Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Chirurgie - Traumberuf?
Jukka666
06.07.2020, 08:36
Meine Güte, Gelbe Klamotten lässt offensichtlich keine Gelegenheit aus, ihre Komplexe zu dem Thema zu bedienen.
Egal.
@TE: ich habe im Studium immer nur Chirurgie machen wollen, und deshalb auch viele Famulaturen und PJ gemacht und (eigentlich) genossen.
Ich habe dann auch über 1 Jahr als chir. Assistenzarzt gearbeitet und wirklich viel gearbeitet, aber auch viel operieren dürfen.
Irgendwann ist deren Weiterbildungsbefugnis ausgelaufen bzw. ich bin umgezogen und ich habe mich wegbeworben. Da ich meine Wunschstelle leider nicht bekommen habe, habe ich mich aus purer Neugier und weil meine Frau damals dort gearbeitet hatte, in der Anästhesie in der Uniklinik beworben.
Was soll ich sagen? Genommen, geblieben, glücklich. Wechsel sind also möglich und nicht alles was immer selbstverständlich erscheint, bleibt auch so.
Pro Chirurgie:
- das handwerkliche macht Spass, definitiv. Das vermisse ich nach wie vor. Es ist eine "heilende" Tätigkeit, zumindest im Prinzip. Und damit auch befriedigend. Der (chir.) Patient kommt nicht ins Krankenhaus, um sich ne Narkose verpassen zu lassen, sondern um operiert zu werden.
- Man hat in seinem Gebiet eine wirklich gute anatomische Vorstellung, wie das System läuft (Bauch/Gefäße/Knochen etc.). Man ist auch nicht mehr oder weniger "Fachidiot" als zB internistische Kollegen.
- Man wird im Notfall geschätzt und geliebt, wenn man die Kohlen aus dem Feuer holen kann.
- Notaufnahme ist auch ein schönes Beispiel: Nähen, reponieren, Thoraxdrainage, Schockräume. All das sind chir. Aufgaben.
Contra Chirurgie:
- die Zeit, die vergeht, bis man wirklich "Chirurg" ist, ist lang. zT seeehr lang. Das habe ich gemerkt, wie sehr mich das gestört hat im Nachgang: auch wenn ich in dem einen Jahr sicher 50 Blinddärme/Leistenbrüche/Gallen selbst operiert habe (anfangs unter Anleitung, dann "frei") und viele weitere OPs assistiert habe, dauert es sicher bis man 40 ist, bevor man wirklich WIRKLICH komplett alleine sein kann (je nach Fachgebiet variierend).
Das ist in der Anästhesie schon anders. Natürlich ist Anästhesie weniger diffizil vom handwerklichen her. Aber mit der Facharztreife beherrscht man sein Handwerk so ziemlich komplett und ist alleine dienstfähig (Spezielgebiete vielleicht ausgenommen).
Das sorgt dann wiederum für ein entspannteres Leben und macht auch selbstbewußter.
Fällt mir jedes Mal auf, wenn ich unsere frisch gebackenen Chir. Fachärzte im OP beobachte, die halt eben jetzt alleine da stehen und schon noch unsicher sind. Komplexe viszeralchir. OPs: keine Chance.
- Viel Bürokram und Papierzeugs. Bin ich verwöhnt.
- Stationsarbeit. Hab ich gemacht und streckenweise auch gemocht. Aber jetzt kann ich es mir nicht mehr vorstellen: Visiten, Blutabnehmen, quatschen und dann zwischen OP, Notaufnahme und Besprechungen hin und her flitzen, nervig.
Ich persönlich finde Chirurgie eins der schönsten Fächer, wenn nicht gar das schönste, es hapert m.E. im Feinschliff am Alltag. Aber das ist ja häufig so.
Dennoch: wenn man das Bedürfnis hat: einfach ausprobieren!
Aber auch das sind Allgemeinplätze. Ich hab jetzt 8 Jahre Chirurgie gemacht und bin noch nie angeschrien worden. Ich bin genau einem OA begegnet, der viele alte Klischees bediente und auch sonst ein A...loch war. Habe dann, auch wegen dem, die Klinik gewechselt und das wars, mit allen anderen Kollegen kommt man zurecht.
