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Evil
24.09.2021, 13:03
Naja, wenn Kollege med_in_1 nur eine einzige Helferin hat und die auch noch krank ist, muss er halt alles selber machen.

Ich leiste mir 2 volle Helferinnen und 1 für die halbe Zeit, damit habe ich durch Delegation und gute Praxisorganisation 40 - 50 Wochenstunden und komme trotzdem auf einen Praxisgewinn von rund 200k.
Und ich habe die Zeit, davon was auszugeben ;-)

Ok, aktuell ist es etwas stressiger, aber irgendwann wird auch Corona mal vorbei sein.

bipoka
24.09.2021, 13:49
- deine MFA ist krank und du stehst mit einer Warteschlange allein in der Praxis, die 2 Etagen tief ansteht?
- meine MFA war in Quarantäne (Ende März), das Geld hab ich bis heute nicht auf dem Konto
- mir wurde 1 Türe in der Praxis eingetreten - schonmal versucht einen Handwerker zu bekommen?
06:47 Einlesen der Chipkarten, Anlage Abrechnungsscheine & Doku Abstriche
06:54 Erstellung Medikationsplan nach Krankenhausentlassung
06:57 E-Mail an Mediatrixx – Schnittstelle geht nicht
07:01 Morgenbesprechung / Briefing an Team

20:00 Telefoninterview (bezahlt) für 1 Stunde
21:05 Aktualisierung Homepage

05:55 Hochfahren Praxis-Computer
06:04 Bestellung: Papier, Druckerpatronen, Kodan
06:11 Klärung Faxe aus Pflegeheimen

13:03 Letzter Patient – 68 Patienten, Telefonsprechstunde (12:00-13:00: nicht geschafft)
12:37 Einrichtung KIM und eAU

Mein Fazit: In der Klinik hab ich weniger verdient aber auch deutlich weniger gearbeitet...

Niemand hat gesagt, dass in der Praxis nicht gearbeitet wird, nur 7-9 Minuten bis der Praxis-PC hochfährt (-->neuer PC?), Schnittstelle kaputt (!), Bestellung Druckpatronen, Papier, Chipkarte einlesen, Abstriche oder Blutabnahmen: Das müsste eine MFA oder Verwaltungsangestellt machen oder sich drum kümmern. Dann noch ein bezahltes Telefoninterview?

Es steht ja auch Teambesprechung da, müsste also mehr als 1 geben. Einrichtung der eAU ist ja auch einmalig und Homepage muss man jetzt nicht jede Woche aktualisieren. Meine Empfehlung: Delegieren und Organisieren.
Jeder kann sich als freier Unternehmer so organisieren, wie er möchte. Vielleicht gibt es einen Haufen Schulden abzubezahlen und kein Geld für Personal? Oder jmd. mag gerne Verwaltungstätigkeiten schnell erledigen? Oder Personalmangel?

Meine bekannten Hausärzte haben mehrere MFAs (oder die Ehefrau), die diese ganzen Verwaltungssachen&Abrechnung übernehmen, sprich gut eingearbeitet sind. Und da schaut das ganze entspannter aus bei gutem Verdienst. Einer macht sogar einen Tag frei in der Woche. In meiner letzten Stadt habe ich einen neuen Hausarzt gesucht und wurde erstmal von 2 Praxen abgewiesen: Keine neuen Patienten.

Im Vergleich zur Klinik: Keine Notfälle. Wenn um 17:00 Uhr noch ne Aufnahme kommt und der geht es schlecht, dann muss man sich Kümmern in der Klinik: Labor, Röntgen, Therapie einleiten und kann das nicht einfach so liegen lassen wie Homepage aktualisieren (hat mein ehemaliger Chef übrigens 8 Jahre lang nicht mehr machen lassen und jetzt sehr halbherzig) oder Papier bestellen, Gutachten diktieren. Wenn ein Notfall in die Praxies kommt um 17 Uhr--> ins KH einweisen. Gutachten, Zeugnisse, Abrechnungen, Interviews, Briefe gibt's auch in der Klinik...das bleibt nur oft monatelang liegen.


