Mängel stärker aufgedeckt werden und somit mehr zum Thema werden, durchaus auch medial. Man muss öffentlichen Druck aufbauen, um in einem Feld, das so stark von den Interessen von Staat und Krankenkassen dominiert wird, etwas verändern zu können.

Relaxometrie
19.10.2019, 20:02
Solange in unseren Krankenhäusern so eine Arbeitsdichte herrscht und die meisten Mitarbeiter dauernd unter Zeitdruck stehen und 3 Aufgaben gleichzeitig erledigen, braucht man weder CRM noch sonstige QM-Mechanismen.
Das finde ich interessant. Denn ohne mich professionell mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben, ist wohl jedem, der direkt am Patienten arbeitet, klar, daß genau dieser Satz, den ich von Dir zitiert habe, ein Kernproblem ist.
Um wieviel Prozent müsste denn laut Aussage von denjenigen, die sich ausführlich mit dem Thema QM befassen, das Personal aufgestockt werden, damit man die Qualtität wirklich steigern, und Prozessoptimierung wirklich sinnvoll betreiben könnte?

anignu
19.10.2019, 20:29
Und deswegen gilt: Solange in unseren Krankenhäusern so eine Arbeitsdichte herrscht und die meisten Mitarbeiter dauernd unter Zeitdruck stehen und 3 Aufgaben gleichzeitig erledigen, braucht man weder CRM noch sonstige QM-Mechanismen.
Genau darauf will ich ja die ganze Zeit hinaus.

Um wieviel Prozent müsste denn laut Aussage von denjenigen, die sich ausführlich mit dem Thema QM befassen, das Personal aufgestockt werden, damit man die Qualtität wirklich steigern, und Prozessoptimierung wirklich sinnvoll betreiben könnte?
Um soviel Prozent, dass der Einzelne nicht ständig das Gefühl hat am Limit zu arbeiten und seine eigenen Anforderungen an den Job eh nicht zu erfüllen, sondern die Zeit hat über das Aktuelle hinauszudenken. Also Aufnahmebereit zu sein für sowas. Individuell kann man das nicht in Prozent messen, denn die Menschen selbst haben auch eine Standardverteilung in der Belastungsfähigkeit und damit wirst du nie alle erwischen. Aber deutlich mehr Personal wäre schon wichtig.
Letztlich ist es ja auch von Krankenhaus zu Krankenhaus und von Abteilung zu Abteilung verschieden. Wenn es so einfach wäre eine pauschale Prozentzahl aufzustellen, vielleicht hätte man das schon längst gemacht.

Relaxometrie
19.10.2019, 20:43
Daß man nicht sagen kann "Mit 27,8 % mehr Personal fühlt sich niemand mehr überlastet" ist schon klar. Aber diejenigen, die sich ausführlicher mit dem Thema befassen, können vermutlich schon eine Größenordnung nennen.

anignu
19.10.2019, 22:15
Ich könnte dir auf Anhieb Abteilungen nennen bei denen 0% reichen und welche bei denen mindestens 50% mehr Personal erforderlich sind. Insofern: nein. Keine Größenordnung. Zumindest nicht glaubwürdig.

John Silver
19.10.2019, 22:38
Mit Prozenten ist keine sinnvolle Rechnung möglich. Besser sind Quoten, beispielsweise mindestens 3 examinierte Schwestern pro Schicht auf einer 30-Betten-Station, oder maximal 6 Patienten pro Arzt in einer Schicht auf der ITS etc.

Die Rechnung mit „Prozesse 2 und Qualität 5 bla“ ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, weil in diesem Setting dennoch eine 5 am Ende steht. Sämtliche Prozesse bauen auf den vorhandenen Strukturen auf. Du kannst eine noch so schöne Verfahrensanweisung für die Frühvisite oder für das Entlassmanagement schreiben - wenn man nur 45 Minuten hat, um 32 Patienten zu visitieren, hat man einfach keine Zeit, um die schönen Anweisungen umzusetzen. Wenn die der Station zugeordneten Assistenzärzte den ganzen Tag in der Notaufnahme, in der OP-Sprechstunde oder im OP verbringen, werden Entlassungen schlecht vorbereitet, werden Gespräche mit Patienten und Angehörigen nicht oder schlecht geführt, werden wichtige Befunde zu spät gesehen etc. Wenn der zuständige Oberarzt den ganzen Tag zwischen OP, Endoskopie, Sprechstunde und Notaufnahme tingelt, kann er/sie die Arbeit der Stationsärzte nicht gut überwachen, und die Assis auch nicht gut ausbilden. Das sind nur wenige Beispiele für sehr viele ähnliche Probleme. Das kann man nicht mit Prozessmanagement kompensieren.