Ansonsten: was die anderen schon geschrieben haben- es kommt sehr auf die Abteilung und die Klinik an. Das Fach ist fast egal. Ich glaube nicht, dass bestimmte Fächer bestimmte Persönlichkeitstypen anziehen. Wenn man es dann schafft, als Team ein gutes Klima herzustellen (da darf man ja auch selbst gern dran mitarbeiten!) und die Arbeitsbedingungen zu einem passen, kann man es überall aushalten, meiner Meinung nach.
Ich wollte immer Innere machen, wahlweise Psychiatrie, und siehe da, das Chirurgie-Tertial war so cool, dass ich dann da hängen geblieben bin.
Chirurgie ist ein tolles Fach, weil man Pat. so schnell helfen kann (statt 1/20 profitiert in 30 Jahren von ASS 100) und das Handwerk/die OPs super seien können.
Chirurgen sind ein eigener Typ: sehr selbstsicher&selbstbewusst, wenig nachdenklich, arbeiten viel&lang, unkompliziert. Einfach Famulatur machen, PJ und dort beginnen zu arbeiten. Kann man sich an vielen WB anrechnen lassen, falls es dann doch nicht passt.
Und ja: Atmosphäre und OP in der Chirurgie können ortabhängig/Hausabhängig sein. Finde die Chirurgie an meinem alten Arbeitsort im Ruhrgebiet deutlich cooler & angehmer als hier, habe fachbedingt viel Kontakt mit anderen Fächern.
daCapo, das ist IMHO schon zu stark verallgemeinert.
In der Viszeralchirurgie hast du viele sehr kranke Patienten mit insgesamt schlechter Prognose. Es gibt nicht nur die akute Appendizitis oder die elektive Cholezystektomie. Die Operation ist zwar kurzfristig meist hilfreich, aber ein Jahr später sieht es dann oft nicht mehr so gut aus. (Für die Herzchirurgie oder die Gefäßchirurgie gilt das noch viel mehr.) Und ein guter Viszeralchirurg sollte natürlich auch über die konservative Therapie gut Bescheid wissen, sollte natürlich nicht ein hirnloser Haudrauf sein. Aber dass Chirurgen meist eher "Macher" sind, stimmt schon. Als Internist wartet man halt mal ab, als Chirurg macht man etwas. Das stimmt IMHO tatsächlich. Aber es gibt schon auch Leute, die in beiden Fächern gut sein könnten.
Dass es unter Chirurgen viele anstrengende Persönlichkeiten gibt, sehe ich schon auch so. Aber das ist in der interventionellen Kardiologie nicht anders.
Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Wenn es um die Arbeitsbelastung und um die Vereinbarkeit mit Familie und Privatleben geht, ist Chirurgie IMHO nicht (noch) mieser als Innere. Beide Fächer erfordern meist enorme Opfer. Natürlich gibt es zum Glück immer wieder Ausnahmen, aber ich kenn schon seeehr viele Internisten und Chirurgen, die eigentlich kaum ein Leben abseits der Medizin haben. Da gibt es eigentlich nur im Urlaub ein paar Wochen kurzer Lebensphasen, und dann geht es wieder zurück ins Arbeitslager.
Proxythromycin, wie weit bist du denn im Studium? Hast du schon erste Famulaturerfahrung sammeln können, oder ist das für dich alles bisher nur reine Theorie?
juke5489
06.07.2020, 19:21
chirurgie ist geil.
ich finde es sehr befriedigend am ende der op direkt eine klare verbesserung des anfangszustandes zu sehen.
ob das die rekonstruktion eines kaputten fingers nach kreissägenverletzung, die defektrekonstruktion bei einer akuten oder chronischen wunde, verbrennungs-ops oder was auch sonst immer sind.
mein fachbereich ist unheimlich vielseitig und es gibt jeden tag erhebliche abwechslung, sowohl im op, als auch auf station oder in der sprechstunde oder notaufnahme. langweilig ist nie.
chirurgie ist aber auch hart. ich arbeite in einem großen traumazentrum. wir kriegen rund um die uhr kleinere bis schwerste handverletzungen und schwere weichteilinfektionen (gasbrand, nekrotisierende fasziitis, phlegmonen und empyeme) und über unser verbrennungszentrum sind wir für verbrennungsverletzungen im umkreis von knapp 300km zuständig. solche dienste gehen bisweilen an die substanz.
in meinen letzten 8 diensten war ich jeweils bis weit nach mitternacht in der klinik.
dafür hab ich nachts allein operiert und dabei viel gelernt.