Also meinen Chef habe ich noch nie selbst Abstriche machen, Chipkarten einlesen oder Druckerpatronen bestellen gesehen. Hab ihn auch noch nie vor 8:15 Uhr oder nach 18:30 Uhr in der Praxis gesehen. Mittags gehen wir regelmäßig auswärts essen. Geringverdiener ist er durch diesen obszönen Lifestyle auch nicht.

So kenn ich es auch. Leider kein mittags essen, dafür werden wir aber ab und zu eingeladen zum Essen und das MVZ ist dann nachmittags zu einem Freitag.


Das klingt sehr ungesund

Hmm. Man müsste umorganisieren und delegieren, ist auch eher nicht der "Normalfall". Ein Hausarzt ohne MFA...ist nicht unbedingt die Regel. Finde es aber besser als in der Klinik Rufbereitschaft 48h ganzes Wochenende und man muss dauernd in die Klinik fahren. Oder 24h Dienst und dauernd irgendwelche neuen Sachen, teils Notfall, teils banal.


Auch für die Patienten klingt das nicht sehr … angenehm.
Naja, wer weiß wie das gerechnet ist. Wenn davon 20 Patienten nur ihr Dauerrezept abholen mit oder ohne Arztkontakt und 30 möglicherweise eine AU bei banaler Erkältung o.ä., oder auch Wiedervorstellung nach Genesung.

med_in_1
24.09.2021, 16:36
So eine rege Diskussion wollte ich nun auch wieder nicht lostreten, dennoch einige Antworten: Ich habe zwischen 1.300 – 1.400 Scheinen. Unsere KV begrenzt zwar Scheinentwicklungen prinzipiell (10% Regel im Vergleich Vorjahr, durch Corona aber außer Kraft (soweit ich weiß)). Erwähnenswert ist aber, dass hier der PKV-Anteil <5% ist.
Sicherlich kommen manche Patienten nur 1x – die Regel ist das aber nicht (s.u.):
Tatsächlich sind die angegebenen Zahlen alle Kontakte aller Patienten an den Tagen. Einige Kontakte sind sehr kurz:
- Wunde bei Verbandswechsel gesehen, Dokumentation diktiert
- MFA bekommt kein Blut…
- Infektsprechstunde (hier in 2 Zimmern)

Effekt ist das Diktieren der Dokumentation und das Arbeiten in mehreren Zimmern.

Team:
Nunja, ich habe 1 MFA – wir beide sind zumindest in meinem Sprachgebrauch das Team. Wir sind uns einige, dass es besser läuft, wie vorher, als noch eine MFA zusätzlich da war (diese war unkalkulierbar krank, kam bspw. unangekündigt auch erst 09:30 Uhr, mit den Gedanken oft woanders etc.). Ich suche natürlich eine 2. MFA – trotz übertariflicher Bezahlung und anderen Boni: keine Bewerbungen (kenne ich so auch aus anderen Praxen, abwerben ist hier ungern gesehen).
Ich finde aber die Abrechnung extrem kleinteilig, es schleichen sich rasch Fehler ein, es ist viel zu bedenken, das würde ich, auch in Anbetracht mancher Strafverfahren wegen Abrechnungsbetrug, nicht aus der Hand geben. Schnell hat man mal vergessen eine Grippeimpfung abzurechnen – wenn man das zu oft vergisst, bleibt rechnerisch Impfstoff übrig – dann erhält man gern Fanpost der KV, Auch feine Unterschiede in der Geriatrie (inkl. Doku) und beim CheckUp traue ich oberflächlich einer MFA durchaus zu, die komplette tiefe des EBMs indes nicht.