Im Wesentlichen werden die Möglichkeiten des Prozessmanagements sehr häufig fehlgedeutet. Man kann nicht einfach Strukturelemente streichen, um Geld einzusparen, und dann versuchen, die eingesparten strukturellen Elemente durch Prozessänderungen überflüssig zu machen. Damit wird regelmäßig, ich wiederhole mich, das Pferd von hinten aufgezäumt. Man kann Prozesse ändern, um damit VIELLEICHT bestimmte Strukturen überflüssig zu machen, um diese Strukturen danach einzusparen; in umgekehrter Reihenfolge geht die Rechnung jedoch garantiert nicht auf.

Wenn man nur eine recht spärliche Sammlung an Dekoration für den Weihnachtsbaum besitzt, und dann noch einen halbkahlen Baum kauft, ist es im Grunde egal, wie man den Schmuck aufhängt.

anignu
19.10.2019, 22:59
Meiner Meinung nach bedeutet dies, dass "QM" im Krankenhaus oft fehlgedeutet wird als nochmal neue Checklisten oder Arbeitsanweisungen oder Dokumentationspflichten. Mit der Folge dass eigentlich nichts besser wird sondern dass aufgrund der eh schon vorhandenen Überlastung einfach das Zeug sinnlos durchgekreuzt wird, Hauptsache man kann wieder weiterarbeiten... und das meine ich so ernst wie ich es schreibe. Da gibts Geschichten dazu, da kann man nur mit dem Kopf schütteln...

Kackbratze
20.10.2019, 14:38
QM wird genutzt um mehr Verantwortung von der Verwaltung in Richtung Ärzte zu verschieben.

Relaxometrie
20.10.2019, 15:43
Mit der Folge dass eigentlich nichts besser wird sondern dass aufgrund der eh schon vorhandenen Überlastung einfach das Zeug sinnlos durchgekreuzt wird, Hauptsache man kann wieder weiterarbeiten... und das meine ich so ernst wie ich es schreibe. Da gibts Geschichten dazu, da kann man nur mit dem Kopf schütteln...
Das sehe ich genau so und wäre an Deinen Beobachtungen dazu interessiert.

Pflaume
20.10.2019, 18:42
Beispiel aus der Inneren sind die Pneumonie-Fragebögen, die zur Qualitätssicherung (elektronisch) ausgefüllt werden müssen und vermutlich auch abrechnungsrelevant sind (sonst wäre das Controlling nicht so dahinter her gewesen). Ich habe persönlich keine Klinik erlebt, in der diese Bögen nicht zu fast 100% mit Fantasie-Werten bestückt worden sind. Teils im laufenen Betrieb, teils indem quartalsweise ein Dummer ausgesucht wurde, der dann ein bis zwei Tage lang nur damit beschäftigt war.

Habe dann ebenfalls selbst erlebt, wie genau die Ergebnisse dieser Pneumonie-Fragebögen dann mal von einem höheren Vertreter der GKV-Selbstverwaltung auf einer großen QM-Veranstaltung als glänzendes Beispiel dafür präsentiert wurden, wie Qualitätsmanagement die Behandlung von Patienten verbessert, da man sehen könne, wie manche Kliniken fast alle Qualitätskriterien erfüllen und andere fast keine davon, und wie im Lauf der Zeit die Erfüllung der Kriterien sich durch den Rückmeldezyklus erheblich verbessert habe.