es ist auch hart, weil die stationsarbeit verdammt anstrengend ist. wir haben diverse schwerkranke patienten, internistische polytraumata mit komplexen rekonstruktiven anforderungen. hier heißt es den internistischen gesamtzustand genauso zu behandeln und zu optimieren wie die chirurgischen fragestellungen erfolgreich zu klären. das geht von komplexem gerinnungsmanagement über die behandlung schwerer nierenfunktionsstörung, nutritiver substitution, etc. natürlich mit entsprechender konsiliarischer unterstützung, aber ein entsprechendes internistisches wissen ist unabdingbar.
wichtig ist in der chirurgie eine gut abgestimmte und gut organisierte abteilung.
wo große operationen laufen, parallel die notaufnahme vollläuft und sprechstunden zu bedienen sind, ist eine entsprechende personaldecke wichtig. gleichzeitig muss gesetzt sein, dass der chef ein festes ausbildungskonezpt hat und über entsprechende rotationen sicherstellt, dass jeder assistent die unterschiedlichen stationen der eigenen klinik durchläuft.
für mich persönlich gibts zur chirurgie keine alternative. ich hab mich bisher keinen tag gelangweilt und nicht herausgefordert gefühlt.
lange arbeitszeiten gibts in jeder abteilung. im zweifelsfall ist das eher abteilungs- oder organisationsabhängig und weniger vom fach an sich.
ehem-user-21-08-2020-1502
06.07.2020, 20:06
Sind das eigene Erfahrungen oder stammt das aus dem Bergdoktor?
Das hab ich von Dr. Stefan Frank und Schwester Stefanie :)
Nein im ernst, es sind eigene Erfahrungen, da ich bei Blockpraktika, Famulaturen, und vereinzelt KPP mehrere Chirurgische Abteilungen gesehen habe und mit den Leuten täglich in Frühbesprechungen und Visiten zu tun hatte. Die Dinge mit Peergroup und gewisse Typen kamen von oberärztl. Seite. Und natürlich auch täglich 10 Stunden mit den Assistenzärzten zu tun hatte. Ich will die Chirurgie auf keinen Fall schlecht machen, das Fach ist spannend und faszinierend.
Jedoch habe ich es bislang in keinem Fach erlebt, dass peinlich darauf geachtet wurde, dass bei Visite nach Hierarchie das Zimmer betreten und verlassen wurde. In chir. Abteilungen mehrmals erlebt. Wurde von der Pflege als "Schaulaufen" bezeichnet, was es gut trifft. Daraus schließe ich, dass die Hierarchie in der Chirurgie oft ausgeprägter ist, als in anderen Fachbereichen, wo auch deutlich weniger ÜS gemacht werden. Ganz von der Hand zu weisen ist das Ganze ja nicht. Ton eher unfreundlich z.T. cholerisch.Ich kritisiere nicht das Fach, sondern die "Arbeitskultur" in diesem Fach.
Heerestorte
06.07.2020, 20:12
Das Video sagt alles :-))
https://www.youtube.com/watch?v=kChwo3kmGPo
Jedoch habe ich es bislang in keinem Fach erlebt, dass peinlich darauf geachtet wurde, dass bei Visite nach Hierarchie das Zimmer betreten und verlassen wurde. In chir. Abteilungen mehrmals erlebt. Wurde von der Pflege als "Schaulaufen" bezeichnet, was es gut trifft. Daraus schließe ich, dass die Hierarchie in der Chirurgie oft ausgeprägter ist, als in anderen Fachbereichen
Du schließt von einer Chefarztvisite auf die Arbeitskultur? Respekt. Dir ist aber schon klar, dass dieses "Schaulaufen" tatsächlich eine Show ist, die für den Patienten abgezogen wird der dafür auch extra bezahlt?
Glaubst du dass man das täglich für jeden dahergelaufenen gesetzlich Versicherten macht? Für die macht man Medizin. Für die Privaten Medizin + Show.
daCapo, das ist IMHO schon zu stark verallgemeinert.
Du schreibst von starken Verallgemeinerungen und danach kommen... starke Verallgemeinerungen?
In der Viszeralchirurgie hast du viele sehr kranke Patienten mit insgesamt schlechter Prognose. Es gibt nicht nur die akute Appendizitis oder die elektive Cholezystektomie. Die Operation ist zwar kurzfristig meist hilfreich, aber ein Jahr später sieht es dann oft nicht mehr so gut aus. (Für die Herzchirurgie oder die Gefäßchirurgie gilt das noch viel mehr.) Und ein guter Viszeralchirurg sollte natürlich auch über die konservative Therapie gut Bescheid wissen, sollte natürlich nicht ein hirnloser Haudrauf sein. Aber dass Chirurgen meist eher "Macher" sind, stimmt schon. Als Internist wartet man halt mal ab, als Chirurg macht man etwas. Das stimmt IMHO tatsächlich. Aber es gibt schon auch Leute, die in beiden Fächern gut sein könnten.
