Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Chronisch krank als Arzt
Thomas24
24.07.2021, 20:24
Die allermeisten Leute werden im Laufe ihres Lebens einmal ernsthaft krank oder werden chronisch krank. Da kanns nicht ernsthaft gewollt sein solche Leute einfach nirgendwo anstellen zu wollen - die Chance, dass man da selbst einmal dazu gehört ist einfach sehr hoch, und die Arbeitsbedingungen sollten halt an die Lebensrealität angepasst werden. Das liegt nicht in der persönlichen Verantwortung des Kranken.
Ich sag es mal so: wir leben und arbeiten nicht, im "wie -es -eigentlich- sein -sollte Land", sondern in einer "Ist so, komm -selber- klar Welt." Im "wie- es- eigentlich- sein- sollte Land" gibt es keine Diskriminierung aufgrund von Alter, Behinderung, Krankheiten, Geschlecht, Religion, Herkunft usw. pp. Im echten Leben schon, weil sich niemand außer deinen Freunden und deiner Familie für deine Probleme interessiert. Schon gar kein potentieller Arbeitgeber, für den du ein unbeschriebenes Blatt von der Uni bist, weil man dich bislang nicht kennt.
Die Welt kann für dich ganz anders aussehen, wenn du bereits im Team bekannt bist, und man dich kennen und schätzen gelernt hat. Wenn du erstmal Teil des Teams geworden bist, sind die meisten Kollegen sicher bereit, deinen Ausfall zu kompensieren und dich an Bord zu behalten, siehe Kandras Schilderung.
Und wenn man mal (länger) ausfällt, so what? In der Zeit in der man da ist, leistet man gute Arbeit.
Für die Tatsache, dass die Personalsituation auf Kante genäht ist, kann der Einzelne nichts und es gibt genug gesunde Kollegen die hin und wieder mal krank/"krank" sind.
Aber in deiner Situation als frische Uni- Absolventin, ohne jegliche Berufserfahrung, ohne Netzwerk, ohne wohlgesinnte Kollegen, die dich kennen und schätzen- und ohne sonstige Fürsprecher? Halt bloß die Klappe, bis du an Bord bist und schieß dich nicht selbst schon vor dem Jobeinstieg ins aus. Du konkurrierst um dieselbe Position mit anderen Absolventen, die sich nämlich bestimmt nicht mit "ich bin aber chronisch krank und es kann sein, dass ich daher nicht voll einsatzfähig sein werde, wollte das nur schonmal präventiv offenlegen" vorstellen werden.
Viel Erfolg!
ProximaCentauri
24.07.2021, 22:00
Bin mir gerade nicht sicher, ob du mich mit dem TS verwechselst - ich arbeite schon, und habe es auch immer so gehalten. Im Vorstellungsgespräch sage ich nichts, wenn der Vertrag steht und/oder man mit dem Arbeiten begonnen hat (beim letzten Job wars vorher nötig wegen Covid-Massnahmen), dann bin ich offen, weil ich keinen Bock habe, jeden Tag zu lügen.
Was ich mit dem Beitrag oben eigentlich sagen wollte: Die ganzen Leute, die eben keinen Bock haben, einzuspringen, sollten sich auch mal überlegen, ob sie denn in einem Team arbeiten möchten, bei dem sie auch Probleme bekommen würden, wenn sie plötzlich erkranken. Das ist dann halt im Umkehrschluss auch realistisch - entweder man hat eine supportive Arbeitsumgebung, oder halt nicht, und daran arbeitet man gerade als gesunde Person eben auch mit, und kann da etwas mitgestalten.
Aber in deiner Situation als frische Uni- Absolventin, ohne jegliche Berufserfahrung, ohne Netzwerk, ohne wohlgesinnte Kollegen, die dich kennen und schätzen- und ohne sonstige Fürsprecher? Halt bloß die Klappe, bis du an Bord bist und schieß dich nicht selbst schon vor dem Jobeinstieg ins aus. Du konkurrierst um dieselbe Position mit anderen Absolventen, die sich nämlich bestimmt nicht mit "ich bin aber chronisch krank und es kann sein, dass ich daher nicht voll einsatzfähig sein werde, wollte das nur schonmal präventiv offenlegen" vorstellen werden.
Viel Erfolg!
Ich hab halt da PJ und Famulatur gemacht wo ich später auch arbeiten wollte. Es war also vorher bekannt und hat offensichtlich niemanden gestört.