In der Realität dürfte die konkrete Patientenversorgung unter den Bögen gelitten haben, da geschätzt eine ärztliche Arbeitswoche pro Jahr darauf verwendet wurde, Fantasiewerte in Tabellen einzutragen. Hätte man jeweils im laufenden Stationsbetrieb ehrlich alle Werte erhoben und eingetragen, wäre natürlich ein Vielfaches dieser Zeit aufgewendet worden. Ob eine solche ehrliche Erhebung die Qualität der Versorgung der Pneumonie-Patienten verbessert hätte, darüber gibt es vermutlich geteilte Meinungen. Bin nicht mehr in dem Bereich tätig und weiß somit nicht, ob die Fragebögen inzwischen abgeschafft worden sind oder weiterhin jedes Jahr hunderte Internisten bundesweit damit beschäftigt sind, erfundene Zahlenkolonnen in den PC einzutippen, um die Behandlungsqualität ihrer Pneumonie-Patienten nachzuweisen.

Miss_H
20.10.2019, 19:32
Habe das auch schon mitbekommen (in diesem Jahr), scheint es also noch zu geben und laut Kollege auch abrechnungsrelevant zu sein.

John Silver
20.10.2019, 19:58
Diese Bögen gibt es in diversen Fachrichtungen. Die haben jedoch mit QM wenig zu tun, denn es handelt sich lediglich um eine Dokumentationsmaßnahme. Vom Wiegen wird die Sau nicht fett.
QS und QM sind lediglich Instrumente, die nur dann nützlich sind, wenn Sie bestimmungsgemäß eingesetzt werden. Meist werden sie jedoch nur mißbraucht, sei es, um strukturelle Mängel zu kaschieren oder um bestimmte Zertifikate zu erhalten. Keinem der Verantwortlichen, seien es Kassen-, KV- oder Politikvertreter, geht es wirklich um Qualität, zumal diese gar nicht definiert ist. Das Gesabbel von Qualität, das man dauernd und allerorten hört, ist lediglich ein Feigenblatt, das die häßliche nackte Wahrheit verdecken soll, nämlich dass das System mit seinem Effizienzwahn und dem Bestreben, Maximalmedizin für alle, überall und sofort zum Schleuderpreis zu halten, seit Jahren nur noch durch maßlose Ausbeutung der Kliniker und Niedergelassenen funktioniert. Ginge es um Qualität, hätten wir schon längst entsprechende Personalquoten, kontrollierte Weiterbildung, gegenfinanzierte (!!) Zentrenbildung etc. Aber das kostet ja alles Geld, und das hamwa ja nich, also für 100.000 AOK-Angestellte schon, und für Homöopathie und sonstigen Quatsch auch, aber sonst nicht.

Feuerblick
21.10.2019, 05:48
Interessanterweise wird das Anfertigen irgendwelcher Fragebögen (jenseits von ggf. Patientenbefragungen) in QM-Kursen gar nicht gelehrt. Auch nicht das Anfertigen von XX Ordnern, in denen drölfzig Sinnlosprozesse zu finden sind und die, sobald die Zertifizierungstruppe wieder aus dem Haus ist, bis zum nächsten Jahr in irgendeiner Ecke verstauben. Das hat mit QM wenig zu tun und ist lediglich das Ergebnis irgendwelcher Zertifizierungswünsche, die aber selten zu mehr Qualität führen...

*milkakuh*
21.10.2019, 10:16
Habe das auch schon mitbekommen (in diesem Jahr), scheint es also noch zu geben und laut Kollege auch abrechnungsrelevant zu sein.

Habe ich auch mitbekommen und war geschockt darüber.

tarumo
21.10.2019, 15:06
Als Pilot arbeitet man Checklisten ab und überwacht verschiedene Parameter.

Zu dem immer wieder gerne gebrachten Vergleich Luftfahrt vs. Gesundheitswesen empfehle ich die Lektüre dieses Leserbriefes:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/197450/Qualitaetssicherung-Unzumutbare-Verhaeltnisse

Launige Anmerkung von mir: auf den Seminaren, die ich besucht habe, war vermutlich der referierende Lufthansa-Kapitän (zum Thema CRM etc.) der einzige, der das nicht irgendwie unentgeltlich und während seiner Freizeit da war...