PC/TI
Auch wenn das medial anders kommuniziert wird – mit jedem Systemupdate / Softwareupdate geht etwas anderes nicht. Das können banale Dinge sein, wie, dass z.B. zum Langzeit-EKG kein Protokoll mehr gedruckt (nach Sicherheitsupdate der Software dazu) wird, oder nervigere wie: Praxisprogramm-Update: gespeicherte Dokumente können nicht mehr geöffnet werden oder schon anstrengendere, wenn die Laufwerke im Praxisnetz ein rotes X haben (erst neulich beim Serverupdate passiert). Oder auch toll: Das BackupTool sichert die nach UpDate veränderten Datenbanken nicht mehr komplett.
Die TI: schnelles Internet haben wir nicht, die sehr teuren (Erstattung ja nur sehr unvollständig) Kartenterminals gehen in der Regel nicht, die meisten meiner Patienten dürften mit eRezept & Co nicht klarkommen und mit jeder Anwendung hab ich noch eine Störquelle mehr. Auch bei den IT Support ist es nicht so, dass die auf meinen Anruf warten, sondern es selbst kaum noch schaffen.
Aktuell jedenfalls belastet mich die Digitalisierung deutlich mehr, als sie entlastet.
Auch wenn es eine neuwertige EDV ist, durch diverse Programme, die nunmal nötig sind, ist bei jedem Update irgendwas. Den Eindruck, dass die TI einmalig ist, habe ich nicht – in dieser Woche hat die Konnektorkommunikation nie funktioniert. Inzwischen sammel ich aber solch kleine Fehler und maile dem IT Support gesammelt.
Delegieren: Nunja: Man kann 2500 Blatt A4 Papier für 30 Euro einkaufen oder für 14 Euro u.s.w., richtiges „dranbleiben“ – etc. klappt zumindest mit dem Personal, was ich bisher hatte nicht. Zum Thema Delegation empfehle ich Anlage 24 des Bundesmantelvertrag Ärzte – gerade was die „Überzeugung des Arztes von der Zuverlässigkeit und persönlichen Eignung“ angeht, stelle ich mir bei fachfremden Personal schwer vor – wie gesagt – die Klagehäufigkeit nimmt zu.

Bzgl. der Wochenarbeitszeit habe ich mir erlaubt die 12h Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit zu zählen, mein Arbeitsweg sind „nur“ 5 Minuten.

Die Gründe für meine Überfüllung ist auch, dass Dinge wie „Rahmenvertrag Entlassmanagement“ komischerweise von allen meinen Patienten laut Nachfragen an den Kliniken immer abgelehnt wird, sodass sich alle Patienten ohne Termine nach Entlassung direkt vorstellen. Trotz Verpflichtung einiger Facharztgruppen zur Durchführung von Akutsprechstunden – zumindest in meiner Region – bekommt man dort beinahe nie einen Patienten abgenommen (klar: auch das hat seine Gründe).
Abstriche selbst machen: Ich hatte es nicht nur einmal, dass bspw. eine Angina hinter dem Infekt stand etc – auch Krankenschreibungen etc. mache ich da naturgemäß selbst (= es ist ja meist nicht mit dem Abstrich getan).
„keine Notfälle“ – stimmt so nicht – Reanimationen hatten wir auch schon, genauso wie instabile TAA o.ä. (ok, ist sicher eher eine Ausnahme – aber so 2x in der Woche ist der Rettungsdienst schon da).
Nunja, je nachdem, wer so Gutachten in Auftrag gibt, sind das schon Terminsachen. Bei Anfragen aus dem Sozialgericht steht netterweise gleich drunter, was passiert, wenn das nicht fristgerecht eintrifft.
Neue Patienten nehme ich auch nicht auf (tut in meiner Stadt kein Hausarzt) – dennoch besteht bei einem Notfall (der ambulant ja anders definiert ist) Behandlungspflicht. Die Hürden für eine Abweisung liegen nach BMVÄ ja recht hoch – gerade ambulant gibt es ja auch weitausmehr wie unterlassene Hilfeleistung.
Die Ausstellung von Rezepten macht ja nicht immer einen persönlichen Arzt/Patientenkontakt erforderlich.

