Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : "Aber gestern beim Optiker hab ich doch alles gesehen"
habichnicht
22.01.2021, 18:31
Habt Ihr den Nahvisus oder den Fernvisus zuerst getestet?
Hat es was mit diesem ominösen ‚Refraktion‘ zu tun...??
habichnicht
22.01.2021, 18:35
Meine Vermutung: Er ist hyperop, kann aber (noch) so gut akkommodieren, dass er normalerweise für die Ferne noch keine Brille braucht. Also: Der bessere Fernvisus beim Optiker ist mit Hilfe von Akkomodation zustande gekommen, wenn der Optiker mit dem Fernvisus begonnen hat. . Beim Austesten der Werte für die Lesebrille hat die Akkommodation nachgelassen- der Ziliarmuskel hat sich entspannt - und der Fernvisuswert wurde schlechter.
WackenDoc
22.01.2021, 18:42
Wir machen immer erst den Fernvisus (ist auch der wichtigere Wert für uns).
BINGO: Also er ist hyperop/weitsichtig, aber nicht soo ausgeprägt, so dass seine Akkommodation bisher gereicht hat, das auszugleichen. Jetzt ist der gute Mann aber presbyop/alterssichtig geworden. Und irgendwann konnte er auch nicht mehr so akkommodieren, dass das für die Ferne gereicht hat.
DAS ist ein sehr häufiges Problem. Hier war das Spannende das mit dem "ich war aber gestern noch beim Optiker".
Der Optiker hat den Nahvisus mit der bestmöglichen Korrektur gemessen. Bestellt ist eine Lesebrille mit +3,5 dpt. WIR haben den Nahvisus mit der bisherigen Brille mit +1,5dpt gemessen.
Den Fernvisus hat der Optiker aus irgendeinem Grund gar nicht gemacht (vielleicht wegen Corona- Verkürzung des Kontakts).
Das "da konnte ich aber sehen wie ein Adler bezog sich nicht auf das, was ein Adler sehen sollte (Ferne), sondern Leseentfernung.
Da muss man in der Sprechstunde (und ich war alleine) erstmal rausfinden.
WackenDoc
22.01.2021, 18:45
So, es gibt einen relativ einfachen Trick den man bei der Konstellation nutzen kann, um herauszufinden, ob man auf der richtigen Spur ist.
Was könnte das sein. Also ihr habt jetzt die Idee. Patient ist nicht wirklich überzeugt "Frau Doktor, aber ich seh doch in der Ferne alles". Was könnte der Trick sein?
Feuerblick
22.01.2021, 18:47
Ich bin mir sicher, der Optiker hat zunächst Fernrefraktion und Fernvisus gemacht und dann die Nähe. ;-)
WackenDoc
22.01.2021, 18:50
Ich hab den Patienten/Probanden extra nochmal gefragt. In der Ferne sei nichts gemessen worden. Vielleicht ist der Teil Corona zum Opfer gefallen. Ich bin mir sicher, dass der Optiker sonst gleich noch eine Fernbrille oder gar Gleitsicht verkauft hätte.
Der genannte Trick hat bei uns nämlich wunderbar funktioniert (wie in 90% dieser Konstellationen)
habichnicht
22.01.2021, 18:52
Der genannte Trick hat bei uns nämlich wunderbar funktioniert (wie in 90% dieser Konstellationen) Welcher Trick?
Ich bin mir sicher, der Optiker hat zunächst Fernrefraktion und Fernvisus gemacht und dann die Nähe. ;-)
Definitiv und entspricht damit ja im Prinzip meiner Antwort ;-)
WackenDoc
22.01.2021, 18:57
Na den Trick müsst ihr noch erraten (bzw. nochmal kurz überlegen, was das Problem ist und was ihr zur Verfügung habt).