Viszeralchirurgie: klar hast du Pankreaskarzinome mit nicht idealer Prognose. Aber auch Kolonkarzinome ohne Metastasen die ... dann eine schlechte Prognose haben?
Gefäßchiururgie: auch bissl undifferenziert. Man hilft den Patienten tatsächlich und manchmal länger, manchmal kürzer.
Ich mein was willst du denn? Diese riesigen Lappenplastiken im Gesicht bei MKGlern bei ausgedehnten Karzinomen? Wär jetzt nicht meins, find ich aber technisch spannend und die Patienten mit dem Krebs im Gesicht elendig verrecken lassen ist auch grausam. Aber ist die Prognose so super?
Oder willst du lieber Internist sein? Die Kardiologen haben ja auch ausschließlich mit Hoffnungsträgern zu tun die sie dann zum 20. Mal stenten und medikamentös rekompensieren.
Oder Onkologie? Krebsmittel reinblasen damit es den Patienten so richtig dreckig geht sie aber zwei Wochen länger leben? Um mal völlig übertriebene Beispiele mit ziemlich beschränkten aber dafür maximalen Vorurteilen zu nennen.
Und kommt das der Realität nahe? Nein. In keinster Weise...
Nochmal zu Gefäßchirurgie: ja es gibt offensichtlich viel zu viele ärztliche Kollegen die meine gefäßchirurgischen Patienten einfach als "zu alt", "zu hoffnungslos", "zu anstrengend" und "zu frustrierend" abstempeln. Dann kommen diese ganzen Vorurteile von "Stinkefüße" und "Non-Compliance" dazu und schon hat man sich selbst ein Paket an teils falschen Vorurteilen zusammengesammelt um sich die Gefäßchirurgie gleich mal gar nicht anzuschauen weil "man weiß ja eh schon alles".
Für die Realität ist der Platz ein wenig kurz und ich will nicht seitenweise schreiben was an der Gefäßchirurgie toll ist. Aber wie das Legen einer Thoraxdrainage macht auch ein Übernähen eines Aneurysma spuriums wirklich Spaß. Oder Embolektomien. Oder Patchplastiken. Oder Bypässe. Oder EVARs... es macht Spaß wenn man was kann. Und auch Amputationen können helfen. Oder wenn man es geschafft hat eine monate- bis jahrelang bestehende Wunde zu zu bekommen. Die Patienten leiden darunter, teils extrem. Und man kann helfen.
Dass es unter Chirurgen viele anstrengende Persönlichkeiten gibt, sehe ich schon auch so. Aber das ist in der interventionellen Kardiologie nicht anders.
Und in der Anästhesie, und in der Radiologie, und ... ach einfach bei allen Medizinern.
Chirurgen sind ein eigener Typ: sehr selbstsicher&selbstbewusst, wenig nachdenklich, arbeiten viel&lang, unkompliziert.
Auch das ist viel zu viel verallgemeinernd. Wenn ich mir da manche Kollegen anderer Fachrichtungen anseh treffen viele Dinge auch auf die zu und dann doch wieder nicht.
Und von mir selbst kann ich sagen, dass ich viel nachdenke. Ich beschäftige mich mit mir, meinen OPs, den OP-Methoden und auch mit Komplikationen. Mit eigenen Komplikationen und den Komplikationen der Kollegen. In der Chirurgie gehören Komplikationen zur Arbeit dazu, das Ziel sollte aber immer sein diese möglichst zu reduzieren. Und daran sollte man stets arbeiten. Das geht aber nicht wenn man sich hinstellt nach dem Motto "ich hab keine Komplikationen".