Salzi19
24.09.2021, 18:28
Das mit den ständigen Updates der praxissoftware finde ich auch ultra nervig, weil man dann schon mal den halben Tag nicht mehr vernünftig arbeiten kann, weil nichts mehr geht und alle erstmal am Fehler rumbastlen :-wow und vor der Umstellung auf eAU und eRezept graut es mir auch schon (obwohl wir das ja zum Glück nicht so oft brauchen). In diesem Fall sehe in der digitalisierung überhaupt keinen Vorteil in absehbarer Zeit :-nix

bipoka
24.09.2021, 18:40
Also es scheint dir fehlt es wirklich an geeignetem Personal. Unsere MFAs bestellen nur die Billig-Patronen und kaufen ebenso das billigste Papier (und den billigsten Kaffee). Am Anfang machen die natürlich alle Fehler/Müssen eingearbeitet werden.
Fehlendes schnelles Internet ist natürlich auch heutzutage eigentlich nicht mehr tragbar...

...die Notfälle wie kreislaufinstabiles Vorhofflimmern, die schwere Pneumonie, die schwere dekompensierte COPD (+-Pneumonie) oder dekom. Herzinsuffizenz kommen ja sehr schnell ins KH. Im KH darf man sich von A-Z drumkümmern.

bipoka
24.09.2021, 18:44
Das mit den ständigen Updates der praxissoftware finde ich auch ultra nervig, weil man dann schon mal den halben Tag nicht mehr vernünftig arbeiten kann, weil nichts mehr geht und alle erstmal am Fehler rumbastlen :-wow und vor der Umstellung auf eAU und eRezept graut es mir auch schon (obwohl wir das ja zum Glück nicht so oft brauchen). In diesem Fall sehe in der digitalisierung überhaupt keinen Vorteil in absehbarer Zeit :-nix

Ja das müsste die KV sich mal drumkümmern, das sowas reibungslos läuft. Anscheinend klappts hier nicht nach dem Motto der Markt machts. So hat auch noch jeder andere Software, die nicht miteinander zusammenarbeitet.
eAU und eRezept sind überfällig, man kann nicht alle Zeit in der Vergangenheit leben. Ebenso müsste man Zugriff auf den Entlassbrief haben aus dem KH.
eAU und eRezept müssen kommen. Vielen älteren Herrschaften graut es vor der Digitalisierung und dem Fortschritt, deshalb geht es hier in Deutschland auch so langsam, weil selbige älteren Herrschaften in den wichtigen Positionen verharren und bremsen, wo es nur geht. Die verstehen das auch garnicht, ihr Smartphone lassen sie sich von den Enkeln einrichten und von solchen Leuten erwartet man nun Digitalisierung, schnelles Internet usw.
Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren oder besser: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Wir kommen aber vom Thema ab. Wenn man animmt man hat gutes Personal, ist es meiner Ansicht nach im ambulanten Bereich durchaus angenehmer

Enni
24.09.2021, 21:31
.... vor der Umstellung auf eAU und eRezept graut es mir auch schon (obwohl wir das ja zum Glück nicht so oft brauchen). In diesem Fall sehe in der digitalisierung überhaupt keinen Vorteil in absehbarer Zeit :-nix

Ein bisschen off topic, eRezept und eAU ++ sind die besten Verbesserungen, die ich im IT Bereich erlebt habe. Ich arbeite seit >5 Jahren mit eRezept, eHilfsmittelverordnungen (eAU eher selten, was allerdings eher mit dem Klientel in der Kinderklinik zu tun hat) und diversen eFormularen. Nie, nie, nie wieder will ich ein Papierrezept schreiben müssen. Und auch die Patienten haben keine Probleme damit. Im Gegenteil, diese eRezepte können nämlich nicht mehr verloren gehen.