Also ihr könnt mit einem einfachen Trick herausfinden, ob eure Idee (nämlich dass er hyperop ist und jetzt die Akkommodation für die Ferne nicht mehr ganz reicht) richtig ist. Bzw. damit könnt ihr eurem Patienten zeigen, das eure Erklärungen und euer Gekritzel (ich mal das denen immer auf) stimmen.
habichnicht
22.01.2021, 19:05
Na den Trick müsst ihr noch erraten (bzw. nochmal kurz überlegen, was das Problem ist und was ihr zur Verfügung habt). Also ihr könnt mit einem einfachen Trick herausfinden, ob eure Idee (nämlich dass er hyperop ist und jetzt die Akkommodation für die Ferne nicht mehr ganz reicht) richtig ist. Bzw. damit könnt ihr eurem Patienten zeigen, das eure Erklärungen und euer Gekritzel (ich mal das denen immer auf) stimmen. Ihr könntet den Fernvisustest mit seiner 1,5-Dioptrien-Lesebrille wiederholen. Da müsste ein besserer Wert rauskommen.
Das war bei mir mit Ende 40 so. Da hab' ich festgestellt, dass ich mit meiner Computerbrlle, die eine oder 1,5 Dioptrien stärker als meine Fernbrille war, in der Ferne besser sehen konnte als mit meiner Fernbrille.
Inzwischen weiß ich, dass ich Jahrzehnte lang fast zwei Dioptrien durch Akkommodation ausgegleichen habe.
habichnicht
22.01.2021, 19:17
@Wacken: Was hab Ihr denn nun gemacht?
WackenDoc
22.01.2021, 19:20
Genau so funktioniert das. An dem Tag war leider die Zeit etwas knapp für einen neuen Sehtest.
Ich nehm dazu meist den Ausdruck vom Sehtest und häng den hinter mir an den alten Röntgenbildbetrachter (einfach weil ich das Blatt da gut einklemmen kann). Dann sag ich dem Probanden dass er sich das anschauen und den Seheindruck merken soll. Manchmal frag ich auch was davon er noch lesen kann. Dann bitte ich ihn die alte!/zu schwache Lesebrille aufzusetzen und frag ob es mehr oder weniger unscharf ist. Und siehe da- er konnte damit eigentlich alles lesen und es war deutlich schärfer.
Hab ihm geraten, die Brille erstmal auf zu lassen (funktioniert zu 90% nicht) und nochmal zum optiker zu gehen für ne Fernbrille.
Meinen Laien erklär ich es immer so: Als Weitsichtiger ist der Abstand Linse-Netzhaut zu kurz. Das Auge muss das anpassen und die Linse "dicker" machen um das auszugleichen "Voreinstellung". Um in der Nähe scharf sehen zu können, muss die Linse noch dicker werden. Wenn die Linse älter und steifer wird, funktioniert als erstes noch die "Voreinstellung" aber das zusätzlich nicht mehr. Leicht Hyperope haben auch als Schüler keine Brille (das frag ich meist mit ab, Myope fallen oft schon in der Schule auf) Diese Menschen brauchen schon früh eine Lesehilfe (So ca. Anfang 40.Normalsichtige eher Ende 40)
Irgendwann ist die Linse so steif, dass das auch mit der "Voreinstellung" auch nicht mehr reicht (Ende 40, Anfang 50).
Wir haben ja genug Augenschamanen hier, ich hoffe, das passt so halt (jahaaa ich weiss, ist grob vereinfacht- nur meine Schäflein brauchen ne kurze, einfache Erklärung).
Wenn man genauer nachfragt, findet man oft raus, dass das mit dem Autofahren bei schlechter Sicht doch schlechter/anstrengender geworden ist oder dass die Ehefrauen sich beschweren.
WackenDoc
22.01.2021, 19:23
Ich hab den einfach zum Optiker geschickt, dass der noch zusätzlich ne Fernbrille mit ca. 1,5dpt anpasst.