Dass ein Chirurg nach außen oft selbstbewusst auftritt ist ein anderes Thema. Stell dir mal vor man geht zum Patient nach dem Motto "ich weiß jetzt nicht was ich tun soll, vielleicht sollten wir sie operieren, ich glaub wir machen das jetzt mal, im blödesten Fall werden sie sterben, bitte unterschreiben sie hier". Die Fälle werden vorher besprochen (oder der Chirurg entscheidet alleine) und der Patient bekommt einen Chirurg zu sehen der mit einer entsprechenden Überzeugung auftritt und dem Patienten erklärt warum genau diese und jene Therapie die der Chirurg jetzt vornehmen will das Beste für den Patienten ist. Aus dieser von extern beobachteten Überzeugungskraft auf "alle Chirurgen sind sehr selbstsicher und selbstbewusst" zu schließen ist schlicht nicht richtig.
Und unkompliziert sind meine Kollegen definitiv auch nicht ;-)
Und jetzt ist es doch zu lang geworden.
Proxythromycin
06.07.2020, 23:36
Erstmal Danke an euch alle für die Beiträge!
Ich bin jetzt im ersten PJ-Tertial, Dermatologie. Ich habe damals meine Famulaturen genutzt, um mir andere Fächer anzuschauen. Mir haben aber Radio und Anästhesie nur semi gefallen, Uro eher nicht so :/ Derma ist auch ganz okay, aber haut mich irgendwie nicht ganz vom Hocker... Chirurgie wird mein letztes Tertial, aber ich dachte, ich informiere mich jetzt schonmal.
Schonmal gut zu wissen, das mit der Inneren! Ich hatte auch bis jetzt den Eindruck, als würde man unterm Strich in jeden Fach viel arbeiten und dass es eher von der einzelnen Abteilung abhängt als vom Fach
ehem-user-21-08-2020-1502
07.07.2020, 00:31
Du schließt von einer Chefarztvisite auf die Arbeitskultur? Respekt. Dir ist aber schon klar, dass dieses "Schaulaufen" tatsächlich eine Show ist, die für den Patienten abgezogen wird der dafür auch extra bezahlt?
Glaubst du dass man das täglich für jeden dahergelaufenen gesetzlich Versicherten macht? Für die macht man Medizin. Für die Privaten Medizin + Show.
Das waren weder Privatstationen noch Zusatzversicherte, sondern ganz normale Kassenpatienten in z.T. 6-Bett-Zimmern. Was ich hier schreibe sind auch nur meine persönlichen Erfahrungen, die ich an mehreren Kliniken gemacht habe. Es scheint ja irgendeinen Grund zu geben, warum in der Chirurgie diese Schreitensordnung anscheinend stark vertreten ist. Natürlich kann das auch in anderen Fächern vorkommen, aber es ist MIR schon stark aufgefallen. Vielleicht arbeitest du ja in einer Klinik, wo das nicht Usus ist. Das der Chef die Arbeitskultur einer Abteilung in gewisser Weise beeinflusst ist nicht von der Hand zu weisen. Warum legen denn manche Leute Wert auf flache Hierarchien? Wer gibt den vor, wie stark die Hierarchie ausgeprägt ist? Doch der, der in der Hierarchie oben steht. Der Druck wird nach unten weitergegeben. Wenn das in deiner Abteilung nicht so ist, dann sei froh
cartablanca
07.07.2020, 00:53
Naja es gibt schon Studien, die besagen, dass sich unter Chirurgen die meisten Psychopathen finden. So ganz aus der Luft gegriffen sind diese Klischees nicht.
Kackbratze
07.07.2020, 05:29
Es gibt auch Studien, die besagen, dass Chirurgen am besten aussehen und es gibt den statistischen Nachweis, dass Fallschirmspringen ohne Fallschirm nicht tödlich ist und man es deswegen auch ohne machen kann.
Ich hab noch nie ein Schaulaufen erlebt und auch noch nie davon gehört. Wenn ich meinem früheren Chef die Tür aufgehalten hab, hat er mich als "die Dame" trotzdem zuerst vorgeschickt.
Außerdem ist das was anignu sagt, ein wichtiger Punkt und das betrifft aber meiner Meinung nach alle Ärzte. Alle Ärzte wollen dem Patenten helfen und du hilfst niemandem, wenn du selbst zweifelst. Also solltest du vor dem Patientengespräch nachdenken und dann einigermaßen selbstsicher auftreten. Das heißt nicht, dass man nicht mit dem Patienten dann eine andere Lösung entscheidet, sondern dass man einfach weiß, sicher weiß, was die Folgen von x oder y sind oder sein können. Selbst wenn du als kleiner Assi noch nichts weißt, musst du dann halt mit Bestimmtheit sagen "Frau Meier, bei Ihrem Befund gibt es verschiedene Möglichkeiten, ich spreche das kurz mit dem Oberarzt durch, er wird Sie auch noch einmal untersuchen und dann besprechen wir das gemeinsam."