Krokodil97
24.09.2021, 22:22
Hier der TE..

Danke an alle für das Feedback. Vor allem an med_in_1 für den umfangreichen Beitrag.

Wie ich finde zeigt das Beispiel von med_in_1 jedoch überhaupt nicht, dass niedergelassene Ärzte ein hartes Leben haben. Viel mehr zeigt es, dass die Niederlassung eben doch ein Schlaraffenland sein kann. Klar sind die 90h Arbeitszeit pro Woche extrem hoch, so ist aber auch das Netto Gehalt von 15.000€ als Allgemeinarzt von welchem med_in_1 in einem anderen Thread berichtet. Niemand zwingt med_in_1 so viel zu arbeiten. Wenn med_in_1 seine Arbeitszeit reduzieren wollen würde, wären auch die von mir kolportierten 100k brutto bei 25h nicht unrealistisch. Erst recht wenn med_in_1 weitere MFA findet und nicht mehr so viel vergleichsweise einfache Arbeit selbst erledigen muss. Das ist meiner Meinung nach eine Work Life Balance wie sie kein andere Job bietet. Nicht zu vergessen dass jeder niedergelassene Arzt nach Belieben selbst entscheiden darf wie viel er arbeiten/verdienen will und so die für sich optimale Work Life Balance realisieren kann.

Lg

Krokodil

Evil
24.09.2021, 22:24
Ja das müsste die KV sich mal drumkümmern, das sowas reibungslos läuft. Anscheinend klappts hier nicht nach dem Motto der Markt machts. So hat auch noch jeder andere Software, die nicht miteinander zusammenarbeitet.
eAU und eRezept sind überfällig, man kann nicht alle Zeit in der Vergangenheit leben. Ebenso müsste man Zugriff auf den Entlassbrief haben aus dem KH.
Du hast keinerlei Erfahrung in der Niederlassung, oder?
Die KV ist für Abrechnungs- und Verwaltungsfragen zuständig und hat überhaupt nix mit der Technik zu tun.
Dafür ist die Gematik, und damit das Gesundheitsministerium, zuständig. Leider verbessern die die Situation nicht, sondern es kommen ständig neue realitätsferne und nicht funktionierende Vorgaben.
Mit Markt oder nicht Markt hat das auch so überhaupt nichts zu tun, das sind rein politische Vorgaben, wie sie eher typisch für sozialistische Planwirtschaft sind. Also quasi arbiträr.

Evil
24.09.2021, 22:29
Hier der TE..

Danke an alle für das Feedback. Vor allem an med_in_1 für den umfangreichen Beitrag.

Wie ich finde zeigt das Beispiel von med_in_1 jedoch überhaupt nicht, dass niedergelassene Ärzte ein hartes Leben haben. Viel mehr zeigt es, dass die Niederlassung eben doch ein Schlaraffenland sein kann. Klar sind die 90h Arbeitszeit pro Woche extrem hoch, so ist aber auch das Netto Gehalt von 15.000€ als Allgemeinarzt von welchem med_in_1 in einem anderen Thread berichtet. Niemand zwingt med_in_1 so viel zu arbeiten. Wenn med_in_1 seine Arbeitszeit reduzieren wollen würde, wären auch die von mir kolportierten 100k brutto bei 25h nicht unrealistisch. Erst recht wenn med_in_1 weitere MFA findet und nicht mehr so viel vergleichsweise einfache Arbeit selbst erledigen muss. Das ist meiner Meinung nach eine Work Life Balance wie sie kein andere Job bietet. Nicht zu vergessen dass jeder niedergelassene Arzt nach Belieben selbst entscheiden darf wie viel er arbeiten/verdienen will und so die für sich optimale Work Life Balance realisieren kann.