Feuerblick
24.07.2021, 22:44
Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob man dich aus Famulatur und PJ kennt und weiß, wie oft du ausfällst und wie du arbeitest oder ob du dich als fremder Bewerber vorstellst. Wenn man weiß, dass du deinen Job gut machst, ist alles prima. Aber bei einem fremden Bewerber weiß man halt nicht, was man sich einkauft.
Im Vorstellungsgespräch würde ich eine chronische Erkrankung nicht erwähnen. Ich finde, das gehört da (es sei denn, es ist offensichtlich erkennbar/eine wirklich relevante Behinderung) nicht unbedingt hin.
Später kann man so etwas thematisieren, wenn es sich ergibt. Aber ich finde, Arbeitskollegen müssen nicht alles über einen wissen. Klar, wenn man häufig ausfällt oder vielleicht einige Dinge nicht mehr ausführen darf, dann besteht irgendwo Erklärungsbedarf. Aber solange sich die chronische Krankheit in seltenen AU-Fällen und Arztbesuchen äußert - nee, dann geht das niemanden was an. So zumindest meine Meinung und so verfahre ich auch.
Thomas24
25.07.2021, 09:17
Bin mir gerade nicht sicher, ob du mich mit dem TS verwechselst - ich arbeite schon, und habe es auch immer so gehalten. Im Vorstellungsgespräch sage ich nichts, wenn der Vertrag steht und/oder man mit dem Arbeiten begonnen hat (beim letzten Job wars vorher nötig wegen Covid-Massnahmen), dann bin ich offen, weil ich keinen Bock habe, jeden Tag zu lügen.
Jup. Hab dich verwechselt.
Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob man dich aus Famulatur und PJ kennt und weiß, wie oft du ausfällst und wie du arbeitest oder ob du dich als fremder Bewerber vorstellst. Wenn man weiß, dass du deinen Job gut machst, ist alles prima. Aber bei einem fremden Bewerber weiß man halt nicht, was man sich einkauft.
Eben. Wenn man aus PJ, Famulatur, Diss etc. schon bekannt ist, ist man in den Augen des Teams und der Entscheider ja kein völlig unbeschriebenes Blatt mehr. Sobald man über PJ etc. schon "einen Fuß in der Tür" hat, existiert schon ein gewisses Maß an Goodwill Dir gegenüber. Man kann der Bewerbung ein konkretes Gesicht zuordnen, weiß ein bisschen was über deine Arbeitseinstellung usw.
Im Vorstellungsgespräch würde ich eine chronische Erkrankung nicht erwähnen. Ich finde, das gehört da (es sei denn, es ist offensichtlich erkennbar/eine wirklich relevante Behinderung) nicht unbedingt hin.
Später kann man so etwas thematisieren, wenn es sich ergibt. Aber ich finde, Arbeitskollegen müssen nicht alles über einen wissen. Klar, wenn man häufig ausfällt oder vielleicht einige Dinge nicht mehr ausführen darf, dann besteht irgendwo Erklärungsbedarf. Aber solange sich die chronische Krankheit in seltenen AU-Fällen und Arztbesuchen äußert - nee, dann geht das niemanden was an. So zumindest meine Meinung und so verfahre ich auch.
100% Zustimmung. Vielleicht ein Aspekt noch, der bislang in der Diskussion gar nicht erwähnt worden ist. Ihr geht alle von einem kooperativen und sich integer verhaltenden Arbeitsumfeld aus. Meines Erachtens etwas blauäugig, die Realität ist doch so: es gibt immer wieder mal Kollegoiden usw., die einem nur zu gerne in den Rücken stechen wollen, wenn es mal hart auf hart kommt. Es muss nichts ernstes sein, schon bei banalen Dingen, wie: wer bekommt zuerst Zugriff auf Eingriffe, begehrte Rotationen, wer wird Oberarzt, wer kommt in die Funktion und wer versauert in der Ambulanz etc. Es gibt es Menschen, die nur zu bereit sind, dich vor den sprichwörtlichen Bus zu werfen, wenn es ihren eigenen Interessen dient. Diese Lektion musste ich selbst lernen- und vielleicht muss jeder diese Erfahrung selbst einmal machen- denn als Mediziner sind wir ja anfällig für die Annahme, das Umfeld würde auch integer und in einem gewissen Umfang kooperativ und altruistisch handeln.