Und bitte- danke in der Konstellation keine Gleitsicht. Ich will dass die beim Autofahren optimal sehen und nicht vom Dach fallen. Gleitsicht macht komischen Seheindruck und viele kommen damit nicht klar. Später wenn das ständige Wechseln der Brillen nervt (und sie eine passende fürs Fahren haben) ist immer noch zeit für Gleitsicht.
Das ist mir zu pauschal ausgedrückt. Es gibt sehr viele, die in dieser Konstellation gut mit einer Gleitsichtbrille klarkommen. Zumal man den Blick aufs Armaturenbrett auch nicht vergessen darf. Die Entscheidung, welche Brillen Anpassung am sinnigsten ist, ist immer sehr subjektiv zu treffen. Erfahrungsgemäß kommen Myope besser mit der ersten klar, da sie das Brilletragen halt seit Jahren gewöhnt sind und der Umstand Brille an sich nicht mehr nervt. Klar, ist ein Dachdecker vielleicht auch erst mal im Beruf etwas unsicher ;-) Aber pauschal jedem Hyperopen von einer Gleitsichtbrille abzuraten, greift deutlich zu kurz.
WackenDoc
22.01.2021, 19:41
Dann hab ich mich ungünstig ausgedrückt. Das hat weniger mit den Hyperopen zu tun, sondern eher mit der ersten Brille oder der ersten Notwendigkeit einer Lesehilfe bei Myopen.
Ich hab viele, die einfach kreuzunglücklich sind weil der Seheindruck nicht passt. Und dafür haben die dann sehr viel Geld ausgegeben (das ist bei meinen Probanden ein nicht zu unterschätzender Faktor)- DAS wiederum macht auch auf Baustellen Probleme- die zerkratzen sehr schnell und verschleissen insgesamt recht schnell.
Viele kommen mit anderen Lösungen besser klar, zumindest für´s erste.
Feuerblick
22.01.2021, 19:48
Gleitsichtgläser verkratzen nicht schneller als andere Kunststoffgläser auch. Im Gegenteil: Eine Brille, die ständig auf der Nase ist, hat am Ende weniger Kratzer als die Fern- oder Lesebrille, die dauernd irgendwo rumliegt, ohne Etui in der Tasche steckt oder gar auf den Gläsern auf irgendeinem Tisch rumfliegt.
Ich kenne deutlich mehr Hyperope, die mit Gleitsicht gut zurechtkommen. Ja, klar, es ist ungünstig, wenn man schon mit über 2 dpt. Addition für die Nähe einsteigt. Aber es geht in aller Regel gut.
Und ich bleibe dabei: Es gibt keinen Optiker auf dieser Welt, der eine Nahbrille ohne Fernrefraktion bestimmt. Auch nicht bei Corona. Denn ich KANN in der Nähe z.B. keinen Zylinder-Feinabgleich machen. Damit wäre die Nahbrille schon bei einem kleinen Astigmatismus falsch bzw. nicht ideal korrigiert. Und der Kunde käme zeitnah wieder. Außerdem will jeder Optiker das Bestmögliche verkaufen. Der lässt sich im Leben nicht die Chance einer Fernbrille oder gar Gleitsichtbrille entgehen. Vielleicht wollte dein Proband einfach nix für die Ferne, weil er subjektiv für sich ja gut genug sieht. DAS ist übrigens der Klassiker.
Aber den Trick mit der Nahbrille für die Ferne kann man sich wirklich merken. Da kann man manchmal kleine Wunder wirken. :-)
Ach ja, der Kurzsichtige mit leichter Unterkorrektur für die Ferne profitiert übrigens davon, wenn er seine Brille näher ans Auge schiebt.
... Und der vollauageglichene davon, dass er die Brille weiter runter schiebt ;-)
Feuerblick
22.01.2021, 20:01
Da ich mich vor der Gleitsicht noch drücke... was meinst du, was ich mache, wenn ich in der Nähe was genau sehen will, aber zu faul bin, ganz nah ranzugehen :-))
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