WackenDoc
07.07.2020, 06:13
Das mit den "flachen Hierarchien" ist so eine Sache. Hab damit eher schlechte Erfahrungen gemacht. Oft ist das nur eine Show und Getue.
Ein respektvoller Umgang ohne plakatives Profilgehabe ist doch nicht das gleiche wie "flache Hierarchien". Genau so wenig, wie "steile Hierarchien" bedeuten, dass der Chef ein Choleriker ist und täglich in der Visite mindestens ein Assistenz gefaltet wird.
Ich bin in der O&U tätig. Für mich macht der handwerkliche Aspekt der Chirurgie und die Vielseitigkeit in O&U den Reiz aus. Dazu kommt dass man am Patienten mittels OP relevante Verbesserungen erzielen kann. Innere fand ich im Studium ziemlich frustran solange es in die Richtung Allgemeininnere mit sehr altem Patientengut ging. Dieser Teufelskreis aus temporärer Zustandsverbesserung, Entlassung, erneute Dekompensation/Verschlechterung ist einfach nicht meins. Daher wäre jetzt aber auch zB GCH nichts für mich (Obwohl die OPs zT ziemlich cool sind). Bzw für mich wäre es auch frustrierend wenn der Großteil meines Patientenguts incompliant ist. Das ist aber einfach Typsache. Und es gibt so viele chirurgische Fächer dass man da je nach Vorliebe etwas finden kann.
Bzgl Arbeitszeit und Worklife Balance ist nicht so einfach schwarz weiß. Aber man kann dass schon auch etwas steuern. Ein 9 to 5 Job wird es aber eher nicht. Und häufig ist es auch so je planbarer und geregelter die Arbeitsbedingungen desto "langweiliger" das Tätigkeitsfeld. Da muss man dann einfach den richtigen Kompromiss für sich selbst finden.
WackenDoc
07.07.2020, 11:36
Bevor alle von den ach so tollen "flachen Hierarchien" schwärmen sollte man sich mal überlegen, was das überhaupt bedeuten soll.
Und warum eine flache Hierarchie überhaupt so was tolles sein soll.
Ich glaube, das wird oft als "feel good"-Ausdruck verwendet um Personal zu gewinnen.
Schorsche
07.07.2020, 12:18
Flache Hierarchie (positiv): jedes Teammitglied wird respektiert, niemand muss Angst davor haben, ChefIn/LOA direkt anzuquatschen und/oder auch mal Widerworte zu geben und in eine kontroverse Diskussion einzusteigen. Es ist jedoch klar, wer die letzte Entscheidungsgewalt hat, und auch das muss respektiert werden. So bereits erlebt, ist mega. In der Chirurgie wahrscheinlich noch schwieriger umzusetzen als in internistischen Fächern.
Flache Hierarchie (negativ): jeder Hirnsch*ss eines jeden Teammitglieds wird in extenso diskutiert und damit jede professionelle Arbeit unmöglich gemacht. Von "oben" keinerlei Leitung oder klare Linie. Das nervt.
Feuerblick
07.07.2020, 12:32
Letzteres wird ja gerne als flache Hierarchie gepriesen. Ersteres hingegen funktioniert selbst dann super, wenn der Chefarzt aus der alten Generation kommt und eher autoritär drauf ist. Selbst wenn man dann in der Chefvisite noch „Schaulaufen“ übt. Das schließt sich nicht aus.
GelbeKlamotten
07.07.2020, 12:49
Letzteres wird ja gerne als flache Hierarchie gepriesen. Ersteres hingegen funktioniert selbst dann super, wenn der Chefarzt aus der alten Generation kommt und eher autoritär drauf ist. Selbst wenn man dann in der Chefvisite noch „Schaulaufen“ übt. Das schließt sich nicht aus.
Warst du schon mal an einer Uniklinik in einer chirurgischen Abteilung?
Da ist soweit ich das erlebt habe nix mit „den Chef mal eben direkt anquatschen“. Da wird wenn seine Hoheit sich auf Station begibt erst mal der rote Teppich ausgerollt und das einzige, was du ihm direkt sagen darfst ist „Ja, Herr Professor“, „Aber natürlich, Herr Professor“.
Wäre für mich nichts, das ist mit meinem Selbstverständnis nicht vereinbar.
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