Man muss dieser Art von Leuten nicht noch freiwillig und ohne Not Informationen zukommen lassen, die dazu benutzt werden können, um euch zu schaden. Eure Kollegen sind weder eure Freunde, noch eure Familie- und nicht alle von Ihnen haben euer bestes Interesse im Sinn. Seid einfach sorgfältig mit der Art von Information, die ihr über euch (wem und wie) preisgeben möchtet, denn Tratsch und Gerüchte verbreiten sich schneller als Lichtgeschwindigkeit. Benutzt einfach ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand.
Ich stimme Thomas24 vollkommen zu und wäre mit solchen Informationen sehr zurückhaltend. Eine schwerwiegende chronische Krankheit ist aus AG-Sicht immer ein Minuspunkt. Das kann man vielleicht anderweitig ausgleichen, aber verschlechtert die Verhandlungsposition.
die Realität ist doch so: es gibt immer wieder mal Kollegoiden usw., die einem nur zu gerne in den Rücken stechen wollen, wenn es mal hart auf hart kommt. Es muss nichts ernstes sein, schon bei banalen Dingen, wie: wer bekommt zuerst Zugriff auf Eingriffe, begehrte Rotationen, wer wird Oberarzt, wer kommt in die Funktion und wer versauert in der Ambulanz etc. Es gibt es Menschen, die nur zu bereit sind, dich vor den sprichwörtlichen Bus zu werfen, wenn es ihren eigenen Interessen dient. Diese Lektion musste ich selbst lernen- und vielleicht muss jeder diese Erfahrung selbst einmal machen
Ich hab es auch auf die harte Tour gebraucht...
Spannend auch in dem Zusammenhang: es werden meist diejenigen gefragt ob sie einspringen die immer einspringen. Weil man so am Schnellsten zum Ziel kommt. Und dann ist die Enttäuschung natürlich groß. Diejenigen die eh nie einspringen werden von vornherein nicht gefragt und wenn sie gefragt werden ist die Erwartungshaltung auch niedrig. Sind auch so Dinge die man auf die harte Tour lernen muss. Aber das führt vom Thema weg.
Zum Thema kann ich auch nur den kürzlichen Vorrednern zustimmen: warum sollte man von sich aus sich hinstellen im Bewerbungsgespräch und sagen "ich bin krank, ich falle vielleicht regelmäßig aus usw..." Gibt ja keinen Grund. Wobei ich persönlich das auch nicht verheimlichen würde wenn danach gefragt wird. Wenn jemand schon was weiß oder vermutet und danach fragt dann würde ich auch nicht lügen. Ebenso wie ich persönlich es mit den Dingen sehe die man eigentlich nicht fragen sollte im Bewerbungsgespräch. Nicht vorsätzlich die Unwahrheit sagen aber auch nicht eine chronische Erkrankung als Mantra vor sich her tragen.
Endoplasmatisches Reticulum
26.07.2021, 08:23
Ich hab es auch auf die harte Tour gebraucht...
Ich auch. Traurig, aber wahr. Die Welt ist halt nicht kunderbunt.
Das Problem ist einfach auch, dass das Krankenhaus ein System ist, das kalkuliert knapp an der Schwelle der Überlastungsgrenze werkelt. Alle politischen, finanziellen und personellen Unzulänglichkeiten werden gnadenlos nach unten durchgereicht. Ich verstehe Krankheit, Kinderwunsch etc. selbstverständlich. Aber im Umkehrschluss ist es auch nicht mein Job, 365 Tage im Jahr persönliche Lebensfaktoren meiner Kollegen durch unbezahlte und ungedankte Mehrarbeit zusätzlich zur ohnehin absurden 50-60-Stunden-Woche zu kompensieren. Klar sollte es nicht so sein, dass bestimmte Bewerbergruppen benachteiligt sind. Ich kann es aber genau so niemandem nach den ersten Verbührungen in diesem Beruf verübeln, zum Eigenschutz maximal risikoavers zu werden. Das verüble ich im Umkehrschluss dann aber auch keinem Bewerber.
Ich wundere mich aber manchmal über Mediziner. Längstes Studium Deutschlands absolviert, Mitte bis Ende 20, eventuell durchpromoviert ... und scheitern dann an einfachsten Bewerbungs-Basics, die jeder 17jährige Azubi rauf und runter betet. Nein! Man gibt dem potentiellen Arbeitgeber selbstverständlich NICHT freiwillig Informationen, die gegen einen sprechen. Dass man überhaupt auf solche Ideen kommt.
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