Lg

Krokodil
Danke für diesen Beitrag, in dem Du Deine persönliche Einschätzung bezüglich der paradiesischen Situation der Niedergelassenen in Deutschland kundgetan hast. Wenn ich mal noch mehr Details über meine Lage wissen will, werde ich mich vertrauensvoll an Dich wenden.

annekii
24.09.2021, 22:33
Ich finde die Niederlassung mein Schlaraffenland, weil ich mit meiner Kollegin (jede 0,5 Kassensitz) unsere Medizin leben kann und dafür genug Geld verdiene. Wir haben 3 MFA mit 30h + eine Schülerin, sodass Krankheitsvertretung und Urlaube auch immer abgedeckt sind. Wir sind im Jahresgewinn ähnlich wie Evil, teilen es aber durch 2 und arbeiten ca 35 h dafür. Und davon geht ja dann noch Steuer, Krankenkasse, Ärzteversorgung... ab. 70h wollte ich nicht arbeiten, daher weniger Geld, aber genug Zeit und eben eigene Medizin, die außer von den äußeren Bedingungen selbst gestaltet werden kann.

Krokodil97
24.09.2021, 22:41
@Evil ich habe nur den Beitrag von von med_in_1 eingeordnet. Du schreibst ja selbst von 40-50h pro Woche bei einem Reinertrag von 200k. Das ist doch nun mal eine tolle Work Life Balance. Und mir ist halt kein (normaler) Job bekannt, welcher eine vergleichbare Work Life Balance bietet. Gern lasse ich mich auch korrigieren.

hebdo
25.09.2021, 08:26
Als Selbstständiger allgemein kann man immer seine Arbeitszeit selbst einteilen. Der Vorteil bei Ärzten ist aber, dass man sich um den Absatz nicht kümmern muss. Die Leute rennen einen meist von alleine die Bude ein. Dafür schlägt man sich mit Verwaltungskram rum.

Nachdem ich jetzt seit fast 10 Jahren mit Chefs (Klinik und Praxis) über Arbeits-/Urlaubszeit, Arbeitnehmerrechte etc diskutieren und mir dabei die wildesten und dreistesten Fantasien anhören muss, komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass ich es nur mit mir als Chef aushalte - hoffe ich zumindest ;)

crossie
25.09.2021, 08:43
Als Selbstständiger allgemein kann man immer seine Arbeitszeit selbst einteilen. Der Vorteil bei Ärzten ist aber, dass man sich um den Absatz nicht kümmern muss. Die Leute rennen einen meist von alleine die Bude ein. Dafür schlägt man sich mit Verwaltungskram rum.


Was allerdings auch nur an dem Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage liegt. So wie bei den meisten Handwerkern auch aktuell. Man sollte bei der ganzen Diskussion auch immer nicht vergessen, dass es vermutlich keinen anderen Beruf gibt der eine mind. 11 jährige Ausbildung erfordert um sich selbständig machen zu dürfen.

Feuerblick
25.09.2021, 08:50
Ich glaube, alles über 35 Wochenstunden in einer Praxis (!) würde bei mir schon nicht mehr unter "tolle Work-Life-Balance" fallen. Egal, wie hoch das Schmerzensgeld dafür ist. :-nix
Für den TE scheint aber die Work-Life-Balance eigentlich nur darauf abzuzielen, möglichst viel Geld anzuhäufen. Sonst würde er 90 Stunden pro Woche nicht auch noch gut finden. Das ist ja eigentlich nicht der engere Wortsinn...

bipoka
25.09.2021, 09:43
Hier der TE..

Danke an alle für das Feedback. Vor allem an med_in_1 für den umfangreichen Beitrag.

Wie ich finde zeigt das Beispiel von med_in_1 jedoch überhaupt nicht, dass niedergelassene Ärzte ein hartes Leben haben. Viel mehr zeigt es, dass die Niederlassung eben doch ein Schlaraffenland sein kann. Klar sind die 90h Arbeitszeit pro Woche extrem hoch, so ist aber auch das Netto Gehalt von 15.000€ als Allgemeinarzt von welchem med_in_1 in einem anderen Thread berichtet. Niemand zwingt med_in_1 so viel zu arbeiten. Wenn med_in_1 seine Arbeitszeit reduzieren wollen würde, wären auch die von mir kolportierten 100k brutto bei 25h nicht unrealistisch. Erst recht wenn med_in_1 weitere MFA findet und nicht mehr so viel vergleichsweise einfache Arbeit selbst erledigen muss. Das ist meiner Meinung nach eine Work Life Balance wie sie kein andere Job bietet. Nicht zu vergessen dass jeder niedergelassene Arzt nach Belieben selbst entscheiden darf wie viel er arbeiten/verdienen will und so die für sich optimale Work Life Balance realisieren kann.

Lg

Krokodil

Es ist 100x besser als in der 0815 Klinik hierzulande und insofern gebe ich dir Recht: Eine Art des Schlaraffenlands

Aber: Erstmal 6 Jahre zu studieren, dann mind. 5 Jahre FA Ausbildung machen (oft länger).
Und überall gibt es nicht freie KV Sitze zum Selbstständig machen, da kann man auch unfreiwillig in etwas ländlicheren Regionen landen. Des weiteren sollte dir auch die Arbeit mit Patienten in der Grundversorgung, psychosom. Beschwerden und auch "einfachen" Anliegen (wie AU) /Verwaltungskram liegen.

Evil
25.09.2021, 11:07
Wer seine Einschätzung nur auf 40-50 Wochenstunden und 200K Gewinn gründet und das als Schlaraffenland bezeichnet, hat keinen Einblick und vereinfacht grob.
Es gibt zahlreiche Fallstricke, die einem Niedergelassenen das Leben schwer machen:
nicht leistungsgerechte sondern pauschalisierte Honorierung, Bürokratieaufwand (mindestens 30% der Arbeit), Zeitdruck, Verantwortungsdruck, Regressgefahr (das finanzielle Risiko ist nicht zu unterschätzen), Anspruchshaltung der Patienten, nicht funktionierende technische Vorgaben (z.B. ePa), teils widersprüchliche Verodnungsregelungen, ...

Das sind nicht alle Punkte, aber erstmal die Wichtigsten, die mir einfallen.
Alles in allem beklage ich mich nicht, für mich passt das Gesamtpaket ganz gut, aber bei diesem Verbesserungsbedarf kann man keinesfalls von paradiesischen Zuständen sprechen.

Feuerblick
25.09.2021, 11:17
Manche Leute sehen halt nur den finanziellen Gewinn und finden das paradiesisch. Dass Arbeitsbedingungen und Probleme (wie von dir geschildert) und auch der Patientendurchsatz nicht unbedingt paradiesisch sind, übersehen diejenigen, die nicht im Thema drin sind. :-nix

Bille11
25.09.2021, 11:27
Was man nicht vergessen darf…

In einem Krankenhaus kann man sich immer in einer Form der Opposition verhalten und fühlen. Es wird einem etliches abgenommen.
Als Selbstständige/r ist das nicht so einfach.

cartablanca
25.09.2021, 12:15
Du stellst Äpfel Birnenvergleiche an. Du müsstest einen selbstständigen Arzt mit einem Selbstständigen einer anderen Fachrichtung vergleichen. Ob das ein Gastronom, ein Handwerksmeister, ein Architekt oder ein Anwalt mit Kanzlei ist. Ich kenne solche Leute. Einer meiner Bekannten betreibt eine Pommesbudenkette arbeitet etwa 20 Stunden die Woche und verdient 10 Tausend netto. Er hatte BWL studiert und abgebrochen. Uch weiss nicht was du hier transportieren willst, aber dass man in keiner anderen Fachrichtung so viel verdient stimmt einfach nicht.